Spokane — Livingston, 20. Sept. 1893

Der Morgen brachte uns eine Fahrt durch trostlose Gegend. in der kahle, mit gelbem Gras bedeckte Hügel und im Hintergrund vom Neuschnee erglänzende Berge mit spärlichem Baumwuchs aufragen. Wir sahen nur wenige Farmen, dafür häufiger Indianer, deren in einer Station ein ganzer Trupp geschliffene Büffel- und Ochsenhörner zum Kauf anbot. Männer und Weiber hatten das Gesicht rot oder chromgelb tätowiert, das Haar in Zöpfe geflochten und in den Ohren Ringe aus Muschelschalen; die Kleidung der Männer erschien als ein Gemisch der nationalen und der europäischen Tracht, und es entbehrte nicht der Komik, einen Sohn der Wildnis vor sich zu sehen, der zwar Mokassins und originale Lederhosen trug, aber den Oberleib in ein abgetragenes, schwarzes Jacket gehüllt und das Haupt statt durch Adlerfedern mit einem eingetriebenen Zylinder geschmückt hatte; die Weiber waren in bunte Kotzen gehüllt und blickten starr auf die dem Zug entsteigenden Reisenden. Welch ein Unterschied zwischen diesen von der Kultur angekränkelten Indianern und deren wilden, freien, stolzen Vorfahren, die noch vor nicht allzu langer Zeit die Herren des Landes waren!

Nachmittags überschritten wir zum zweiten Mal den Hauptrücken der Rocky Mountains, diesmal im Mullan-Pass, mittels eines in 1691 m Seehöhe liegenden, über einen Kilometer langen Tunnels; der Scheitel des Gebirgskammes erhebt sich bis zu 1789 m. Der Kontrast zwischen der West- und der Ostseite dieser Wasserscheide ist ein auffallender; die gelben Lehnen der Westseite werden durch eine zerrissene Felsenlandschaft ersetzt, in der sich die Bahn mittels bedeutender Krümmungen und scharfer Kurven dahinwindet; die Felsen nehmen nicht selten phantastische Gestaltung an; die Vegetation lässt im Westen wie im Osten gleich viel zu wünschen übrig.

Kurze Zeit nachher rast der Zug über eine Art Hochprairie, ein sehr breites, flaches Tal; eine Bergkette, auf deren Gipfel hoher Schnee liegt, steigt schroff empor. Halbwilde Viehherden treiben sich auf der Prairie umher und häufig muss der Lokomotivführer den langgezogenen Ton der Dampfpfeife erschallen lassen, um die Tiere von den Schienen zu verjagen; zahlreiche Skelette verendeter Stücke bleichen zu beiden Seiten der Trace. Da die Gegend sehr erzreich, insbesondere goldhaltig ist, sahen wir zahlreiche Minen und Bergwerke, um die sich Ansiedlungen, Städte genannt, gruppieren, deren bedeutendste Helena ist, die Hauptstadt von Montana. Rings um die an Spokane erinnernde Ortschaft finden sich ergiebige Gold- und Silberlager in Ouarzgestein, nebstbei auch Kupfer-, Eisen- und Bleierze. Mit bedeutender, auf amerikanischen Bahnen fast zur Regel erhobenen Verspätung kamen wir in Livingston an, wo wir im Waggon übernachteten, da auf den kleineren Strecken leider keine Nachtzüge verkehren, so dass man gezwungen ist, die Nacht in einem Hotel oder im Schlafwagen zu verbringen.

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Northport — Spokane, 19. Sept. 1893

Früh morgens passierten wir in der Nähe von Fort Shepherd die Grenze zwischen Britisch-Kanada und den Vereinigten Staaten und befanden uns jetzt im Gebiet des Staates Washington.

Vormittags legte der Dampfer in Northport, der Endstation unserer Flussfahrt, an; da aber hier die weise Einrichtung besteht, dass nur an jenen Tagen, an welchen der Dampfer nicht verkehrt, ein Eisenbahnzug abgeht, war jch gezwungen, einen Extrazug zu nehmen, der nur aus Maschine, Gepäckswagen und einem Pullmann-Salonwagen bestand, welch letzteren ich gleich für die ganze weitere Reise mietete. Dieser Wagen hatte eine Küche, bequeme Schlafstellen und bot den Vorteil, dass wir hoffen durften, unter uns zu bleiben und so der Berührung mit unliebenswürdigen Reisegefährten überhoben zu sein.

Der Übergang von der Landungsstelle zum Bahnhof von Northport ist eigenartig; denn das Gleis ist in den Fluss hineingeführt, der Dampfer kommt so nahe an dieses heran, dass er aufsitzt, der Zug aber fährt buchstäblich bis über die halbe Achsenhöhe ins Wasser, und der Reisende gelangt, während kleine Fischchen rings um den Dampfer und den Zug schwimmen, großen Schrittes vom Schiff in das Coupe. Unser Gepäck war rasch umgeladen, und nun ging es, trotz des wenig vertrauenerweckenden Baues der Spokane Falls and Northern Railway, sehr schnell das steil abfallende Seeufer entlang bis Marcus, wo die Bahn den See verlässt, um sich nach Spokane zu wenden.

Die Gegend zeigt hier ein wesentlich anderes Gepräge als tags zuvor; nicht besonders hoch entwickelte Kiefern wachsen in ziemlicher Entfernung von einander, den Boden bedeckt trockenes, gelbes Gras, statt der früher so häufigen Brandstellen zeigen sich mit Mais, Hafer und Weizen bebaute Felder, und in der Nähe der Farmen tummeln sich Herden schöner Rinder sowie Rudel gut gebauter Pferde. Auffallend viele Dampfsägen liegen an der Bahn und riesige Stöße zugeschnittener, gehobelter Bretter beweisen, dass man hier den Wert des Holzes sehr zu schätzen weiß. Die Besitzungen der einzelnen Farmer waren von Zäunen umschlossen oder mit Stacheldraht umfriedet. Wir erblickten auch etwas Wild, indem von kleinen Seen und rohrbewachsenen Tümpeln größere Kitten Enten aufstiegen und pfeilschnellen Fluges an den Coupefenstern vorbeizogen.

Schon in Northport hatte ich ein Telegramm des Obersten Cook erhalten, der mich aufforderte, sein in der Nähe der Stadt Spokane befindliches Regiment und Lager zu inspizieren, da wir uns im genannten Ort zwei Stunden aufhalten müssten. Ich lehnte mit Rücksicht auf mein Incognito die etwas eigenartige Einladung dankend ab, was Veranlassung zu einem Schmähartikel im Spokaner Abendblatte gab, das uns in den Waggon zugestellt wurde. Dieser Artikel trug den lakonischen Titel: „Franz is here“, war mit meinem Bildnisse verziert und strotzte von böswilligen Unwahrheiten, die aber keinesfalls den beabsichtigten Zweck, mich zu ärgern, erreichten; ich fand im Gegenteil diese Zeitungsblüte nur lächerlich, umsomehr als sich verschiedene Stellen von unbeabsichtigt komischer Wirkung eingeschlichen hatten. So hielt sich beispielsweise der übellaunige Reporter über unsere allzu zahlreichen Gepäckstücke auf und stellte die Frage, wie dies erst sein würde, wenn ich verheiratet wäre; dann bemängelte er das „nonchalante“ Abstreifen der Zigarrenasche und brachte noch allerlei anderen Unsinn vor.

Statt der Parade beizuwohnen, benützte ich den Aufenthalt zu einer Besichtigung der Stadt Spokane, die mit ihren geschmacklosen, grün oder rot angestrichenen Bauten ein wenig erfreuliches Bild darbietet. Mittelpunkt eines reichen Agrikulturdistriktes, wurde Spokane im Jahre 1878 gegründet und 1889 nach einem großen Brande umgebaut; Spuren des letzteren sind noch jetzt im Stadtzentrum wahrnehmbar. Die Straßen wiesen ganz außerordentliche Kotmengen auf, die mich an Zustände in kleinen Ortschaften Halbasiens erinnerten.

Die beiden innerhalb der Stadt gelegenen Wasserfälle, Spokane Falls, werden als Naturschönheit gerühmt, sind aber in der Tat nur Wehre, über die das Wasser aus der Gesamthöhe von 45 m abfällt und dessen Kraftäußerung einer Beleuchtungsanlage sowie zahlreichen Fabriken und anderen Unternehmungen dienstbar gemacht wurde.

