Hongkong, 22. Juli 1893

Morgens begrüßte uns der übliche Regen, welcher mich jedoch nicht abhielt, ans Land zu gehen, wo ich, vom Zufall geleitet, in ein anatomisches Museum gelangte, um mich sehr bald zu überzeugen, dass diese Schaustellung ganz ebenso abstoßend, ja ekelerregend ist, wie Ähnliches in Europa. Die Betrachtung all der Scheußlichkeiten, die sich dem Besucher in derartigen Museen darbieten, bringt als unmittelbare Nachwirkung das erlösende Wohlbehagen an dem Anblick selbst der gleichgültigsten Dinge hervor, wenn dieselben nur nicht greulich und „grauslich“ sind.

Um mein beleidigtes ästhetisches Gefühl so rasch als möglich durch wohltuende Eindrücke zu versöhnen, betrat ich einen Laden, in welchem kunstindustrielle und allerlei sonstige Produkte aus Japan feilgeboten wurden. Obschon der Besuch dieses interessanten Landes noch bevorsteht, erwarb ich schon hier eine recht hübsche Kollektion charakteristischer Objekte, worunter namentlich Vasen, Lackwaren und Bronzen vertreten sind, nicht zu vergessen natürlich die reizenden Kimonos, die wir in der Operette „Mikado“ zu sehen gewohnt sind. Die Besitzer des Ladens, die Brüder Kuhn aus Ungarn, hatten sehr bald herausgefunden, wer wir seien, und erachteten es für nötig, uns wiederholt zu versichern, dass sie uns nicht übervorteilen würden.

Das tief empfundene Bedürfnis nach etwas frischerer Luft bewog uns, den Victoria Peak zu erklimmen. Vorerst besuchten wir noch ein nach amerikanischem Vorbild eingerichtetes, von Chinesen geleitetes Bar und schwankten dann in Palankinen auf den rüstigen Schultern eilender Kulis der Station bei der St. Johns-Kathedrale zu, von welcher aus eine Drahtseilbahn auf den Victoria Peak führt.

Die Engländer scheuen, wo immer sie Kolonien besitzen, weder Mühe noch Kosten, um den Komfort des Lebens zu steigern, den Aufenthalt so angenehm, mindestens so erträglich als möglich zu machen. Tausende der Söhne Albions ziehen alljährlich für lange Zeit, auch für immer hinaus in die Kolonien, wo Ersatz für mitunter recht trostlose Gegend, Abhilfe gegen schlimmes Klima, die Möglichkeit der Erholung nach des Tages Mühen geboten werden muss. Englische Energie versteht auf dem Gebiet der Ameliorierung und Assanierung Triumphe zu feiern, wofür Hongkong in mehr als einer Richtung einen hervorragenden Beleg bietet, so auch durch die auf den Höhen des Victoria Peak entstandene Kolonie, die ihre Anlage und Entwicklung jenem gesunden Verständnis und praktischen Bestreben verdankt. Der Gouverneur und andere Notabilitäten schlagen während eines großen Teiles des Jahres hier in komfortablen Villen ihre Wohnsitze auf, Angehörige der bewaffneten Macht finden in einem seit dem Jahre 1883 bestehenden Militär-Sanatorium Unterkunft und Erholung, und große Hotels bieten den Bewohnern Victorias die Möglichkeit, während der heißen Jahreszeit in luftiger Höhe zu hausen oder doch des Abends nach getaner Arbeit reinere, frischere Luft zu atmen. Wenn bleierne Schwüle über der Stadt lagert, fährt, wer immer nur kann, in den Abendstunden auf den Peak, um des Genusses teilhaftig zu werden, welchen ein Temperaturunterschied gegenüber Victoria von etwa 10° C zu gewähren vermag.

Der Victoria Peak hat ungemein steile Lehnen und fällt schroff zur Stadt ab; die Drahtseilbahn ist dieser Situation entsprechend kühn geführt, und hat, wenn sie auch nicht solche Steigungen wie etwa die Pilatus-Bahn aufweist, doch große Terrainschwierigkeiten zu überwinden, so dass sie als ein gelungenes Werk der Technik bezeichnet werden kann. Die Bahn zieht an den Abhängen des Victoria Peak durch das Villenviertel hinan, wo sich die reicheren Europäer in geschmackvollen, von reizenden Gärten umgebenen Landhäusern angenehme Wohnstätten geschaffen haben. Von einer Station ab, nächst einem anglikanischen Kirchlein, ist die Trace äußerst steil bis auf den Peak geführt. Während der Fahrt bietet sich ein Rundblick von seltener Pracht, der in dem Maß, als wir höher steigen, an Umfang und malerischer Schönheit gewinnt. Fast scheint es, als läge das Häusermeer Victorias senkrecht unter uns, und gedämpft, endlich kaum mehr wahrnehmbar dringt der das pulsierende Leben der großen Stadt begleitende Lärm an unser Ohr.

Wir klommen immer weiter empor, bis die Stadt und der Hafen mit den zahllosen Schiffen wie eine liliputanische Welt unter uns lagen und die stolze „Elisabeth“ die Dimensionen eines kleinen Schiffsmodelles angenommen zu haben schien. Von der Höhe schweifte der Blick weithin über das unendliche Meer, über alle Hongkong umsäumenden Eilande, über den Hafen, über die Stadt und das chinesische Festland, welches sich plastisch von einer dunklen Wolkenwand abhob. Die phantastisch-malerische Szenerie, die wir hier erschauten, glich in ihrer fesselnden Fremdartigkeit jenen kühn gedachten, den Reiz des Aparten atmenden Bildern, welche chinesische und japanische Künstler in Teppiche zu weben verstehen.

Leider konnten wir in dem Genuss des herrlichen Panoramas nicht lange schwelgen, da sich stürmischer Wind erhob, Nebel und Regen einherfegend, so dass die zauberhaften Bilder zu unseren Füßen bald verschwunden, wir selbst aber vom Unwetter umhüllt waren. Trotz dieser Unbill der Witterung fühlten wir uns da droben herrlich wohl, war es doch wieder einmal Bergesluft, die wir atmeten! Nur wer durch Monate in den tropischen Meeren gekreuzt hat, vermag die ganze Größe des Entzückens zu würdigen, das Bergeshöhe und frische Luft bieten. „Auf den Bergen wohnt die Freiheit“ — die Freiheit von lastender, drückender, ermattender Schwüle der Niederung, der Städte. Doch auch das Heimweh, welches den Reisenden auf so langer Fahrt nie ganz verlässt, wohnt auf den Bergen, und stärker als seit langem überkam es mich hier in luftiger Höhe. Die Gebirge der Heimat erhoben sich vor mir aus dem Ozean, und mir dünkte es, dass keine landschaftliche Szenerie der Welt schöner, herrlicher sein könne, als unsere österreichischen Berge.

