Mammoth Hot Springs Hotel, 26. Sept. 1893

Da ich die Wunder des Great Canons noch einmal schauen wollte, eilte ich bei Sonnenaufgang zu einem anderen Aussichtspunkt, dem Look-out Point. Die Sonne leuchtete grell in das Farbenlabyrinth und ließ besonders die gelben Töne intensiv hervortreten; in der Schlucht strich ein Fischadler auf und nieder, und über uns auf steiler Spitze war abermals ein Adlerhorst zu sehen. Vom Look-out Point stieg ich einen sehr steilen und für unsere städtischen Stiefletten ziemlich wenig geeigneten Weg gegen den Großen Wasserfall bis zu einer Klippe hinab, welche über demselben liegt und einen guten Überblick über die Stromschnellen und den Kessel des Falles ermöglicht, in dem starke Baumstämme umherwirbelten.

Da die Coach noch nicht zur Stelle war, beschlossen wir, eine kleine Jagd auf die allerliebsten, gestreiften Eichhörnchen, welche auf den Bäumen und dem Boden umherhuschten, zu veranstalten; es gab deren sehr viele, doch konnten wir, da Stöcke und Steine unsere einzigen Waffen bildeten, nur ein Exemplar erbeuten.

Die bald nach diesem verpönten Vergnügen angetretene Fahrt gieng in westlicher Richtung durch waldiges Hügelland und bot wenig Abwechslung; unmittelbar bevor wir das Norris-Hotel erreichten und wieder auf die uns schon bekannte Route kamen, ersahen wir in einer Schlucht Basaltfelsen von abenteuerlicher Gestaltung, darunter als hervorragendsten einen großen Block, „des Teufels Ellbogen“.

Bei dem drolligen Irländer frühstückten wir wieder in dem fliegenreichen Zelt und unternahmen, da die Kutscher erklärten, sie müssten die Pferde hier wenigstens anderthalb Stunden rasten lassen, in der Umgebung, möglichst gedeckt vor den aufmerksamen Augen der Soldaten, eine Fortsetzung der vormittagigen Jagd auf Eichhörnchen.

Eine Unzahl gestürzter Bäume und Holzstücke, unter welche sich die überaus flinken Tierchen blitzschnell verkrochen, und Erdbau mit weitverzweigten Gängen, die gleichfalls als Schlupfwinkel dienten, erschwerten unser Beginnen. Nachdem wir jedoch einige Zeit tüchtig umhergelaufen waren, hatten wir endlich fünf Stück auf der Strecke, darunter eines in lebendem Zustande, das, arg bedrängt, in eine leere Konservenbüchse geflüchtet war.

Während wir bei der Hinfahrt die Strecke zwischen Morris Geyser Bassin und Mammoth Hot Springs im Winterkleid und bei bedeutender Kälte gesehen hatten, bot jetzt die Landschaft ein ganz anderes Bild; der Schnee war vor den wärmenden Sonnenstrahlen gewichen, so dass die bunte Färbung der Laubbäume, welche zwischen rot, gelb und grün wechselte, zur vollen Wirkung kam, insbesondere auf dem prairieartigen Hochplateau und den Lehnen um den Swan Lake. Beim Beaver Lake zeigte sich leider keiner seiner Bewohner, der emsigen Biber, wogegen wir knapp vor dem Golden Gate einen anderen seltenen Repräsentanten der amerikanischen Tierwelt, nämlich eine Gabel-Antilope, einen auffallend starken Bock, erblickten, der auf Schussdistanz vom Wagen über die freie Fläche wechselte und wiederholt ohne jedes Zeichen von Scheu stehen blieb. Diese Antilope — Amerika besitzt nur diese eine Art — erinnerte mich in Gang und Gebaren sowohl an unser Reh, wie an die Gemse; sehr originell ist das hakenartig gebogene, starke Gehörne.

Kurz darauf sah ich auf ungefähr 200 Schritte wieder ein merkwürdiges Tier durch die niederen Büsche der Prairie wechseln, das ich zuerst nach Farbe und Gang für einen Biber hielt; doch bald erkannte ich, dass es ein Stachelschwein war, welches unsere Anwesenheit bemerkt und sich bereits zur Flucht gewendet hatte. Rasch sprangen wir vom Wagen, stürmten bei möglichster Ausnützung unserer Lungen und Beine dem Tiere nach und parforcierten es nach ausgiebigem Dauerlauf; als die Distanz zwischen uns und dem Stachelschwein immer geringer wurde, warf es sich in eine Grube, in der es mit einem Jagdmesser den Fang erhielt. Das amerikanische Stachelschwein unterscheidet sich nicht unwesentlich von dem indischen; die Stacheln sind bedeutend kürzer, am vorderen Teil des Körpers hat es lange borstige Haare und ist dunkler gefärbt.

So hatten wir denn, ohne das „No Shooting“ im Yellowstone-Park übertreten zu haben, doch ein Stinktier, ein Stachelschwein und sechs Eichhörnchen, nebst einem unschuldigen Finken, welcher bei der Eichhörnchenjagd durch ein Wurfgeschoss getroffen worden war, auf der Strecke und hoben, obgleich die Jagd keine sehr edle in Sanct Huberto genannt werden konnte, unsere letzte und interessanteste Beute gleichwohl freudig auf den Wagen.

Gegen Abend langten wir im Mammoth Hot Springs Hotel ein, wo unser eine arge Enttäuschung harrte; denn die lange erwartete und mit Bestimmtheit zugesagte Post war noch immer nicht eingetroffen.

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Grand Canon Hotel, 25. Sept. 1893

Vor Kälte klappernd verließen wir am frühen Morgen unser Lager, um unter wolkenlosem Himmel nochmals dem Fischfang zu obliegen; der Dampfschiffbesitzer, welcher neben dem Hotel wohnt und einer der wenigen zuvorkommenden Amerikaner war, die ich kennen lernte, lieh uns das nötige Angelgerät, mit welchem ausgerüstet wir nach einer kleinen Traversade über den See bald wieder am Fluss waren. Diesmal fischte jeder von uns allein in einem Boot, und ich ließ mich weiter flussabwärts rudern, weil ich dort eine günstigere Stelle vermutete.

Während der Überfahrt konnte ich die zahlreiche Arten aufweisende Vogelwelt des Yellowstone Rivers beobachten; Entenflüge zogen unausgesetzt auf und nieder, Gänse flatterten mit lautem Geschrei auf, Möven strichen eleganten Fluges pfeilschnell einher und Bussarde, Weihen und Fischadler zogen ihre Kreise über dem Kahn, dessen Bewegungen von den Hehern, die auf dem Ufer aufgebäumt hatten, mit heiseren Lauten begleitet wurden.

In einer kleinen Bucht, die mir für den Fang günstig schien, legte ich das Boot vor Anker und ging mit großer Geduld an mein Werk: zu meiner Freude biss nach etwa einer Stunde die erste Forelle an, welcher nach längeren Zwischenräumen weitere vier Stücke folgten, deren jedes ungefähr ein Kilogramm wog; einige andere Forellen, die ich schon erbeutet glaubte, gingen mir wieder verloren, da es mitunter nicht möglich war, die an der Angel hängenden, blitzschnell umherschießenden Fische sofort ins Boot zu bringen. Man konnte deutlich erkennen, wie die Fische infolge der Kälte nur widerstrebend die lockende Fliege annahmen, die sie oftmals umspielten, ohne darnach zu schnappen. In der guten Saison muss der Fischfang hier einen sehr unterhaltenden Sport bilden, da man zu jener Zeit, wie ich hörte, binnen kürzester Frist an hundert Stücke fangen kann.

Als in der Folge keine Forelle mehr anbeißen wollte und mein Bemühen auch an einer anderen Stelle fruchtlos blieb, vereinigte ich mich mit den anderen Herren, die ebenfalls einige Beute hatten, und kehrte zum Hotel zurück, wo sieben in der Nacht gefangene und getötete Stinktiere zu sehen waren. Diese besitzen einen dachsartigen Körper und weiches, schwarz und weiß geflecktes Fell; da sie die ganze Umgebung, in der sie sich befinden, durch ihren penetranten Geruch verpesten, werden sie eifrig verfolgt.

Nachmittags machten wir uns in unserer Coach auf den Weg zum Yellowstone Canon, zuerst dem Ufer des Sees, dann jenem des Yellowstone-Flusses folgend. Bald hörte der geschlossene Wald auf und machte freien, mit Artemisia-Pflanzen bedeckten Stellen Platz, die, von Bäumen umgeben, dem Wild ein treffliches Äsungsterrain bieten; wohl manche Büffelherde dürfte einstmals diese Plätze aufgesucht haben.

Auf halbem Wege, nächst der Straße, zeigt sich eine der seltsamsten Erscheinungen des Parkes, der Mud Cauldron oder Schlammgeyser, ein tiefer Trichter, aus dessen seitlicher Öffnung unausgesetzt unter starker Dampfentwickelung und dumpfem Dröhnen blaugrauer, kochender Schaum ausgeworfen wird, was sich recht unheimlich ausnimmt. Jeder Gegenstand, der hineingeworfen wird, verschwindet in der schauerlichen Öffnung für immer, nur Holzstücke kommen manchmal für kurze Zeit, doch bereits ganz zersetzt wieder an die Oberfläche.

Das nördlicher gelegene Hayden Valley, ein völlig baumloses, ödes Tal mit wellenförmigen Hügelketten, wird von einem Bächlein in Schlangenwindungen durchflossen; ein noch sichtbarer, ausgetretener Pfad zeigt den Weg an, den einst ein ganzer Indianerstamm, nach bedeutenden Verlusten im Kampf gegen andere Stämme mit Weib und Kind aus den südlichen Gebieten in den Norden auswandernd, benützt hatte. Heutzutage ist es den Indianern untersagt, das Territorium des Yellowstone-Parkes zu betreten.

Als wir eben über eine Brücke gefahren waren, erblickte ich ein Stinktier vorbeiwechseln; dem Kutscher „Stop“ zurufen, die Stöcke ergreifen und aus dem Wagen springen, war Eins, und nun begann eine sehr heitere Jagd, bei der wir Steine als Wurfgeschosse verwendeten. Das Stinktier wollte, obwohl in die Enge getrieben, durchaus nicht das Wasser annehmen, sondern lief am Ufer auf und ab, bis es sich endlich stellte und von seinem letzten Rettungsmittel, einem abscheulichen Parfüm, den ausgiebigsten Gebrauch machte, was uns aber nicht abhielt, es gleichwohl zu erbeuten. So hatten wir im Gefilde des Parkes, wenn auch ohne die Gewehre benützt zu haben, doch eine Strecke zu verzeichnen; ich gab Auftrag, diese auf dem zweiten Wagen unterzubringen, und dann fuhren wir, die lustige Stinktierjagd besprechend, fröhlich weiter.