Nach einem zweistündigen Aufenthalt wurde unser Waggon an den Haupttrain, der trotz seiner Länge von Passagieren dicht besetzt war, angehängt und die Weiterreise mit der Northern Pacific Railway angetreten.

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Revelstoke — Northport, 18. Sept. 1893

Lärmen, Gepolter und das klägliche Geheul der Dampfpfeife zeigten uns nach 4 Uhr morgens das Abgehen des Dampfers an, und wir steuerten, als ich bald darauf die Galerie betrat, bereits mit voller Fahrgeschwindigkeit im Columbia-Fluss. Dieser ist im allgemeinen ziemlich schmal und läuft in zahlreichen, oft sehr scharfen Windungen durch ein enges, zu beiden Seiten von steilen Hügeln und Bergketten eingeschlossenes Tal; die Navigation wird außerdem durch viele Bänke und Felsen des Flussbettes erschwert. Ich musste daher die Geschicklichkeit und Kühnheit des Kapitäns bewundern, der auf seinem mangelhaft steuernden Schiffe mit ganzer Kraft durch diese Hindernisse fuhr; allerdings ist der Tiefgang des Dampfers gering, wodurch die Schwierigkeit der Navigation etwas verringert und die Gefahr vermindert wird, und andererseits ist das Fahrzeug, wie bemerkt, mit zahlreichen Rettungsringen ausgestattet, was wohl für alle Eventualitäten als genügend erachtet wird, da ja bekanntlich in Amerika Menschenleben nicht allzu viel gelten.

Bald verließen uns die vom Feuer verheerten Wälder, und wir traten in Gebiete ein, die von solchen Verwüstungen bisher verschont geblieben sind; sollte auch hier eine Eisenbahn gebaut werden, so wäre wohl die schöne Zeit der prächtigen Waldungen zu Ende. Das Gebiet des Columbia Rivers gehörte bis vor kurzem zu den wenigst bekannten und erforschten Teilen Nordamerikas, und Weiße kommen erst seit Beginn der Flusschiffahrt in diese Wildnis; gegenwärtig sind es zumeist Goldgräber, welche als erste Pioniere vordringen und ihr Dasein fristen, indem sie teils im Fluss Gold waschen, teils in den Gebirgen Erze suchen. Auch einzelne Farmer trachten hier dadurch ihr Glück zu begründen, dass sie zuerst ein Stückchen Wald roden und dieses dann bebauen; unser Dampfer brachte einem dieser Farmer seinen ersten Pflug. Die Ansiedler finden anfänglich ihren Lebensunterhalt nur in der Jagd, die sehr ergiebig sein soll, da viel Hochwild und zahlreiche Bären vorkommen.

Mitunter fuhr unser Dampfer mitten im Wald, ohne dass sich eine Ansiedlung in der Nähe befand, gegen das Ufer und schiffte daselbst einige Goldgräber aus, die sofort in den Urwald eindrangen. Man kann sich daher unschwer vorstellen, welch eigenartige Gesellschaft an Bord vereinigt war; wüste und rohe Gesellen trieben sich in abgeschabter, zerrissener Kleidung, den großen Hut auf dem Kopf und den Revolver zur Hand, auf Deck und in den Salons umher, uns Gelegenheit bietend, schon hier mit der amerikanischen Rücksichtslosigkeit bekannt zu werden. Allenthalben lümmelten diese Kumpane umher, legten die Füße auf Sofas und Stühle, spuckten überall hin und nahmen Bücher, die nur einen Augenblick im Salon liegen geblieben waren, einfach an sich.

Der Fluss geht noch innerhalb Kanadas zweimal in Seen, in den Upper und den Lower Arrow Lake, über, was wir jedoch nur an der lichteren Färbung des Wassers wahrnahmen, da wir sonst die Seen nur für eine Verbreiterung des Flussbettes gehalten hätten.

Die einzige größere Ansiedlung an unserer Route verdankt ihre Entstehung einer Silbermine, welche in der Selkirk Range erschlossen wurde und ziemlich reichhaltig sein soll; infolge der gegenwärtigen Entwertung des Silbers fand eine Verminderung des Betriebes statt, und man verwendet daher die vorhandenen Arbeitskräfte zur Erbauung einer vom Bergwerk zum Seeufer führenden Eisenbahn. Bei dieser Ansiedlung, die aus mehreren kleinen Bretterhäuschen mit dem unvermeidlichen Kramladen und aus einer Dampfsäge besteht, sahen wir alle Arbeiter am Landungsplatz versammelt, weil eben Zahlungstag war und unser Dampfer das Geld brachte. Das Einschiffen des Holzes für unsere Kesselfeuerungen zog sich schier endlos hinaus: große Holzscheite lagen am Rand des Waldes aufgeschichtet, der Kapitän ließ den Dampfer in deren Nähe im Schlamm aufsitzen und schickte ein paar Leute ans Land, welche die Klötze einzeln an Bord trugen.

Schlechtes Wetter verfolgte uns auch hieher, und während vormittags dichter Nebel über den Bergen lagerte, jede Fernsicht benehmend, fing es nachmittags überdies zu regnen an; es wurde bitter kalt, so dass ein Verweilen im Freien unmöglich wurde und wir bei den spuckenden Söhnen der Wildnis im Salon verweilen mussten. Erfreulicherweise hatte eine mitreisende, nebenbei bemerkt, auch sehr hübsche Amerikanerin hinlängliche Nachsicht, uns das Rauchen zu gestatten, wofür wir ihr herzlich dankbar waren.

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  • Ort: Nahe der US-Grenze, Kanada
  • ANNO – am 18.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Tragödie „Arria und Messalina“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Don Juan“ aufführt.

Priests‘ Landing—Revelstoke, 17. Sept. 1893

Während der Nacht hörte der Regen wieder auf; ein frischer, von den Bergen herabwehender Wind brachte schöne, wenngleich kühle Witterung. Des heutigen Sonntags wegen sollte kein Train verkehren und ich konnte daher nur durch die besondere Gefälligkeit der Bahnverwaltung einen Extrazug erhalten, der gegen 3 Uhr nachmittags abzugehen hatte. Ich blieb bis dahin der Erkältung wegen, an der ich noch immer litt, an Bord, während meine Herren einen bewaffneten Spaziergang auf die oberhalb der Station liegenden Höhen unternahmen und einige Grouse einer kleineren Art heimbrachten. Später versuchten wir in der Nähe des Schiffes mit Angeln zu fischen, was jedoch ziemlich erfolglos blieb, obgleich einigen Engländern, die wir des Abends zuvor an derselben Stelle beobachtet hatten, schöne Lachsforellen zur Beute gefallen waren.

Im Extrazug, der aus zwei Schlafwagen und einem Ungetüm von einer Lokomotive bestand, begrüßte uns freundlich grinsend Mr. Fisher, ein Mulatte, der uns bereits von Vancouver aus während der Eisenbahnfahrt bedient hatte. Wir flogen durch die uns schon bekannte liebliche Gegend der Hauptlinie zu, welche wir bei Sicamous erreichten. Etwa eine Stunde vor dieser Station tritt die Bahn an das Ufer einer Ausbuchtung des Shuswap-Sees heran, welcher sich langgestreckt und ernst zwischen dunklen Wäldern hinzieht; nur ein von Indianern gesteuertes Rindenkanu, einzelne große Taucher und hin und wieder ein Flug Enten waren auf dem glatten Wasserspiegel zu sehen. Neuschnee, der in der Nacht gefallen, bedeckte die Kämme der Berge, und die düsteren Tannen nahmen sich im weißen Kleid, welches sie dies Jahr wohl zum ersten Mal angelegt hatten, ganz entzückend aus. Nach der Station Sicamous bogen wir alsbald von dem Seeufer in eine dicht bestockte Waldlandschaft ein, die von einem kleinen Fluss, dem Spallumsheen River, in zahlreichen Krümmungen durchzogen wird; wohltuend wirkte es, hier auf längere Strecken Wald zu blicken, an den noch nicht Feuer gelegt war.