Die Drahtseilbahn endet bei Victoria-Cap, jedoch nicht auf dem höchsten Punkt des Peak, dessen Spitze noch 70 m höher liegt und von einer Signalstation gekrönt wird. Auf halbem Weg nach dieser liegt das Mount Austin Hotel, welches, in riesigen Dimensionen angelegt und mit allem Komfort ausgestattet, nicht nur ständige Bewohner beherbergt, sondern allabendlich auch zahlreiche Europäer aufnimmt, die früh morgens wieder hinab zur Stadt fahren, ihrem Beruf zu obliegen. Wir feierten hier unsere Bergfahrt mit einem lukullischen Mahl, welches, wenngleich aus englischer Küche hervorgegangen, doch ganz schmackhaft war, und traten in fröhlicher Stimmung die Rückkehr nach dem in einem Lichtmeer erglänzenden Victoria an.

In Singapur hatte ich infolge des Tropenfiebers, das mich befallen, unterlassen müssen, ein chinesisches Theater zu besuchen, und wollte daher hier in Hongkong dieses Versäumnis nachholen; doch fanden wir bei allen Kunsttempeln, wo wir der Reihe nach vorfuhren, leider verschlossene Pforten; wir hatten eben nicht bedacht, dass heute Samstag war, an welchem Tage die strengen englischen Polizeivorschriften jede theatralische Aufführung untersagen.
Wir benützten somit die Zeit, um eine der zahlreichen Opiumhöhlen zu besuchen. Im Gegensatz zu Indien, wo Opium meist in Form von Pillen oder in flüssiger Lösung genossen wird, bildet in China das Rauchen von Opium die Regel. Während man behauptet, dass der in Indien übliche Genuss von Opium im Stande sei, eine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit nach sich zu ziehen, den Mut zu erhöhen und Krankheiten hintanzuhalten, — wenn überhaupt, so dürften diese Wirkungen wohl nur infolge geringer Dosen und bloß anfänglich eintreten — werden dem Rauchen von Opium nur üble Folgen nachgesagt. Bei unserem Eintritt in die auserwählte Höhle war es noch zu früh an der Zeit, um den eigentlichen Opiumrausch beobachten zu können; immerhin befanden sich die Raucher bereits im Vorbereitungsstadium. Der Opiumraucher braucht, um sich in den Zustand der ersehnten Betäubung zu versetzen, mehrere Pfeifen, die er in gewissen, durch Tabakrauchen oder träumerisches Nichtstun ausgefüllten Pausen schmaucht.

Der enge Raum enthielt hölzerne Lagerstätten, — „Pritschen“ — deren jede mit einem aus Holz oder aus Ton gefertigten niedrigen Gestell ausgestattet ist, welches als Kissen dient.

Halbnackte Männer waren auf diesen nichts weniger als üppigen Ruhebetten hingestreckt, und jeder hatte die zum Opiumrauchen erforderlichen Utensilien neben sich, vor allem die Pfeife, welche stets aus einem Bambusrohr und dem konischen Pfeifenkopfe besteht, an dem eine kleine, zur Aufnahme des Opiums bestimmte Öffnung angebracht ist. Vor jedem Raucher steht ein mit einer kleinen Lampe versehenes und mit dem dickflüssigen Opium gefülltes Gefäß, aus welchem der Raucher eine Dosis auf die Öffnung der Pfeife legt, die er an der Lampe in Brand setzt, um den betäubenden Duft in langen Zügen einzusaugen. Dies wiederholt sich, bis die gewünschte Wirkung eintritt und der Raucher der Wirklichkeit mit allen Sorgen, allem Elend entrückt ist, ein Traumleben ihn umfangen hält, entzückende Bilder ihn umgaukeln, er in Genüssen aller Art schwelgt, jeglicher seiner Wünsche ihm in Erfüllung gegangen ist. Aber um welchen Preis vollzieht sich die kurze Flucht aus dem irdischen Jammertal in ein Land süßen Träumens? Gespenstern gleich, mit abgezehrten Leibern, hohlem, stierem Blick, bleichen Wangen und Lippen, wandeln die Opiumraucher einem frühen Ende entgegen. Die vor uns hingestreckten Raucher waren erst bei ihrer dritten oder vierten Pfeife angelangt, trugen aber ohne Ausnahme in ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer schrecklichen Verirrung zur Schau, ja ein Unseliger war bereits in das ersehnte Elysium entrückt — er lag im Zustand vollkommener Bewusstlosigkeit auf dem Altane des Hauses.

Es findet sich übrigens auch die Ansicht vertreten, dass nicht bei allen Rauchern die Folgen des Opiumgenusses in jener verhängnisvollen Art eintreten, welche man als Regel anzunehmen gewohnt ist, und die wir hier vor uns sahen; der Grad der nachteiligen Wirkung soll wesentlich von der Leidenschaftlichkeit abhängen, mit welcher das Opfer des Opiums dem Genuss dieses narkotischen Mittels sich hingibt. Hieraus wird auch der Schluss gezogen, dass die Beförderung des Opiumhandels und die fiskalische Ausnützung des Opiums sich vor dem Forum der Moral als nichts Schlimmeres und als nichts anderes darstellen, denn die Begünstigung des Handels mit Brantwein und dessen Behandlung als Steuerquelle. Wie dem auch sei, was ich in dieser Höhle gesehen, ließ mir das Opiumrauchen als eine der beklagenswertesten menschlichen Verirrungen erscheinen. Die in dem dumpfen Raum herrschende Temperatur, die scheußliche Ausdünstung der zusammengepferchten Menschen, physischer Ekel und moralischer Abscheu trieben uns bald wieder ins Freie.

Ein weiterer Rundgang durch die Höhlen des Lasters in den Vierteln des blühenden Nachtlebens wirkte bald so anwidernd, dass ich schleunig an Bord zurückkehrte.