Kaum waren wir im Grand Canon Hotel, unserer Nachtstation, angelangt, als Hodek auch schon mit der Meldung eintraf, dass der Kutscher des zweiten Wagens die Mitnahme des Stinktieres nicht zugelassen habe; er — Hodek — habe eben versucht, dasselbe an die Achse zu binden, doch sei der Kutscher vom Bock gesprungen und habe es weit weg geschleudert, was zu einem heftigen Auftritte zwischen beiden geführt habe. Das Stinktier war daher liegen geblieben; ich wollte aber die schwer errungene Beute nicht fahren lassen, und so wurde nun Kriegsrat gehalten, was zu tun sei, umsomehr als das Tier auch nicht ins Hotel gebracht werden durfte. Endlich siegte eine bedeutendere Anzahl von Dollars über die Bedenken des Kutschers, der mit Hodek zurückritt, und bald lag der Balg unseres Stinktieres in einer Blechbüchse wohl verpackt bei den Gepäcksstücken.

Die größte Sehenswürdigkeit des Parkes ist unstreitig der große Canon des Yellowstone-Flusses, welcher allein schon eine Reise nach dem Nationalpark verlohnen würde. Durch Erfahrungen gewitzigt, hatte ich mich auch der Anpreisung dieser Naturschönheit gegenüber sehr reserviert verhalten, gestehe jedoch gerne, dass hier meine Erwartungen weitaus übertroffen worden sind.

Wir kamen gerade zu rechter Zeit an, weil der Abend kurz vor Sonnenuntergang der günstigste Moment für die Besichtigung des Canons ist, und fuhren in einem kleinen Wagen, welcher den mangelhaften Zustand des Waldweges unserer Erinnerung schonungslos einprägte, vom Hotel ab. An mehreren niedrigen Aussichtspunkten vorbeikommend, welche uns die Pracht des Tales bereits ahnen ließen, sehen wir uns endlich am Fuß des 460 m über den Yellowstone aufragenden Inspiration Points. Da liegt sie nun vor uns, die mehr als 300 m tief abstürzende Schlucht, mit steilen, fast senkrechten Wänden, welche phantastisch geformte Vorsprünge mit wild zerrissenen Spitzen und Felsennadeln aussenden, während sich der Fluss in der Talsohle einem blauen Bande gleich dahinschlängelt. Die kulissenartig nebeneinander aufstrebenden Felszacken zeigen selbst ebenfalls die kühnsten Gestaltungen und schließen kleine Schluchten sowie Schutthalden, mit abgebröckeltem Gestein erfüllt, ein; der Rhyolith, aus welchem die Felsen bestehen, unterliegt eben sehr der Verwitterung und Zersetzung, so dass sich unausgesetzt einzelne Stücke ablösen und die Zerklüftung immer weiterschreitet.

Bei weitem das Schönste und Eigenartigste des Canons sind die mannigfaltigen Färbungen, in welchen das felsige Gestein und vor allem die Schütten erglänzen; alle nur erdenklichen Farben in den verschiedensten Schattierungen sind hier vertreten, doch herrschen gelb, rot, rosa und weiß vor. Besonders in Rot finden sich alle Nuancen vom dunkelsten Blutrot bis zum zartesten Rosa, wie solche kaum ein wohlausgestatteter Farbenkasten aufzuweisen vermag; die einzigen dunklen Stellen werden von wenigen, verkrüppelten Kiefern gebildet, die sich in Felsspalten fortfristen. Vermöchte selbst der Pinsel eines Malers alle die Farben, die wir hier erschauen, in ihren Abtönungen und in ihrem Schmelz sowie die bizarren Formen des Gesteines getreu wiederzugeben, so würde doch jedermann behaupten, dass das Bild unnatürlich sei und ein ähnliches in der Natur nicht existieren könne. Selbst die detaillierteste Beschreibung von Meisterhand wäre durchaus ungenügend, um eine zutreffende Vorstellung von der hier in so überraschender Fülle entwickelten seltsamen Pracht und Herrlichkeit zu vermitteln. Wer diese in ihrer ganzen Größe erfassen will, muss hier an einem schönen Herbstabende geweilt haben, um einen Traum der kühnsten Einbildungskraft verwirklicht zu sehen.

Im Beginn der Schlucht zeigt sich der Große oder Untere Wasserfall des Yellowstones, welcher an dieser Stelle schäumend und tosend über eine senkrechte Felswand von fast 100 m Höhe herabstürzt, während der Obere Wasserfall, in weiter Ferne liegend, nur als silberweißer Punkt erscheint; gegen die andere Seite zu verliert sich die Schlucht in bewaldeten Bergen, die abends eine dunkelviolette Färbung annehmen, während hinter diesen ein schneebedeckter Bergriese die Szenerie effektvoll abschließt. Diesem herrlichen Anblick kann ich nur jene wenigen Momente, da sich in Dardschiling der Nebel zerteilte und mir die Spitzen des Himalayas in ihrer jungfräulichen Majestät enthüllte, würdig zur Seite stellen.

Der Inspiration Point, eine mitten im Canon gelegene, für Schwindelfreie nicht allzuschwierig erreichbare Felsspitze, ist für die Rundschau der günstigste Punkt; umsomehr nahm es mich Wunder, dass für den Schutz der Reisenden an diesem Ort gar nicht gesorgt ist und weder Geländer noch Stufen den immerhin gefährlichen Weg erleichtern, vor dessen Zurücklegung bis zum äußersten Punkt ich jeden, der nicht Bergsteiger ist, warnen möchte.

Je tiefer die Sonne hinter die Berge sank, um so wechselnder wurde auch das Spiel der Farben, so dass wir, in Bewunderung versunken, uns lange von dem Schauspiel nicht trennen konnten, bis die wiederholte Mahnung des Kutschers, welcher die Rückfahrt in der Dunkelheit scheute, zwang, vom Inspiration Point zu scheiden. Einige große Steine, die wir zuvor noch abrollten, sprangen donnernd von Absatz zu Absatz, durchsausten die enorme Fallhöhe in wenigen Sekunden und verschwanden aufklatschend im Fluss. Auf einer der Felsnadeln, an deren höchste Spitze geklebt, entdeckten wir einen großen Adlerhorst, dessen Erbauer sich ein wohl unersteigliches Plätzchen gewählt haben.

Abends stöberten drei Bären, anscheinend eine Alte mit zwei Jungen, in dem kaum 200 Schritte vom Hotel entfernt liegenden Haufen von Konservenbüchsen, bei welcher Beschäftigung ein Herr, der sich schon vorher in der Nähe des Platzes verborgen hatte, die Tiere erblickte; als aber der ganze Schwarm Reisender, darunter auch wir, herbeieilte, verschwanden die Bären leider auf Nimmerwiedersehen, weil die Hotelgäste, besonders aber die Damen, äußerst unruhig waren, schwätzten und kicherten, was wohl selbst einen zahmen Bären vertrieben hätte.

Ohne das unerbittliche „No Shooting“ hätte ich mich gewiss an diesem allerdings nicht poetischen Platz angesetzt, überzeugt, dass ich im Lauf der Nacht zum Schuss gekommen wäre.

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Yellowstone Lake Hotel, 24. Sept. 1893

Erfreulicherweise konnte Clam heute an der Fahrt teilnehmen, zumal das Wetter prachtvoll und ein relativ warmer Tag zu gewärtigen war. Im Fountain Geyser Hotel lieferte uns der Wirt noch einen Beweis amerikanischer Unfreundlichkeit, indem er auf unsere Frage, wann der Old Faithful wieder spielen werde, mit einem mürrischen „Ich weiß es nicht“ antwortete. Kaum im Wald verschwunden, erfuhren wir von den im zweiten Wagen folgenden Jägern, dass der Geyser nach wenigen Minuten in Aktion getreten sei.

Bis zum Upper Geyser Bassin hatten wir denselben Weg vor uns wie am Vortag und fuhren daher an den gestern besichtigten Geysern vorbei, die infolge der kühlen Morgentemperatur besonders stark rauchten. Von da an bis zum Yellowstone-See blieb unser ständiger Begleiter ein Wald, der, ziemlich wüst und öde aussehend, allerdings kein solcher in unserem Sinne war, immerhin aber vereinzelte schöne Bäume enthielt. Eine große Zahl derselben zeigte frische Spuren von Bären, welche die Stämme erklettert und in der Rinde die Abdrücke und Risse ihrer Tatzen zurückgelassen hatten. Diese Kletterübungen werden von den Bären, die ihre Nahrung ausschließlich auf dem Erdboden finden, nur zum Zeitvertreib vorgenommen, während Biber ernste Arbeit an armdicken Stämmen verrichtet hatten, die in einer Höhe von etwa 30 cm glatt durchgebissen waren.

Der erste Punkt unserer Fahrt, zu dessen Bewunderung man uns einlud, rechtfertigte eine solche durch nichts; es waren dies die Kepler-Fälle, welche von dem in einer kleinen Schlucht über ein paar Steine herabfallenden Firehole gebildet werden. Den Wald unterbrechende Felspartien und steinige Leiten waren mit einer leichten Schneedecke überzogen und regten in uns passionierten Gebirgsjägern den Gedanken an, wie geeignet diese Plätze für Bartgams wären, und wie sehr sie dann in unseren Augen gewinnen würden.

Die in vielfachen Krümmungen angelegte Straße bezeugte, dass heuer sämtliche Straßenbauten und Reparaturen unterblieben waren; die Yellowstone-Park-Gesellschaft hat in diesem Jahre, in dem sich der Fremdenbesuch auf nur 3000 Personen belief, so schlechte Geschäfte gemacht, dass sie überall sparen und beispielsweise 100 Kutscher entlassen, sowie 200 Pferde, für welche es an Beschäftigung mangelte, auf die Weide schicken musste.

Nach längerem Anstieg und wiederholter Tränkung der Pferde erreichten wir ein waldiges Hochplateau von bedeutender Ausdehnung, wo eine 2470 m über dem Meer befindliche Tafel mit der Aufschrift „Continental Divide“ belehrt, dass man sich auf der Wasserscheide zwischen dem Pazifischen und Atlantischen Ozean befinde. Aus einem weithin reichenden Wald leuchtet die blaue Fläche des südlicher gelegenen Lake Shoshone entgegen, und in weiter Ferne ragen einige schneebedeckte Spitzen empor.