Der Sonnenuntergang brachte uns eine Überraschung, nämlich eine Art Alpenglühen, wie ich es in dieser Weise noch nie gesehen hatte, und das an Schönheit unvergleichlich war; bei sonst bewölktem Himmel erglänzten, sich scharf von den bereits im Schatten befindlichen Teilen der Wälder abhebend, die Höhen im intensivsten Rot, das gegen unten violett verlief, während die beschneiten Spitzen zart rosa angehaucht schienen. Dieser herrliche Farbeneffekt währte beinahe eine halbe Stunde.

Spät abends waren wir in Revelstoke, wo wir die Waggons verließen und uns auf dem der Columbia and Kootenay Steam Navigation Company gehörigen Flussdampfer „Columbia“ einschifften. mit welchem wir den Columbia-Fluss zutal fahren mussten, um bei Northport wieder die Eisenbahn zu besteigen, die uns nach unserem nächsten Ziele, dem Yellowstone-Park, bringen sollte. Der „Columbia“ ist nach demselben System, wie der „Aberdeen“ erbaut, nur in allen seinen Dimensionen größer gehalten, so dass er bis zu 100 Passagiere erster Klasse aufnehmen kann; doch scheint er sehr alt und reparaturbedürftig zu sein, weil überall angeschlagen stand, dass sich die Rettungsgürtel in jeder Kabine unter den Betten befänden, und ich aus meiner Kabine durch klaffende Spalten der Bordwand blicken konnte, während es einem anderen Herrn durch das Deck aufs Bett regnete.

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  • Ort: Revelstoke, Kanada
  • ANNO – am 17.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt das Lustspiel „Die Welt, in der man sich langweilt“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Manon“ aufführt.

Penticton — Priests‘ Landing, 16. Sept. 1893

Morgens fühlte ich mich etwas wohler, verblieb aber doch an Bord und verkürzte mir die Zeit, indem ich von den Indianern lederne Mokassins und Handschuhe einhandelte. Die Indianer-Damen waren sehr neugierig und wollten durchaus den fremden Prinzen sehen, so
dass sie sich sogar unter Führung des Missionärs an Bord wagten; ich war gerade mit Eintragungen in mein Tagebuch beschäftigt, als sie herbeikamen und mich anstarrten, welchen Augenblick Imhof benützte, um die holden Schönen, die sich durch sehr energische Gesichtszüge und kräftige Gestalten auszeichneten, zu photographieren. Die Indianerinnen wurden dies bald gewahr; doch brachte die Erkenntnis verschiedene Wirkungen hervor, indem einige schreiend das braune Antlitz mit einem Tuch verhüllten, während andere, minder scheu und scheinbar recht eitel, ihr Kopftuch abnahmen, damit ihre dichten, schwarzen Haare besser zur Geltung kämen.

Am Landungssteg hatte sich inzwischen ein lebhafter Handel entwickelt, da der Reisemarschall alle für die Expedition angeschafften und nunmehr entbehrlich gewordenen Gegenstände, wie Feldbetten, Kochgeschirre u. dgl. m., dann die erübrigten Konserven und alkoholischen Getränke mit bedeutendem Verlust an den Mann brachte. Das meiste erstand Mr. Ellis, der den günstigen Kauf dadurch feierte, dass er sich sofort an Ort und Stelle einen Kapitalrausch antrank.

Gegen Mittag, kurz vor dem Auslaufen, sprang ein heftiger, stürmischer Wind auf, welcher den See aufwühlte, so dass das Abgehen des ungefügigen Dampfers beinahe unmöglich wurde; ein Tau, mit welchem der Bug des Schiffes freigeschwait werden sollte, riss alsbald, und wir trieben wieder an den Steg, an den wir dröhnend anschlugen, zur größten Freude des alkoholisch gestimmten Mr. Ellis, der über diesen Misserfolg des Fahrzeuges der von ihm bestgehassten Canadian Pacific Railway Company in ein Freudengeheul ausbrach und den Hut schwenkte.

Das Manöver wurde wiederholt, die Trosse riss neuerdings, und diesmal war das Zurücktreiben, sowie das Anschwaien noch heftiger, so dass der Steg in allen Fugen erkrachte und auch wir auf dem Schiff einen gewaltigen Stoß erhielten. Die Aufregung wurde nun eine allseitige, der Wind heulte immer stärker, der Kapitän schrie und fluchte, Mr. Ellis jauchzte, der Missionär rief mir zu, er trage sich an mitzureisen, um mich auf den Tod und die Reise ins Jenseits vorzubereiten, welches wohlwollende Anerbieten ich jedoch vorläufig dankend ablehnte. Ein drittes Tau wurde zum Verholen ausgebracht, und da zu wenig Mannschaft an Bord war, drängte sich eine bunte Gesellschaft, zum Teil recht drollige Gestalten, herbei, um am Gangspille für das allgemeine Wohl eifrigst zu arbeiten; der Zahlmeister, die Passagiere, die Kellner in Hemdärmeln — alle drehten kräftig mit, bis der gemeinsame Eifer endlich von Erfolg gekrönt war. Der Bug wandte sich seewärts, die Maschine setzte an, und wir konnten das offene Wasser gewinnen.

In der Station Kelowna, die aus einigen Ansiedlerhäusern besteht, benützte ich den viertelstündigen Aufenthalt zur Besichtigung einer am Ufer stehenden Dampfsäge, welche von einer Maschine mit 42 Pferdekräften betrieben wird; fünf Zirkularsägen und eine Hobelmaschine verarbeiteten daselbst die riesigen Fichtenstämme der Urwälder binnen kürzester Frist zu glatten Brettern. In einem kleinen Kramladen kauften wir noch rasch einige lederne Indianerkostüme und Handschuhe. Gegen 6 Uhr waren wir bei Priests‘ Landing und verblieben an Bord des „Aberdeen“. Spät abends stellte sich Regen ein.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 16.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Tragödie „Der Erbförster“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ aufführt.
Die Neue Presse reports that Franz Ferdinand will depart from New York on 14 October to England and pay a visit to Queen Victoria. Apart from the New York departure, the information is completely wrong.

Die Neue Presse berichtet am 16. September 1893, dass Franz Ferdinand am 14. Oktober aus New York nach England abreisen wird und dort der Kaiserin Victoria einen Dankensbesuch abstatten wird. Vom Abreisehafen New York abgesehen, sind alle Informationen falsch.

Shingle Creek — Penticton, 15. Sept. 1893

Als sollte uns die Erinnerung an die Jagdexpedition in die Gold Range besonders eingeprägt und der Abschied von den Rocky Mountains recht schwer gemacht werden, genossen wir heute eines selten schönen Tages. Tiefblauer Himmel wölbte sich wolkenlos über uns, die Sonne sandte erwärmende Strahlen herab, die köstliche, frische Bergluft war von balsamischem Fichten- und Tannengeruch durchzogen, zahlreiche Schmetterlinge gaukelten umher, die letzten Tage ihres Lebens genießend, und buntschillernde Käfer krochen auf der Rinde gestürzter Bäume.

Bis Mittag blieben wir noch im Lager, machten verschiedene photographische Aufnahmen, saßen dann auf, und weiter gings gegen Penticton; es war ziemlich heiß, der Weg herzlich schlecht, und unsere sonst wilden, doch jetzt schon ermüdeten Mustangs konnten nur mehr unter beständiger Nachhilfe von Sporen und Peitsche weitergebracht werden.

Im Indianerdorf bat ich Charley, mir eines der Häuser zu zeigen. und wurde alsbald von ihm in sein eigenes Heim geführt, wo mich seine äußerst korpulente Ehehälfte empfing, die in eine Art Neglige gehüllt war und in einer Leinwanddüte ein Kind auf dem Rücken trug. Wie staunte ich aber, als ich beim Betreten des Blockhauses statt der erwarteten Waffen, Häute und Scalps erschlagener Feinde eine Nähmaschine sowie eine Kaffeemühle und die Wände mit Ausschnitten aus illustrierten Zeitungen beklebt fand, so dass ich an den schönen Erinnerungen irre zu werden begann, die ich auf Grund der Lektüre berühmter Geschichten dem Volk der Indianer bewahrt habe. Die Ehe Charleys scheint sehr gesegnet zu sein; denn in dem kleinen Raum weinten, schrieen und kugelten sich Kinder aller Altersstufen, während die älteste Tochter an der Nähmaschine hantierte; die guten Leute schätzen die Reinlichkeit offenbar sehr gering, weshalb ich nicht wagte, die mein Interesse weckenden Gegenstände zu berühren, und die Stube, der herrschenden Stickluft weichend, bald verließ. Vor dem Haus hatten sich inzwischen einige alte Weiber, wahre Megären, versammelt, welche sich über unseren Besuch hoch erfreut zeigten, mit den Fingern auf uns wiesen und sich lebhaft in ihrer gutturalen Sprache unterhielten.