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  • Ort: Hongkong
  • ANNO – am 22.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Hongkong, 21. Juli 1893

Nachts war der Wind eingelullt, so dass wir, ohne von einem Taifun heimgesucht worden zu sein, morgens um 2 Uhr das Leuchtfeuer von Gap Rock sichteten. Damit die „Elisabeth“ jedoch nicht vor Tagesanbruch in die Einfahrt des Hafens von Hongkong komme, wurde der dritte Kessel außer Betrieb gesetzt und liefen wir daher, erst als es lichter geworden, in den East Lamma Channel ein und an Green Island vorbei. Doch stieß dies auf Schwierigkeiten, da dichter Nebel über der See lag und wolkenbruchartige Böen niedergingen, wodurch der Ausblick so behindert war, dass wir kaum auf 100 m vor uns sehen konnten und oft mit halber Kraft fahren mussten. Die Berge, welche den Hafen umgeben, waren nicht zu ersehen; erst als wir den Mastenwald der vor Anker liegenden Schiffe und im Hintergrund Häuser der Stadt erblickten, zweifelten wir nicht mehr daran, dass wir tatsächlich in den Hafen von Hongkong eingelaufen waren.

Trotz des schlechten Wetters bot dieser — der drittgrößte Hafen der Welt, was die Anzahl der ein- und auslaufenden Schiffe sowie deren Tonnengehalt betrifft — ein imposantes Bild. Wir sahen hier Fahrzeuge aus aller Herren Ländern: eine gewaltige Flotte mächtiger Dampfer, welche, den Verkehr von und nach allen Weltgegenden vermittelnd, hier Waren aus- und einladen und sich für die Weiterfahrt mit Kohlen versehen; dazwischen allerhand Segelschiffe vom gewaltigen Viermaster bis zum kleinen Küstenfahrer; eine Reihe von Kriegsschiffen, worunter mehrere englische, und zwar die Kanonenboote „Daphne“ und „Plover“ sowie als Hafenwachschiff das gehulkte Linienschiff „Victor Emanuel“, welches einst als imposantes Schlachtschiff die Flagge Großbritanniens über die Meere getragen hatte, jetzt aber, abgetakelt und mit einem hölzernen Dach versehen, seine Tage beschaulich im Hafen beschließt; das portugiesische Transportschiff „Africa“, welches das Ende der Taifun-Saison hier abwartet, um dann eine größere Reise anzutreten; einige kleinere chinesische Kanonenboote und Zollwachschiffe. Ein ähnliches Ungetüm, wie das Hafenwachschiff, das gleichfalls gehulkte Linienschiff „Melanie“, dient als Garnisonsspital.

In der Regel ist die Zahl der in Hongkong vor Anker liegenden Kriegsfahrzeuge eine bedeutend größere, aber infolge der Komplikationen zwischen Frankreich und Siam waren mehrere Schiffe in den Golf von Siam beordert worden und wenige Tage vor unserer Ankunft dahin abgedampft.

Eine ebenso fremdartige als originelle Staffage bilden die vielen Hundert chinesischer Dschunken, welche mit dem unförmlichen Schiffskörper und den dreieckigen, meist schon sehr schadhaften und zerfetzten, dunklen Segeln den Hafen erfüllen, um sich vor dem Quai zu einem förmlichen Wall von Schiffen zu stauen. Mit dem unverhältnismäßig hohen Bug und dem verzierten, ebenfalls stark erhöhten Achterkastell erinnern diese Fahrzeuge an Abbildungen von Schiffen aus der Zeit der Armada. Die Geschicklichkeit, mit welcher die Dschunken trotz der scheinbaren Schwerfälligkeit durch das Labyrinth verankerter Schiffe lavieren und manövrieren, ist in hohem Grad bemerkenswert, und es gewährt viel Vergnügen, das lebhafte Treiben der Dschunken zu beobachten; man meint, dass alle Augenblicke eine derselben an einen großen Dampfer anfahren oder ein anderes Schiff rammen werde, aber ein im letzten Moment unternommenes flinkes Manöver beseitigt die Gefahr, und unbehindert wird die Fahrt fortgesetzt. Die Dschunken, welche zunächst nur für den Handel an der Küste und für den Fischfang bestimmt sind, wagen sich gleichwohl auch weit in die offene See hinaus, obschon sie zufolge ihrer Bauart den schweren Taifunen nicht gewachsen sind, so dass, wenn plötzlich ein derartiger Sturm sich erhebt, die von ihm überraschten Dschunken meist auch zugrunde gehen.

Wie Mücken schießen unzählige kleine Sampans und „Pantoffelboote“ im Hafen hin und her, während zahlreiche Dampfbarkassen eilfertig den Verkehr zwischen den Schiffen und dem Land vermitteln. Am Quai liegen nebst der Legion von Dschunken auch die großen Raddampfer vertäut, welche täglich zweimal Passagiere nach Kanton befördern.

Daran gewöhnt, dass die Eingeborenen der Länder, die wir gesehen, jede Tätigkeit mit wüstem Geschrei begleiten, staunten wir nicht wenig über die lautlose Ruhe, mit welcher die Bemannung der chinesischen Schiffe ihren Dienst versah. Dank dem strömenden Regen, sahen wir zum ersten Mal an den chinesischen Matrosen die eigentümliche Regenkleidung, bestehend aus einem langen, bis zu den Knien reichenden „Waterproof“ aus Schilfgras, an dem auch der stärkste Regen abfließt, und einem riesigen, runden Rohrhut, ungefähr von den Dimensionen eines Wagenrades, welcher die Dienste eines Parapluies versieht.

Die Kronkolonie besteht aus der Insel Hongkong selbst, den kleinen dazugehörigen Eilanden (Stone Cutters, Green, Applechow oder Aberdeen, Middle, Round Island etc.) — 1841 von China an England abgetreten — und aus dem im Norden der Insel Hongkong gelegenen, die südliche Hälfte der Halbinsel Kau-lung (Kowloong) bildenden Stückchen Festland, welches 1861 an England überlassen worden ist. Dieses ist von der Insel Hongkong durch einen etwa eine Seemeile breiten, an seinem Ostende, dem Lyemoon-Pass, aber auf kaum eine Viertelmeile sich verengenden Meeresarm getrennt, welcher eben den etwa sechs Seemeilen langen und ein bis drei Seemeilen breiten Hafen von Hongkong bildet.