In sehr scharfen Serpentinen führt der Weg wieder bergab, dartuend, dass die Parkgesellschaft hier entweder wenig um die Sicherheit der Reisenden besorgt ist oder ihren Pferden sehr vertraut; denn das schmale Geleise, das knapp für einen Wagen Raum bietet, zieht, ohne durch ein Geländer oder eine sonstige Schutzvorkehrung abgeschlossen zu sein, hart an Abgründen vorbei, wozu noch kommt, dass der Unterbau der Straße, aus weichem Materiale bestehend und mit bedenklichen Rissen durchsetzt, geringes Vertrauen erweckt.

Ganz unvermutet liegt der Yellowstone-See zu unseren Füßen, und weithin schweift der Blick bis zu den umrandenden Bergen sich an dem herrlichen Bilde weidend. Dieses Gewässer bedeckt in der Höhe von 2360 m einen Flächenraum von 302 km2 und zieht sich mit tiefen Buchten ins Land, so dass man es mit vier Fingern einer Hand vergleichen kann; uns zunächst breitet sich die West Bay oder Thumb aus, wo selbst gewöhnlich das Frühstück in einem Zelt eingenommen wird.

Ganz in der Nähe sprudeln viele heiße Quellen hervor, deren einige bemerkenswert sind, so eine Schlammquelle, ähnlich den Mammoth Paint Pots, die aber statt des weißen Breies intensiv rosa gefärbten Schlamm auswirft und hiedurch einer brodelnden Erdbeercreme gleicht, dann die Gerberquelle mit braunem Wasser u. a. m. Einzelne Quellen liegen knapp am Seeufer, teilweise auch innerhalb des Sees, so dass beim Fishing Cone nur die Ablagerungen das heiße Wasser vom kalten trennen; hier kann man, mit der Angel am Quellrand stehend, im See Forellen fangen und diese alsbald, ohne sich von der Stelle zu rühren, im heißen Wasser kochen — ein Scherz, der öfters praktiziert wird, wie die vielen umherliegenden Gräten und Fischskelette beweisen.

Im Lunchzelt, wo uns ein kaum genießbares, dem Ende der Saison entsprechendes Frühstück vorgesetzt wurde, fanden wir eine Gesellschaft Deutscher, welche sich zu einer vierwöchentlichen Jagdexpedition südlich der Parkgrenze begaben und viel von den großen VVildmengen jener Gegend zu faseln wussten; das fürsorgliche Park-Kavalleriekommando hatte den Jüngern Nimrods für die Dauer der Reise durch den Park die Gewehre versiegelt.

Auf dem kleinen, nicht der Parkgesellschaft, sondern einem privaten Unternehmen gehörigen Dampfboot „Zillah“, das uns über den See brachte, fungierte der Kapitän aus Ersparungsrücksichten auch als Steuermann, Kassier und Stewart; den Hauptschmuck des Bootes bildete ein unter dem Sternenbanner angebrachtes, kapitales Wapiti-Geweih — eine in diesen Gegenden weit verbreitete Sitte; sah ich doch einmal sogar eine Lokomotive, die auf dem Rauchfang ein Geweih trug. Idyllische, lautlose Ruhe herrscht im Gebiete des Bergsees, den in prächtiger Umrahmung mächtige Berge umfassen, so der Mount Sheridan, Mount Cathedral, Grizzly, Eagle Peak und Mount Table. Vom Ufer an ziehen sich auf den Bergen bis zur Vegetationsgrenze unermessliche Forste empor, welche auch den Hauptstandort der hier heimischen Büffel bilden; eine kürzlich diese Stelle passierende Gesellschaft soll sogar einige dieser Riesen der Tierwelt vom Schiff aus gesehen haben. Zahlreiche Enten sowie Gänse bevölkerten den See und tummelten sich in nächster Nähe unseres Fahrzeuges umher; in einiger Entfernung sahen wir Schwäne und Pelikane, und auf einer kleinen Sandbank saß ein Seeadler mit schneeweißem Kopf und Stoß.

Das Yellowstone Lake Hotel, ein ebenfalls geschmackloser Bau, steht auf einem kleinen Hügel oberhalb des Sees und ist mir infolge seiner Lage sowie seiner Aussicht das sympathischeste unter allen Hotels im Park, die ich bisher kennen gelernt habe.

Da mir der Besitzer des Dampfers den Vorschlag gemacht hatte, vor Sonnenuntergang noch auf Lachsforellen zu fischen, fuhren wir in zwei kleinen Booten bis zur Austrittstelle des Yellowstone-Flusses aus dem See, dort unser Glück zu versuchen; ich fischte mit einer Schleppangel und einer Fliege, doch war nicht viel Aussicht auf Erfolg vorhanden, weil nur die Monate Juli und August für den Fischfang günstig sind und die Fische infolge der Kälte wenig Neigung zeigten, anzubeißen. In dem prächtig klaren Wasser des Flusses, in dem man überall, selbst bei bedeutender Tiefe bis auf den Grund sehen konnte, tummelten sich zwar zahlreiche Fische, aber auch die verlockendsten Fliegen übten lange keine Anziehungskraft, bis endlich zwei Lachsforellen der Versuchung doch erlagen und Imhof zur Beute fielen, der mit mir im Boot saß. Diese Salmoniden zeichnen sich hier durch besonders schöne Färbung aus, da ihre goldgelbe und rosenrote Haut mit zahlreichen, dunklen Flecken bedeckt ist.

Ein gleichfalls dem Fischfang obliegender Deutscher, dem wir zufällig begegneten, versicherte uns, dass die Fische am Morgen noch etwas besser angebissen hätten, die jetzige Stunde jedoch ganz ungeeignet sei, so dass wir uns zum Rückzug entschlossen, während desselben durch das herrlich schöne Untergehen der Sonne, ein Alpenglühen und den gleichzeitigen Aufgang des Mondes über dem stillen Bergsee für den wenig befriedigenden Fischfang reichlich entschädigt.

Für den späten Abend wurde uns noch der Anblick eines Bären versprochen, welcher, wie man im Hotel behauptete, nach Anbruch der Dunkelheit täglich dem beim Hause befindlichen, mit den zahlreichen weggeworfenen Konservenbüchsen ausgestatteten Düngerhaufen seinen Besuch abstattet; tagszuvor hatte ihn eine Gesellschaft bei seinem Mahl überrascht, worauf er brummend einen Baum erkletterte und von den Anwesenden mit Holzstücken beworfen wurde. Trotz langen Wartens bekam ich nichts zu Gesicht, fand aber einen Pferdekadaver, der bereits von einem Bären angeschnitten war.

Eine stark decolletierte und mit Brillen versehene ältliche Hebe, die einen äußerst komischen Eindruck machte, bediente uns beim Souper. Nachtsüber mussten wir in den ofenlosen, feuchten Zimmern empfindliche Kälte ertragen.

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Fountain Geyser Hotel, 23. Sept. 1893

Die Yellowstone Park Company verwaltet als privilegierte Hotel-Aktiengesellschaft auch das Transportwesen und hat für ihre Pferde, welche die anstrengende 68 km lange Fahrt vom Mammoth Hot Springs Hotel bis zu dem im Lower Geyser Bassin gelegenen Fountain Geyser Hotel ohne Relais zurücklegen müssen, hier eine Art Rasttag eingeschaltet, welcher in der Regel zu einer dreistündigen, ungemein interessanten Fahrt nach den schönsten und größten vulkanischen Gebild des Parkes, im Lower und im Upper Geyser Bassin benützt wird.

Clam konnte heute leider nicht an unserer Fahrt teilnehmen, da sich bei ihm abermals eine Mahnung an das Tropenfieber eingestellt hatte. Dichter Nebel überdeckte morgens das ganze Land, doch hob er sich bald und räumte einem sehr schönen, verhältnismäßig warmen Tag das Feld. Vor der Abfahrt hatten wir noch einen hartnäckigen Kampf mit unserem Kutscher, der um keinen Preis das große, aussichtbehindernde Dach der Coach abnehmen wollte und sich erst, als von uns telegraphisch ersuchte Direktion ihre Erlaubnis erteilte, brummend entschloss, unserem Wunsche zu willfahren, jedoch nicht ohne hiebei das Gerüst des Daches zu brechen.

Der Wagen rollte zunächst über eine hohl klingende Kalksinter-Terrasse, die befürchten ließ, dass wir einsinken würden, und in der Tat glitt eines unserer Hinterräder in den kleinen Krater einer heißen Quelle. Kaum fünf Minuten vom Hotel entfernt, sahen wir einen kapitalen Wolf, der auf 200 Schritte vor uns über eine ganz freie Fläche trollte und wieder unser lebhaftes Bedauern, im Park nicht jagen zu dürfen, wachrief; längere Zeit hindurch konnten wir ihn auf Schussdistanz beobachten, bis er, beständig nach uns zurückäugend, im Wald verschwunden war.

Hart an dem Firehole River liegt der Excelsior Geyser, welcher seit dem Jahre 1888, mit einer kurzen Ausnahme im Jahre 1890, nicht mehr gespielt hat, früher aber allerdings der bedeutendste im Becken war und seine Wassermassen 60 bis 90 m hoch emporschleuderte, als richtiger „Geysir“, altisländisch der Wütherich. Jetzt sieht man nur noch einen großen Krater mit siedend heißem Wasser, das in der Mitte dunkelblauen, an den Rändern aber infolge der durchscheinenden Ablagerungen rötlichen Schimmer zeigt, der sich selbst in den aufsteigenden Dämpfen spiegelt.

Unweit des Excelsior Geyser hielt unser Wagen knapp am Rande der Turkoise Springs, deren klares Wasser tatsächlich von türkisblauer Farbe ist; bemerkenswert sind auch die nebenliegenden Quellen, Artemisia und Morning Glory.

Eine Brücke des Firehole leitet in das ausgedehnte Obere Geyserbecken, welches zahlreiche Quellen und gegen 40 Geyser enthält, deren wir schon nächst der Brücke einige erblickten und zwar zuerst den Riverside Geyser, dessen in bestimmten Intervallen erfolgende Eruption wir leider versäumten, dann den Grotto, der eine Art Wölbung und einen keulenförmigen Kegel über seine Quelle gebaut hat; der nächste Geyser wird nach seiner Kraterform Castle genannt, springt in unregelmäßigen Perioden und gleicht, meiner Ansicht nach, einem rauchenden, großen Kamin.

