Siriska, 23. Februar 1893

Dichter Nebel bedeckte das Tal, als ich aus meinem Zelt trat; der Regen hatte zwar aufgehört, aber von den Bäumen träufelte es noch und alles schwamm im Wasser. An Tigerjagd war nicht zu denken, da die nur früh morgens mögliche Bestätigung eines Tigers durch den Nebel ausgeschlossen war.

Gegen 11 Uhr begann der Nebel endlich zu sinken, die Spitzen der Berge wurden sichtbar, der Himmel lächelte blau und die Sonne glänzte freundlich, so dass der Head-Schikäri eine Jagd mit Falken und Luchsen (Caracals) arrangieren konnte, die aber besser gemeint war, als sie tatsächlich ausfiel. Die Falken zeigten sich als ungeschickt und wenig abgerichtet, da sie auf die zahlreich aufstehenden Hühner nicht recht stoßen wollten, während die Caracals die Hasen, welche sie jagen sollten, wenig beachteten und nach einigen Sätzen zu ihren Herren zurückkehrten.

Inzwischen waren Sambars und Nilgaus bestätigt worden, die mich der Oberstjägermeister aufforderte, anzupürschen. Zu seinem größten Erstaunen überließ ich erstere Wurmbrand, letztere Kinsky. der damals, als wir die verpönten Nilgaus in Bhartpur geschossen, in heftigem Fieber gelegen war. Kinsky erbeutete auch nach langer Pürsche ein Nilgau und schweißte ein zweites stark an, während Wurmbrand leider unverrichteter Dinge heimkehrte.

Mit den anderen Herren führte ich eine große Durchstreifung des ganzen Tales aus, wobei wir alle kleinen Bodenerhebungen, alle Dschungel und Lehnen absuchten und in vier Stunden 80 Hühner und Sand grouse zur Strecke brachten. Prónay und ich schossen außerdem je einen Indischen Wüstenfuchs (Vulpes leucopus); auch ein Schakal fiel mir unter ungewöhnlichen Umständen zur Beute. Wir hörten lautes Bellen und Heulen von Schakalen und erblickten, über einen Hügel streifend, in der Ebene acht Schakale, die einer ranzigen Fee folgten. wobei sie ein Höllenkonzert aufführten, sich jagten und bissen, dass jeden Augenblick einige von ihnen übereinanderkollerten. Ich ließ unsere Treiberlinie halten und pürschte, wie es eben ging, vor, aber leider war die Ebene ohne gute Deckung, so dass ich nicht näher als auf 400 Schritte herankommen konnte. Clam und Prónay bemerkten dies, letzterer lief den Schakalen zu Fuß vor, während Clam auf einem Pony reitend mir dieselben zutrieb. Das Hauptrudel änderte leider die Direktion und passierte außer Schussweite; dagegen kamen zwei Schakale in voller Flucht, gefolgt von Clam, auf 100 Schritte an dem Stein vorüber, hinter dem ich mich notdürftig gedeckt hatte, so dass es mir gelang, einen Schakal mit der Kugel zu roulieren.

Wir waren noch im eifrigsten Jagen begriffen, als ein Schikäri meldete, es seien in den nächstgelegenen Vorbergen Tiger gesehen worden. Natürlich wurde alsbald das Feuer eingestellt. Wir galoppierten nach dem Lager, wo unserem Medicus Dr. Bem ein tragikomisches Missgeschick widerfuhr. Auch er hatte stolz ein Ross bestiegen: doch endigte dieses kühne Vorhaben sehr bald mit einer Berührung der Erde, wobei sein Pferd überdies boshaft genug war, ihn gerade über einer dichten Kaktushecke abzuschütteln, so dass er mit Stacheln bedeckt ins Zelt wankte. Daselbst sank er auf das Bett, ein Bild des Jammers, wehklagend, ein Dorn sei ihm in die Lunge gedrungen und eine schwere Krankheit, die ihn wochenlange ans Schmerzenslager fesseln werde, stehe bevor; ja selbst der Tod könne ihm hier, ferne von der Heimat, in der Wildnis nahen, wo keine teure Hand ihm das brechende Auge schließen würde. Tief ergriffen von solch düsteren Bildern und stöhnend lag der Ärmste da. Wir aber umstanden ihn voll Mitleid und doch wider Willen hellauflachend; denn in unverfälscht böhmisch-deutschem Akzent entrangen sich diese Seufzer und Klagen der gequälten Brust. Endlich waren durch den englischen Kollegen zwanzig große Stacheln aus dem Körper des tapferen Reiters entfernt, der nun frei und getröstet aufatmete, von Krankheit und Tod nichts mehr wissen wollte, sondern bald guter Dinge war. Nur hatte er, nach dem Grundsatz, dass, wer den Schaden hat, für den Spott nicht zu sorgen braucht, die Kosten der Unterhaltung während des Abends zu bestreiten.

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  • Ort:  Sariska, Indien
  • ANNO – am 23.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Komödie „Der Unterstaatssekretär“,  während das k.u.k. Hof-Operntheater wieder einmal „Die Rantzau“ aufführt.

Siriska, 22. Februar 1893

Schon den Abend zuvor hatte sich der Himmel getrübt, und in der Nacht begann Regen in Strömen niederzugehen. Die Umgebung der Zelte wurde tief durchweicht, doch hielten die Dächer unserer Behausungen zum Glück stand. Schlechte Aussichten für die Jagd, da der Tiger zwar bei solchem Wetter reißt, dann aber umherstreift, wogegen er bei warmem, sonnigem Wetter sich in der Nähe seines Opfers niedertut und von den Schikäris mit nahezu untrüglicher Sicherheit bestätigt werden kann. Vormittags ließ der Gussregen etwas nach; ich beschloss daher nach einer längeren Beratung mit dem Head-Schikäri und über dessen Anraten, da auf Tiger nichts unternommen werden konnte. zuerst auf Sambarhirsche zu pürschen und dann einen Trieb auf dieses Wild, sowie auf Schakale zu versuchen.

Alsbald brachen wir auf und strebten hoch zu Ross den nächstgelegenen Hügeln zu, wo uns ein Schikäri eilfertig entgegen kam, der einen Sambarhirsch bestätigt hatte. Alle Herren blieben zurück; ich allein pürschte mit dem Schikäri und Janaczek einen überaus steilen Bergrücken hinan, von dessen Grat aus der Schikäri nach der gegenüberliegenden Lehne auf einen angeblich starken Sambarhirsch deutete. Ich konnte diesen jedoch aller Bemühung ungeachtet durch längere Zeit nicht wahrnehmen, da er unbeweglich auf uns herüberäugte und sich durch seine braungelbliche Färbung von dem ihn umgebenden trockenen Gras gar nicht unterschied. Endlich ersah ich den Hirsch; der Schikäri wollte mich durchaus bewegen, sofort zu schießen, doch schien mir die Distanz — bei 400 Schritte — für einen sicheren Schuss zu groß. Da aber ein Anpürschen durch das zwischenliegende Tal nicht möglich war, so gab ich dem Drängen des Schikäri nach und schoss von dem einen Bergrücken auf den andern; der Hirsch zeichnete zu meiner besonderen Genugtuung gut auf Blattschuss, wurde flüchtig und verschwand auf der anderen Seite des Rückens. Mit großer Anstrengung kletterte ich über die Steine und das dornige Gestrüpp die eine Lehne herab, die andere hinan und fand am Anschuss Schweiß. Der Fährte folgend, sah ich den kranken Hirsch durch dichtes Gestrüpp ziehen und schoss noch einmal, fehlte jedoch in der Hitze des Gefechtes.

Die im Tal zurückgebliebenen Herren und die eingeborenen Jäger hatten nach dem Schuss den Hirsch ebenfalls krank flüchten gesehen, und nun ging es mit wildem Geschrei und Durcheinander hinter dem angeschossenen Stück her. Der Oberstjägermeister brüllte mit Stentorstimme Befehle von seinem Elephanten herab, die Schikäris wollten nach englischer Methode gleich nachlaufen, bis ich mich endlich, nach vielem Flehen und Schreien, mit den Leuten soweit verständigte, dass alle Eingeborenen sich von meinem Leibjäger in Ordnung anstellen ließen und, nachdem ich mit den Herren 1000 m vom Anschuss in der Lehne Posto gefasst, auf ein Signal gleichzeitig und regelrecht angingen. In der Tat kam der angeschossene Hirsch nach wenigen Minuten in Sicht und endete unter drei von mir und Wurmbrand abgegebenen Schüssen. Er war ein ausnehmend starkes Exemplar, anscheinend ein besonders rauflustiger Geselle, da er ganz verkämpft war und die Spuren davon an den Läufen, der Decke, sowie besonders an den völlig zerschnittenen Lauschern zeigte, so dass er, was ich lebhaft bedauerte, nicht einmal zum Ausstopfen geeignet erschien. Sehr schön waren die schmalen dunklen Grandln.

Während der Pürsche hatten die wartenden Herren im Tal sich die Zeit mit kindlichen Spielen wie „Blindekuh“, „Plumpsack“ u. dgl. m. gekürzt, zum besonderen Ergötzen des Oberstjägermeisters, der in eine Art Lachkrampf verfiel, vor Freude auf seinem Elephanten hin und her sprang und am liebsten mitgespielt hätte, wäre dies mit seiner Würde vereinbar gewesen.

Nun sollte ein Trieb versucht werden, doch kam abermals ein Schikäri mit der Meldung, dass in der Nähe noch ein Sambar bestätigt sei, worauf „Tisza“ mich zur Pürsche „befahl“ und die Herren auf die umliegenden Hügelspitzen verteilte. Ich keuchte, so schnell ich konnte. den steilen Hang hinan und musste, in einen kleinen Talkessel gelangt. unter ähnlichen, nur vielleicht noch ungünstigeren Umständen schießen wie das erste Mal, da der Hirsch spitz stand. Als ich ihn jedoch im Feuer geschossen hatte und das mächtige Tier, gefolgt von einer Lawine von Steinblöcken, mit Gepolter in die Tiefe stürzte, kam das ganze Corps der Schikäris laut jubelnd auf mich zu und beglückwünschte mich unter den drolligsten Kundgebungen der Freude. Befriedigt lächelnd empfing mich der Oberstjägermeister und ordnete den Weitermarsch an, der alsogleich auf den Elephanten angetreten wurde.

Auf einem steilen, steinigen Pfad zog die Karawane über ein Joch in ein langgestrecktes Tal, das mit hohem, trockenem Gras und dichten Dornen bedeckt war. Bei dem Abstieg über eine besonders schlechte Stelle, einen Felsabsatz, setzten sich die klugen Elephanten zuerst auf das Hinterteil, sprangen, auf den Rüssel gestützt, mit den Vorderfüßen hinab und zogen dann den Hinterleib nach.

Von den ausgesandten Schikäris kam die Meldung, dass sich leider keine Sambarhirsche in dem Tale befänden, weshalb wir beschlossen, ein besonders dichtes Dschungel an einer Berglehne abtreiben zu lassen. Wir stießen jedoch mit diesem Vorhaben auf den heftigen Widerstand Harnarains, der hievon nichts wissen, wohl aber ein Frühstück einnehmen und abermals Jäger ausschicken wollte, um allenfalls Sambarhirsche zu bestätigen. Gegen diesen Machtspruch war nicht aufzukommen und wir mussten uns fügen. Als die Ruhepause lange genug gewährt hatte, litt es uns nicht weiter; wir drangen in den Gewaltigen, der schließlich einen Trieb durch das Dschungel gestattete.

Wir verteilten uns rasch, Wurmbrand blieb am Ende des Dschungels, Clam und ich wollten die Höhe der Lehne erklimmen, um die nach oben gehenden Wechsel zu besetzen und einen Einblick in das Gewirre des Dschungels zu gewinnen: Prónay, Stockinger und Fairholme aber sollten mit den Treibern streifen. Das Erklimmen des Bergabhanges war jedoch leichter gesagt als getan; denn er war so steil und mit glatten Steinplatten und Felsblöcken besäet, dass wir nur als Ouadrupeden kriechend hinaufkommen konnten. Ich postierte mich an eine kleine Schlucht, die mir als Wechsel nach oben günstig erschien. Nach einiger Zeit begann der Trieb, wurde aber so schlecht geführt, dass wir kein Stück Wild zu Gesicht bekamen, da die tapferen Treiber wieder jede größere Dickung umgingen. Die Anwendung der kleinen Sammlung hindustanischer Kraftausdrücke, die ich mir bereits angeeignet hatte, fruchtete leider gar nichts, da der Jagdgewaltige kein Interesse mehr an den Tag legte und sich erst nach Beendigung des leeren Triebes, mit großer Seelenruhe und verschmitztem Lächeln nahend, wieder sehen ließ.
Solange noch Schusslicht andauerte, streiften wir in der Ebene beim Camp und brachten zahlreiche Hühner und Sand grouse zur Strecke. Wurmbrand hatte das Waidmannsheil, eine Gazelle zu erlegen.

Die im Lager verbliebenen Herren, darunter Kinsky, hatten nachmittags zu Pferd Schweine und Schakale gehetzt und einen Frischling gefangen, wobei auch Dr. v. Lorenz mitgeritten war, nicht ohne den sträflichen Leichtsinn mit zweimaliger Berührung der Mutter Erde büßen zu müssen.
Der Abend gehörte der Korrespondenz, da die Post den nächsten Tag abgehen sollte. Leider begann es neuerlich heftig zu regnen und strömte fast die ganze Nacht hindurch. Das Wetter verfolgt uns mit seinen Tücken; gerade jetzt, wo wir auf Tiger jagen wollen, müssen wir eine zweite Sintflut erleben!