Die Insel Hongkong ist ein von allen Seiten, insbesondere aber an der Südküste, wo die Buchten tief ins Land einschneiden, steil aufsteigender Granitstock mit engen Tälern und Schluchten. Die höchste Erhebung der zumeist kahlen, zerklüfteten Insel ist der im Westen befindliche Victoria Peak (556 m); am Fuße desselben und am Nordrand der Insel liegt die Stadt Victoria, gewöhnlich Hongkong genannt.

Die kommerzielle, finanzielle und politische Bedeutung Hongkongs, der östlichsten Besitzung Großbritanniens in Asien, insbesondere aber die Wichtigkeit, welche dieser Freihafen nicht nur für den chinesischen, sondern auch für den gesamten ostasiatischen Handel besitzt, zeugt neuerdings für den weiten Blick Englands in der Erwerbung von Stützpunkten für seinen maritimen Verkehr. Auch hier, wie in Gibraltar, haben die Briten sich einen Punkt zu sichern gewusst, dessen Gewinnung von weittragender Folge für die Entwickelung ihrer Handelsmarine begleitet war.

Ob Hongkong in landschaftlicher Hinsicht mit Gibraltar, ja wie manche wollen, mit Neapel vergleichbar ist, vermag ich nicht zu entscheiden, da mir diese beiden Häfen nicht bekannt sind, jedenfalls aber erschien mir der Hafen von Hongkong als einer der schönsten, welche ich bisher auf meiner Reise berührt hatte.

Die Stadt Victoria baut sich am Fuße des Victoria Peak amphitheatralisch auf; dem Strand entlang wird zunächst die etwa 7 km lange Linie des breiten, mit stattlichen Gebäuden besetzten, belebten Ouais, der Praya, sichtbar; jenseits desselben ziehen sich terrassenförmig die übrigen Teile der wohlgebauten Stadt die Abhänge des Victoria Peak hinan. Die unteren Terrassen sind mit großen Häuserblocks erfüllt; weiter hinauf steigen Villen und Gartenhäuser empor. Der leider häufig in Nebel gehüllte Peak, welchen eine Bergbahn mit der Stadt verbindet, blickt majestätisch herab auf das Grün der Villenstadt, auf das glänzende Weiß der palastartigen Bauten, auf den breiten Quai und das Leben im Hafen.

Im Norden des Hafens, auf der Halbinsel Kau-lung, befinden sich weitläufige Schiffahrts-Etablissements, Docks, Marine-Depots, Werften, Werkstätten, Kohlenmagazine, Kabelhäuser und die Sternwarte mit der meteorologischen Station, welche hier eine ganz besondere Bedeutung dadurch hat, dass sie zugleich als Signalisierungsposten für die im ostasiatischen Meere so häufigen Taifune dient. Sie steht mit den Hauptpunkten der chinesischen Küste sowie mit Manila in telegraphischer Verbindung und zieht gegebenen Falles die weithin sichtbaren Sturmsignale auf, deren Gestalt und Farbe die Richtung des herrschenden Taifuns anzeigt, was für die auslaufenden Schiffe einen höchst wichtigen Navigationsbehelf bildet. Bei unserer Ankunft fanden wir das Signal „Taifun Nordost“ gehisst und sahen dadurch unsere während der Fahrt nach Hongkong ausgesprochene Vermutung bestätigt.

Sowohl auf der Halbinsel Kau-lung als auch auf der Insel Hongkong umrahmen steile Höhen mit scharf ausgeprägten Formen das Bild. Auf dem Festland springen sofort die kahlen, mit rötlicher Erde überzogenen Flecken ins Auge, welche, auf den Lehnen und Hängen der Berge unregelmäßig vertheilt, weithin leuchten. Der Gebirgsstock der Insel Hongkong ist bis auf das Gestrüpp und den niedrigen Graswuchs der Schluchten und Wasserrinnsale von Natur aus völlig kahl, doch haben es die Engländer verstanden, namentlich im Villenviertel und in dem östlich von Victoria gelegenen Tal „Happy Valley“ einen Teil ihres Territoriums aufzuforsten und mit Parkanlagen auszustatten. Diese mit bedeutendem Arbeits- und Kostenaufwand hergestellte Melioration des Terrains ist durch die Wärme und Feuchtigkeit des Klimas während der Sommerszeit begünstigt, vielfach jedoch durch die Temperaturstürze im Winter beeinträchtigt gewesen. Aber auch hier hat systematische Kulturarbeit alle Hindernisse zu überwinden gewusst, so dass heute ein reizender Kranz von Parks und Gärten das Villenviertel von Victoria schmückt. Die Schaffung einer, wenn auch jetzt noch wenig umfangreichen Vegetationsdecke innerhalb dieses Territoriums ist zum Teil auch auf die Absicht zurückzuführen, hier günstigere sanitäre Bedingungen zu schaffen; denn tatsächlich ist das Klima Hongkongs ein recht ungesundes, wie sich aus der verhältnismäßig bedeutenden Sterblichkeit ergibt.

Dass trotz der ansehnlichen Zahl von Sterbefällen die Einwohnerschaft der Kronkolonie stetig wächst, ist auf die Chinesen zurückzuführen, welche den größten Teil der Bevölkerung bilden, während diese im übrigen nur etwa 10.000 Europäer und eine geringe Zahl Mischlinge aufweist.
Bei unserem Einlaufen in den Hafen ereignete sich ein aufregender Zwischenfall; wir fuhren nämlich ziemlich rasch zwischen den zahlreichen Dschunken und Dampfern hindurch, als plötzlich eine Störung an der Dampfsteuertransmission eintrat und diese den Dienst versagte, so dass das Schiff nach steuerbord ausbrach und ohne jede Steuerung geradewegs auf eine Menge verankerter Dschunken zufuhr. Gleichwohl gelang es, obschon wir uns bereits in so bedenklicher Nähe der Dschunken befanden, dass deren Bemannung Hilferufe ausstieß, jeden ernsteren Unfall dadurch zu verhindern, dass rechtzeitig beide Maschinen nach rückwärts arbeiteten und in voller Fahrt mit besonderer Schnelligkeit ein Anker geworfen wurde, der glücklicherweise Grund fasste und hielt.

Kaum war die Havarie des Steuerapparates beseitigt, so kam ein Seeoffizier an Bord, um uns den Ankerplatz anzuweisen, woselbst die „Elisabeth“ an die für das Flaggenschiff der englischen Escadre bestimmte Vertäuboje gelegt wurde.