Der schönste und größte aller gegenwärtig tätigen Geyser ist der Old Faithful, welcher diesen Namen in der Tat verdient, denn er hält seine Eruptionszeit, 65 Minuten Ruhe und 4 Minuten Spiel, genau ein. Wir konnten daher die bis zur nächsten Eruption fehlende halbe Stunde zum Besuch einer schneeweißen Kalkterrasse verwenden, die auf gewölbter Oberfläche eine ganze Reihe von Brunnen trägt; so den Beehive mit bienenkorbähnlichem Kegel, welcher derart regelmäßig gebaut ist, dass man ihn für ein Kunstprodukt halten könnte; die durch eigentümliche, schwarzviolette Wasserfarbe ausgezeichnete Giantess, welche nur alle 14 Tage springt, während ihr Gemahl, der Giant, sehr launisch ist und seine Wasserkünste in zum voraus unbestimmbaren Zwischenräumen produziert.

Sehr herzige Geyserchen sind der „Schwamm“ und der „Schmetterling“, welche lebhaft pustend und wichtig tuend kleine Wassersäulchen aufwerfen; ersterer gleicht in Farbe und Aussehen vollkommen einem Schwamm, während letzterer genau die Konturen der Flügel eines Schmetterlings zeigt. Beim Lion und bei der Lioness, kleinen Geysern mit kegelförmig aufgebauten Kratern, ist an der Außenwand eine blasenartige, harte Sinterablagerung bemerkbar, welche als etwas Neues und noch nicht Gesehenes zur Mitnahme eines Stückchens reizt; doch verhindert der scharf auslugende Soldat, welcher keine Reisegesellschaft unbeobachtet Iässt. jegliche Ausbeute und griff, als es Imhof endlich nach schwerer Mühe gelungen war, ein Stück des Sinters verschwinden zu lassen, sofort zu, um den kostbaren Schatz wieder der Tasche des Frevlers zu entreißen.

Unser Führer machte uns nun aufmerksam, dass es Zeit sei, wieder zum Old Faithful zurückzukehren, wo mich meine Neugierde zuerst noch einen Blick in den bereits rumorenden Krater werfen ließ, welches Unterfangen durch eine heiße Dampfwolke bestraft wurde, die mich plötzlich einhüllte und heftig brannte. Unmittelbar darauf erfolgte die Eruption, die gewaltige Wassermasse erhob sich wie ein immenser Springbrunnen etwa 45 m hoch, ein herrliches Schauspiel bietend, dessen Wirkung durch das schöne Wetter, den tiefblauen Himmel und den dunkelgrünen Hintergrund des Tannenwaldes bedeutend gehoben wurde. Ebenso rasch wie sie gekommen war, sank die gigantische, sich nach jeder Seite hin verschieden präsentierende Wassersäule in den Krater zurück, dessen Umgebung aus kleinen, wellenförmig gezeichneten Becken besteht, in welchen das zurückgebliebene Wasser rasch verdampft.

Auf den nach dem Naturgenuss sich einstellenden Hunger der Reisenden ist durch ein hölzernes Hotel Bedacht genommen, woselbst gefrühstückt wird. Da der Old Faithful, wie bemerkt, alle 65 Minuten springt, warteten wir diese Frist ab, um einen neuerlichen Ausbruch zu bewundern und photographische Aufnahmen zu machen.

Mit den erwähnten Geysern und Quellen ist die Zahl derartiger Erscheinungen noch lange nicht erschöpft, weshalb ich nachmittags in einem leichten Wagen noch eine Reihe anderer Geyser besichtigte. Man sollte glauben, dass diese einander mehr oder weniger gleichen und daher bei dem Besucher bald Ermüdung eintritt; doch ist dem nicht so, da jedes der Naturwunder sich durch besondere Merkwürdigkeiten und Eigentümlichkeiten auszeichnet.

Der bereits vormittags gesehene Grotto machte uns die Freude, sich eben zu produzieren, indem er einer Kaskade gleich aus verschiedenen Öffnungen heißes Wasser ausströmen ließ; dann kamen wir zur Punsch-Bowle, einer kochenden Quelle mit erhöhtem Rande, zur White Pyramid, dem Kegel eines erloschenen Kraters, zum Splendid Geyser, Fan, Mortar und wie alle diese Naturspiele noch heißen mögen. In einem kleinen Seitenthale blendete uns die schneeweiße Ablagerung mehrerer Quellen, welche sich daselbst moränenartig ausbreitet und die abgestorbenen Bäume allmählich versteinert.

Hodek wollte uns in besonders malerischer, dem Charakter der Gegend entsprechender Pose photographieren und bat uns, den sehr steilen Krater des anscheinend ruhigen Castle Geyser zu besteigen und auf dem schmalen Rand desselben Stellung zu nehmen. Dieses Bild kühner Kraterbesteigung wäre jedenfalls sehr originell gewesen, doch waren Prónay und ich kaum oben angelangt, als dem alten Castle unsere Absicht zu missfallen schien; denn plötzlich begann er zu speien und uns beide mit Wasser zu überschütten, während heißer Dampf überdies Prónay an der Nase verbrannte. Unwillkürlich mussten wir zugestehen, dass unser Unternehmen auch nicht viel vernünftiger war, als jenes des Deutschen bei dem Constant Geyser, und ließen uns in dem neuerlichen Spiel des Old Faithful, das wir aus der Ferne betrachteten, Ersatz für unseren verunglückten Einfall bieten.

Auf einem anderen Weg, als jenem, den wir gekommen waren, kehrten wir zum Hotel zurück, wobei wir unter dem Geschnatter mehrerer Flüge Gänse eine ziemlich tiefe Furt des Fireholes mit dem Wagen zu passieren hatten. Während meine Herren abends noch spazieren gingen, blieb ich im Hotel, an meinem Tagebuch schreibend, bis mich der prachtvolle Mondesaufgang wieder ins Freie lockte.

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Fountain Geyser Hotel, 22. Sept. 1893

Der heutige Tag ließ sich bitterkalt, wenngleich schön und wolkenlos, an. Auf beinhart gefrorenem Boden entrollte unsere Coach dem Hotel und bog an den Springs vorbei in die Schlucht des Gardiner Rivers, wo die Straße so steil ansteigt, dass unsere vier guten Pferde nur mühsam Schritt für Schritt vorwärts kamen. Trotz Pelz, Decke und des Lebenserweckers Cognac froren wir während der ersten Stunden der 68 km langen Fahrt recht empfindlich.

Nach einiger Zeit erreicht man das Ende der Schlucht, eine Art Pass, welcher nach einem gelben, an den Felsen wachsenden Moos Golden Gate genannt wird und in dem sich der Weg längs einer Felswand über eine hölzerne Brücke hinzieht.

Das Golden Gate findet sich in allen Reisehandbüchern bildlich dargestellt, und unzählige Photographien desselben werden verkauft; doch gibt es in unseren Gebirgen Hunderte viel schönerer Schluchten und Pässe, deren niemand erwähnt. Mir fiel es schon hier auf, dass in Amerika der Humbug auch auf Naturschönheiten ausgedehnt wird und manche ganz unbedeutende Erscheinungen und Punkte dem Reisenden als bewunderungswürdig aufgedrängt werden. Ich bin gewiss ein großer Freund der Natur und ihrer Reize, genieße den begründeten Ruf eines Naturschwärmers, kann tagelang in einer schönen Gegend oder im Walde verweilen und dennoch in jedem Baum, jedem Berg, kurz in allem neue Anziehungspunkte finden; wenn mir aber Reisehandbücher, Fremdenführer, Reisemarschälle und Kutscher gewissermaßen anbefehlen, etwas „schön“ zu finden, so verfliegt meine Bewunderung. ich beginne, nüchternen Auges zu prüfen und Vergleiche mit der Heimat anzustellen, die meistens zugunsten der letzteren ausfallen.

Leider ist die ganze Schlucht mit toten Bäumen, den Zeugen früherer Waldbrände, besäet, und die Regierung könnte wenigstens hier im Nationalpark neben der Straße Aufforstungen vornehmen lassen. Der Gardiner stürzt als kleiner Wasserfall vom Kamm des Passes, über den wir auf ein ebenes, prairieartiges Hochplateau kamen; in dessen Mitte liegt der Swan Lake, der trotz dieses hochtrabenden Namens eigentlich nur eine kleine Pfütze ist. Hinter uns ragte der 3400 m hohe Electric Peak, der höchste Berg des Yellowstone-Parkes. auf, zu unserer Rechten erhoben sich die Schneegipfel des Quadrant Mount, des Bannock Peak und des Mount Holmes, dreier mächtiger, steiler Berge, welche sämtlich über 3000 m hoch sind.

Nach der monotonen Prairie des Hochplateaus nahm uns lebender Wald auf, der sich zwar an Schönheit mit den Forsten unserer Breiten nicht vergleichen lässt, aber doch nur eine geringe Anzahl verbrannter oder vom Schneedruck geknickter Bäume enthält. Kiefern und Tannen bilden beinahe ausschließlich den Bestand, nur hin und wieder lugen einige zwergartige Zitterpappeln oder Weiden aus dem dunklen Grün des Nadelholzes hervor. Da es heute eine prächtige Neue gab, unterhielten wir uns damit, die zahlreichen, den Weg kreuzenden Fährten anzusprechen und entdeckten viele, durch bedeutende Größe ausgezeichnete Elk-(Wapiti-)Fährten, ferner solche von Wölfen, Füchsen und Hasen. Eichhörnchen dreierlei Arten, darunter ein ganz kleines, gestreiftes, niedliches Tier, huschten pfeilschnell umher oder sonnten sich auf den gestürzten Bäumen, um beim Herannahen des Wagens rasch wie der Blitz im Geäst oder Wurzelwerk zu verschwinden.

Der Wildreichtum des Parkes ist dank dem geltenden, strengen Jagdverbot ganz ansehnlich; die letzten Vertreter der einst unzählbaren, wilden Büffelherden, sinnloser Vernichtungswut roher Farmer und Cowboys entrückt, fristen hier ihr Dasein; neben ihnen gibt es Wapitis, Moose (das eigentliche Elch), Big-horns, Bergschafe, kleinere Hirschgattungen, sechs Varietäten von Bären (Grizzly, Cinnamon, Black, Silvertipped, Smutfaced und Silk Bears). einen Bergpanther (Mountain Lion), Wölfe, Füchse, Coyotes, Biber, — anderwärts dem Aussterben nahe, wenn nicht der Verfolgung Einhalt gethan wird — Ottern, Marder, Moschusratten, Hermeline, Hasen, Kaninchen, Dachse, Iltisse und sogar eine Art von Stachelschweinen. Von Flugwild findet man Grouse, Adler und andere Raubvögel, Eulen, viele Gänse und Enten, Pelikane und angeblich Schwäne; dann Kraniche, Krähen, Raben, eine Art blauer Heher und häufig Tannenheher, die in Stimme, Flug und Gebaren den unseren ähnlich sind.