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  • Ort:  Sariska, Indien
  • ANNO – am 22.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt Schillers „Jungfrau von Orleans“,  während das k.u.k. Hof-Operntheater Gounods „Margarethe (Faust)“ aufführt.

Siriska, 21. Februar 1893

Die erste Tigerjagd stand auf dem Programm. Schon gegen 9 Uhr morgens kam der den Titel „Head-Schikäri“ führende Oberstjägermeister von Alwar, Harnarain, ins Camp, um uns zu sagen, der Tiger hätte gerissen, wir sollten uns bereit halten und gegen 11 Uhr aufbrechen; er selbst ginge gleich voraus, um seine Vorbereitungen zu treffen und die Treiber anzustellen.

Von einem Elephanten einst bös abgeworfen, hinkt dieser Würdenträger, in dessen Erscheinung und Benehmen etwas von unwillkürlicher Komik liegt. Auffallend war uns an ihm die frappante Ähnlichkeit seiner Gesichtszüge mit jenen des früheren ungarischen Ministerpräsidenten, weshalb wir ihm den Beinamen „Tisza“ verliehen. Der Head-Schikäri ist mit allen, selbst mit dem Residenten Colonel Fraser, der die Leitung der Expedition übernommen hatte, sehr kurz angebunden, erteilt seine Befehle, schimpft gelegentlich tüchtig, ist aber in Jagdsachen im Staat Alwar eine sehr gewichtige Persönlichkeit, so dass man als Waidmann, namentlich der Tiger halber, zart mit ihm umgehen muss. Ich ließ mich ihm daher auch feierlichst vorstellen. Neben dem Amt des Oberstjägermeisters versieht er noch die Funktionen des Generalinspektors der Bewässerungen, der Forste und der Gärten. Die Wälder dürften ihm aber kaum zu großem Ruhm gereichen, da für Aufforstungen gar nichts geschieht und nur Dornen und verkrüppelte Hölzer dem Boden entsprießen, obschon dieser an manchen Orten zur Waldkultur sehr geeignet scheint.

Um 11 Uhr wurde unter großem Hailoh gestartet, eine Legion Schikäris mit Gewehren und Lanzen begleitete uns, die wir auf Elephanten auszogen. Am Beginn einer engen, sehr romantisch gelegenen Talschlucht wurde Halt gemacht, um das Zeichen des Head-Schikäris, der zu den Treibern geritten war, abzuwarten. Hier lagen die Überreste eines von einem Tiger gerissenen Büffelkalbes; Geier umkreisten das Aas oder saßen angekröpft auf den Bäumen.
Endlich, nach langem Warten zeigte sich auf der gegenüberliegenden Höhe jenseits der Talschlucht der Oberstjägermeister auf seinem Elephanten, und nun hieß es die Stände einnehmen. Der fast drei Viertelstunden erfordernde Weg durch die Talschlucht war zwar sehr pittoresk, aber auch beschwerlich; denn wir mussten uns jeden Schritt durch die dornigen Äste der Bäume, die an unsere Häudas schlugen, erkämpfen, so dass wir an den Händen blutig gerissen wurden. Erstaunlich war die Vorsicht, mit welcher die Elephanten vorwärts drangen und die Geschicklichkeit, mit welcher sie steile und schlechte Saumwege, ich möchte sagen „Gamssteige“, vollkommen sicher hinanstiegen. Die Häuda schwankt, hebt und senkt sich, aber der Elephant lässt sich durch nichts beirren, sondiert vor jedem Schritt mit dem Rüssel und dem Fuß und tritt dann erst fest auf; ist ein Stein oder Baum im Weg, so wird das Hindernis mit dem Rüssel beseitigt, an größere Bäume stemmt sich der Riese mit ganzer Kraft an, bis der Stamm bricht.

Wir umstellten in Form eines Halbkreises eine kesseiförmige, dicht bewachsene Nebenschlucht, in der ein Tiger hausen sollte. Ich hatte den höchsten Stand und kletterte, in wahrem Sinne des Wortes, mit meinem Elephanten die rechte Lehne der Talschlucht bis zur halben Höhe hinan, um guten Einblick in die Schlucht zu gewinnen. Daselbst machte ich Halt und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Einige Stellen waren von dem dichten Dorngebüsch freier geblieben und ich berechnete genau, wo und wie ich schießen würde, falls der Tiger erschiene. Der Trieb begann mit dem üblichen Geschrei, wobei die Treiber von der Höhe herabstiegen. Die abzutreibende Strecke war eine ganz geringe, aber aus Angst gingen die Treiber nur langsam, in Partien zu 30 bis 40 hintereinander auf den besten Wechseln vor, ohne sich in die Dickungen, in welche sie nur fortwährend Steine warfen, zu wagen, so dass der Trieb zwei Stunden erforderte. Ganz wie in Tandur! Übrigens war auch diesmal die Vorsicht der Treiber ganz überflüssig, da der Tiger nur durch seine Abwesenheit glänzte.

Zum ersten Mal sah ich hier Sambarhirsche oder Rusas (Cervus unicolor), und zwar einen geringen Gabler, ein Alttier mit Kalb und ein Schmaltier; sie gleichen unserem Hochwild, haben aber bei weitem nicht die schöne Statur und die stolze, edle Haltung unseres Königs der Wälder; besonders da der Sambarhirsch das Haupt beinahe immer gesenkt trägt und am Geweih, obwohl dasselbe bis zu 1,25 m Länge erreicht, nie mehr als sechs Enden aufsetzt.

Nach dem misslungenen Trieb kamen wir an einem kleinen, von Palmen umgebenen Weiher zusammen und ritten auf den Elephanten nach dem Camp, um die Schrotgewehre zu holen und noch einen Streif auf den umliegenden Hügeln zu unternehmen, der uns eine große Anzahl von Indischen Rebhühnern einbrachte.

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  • Ort:  Sariska, Indien
  • ANNO – am 21.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Krisen“,  während das k.u.k. Hof-Operntheater „Die lustigen Weiber von Windsor“ aufführt.

Alwar—Siriska, 20. Februar 1893

Für sieben Tage sollten wir ein 40 km von Alwar bei Siriska — einer durch das Vorkommen von Tigern bekannten, vor uns schon vom Herzog von Connaught besuchten Gegend — gelegenes Zeltlager, welches die Regierung von Alwar hatte errichten lassen, beziehen, um auf Tiger zu jagen. Der Morgen war schön und beizeiten standen wir bereit, den Marsch anzutreten; aber der Aufbruch verzögerte sich noch lange. Zuerst verlautete, wir sollten direkt bis ins Lager teils fahren, teils reiten, unterwegs nebenbei auf Hühner streifend, bis die Bagage Zeit hätte, vorauszukommen; doch lief bald die Nachricht ein, in der Nähe des einzuschlagenden Weges sei ein Tiger bestätigt worden, auf welchen unverzüglich Jagd gemacht werden würde.

Die Folge dieser wechselnden Pläne war eine heillose Verwirrung, ein arges Durcheinander, wie das in Indien fast bei jeder Jagdexpedition der Fall zu sein scheint. Hier vermochte ein Jäger die erforderlichen Gewehre nicht sofort zu finden; dort fehlten Patronen; da waren zu wenig Wagen; ein Herr schrie nach seinem Koffer, ein anderer nach dem photographischen Apparat. Endlich wurden wir flott und traten den Zug ins Lager zunächst in einem vierspännigen Gesellschaftswagen an, während die Jäger in anderen Wagen und die Bagage auf zvveirädrigen. mit Zebuochsen bespannten Karren folgten. Die berittene Leibgarde und ein ganzes Heer von Kamelen begleiteten uns im Trab, ohne anderen ersichtlichen Zweck, als jenen, sehr viel Staub aufzuwirbeln.

Die Gegend, die wir durcheilten, bot neue und, da wir so lange in der Ebene geweilt, willkommene Bilder; denn das schmale Tal ist von steilen, sehr steinigen Hügeln eingeschlossen, an denen spärliche Vegetation — verkrüppelte Bäume und dornige, undurchdringliche Gebüsche — bemerkbar ist. Die Landschaft erinnert hier an Palästina und Syrien: doch sind die Berge in diesen Ländern noch kahler als jene von Alwar. In mehreren Dörfern stand die gesamte Bevölkerung an der Straße und Männlein sowie Weiblein sangen zur Begrüßung unisono eine Art Choral, der übrigens nicht so unangenehm klang, wie die bisher vernommenen indischen Gesänge.

An einem reizenden Plätzchen wurde Halt gemacht, angeblich um Nachrichten über den angekündigten Tiger zu erwarten, in Wirklichkeit aber, um einem Frühstück zu fröhnen. Die Ruinen eines alten Tempels lugen unter dem Schatten riesiger Bäume hervor, ein dunkelgrüner Weiher erfreut das Auge, steile Lehnen ragen rechts und links empor. Der Haltplatz war auch das Rendezvous für sämtliche Jagdelephanten, die — 14 an der Zahl — schön ausgerichtet mit ihren Mahauts und Haudas dastanden, sowie für sämtliche Pferde und Tragkamele.

Da man uns erst in zwei Stunden nähere Nachrichten über Tiger in Aussicht gestellt hatte, so benützten wir die Zeit zu einer Streifung. die wir auf die umliegenden Felder, auf einen kleinen, aus dem Tal emporragenden Kegel und auf eine der steilen Felslehnen ausdehnten. Im Anfang ging alles gut; als wir aber in die Berglehne kamen. wurde das Gehen äußerst beschwerlich, da Felsplatten und Felsblöcke mit dornigem Gebüsch abwechselten. Auch hier hatte ich, wie in Dardschiling, den Mangel genagelter Schuhe sehr zu beklagen. Ganz unglaublich war die Menge der Pfauen, die fortwährend vor unseren Füßen aufstanden oder über unsere Köpfe strichen, aber wir durften leider keinen dieser Pfauen schießen, da dieselben als heilige Vögel erklärt sind, was wir Jäger als einen uns recht unbequemen Einfall der Hindus empfanden.

Hingegen erlegten wir eine Anzahl der kleinen, langlöffeligen Hasen, sowie Indische Rebhühner, Gemeine Wachteln, Papageien einer uns noch neuen Art (Palaeornis cyanocephala), einen reizenden Honigsauger (Arachnechthra asiatica) und mehrere schöngefärbte Fruchttauben (Crocopus chlorigaster). Leider führte ich einen Stutzen mit, den ich noch nicht versucht hatte, so dass ich, allerdings auf große Distanz, einen Caracal (Felis caracal), der an einem Felsrand flüchtig wurde, und ein gewaltiges Krokodil, das sich am Rand eines Tümpels behaglich sonnte, fehlte. Beide Tiere wären prächtige, für meine Sammlung sehr willkommene Beutestücke gewesen!

Bald traf auf dem Rastplatz die Meldung ein, der Tiger sei unsicher, es empfehle sich, den Weg ins Lager fortzusetzen. Einige Herren ritten, ich aber fuhr in einer altertümlichen Kutsche mit hohen, bogenförmigen Federn; bespannt war sie mit vier Pferden, auf welchen zwei alte, weißbärtige Hindus saßen, die ein Mixtum compositum von englischer und indischer Livree trugen. Das Tal wurde immer enger, die Gegend romantischer; wir durchquerten so manches, jetzt trocken liegende Wasserbett, in welchem während der Regenzeit wilde Fluten tosen. Allmählich wurden die Stöße und das Schwanken in der vorsintflutlichen Kutsche doch zu empfindlich; ich bestieg daher eine kleine arabische Stute und legte in schnellem Tempo die Strecke zurück, die uns noch vom Lager trennte.

War schon das Lager in Tandur großartig gewesen, so wurde es doch weit übertroffen von der Ausdehnung und dem Luxus des Lagers von Siriska, in welchem für unser leibliches Wohlergehen in verschwenderischester Weise gesorgt war. In grünender Umrahmung erhebt sich hier, weithin sich erstreckend und sorgsam angeordnet, eine wahre Leinwandstadt! 46 Zelte sind für mich, meine Suite und die anderen Herren und Funktionäre der Jagdgesellschaft, andere 41 Zelte für die Diener und das Küchenpersonal bestimmt; eine lange Zeltgasse, in deren Mitte meine Standarte auf einem künstlichen, mit Blumen geschmückten Hügel flattert, trennt die schneeweißen Herrenzelte; das Speisezelt mit einem nebenliegenden großen Salon bildet den Abschluss; hinter dem Speisezelte ragt wieder ein künstlicher Hügel empor, beschattet von einem großen Ficusbaum und umrahmt von Anlagen, Rasenplätzen, Blumenbeeten, Springbrunnen und Bassins mit Goldfischen. Den Rand der Beete bedecken aus farbigen Steinchen zusammengefügte Mosaikstreifen, welche Spruchbänder und Jagdszenen darstellen. Ich verfüge nebst dem Wohnzelt noch über einen Salon, in dem mit Gold geschmückte Decken und Möbel prangen, jeder der Herren über ein Zelt, das mit allem nur wünschenswerten Komfort — die Badekabinen nicht zu vergessen — ausgestattet ist. Wenn nur die Anzahl der Tiger, die uns zur Beute fallen sollen, im entsprechenden Verhältnisse zu der aufgewendeten Pracht steht!