Der katholische Missionär des Ortes, ein alter Franzose, der schon seit 25 Jahren in diesen Gegenden weilt, kam zu Pferd angesprengt und spendete nicht nur seinen Pfarrkindern alles Lob, sondern wusste auch allerlei Interessantes von den Indianern zu erzählen, hieran manche Bemerkung über sein Leben und sein neues Vaterland knüpfend. Er rühmte insbesondere die Intelligenz der Rothäute, die ich allerdings nicht bezweifle, ohne im übrigen einen guten Eindruck von ihnen empfangen zu haben, obschon oder weil ich sie mit forschendem Auge betrachtete.

Die Indianer Nordamerikas, die Urbewohner des Landes, noch im letzten Jahrhundert zahlreich und mächtig, sind in der gegenwärtigen Epoche in unaufhaltsamem Rückgang begriffen, da das Gedeihen der Rothäute als eines Jäger-, Fischer- und Kriegervolkes eben mit dem raschen Vordringen moderner Kultur unvereinbar zu sein scheint. Zur Waffenruhe gezwungen und aus seinen einst so wildreichen Jagdgründen in bestimmte Bezirke, Reservations, gedrängt, verfällt dieses Volk, für dessen Blüte die Ungebundenheit offenbar eine wesentliche Voraussetzung ist, immer mehr und zwar um so schneller, als es weit leichter den Übeln der Zivilisation als deren Segnungen zugänglich ist. Krankheiten aller Art, Trunksucht und Korruption haben in der modernen Periode Nordamerikas unter den Rothäuten rasch Eingang und Verbreitung gefunden; dagegen ist es nur in beschränktem Maße gelungen, die Indianer zu zivilisieren, sie zum Christentum zu bekehren, sesshaft zu machen und in tüchtige Ackerbauer umzuwandeln.

In Kanada ist übrigens die Lage der Indianer eine weit günstigere, der Fortschritt in ihrer Gesittung ein viel bedeutenderer als in den Vereinigten Staaten. Dies gelangt nicht nur in den numerischen, moralischen und materiellen Verhältnissen der Indianer, sondern auch in der Gesinnung zum Ausdruck, welche sie den Herren der Gebiete gegenüber an den Tag legen. Während in Kanada Aufstände indianischer Stämme, wie jener der „Schwarzfüße“ im Jahre 1886, wider die Weißen nur vereinzelt vorgekommen sind, haben die Vereinigten Staaten in den letzten Dezennien fast stets im kleinen Krieg mit den Rothäuten gelebt; hier flackert auch jetzt noch im Nordosten und in den Rocky Mountains das Glühfeuer der Empörung zeitweilig wieder auf.

Wie in der Union, so sind auch in Kanada die Indianer auf Reservationen beschränkt; während aber die 423 Reservationen Kanadas vorwiegend ertragsfähiges und den Indianern zusagendes Land darstellen, sind die Indianergebiete innerhalb der Union zumeist wertlose oder doch ärmliche und ungastliche Ländereien, deren Umfang überdies immer wieder eingeschränkt wird.

Der Hauptsumme nach sind, wie bemerkt, die Indianer in Nordamerika in stetem Rückgange begriffen. Erwähnenswert ist insbesondere das Schwinden jener Stämme, welche uns Europäern durch Geschichte und Roman nahegerückt sind. Denn wer dächte, wenn er von den englisch-französischen Kriegen in Nordamerika während der Jahre 1744 bis 1748 und 1754 bis 1763 liest, nicht an die Huronen, an die Irokesen, Mohawks. Tuscarora u. s. w.? Die berühmten „sechs Nationen“ sind nun heute so zusammengeschmolzen, dass im Jahre 1892 in der Union nur mehr 13.621, in Kanada gar nur mehr 8508 Indianer lebten, welche Abkömmlinge jener Stämme sind, deren Namen uns durch die Kämpfe Chingachgooks und Unkas‘, der letzten Mohikaner, als Freunde oder als Feinde des unsterblichen Nathanael Bumppo, des Pfadfinders und Lederstrumpfes geläufig sind.

Der Dampfer „Aberdeen“ langte gegen 5 Uhr an dem hölzernen Steg in Penticton an, worauf ich mich sogleich an Bord und recht bald zur Ruhe begab.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 15.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Prophet“ aufführt.

Black Mountain — Shingle Creek, 14. Sept. 1893

Infolge der stürmischen, kalten und im Freien verbrachten Nacht hatte sich meine Erkältung wieder verschlimmert, und ich musste daher über Zureden meiner Herren mit schwerem Herzen den Befehl zum Rückmarsch geben; denn hier wäre in der Tat keines längeren Bleibens gewesen. Wir hätten eigentlich noch zwei Tage auf dem Black Mountain verweilen sollen, und ich wollte insbesondere noch eine mit Charley besprochene Pürsche auf einem weiter entfernten, felsigen Berge unternehmen; aber ich glaube selbst, dass ich dies in meinem Zustand nicht zu leisten vermocht hätte. So ging es denn wieder zurück nach dem Shingle Creek; ich beabsichtigte mit Wurmbrand längs des Weges hinabzupürschen, während Clam auf dem einen, Imhof und Prónay auf dem anderen der nebenliegenden Höhenzüge ins Tal gelangen sollten. Langsam kamen wir talab, bis sich der Steig teilte und Charley erklärte, dass ich besser täte, mit ihm den bequemeren nach links abzweigenden Weg zu reiten, wogegen Wurmbrand und die Jäger, welche die Gewehre trugen und zu Fuß gingen, den zweiten Pfad, der sich ohnehin bald wieder mit unserem vereinige, einschlagen könnten.

In einer unbekannten, wilden Gegend soll man sich nie von den Gefährten, vor allem aber nicht von seinem Gewehr trennen, was sich auch diesmal bewahrheitete; denn von einer Wiedervereinigung der Steige war keine Rede, der Indianer führte mich über die unglaublichsten Hänge und Leiten, so dass ich die Geschicklichkeit meines Falben bewundern musste. Alsbald trafen wir auch auf Hochwild, ich hatte aber kein Gewehr, alles Rufen nach Wurmbrand und den Jägern war vergebens; zum Überfluss setzten sich im weiteren Verlauf dieser gewehrlosen Pürsche zwölf Grouse auf wenige Schritte vor mich hin, um mich erstaunt anzuäugen. Jetzt riss mir die Geduld völlig und befahl ich Charley in nicht sehr zartem Ton, mich so rasch als möglich zum Lagerplatz im Shingle Creek zu bringen, wo ich Wurmbrand, der führerlos ebenfalls einige Irrwege eingeschlagen hatte, bereits vorfand.

Als der Train erschien, wurde mit dem Aufschlagen des Lagers begonnen; in längeren Intervallen trafen zuerst Imhof und Prónay mit einigen Grouse und dann Clam mit einem erlegten Mule-Tier ein.

Um die besondere Dummheit der Grouse zu schildern, sei noch erwähnt, dass die mit dem Train reitenden Indianer mit ihren Stöcken von den Pferden herab einige Grouse erschlagen konnten.

Das Kochen nahm uns wieder vollauf in Anspruch, und wir stellten mit gemeinsamen Kräften ein herrliches Mahl von sechs Gängen zusammen, das uns in dieser Wildnis besser schmeckte als das feinste Diner von Sacher. Außer den Konserven stand noch frisches, in allen möglichen Formen zubereitetes Wild, namentlich aber Grouse zu Gebot, die noch schmackhafter munden als unsere Haselhühner. Da ich es meinerseits in der edlen Kochkunst noch nicht sehr weit gebracht habe, wurde ich hauptsächlich zum Rupfen der Grouse und zur Verfassung eines stilgerechten französischen Menus verwendet, während Imhof sich als Küchenchef vorzüglich bewährte. Bei einem großen Feuer, das wir mit mächtigen Klötzen gefällter Balsam-Tannen unterhielten, wurde der Abend recht angenehm verbracht. Hodek musste sich als Declamator produzieren, und auch manche Jagdgeschichte aus den heimatlichen Gefilden regte uns an. Die Nacht war nicht so kalt wie die auf dem Black Mountain verbrachte.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 14.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Rantzau“ aufführt.