Unmittelbar hierauf leisteten wir den Territorialsalut und, nach dessen Erwiderung, mit 13 Schüssen den Salut für den englischen Contreadmiral Palliser.

Nun begann ein förmlicher Sturm auf die „Elisabeth“, indem zahllose chinesische Geschäftsleute und Händler in ihren kleinen Booten an das Fallreep herandrängten, um so rasch als möglich an Bord zu gelangen; denn jeder wollte dem andern zuvorkommen, seine Waren anzupreisen und Geschäfte zu machen. Der gelbe Strom ergoss sich nach aufwärts, die finsteren Blicke und scheltenden Worte unseres ersten Lieutenants vermochten ihn nicht mehr einzudämmen. Die ersten, welche das Deck der „Elisabeth“ genommen hatten, waren zumeist ältliche Besitzerinnen von Waschetablissements, und jede derselben hatte als Hilfstruppe sechs bis acht junge, hübsche „Wäschermädel“ aufgeboten, die sich, wohl gewaschen, fein säuberlich schwarz gekleidet, recht niedlich ausnahmen und an Puppen erinnerten. Diese Dämchen entwickelten nun eine staunenerregende Fertigkeit in der Anpreisung der Leistungen ihrer Etablissements und überdies ebenso große Energie als Emanzipation; sie drangen geradewegs in alle Kabinen und entrissen den Bewohnern derselben unter Lachen und Scherzen die Wäsche, um diese, in Bündel geschnürt, in den Sampans verschwinden zu lassen. Überall im ganzen Schiffe trippelte die Schar umher, und erst nach geraumer Zeit gelang es unserem gestrengen Profoßen, die Schönen zur Rückkehr ans Land zu bewegen.

Dann trat das männliche Geschlecht in die Bresche, da Verkäufer der verschiedenartigsten chinesischen Produkte, Schneider, Schuster u. dgl. das Deck überschwemmten; diese eifrigen, bezopften Brüder erschienen mit einem ganzen Bündel belobender Zeugnisse versehen, worunter auch manche von Schiffen unserer Marine, wie von der „Fasana“, der „Saida“ und der „Zrinyi“, ausgestellt waren. Alle diese Geschäftsbeflissenen waren von einer fabelhaften Zudringlichkeit, die aber recht ergötzlich wirkte, weil sie von dem unglaublichsten Kauderwelsch der mannigfachsten Sprachen begleitet war. Einer der Händler, dessen Physiognomie an jene eines Fuchses gemahnte und sich durch den Ausdruck großer Schlauheit auszeichnete, war sogar der deutschen Sprache, welche er durch den Verkehr auf deutschen Kriegsschiffen erlernt hatte, so ziemlich mächtig, und dieser sprachkundige Chinese dankte einem Spassvogel den Namen „Bismarck“, den er nun selbst mit Vorliebe führte.

Auch Künstler kamen an Bord — Maler, welche ihr Geschäft sozusagen fabriksmäßig betreiben, indem sie binnen kürzester Frist nach Photographien Porträts in Lebensgröße herstellen, welche zwar meist nur die allgemeine Heiterkeit erregen, aber mitunter in einzelnen Zügen doch eine überraschende Ähnlichkeit mit den Originalen zeigen. Wir alle machten natürlich sofort Bestellungen, und einige Matrosen folgten dem Beispiel, so dass in einiger Zeit mancher „Carlo“ und „Beppo“ in chinesischer Auffassung den künstlerischen Schmuck dalmatinischer Fischerhütten bilden dürfte.

Das rege geschäftliche Leben, welches sich an Bord entwickelt hatte, fand nur zu bald ein Ende mit Schrecken durch einen tropischen Platzregen, der mit großer Heftigkeit niederging und mit kurzen Unterbrechungen beinahe den ganzen Tag währte; auch hatte sich der Nebel wieder verdichtet und die Aussicht gänzlich benommen, so dass sich der Aufenthalt an Bord recht ungemütlich gestaltete.

In diesem bösen Wetter kamen die Würdenträger, deren Uniformen und Zylinder durch den Gussregen arg mitgenommen wurden, um ihre Aufwartung an Bord zu machen, und zwar zuerst, da der Konsulargerent selbst abwesend war, der interimistische Leiter unseres Konsulates, Herr Ernst Goetz, dann der Contreadmiral Palliser und zum Schluss der Gouverneur Sir William Robinson, welcher um mein Wohl nicht weniger besorgt zu sein schien als sein Kollege in Singapur. Letzterer hatte seinerzeit angesichts der Cholera, die in Singapur herrschte, warnende Depeschen nach Calcutta gesandt, ersterer aber mir durch unser Ministerium des Äußern nach Sydney die Nachricht zukommen lassen, dass in Hongkong eine Blatternepidemie ausgebrochen und die tunlichste Abkürzung des Aufenthaltes rätlich sei. Ich war jedoch durchaus nicht geneigt, welcher Krankheit immer einen Einfluss auf meine Entschließungen einzuräumen und gar den Aufenthalt in Hongkong abzukürzen, den ich vielmehr zu verlängern beschloss. Andererseits lehnte ich aber im Hinblick auf das angeblich grassierende Übel, von dem tatsächlich nichts zu bemerken war, mit Dank alle Empfänge und Festlichkeiten ab, um niemand in Gefahr zu bringen oder in der Ruhe zu stören. Ich war eben von dem Eindruck nicht frei, als sei unsere Anwesenheit dem Gouverneur etwas unbequem, so dass wir durch Vorschützen der Blatternepidemie von dem Besuch Hongkongs abgehalten werden sollten.

Da Besuch Gegenbesuch bedingt, ging ich trotz strömenden Regens an Land, um Sir William Robinsons Visite zu erwidern, und war, nachdem ich einige Zeit hindurch im Palankin umhergetragen worden, — die Kulis, deren wir uns bedienten, hatten nicht sofort begriffen, wohin wir wollten — an Ort und Stelle. Ein wohlgepflegter Garten umgibt das Government House, von welchem sich ein prächtiger Ausblick auf Victoria und den mit Schiffen besäeten Hafen bietet. Hochgewachsene Sikhs hatten die Torwache am Palais bezogen; von den Engländern werden zur Versehung des Wach- und insbesondere des Polizeidienstes in Hongkong mit Vorliebe Inder verwendet, welche, mit dem hohen Turban versehen und dem Policeman-Stock bewehrt, achtunggebietend in den Straßen stehen, uns lebhaft an unsere Freunde von Dschodpur gemahnend. Als wir einem dieser Policemen, der uns durch seine Erscheinung besonders aufgefallen war, erzählten, dass wir Dschodpur sowie Pratap Singh und Hardschi Singh kennen gelernt hätten, leuchteten seine Augen vor Freude.