Trotz der überall angebrachten Tafeln, welche ein „No Shooting“ sprechen, und obschon die Militärabteilung auch die Ausübung der Jagd zu verhindern hat, wird doch viel gewildert. So hörte ich, dass vor kurzem von einer Bande bei 500 Stück Wapitis erlegt und über die Grenze geschafft wurden, und ob nicht die Captains, welche mit ihrer Mannschaft in den langen, einsamen Wintermonaten, während welcher der Park gesperrt ist, dessen einzige Bewohner sind, manchmal zur Büchse greifen, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Drei Kilometer vom Swan Lake kreuzt man den Indian Creek und den Willow Creek, die hier in den Gardiner münden, und steht bald darauf dem Obsidianfelsen gegenüber, den ich mir wesentlich anders vorgestellt hatte; der erkaltete Strom vulkanischen Glases ist allerdings am Felsen und auf den vielen umherliegenden Bruchstücken zu bemerken, doch sind der Lichteffekt und die Spiegelung keineswegs so außerordentlich, wie sie geschildert werden. Das Interessanteste ist jedenfalls, dass der als guter Orientierungspunkt dienende Felsen den Indianern, denen er als heilig galt, in seiner harten Masse einst vortreffliches Material für Pfeilspitzen geliefert hat. Als die Straße hier durchgelegt wurde, wollte man das schöne Gestein nicht durch Pulver- oder Dynamitsprengungen verwüsten, sondern erhitzte es stark, um dann rasch kaltes Wasser darüber zu gießen — ein Verfahren, infolge dessen sich der Fels von selbst spaltete.

Zu unserer Rechten lag der Beaver Lake, ein kleiner, hübscher Waldsee mit blauem Spiegel und Biberbauen; hier, wie auf allen Wasseransammlungen gibt es eine Menge Enten, die gar nicht scheu sind und ganz vertraut in nächster Nähe unseres dahinrollenden Wagens umherschwammen. An einem kleinen, in der Nähe des Beaver Lake gelegenen See erwartete uns eine große Überraschung; denn als wir ahnungslos das Ufer entlang fuhren, sahen wir plötzlich auf einer Wiese am Rande des Wassers eine braune Masse sich bewegen, in der wir endlich, auf 150 Gänge herangekommen, zu unserer größten Freude einen mächtigen Biber erkannten; einen solchen am hellichten Tage lustwandeln zu sehen, ist wohl eine besondere Seltenheit, was auch unser Kutscher, der diese Strecke einen geraumen Teil des Jahres hindurch befährt, bestätigte.

Wir ließen den Wagen gleich halten und beobachteten das Tier, welches sich keineswegs stören ließ; selbst als wir schrien und pfiffen, wechselte es langsam wackelnden Ganges fort, nur manchmal sich verhaltend und nach uns zurückäugend. Wie sehr bedauerte ich das leidige »No Shooting«, das mir einen Schuss auf dieses rare Tier verwehrte — was für eine kostbare Jagdtrophäe hätte doch dieser anscheinend sehr alte Herr abgegeben! Er war so nahe, dass ich seinen schönen, dichten Pelz mit den langen, silbergrau angehauchten Spitzen, den keilförmigen, starken Schwanz und die plumpen Läufe genau wahrnehmen konnte. Dieses Intermezzo hob unsere etwas „eingefrorene“ Stimmung umsomehr, als auch die Sonnenwärme allmählich fühlbarer zu werden begann

Es befremdete mich sehr, dass der Kutscher von Zeit zu Zeit anhielt und die dampfenden Pferde ihres erhitzten Zustandes ungeachtet mit Schneewasser tränkte, was ich bei meinen Pferden nicht wagen würde; als wir ihn deshalb interpellierten, meinte er, dies sei von der Gesellschaft so angeordnet, und er müsse an dieser Stelle während des ganzen Jahres tränken. Im Sommer mag dies allerdings angehen, doch finde ich die blinde Befolgung solcher Vorschrift bei dieser Jahreszeit und den obwaltenden Umständen sehr kühn oder sehr töricht.

Abermals folgten zwei kleine Seen, die Twin Lakes, wonach es auf einem manchmal recht schlechten Wege durch ein waldiges Tal gieng, bis wir die Lunchstation, das Norris-Hotel, erreicht hatten, welches bereits zweimal abgebrannt ist, so dass jetzt an dessen Platz nur ein großes Zelt steht; in diesem suchen zahllose Fliegen. die Gäste quälend, vor der herannahenden Winterkälte Schutz und wird den Reisenden schlechtes, kaltes Frühstück vorgesetzt. Der Wirt spielt sich auf den Witzbold und Hanswurst hinaus, hat aber auch Anfälle besonders zutunlicher Art, in welchen er den Gästen die Hand reicht und sie wie alte Freunde und Bekannte begrüßt; so rief er Wurmbrand zu: „Oh, wie geht es Ihnen, lieber Herzog!“ und tat ähnlicher Kindereien mehr.

Gleichzeitig mit uns trafen aus der entgegengesetzten Richtung mehrere Gesellschaften ein, deren Damen zumeist nichts weniger als jung waren. Während der Fahrt waren uns ziemlich viele Reiter mit Bagagepferden und kleine Familienwagen begegnet, meist ärmere Leute, welche den Yellowstone-Park im Lauf der warmen Jahreszeit campierend durchzogen hatten und jetzt vor der einbrechenden Kälte reißaus nahmen. Ein Wagen mit einer sehr korpulenten Familienmutter und einer ganzen Schar hoffnungsvoller Sprösslinge jeglichen Alters, die auf Betten und Küchengerätschaften saßen, nahm sich ganz wie ein Zigeunerwagen aus.

Die bewaffnete Macht wurde durch eine Patrouille vertreten, die uns singend, aber vor Kälte klappernd und mit theatralischen Sombreros sowie mit Stulphandschuhen angetan, entgegengeritten kam. Sobald wir Hunger und Durst mit kaltem Fleisch und mit einer Flasche des so berühmten amerikanischen Zinfandel-Weines gestillt hatten, eilten wir zu Fuß zur Besichtigung der naheliegenden Sprudel und heißen Quellen; hier sah ich zum ersten Mal einen tätigen Geyser, den sogenannten Constant Geyser oder Minute Man, der zwar unter seinen Brüdern einer der kleinsten ist, aber als erstgelegener unsere Aufmerksamkeit fesselte. Inmitten einer großen Kalksinter-Terrasse steigt derselbe mit besonderer Emsigkeit alle vier Minuten 6 m hoch und schleudert hiebei seine kristallklare Wassersäule unter bedeutender Dampfentwickelung wie ein starker Springbrunnen empor, die ganze Umgebung mit heißem Wasser übersprudelnd.

Ganz nahe hievon ist der Black Growler, ein nicht mehr tätiger Geyser, der aber unter heftigem, unterirdischem Getöse eine Dampfsäule ausstößt. Wenige Schritte von der Straße liegt in einer Höhlung der Mud Geyser, eine anscheinend ruhige Quelle mit glattem Spiegel; im Verlauf von je 20 Minuten zeigen sich jedoch Bläschen auf der Oberfläche, und plötzlich steigt das Wasser mit starkem Rauschen 2 m hoch empor, einen Kegel bildend, wie solche bei manchen künstlichen Wasserwerken zu sehen sind; acht Minuten dauert diese merkwürdige Naturerscheinung an, dann fällt die ganze heiße Wassermasse ebenso rasch, wie sie erschienen ist, wieder in sich zusammen und die Quelle liegt klar und ruhig vor uns, wie vordem.

Weiterschreitend, kamen wir zum Emerald Pool, einem erloschenen Geyser, dessen Wasser im Krater eine so schöne grüne und blaue Farbe hat, wie ich solche noch bei keiner anderen Quelle gesehen habe; in der unergründlichen Tiefe ist die Strahlenbrechung des Lichtes einzig in ihrer Art.

Der in einer kleinen Nebenschlucht liegende Monarch Geyser ist ziemlich jung und in seinen Eruptionszeiten höchst unzuverlässig, da er in längeren, ungleichen Intervallen seine allerdings 30 m hohe Wassersäule steigen lässt; dieser Geyser wurde ebenso, wie mancher andere im Park, durch Hineinwerfen von Seife verdorben. Letztere hat nämlich die merkwürdige Wirkung, eine plötzliche Eruption hervor zurufen; doch hat die übermäßige Anwendung dieses chemisch Gewaltmittels einzelne Geyser überreizt, so dass manche ganz ausblieben oder unregelmäßig und nur mehr auf geringere Höhe sprangen. Das jetzt zu Kraft bestehende Verbot dieses Unfuges ist zu spät erflossen, da viele Geyser durch das „Seifen“ bereits außer Tätigkeit gesetzt worden sind.

Außer den genannten besitzt das Norris Geyser Bassin noch eine große Zahl kleinerer Geyser und heißer Quellen, die für sich allein betrachtet, alle höchst interessant wären, jedoch in der Gemeinschaft mit großartigeren Erscheinungen, die zu Vergleichen veranlassen, an Bedeutung verlieren.

Am Tage vor meiner Ankunft hatte ein Norddeutscher, welch sich vor einer Schar Damen als „verfluchter Kerl“ produzieren wollte, die unüberlegte Idee, sich über dem Constant Geyser mit gespreizten Beinen aufzustellen; als die Eruption erfolgte, wurde er ganz verbrüht und schwebt jetzt, als das Opfer seines kindischen Bravourstückes zwischen Leben und Tod.

Im Verlauf der Weiterfahrt kamen wir an den Elk-Park, eine große, waldumschlossene Wiese, welche der Gibbon River mit ruhigem Lauf durchströmt; an den Ufern desselben sahen wir mehrere der schönen amerikanischen Gänse mit dunkelblauen, beinahe schwarzen Köpfen und Hälsen sowie mit weißen Bandstreifen. Sie zeigten sich, entgegen den Gewohnheiten ihrer europäischen Verwandten, sehr vertraut und ließen uns nahe herankommen. Außer diesen erblickten auf dem ganzen Wege nur wenige Vertreter der gefiederten Welt; hin und wieder eine Weihe oder einen Bussard, ziemlich häufig kleine Falken mit graublauem Leib und roten Flügeln, einige Heher, Drosseln, Grouse, Finken und Meisen. Unter der sehr spärlichen Flora fiel mir nur ein Enzian mit langstieligen, violetten Blüten auf.