Shingle Creek — Black Mountain, 13. Sept. 1893

Unserem ursprünglichen Plan zufolge hätten wir die ganze Dauer unserer Expedition, nämlich fünf Tage, auf dem Lagerplatz im Shingle Creek bleiben sollen; doch drangen die Indianer darauf, schon heute morgens weiter und höher auf den Black Mountain zu wandern, da sie der Meinung waren, dass sich dort mehr Wild finden würde. Sie selbst hatten die vierte Morgenstunde zum Aufbruch bestimmt: doch lachten sie uns, als wir sie gegen 5 Uhr ermahnten, ernstlich an den Aufbruch zu denken, einfach aus, begannen ihr Frühstück zu kochen, fingen dann in aller Ruhe nach und nach die Pferde ein und sattelten diese sehr langsam, so dass wir uns erst gegen 7 Uhr in Bewegung setzen konnten. Leider gab es kein Mittel, diese phlegmatischen Leute anzuspornen, ganz abgesehen davon, dass die Anwendung irgend welchen Zwanges wahrscheinlich nur die gegenteilige Wirkung gehabt hätte; es erübrigte uns daher nichts, als uns mit Geduld zu wappnen.

Im Verlaufe des Rittes bedauerten wir den verspäteten Aufbruch nicht mehr, weil es in der Dunkelheit doch nicht möglich gewesen wäre, auf den schmalen Pfaden und an den schroffen Abhängen zu reiten. Hiebei war uns reichlich Gelegenheit geboten, die Geschicklichkeit der Pferde zu bewundern, welche ohne einen Fehltritt zu tun, der jedenfalls von verhängnisvollen Folgen begleitet gewesen wäre, auf den kaum fußbreiten Steigen emporkletterten und häufig genug gestürzte Baumstämme von bedeutender Dimension übersteigen mussten.

Heute galt es abermals, tief eingeschnittene Schluchten zu durchqueren, doch war die Berglehne wenigstens anfänglich ziemlich dicht bewaldet. Auch konnten wir die ersten Spuren von Wild wahrnehmen, dessen Fährten unseren Weg kreuzten; aus einem dichten Busch von Preiselbeeren strich ein Grouse ab, das in seinem Gebaren und Aussehen der europäischen Birkhenne ähnelt, und schließlich sahen wir sogar an jungen Pappeln die Rinde vielfach geschält und abgefegt Je höher wir emporkletterten, desto rauher wurde die Luftströmung, desto unwirtlicher gestaltete sich die Szenerie. Zu meinem Leidwesen nahm ich wieder überall die Spuren der entsetzlichen Waldbrände wahr, dürre, halb verkohlte, teils noch emporragende, teils gestürzte Bäume. Dass wir uns der Grenze des Baumwuchses näherten, verrieten kleinere, aber widerstandsfähige Bäume, so eine reizende Gattung Balsam-Tannen, mit dem charakteristischen, kegelförmigen Wuchs und dichten, kurzen Ästen, die als echte Wettertannen allen atmosphärischen Einflüssen Trotz bieten. Zwischen den Bäumen traten mächtige Felspartien hervor und hemmten den Blick; frostiger wurde die Luft, und ein kalter, schneidender Wind wehte uns entgegen.

Als wir eben eine ziemlich schwierige Passage zurückgelegt hatten, sprang plötzlich der führende Indianer einer Katze gleich vom Pferd, kauerte sich nieder und zeigte, mir „Deer, Deer“ zurufend, nach der jenseitigen Lehne. Ebenfalls abspringend, gewahrte ich auf wenigstens 300 Schritte ein Mule-Tier äsen; da ein Anpürschen der ungünstigen Wind- und Terrainverhältnisse wegen nicht durchführbar erschien, versuchte ich den Schuss, aber ohne Ergebnis; denn das Tier verschwand in einer Kieferndickung.

Es galt nun noch einen besonders beschwerlichen Anstieg zu überwinden, der uns sehr steil auf ein hohes Joch führte, so dass die braven Mustangs schwere Mühe hatten, uns an dieser Stelle emporzubringen. Knapp unter dem Joch zog sich eine windumtoste Mulde hin, in der unser neues Lager aufgeschlagen werden sollte; doch konnte der Train erst in einigen Stunden eintreffen, weshalb wir von den dampfenden Pferden absaßen, um sogleich in der Nähe zu pürschen. Ein Indianer blieb bei den Pferden, ein zweiter sollte mich führen, meine Herren vertrauten sich zu je zweien ebenfalls der Führung von Rothäuten an, dann bestimmten wir genau die Rayons, in welchen jeder von uns jagen sollte, und trennten uns mit einem kräftigen „Waidmannsheil!“

Geführt von meinem Indianer, namens Charley, der sich kürzlich den Arm gebrochen hatte und ihn in der Schlinge trug, wandte ich mich westwärts und spürte bald nächst dem Lagerplatz zwei Grizzly Bären, wie es schien eine glückliche Mutter mit ihrem Jungen, die kurze Zeit vorher an dieser Stelle vorbeigewechselt sein mussten, — eine erfreuliche Entdeckung, welche meine Pulse höher schlagen ließ und meinen Jagdeifer steigerte. Auch riss nicht weit von uns ein Stück Hochwild aus, von dem ich aber nur noch die Läufe sehen konnte. Das lautlose Pürschen war hier nicht leicht; wir mussten häufig über niedergebrochene Bäume steigen, klettern und springen und hatten auch sonst große Terrainschwierigkeiten zu überwinden. Die Gebirgslandschaft, die sich vor mir ausbreitete, bot viel Anziehendes und Interessantes: den größtenteils dürren, an der Grenze des Baumwuchses befindlichen Wald, eigentümliche Fels- und Steinpartien, mit vielfarbigen Moosen und Flechten bedeckt, versumpfte Stellen, die wie Hochmoore im Kleinen erschienen, und endlich eine Gebirgsflora. welche manche Verwandtschaft mit der heimatlichen aufwies. Ich fand Schafgarben, rote Akelei, violette Orakelblumen, Zwergwachholder. eine Art Arnica u. dgl. m. Nebelstreifen jagten über die Höhen hin. verschwanden aber bald, worauf ein eiskalter, scharfer Wind einsetzte.

Um eine Ecke biegend, sah ich plötzlich ein Stück Wild flüchtig vor mir ausreißen und auf einem Kamme gegen mich zurückhoffen: obgleich die Distanz sehr groß war, wagte ich den Schuss, das Stück zeichnete gut auf Blattschuss und verschwand hinter dem Kamm. Durch den Schuss aufgeschreckt, erschien ein zweites Stück und stellte sich, jedoch durch Aste gedeckt, fast auf demselben Fleck; auch jetzt gab ich Feuer und schickte mich zur Nachsuche an, in deren Verlauf ich zuerst reichlich guten Schweiß, bald darnach auf ungefähr hundert Schritte vom Anschuss das eine Stück mit Blattschuss und schließlich in der Nähe auch das zweite fand. Beide Stücke waren starke Tiere des Mule-Wildes, in der Größe zwischen unserem Hoch- und Damwild, mit merkwürdig geformten, beinahe fledermausartigen Lauschern; ein weiteres Kennzeichen dieser Tiere ist das gänzliche Fehlen von „Krandeln“.

Kopfschüttelnd betrachtete der Indianer beide Stücke, meinte, dass dies gute Schüsse gewesen seien, machte dann das konventionelle Zeichen für Essen und sprach fortwährend vom Camp. Die Verständigung mit diesem Mann war für mich sehr schwer, da er nur ein Gemisch von Englisch und Indianisch kauderwälschte; doch bestand kein Zweifel, dass er nach dem Lagerplatz zurückkehren wollte, womit ich aber durchaus nicht einverstanden war, da ich weiterzupürschen wünschte, und es gelang mir nur durch Anwendung geeigneter Mittel. in meiner Rothaut die Sehnsucht nach dem Lagerplatz zu unterdrücken und das Verständnis für die Fortsetzung der Pürsche zu wecken.