Die Polizei in Hongkong scheint in Versehung ihres Dienstes sehr streng zu sein, da man die Stöcke der Polizisten häufig in unsanfte Berührung mit dem Rücken oder dem rasierten Kopf eines Chinesen geraten sieht.

Eine der Hauptaufgaben der Polizei ist es, nachts an der Praya Aufsicht zu führen, weil es nicht selten vorgekommen sein soll, dass Europäer, welche, an Bord ihrer Schiffe zurückkehrend, sich hiezu der Sampans bedienten, spurlos verschwunden sind — wahrscheinlich von den chinesischen Ruderern ermordet, ausgeraubt und in die Tiefe des Meeres versenkt. Um die Wiederholung derartiger Verbrechen tunlichst zu verhindern, überwachen die Policemen den nächtlichen Verkehr am Quai und notieren die Nummer sowie die Abfahrtszeit jedes zu einer Fahrt gedungenen Sampans.

In den Straßen wimmelt es von den landesüblichen Verkehrsmitteln, deren es hier zwei Arten gibt, nämlich die uns von Singapur her schon bekannten Dschinrickschas, welche von Läufern fortbewegt werden, und Palankine oder Bambussessel, die vorzugsweise in steileren Straßen Verwendung finden und, auf den Schultern von Kulis ruhend, einherschwanken. Während die Läufer der Dschinrickschas an Schnelligkeit und Ausdauer ihren Berufsgenossen in Singapur nachstehen, setzen die Träger der Palankine und Bambussessel durch ihre Leistungsfähigkeit in Erstaunen; denn Stunde um Stunde tragen sie, in einer Art Schnellschritt dahineilend, ihre schwere Last umher und befördern dieselbe leichtfüßig selbst auf die höchst gelegenen Punkte Hongkongs. Auffallend ist hiebei, dass diese Träger keine besonders kräftig entwickelte Muskulatur zeigen, ihre Hälse hingegen eine oft komisch wirkende Länge erreichen, was mit der alltäglich viele Stunden währenden Belastung der Schultern zusammenhängen soll.

An jeder Landungsstelle wird der Bootsinsasse durch eine Horde von Kulis begrüßt, welche mit lautem Geschrei die Vorzüge ihrer Transportmittel anpreisen. Ist die Wahl zugunsten eines derselben getroffen, so setzen sich dessen Träger oder Lenker, meist ohne das Ziel der Wünsche des Fahrgastes begriffen zu haben, alsogleich in eiligsten Lauf, um den Passagier an einem beliebigen, entfernten Punkte der Stadt abzusetzen. Mühsam versucht sich hier der Fahrgast mit dem Kuli zu verständigen und letzteren über seinen Irrtum aufzuklären; endlich scheint dies gelungen, und in raschem Tempo geht es alsbald weiter, zuweilen freilich abermals in einer ganz falschen Direktion, bis der Kuli endlich an den richtigen Punkt gesteuert ist. Die Bekleidung dieser Läufer und Träger ist stets die gleiche, aus weiten, blauen Kniehosen, Jacken dieser Farbe und großen Hüten bestehende; reiche Leute haben ihre eigenen, in ihren Diensten stehenden Läufer und Träger, welche zumeist weiß gekleidet und mit Schärpen in den Farben ihrer Herren geschmückt sind.

Die Stadt Victoria besteht aus zwei Teilen, dem östlichen, welcher sich als der europäische, und dem westlichen, welcher sich als der chinesische darstellt, eine Scheidung, die übrigens keine durchgreifende ist; denn es finden sich ebensowohl im europäischen Stadtteil Häuser und namentlich Kaufläden, die Chinesen gehören, als im chinesischen Teil Häuser und Geschäftslokale von Europäern. Dem Fremden fallen zunächst die breiten, schönen Straßen auf, welche die Stadt in paralleler Richtung zur Praya und in terrassenförmiger Anordnung durchziehen, während die Quergassen, welche die Verbindung zwischen diesen Hauptstraßen herstellen, mitunter recht steil geführt sind. Überraschend ist die allenthalben herrschende Sauberkeit, worin die von den Engländern gehandhabte strenge Polizei erkennbar wird, die um so nötiger erscheint, als die Reinlichkeit nicht eben die Haupttugend der Chinesen bildet.

Im europäischen Viertel ist der Praya entlang eine ganze Reihe imponierender Gebäude erstanden, welche hauptsächlich der geschäftlichen Tätigkeit gewidmet sind, so die Comptoirs der Großhändler, die Banken, allerlei industrielle und kommerzielle Unternehmungen und die meisten Konsulate. In der Flucht dieser Bauten scheint sich mehr der Großhandel konzentriert zu haben, während in der unabsehbaren Reihe von Läden zu beiden Seiten der Queens Road, der ersten Parallelstraße zur Praya, der Detailhandel mit Gegenständen des Luxus, der Kunstindustrie und Kunst blüht und in friedlicher Konkurrenz Europäer mit Chinesen wetteifern. Dort wo die Peddar-Straße in die Queens Road einmündet, ragt der gewaltige Uhrturm, ein Wahrzeichen Hongkongs, empor. Groß ist die Anzahl der Kasernen, in deren Hofräumen schneeweiß adjustierte Mannschaften allerlei Exerzitien übten.

Dem Chinesen-Viertel, dessen Straßen mitunter so schmal sind, dass kaum zwei Menschen nebeneinander zu gehen vermögen, verleihen Tausende bunter Firmatafeln ein charakteristisches Gepräge; diese sind schmale, oft 3 bis 4 m lange Bretter, welche, in den grellsten Farben originell bemalt und dekoriert, senkrecht herabhängen und in chinesischen Schriftzeichen Anpreisungen der Firma enthalten. Bunte, mit Flittergold und künstlichen Blumen geschmückte Hausaltäre fehlen in keinem Laden, und zahllose, großbauchige Laternen und Lampions sind bestimmt, helles Licht auf das nächtliche Treiben in dem Chinesen-Viertel zu werfen. Dieses Licht wird, seiner spezifischen Beschaffenheit ungeachtet, durch das elektrische in den Schatten gestellt, welches in Hongkong allgemein eingeführt ist und im Chinesen-Viertel die durch die autochthone Beleuchtung hervorgerufene malerische Wirkung sehr empfindlich stört. Überall steht das Chinesentum im Vordergrund und drückt der Öffentlichkeit einen eigenartigen Stempel auf; es hebt sich hier viel lebhafter und plastischer ab als etwa in Singapur, da es in Hongkong doch den Hauptstock der Bevölkerung ausmacht, wiewohl auch noch manch andere Volkstypen das Kolorit des Straßenbildes vervollständigen.