Unsere Stage Coach rollte in einem waldigen Tal vorwärts den Gibbon River entlang, dem Weg folgend, welcher sich durch den dunklen, von scharf gezeichneten Felspartien unterbrochenen Fost schlängelt; endlich verengte sich das Tal schluchtartig, der Weg st bis zu einem Punkt steil an, von dem aus wir tief unter uns malerischen Gibbon Falls erblickten. Der Fluss stürzt daselbst über einen 25 m hohen Felsen und vereinigt sich im Tal des Firehole River mit diesem zum Madison River. An einer Biegung des Waldes überblickten wir unermessliche Waldstrecken, welche in weiter Ferne von den drei weißen, 4270 m hohen, außerhalb des Parkes liegenden Sentinels der Teton Mountains überragt werden; diese Berge bilden die Grenze zwischen Wyoming, dem Gleichheitsstaat, in dem Männer und Frauen die gleichen politischen Rechte genießen, und Idaho.

Steil bergab fahrend, kommen wir in das Tal des Firehole Rivers, passieren eine Station sowie ein Zeltlager der den Polizeidienst versehenden Kavallerie-Escadron und sind nach achtstündiger Wagenfahrt um 5 Uhr abends in dem von einem Kranz dampfender Quellen und Geyser umgebenen Fountain Geyser Hotel.

Hier waren wir im eigentlichen Zentrum der vulkanischen Oberflächenerscheinungen angelangt und benützten rasch den erübrigenden Rest des Tages, um den größten der hierorts gelegenen Geyser, den nur wenige Minuten vom Hotel entfernten, alle zwei bis drei Stunden springenden Fountain Geyser zu besuchen, wo wir zahlreiche Reisende fanden, die ebenfalls den Moment der Eruption erwarteten. Zu meinem größten Erstaunen sah ich bei einem der kleineren, beinahe kontinuierlich in Tätigkeit befindlichen Nebengeyser eine Bekassine am Rand des Kraters in dem heißen Wasser umhertrippeln und stechen.

Ein allgemeines Ah! der Wartenden rief mich an den Rand des großen Geysers, in dem sich alsbald unter starkem Brodeln und Zischen eine mächtige, 10 m breite Wassersäule zu einer Höhe von 45 m erhob; die Strahlen der untergehenden Sonne brachen und spiegelten sich in der massigen Wassergarbe und boten einen herrlichen Farbeneffekt, den ein anwesender lebhafter Franzose nicht mit Unrecht jenem einer Fontaine lumineuse gleichstellte.

Kaum war das Spiel des Fountain Geysers beendet und Ruhe in dem aufgeregten Wasser eingetreten, so harrte unser schon ein neues Schauspiel, die Mammoth Paint Pots, große Schlammquellen, welche in fortwährender Bewegung sind; schneeweißer, zäher, heißer Schlamm, frisch gelöschtem Kalk ähnelnd, wird hier an zahlreichen Stellen in Form von hemisphärischen Massen, Kegeln, Ringen oder auch als Strahl emporgeschleudert und fällt klatschend wieder zurück.

Der lebhafte Franzose und ich konnten uns nicht enthalten, mit unseren Stöcken in die Masse zu stechen und Stückchen vom erkalteten Rand hineinzuwerfen, doch zeigte sich alsogleich das wachende Auge des Gesetzes in Gestalt eines Soldaten, der uns diesen Übergriff gegen die »Rules and Regulations« verwies. Diese Ordnungswächter, deren stets einer in der Nähe der hervorragendsten Punkte anzutreffen ist, sind von peinlichster Genauigkeit und wachen strenge darüber, dass kein Steinchen des Nationaleigentumes abhanden komme.

Zum Hotel zurückgekehrt, weideten wir uns länger an de prächtigen Bild, das der helle Schein des aufgehenden Mondes in die Rauchsäulen der Geyser wob, als an dem Diner, welches genau so schlecht war, wie wir es bisher in Amerika noch überall gefund hatten; nur waren in angenehmer Weise die unhöflichen Kellner dur eine Schar hübscher Mädchen ersetzt, die von einer sehr alten und sehr mageren „Chefin“ mit Argusaugen bewacht wurden.

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Livingston—Mammoth Hot Springs Hotel, 21. Sept. 1893

Unsere Nachtruhe wurde durch das beständige Verschieben unseres Waggons, welches unter rücksichtslosen Stößen bewerkstelligt wurde, sowie durch das unaufhörliche Pfeifen und Glockengeläute der Lokomotiven empfindlich gestört, so dass wir das Abgehen des Zuges, der uns nach dem Endpunkt der Strecke, der Station Cinnabar, bringen sollte, freudig begrüßten.

Die zweistündige Fahrt führte längs des Yellowstone-Flusses in einem Tal, das sich nach Passierung einer Schlucht, des Gate of the Mountains, erweitert und Paradise Valley genannt wird; hohe Berge mit schneebedeckten Gipfeln, darunter der 3340 m hohe Emigrant Peak, ragen zu beiden Seiten empor. Eine halbe Stunde vor Cinnabar verengt sich das Tal wieder und bildet eine felsige, romantische Schlucht mit Sandsteinwällen, die sich bis zu einer Höhe von 600 m den Berg hinanziehen; schon hier tritt der vulkanische Charakter des Gebietes in manchen Gesteinsarten und Formen zutage.

In Cinnabar harrten der ankommenden Passagiere große, mit vier bis sechs sehr guten Pferden bespannte Coaches, in welchen die Fahrt nach dem ersten interessanten Punkt im Yellowstone-Park, den Mammoth Hot Springs, angetreten wurde. Beim Verlassen des Waggons begrüßte uns empfindliche Kälte, und nach kaum einem halben Kilometer Weges befanden wir uns in einer Schneelandschaft. Die Vegetation war, der hohen Lage — etwa 1600 m über dem Meer — entsprechend, ziemlich spärlich, doch fanden sich an den Wasserläufen und Berglehnen Tannen, eine kleine Thuja, Pappeln und besonders ein graugrüner Ginsterstrauch, der hier vorherrschend ist; sehr erstaunt war ich, allenthalben einen mit langen Stacheln bewehrten Zwergkaktus zu sehen, der am Boden kriechend wächst.

Die Straße war stellenweise ziemlich steil geführt, da sie in der zurückzulegenden Distanz von etwa 13 km um 368 m aufsteigt. Bei der kleinen Ansiedlung Gardiner, welche an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Yellowstone River liegt, fielen mir die zahlreichen umherliegenden Wapiti-Geweihe auf. Hier erreichten wir das Gebiet des Yellowstone-Nationalparks.

Dieser berühmte und vielbesuchte Park, dessen Areal 22.560 km2 beträgt, wurde durch Kongressakt vom Jahre 1872 als öffentlicher Park erklärt und darf als solcher in keiner Weise angetastet werden: das Holzfällen, die Jagd, der Betrieb von Bergwerken u. dgl. m. ist untersagt. Dieser löbliche Beschluss erhält die Originalität des durch seine Naturschönheiten sowie durch die eigentümlichen vulkanischen Erscheinungen ausgezeichneten Landstriches und schützt denselben vor der Verwüstung durch Menschen. Das ganze Gebiet ist vulkanischer Bildung, welche durch die große Zahl von Geysern, heißen Quellen, Terrassen- und Kraterbildungen, Obsidianfelsen und Schwefelhügeln das Erstaunen und die Bewunderung des Besuchers wachruft; sollen doch beispielsweise die hiesigen Geyser jene Islands weit übertreffen.

Etwa dritthalb Kilometer von dem Punkt entfernt, bei dem man den Park erreicht, wird die Grenze von Wyoming überschritten, auf welches der größte Teil des Parkes entfällt, während Montana und Idaho mit weit kleineren Landstrichen an dessen Areal partizipieren.

Nach Überwindung der letzten Steigung lag das Mammoth Hot Springs Hotel, fast 2000 m über dem Meer, vor uns, ein unförmlicher, riesiger Holzbau mit mehreren Annexen, in roter und gelber Farbe prangend; einige rechts hievon gelegene Pavillons dienen als Kasernen und Stallungen einer Kavallerieabteilung, welche für die Bewachung des Parkes und die Aufrechthaltung der Ordnung daselbst zu sorgen hat. Das Sternenbanner auf einem hohen Mast bezeichnet den Rallierungsplatz dieser Truppe.

Der Park wird alljährlich mit Ende September für den Fremdenverkehr geschlossen, so dass jetzt die Saison schon ihrem Ende nahegerückt war; dennoch zählte das Hotel noch viele Gäste und unter diesen eine beträchtliche Zahl übellauniger Deutscher, die anscheinend von der Ausstellung in Chicago hieher gekommen waren. Obgleich das Hotel Raum für 400 Betten besitzt und das beste des Parkes sein soll, mangelte es dennoch an jedem Komfort und an jeglicher Bequemlichkeit für die Reisenden, ein Übelstand, welcher durch die Bedienung noch verschärft wurde, die eine recht nachlässige war, soweit sie nicht gänzlich fehlte.

Als wir endlich einquartiert waren, begaben wir uns zu den Mammoth Hot Springs, heißen Quellen, die durch ihre Kalksinterablagerungen Terrassen bilden, deren Colorit und malerischer Aufbau sich zu einem prächtigen Schauspiel gestalten, wie es auch in Neuseeland, in Island und Kleinasien nicht schöner gefunden werden soll. Bei heftigem Schneegestöber schritten wir das ganze Terrain ab, welches etwa 70 Quellen und 10 bis 12 Terrassen umfasst; neben der weißen, grellgelben oder braunroten Farbe der Ablagerungen nahm sich das tiefe Blau der Quellen, die brodelnd ihr heißes Wasser aus unergründlichen Tiefen bringen, umso effektvoller aus. Manche dieser Quellen, deren Temperatur zwischen 12 und 47° C. schwankt, zeigen übrigens eine ganz ruhige Oberfläche, so dass wir, wenn der beständig aufsteigende Dampf sich im Wind verflüchtigte, in den azur- oder dunkelblauen Schacht hinabsehen und die Struktur der Ablagerungen sowie des Gesteines beobachten konnten; trotz der mitunter hohen Temperatur des Wassers setzen sich dünne Schichten von Algen am Gestein an. Der bröckelige Rand der Quellen schimmert infolge der Niederschläge meist in bräunlicher oder auch zinnoberroter Farbe, während sich an den Abflüssen schöne tropfsteinartige und feinblätterige Absitzungen bilden; sind dieselben noch ganz weiß oder lichtgelb mit Schwefel durchsetzt, so gilt dies als Beweis, dass die Quelle erst vor kurzem entstanden ist.