Das Lager breitet sich mitten in einem großen, freundlichen Talkessel aus, der rings von steinigen Hügeln umgeben ist. In der Nähe des Hauptlagers berindet sich noch eine Reihe anderer Lager, deren jedes eine große Anzahl von Menschen und Tieren birgt und dem Beobachter manche neue Typen und Szenen zeigt. Da ist zunächst das Lager der Jagdelephanten, ihrer Mahauts und Wärter, wo nach vollbrachtem Tagewerk die großen Tiere gefüttert und dann, sich zu diesem Zweck oft niederlegend, von den Wärtern geputzt, gestriegelt und gewaschen werden. An dieses Lager schließt sich jenes der Treiber und Kamele, ferner das der berittenen Leibwache und der Pferde an; letztere stehen in vier Reihen angebunden und sind gegen die Launen des Wetters durch warme Decken geschützt. Den Schluss bildet der Wagenpark mit den zahlreichen Bagagewagen und den als Bespannung dienenden Zebuochsen.

Die Anzahl der Jäger, der Treiber, der Speer- und Lastträger, der Elephantenführer und Wärter, der Aufseher, der zum Aufstellen der Zelte bestimmten und jener Leute, welchen die verschiedenartigsten Dienste und Verrichtungen obliegen, erhebt sich zu der stattlichen Ziffer von 1793 Mann. 25 Elephanten, 148 Pferde und 39 Hunde stehen für Jagdzwecke zur Disposition. Der Train des Lagers umfasst 84 teils vier-, teils zweiräderige Wagen und Karren. Im Bereich des Lagers sind nicht weniger als 25 Buden aufgeschlagen, in welchen Handwerker ihrem Berufe obliegen und Krämer Waren aller Art feilbieten. Eine unter Kommando eines eingeborenen Offiziers stehende Abteilung von 40 Kavalleristen versieht den Nachrichten- und Postdienst, ein Detachement von 72 Infanteristen den Wachdienst.

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  • Ort:  Sariska, Indien
  • ANNO – am 20.02.1893 in Österreichs Presse. Zum Glück keine neuen Cholera-Fälle mehr in Ungarn.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Störefried“ anstatt „Verbot und Befehl“ wegen Unpässlichkeit von Frl. Schratt, bekanntlich Franz Josephs Mätresse,  während das k.u.k. Hof-Operntheater Donizettis Oper „Die Regimentstochter“ aufführt.

Alwar, 19. Februar 1893

Morgens 7 Uhr wurden wir mit der Meldung geweckt, dass wir demnächst in Alwar ankommen würden. Rasch war ich angekleidet und betrachtete vom Coupefenster aus die vollkommen veränderte Gegend — überall direkt aus der Ebene emporsteigende steile Hügel, die sehr steinig und nur von spärlicher Vegetation bedeckt waren; einzelne derselben zeigten scharf markierte Formen und Konturen. In den Feldern neben dem Bahnkörper stolzierten unzählige heilige Pfauen umher.

Der Staat Alwar, welchen ein von den Briten abhängiger Fürst beherrscht, gehört zu den Staaten Radschputanas, jenes umfangreichen, zwischen der Dschamna und dem Indus gelegenen Gebietes im Nordwesten Vorderindiens, welches bis zur Wüste Tharr, der „Indischen Sahara“, reichend, gerade an deren Rand die bedeutendste Entvvicklung aufweist. Unter den neunzehn, in sieben britische Agentien eingeteilten Schutzstaaten Radschputanas nenne ich als besonders bemerkenswert: Dschodpur (Jodhpore, Marwar), Dschaipur, Udaipur (Mewar), Bikanir, Dholpur, das uns schon bekannte Bhartpur und Alwar. Adschmir (Ajmere) ist bereits dem britischen Gebiet einverleibt.

Alwar, in wasserarmer Gegend am Fuß eines vom Fort Alwar gekrönten, 400 m hohen Felskegels gelegen und von einer zackigen Hügelkette gedeckt, ist zu Ende des verflossenen Jahrhunderts von Pratap Singh, — aus dem von Udaikaran von Dschaipur (1367 bis 1388) abstammenden Haus der Naruka — einem Vasallenfürsten des Maharadschas von Dschaipur, gegründet worden. Unbotmäßig und ehrgeizig wanderte Pratap Singh aus, verschanzte sich an der Stelle, wo heute Alwar steht, und gründete, nachdem ihm der Großmogul von Delhi einen Freibrief erteilt, den noch bestehenden Staat. Alwars Fürsten gehören zu den Emporkömmlingen und vermögen sich, wenn auch vornehmen Blutes, doch nicht auf so ehrwürdige Herrscherreihen zu berufen, wie zum Beispiel der Maharadscha von Dschodpur, welcher den Beginn seines Hauses angeblich bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. zurückzuleiten vermag, oder wie der Fürst von Udaipur, dessen Ahnen nachweisbar schon im 8. Jahrhundert n. Chr. regiert haben.

Die Staaten der Rajputana Agency stehen, wie gesagt, unter der Ägide Englands. Doch wird diese in milder, rücksichtsvoller und freundlicher Art ausgeübt, da die Fürsten der Radschputen (Königssöhne) im allgemeinen England sympathisch gegenüberstehen, und namentlich, weil ihr von kriegstüchtigen Mannen erfülltes Gebiet eine Schutzwehr wider Afghanistan bildet.

Der jetzt regierende Maharadscha von Alwar, Dschai Singh, der Sohn und Nachfolger Sawai Mangal Singhs (gestorben 1892), eines ebenso berühmten Reiters und Tigerjägers als tüchtigen Regenten und Soldaten — letztere Eigenschaft hatte ihm die Ernennung zum Obersten in der englischen Armee eingetragen — ist ein Radschpute aus dem „Sonnengeschlecht“ jenes Katschwaha-Stammes, welcher in Gwalior einen Königsthron gegründet hat, im Doab aber, das ist im Zwischenstromland des Ganges und der Dschamna, heute noch blüht.

Dschai Singh soll sich, wiewohl heute erst etwa zwölf Jahre zählend, nach dem Tod seines Vaters bei den großen Feierlichkeiten anlässlich seiner Thronbesteigung sehr würdig und höchst energisch benommen haben. Es herrscht hier nämlich die eigentümliche Sitte, dass der Herrscher bei der Thronbesteigung angesichts des versammelten Volkes auf einen Hasen schießen muss; trifft er ihn, so ist dies ein günstiges Vorzeichen für seine zukünftige Regierung, erfolgt jedoch ein Fehlschuss, so gilt dies als böses Omen. Bei jener orakelhaften Inauguration der Regierung wusste sich Dschai Singh ungeachtet der Befangenheit, die in einem solchen Fall begreiflicherweise einen Knaben dieses zarten Alters überfällt, so weit zu beherrschen, dass ihm der prophetische Meisterschuss gelang.

Auf dem Bahnhof von Alwar wurde ich von dem jugendlichen Helden dieser Episode, ferner von dem politischen Agenten Englands in Alwar, Colonel Fraser, der zugleich für die Dauer der Minderjährigkeit des Fürsten, im Verein mit dem aus einheimischen Würdenträgern zusammengesetzten Staatsrat die Verwaltung des Landes besorgt, sowie von den Mitgliedern des eben genannten Staatsrates festlich empfangen. Dschai Singh ist ein schmucker Junge mit intelligenten, offenen Gesichtszügen, dessen Erscheinung ich meines Erachtens am besten durch das heimatliche Wort „herzig“ charakterisiere.

Außerhalb des Bahnhofes hatten eine Ehrenkompanie riesiger Radschputen mit schwarzen Vollbärten und eine Escadron Kavallerie — die Mannschaften beider im roten Rock und Turban — neben einer Musikkapelle Aufstellung genommen. Die Radschputen waren gut ausgewählte Repräsentanten der kriegerischen, schön gewachsenen Männer des Landes, die noch vor kurzer Zeit Waffenkämpfe nach der Art unserer mittelalterlichen Turniere geführt, unter dem neuen anglo-indischen Reglement jedoch sich rasch als vorzügliche Truppe im modernen Sinn bewährt haben. Die Armee von Alwar zählt etwa 8000 Mann, die unter dem Kommando englischer Offiziere stehen.

Eine ganze Reihe prächtig geschmückter Staats-Elephanten mit reichem Geschirr, bunten Decken und vergoldeten Häudas war gleichfalls ausgerückt. Daneben standen eigentümliche Wagen aus dem Marstall des Maharadschas, eigentlich zweispännige Karren mit spitz zulaufenden, mit buntem Zeug belegten Dächern und Zebuochsen als Bespannung. Gegenüber paradierten prächtige Pferde, stark ausgebunden, mit schön frisierten Mähnen und Schweifen: meist Hengste aus dem naheliegenden Gestüt. Auch eine ganze Reihe von Hof-Schikäris, teils mit altertümlichen Lanzen, teils mit funkelnagelneuen englischen Rifles waren zur Erhöhung der Feierlichkeit aufmarschiert. Weiterhin stand ein ganzer Trupp Kamele, die, was ich zum ersten Male bemerkte, auf dem Höcker Kanonen oder eigentlich für starke Ladung bestimmte Trombons aufgeschnallt trugen, welche während unserer Fahrt abgefeuert wurden. Ein farbenbunter, lebhaft bewegter Aufzug mit echt indischem Glanz und Pomp!

Der würdige Erzbischof von Agra hatte, da es Sonntag war, die Freundlichkeit gehabt, einen Kapuziner abzuordnen, um uns in einer kleinen katholischen Kapelle die Messe zu lesen. Die Katholikengemeinde des Staates Alwar zählt nur elf Köpfe. Der gute Kapuziner hielt als ehemaliger Untertan Seiner Majestät des Kaisers — er ist im Venetianischen, noch zur Zeit der österreichischen Herrschaft geboren — nach dem Evangelium eine in schlichten Worten gehaltene. warm empfundene Ansprache, in welcher er unser Vaterland und unseren geliebten Monarchen dem Schutz des Allmächtigen empfahl. Ich muss gestehen, es ergriff mich tief, im fernen Indien, mitten unter Millionen von Hindus und Mohammedanern, in dieser nur wenige Quadratmeter messenden Kapelle einen Geistlichen meines Bekenntnisses für Seine Majestät beten zu hören.

Nach dem Gottesdienst fuhren wir zu dem von Banni Singh, dem dritten Herrscher von Alwar aus dem Haus der Naruka, gebauten Palast Banni Bilas, der uns zur Verfügung gestellt war. Dieses außerhalb der Stadt gelegene Gartenpalais macht von außen einen sehr imposanten Eindruck und weicht in angenehmer Weise von den sonst meist geschmacklosen Palastbauten der modernen indischen Epoche ab. Inmitten eines wohlgepflegten Parkes, zeichnet es sich durch harmonische Verschmelzung von verschiedenen Stilarten, sowie durch glückliche Anordnung der zahlreichen Veranden und Erker aus, welche das Gebäude anmutig beleben. Vor der Hauptfassade des Palastes liegt ein großes Marmorbassin, in dessen Mitte ein kioskartiger Marmorsöller aufstrebt. Die innere Einrichtung des Palais ist natürlich europäischen Charakters und dabei wenig geschmackvoll. Vom Balkon meines Zimmers aus hatte ich einen hübschen Blick auf die Baumkronen des Parkes und weiterhin auf die den Palast umsäumenden steinigen Berge mit ihren Ruinen und Forts.

Nach vielen Tagen schlechten Wetters hatte sich der Himmel endlich blau angetan und wärmend lachte die Sonne auf uns durchfrorene Erdensöhne herab. Da das offizielle Programm des Vormittages erschöpft war, benützte ich den Rest desselben, um Briefe in die Heimat zu schreiben. Gegen Mittag wurde mir dann auf dem freien Platz vor dem Palast eine Anzahl Pferde aus dem Marstalle des Maharadschas vorgeführt, Produkte indischer Zucht, und zwar Marwari und Kattywari, letztere beinahe ausschließlich Füchse mit Tigerstreifen an den Beinen und einem dunklen Aalstreifen am Rücken. Die Pferde sahen sehr gut aus, zeigten hübsche Figur, namentlich schöne Köpfe, und hatten gute, jedoch für den schweren Rumpf zu feine Füße. Ein Bereiter des Maharadschas, ein schwarzer Radschpute, ritt die Pferde vor und zeigte mit jedem ein anderes Kunststück der höheren Dressur; das eine piaffierte, das andere ging in Lancaden, das dritte auf den Hinterfüßen, ein viertes kniete nieder und dergleichen Scherze mehr.

Nachmittags stattete ich dem Maharadscha in dessen von den Engländern „The Royal Palace“ oder „The City Palace“ genannten Palast meinen Besuch ab.

Auch Alwar weist, wie jede der bisher gesehenen indischen Städte, Eigentümlichkeiten in der Anlage und Bauart, neue oder neuartig verwendete Motive bei der Ausschmückung der Bauwerke auf, wodurch die Stadt ein eigenartiges Gepräge gewinnt. Die Mannigfaltigkeit der Eindrücke, welche der Besucher von den verschiedenen Städten empfängt, bietet einen besonderen Reiz des indischen Städtebildes; ich möchte es dem Reize abwechslungsreicher Variationen desselben Themas vergleichen. Besonders in die Augen springend schien mir der von Scheodan Singh (f 1874), dem Sohn Banni Singhs, erbaute, nunmehr für des ersteren Witwen bestimmte Palast zu sein, welcher sich durch zahlreiche kleine An- und Vorbaue und Fenster mit zierlichen, wie in Elfenbein geschnitzten Ornamenten auszeichnet.