Wir kamen zu einem schön gelegenen Punkte, von welchem aus ich die durch eine tiefe Schlucht von uns getrennten jenseitigen Felsenberge und einen über viele hundert Hektare sich ausdehnenden Wald bewundern konnte, der durch eine blaue Bergkette abgeschlossen wurde. Auch hier waren bedeutende Komplexe durch Brände zerstört worden; doch erfuhr ich, dass nicht allein Indianer, Bahnarbeiter und Kolonisten die Urheber solcher Verwüstungen sind, sondern auch die Goldgräber in dieser Region, deren Berge den bezeichnenden Namen Gold Range tragen, den Wald anzünden, um den Boden dann genauer untersuchen zu können.

Als ich langsam in einer ziemlich bewachsenen Lehne weiterpürschte, wechselten abermals zwei Mule-Tiere vorbei; ich schoss, worauf das erste nach einigen Schritten verendet stürzte, während das zweite, anscheinend gut getroffen, gegen das Tal zu flüchtig wurde und bald unter den Bäumen verschwand. Jetzt war der Indianer aber nicht mehr zu halten, er wiederholte öfters das ominöse Wort „Camp“ und nahm schnurgerade Direktion gegen das Lager, obgleich ich gerne die Pürsche ausgedehnt und vor allem das zweite Tier noch weiterhin gesucht hätte, da wir es innerhalb einiger hundert Schritte nicht finden konnten. Hiezu wollte er sich nicht bequemen, ich musste ihm schließlich nachgeben und so erkletterten wir eine steile, bereits oberhalb der Waldgrenze gelegene Höhe, die an zwei Stellen ewigen Schnee zeigte, und stiegen auf dem jenseitigen Hange wieder bergab. Um die Rückkehr in das Camp zu verzögern, setzte ich mich nieder und markierte eine Rast. Obschon ich glaubte, mich noch wenigstens eine Stunde weit vom Lagerplatz zu befinden, hörte ich plötzlich in der Nähe Schüsse fallen und Kugeln über meinem Kopf pfeifen, ein Beweis, dass ich in das Pürschterrain einer anderen Partie gekommen war; als ich der Richtung, aus welcher die Schüsse fielen, nachging, traf ich auf Prónay und Imhof, die beim Lager auf Grouse schossen und mich nicht in dieser Direktion wähnten, die eigentlich in ihren Rayon fiel.

Die Indianer hatten uns alle kunterbunt durcheinandergeführt und zeigten für ihre Aufgaben überhaupt wenig Eifer. Ich hatte den ganzen Tag ausbleiben wollen und war doch schon um 12 Uhr wieder im Camp; ebenso war es Imhof und Prónay ergangen, welche unfreiwillig mit Wurmbrand und Clam zusammengetroffen waren und, ebenfalls in das Lager zurückgeführt, nunmehr auf Grouse jagten. Da mein Indianer durchaus nicht zur Fortsetzung der Jagd zu bewegen war, gab ich ihm den Auftrag, wenigstens die erlegten Tiere abzuholen, und beteiligte mich an der Pürsche auf Grouse.

Es ist fast unglaublich, wie vertraut oder, besser gesagt, dumm diese Tiere sind; werden sie vom Boden aufgescheucht, so streichen sie nur eine kurze Distanz weiter, um gleich wieder einzufallen, und baumen sie auf, so kann man sich ziemlich ungedeckt nähern und sie herabschießen. Sind mehrere aufgebaumt, so können alle geholt werden, da sie zumeist trotz der Schüsse sitzen bleiben; von einer Kitt, die auf eine große Tanne oberhalb der Pferde und des Lagerfeuers einfiel, schoss Imhof der Reihe nach drei Stücke, deren eines ins Feuer, ein  weites auf ein Pferd fiel. Nach einer halben Stunde untersuchten wir den Baum abermals genau, wobei wir noch zwei Grouse an den Stamm gedrückt entdeckten, die ich dann schoss; leider waren sie, weil mit Kugeln erlegt, etwas zerschossen, bereicherten aber gleichwohl unseren Tisch.

Während dieser Zeit war die durch die Schwierigkeiten des Marsches aufgehaltene und etwas erschöpfte Trainkolonne unter Kommando Sanchez‘, der seine ersten Versuche als Reiter sehr gut und wacker absolvierte, mit den Zelten und dem Proviant eingetroffen, worauf die Zelte in der Höhe von weit mehr als 2000 m auf dem hiefür in Aussicht genommenen, den Stürmen ausgesetzten Platz aufgeschlagen wurden und ich mich, noch immer nicht ganz wohl, durch einige Zeit der Ruhe hingab. Als ich mich nach drei Stunden um den Verbleib der erlegten Tiere erkundigte, waren die unverlässlichen Indianer noch immer nicht weggeritten, dieselben zu holen.

Endlich litt es mich nicht mehr beim Lagerfeuer; ich nahm meinen Stutzen und pürschte, da kein Indianer zur Stelle war, allein durch die nächstgelegenen Höhen und Wälder und vernahm, von einem Felsblock auslugend, alsbald den Schrei eines Indianers; auf meine Antwort arbeitete sich Charley durch das Gewirr der Holzstämme und berichtete, dass er durch ein naheliegendes Tal zwei Grizzly-Bären vertraut wechseln gesehen habe. Auf diese Nachricht hin eilte ich trotz meiner Müdigkeit, so rasch es die gestürzten Bäume gestatteten, vorwärts und fand zwar die noch ganz frischen Spuren, leider aber nicht die Bären; auch meine Hoffnung, ihnen den Weg abkaufen zu können, erwies sich als trügerisch. Der Abend brach herein, und ich musste ins Lager zurückkehren; nur selten habe ich einen so schlechten und ermüdenden Weg wie diesmal vor mir gehabt, da wir in einen großen Wind- oder Schneebruch kamen, in dem uns ein wahres Labyrinth wild durcheinander liegender Stämme zu unausgesetztem Klettern und Springen nötigte. Bald schmerzten uns die Füße so sehr, dass wir kaum weitergehen und nur mühsam uns vorwärts schleppend das Lager erreichen konnten; ein Grouse bildete meine einzige Beute. Inzwischen war auch die Partie Wurmbrand-Clam nach sechsstündigem Marsch rückgekehrt, von dem sie ein Mule-Kalb und ein Grouse mitbrachte.

Nach Sonnenuntergang wurde es stets kälter und ungemütlicher; eisiger Wind, der direkt von den nahen Schneefeldern kam, blies uns unbarmherzig ins Gesicht, und wir konnten uns am Lagerfeuer nur wenig erwärmen, da der Platz wegen des Mangels hoher Bäume gar keinen Schutz bot.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 13.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der fliegende Holländer“ aufführt.

Penticton—Shingle Creek, 12. Sept. 1893

Die Nachrichten, welche wir erhalten hatten, waren sehr günstig; man sprach von ausgezeichneten Erfolgen, die uns nicht ausbleiben könnten, ja es verlautete, dass ein Rudel von 100 Bergschafen durch Indianer bestätigt und ein Mann eigens beauftragt sei, dieses seltene Wild zu beobachten. Gegen derartige, übertrieben scheinende Anpreisungen verhalte ich mich, durch die mannigfachen jagdlichen Misserfolge bei verschiedenen Völkern gewitzigt, sehr reserviert, da mich die Folge noch jedesmal gelehrt hat, dass es mit dem gerühmten Wildreichtum nicht so weit her ist.