Die wohlhabenden Chinesen sind in dem Gewühle leicht an den weißen Blousen mit den weiten, faltigen Ärmeln, sowie an den Beinkleidern von blauer Farbe, an den Strümpfen aus Leinwand und an den Schuhen aus Seide kenntlich. Die ärmeren Klassen der chinesischen Bevölkerung begnügen sich mit einfacherer Kleidung, wozu meist dunkelvioletter Perkail verwendet wird; viele Männer der unteren Schichten tragen den Oberkörper entblößt und gehen, gleich den Frauen der ärmeren Stände, barfuß. Der dem Chinesen unentbehrliche Fächer ist in steter Bewegung. Auffallend ist die große Anzahl von Söhnen des himmlischen Reiches, die sich mit Brillen bewehren, was seine Erklärung zum Teil darin findet, dass sich, wie man mir sagte, zahlreiche chinesische Elegants dieses Mittels bedienen, nicht etwa um ihrem Sehvermögen nachzuhelfen, als vielmehr um sich den Anschein von Literaten zu geben und so den Reiz des persönlichen Eindruckes zu erhöhen, also aus Stutzerhaftigkeit. Diese Erscheinungsform des Gigerltums dürfte wohl nur in China möglich sein.

Vornehmere Chinesen lassen ihren langen, beinahe bis zur Erde reichenden Zopf frei herabbaumeln, während die ärmeren denselben aufbinden; bei allen jedoch ist stets das Haupthaar bis in die Mitte des Kopfes rasiert. Der Zopf bildet den Stolz jedes Chinesen, und diesen etwa im Scherz an dem „Pig-tail“, wie die Engländer das Haarschwänzchen nennen, zupfen, hieße den Zopfträger arg beleidigen. Hat Mutter Natur das zur Herstellung dieses Schmuckes erforderliche lange Haupthaar versagt, so wird — tout comme chez nous — künstlich nachgeholfen, und zwar durch das Einflechten langer Seidenfäden. Übrigens trägt jeder Chinese eine Schnur im Zopf, die gewöhnlich von schwarzer, in Trauerfällen von weißer und bei Kindern von glückverheißender roter Farbe ist.

Chinesische Frauen sind, da sich deren Tagewerk vorzugsweise innerhalb der Mauern des Hauses abwickelt, auf der Straße nur in verhältnismäßig geringer Zahl zu sehen. An den Vertreterinnen höherer Stände kann man die eigentümlich verkrüppelten Füße beobachten, welche den garstigen, entenartigen Gang verursachen.

Jedermann in Hongkong widmet sich dem geschäftlichen Leben, alle Welt eilt in den Straßen, namentlich im Chinesen-Viertel, dem Erwerbe nach; da herrscht ein ununterbrochenes Hin- und Hereilen der sich drängenden Menge, welches zuweilen durch festliche Aufmärsche, durch Hochzeits- oder Leichenzüge gehemmt wird, deren Nahen das erschütternde Lärmen auf den unvermeidlichen Gongs schon von weitem verkündet.

In den kleineren, die parallelen Hauptstraßen durchquerenden Gassen sind die Kaufläden förmlich aneinandergeklebt, und in der Mitte dieser Verkehrsadern ambulante Garküchen etabliert, welche für Spottpreise Früchte und allerlei undefinierbare Speisen feilhalten. Der Chinese isst eben alles, und man könnte ein Buch über die Mannigfaltigkeit chinesischer Lebensmittel und Speisen sowie über die Bewunderungswürdigkeit des Magens der bezopften Brüder schreiben, welcher Dinge verträgt, die sich nicht selten in einem der Fäulnis nahe verwandten Zustand befinden. Der Lebensunterhalt stellt sich angesichts dieser Genügsamkeit in Bezug auf die Qualität der Esswaren ungemein wohlfeil, was der so zahlreichen Bevölkerung sehr zustatten kommt; für etwa zehn Kreuzer unserer Währung kann sich ein erwachsener Mann täglich vollkommen ausreichende Nahrung verschaffen.

Je weiter der Wanderer gegen Westen vordringt, um so zahlreichere Schankbuden, Opiumkneipen, Spielhäuser und andere Unterhaltungsorte zweifelhaftester Natur findet er, in welchen sich, als Versammlungsorten der Matrosen und Kulis, als Tummelplätzen der wildesten Leidenschaften, abends und nachts wüste Szenen abspielen.

Wenn die ärgste Hitze des Tages vorbei ist, etwa gegen 5 Uhr nachmittags, nimmt das Gewimmel und Gedränge in den Straßen einen bienenschwarmartigen Charakter an, alles geht, schiebt, stößt, drängt, eilt, läuft durcheinander, und der Fußgänger kommt bei Überquerung von Straßen nicht selten in Gefahr, von einem der zahlreichen heranstürmenden Rickschaläufer umgestoßen zu werden. Obgleich die Kulis sehr geschickt im Wenden und Ausweichen sind, widerfährt hie und da doch ein kleines Malheur, wie unser ebenso beliebter als beleibter Chefarzt bestätigen kann; denn sein Rickschaläufer vermochte das Vehikel infolge des nicht unerheblichen Körpergewichtes des Fahrgastes an einer abschüssigen Stelle nicht mehr zu bremsen und fuhr full pace in einen chinesischen Laden hinein, wo unser würdiger Chefarzt etwas unsanft mitten zwischen allen Waren abgesetzt wurde.