Der jugendliche Herrscher empfing mich umgeben von seinen Würdenträgern. In gewohnter Weise saßen wir einander durch einige Zeit auf reich mit Gold geschmückten Stühlen gegenüber, worauf mir der Maharadscha ein Exemplar der von Th. H. Hendley verfassten Monographie „Ulwar and its Art Treasures“ (London, W. Griggs 1888), dedizierte, eines Prachtwerkes, welches in vortrefflichen, zum Teil farbigen Reproduktionen unter anderem auch die kostbarsten Stücke der Waffenkammer, der Bibliothek und des Schatzhauses von Alwar darstellt.

Durch den Residenten aufgefordert, zeigte mir der Maharadscha die Waffensammlung, wobei ein alter Kustos die einzelnen Stücke in sehr komischer Weise demonstrierte, indem er dieselben nicht nur selbst anlegte, sondern so gerüstet auch operettenhafte Kampfesposen annahm. Wir sahen hier prachtvolle Schwerter mit wertvollen Klingen und goldbesetzten Griffen, deren eines 20.000 Rupien gekostet hatte, sowie kleinere Jagdmesser, Dolche und Panzerhemden.

Den weitaus größten Schatz des Palastes bilden aber die alten Manuskripte der Bibliothek, die unterhalb der Schriftzeichen feinen Goldgrund aufweisen und gleich unseren alten Bibeln die herrlichsten Miniaturmalereien enthalten. Letztere sind von einer Zartheit der Ausführung, sowie einer Frische des Kolorits, wie man sie nur in den besten Handschriften unseres Mittelalters finden kann. Ja, ich möchte jene in gewisser Beziehung höher stellen als diese, da die Perspektive eine viel gelungenere, die Auffassung eine tiefere ist als bei unseren Kunstwerken der bezeichneten Epoche. Mit besonderem Vergnügen besah ich diese zahlreichen Bilder, die meist Szenen aus der Göttersage oder dem Leben früherer Maharadschas, deren Feste und vorzüglich Jagden, Schlachten und Feldzüge darstellen. Das kostbarste Stück der ganzen Sammlung, eine 1848 vollendete Abschrift des „Gulistan“ („der Rosengarten“, eines der beiden Hauptwerke des persischen Dichters Sadi, aus dem 13. Jahrhundert), deren Herstellungskosten mehr als 120.000 fl. ö. W. betragen haben sollen, wird zum Teil der Kunstfertigkeit eines Deutschen zugeschrieben.

Dass unter Umständen europäischer Einfluss auch verwirrend auf den Schönheitssinn der Eingeborenen wirkt, konnte ich in der Schatzkammer beobachten, wo die Kustoden als hervorragendstes Kunstwerk eine Uhr im Empire-Stil, ähnlich jenen, die in Genf erzeugt werden, anführten. Dieselbe enthielt einen singenden Kolibri und stand auf silbernem Tisch, über den herab sich Fluten imitierten Wassers, künstliche Fische bergend, ergossen — eine scheußliche Spielerei.

Nicht viel besser ist es mit dem bildnerischen und ornamentalen Schmuck der Palasträume bestellt. Während einige Wände mit sehr bemerkenswerten Porträts der Maharadschas geschmückt sind, findet sich daneben europäische Dutzendware. Im ersten Stock des Palais wird mit Stolz ein Gemach gezeigt, das mit kleinen Spiegelplatten und mosaikartig gemalter Ornamentik bedeckt ist; trotz des geringen Umfanges desselben hat die Ausschmückung dreißigjähriger Arbeit bedurft. An der künstlerischen Ausgestaltung eines anderen Raumes
wird schon seit zwölf Jahren gearbeitet, ohne dass die Beendigung der Arbeit abzusehen wäre; ja auch während der Besichtigung schabten und pinselten einige Künstler an dem Meisterwerk. Bei der Arbeitsscheu der Hindus können übrigens derartige langsame Arbeitsfortschritte nicht Wunder nehmen, und ist das Kunstwerk endlich fertig, so lobt es nicht einmal seine Meister; denn der Effekt ist nichts weniger als schön und kann höchstens als gesucht auffallend bezeichnet werden.

Welch angenehmer Kontrast zu diesen schillernden, gekünstelten Werken in dem Blick von der Plattform des Palastes auf dessen Umrahmung! Unter uns der Teich Pratap Singhs, mit breiten, zum Wasserspiegel führenden Treppen und zehn im Wasser auf Säulen emporstrebenden, mit den Uferterrassen durch Stege verbundenen Kiosken; linkerhand vom Palaste, an der Südseite des Wasserbeckens, das zierliche Mausoleum Bakhtawar Singhs (gestorben 1815); im Westen Wischnu-Tempel, an die Felswände des Burgberges gelehnt wie die von Bäumen beschatteten, kleinen Heiligtümer der Nordseite; als Abschluss des reizenden Architekturbildes die Festungsmauern und die weiß leuchtenden Türme des Burgberges. Steile Berglehnen, mit Felspartien und mächtigen Steinblöcken im Hintergrund und darüber der tiefblaue Himmel vereinigen sich mit all diesen Bauwerken zu einer ebenso neuartigen, als anziehenden Szenerie. Leider durften wir den Blick auf den Palast selbst und die Stadt nicht genießen, da die hiezu erbaute Plattform auch in die Frauengemächer Einsicht gewährt.

Der Maharadscha begleitete mich zu Wagen in das Gestüt, ein großes, hofartiges Gebäude, woselbst mehrere hundert Hengste und Stuten, größtenteils im Freien, gehalten werden. Die Tiere sind an beiden Hinterfüßen mit Stricken gekoppelt, eine in Indien allgemein herrschende Sitte, aus welcher sich die häufigen Strickwunden an den Fesseln und hievon herrührende Krankheiten, wie Igelfuß, Mauken u. dgl. m. erklären. Unter den Gestütspferden sind alle möglichen Rassen vertreten, vom edelsten Araber bis zum gemeinsten Gaul, doch werden als Vaterpferde meist nur Araber und Kattyvvari verwendet. Die Mutterstuten sind aber durchwegs einheimischer Zucht, Landschlag.

Anlässlich der Besichtigung des Gestütes wurden uns Tierkämpfe aller Art vorgeführt, eine Lieblingsunterhaltung der Radschputen. Rebhühner, Hähne, Widder, welch letztere, ausgesucht starke und bösartige Tiere, mit Erbitterung fochten, und Black-bucks kämpften der Reihe nach. Sogar Wachteln mussten antreten und erwiesen sich als die besten Streiter, da die Hähne, nachdem sie durch den Anblick einer in einem Käfig verwahrten Henne gereizt waren, hitzig auf einander losfuhren und sich Schnabelhiebe versetzten, dass die Federn stoben. Die Piece de resistance war jedoch ein Kampf zweier Büffelstiere, die sofort mit blinder Wut zum Angriffe übergingen und sich mit den starken, krummen Hörnern zu durchbohren suchten. Einer der Kämpfer war bald verwundet und blutete stark, was den Zorn beider nur noch mehr reizte. Im entscheidenden Moment wurden die Tiere durch die Wächter getrennt, so dass der Kampf unentschieden blieb. Sehr anmutig war, als Schluss des blutigen Schauspieles, die Produktion dressierter Papageien, die in der Tat Erstaunliches leisteten; denn der eine dieser klugen Vögel turnte wie ein Seilkünstler, während der andere Glasperlen auf einen Zwirnsfaden reihte; ja ein dritter lud sogar eine kleine Kanone und feuerte sie selbst ab, wobei ich den Mut des befiederten Artilleristen bewunderte, der auf dem Rohre stehend, in Rauch und Pulverdampf ganz eingehüllt war.

Ähnlich dem Eberstechen, Pigsticking, war sodann ein Pantherstechen projektiert, wobei ein vor kurzem in der Umgebung von Alwar gefangener Panther gehetzt und mit Lanzen erlegt werden sollte. Zu diesem Zweck begaben wir uns zu Pferd auf eine große, freie Heidefläche an der Peripherie der Stadt, wo der Panther in einem Käfig seines Loses harrte. Lange dauerte es, bis er das schützende Asyl verließ und herausschlich, um in kleinen Sätzen den Feldern zuzuflüchten. Alsbald stürmten alle Reiter nach, doch schon wenige Sekunden danach stieß ihm, ohne dass es zu einem Run gekommen wäre, ein englischer Kapitän den Speer in die Flanke. Nun duckte sich das Tier wie eine Katze und machte Versuche, die umschwirrenden Reiter anzuspringen; aber ein geschickter Speerstich Prónays verwundete es stark, so dass es bald unter den nachfolgenden Stichen verendete. Befriedigt umstanden die englischen Herren den armen Panther, während ich an dieser Art, Panther zu jagen, keinen Gefallen zu finden vermochte: denn es gibt hiebei nie einen Run, weil sich der Panther immer gleich duckt und dann mit den Speeren leicht auszumachen ist. Allein die Engländer haben eine ausgesprochene Vorliebe für Hetzjagden und da wird jedes Tier vom großen Nilgau an bis zum Schakal hinab gehetzt. Wäre der Panther durch meine Kugel gefallen, so hätte mich die Erlegung desselben mit waidmännischer Genugtuung erfüllt, während ich beim Lanzenstechen nur den Verderb des schönen Felles beklagen konnte.

Um die zwei- und dreijährigen Pferde zu mustern, ritten wir vom Jagdplatz weg in den Fohlenhof des Gestütes. Auf das Signal eines Trompeters stürmte ein Rudel von 250 bis 300 Stück full pace aus einer Einzäunung hervor, setzte über eine hohe Lehmmauer und jagte bis zu den Barren, wo den Tieren morgens und abends Gerste, Rüben und Klee vorgelegt werden. Trotz des anscheinend reichlichen Futters sahen die Pferde, durchaus Produkte nach den früher besichtigten Hengsten, schlecht und namentlich mager aus; ebenso sind dieselben, auf das unedle Blut der Mütter zurückschlagend, unentwickelt und verunstaltet.

Nach dem in unserem Palast abgehaltenen Diner, zu welchem sich alle in Alwar lebenden Engländer vereinigt hatten, bildete die Beleuchtung des Parkes und das Abbrennen eines Feuerwerkes den Abschluss des Tages.

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  • Ort:  Alwar, Indien
  • ANNO – am 19.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Medea“ und „Der Hexenmeister“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Mephistopheles“ aufführt.

Delhi, 18. Februar 1893

Ich hatte den Wunsch geäußert, ein indisches Strafhaus zu sehen, worauf mir bereitwilligst Gelegenheit gegeben wurde, die Anstalt zu besichtigen, welche im Süden von Dehli gelegen ist. Wir passierten das Delhi-Tor, eines der zehn Tore, welche die 8,8 km lange Wallmauer der Stadt durchbrechen, und befanden uns nach kurzer Fahrt durch das Trümmerfeld Alt-Delhls vor dem etwa 500 Sträflinge bergenden Gefangenhaus.

Durch ein doppeltes, wohlverriegeltes Tor, das einer zweifachen Ringmauer entspricht, betraten wir den Innenraum und sahen ein förmliches Stadtviertel kleiner, ebenerdiger Gebäude vor uns, die, zur Aufnahme von Gefangenen bestimmt, von einander getrennt sind, so dass keinerlei Verkehr der Insassen untereinander stattfinden kann, während von gewissen Zentralpunkten aus eine genaue Überwachung möglich ist.

Im allgemeinen herrscht hier der Grundsatz, jeden Sträfling durch einige Zeit in Einzelhaft zu halten, bis man ihn kennen gelernt, ich möchte sagen, seinen Charakter studiert hat. In der Einzelzelle muss der Gefangene arbeiten, und zwar auf ganz primitive Weise täglich ein bestimmtes Quantum Korn mittels zweier Mühlsteine, die mit der Hand bewegt werden, mahlen. Ist sein Verhalten ein entsprechendes, so wird er zu gemeinschaftlicher Haft und Arbeit mit anderen zugelassen, hat jedoch im entgegengesetzten Fall, oder wenn es sich zeigt, dass er einen nachteiligen Einfluss auf seine Genossen nimmt, die ganze Strafzeit in Einzelhaft zu verbüßen. Besonders schwere Verbrecher, ferner solche, die schon aus einem Gefangenhaus entflohen sind, sitzen, an den Füßen mit schweren Eisenstangen gefesselt, wie wilde Tiere in
offenen, eisernen Käfigen, an deren Ende sich die ebenfalls offenen, mit hartem Lager versehenen Zellen befinden. In einer dieser Zellen kauerte ein alter Mann, der schon dreimal aus einem Strafhause ausgebrochen war. Er hatte ein Mittel ersonnen, die dicksten Eisenstäbe zu durchschneiden — Wollfäden, die er sich zu verschaffen gewusst. und eine Mischung von Öl, Sand und Glassplittern. Hiemit rieb er eine Stelle des Eisengitters so lange, bis er dieselbe durchgewetzt hatte und entweichen konnte. Wohl eine der größten Geduldproben! Zweimal war sie von Erfolg gekrönt, beim dritten Mal wurde er ertappt. Ein anderer Sträfling hatte sich aus abgekratztem Blei binnen drei Monaten einen Schlüssel konstruiert; doch wurde das kunstvolle Werkzeug im letzten Augenblick entdeckt. Einen besonders wilden Eindruck machten zwei Afghanen, deren einer wegen Mordes eingezogen, der andere wegen einer ähnlichen Übeltat zu 37 Jahren schweren Kerkers verurteilt war.