Es war beschlossen worden, die Bagage — Gewehre, Zelte, Proviant und die notwendigsten Kleidungsstücke — gleich bei Tagesanbruch auf Pferden verpackt abzusenden, während wir gegen 10 Uhr vormittags folgen wollten. Leider schien auch hier die Pünktlichkeit eine unbekannte Tugend zu sein; denn als ich nach 9 Uhr meine Kabine verließ, waren weder Packpferde noch Indianer zu entdecken. Endlich kamen die Rothäute einzeln, ganz gemütlich herbeigeritten, und auch Mr. Ellis, der einzige Grundbesitzer dieser Gegend, welcher für die Beistellung der Pferde und der als Führer und Jäger erforderlichen Indianer sorgen sollte, schien es keineswegs eilig zu haben und über unsere ganze Expedition recht ungehalten zu sein. Diesem Herrn Ellis, einem gebürtigen Schotten, gehört der ganze Umkreis, ein Tausende von Quadratkilometern umfassendes Gebiet; alle in der Nähe befindlichen Indianer stehen zu ihm in einer Art von Untertanenverhältnis, und er liebt es, sich als König dieses Ländchens zu fühlen und zu zeigen. Mit scheelen Augen beobachtet er das Vordringen und die Erfolge der Canadian Pacitic-Bahngesellschaft in dieser unermesslichen Wildnis, in der er bisher alleiniger Herrscher war und durch 28 Jahre völlig ungestört walten konnte, was begreiflich erscheinen lässt, dass er jeden Fremden als Eindringling betrachtet. Seine Ungnade erstreckte sich daher auch auf uns; wir mussten aber, mit der Beistellung von Mann und Pferd ausschließlich auf ihn angewiesen, gute Miene zum bösen Spiele machen und bei dem Gewaltigen die eindringlichsten Bitten und schönsten Phrasen vorbringen. Gegen 10 Uhr wurde schließlich die Trainkolonne flott und ging unter Kommando unseres Reisemarschalls und Hodeks in die Berge ab; mehrere Indianer, die ihren Tieren schier unglaubliche Lasten aufgebürdet hatten und jene mit Lassos vor sich hertrieben, folgten.

In angemessenem Verhältnisse zu der Verspätung des Bagagetrains kamen auch unsere Leibrosse erst nach 11 Uhr herbei, so dass lmhof hinlänglich Muße hatte, einen der vier unser Schiff umkreisenden Fischadler mit einem glücklichen Schuss herabzuholen. Der Tod eines aus ihrer Mitte schien die Genossen wenig anzufechten, da sie immer von neuem herbeistrichen.

Doch konnten wir ihnen keine weitere Aufmerksamkeit schenken, weil wir aufbrechen mussten.
Jedermann wählte eines der keineswegs schönen, aber kräftigen Indianerpferde aus und trachtete so gut wie möglich, sich mit dem mexikanischen Sattel vertraut zu machen, einem Marterinstrument, welches das Sitzen keineswegs zu einer Annehmlichkeit macht und selbst einem passionierten Reiter einen langen Ritt verleiden kann. Das hohe Sattelgestell, an dem sich vorne der Knopf zum Befestigen des Lassos befindet, zwingt den Reiter, ganz steif und nach Art des von mir perhorreszierten sogenannten „alten Husarensitzes“ in der Gabel zu sitzen; die nur handbreiten Seitenblätter gehen nicht vom Sattel aus, sondern hängen an den Bügelriemen; die Bügel selbst sind unförmlich groß; die Befestigung des Sattels geschieht durch Gurten. ähnlich jenen unseres Damensattels; die Pferde sind mit Stangen aufgezäumt, die bei den einzelnen Rossen die denkbar verschiedensten Formen aufweisen.

Unsere Führer, die für die nächstfolgenden Tage auch als Jäger dienen sollten, waren Vollblutindianer und Mischlinge von dem etwa 150 Köpfe zählenden Stamme der Okinagans, welche die umliegende Gegend bewohnen und sich angeblich durch Arbeitsamkeit und gutes Verhalten auszeichnen; auch sind sie fast sämtlich zum katholischen Glauben bekehrt. Zwei Cowboys, die uns ebenfalls begleiteten, waren den Indianern ziemlich gleich adjustiert; sie trugen breitkrämpige Filzhüte, Wollhemden und lange, mit Fransen besetzte Lederhosen, lederne Mokassins und merkwürdigerweise auch dicke Lederhandschuhe, die an Fechthandschuhe aus Hirschleder gemahnten und Verzierungen in grellen, gestickten Dessins aufwiesen.

Unsere Karawane setzte sich nun durch ein am Rande des Sees gelegenes, auenartiges Terrain bis zur Farm des Mr. Ellis in Bewegung, der hier die nötigen Instruktionen an die führenden Indianer erteilte. Die Farm, aus mehreren kleinen Häusern und Stallungen bestehend, liegt, von Wiesen und einzelnen Feldern umgeben, sehr hübsch unter hohen Bäumen in einem freundlichen, grünen Tal am Ufer des Okinagan-Flusses, dessen besonders klare Wässer eilenden Laufes vorbeiströmen. Mr. Ellis beschäftigt sich hauptsächlich mit der Zucht von Rindern und Pferden, die sich das ganze Jahr hoch in den Bergen aufhalten und daselbst ein halbwildes Leben führen; ein großer Prozentsatz geht durch Abstürze oder als Opfer der Bären zugrunde, so dass man allenthalben Skelette verendeter Tiere sieht; aber immerhin dürfte Mr. Ellis seine Rechnung finden, da ihm die Erhaltung seiner Herden fast keine Kosten verursacht.

Bis zu den höchsten Stellen der steilsten Berglehnen sieht man die Tiere emporklettern, die sich an den Bächen und den sonstigen Trinkwasser bietenden Stellen in größeren Rudeln sammeln. Ich war über das gute Aussehen der Herden in hohem Grad erstaunt, da ich annehmen musste, dass die Tiere in den versengten und verdorrten Lehnen kein genügendes Futter finden könnten; doch hat die Natur hiefür gesorgt, da zwischen den gestürzten Baumstämmen manches Alpenkraut und in den tieferen Lagen eine unscheinbare, blaugraue Pflanze sprießen, die besonders zur Winterszeit ein gesundes und vom Vieh gesuchtes Futter liefern. Bedarf der Farmer einer größeren Anzahl Rinder oder Pferde zum Verkauf, so sendet er seine Cowboys und Indianer beritten in die Berge, damit dieselben die erforderlichen Tiere einfangen und abtreiben. Die Feldwirtschaft wird nur in dem für den Bedarf der Farm erforderlichen Umfang betrieben; als wir Mr. Ellis fragten, ob er auch Weizen baue, bejahte er dies mit dem Zusatz, dass er dies nur seinen Hühnern zuliebe tue.

Am jenseitigen Flussufer drangen wir in das Indianerdorf, das teils aus Hütten, teils aus Wigwams, das ist Zelten, besteht; erstere sind einfache Blockhäuser und mit Rasenziegeln belegt, letztere zeichnen sich nur durch die in ihrem Innern vorherrschende Unordnung aus. Die Haupterwerbsquelle bildet die Viehzucht, welche in derselben Weise wie vom Farmer betrieben wird und einzelnen Indianern bereits ein ansehnliches Vermögen eingetragen haben soll. Rings um die Hütten liegen kleine Felder und sogar Obstgärten, in welchen wir zu unserer Überraschung schwer mit Früchten behangene Bäume erblickten.

Auf einem schmalen Viehpfad, welcher die Lehne entlang führte, ritten wir den Bergen entgegen. Dieser Teil unserer Route war ziemlich eintönig, da die Nadelbäume, zumeist Kiefern, auf dem gelben, sandigen Boden in großen Abständen verteilt stehen und nirgends geschlossenen Wald bilden; erst nach einiger Zeit kamen wir in ein schmales Tal, woselbst sich schöne Ausblicke auf die entfernter liegenden Bergketten erschlossen. Manche steil eingeschnittene Schlucht, in welcher klare Bäche Rossen und Reitern willkommenen Labetrunk boten, musste passiert werden; des schlechten, schmalen Pfades wegen konnten wir fast nur im Schritt reiten und bloß auf einigen kleinen Plateaux war es möglich, für kurze Zeit zu galoppieren. Unser scharfes Auslugen nach Wild hatte keinen Erfolg, da wir außer einigen Falken und Vertretern einer grauschwarzen Hühnerart nichts entdecken konnten; dagegen wurde der Anblick der Gegend wieder freundlicher, und von dem Glanz der sinkenden Sonne schön überstrahlter, dichter Wald zeigte sich uns. Bald darauf überholten wir unseren Train, der sich nur sehr langsam und mit Schwierigkeiten kämpfend vorwärts bewegte, weil die eben erst eingefangenen Mustangs sich, an das Tragen von Lasten nicht gewöhnt, jeden Augenblick niederlegten, so dass unsere Weinvorräte, die Gewehre und der photographische Apparat in arge Gefahr kamen.