Eine jeder vulkanischen Gegend zukommende Eigentümlichkeit, die sich aber hier besonders häufig zeigt, ist das plötzliche Verschwinden und Versiegen der Quellen und Geyser, während ebenso unvermutet neue an anderen Stellen entstellen; so zeigte man uns eine Quelle, die erst vor zwei Wochen zutage getreten war, aber doch schon ansehnliche Ausdehnung erlangt hatte.

Wie in allen von Fremden vielfach besuchten Gegenden, hat auch hier jeder bemerkenswertere Punkt, jede Terrasse und Quelle, einen Namen, der oft genug befremdlicher oder widersinniger Art und auf weißen Tafeln verewigt ist; so heißen zwei mächtige, freistehende Steinkegel erloschener Geyser, die gleich im Beginn des Rundganges besichtigt werden, das Liberty Cap und Giant’s Thumb. Nach Passierung dieser Kegel steigt man auf schneeweißem Kalk die größte der Terrassen, Minerva Terrace genannt, hinan, und nun reiht sich Terrasse an Terrasse, Quelle an Quelle. Zu den bemerkenswertesten dieser Sehenswürdigkeiten zähle ich die Jupiter Terrace, die Pulpit Bassins, die Pictured Terrace, die Narrow Gauge Terrace, die Cupid’s Cave, die Teufels- und die Bärenhöhle, — die drei letztgenannten sind kraterähnliche, tiefe Felsenlöcher, aus denen jedenfalls vor Zeiten Quellen strömten — endlich den Orange Geyser und den Weißen Elephanten. Diese beiden sind heiße Quellen, welche aber keine Terrassen bilden, sondern ihre Ablagerungen kegelförmig auftürmen; die Benennung Orange Geyser ist nur insofern richtig, als der Kalksinter dieser Quelle anscheinend eine Beimengung von Eisenoxyd besitzt und daher orangefarbig aussieht. Der Weiße Elephant gleicht tatsächlich einem riesigen Dickhäuter dieser Art, und warmes Wasser der aufbauenden Quelle rieselte, als wir auf einer der glatten Seitenflächen emporklommen und den „Rücken“ des Gebildes betraten, unter unseren Füßen hervor.

Außer den genannten gibt es noch zahlreiche kleinere Gebilde, Quellen und Sprudel, und beinahe überall, wo wir über diesen vulkanischen Boden hinschritten, klang es unter den Tritten dumpf und hohl; viele Quellen lassen auch ein Zischen, Brodeln oder dumpfes Getöse auf weite Entfernungen hin wahrnehmen.

Am Fuße der Mammoth Hot Springs hat ein unternehmender Yankee einen Laden eröffnet, in dem er verschiedene Gegenstände feilhält, die von den heißen Gewässern, ähnlich wie in Karlsbad, rasch mit einer festen Kalkschicht überzogen werden.

Der Abend war recht ungemütlich, da es in dem Hotel keinen Raum gibt, in dem man nach der Mahlzeit rauchen und plaudern könnte; man ist auf das Stiegenhaus und auf die wenig angenehme Gesellschaft umherlungernder und spuckender Cowboys und Arbeiter, die überall Zutritt haben, angewiesen, so dass wir uns schließlich in eines unserer Zimmer flüchteten.
In dem Mammoth Hot Springs Hotel ist man übrigens gezwungen, frühzeitig zu Bett zu gehen, weil um 11 Uhr ohne Rücksicht auf die Bewohner die gesamte elektrische Beleuchtung eingestellt wird.

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Spokane — Livingston, 20. Sept. 1893

Der Morgen brachte uns eine Fahrt durch trostlose Gegend. in der kahle, mit gelbem Gras bedeckte Hügel und im Hintergrund vom Neuschnee erglänzende Berge mit spärlichem Baumwuchs aufragen. Wir sahen nur wenige Farmen, dafür häufiger Indianer, deren in einer Station ein ganzer Trupp geschliffene Büffel- und Ochsenhörner zum Kauf anbot. Männer und Weiber hatten das Gesicht rot oder chromgelb tätowiert, das Haar in Zöpfe geflochten und in den Ohren Ringe aus Muschelschalen; die Kleidung der Männer erschien als ein Gemisch der nationalen und der europäischen Tracht, und es entbehrte nicht der Komik, einen Sohn der Wildnis vor sich zu sehen, der zwar Mokassins und originale Lederhosen trug, aber den Oberleib in ein abgetragenes, schwarzes Jacket gehüllt und das Haupt statt durch Adlerfedern mit einem eingetriebenen Zylinder geschmückt hatte; die Weiber waren in bunte Kotzen gehüllt und blickten starr auf die dem Zug entsteigenden Reisenden. Welch ein Unterschied zwischen diesen von der Kultur angekränkelten Indianern und deren wilden, freien, stolzen Vorfahren, die noch vor nicht allzu langer Zeit die Herren des Landes waren!

Nachmittags überschritten wir zum zweiten Mal den Hauptrücken der Rocky Mountains, diesmal im Mullan-Pass, mittels eines in 1691 m Seehöhe liegenden, über einen Kilometer langen Tunnels; der Scheitel des Gebirgskammes erhebt sich bis zu 1789 m. Der Kontrast zwischen der West- und der Ostseite dieser Wasserscheide ist ein auffallender; die gelben Lehnen der Westseite werden durch eine zerrissene Felsenlandschaft ersetzt, in der sich die Bahn mittels bedeutender Krümmungen und scharfer Kurven dahinwindet; die Felsen nehmen nicht selten phantastische Gestaltung an; die Vegetation lässt im Westen wie im Osten gleich viel zu wünschen übrig.

Kurze Zeit nachher rast der Zug über eine Art Hochprairie, ein sehr breites, flaches Tal; eine Bergkette, auf deren Gipfel hoher Schnee liegt, steigt schroff empor. Halbwilde Viehherden treiben sich auf der Prairie umher und häufig muss der Lokomotivführer den langgezogenen Ton der Dampfpfeife erschallen lassen, um die Tiere von den Schienen zu verjagen; zahlreiche Skelette verendeter Stücke bleichen zu beiden Seiten der Trace. Da die Gegend sehr erzreich, insbesondere goldhaltig ist, sahen wir zahlreiche Minen und Bergwerke, um die sich Ansiedlungen, Städte genannt, gruppieren, deren bedeutendste Helena ist, die Hauptstadt von Montana. Rings um die an Spokane erinnernde Ortschaft finden sich ergiebige Gold- und Silberlager in Ouarzgestein, nebstbei auch Kupfer-, Eisen- und Bleierze. Mit bedeutender, auf amerikanischen Bahnen fast zur Regel erhobenen Verspätung kamen wir in Livingston an, wo wir im Waggon übernachteten, da auf den kleineren Strecken leider keine Nachtzüge verkehren, so dass man gezwungen ist, die Nacht in einem Hotel oder im Schlafwagen zu verbringen.

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Northport — Spokane, 19. Sept. 1893

Früh morgens passierten wir in der Nähe von Fort Shepherd die Grenze zwischen Britisch-Kanada und den Vereinigten Staaten und befanden uns jetzt im Gebiet des Staates Washington.

Vormittags legte der Dampfer in Northport, der Endstation unserer Flussfahrt, an; da aber hier die weise Einrichtung besteht, dass nur an jenen Tagen, an welchen der Dampfer nicht verkehrt, ein Eisenbahnzug abgeht, war jch gezwungen, einen Extrazug zu nehmen, der nur aus Maschine, Gepäckswagen und einem Pullmann-Salonwagen bestand, welch letzteren ich gleich für die ganze weitere Reise mietete. Dieser Wagen hatte eine Küche, bequeme Schlafstellen und bot den Vorteil, dass wir hoffen durften, unter uns zu bleiben und so der Berührung mit unliebenswürdigen Reisegefährten überhoben zu sein.

Der Übergang von der Landungsstelle zum Bahnhof von Northport ist eigenartig; denn das Gleis ist in den Fluss hineingeführt, der Dampfer kommt so nahe an dieses heran, dass er aufsitzt, der Zug aber fährt buchstäblich bis über die halbe Achsenhöhe ins Wasser, und der Reisende gelangt, während kleine Fischchen rings um den Dampfer und den Zug schwimmen, großen Schrittes vom Schiff in das Coupe. Unser Gepäck war rasch umgeladen, und nun ging es, trotz des wenig vertrauenerweckenden Baues der Spokane Falls and Northern Railway, sehr schnell das steil abfallende Seeufer entlang bis Marcus, wo die Bahn den See verlässt, um sich nach Spokane zu wenden.

Die Gegend zeigt hier ein wesentlich anderes Gepräge als tags zuvor; nicht besonders hoch entwickelte Kiefern wachsen in ziemlicher Entfernung von einander, den Boden bedeckt trockenes, gelbes Gras, statt der früher so häufigen Brandstellen zeigen sich mit Mais, Hafer und Weizen bebaute Felder, und in der Nähe der Farmen tummeln sich Herden schöner Rinder sowie Rudel gut gebauter Pferde. Auffallend viele Dampfsägen liegen an der Bahn und riesige Stöße zugeschnittener, gehobelter Bretter beweisen, dass man hier den Wert des Holzes sehr zu schätzen weiß. Die Besitzungen der einzelnen Farmer waren von Zäunen umschlossen oder mit Stacheldraht umfriedet. Wir erblickten auch etwas Wild, indem von kleinen Seen und rohrbewachsenen Tümpeln größere Kitten Enten aufstiegen und pfeilschnellen Fluges an den Coupefenstern vorbeizogen.

Schon in Northport hatte ich ein Telegramm des Obersten Cook erhalten, der mich aufforderte, sein in der Nähe der Stadt Spokane befindliches Regiment und Lager zu inspizieren, da wir uns im genannten Ort zwei Stunden aufhalten müssten. Ich lehnte mit Rücksicht auf mein Incognito die etwas eigenartige Einladung dankend ab, was Veranlassung zu einem Schmähartikel im Spokaner Abendblatte gab, das uns in den Waggon zugestellt wurde. Dieser Artikel trug den lakonischen Titel: „Franz is here“, war mit meinem Bildnisse verziert und strotzte von böswilligen Unwahrheiten, die aber keinesfalls den beabsichtigten Zweck, mich zu ärgern, erreichten; ich fand im Gegenteil diese Zeitungsblüte nur lächerlich, umsomehr als sich verschiedene Stellen von unbeabsichtigt komischer Wirkung eingeschlichen hatten. So hielt sich beispielsweise der übellaunige Reporter über unsere allzu zahlreichen Gepäckstücke auf und stellte die Frage, wie dies erst sein würde, wenn ich verheiratet wäre; dann bemängelte er das „nonchalante“ Abstreifen der Zigarrenasche und brachte noch allerlei anderen Unsinn vor.