Die Einzelzellen enthalten ein Lager aus Lehm, auf das eine Strohmatte und zwei Kotzen zu liegen kommen, als Bett; die weitere Einrichtung bilden ein Trinkgefäß und die schon erwähnte Mühle.

Eine eigene Abteilung ist für Knaben bestimmt, unter denen man wahre Galgengesichter sieht; eine andere für Gewohnheitsverbrecher, welche diese heiligen Hallen schon wiederholt betreten haben; eine dritte endlich für Weiber, die einige äußerst hässliche und verkommene Individuen in ihrer Mitte zählten.

Die Kleidung der Sträflinge ist ganz gleichmäßig; sie besteht aus einem kotzenartigen Gewand, darunter einem Leinwandlappen, welcher um die Mitte des Leibes geschlungen wird. Zur Nahrung erhalten sie eine nach unseren Begriffen sehr geringe Ration, und zwar des Morgens zwei flache, ungesäuerte Brote nebst einem Achtelliter Dal (einer Art von Bohnen) mit Butter und Gewürzen, zu Mittag eine Handvoll gerösteten Weizens, abends grünes Gemüse mit zwei Broten. Und doch befinden sich die Sträflinge wohl und sehen gut aus.

Nach der Meinung des Gefängnis-Direktors soll der einzige Fehler des Strafhauses der sein, dass die Lebensweise der Sträflinge daselbst eine viel bessere ist als die, welche sie außerhalb desselben führen. Klagen wie jene des Direktors verlauten übrigens auch in unserer Heimat, wo häufig genug Vergleiche gezogen werden zwischen der Lebensführung, deren sich selbst schwere Verbrecher in den Strafhäusern erfreuen, und den Existenzbedingungen, unter welchen unsere Soldaten in den Kasernen ihrem Beruf obliegen. Ich vermag der
Ansicht die Berechtigung nicht ganz abzusprechen, dass in der humanen Behandlung der Verbrecher schwerer Kategorie zu weit gegangen und hiedurch der Strafzweck teilweise vereitelt wird.

Ich durchschritt alle Werkstätten, in welchen die Sträflinge gemeinsamer Arbeit mit den einfachsten Hilfsmitteln obliegen. Sie erzeugen Kartonnage- und Töpferwaren, Teppiche und aus einem an allen Flussufern wachsenden Gras hübsche Matten, deren ich eine große Anzahl für die Korridore von Konopist bestellte. Auch ihre Kleidung müssen die Sträflinge selbst fabrizieren.

Kostbare Zeit ging verloren, da ich mich verleiten ließ, nach der Rückkehr in die Stadt das in einem geradezu desolaten Zustand befindliche städtische Museum of the Institute nächst der Tschandni Tschaukstraße zu besichtigen. Von dem dort herrschenden Schmutz, der überall wahrnehmbaren Verwahrlosung und dem Kunterbunt von Säugetieren, Vögeln, Bildern, Gewändern, allerlei Hausrat und sonstigen ethnographischen Gegenständen sich einen Begriff zu machen, ist schwer. Immerhin war es belehrend zu sehen, wie ein Museum nicht sein soll.

On revient toujours … also noch einmal zu Tellery gewandert, um neuerlich Einkäufe, namentlich von Teppichen, zu besorgen.

Dann wohnten wir vor unserem Hotel mehreren von einigen Eingeborenen veranstalteten Hahnenkämpfen bei. Wie grausam dieses Vergnügen auch ist, so entbehrte es doch nicht der Anziehungskraft; denn mit staunenswerter Tapferkeit und Kampfeslust, ja mit Ingrimm hieben die braven Hähne mit Schnabel und Sporn auf einander ein, bis endlich einer der Kämpfer unterlegen war.

Abends entführte uns der Zug nach Alwar (Ulwar), das nordwestlich von Agra, südwestlich von Delhi, an der die Rajputana-Malwa Railway einschließenden Bombay, Baroda and Central India Railway gelegen ist, welche über Ahmedabad nach Bombay läuft.

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  • Ort:  Alwar, Indien
  • ANNO – am 18.02.1893 in Österreichs Presse. Die Zeitungen stimmen sich auf das 50-Jahre Jubiläum der Bischofsweihe von Papst Leo XIII  am 19. Februar 1893 ein. Es ist zudem das 15. Jahr seines Pontifikats.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Verbot und Befehl“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Jules Massenets Oper „Manon“ aufführt.

Delhi, 17. Februar 1893

Da aus einer benachbarten Stadt mehrere Artilleriezüge zur Bespannung unserer Wagen gesandt worden waren, benützte ich diese rasche Fahrgelegenheit, um die Ruinen Delhis und insbesondere den berühmten Kutab Minar (Turm des Kutab) zu besuchen.

Die ganze Umgebung Delhis ist eine Ruinenstadt, die sich als ein wahres Trümmerfeld ehemaliger Paläste und Baulichkeiten darstellt. Unabsehbar ist die Menge von zerstörten Moscheen, Tempeln und Wohngebäuden, deren Spuren und Grundrisse zwischen Bäumen und Gebüschen deutlich erkennbar sind. Ist es ja seit der arischen Einwanderung bereits die neunte Stadt, die sich stets auf den Trümmern der vorhergehenden erhebt, indem jeder der vielen Eroberer zuerst, was vorhanden gewesen, zerstört und dann eine neue, an Glanz und Ausdehnung bedeutendere Stadt erbaut hat. Aus diesem Trümmerfelde ragen noch ziemlich viele, halbwegs gut erhaltene Gebäude aus der Mogulnzeit empor; zumeist Moscheen, Forts, hie und da schöne Grabdenkmäler und Teile von Palästen. Überall herrscht der Kuppelbau vor und viele der Kuppeln sind mit bunten, vorwiegend blauen, glasierten Fliesen belegt.
Das schönste unter den Denkmälern ist das Grab des Kaisers Humayun (gestorben 1556), ein großes Gebäude, in der Mitte von einer Kuppel, in den vier Winkeln aber von achteckigen, ungleichseitigen Türmen überhöht. Unter den Grabsteinen fällt jener Humayuns, ein weißmarmornes Kenotaph ohne Inschrift, durch seine Einfachheit auf. In der Nähe des Grabmahles steht ein noch wohl erhaltenes, schönes Mausoleum, welches, wie die Sage berichtet, Humayun seinem Leibbarbier errichten ließ.

Geschichtlich ist der Platz vor dem Mausoleum Humayuns dadurch interessant, dass sich hier der letzte Titular-Großmogul, Bahadur, während des Aufstandes vom Jahre 1857 den Engländern ergeben hat. Das über Bahadur verhängte Todesurteil wurde mit Rücksicht auf das hohe Alter dieses Letzten (1862 verstorbenen) der Großmoguln in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. Die beiden Söhne Bahadurs, die hier gleichfalls in Gefangenschaft gerieten, fanden während ihrer Überführung nach Delhi den Tod, da sich der mit der Eskorte betraute Offizier angesichts der Gefahr, diese wichtigen Gefangenen durch die massenhaft den Wagen umdrängende Volksmenge befreit zu sehen, gezwungen hielt, die Prinzen eigenhändig mit der Pistole zu erschießen.

Auf der ganzen, 17 km langen Fahrt von Delhi bis Kutab Minar ist, wie gesagt, die Gegend mit Ruinen bedeckt, so dass unsere Blicke unaufhörlich ringsum schweiften und unsere Aufmerksamkeit stets aufs neue erregt wurde.

Schon von weitem winkt uns von einer kleinen Anhöhe der Kutab Minar entgegen, der aus der Entfernung den Eindruck eines riesenhaften Fabrikschlotes macht, in der Nähe aber durch seine gigantischen Formen, in denen er unversehrt so vielen Jahrhunderten getrotzt hat, unser Staunen wachruft. Der Turm, eine runde Säule darstellend, hat eine Höhe von 84 m, der Durchmesser beträgt an der Basis 14,3 m, an der Spitze, zu der eine Treppe von 378 Stufen emporführt, jedoch nur 2,7 m. Der Turm gliedert sich in fünf durch Galerien markierte Absätze; die drei unteren, aus rotem Sandstein erbaut, sind kannelierte Schäfte, die beiden oberen aus weißem Marmor mit einfach gehaltenen Kannelierungen verziert. Der Sockel des Turmes erscheint bis zur ersten Galerie empor mit ausgemeißelten, die Kannelierung bedeckenden Koransprüchen geschmückt.

Über die Entstehung und den Zweck, welcher bei der Erbauung des Kutab-ed-din ka Minar vorwaltete, herrschen die verschiedensten Meinungen. Nach der einen Version sollte der Turm als Mazina (Muezzin-Turm) der benachbarten, jetzt verfallenen Moschee Kutab-elIslam (»Pol des Glaubens«) dienen. Andere wollen wissen, der Turm sei zu Ende des 12. Jahrhunderts von einem Fürsten, namens Rai Pithora, erbaut worden, damit dessen Tochter von der Spitze der Säule aus den heiligen Dschamna-Strom betrachten könne; eine Erklärung, welche der Vaterliebe des Erbauers alle Ehre machen würde. Eine weitere Tradition besagt, der Kutab Minar sei von den Hindus gebaut, von den Mohammedanern jedoch umgestaltet worden. Für letztere Hypothese spräche das Vorhandensein der zahlreichen Ruinen von Hindu-Tempeln rings um den Turm, obwohl festzustehen scheint. dass der Turm, von König Kutab-ed-din-Aibak (1210 gestorben) begonnen, von dessen Lieblingssklaven und Thronerben Altamsch vollendet worden ist.

Neben den erwähnten Ruinen der Hindu-Tempel fällt noch ins Auge ein prachtvolles, reich geschmücktes Tor, das, von Ala-ed-din (1295 bis 1313) erbaut, einst die Eingangspforte der Moschee Kutabel-Islam gebildet hat. Bemerkenswert ist an diesem Tor die Verquickung der Hindu-Architektur mit dem mohammedanischen Stil in der Art, dass Reliefs, die offenbar aus älteren Hindu-, beziehungsweise Dschaina-Tempeln stammen, hier in die Bogen und Friese indisch-sarazenischen Stils eingemauert sind. Hier hat das Kunstgefühl den Rassenhass überwunden!

Ein merkwürdiges Objekt ist auch die berühmte, viel umstrittene »Eisensäule«, die fast  7 m hoch und angeblich aus einer Legierung von Eisen, Kupfer, Gold und Silber, nach Thompsons Ansicht jedoch aus reinem Schmiedeeisen hergestellt ist. Die in halber Höhe der Säule angebrachte Sanskrit-Inschrift verewigt den Namen des siegreichen Radscha Dhawa, der diesen »Arm seines Ruhmes« im 4. Jahrhundert errichtet haben soll. Vermutlich hat die Säule einst die Figur Wischnus getragen. Eine zweite Inschrift, mit dem Namen Anang Pals, des Gründers der Tomara-Dynastie, hat Veranlassung zu der allgemein verbreiteten Tradition gegeben, die »Eisensäule« sei im Jahre 1052 von Anang Pal errichtet worden.

Ich erwähne noch das kleine, aber mit prachtvollen Verzierungen geschmückte Grabmal Altamsch‘ und das Mausoleum Adam Khans, ein hohes, achteckiges, von einer Kuppel überdecktes Bauwerk. Dieser Adam Khan, ein Sprössling aus dem Hause der Timuriden und einer der hervorragendsten Heerführer Akbars, soll den Stiefvater des Kaisers vor dessen Augen ermordet haben und zur Sühne des Verbrechens von der Terrasse des Schlosses hinabgestürzt worden sein. Die Rücksicht auf Adam Khans Verdienste um die Eroberung von Sarangpur soll aber Akbar dann bewogen haben, seinem vielleicht vorschnell justifizierten Vetter dies Denkmal zu setzen.

Wir profanierten das Gebäude durch ein Frühstück, das wir in seinen Mauern einnahmen. Dann durchstreiften wir, der Jagd zu obliegen, die äußerst steinige und dornenreiche Gegend, wobei wir uns in zwei Partien teilten. Prónay, Stockinger und ich wählten die Hügel um Kutab Minar, während die anderen Herren einem einheimischen Schikäris folgten, der eine allerliebste zahme Gazelle zum Anlocken des Wildes mit sich führte. Das Vorwärtsdringen in diesen Ruinen mit den spitzen Steinen, den Mauern und den vielen scharfen Dornen war sehr erschwert, doch wurde die Mühe gelohnt, indem ich mehrere Indische Rebhühner (Ortygornis pondiceriana), sowie vier Stück des Bunten Flughuhnes (Pterocles fasciatus), von den Engländern »Sand grouse« genannt, erlegte. Nach einer langen Streifung, eigentlich einer unausgesetzten Steeple chase über Mauern und Steine, kehrte ich mit unserer trefflichen Artilleriebespännung nach Hause zurück, um den Abend meinen Aufzeichnungen zu widmen. Hiezu flackert wohltuend prasselndes Feuer im Kamin, heulen Schakale unter meinen Fenstern ein fremdartiges Konzert.

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  • Ort: Dehli, Indien
  • ANNO – am 17.02.1893 in Österreichs Presse. Fürst Ferdinand von Bulgarien, gestern noch asl erfolgreicher Brautwerber gemeldet, hütet krankheitshalber das Bett in Wien und wird auch noch die nächsten Tage dort verbringen. Die Krise in Frankreich füllt weitere drei Spalten Text.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt ein Kombination von drei Stückchen, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ tanzt.

Delhi, 16. Februar 1893

Nach einer nicht eben in behaglicher Wärme verbrachten Nacht trafen wir früh morgens bei Regen und Kälte in Delhi ein. O, oft gepriesene, ebenso häufig getadelte Wärme Indiens, wo bist du?