Zwei Stunden später erreichten wir ein kleines Tal, wo unter vielhundertjährigen Tannen und Kiefern, am Rand eines Bächleins im Shingle Creek das Lager aufgeschlagen wurde. Nach dem Abpacken der Pferde schritt man an das Aufstellen der Zelte, und bald entwickelte sich ein äußerst reges und fröhliches Leben; Bäume wurden gefällt. Holz gespalten, und in kürzester Zeit loderte ein mächtiges Feuer auf, an dem mehrere Mitglieder der Expedition ihre Kochkunst versuchen mussten, weil wir kein fachkundiges Individium angeworben hatten. Während tagsüber recht angenehme Temperatur geherrscht hatte, wurde es abends empfindlich kühl, weshalb wir recht nahe ans Lagerfeuer rückten.

Die der Lasten und Sättel entledigten Pferde weideten, in ein Rudel zusammengetrieben, das unter den Bäumen spärlich wachsende Gras ab; denn Körnerfutter erhalten die Tiere auch bei den größten Anstrengungen nicht. Überhaupt war die schlechte Behandlung, welche die Pferde durch die Indianer erfahren, auffallend; zu mangelhafter Fütterung trotz harter Anforderungen gesellten sich bei jeder Gelegenheit Fußtritte und Schläge, da der Indianer eben keine Liebe für seine Pferde zu besitzen scheint und sie nur so viel als möglich ausnützt. Wenn man demungeachtet und obgleich die Pferde schon in früher Jugend, oft als Füllen, Dienste leisten müssen, mitunter auffallend gute Exemplare findet und die Tiere im allgemeinen nicht nur reine Füße, sondern überhaupt kein schlechtes Exterieur besitzen, so spricht dies für die Rasse. Die Rothäute bedienen sich nicht immer eines Sattels; sie sitzen häufig nur auf einer Decke ohne Gurte und ziehen dem Pferd als Zaum bloß einen Strick durch das Maul oder begnügen sich mit einer Halfter, so dass es ein fremdartiges, stets fesselndes Bild ist, einen Reiter mit Hilfe derart primitiven Reitzeuges über Stock und Stein rasen zu sehen.

Seitwärts von uns lagerten die Indianer, welche mit ihrer Kochkunst rascher ans Ziel kamen als wir, da es uns noch an Übung fehlte und wir viel Zeit mit Versuchen verloren. Eine ungemein versalzene Suppe und ein ebensolches Gulyas, beides ein sprechender Beweis für die Richtigkeit des bekannten Sprichwortes, dass viele Köche den Brei versalzen, waren das heutige Ergebnis unserer kulinarischen Bildung; doch genossen wir dasselbe lachend und scherzend und saßen dann noch lange beim Lagerfeuer, welches gespenstige Lichter auf die alten Tannen warf, während die Sterne hell zu uns herniederfunkelten.

Derartige Expeditionen haben ihre eigenen Reize; denn man lernt, sich in jede Lage zu schicken, sich allenthalben selbst zu helfen und ist beständig bei Mutter Natur zu Gast. Wenn ich vor die Wahl zwischen einer offiziellen Reise, bei welcher nach endlicher Bewältigung einer langen Reihe von Empfängen und Feierlichkeiten ein vorzügliches Diner, ein bequemes Bett sowie aller erdenkliche Komfort winken, und einem fröhlichen Jagdzug, wie wir ihn derzeit unternehmen, gestellt bin, so werde ich mich wohl ohne Zaudern für letzteren entscheiden.

Für mich, meine Herren und die Diener war je ein Zelt bereitet worden; da aber das Zelttuch ganz dünn, ohne Doppellage und hauptsächlich darauf berechnet war, einem Pferd aufgeschnallt zu werden, so mussten wir uns gut in unsere Pelze einhüllen, um während der kühlen Nacht nicht zu frieren.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 12.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Romeo und Julie“ aufführt.

Penticton, 11. Sept. 1893

Beim Erwachen durch die Coupefenster blickend, sahen wir, dass das Land einen ganz anderen Charakter angenommen hatte: unser Auge schaute nicht mehr zu Bergriesen und Gletschern empor, sondern glitt über gewelltes Mittelgebirge, langgestreckte, dichtbewaldete Höhenzüge, über Täler hin, in welchen Waldparzellen mit bebauten Flächen abwechselten und zahlreiche Farmen einen gewissen Wohlstand der Gegend bekundeten. Verschiedene Seen trugen zur Belebung des Bildes umsomehr bei, als sich im Bereiche desselben auch Wild, nämlich Gänse, Enten und Taucher zeigten. Bezeichnet man die Rocky Mountains als wildromantisch, so verdient jene Landschaft das anerkennende Epitheton „lieblich“.

Leider erfreuten wir uns nicht lange dieses Anblickes; denn bald wurde der Wald spärlicher, und trockenes, gelbes Gras bedeckte die öde aussehenden Lehnen. Wir fuhren zwar noch immer an vielen Seen vorbei, vermissten aber das frische Grün, welches uns früher so angenehm berührt hatte.

In Sicamous waren wir auf das Geleise der erst kürzlich dem Verkehr übergebenen Zweiglinie Sicamous-Vernon übergegangen; die letztgenannte Endstation liegt am Okinagan-See, der sich, einem Fluss ähnelnd, 121 km lang in südlicher Richtung durch das Land zieht. Bei Priests‘ Landing vertauschten wir den Waggon mit dem „Aberdeen“, einem ungefügigen Heckraddampfer, in dessen hohem Oberbau sich die Kabinen befinden; dieses Fahrzeug gehört gleichfalls der Canadian Pacific-Bahn, und es läuft bei ausschließlicher Holzfeuerung etwa 12 Knoten.

Der „Aberdeen“ setzte sich in Bewegung, sein mächtiges Schaufelrad begann Wasserberge aufzuwühlen und wir steuerten hinaus über die spiegelglatte Fläche des Sees; der Tag war wunderschön, die Sonne strahlte auf uns herab und verbreitete eine wohltuende Wärme; besonders klare Luft ließ uns bei der nicht übermäßigen Breite des Sees an beiden Ufern jedes Detail erkennen. Das uns umschließende Mittelgebirge war teils spärlich bewaldet, teils in großen Flächen, die im Frühjahr üppig grünen sollen, mit gelbem Grase bedeckt; zahlreiche Herden weideten auf den Lehnen. Ich selbst genoss leider nur wenig von der schönen Fahrt; denn ich fühlte mich infolge einer heftigen Erkältung nicht wohl und musste daher während des größten Teiles der Überfahrt in meiner Kabine liegen; nur zeitweise vermochte ich durch ein kleines Fenster einen Blick auf die Umgebung zu werfen.

Sechs Stunden währte die Fahrt bis zu dem am südlichen Ende des Sees gelegenen Penticton, von wo aus demnächst eine Eisenbahnverbindung mit der North Pacific-Bahn der Vereinigten Staaten hergestellt werden soll; doch ist vorläufig nur der Platz für den zukünftigen Bahnhof ausgesteckt und ein hölzernes Hotel im Entstehen begriffen. Mit Rücksicht auf den projektierten Bahnbau und die voraussichtlich in kürzester Zeit aus dem Boden schießende „Stadt“ Penticton lässt die Canadian Pacific-Bahngesellschaft schon jetzt täglich, wenn auch mit Verlust, den Dampfer verkehren, nur um das Erstlingsrecht der Schiffahrt auf dem Okinagan-See zu wahren und eine allfällige Konkurrenz von vorneherein auszuschließen. Vorläufig fährt nur selten ein Passagier, meist nur ein Jäger oder Squatter mit, und auch wir hatten bei unserer Fahrt nur zwei Reisegesellschafter. Die Unternehmungslust der Amerikaner scheut eben selbst bedeutende Auslagen nicht, die einen Gewinn in der Zukunft erwarten lassen.

Noch spät abends wurde alles für unsere geplante Jagdexpedition in die Gold Range besprochen, bestimmt und vorbereitet.

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  • Ort: Penticton, Kanada
  • ANNO – am 11.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.