Statt der Parade beizuwohnen, benützte ich den Aufenthalt zu einer Besichtigung der Stadt Spokane, die mit ihren geschmacklosen, grün oder rot angestrichenen Bauten ein wenig erfreuliches Bild darbietet. Mittelpunkt eines reichen Agrikulturdistriktes, wurde Spokane im Jahre 1878 gegründet und 1889 nach einem großen Brande umgebaut; Spuren des letzteren sind noch jetzt im Stadtzentrum wahrnehmbar. Die Straßen wiesen ganz außerordentliche Kotmengen auf, die mich an Zustände in kleinen Ortschaften Halbasiens erinnerten.

Die beiden innerhalb der Stadt gelegenen Wasserfälle, Spokane Falls, werden als Naturschönheit gerühmt, sind aber in der Tat nur Wehre, über die das Wasser aus der Gesamthöhe von 45 m abfällt und dessen Kraftäußerung einer Beleuchtungsanlage sowie zahlreichen Fabriken und anderen Unternehmungen dienstbar gemacht wurde.

Nach einem zweistündigen Aufenthalt wurde unser Waggon an den Haupttrain, der trotz seiner Länge von Passagieren dicht besetzt war, angehängt und die Weiterreise mit der Northern Pacific Railway angetreten.

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Revelstoke — Northport, 18. Sept. 1893

Lärmen, Gepolter und das klägliche Geheul der Dampfpfeife zeigten uns nach 4 Uhr morgens das Abgehen des Dampfers an, und wir steuerten, als ich bald darauf die Galerie betrat, bereits mit voller Fahrgeschwindigkeit im Columbia-Fluss. Dieser ist im allgemeinen ziemlich schmal und läuft in zahlreichen, oft sehr scharfen Windungen durch ein enges, zu beiden Seiten von steilen Hügeln und Bergketten eingeschlossenes Tal; die Navigation wird außerdem durch viele Bänke und Felsen des Flussbettes erschwert. Ich musste daher die Geschicklichkeit und Kühnheit des Kapitäns bewundern, der auf seinem mangelhaft steuernden Schiffe mit ganzer Kraft durch diese Hindernisse fuhr; allerdings ist der Tiefgang des Dampfers gering, wodurch die Schwierigkeit der Navigation etwas verringert und die Gefahr vermindert wird, und andererseits ist das Fahrzeug, wie bemerkt, mit zahlreichen Rettungsringen ausgestattet, was wohl für alle Eventualitäten als genügend erachtet wird, da ja bekanntlich in Amerika Menschenleben nicht allzu viel gelten.

Bald verließen uns die vom Feuer verheerten Wälder, und wir traten in Gebiete ein, die von solchen Verwüstungen bisher verschont geblieben sind; sollte auch hier eine Eisenbahn gebaut werden, so wäre wohl die schöne Zeit der prächtigen Waldungen zu Ende. Das Gebiet des Columbia Rivers gehörte bis vor kurzem zu den wenigst bekannten und erforschten Teilen Nordamerikas, und Weiße kommen erst seit Beginn der Flusschiffahrt in diese Wildnis; gegenwärtig sind es zumeist Goldgräber, welche als erste Pioniere vordringen und ihr Dasein fristen, indem sie teils im Fluss Gold waschen, teils in den Gebirgen Erze suchen. Auch einzelne Farmer trachten hier dadurch ihr Glück zu begründen, dass sie zuerst ein Stückchen Wald roden und dieses dann bebauen; unser Dampfer brachte einem dieser Farmer seinen ersten Pflug. Die Ansiedler finden anfänglich ihren Lebensunterhalt nur in der Jagd, die sehr ergiebig sein soll, da viel Hochwild und zahlreiche Bären vorkommen.

Mitunter fuhr unser Dampfer mitten im Wald, ohne dass sich eine Ansiedlung in der Nähe befand, gegen das Ufer und schiffte daselbst einige Goldgräber aus, die sofort in den Urwald eindrangen. Man kann sich daher unschwer vorstellen, welch eigenartige Gesellschaft an Bord vereinigt war; wüste und rohe Gesellen trieben sich in abgeschabter, zerrissener Kleidung, den großen Hut auf dem Kopf und den Revolver zur Hand, auf Deck und in den Salons umher, uns Gelegenheit bietend, schon hier mit der amerikanischen Rücksichtslosigkeit bekannt zu werden. Allenthalben lümmelten diese Kumpane umher, legten die Füße auf Sofas und Stühle, spuckten überall hin und nahmen Bücher, die nur einen Augenblick im Salon liegen geblieben waren, einfach an sich.

Der Fluss geht noch innerhalb Kanadas zweimal in Seen, in den Upper und den Lower Arrow Lake, über, was wir jedoch nur an der lichteren Färbung des Wassers wahrnahmen, da wir sonst die Seen nur für eine Verbreiterung des Flussbettes gehalten hätten.

Die einzige größere Ansiedlung an unserer Route verdankt ihre Entstehung einer Silbermine, welche in der Selkirk Range erschlossen wurde und ziemlich reichhaltig sein soll; infolge der gegenwärtigen Entwertung des Silbers fand eine Verminderung des Betriebes statt, und man verwendet daher die vorhandenen Arbeitskräfte zur Erbauung einer vom Bergwerk zum Seeufer führenden Eisenbahn. Bei dieser Ansiedlung, die aus mehreren kleinen Bretterhäuschen mit dem unvermeidlichen Kramladen und aus einer Dampfsäge besteht, sahen wir alle Arbeiter am Landungsplatz versammelt, weil eben Zahlungstag war und unser Dampfer das Geld brachte. Das Einschiffen des Holzes für unsere Kesselfeuerungen zog sich schier endlos hinaus: große Holzscheite lagen am Rand des Waldes aufgeschichtet, der Kapitän ließ den Dampfer in deren Nähe im Schlamm aufsitzen und schickte ein paar Leute ans Land, welche die Klötze einzeln an Bord trugen.

Schlechtes Wetter verfolgte uns auch hieher, und während vormittags dichter Nebel über den Bergen lagerte, jede Fernsicht benehmend, fing es nachmittags überdies zu regnen an; es wurde bitter kalt, so dass ein Verweilen im Freien unmöglich wurde und wir bei den spuckenden Söhnen der Wildnis im Salon verweilen mussten. Erfreulicherweise hatte eine mitreisende, nebenbei bemerkt, auch sehr hübsche Amerikanerin hinlängliche Nachsicht, uns das Rauchen zu gestatten, wofür wir ihr herzlich dankbar waren.

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  • Ort: Nahe der US-Grenze, Kanada
  • ANNO – am 18.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Tragödie „Arria und Messalina“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Don Juan“ aufführt.

Priests‘ Landing—Revelstoke, 17. Sept. 1893

Während der Nacht hörte der Regen wieder auf; ein frischer, von den Bergen herabwehender Wind brachte schöne, wenngleich kühle Witterung. Des heutigen Sonntags wegen sollte kein Train verkehren und ich konnte daher nur durch die besondere Gefälligkeit der Bahnverwaltung einen Extrazug erhalten, der gegen 3 Uhr nachmittags abzugehen hatte. Ich blieb bis dahin der Erkältung wegen, an der ich noch immer litt, an Bord, während meine Herren einen bewaffneten Spaziergang auf die oberhalb der Station liegenden Höhen unternahmen und einige Grouse einer kleineren Art heimbrachten. Später versuchten wir in der Nähe des Schiffes mit Angeln zu fischen, was jedoch ziemlich erfolglos blieb, obgleich einigen Engländern, die wir des Abends zuvor an derselben Stelle beobachtet hatten, schöne Lachsforellen zur Beute gefallen waren.

Im Extrazug, der aus zwei Schlafwagen und einem Ungetüm von einer Lokomotive bestand, begrüßte uns freundlich grinsend Mr. Fisher, ein Mulatte, der uns bereits von Vancouver aus während der Eisenbahnfahrt bedient hatte. Wir flogen durch die uns schon bekannte liebliche Gegend der Hauptlinie zu, welche wir bei Sicamous erreichten. Etwa eine Stunde vor dieser Station tritt die Bahn an das Ufer einer Ausbuchtung des Shuswap-Sees heran, welcher sich langgestreckt und ernst zwischen dunklen Wäldern hinzieht; nur ein von Indianern gesteuertes Rindenkanu, einzelne große Taucher und hin und wieder ein Flug Enten waren auf dem glatten Wasserspiegel zu sehen. Neuschnee, der in der Nacht gefallen, bedeckte die Kämme der Berge, und die düsteren Tannen nahmen sich im weißen Kleid, welches sie dies Jahr wohl zum ersten Mal angelegt hatten, ganz entzückend aus. Nach der Station Sicamous bogen wir alsbald von dem Seeufer in eine dicht bestockte Waldlandschaft ein, die von einem kleinen Fluss, dem Spallumsheen River, in zahlreichen Krümmungen durchzogen wird; wohltuend wirkte es, hier auf längere Strecken Wald zu blicken, an den noch nicht Feuer gelegt war.

Der Sonnenuntergang brachte uns eine Überraschung, nämlich eine Art Alpenglühen, wie ich es in dieser Weise noch nie gesehen hatte, und das an Schönheit unvergleichlich war; bei sonst bewölktem Himmel erglänzten, sich scharf von den bereits im Schatten befindlichen Teilen der Wälder abhebend, die Höhen im intensivsten Rot, das gegen unten violett verlief, während die beschneiten Spitzen zart rosa angehaucht schienen. Dieser herrliche Farbeneffekt währte beinahe eine halbe Stunde.

Spät abends waren wir in Revelstoke, wo wir die Waggons verließen und uns auf dem der Columbia and Kootenay Steam Navigation Company gehörigen Flussdampfer „Columbia“ einschifften. mit welchem wir den Columbia-Fluss zutal fahren mussten, um bei Northport wieder die Eisenbahn zu besteigen, die uns nach unserem nächsten Ziele, dem Yellowstone-Park, bringen sollte. Der „Columbia“ ist nach demselben System, wie der „Aberdeen“ erbaut, nur in allen seinen Dimensionen größer gehalten, so dass er bis zu 100 Passagiere erster Klasse aufnehmen kann; doch scheint er sehr alt und reparaturbedürftig zu sein, weil überall angeschlagen stand, dass sich die Rettungsgürtel in jeder Kabine unter den Betten befänden, und ich aus meiner Kabine durch klaffende Spalten der Bordwand blicken konnte, während es einem anderen Herrn durch das Deck aufs Bett regnete.

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  • Ort: Revelstoke, Kanada
  • ANNO – am 17.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt das Lustspiel „Die Welt, in der man sich langweilt“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Manon“ aufführt.