Delhi, „das Rom Asiens“, eine der ältesten, größten und auch glänzendsten Städte des Pendschab, ja ganz Indiens, war einst die prunkvolle Residenz der Großmoguln. Seit 1803 in britischem Besitz, ist es auch heute noch den Hindus heilig durch den Dschamna-Strom, den Moslemin verehrungswürdig durch die großartige Moschee Schah Dschehans. Das heutige Delhi, nordnordwestlich von Agra, am rechten Ufer der Dschamna gelegen, füllt den Norden jener weiten, fruchtbaren und klimatisch begünstigten Ebene aus, welche, von den Mewat-Hügeln einerseits, von dem Strom andererseits begrenzt, seit uralter Zeit eine städtische, strategisch wie kommerziell bedeutende Niederlassung enthalten hat.

Diese hat jedoch im Lauf der Jahrtausende — bald diesen, bald jenen Teil der Ebene erfüllend — häufig den Standpunkt gewechselt und immer wieder dem Verfall preisgegeben, so dass das Delhi unserer Tage, wiewohl eine Stadt mit etwa 200.000 Einwohnern, nur als ein kleiner Teil alles dessen erscheint, was in den verschiedensten Perioden Delhi dargestellt hat. Umfasst ja doch das Ruinenfeld von Delhi 155 km!

Obwohl Knotenpunkt mehrerer Eisenbahnlinien, an einem schiffbaren Strom und im Bereich wohlbewässerten Landes gelegen, erscheint Delhi, wenn es auch heute noch immer die regste und größte Handels- und Industriestätte des gesamten Pendschab ist, doch aus politischen, wohl mit der verhängnisvollen Empörung des Jahres 1857 im Zusammenhang stehenden Rücksichten nach und nach von der britischen Verwaltung zu einer Provinzialstadt herabgedrückt.

Durch den strömenden Regen, der uns in Delhi tränenreich begrüßte, ließen wir uns nicht abhalten, nach kurzer Rast in unserem Quartier, dem Metropolitan Hotel, eine Rundfahrt durch die Stadt anzutreten. Diese stellt nahezu einen Halbkreis dar, wozu der die Stadt bespühlende Teil des Stromes etwa den Durchmesser bildet.

Wir wandten uns zunächst dem Fort zu, das den einstigen Palast der Großmoguln einschließt. Dieses liegt im östlichen Teil der Stadt, hoch über der Dschamna und ist dem Fort von Agra so ähnlich, dass es eine Miniaturausgabe desselben genannt werden darf. Es ist aus rotem Sandstein erbaut, von einer hohen, 2,5 km langen Ringmauer und von einem Wallgraben umgeben und mit schönen Toren geschmückt. Das hauptsächlichste Interesse erweckt selbstverständlich jener Teil des Innenraumes, welcher den Palast enthielt, der Shah Jahan seine Entstehung verdankt. Während Akbar vorwiegend zu Agra und Lahore seine Residenz aufgeschlagen hatte, verlegte Jahan seinen Sitz nach Delhi, wo er im Norden der Stadt, welche schon sein Ahne Humayun bewohnt hatte, ein neues Delhi gründete, dem er den Namen Shah-Jahanabad beilegte.

Wie das Fort von Agra, so enthält auch die Burg von Delhi herrliche Paläste, Hallen, Säle, Moscheen; doch ist ihre Anzahl weit geringer, als im Fort zu Agra, da die Engländer nach Unterdrückung des großen Aufstandes vom Jahre 1857, der in Delhi mit der Ermordung der hier ansässigen Europäer durch Schah Bahadur seinen Anfang genommen hatte, einen großen Teil der Baulichkeiten des Forts schleiften, um an deren Stelle Kasernen und Batterien zu errichten.
Durch die Musikhalle (Nakar khana oder Naubakhana) eintretend, besahen wir vorerst die beiden für Audienzen bestimmten Räume. Die an drei Seiten offene, von Säulen aus rotem Sandstein getragene, große Audienzhalle, Diwan-i-Am, weist allerhand Verzierungen auf, insbesondere erscheinen der Thron sowie die Wand, an welcher sich dieser in einer Nische erhebt, mit Malereien und köstlichen Mosaiken aufs reichste verziert.

Mit den Renovierungsarbeiten, welche die englische Regierung in neuester Zeit an diesen und den Wänden vieler anderer Baudenkmale vornehmen ließ, vermag ich mich nicht zu befreunden; denn so löblich auch die Absicht dieses Beginnens ist, scheint mir dasselbe doch etwas weit zu gehen. Meines Erachtens wirkt die ursprüngliche, alte Flächendekoration, ob Malerei, ob Mosaik, und mag sie noch so schadhaft sein, in den sonst unverändert belassenen Hallen weit stilvoller und jedenfalls stimmungsvoller als die Imitationen mit ihrem frischen Goldglanz und ihren schreienden Farben, welche an die Stelle der, wenn auch verblichenen und verstümmelten, doch originalen Ornamente treten. Allerdings bildet die Frage, ob und wieweit die Renovierung schadhafter Kunstwerke überhaupt gehen darf, einen Gegenstand steter Kontroverse zwischen den Sachverständigen, welche für die vollkommene Wiederherstellung der ursprünglichen Erscheinung eintreten und dem vielleicht unbewusst nicht minder feinfühligen Laien. Ich erinnere hier nur an die Säuberung der Innenwände der Stephanskirche von der Patina; diese Restaurierung hat bei der großen Menge die Sehnsucht nach dem vormaligen, fast mystischen Helldunkel erweckt, welches dem Dom eine eigenartige, ruhige Schönheit verlieh. Ebenso würde es mir als Profanation erscheinen, wenn etwa der Plan gefasst werden sollte, die Statue der Venus von Milo durch Hinzufügung der ihr mangelnden Arme zu ergänzen.

Der kleine Audienzsaal, Diwan-i-Khas, im Fort von Delhi ist ein offener, ganz aus Marmor errichteter, mit Goldornamenten und Pietra-dura geschmückter Pavillon. An der Ostseite dieses Saales stand einst der berühmte goldene, mit den kostbarsten Edelsteinen geschmückte Pfauenthron (Tacht-i-taus), welchen Nadir Schah, der persische Eroberer Delhis, als vornehmstes Stück der reichen Kriegsbeute 1739 von hier fortgeführt hat. In derselben Gebäudeflucht befinden sich auch die von Marmor strotzenden Privat- und Frauengemächer des Großmoguls und die Baderäume.

An der Westseite des Diwan-i-Khas steht ein überaus graziöses Bauwerk, die Perl-Moschee (Moti Mesdschid), sehr kunstvoll aus blendend weißem Marmor erbaut, mit Reliefs und zierlichen Ornamenten von reinstem Ebenmaß geziert, und, wiewohl von kleinen Dimensionen, doch durch künstlerische Gestaltung und Reichtum des Schmuckes höchst bemerkenswert. Das Bronzetor der Moschee ist ein Meisterstück getriebener Arbeit, eines Kunstzweiges, der in Indien noch immer erfolgreich im Schwung ist.

Es hatte wohl nicht gerade viel Divinationsgabe seitens der Firma S. J. Tellery & Co., welche hier ihre Hauptniederlage und Fabrik kunstgewerblicher Objekte besitzt, dazu gehört, unser Kommen, das nun tatsächlich erfolgte, zu erwarten. Über dem Tor des Etablissements wölbte sich ein anmutiger Triumphbogen mit Bänderschmuck in den österreichischen und den ungarischen Farben und mit Spruchbändern. die in großen, goldenen Lettern die Worte »Hoch« und »Eljen« trugen. Wir fanden hier so ziemlich dieselben Gegenstände, welche wir schon von Bombay und Calcutta her kannten, Kunstobjekte und Kuriositäten aus allen Regionen Indiens, aber in so großer Mannigfaltigkeit und Auswahl, dass die Kauflust im höchsten Grad angeregt wurde und sich zu unersättlicher Begierde steigerte.

Den Nachmittag benützte ich, um die im südlichen Teil Delhis gelegene berühmte Moschee Dschama Mesdschid, das großartigste und schönste mohammedanische Bethaus Indiens, in Augenschein zu nehmen. Mächtige Freitreppen, auf deren Absätzen allerlei Händler und Agenten umherlungern, führen zu den grandiosen Pforten empor, welche in den Vorhof der Moschee Einlass gewähren. Dieser Vorhof, ein Quadrat von 99 m Seitenlänge bildend, ist an drei Seiten von Säulengängen mit Eck-Kiosken umschlossen, welche, von der Außenseite der gesammten Anlage betrachtet, das erste Stockwerk der aus rotem Sandstein erbauten, hohen Mauer gestalten. Die vierte Seite des Hofes bildet die Moschee selbst, die eine Fläche von 2243 m2 bedeckt. Die obenerwähnten Pforten tragen über dem Kielbogen des Einganges Galerien und Spitzkuppeln, über welche hinaus sich schlanke marmorne, mit vergoldeten Spitzen gezierte Minarets erheben.

Diese um das Jahr 1658 erbaute Moschee trägt denselben Stil zur Schau wie jene zu Agra, und auch hier ist die von drei Kuppeln überhöhte Fassade von Minarets begleitet, während der Unterbau aus rotem Sandstein gefügt ist. Die Kuppeln und die Spitzen der beiden hohen Minarets hingegen sind aus Marmor. Diese an manchen Stellen unharmonische Verschmelzung von Rot und Weiß beeinträchtigt den Gesamteindruck einigermaßen; besonders missfiel mir, dass die weißen Marmortafeln der Kuppeln abwechselnde Reihen schwarzer Steine aufweisen. Ein mir neues Motiv fand ich an den Minarets, da der Sockel jedes derselben einen marmornen Blumenkelch bildet, aus dem der schlanke Turm emporsteigt, welcher seiner ganzen Höhe entlang von vertikalen, an der Spitze in eine Blattkrone endigenden Streifen durchzogen hat.

In einer Ecke der Säulenhalle der Moschee sehen wir das eigentliche Heiligtum, einen zierlichen Marmorschrein mit Reliquien des Propheten. In schmucklosen Behältnissen, die jenen gleichen, welche Insektensammler zur Aufbewahrung von Käfern zu verwenden pflegen, sind hier geborgen: ein feuerrotes Haar aus dem Barte des Propheten, die abgetragenen Pantoffel Mohammeds, Koransprüche in der Handschrift der Imams Hussain und Hassan und — wie wir Jäger uns ausdrücken würden — die „Fährte“ Mohammeds, das heißt seine in Lehm abgedrückte Fußspur.

Von der Moschee aus durchschritten wir die Hauptstraße Delhis, die lange Tschandni Tschauk, in der sich Laden an Laden drängt, Geschrei, Lärm jeder Art, Anpreisen und Feilschen von allen Seiten ertönt, dass die Sinne schwinden könnten.

Der Bazar trägt, gleich der ganzen Stadt, ebenso wie in Agra, ein unverkennbar muselmanisches Gepräge zur Schau. Das lebhafte Straßenbild von Delhi lässt uns Typen und Trachten schauen, die wir in Calcutta zum Beispiel vergeblich suchen würden. Das Hauptkontingent der den Bazar belebenden Menge bilden Moslemin mit buntem Turban und gesticktem Kaftan, mohammedanische, verhüllte Frauen mit farbigen Beinkleidern und bunten Tüchern. Zwischen solchen Gestalten bewegen sich Hindus und in auffällig großer Zahl Afghanen. Es war mir interessant, die hochgewachsenen, kräftigen Gestalten, die energischen, ja trotzigen Gesichtszüge der bärtigen Afghanen betrachten zu können. Das selbstbewusste Auftreten, die kräftige Haltung dieser Hochlandssöhne machte mir glaubhaft, dass jeder aus diesem unbändigen, räuberischen und kriegerischen Volk das eigene Leben so wenig als jenes seiner Mitmenschen achtet und, will’s das Schicksal, mit der gleichen Ruhe zum Mord wie zur Richtstätte schreitet.

Bei Tellery, wo ich am Ende des rauschenden Bazars wieder landete, besichtigte ich die Werkstätten, in welchen kunstgewerbliche Gegenstände nur mit der Hand, ohne Zuhilfenahme irgend welcher Maschine, von äußerst geschickten, eingeborenen Arbeitern in verhältnismäßig kurzer Zeit angefertigt werden. Ich hätte den sonst so indolenten Eingeborenen Indiens solchen Fleiß, gepaart mit Geschicklichkeit, nicht zugemutet. Allerdings führt ein Landsmann, ein Wiener, mit fester Hand den Betrieb. In der Werkstätte für Teppiche erzeugen acht- bis zehnjährige Hindu-Knaben die schönsten Gewebe, während in einem Nebenraum aus verschiedenen Holzsorten bewundernswerte Schnitzarbeiten durchwegs aus freier Hand angefertigt werden und Metallarbeiter in Silber, Kupfer und Bronze prachtvolle Gefäße herstellen. Unglaubliches leisten die Modelleure, die, ohne je eine Schule besucht zu haben. sämtliche in Indien vorkommenden Typen, ferner Szenen, Aufzüge und Gruppen aus dem Leben der verschiedenen eingeborenen Völkerschaften in den schönsten Figurinen aus Ton formen. Die einzelnen Figürchen sind wirklich künstlerisch vollendet und in naturalistischer Manier gehalten; jedes Fältchen des Kleides, jede Ader in der Haut ist deutlich nachgebildet.

Der Abend vereinigte uns in dem Metropolitan Hotel, das manches zu wünschen ließ, bei einem ungenießbaren Diner, in Zimmern, die reich waren an Türen, Fenstern und Zugluft.

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  • Ort: Dehli, Indien
  • ANNO – am 16.02.1893 in Österreichs Presse. Prinz Ferdinand von Bulgarien hat auf seiner Europatour erfolgreich eine Braut gefunden: Prinzessin Marie-Louise von Bourbon. Franz Ferdinands Route ist etwas ungeeignet, um einen ähnlichen Ausgang zu nehmen. Die österreichischen und ungarischen Kerzen und Seifenhersteller haben gemeinsam eine Preiserhöhung verkündet. Begründet wird diese mit amerikanischen Lieferschwierigkeiten beim Schweinefett.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt “Die Biedermänner“ auf, während das k.u.k. Hof-Operntheater Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ gibt.

Agra — Bhartpur, 15. Februar 1893

Die Jagd und besonders das Jagdterrain des Vortages hatten uns so sehr angesprochen, dass wir den Beschluss fassten, noch einen Tag zu einem abermaligen Ausfluge nach Bhartpur zu verwenden und statt am Morgen erst des Abends nach Delhi zu fahren. Um 1/2 8 Uhr morgens stand unser Extrazug bereit. Ich ließ den Eisenbahn-Director bitten, bei dem Teich, auf welchem wir tagszuvor so zahlreiches Sumpfwild gesehen, Halt zu machen, eine Proposition, die anfänglich der entgegenkommenden Züge wegen auf Schwierigkeiten stieß, bis endlich der gestrenge Direktor fünf Minuten Aufenthaltes bewilligte.

An Ort und Stelle angelangt, sprangen wir aus den Waggons und feuerten in die Schwärme abstreichender Vögel. Ein Riesenstorch, sowie drei Enten waren das Ergebnis der ersten Salve. Eben hatten wir das Signal zum Weiterfahren gegeben, als ein Kondukteur eine Strecke auf dem Bahnkörper zurücklief und einen prächtigen Rosen-Pelikan (Pelecanus roseus) brachte, den er stürzen gesehen hatte. Vermutlich war bei der Kanonade auf den Riesenstorch ein rückwärts streichender Pelikan durch ein Schrotkorn getroffen worden; denn keiner von uns hatte direkt auf einen solchen gezielt.

In voller Fahrt erlegte ich von der Plattform meines Coupes aus noch einen streichenden Riesenstorch und einen fischenden Metallstorch, wie wir den Weißhalsigen Storch wegen seines glänzenden Rückengefieders tauften. Der Lokomotivführer hatte das Fallen der beiden großen Vögel bemerkt und hielt den Zug an, so dass wir das Wild holen konnten. Nun wurde die Zugsbegleitung von einer wahren Leidenschaft für die Jagd ergriffen, und als wir bald nachher ein Rudel Nilgaus zu Gesicht bekamen, stand der Zug sofort still, worauf Wurmbrand eine Kuh schoss, die in den Packwagen wanderte.

Kaum wieder in Bewegung gesetzt, wurde der Zug nach einigen hundert Metern neuerlich gebremst, die Kondukteure eilten herbei und zeigten uns ein Rudel Nilgau-Stiere, die in einem dichten Dschungel ästen. Die Herren waren flugs mit ihren Stutzen aus den Waggons, während ich nur als Zuschauer fungierte, da ich ja schon tagszuvor drei Nilgaus erlegt hatte. Clam streckte einen Stier im Feuer, Wurmbrand schweißte einen anderen stark an, den er nach langer Nachsuche endlich ausmachte, Prónay fehlte einen Stier in der Flucht. Nun erwachte aber in mir, obschon ich nur Beobachter hatte bleiben wollen, doch auch die Jagdpassion, und da Clam so freundlich war, mir seinen Stutzen zu leihen, eilte ich im Laufschritt der Herde nach und erlegte noch glücklicherweise einen sehr starken Stier in der Flucht. So hatten wir vom Zug aus in der kürzesten Zeit drei Nilgau-Stiere und eine Nilgau-Kuh auf der Decke.

Der Train, geführt von der jagdeifrigen Begleitung, fuhr bald vor, bald zurück, je nach der Richtung, in der sich die Jagd zog, so dass wir das erlegte Wild sofort verladen und selbst wieder einsteigen konnten. Ich habe schon zu Fuß, zu Pferd, im Wagen und im Boot gepürscht, aber eine „Pürsche mit einem Eisenbahnzug“ zum ersten Mal mitgemacht, kann dieselbe nur als höchst gelungen bezeichnen und — jedermann bestens empfehlen.

Wir kamen mit einstündiger Verspätung in Bhartpur an, wo uns der sehr erstaunte Maharadscha abermals empfing, nicht ohne ernste Blicke durch die Fenster meines Waggons zu werfen, in welchem die großen Vögel zum Trocknen aufgehängt waren. Von den „gewildschützten“ Nilgaus ahnte er zum Glück nichts.

Nach einem Frühstück bei dem liebenswürdigen Colonel Martelli entwarf ich den Schlachtplan und beschloss mit allen Herren einen großen Streif durch das ganze Dschungel zu unternehmen, in dem ich tagszuvor gepürscht und zahlreiche Nilgaus, sowie Schakale gesehen hatte. Letztere waren jedoch leider nicht zu finden, da sie, durch das gestrige Schießen beunruhigt, ausgewandert zu sein schienen. Hingegen schoss ich gleich zu Beginn der Jagd drei der kleinen Indischen Hasen (Lepus ruficaudatus), ferner mit der Kugel einen prachtvollen Antigone-Kranich mit purpurrotem Kopfe.

Scharen von heiligen Pfauen und Tauben, ferner zahlreiche Nilgaus und Black-bucks, die aber selbst auf Kugeldistanz nicht Stand hielten, waren zu sehen. Da das Wild noch viel zu rege war, so bat ich Colonel Martelli, uns in dem Dschungel streifen zu lassen, welches den einen der Teiche umgibt und gestern nur von den treibenden Elephanten passiert worden war. Um rascher dahin zu gelangen, bestiegen wir die Elephanten und durchquerten einen der Teiche, wobei wir beobachten konnten, wie sicher die klugen Dickhäuter selbst in tiefem Wasser gingen, indem sie, langsam schreitend, stets vorsichtig den Untergrund sondierten, bevor sie die mächtigen Füße aufsetzten. Hiebei spielten sie ununterbrochen mit den Rüsseln, nahmen Wasser auf, spritzten es wieder aus und ästen die zahlreichen Wasserpflanzen ab. Ich benützte diesen Ritt, um mich für die Jagd in Nepal etwas einzuschießen; denn infolge der fortwährenden Unruhe des Elephanten ist der ungewohnte Schuss aus der Häuda, wie ich mich schon in Tandur überzeugt hatte, anfänglich sehr unsicher. Bei dem ersten Versuch fehlte ich auch eine erkleckliche Zahl von Enten und Kormoranen, und nicht besser erging’s mit der Kugel, da ich gleich nach dem Eindringen in das Dschungel ein Nilgau fehlte. Nur ein Riesenstorch, dieser herrliche Vogel der hiesigen Sumpfwelt, fiel mir zur Beute. Überall krachten lustig die Büchsen, und als wir auf einer kleinen Lichtung zusammentrafen, hatte der von St. Hubertus stets begünstigte Clam eine reizende Indische Gazelle, sogenannte Chinkara (Gazella bennetti) und zwei Schakale aufzuweisen.

Da mir das Reiten auf dem Elephanten und das Fehlschießen recht unangenehm war, formierte ich mich mit den Herren wieder zu Fuß und drang, nicht ohne bedeutende Schäden an Haut und Kleidern, durch das dichte Dornengebüsch, wo die Ausbeute eine reichliche war. Prónay und ich erlegten noch je einen Nilgau-Stier; ferner kamen Schakale, Rebhühner, Wachteln und Hasen zur Strecke. Wie gewöhnlich in so dichtem Buschwerk war die Schützenlinie etwas in Unordnung gekommen, so dass es einiger Zeit bedurfte, bis wir uns an dem Rendez-vous zusammengefunden hatten, um vergnügt über den gelungenen Streifzug die Wagen zu besteigen und nach Bhartpur zu fahren.

Aus einem oder zwei nur „aus Versehen“ zu schießenden Nilgaus waren deren neun geworden; ich hoffe aber, dass der Maharadscha, sollte er je den Frevel erfahren, uns als eifrigen Jüngern Dianens verzeihen und seinem Unwillen nicht an anderen, schuldlosen Wesen Luft machen werde. Beim Abschied von Bhartpur war der Maharadscha sehr freundlich, schenkte mir sein Porträt sowie einen aus Elfenbeinstreifen zusammengestellten Fliegenwedel und ließ abermals Salutschüsse abfeuern, dass es eine Freude war. Hätte er schon von den Nilgaus gewusst, die Trennung wäre sicherlich keine so herzliche gewesen!

Als wir nach Agra zurückgekehrt waren, machten wir allerlei Handelsgeschäfte — in unserem Palais hatte sich ein förmlicher Bazar entwickelt — kurz ab, nahmen von Kinsky, der seines Fiebers wegen vorläufig zurückbleiben musste, Abschied und fuhren gegen 9 Uhr abends noch einmal zum Tadsch; denn, da uns das Wetter bei der ersten Besichtigung einen so argen Possen gespielt hatte und auch jetzt der Mond nicht schien, wollte ich Agra nicht verlassen, ohne jenes herrliche Bauwerk wenigstens bei künstlicher Beleuchtung gesehen zu haben. Letztere erfolgte mittels bengalischer Kerzen; diese wurden von Hunderten von Eingeborenen gehalten, welche auf den Dächern der beiden im Garten befindlichen Seitenmoscheen postiert waren, und sich da oben ausnahmen, wie Neros lebende Fackeln. Die Wirkung der Beleuchtung war geradezu feenhaft, und sprachlos bewunderte ich die ruhige Pracht und Majestät dieses herrlichen Bildes. In blendend leuchtendem Weiß lag das Juwel orientalischer Baukunst vor mir, dunkel hoben sich die Konturen der Bäume sowie des Zedernhaines ab und ringsum herrschte tiefe Stille der Nacht. Mir war’s, als umfächle meine Sinne der Odem des längst versunkenen Jahrhunderts, das in seinem Meisterwerke seine Größe bezeugt. Wir traten in eine der Moscheen und ließen die bengalischen Kerzen zuerst verlöschen und dann wieder anzünden, so dass wir durch das Tor der Moschee den Tadsch wie in einem Rahmen schauten. Da erstrahlten mild wie Mondschein, die bengalischen Flammen über dem stolzen Bau, der, als wär‘ er aus Licht gewoben, zauberhaft emporragte — ein hinreißender Anblick. Versunken in diesen Genuss standen wir lange, lange, bis Flamme auf Flamme verloschen und das entzückende Bild in dunkler Nacht entschwunden war.

Kurze Zeit danach ging’s auf der Linie der East Indian Railway über Tundia und Aligarh nach Delhi weiter.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 15.02.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse meldet per Telegramm, dass SMS Fasana nach einer Weltumsegelung von 17,5 Monaten wohlbehalten in Pola, dem Kriegshafen Österreichs, eingetroffen ist. Franz Ferdinand hat die Besatzung inmitten des Indischen Ozeans bekanntlich getroffen. In Russland ist eine Hungersnot ausgebrochen.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt auf Lessings “Nathan der Weise“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Wagners „Lohengrin“. gibt.

Agra — Bhartpur, 14. Februar 1893

Für den heutigen Tag war eine von dem englischen Residenten Colonel Martelli im Gebiet des Maharadschas von Bhartpur arrangierte Jagd auf Wasserwild angesetzt. Ich hoffte hiebei, gewissermaßen nur aus Versehen, auch ein bis zwei Nilgaus zu schießen, deren Tötung im Reich des Maharadschas wegen ihrer angeblichen Ähnlichkeit mit den heiligen Kühen streng verpönt ist und, wie man mir sagte, bloß dem „zufälligerweise“ treffenden Schützen nachgesehen werden könnte.

Schon die ungefähr anderthalbstündige Eisenbahnfahrt von Agra westlich nach Bhartpur bietet abwechslungsreiche Bilder, welche die Jagdlust und die Spannung auf die Ergebnisse des Tages steigern. An einem kleinen Teich, den wir passieren, sehen wir Pelikane, dreierlei Arten von Störchen, darunter den mächtigen Riesenstorch (Xenorhynchus asiaticus), die schönen Antigone-Kraniche, Gänse. Enten und zahlreiches anderes Wasserwild. In ein Dschungel flüchtet ein Rudel Nilgaus, „Blauer Stiere“ (Portax pictus), die ich hier zum ersten Mal sehe: es sind große Tiere, in der Form zwischen Elch, Hirsch und Rind; das Haupt ist klein, mit kurzen, gebogenen, schwarzen Hörnern; der Hals mächtig, mit langem Bart; die Schulterpartie und die Croupe wie beim Elch; die Läufe sind stark und sehnig; die Stiere sind grau, an den Extremitäten schwarz; die Kühe und Kälber rehbraun. Weiterhin wurden der Bahn entlang auch Wildschweine sichtbar.

In der Station Bhartpur empfing mich der Maharadscha Sri Bridschindra Seiwadsch Dscheswant Dschangh Balladur, ein kleiner, äußerst finster und unwirsch aussehender Landesvater, der jedes Wort wie im Ton des Zornes ausstieß. Er soll seinen Untertanen ein keineswegs gnädiger und gütiger Herrscher und in seinem reiferen Alter nicht sehr skrupulös in der Wahl seiner Vergnügungen sein. Er beherrscht einen nominell sich noch der Unabhängigkeit erfreuenden Staat; doch hat er, wie andere im Bannkreis englischer Macht stehende Fürsten, einen Residenten an seiner Seite, der ihm die Last des Regiments tragen hilft. Der Fürst von Bhartpur stammt von einem Dschat namens Tschuraman, der Aurengzeb bekämpft und den Glanz jener Dynastie begründet hat, welche von Bhartpur aus in den Jahren 1760 bis 1765 Agra okkupierte, seit 1826 aber jeder selbständigen auswärtigen Politik dauernd entsagen und der britischen Suprematie sich beugen musste. Die volkreichen Geschlechter der Dschats sind, wie manche der Radschput-Stämme im Zwischenstromland des Ganges und der Dschamna, indo-skytischen, das ist arisch-zentral-asiatischen Ursprunges und bekennen sich fast ausschließlich zum Islam.

Umgeben von einer berittenen Leibwache, fuhren wir in einer Prachtkarosse durch die Stadt, die festungsähnlich von einer sehr starken, turmbekränzten Umwallungsmauer und von breiten Wassergräben eingeschlossen ist. Bastionen und mächtige, fortifikatorisch gut gebaute Tore erhöhen die Widerstandskraft der Festungsstadt.

Die Engländer haben Bhartpur erst nach schweren Kämpfen und mit dem Aufwand aller Mittel europäischer Kriegskunst in die Hand bekommen. Die Belagerung dieses Bollwerkes des Dschatfürsten Randschit Sindhia durch britische Truppen unter dem Eroberer Hindustans, General Lake, in den Jahren 1805 bis 1806, endigte mit der Einnahme der insbesondere durch ihre Wasserbauten geschützten, auf das tapferste verteidigten Festung erst dann, als Lake, dem lange Zeit hindurch der für eine regelrechte Belagerung erforderliche Park und Train mangelten, umfassendere Belagerungsoperationen durchzuführen und die gesamte bengalische Armee heranzuziehen vermocht hatte. Auch im Jahre 1826 bot Bhartpur den britischen Belagerern hartnäckigen Widerstand, bis es dem Befehlshaber der englischen Truppen Lord Combermere, nach sechswöchentlicher Belagerung gelang, in einen Teil der Bastionen Bresche zu schießen und die Festung mit Sturm zu nehmen.

Die Stadt hat eine Bevölkerung von etwa 60.000 Einwohnern. In den Straßen stand dichtgedrängt, uns mit lautem Geschrei begrüßend. eine große Menge Volkes. Auffallend ist die Schar von Affen, die auf der Dächern der Häuser ihr Unwesen treiben. Als wir im Palais des Residenten, Colonel Martelli, angelangt waren, stellte mir der Maharadscha unter einigen in seinen spärlichen Bart gemurmelten Worten seine beiden Söhne vor, einen etwas abgelebten Jüngling von neunzehn und einen hübschen, intelligent blickenden Knaben von fünf Jahren.
Nachdem der Maharadscha sich zurückgezogen, teilte sich die Gesellschaft, indem ich mit Wurmbrand auf die Pürsche von Blackbucks und verbotenen Nilgaus fuhr, während die anderen Herren auf Wasserwild auszogen. In einem Galawagen mit grüner, silbergestickter Kutschbockdecke, wie solche bei uns gelegentlich von Auffahrten zur Frohnleichnamsprocession oder bei besonderen Hoffesten üblich sind, rollte ich in das Dschungel, herzlich lachend über die neue Art von Pürschwagen, den ich benützte. Doch da wahrscheinlich alles, was in der ganzen Gegend kreucht und fleucht, beim Anblickt, meiner Karosse schleunigst geflohen wäre, verließ ich dieselbe bald und drang auf gut Glück in das Dschungel ein. Die Entwicklung von Pomp und Pracht, das Aufgebot von Galawagen und Eskorte bei der Jagd sind zwar gewiss recht gut gemeint und bezeugen liebenswürdige Zuvorkommenheit, aber auch geringeren praktischen Jagdsinn, da doch das Wild sich wie vor jedem anderen Sterblichen so auch vor einem reisenden Prinzen scheut, der ab und zu die Rolle des gefeierten Gastes gerne ablegen würde, um dem edlen Waidwerk nur nach den Regeln der Kunst zu obliegen.

Das erste, was ich in dem dünnen Dschungel erblickte, waren einige Hasen und ein Fuchs. Am Rand eines kleinen, sumpfigen Teiches, der mit einer Unzahl von Wasserwild bedeckt war, äste ein Rudel Black-bucks, die äußerst scheu waren, so dass ich nur einen starken Bock auf große Distanz anschweißen konnte. Auf dem gegenüberliegenden Rand des Teiches sah ich plötzlich eine Gais in voller Flucht aus dem Dschungel hervorkommen und, ihr nachsetzend, ein pantherartiges Tier, das ich aber der großen Entfernung halber nicht näher bestimmen konnte.

Weiter pürschend erblicke ich im Dschungel links von mir auf 100 m die Läufe und das Blatt eines Nilgaus — ich gebe Feuer, das Stück zeichnet gut, bald finde ich Lungenschweiß und auf 200 m vom Anschuss verendet einen kapitalen Stier, mein erstes Nilgau. Ich jubelte und Colonel Martelli mit mir. Die alte Geschichte, dass verbotene Früchte besonders gut munden! Sofort sandten wir das Beutestück heimlich zur Eisenbahnstation, damit der Maharadscha nichts erfahre und unser Stier unbehelligt nach Agra gelange.

Dann ging’s quer durch einen Teich in ein dichteres, wildreiches Dschungel, wo ich mehrere größere Rudel von Black-bucks antraf, aber nur einen starken Bock in voller Flucht erlegen konnte. Überall huschten im trockenen Gras Schakale und Pfauen umher, während Tausende von Tauben über mir hinwegstrichen. In weiter Ferne sah ich noch einzelne Nilgaus, doch ohne zum Schusse zu kommen. Ein gar zu kecker Schakal erlag meiner Kugel.

Nun kam der Hauptbestandteil jeder in Indien arrangierten Jagd, das Luncheon, bei welchem ich mit dem anderen Teil der Jagdgesellschaft wieder zusammentraf. Von meinen heimatlichen Jagdausflügen her gewohnt, auf der Mutter Erde hingestreckt, mit etwas kalter Küche vorlieb zu nehmen, kann ich mich mit der englischen, wenn auch verschwenderisch gastfreundlichen Auffassung eines Jägerfrühstückes nicht befreunden. Mit den Empfindungen meines Jägerherzens und der Poesie des Dschungel- und Trapperlebens lässt sich ein opulentes, luxuriös ausgestattetes Gastmahl nicht vereinbaren. Müdigkeit, Hunger und Durst zu ertragen, gehört eben auch zu den stählenden Freuden des Waidwerkes. Mitten in dem von Lianen durchzogenen Buschwerke prangt hier — umkreist von Nilgaus, Schakalen, Tigern, Panthern und anderen Bestien — ein Speisezelt von riesigen Dimensionen; daneben erhebt sich ein Küchenzelt zur Bereitung der warmen Speisen und endlich noch ein Zelt, in welchem die Jäger Toilette machen, ja mitunter sogar den Frack anlegen sollen. Dem Zwang dieses Kleidungsstückes füge ich mich im Dschungel nicht, auf die Gefahr hin, dass ich Anstoß errege; ich bitte ab, doch kann ich nicht anders, das Jagdkleid ist stärker als der Frack. Im Speisezelt ist eine Tafel aufgeschlagen, wie für einen Hochzeitsschmaus — silberne Aufsätze, Jardinieren mit Blumen gefüllt, silbernes Besteck, gedruckte Menu-Karten. Zehn Gänge zählt das Mahl und Weine aus aller Herren Ländern, namentlich Champagner, fließen in Strömen. Derart wird, was des Waidmanns frugaler Imbiss, gewürzt durch einen Trunk aus der Feldflasche, sein soll, zu einer Fete champetre, zu dem geeigneten Abschlusse einer allenfalls mit Damen unternommenen Landpartie. So frühstückten wir denn durch einige Stunden, um dann, schwer und träge geworden, wieder dem Waidwerk, der in Aussicht gestellten Wasserjagd, die sich in ihrer Art ebenso interessant als originell gestaltete, zu obliegen.

Drei große Teiche, nur durch schmale, niedrige Dämme von einander getrennt, dehnen sich zu einer bedeutenden Wasser- und Sumpffläche aus, auf der es von Wild im wahren Sinne des Wortes wimmelt. Die Teiche sind von dichten, an Wasseradern reichen Dschungeln umgeben, die einen beliebten Schlupfwinkel für Nilgaus, Gazellen, Schakale und allerlei Wasserwild bieten. Bevor die ersten Schüsse gefallen waren, konnte man da Kraniche, allerlei Storch- und Reiherarten, Gänse, Enten, Kormorane, Wasserhühner, Taucher, Schnepfen und Wasserläufer beobachten, während in der Luft Adler, Geier und Weihen aller möglichen Arten kreisten; ein Seeadler holte sich auf 10 m von mir einen Fisch aus dem Wasser.

Wir nahmen auf einem der schmalen Dämme hinter Schirmen Stellung. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Trieb durch das Röhricht und den Teich gegen uns zu, wobei als Treiber sieben große Elephanten dienten, die ganz willig selbst in das tiefere Wasser gingen und das Wild aufstöberten. Nach den ersten Schüssen hoben sich wahre Wolken von Wasserwild, das von der Linie der Schützen eifrig beschossen wurde. Noch nie habe ich solche Massen von Wasserwild an einem und demselben Fleck vereinigt gesehen; doch suchten leider die seltenen und scheuen Exemplare, besonders die Kraniche, Störche und Reiher sehr bald das Weite, so dass mir nur zwei schneeweiße Silberreiher (Ardea alba, im Winterkleide) zur Beute fielen.

Lange konnte ich die in unermesslicher Höhe ziehenden Schwärme von Kranichen und Störchen mit dem Blicke verfolgen. Unausgesetzt kamen einzelne Exemplare sowie ganze Flüge von Gänsen und Enten über unsere Köpfe gezogen, so dass wir bald über 100 Stück erlegt hatten. Fielen die Flüge wieder auf einem der drei Teiche ein, so ging alsbald ein Elephant bedächtigen Schrittes vor, um das Wild neuerlich aufzutreiben. Sowohl Wurmbrand als ich schossen Gänse seltener Arten; doch konnten die ungeschickten, als Apporteure fungierenden Kulis die erlegten Tiere nicht finden. Außerdem fielen mir zahlreiche Enten, größtenteils Stockenten (Anas boscas), dann Mittelenten (Anas strepera), Löffelenten und Spießenten (Anas acuta), sowie Kormorane und fünf Blässhühner zur Beute.

Die anderen Herren hatten ebenfalls zahlreiche Enten erlegt, meistens auch solche Arten, wie sie in Europa vorkommen, nur Captain Fairholme schoss eine seltene buntschnabelige Ente (Anas poecilorhyncha). Letzterer hatte überhaupt Waidmannsheil, da ihm sieben Ottern auf wenige Schritte angeschwommen kamen, deren er eine erlegte. Auf unser Befragen, weshalb er denn die anderen nicht auch geschossen habe, antwortete er: „Was hätte ich mit ihnen anfangen sollen?“ Ottern sind eben nicht essbar und die Engländer erlegen in Indien merkwürdigerweise nur reißende Tiere sowie genießbares Wild, während sie andere Tiere, seien sie auch noch so interessant, in der Regel nicht beachten.

Nach zwei Stunden war die Jagd zu Ende, doch versuchten wir noch zum Schluss einen kombinierten Streif in dornigem Gebüsch, wobei ich einen flüchtigen, auffallend starken Nilgau-Stier streckte und einen Black-buck anschweißte, dessen wir jedoch wegen Mangels an Zeit zur Nachsuche nicht habhaft wurden. Während der Rückfahrt schoss ich noch vom Damm aus eine im Dschungel niedergetane Nilgau-Kuh.

Die Hora legalis für die Rückkehr nach Agra war stark überschritten und der Extrazug wartete bereits seit zwei Stunden, als ich in Begleitung des Maharadschas, der sich mir in der Stadt angeschlossen hatte, auf der Station eintraf. Der düstere Herrscher erkundigte sich lebhaft nach dem Ausgang der Jagd, doch wurden ihm die verpönten Nilgaus bis auf ein „aus Versehen“ erlegtes Stück verschwiegen. Eine zarte Andeutung des Residenten, dass die Nilgaus für die Feldkultur sehr schädlich seien, schien der Fürst nicht zu bemerken. Bei der Abfahrt des Zuges erdröhnten 21 Salutschüsse und nach anderthalb Stunden waren wir wieder in Agra, wo wir zu unserem Leidwesen Kinsky noch immer nicht wohler fanden.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 14.02.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet, etwas spät, über Franz Ferdinands Bombay- und Tandur-Aufenthalt.
Franz Ferdinand's stay in Bombay and Tandur, as reported in Die Neue Presse 14 February 1893, p.4.

Franz Ferdinand in Bombay und Tandur, in Die Neue Presse 14. Februar 1893, S.4.

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt auf das Lustspiel “Bürgerlich und romantischl“, während das k.u.k. Hof-Operntheater wieder einmal „Die Rantzau“ gibt.