Bald da, bald dort angeregt und gefesselt durch fremdartige, lebendige Bilder und Scenen, betrat ich endlich, meiner Kauflust zu fröhnen, mehrere Läden, in welchen Artikel chinesischen Ursprunges feilgeboten wurden und sich immer dasselbe Spiel wiederholte. Des Feilschens war kein Ende, da die Verkäufer exorbitante Preise forderten, um dieselben nach einer halben Stunde zähen Handelns auf ein Drittel zu ermäßigen, worauf dann der Kauf perfekt werden konnte. Endlich war auch das Problem der zu entrichtenden Gesamtsumme vermittels längerer Kalkulation unter Benützung der Rechenmaschine glücklich gelöst, ein Einverständnis wegen Übersendung der erstandenen Schätze an Bord erzielt, und befriedigt konnte ich meine Schritte weiter lenken.

Trotz des Regens herrschte tagsüber wahrhaft drückende Schwüle, welche unausgesetztes Transpirieren bedingte; die fortwährend hohe, kaum einen Augenblick nachlassende Temperatur verleidet mitunter geradezu den Aufenthalt in diesen Breiten, da selbst die Nachtzeit häufig nicht bloß keine Linderung bringt, sondern die dumpfe Schwüle nur noch empfindlicher macht. Der Organismus fühlt sich ermattet, abgespannt; auch das lebhafteste Interesse für die sich darbietenden neuen Eindrücke erlahmt endlich unter dem Einflusse der Hitze, und wer sich verleiten lässt, Abkühlung im Genuss momentan erfrischender Getränke zu suchen, büßt dies nur zu bald durch eine gesteigerte Empfindlichkeit für die hohe Temperatur.

Die heißen Tage, deren auch wir in der Heimat während der „Hundstage“ uns erfreuen, sind in ihrer abspannenden Wirkung auch nicht annähernd mit jener der glühenden und dabei während der Regenzeit wassergeschwängerten Atmosphäre der Tropen zu vergleichen, so dass es mir für Kinder der gemäßigten Zone eine harte Aufgabe zu sein scheint, dauernd in den Tropen leben zu müssen. Unsere Konstitution, unser Wesen ist den tropischen Klimaten nicht angepasst; Geist und Körper verlieren die Spannkraft, deren wir für unser Wohlbefinden, für die volle Leistungsfähigkeit bedürfen; mich wenigstens würden die drückenden Temperaturen dieser Breiten auf die Länge melancholisch machen. Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von — heißen Tagen.

Den Abend verblieb ich an Bord, leider unter dem Eindruck einer argen Enttäuschung. Wir rechneten nämlich mit Sicherheit darauf, endlich in Hongkong, da wir ja doch schon fast vier Monate ohne Nachrichten aus der Heimat waren und alle unsere Hoffnungen auf diesen Hafen gesetzt hatten, die heiß ersehnten Postsendungen zu erhalten, erfuhren aber, dass Coudenhove auf der Fahrt nach Bangkok, wo er mit uns zusammentreffen sollte, die in Hongkong für uns bereits eingelangte umfangreiche Post in der löblichen Absicht mitgenommen hatte, uns ehestens in deren Besitz zu setzen.

Nun hieß es, sich bis zum Eintreffen Coudenhoves abermals in Geduld zu fassen, was jedoch leichter gesagt, als getan war; denn der Unwille über das postalische Missgeschick, welches uns so chronisch verfolgte, brach durch die besten Vorsätze hindurch und machte sich in lauten Verwünschungen Luft. Namentlich einer der Herren des Stabes, das Muster eines zärtlichen Ehemannes, der tagtäglich einen Brief für seine junge Frau schrieb, war ganz unglücklich. Wir vertrösteten ihn in anerkennender Bewunderung seiner Ausdauer, so gut es ging, mit der kühnen Versicherung, dass ihm die nächste Post eine Legion Briefe bringen werde.

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  • Ort: Hongkong
  • ANNO – am 21.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater Wiener Walzer und ein Ballet „Sonne und Erde“ aufführt.

In See nach Hongkong, 19. und 20. Juli 1893

Als wir in den Bereich des Golfes von Tongking gekommen waren, frischte der Wind merklich auf und verursachte starken Seegang; hiebei war das Wetter überaus unstet, und die Regenböen nahmen zeitweise drohenden Charakter an.

Viele Anzeichen sprachen dafür, dass ein Taifun im Anzug sei; denn zerrissenes Gewölk, welches für das Herannahen dieses Sturmes charakteristisch ist, bedeckte den Himmel, bei Sonnenuntergang erschien der Horizont in abnormaler, fahlgelber Färbung und schwer gekreuzter Seegang schleuderte die „Elisabeth“ gewaltig hin und her. Nur das Barometer kündigte die Geißel dieser Meere nicht an, da jenes, obzwar der Luftdruck rasch abgenommen hatte, die bedeutenden Schwankungen noch nicht aufwies, welche jenem gefürchteten Sturme vorherzugehen pflegen. Die verschiedenartigsten Wetterbeobachtungen wollten gemacht worden sein, und allerlei widerstreitende Vermutungen wurden laut; ängstlichere Gemüter prophezeiten das Herannahen eines der schwersten Taifune, während die gewiegten Meteorologen sich anfänglich der Ansicht zuneigten, dass der Sturm hinter uns sei oder parallel zu unserer Fahrtrichtung, jedoch in einiger Entfernung von derselben, vorbeiziehen werde. Als aber der Wind fortwährend steifer wurde, die See immer stürmischer wogte und sich endlich heftige Gewitter entluden, war jedermann nahezu überzeugt, dass wir Hongkong nicht erreichen würden, ohne vorher einen Cyklon bestehen zu müssen.

Ein seltenes Schauspiel boten nachts die zahlreichen Blitze, welche, horizontal verlaufend, das aufgeregte Meer taghell, aber gespensterhaft beleuchteten.

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  • Ort: Im südchinesischen Meer
  • ANNO – am 18.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Hongkong, 17. und 18. Juli 1893

An Stelle des Südostwindes trat entschiedener Südwestmonsun bei anfänglich ruhiger See ein, doch verschlimmerte sich das Wetter zusehends, und allzuhäufig gingen heftige, lang andauernde Regengüsse nieder, welche den Aufenthalt auf Deck völlig verleideten. Die anhaltende Feuchtigkeit versetzte die Kleider und die Schuhe in den Kabinen in einen recht kläglichen Zustand.

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  • Ort: Im südchinesischen Meer
  • ANNO – am 17.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Hongkong, 16. Juli 1893

Unter dem verstimmenden Eindruck, welchen der nothgedrungene Verzicht auf den Besuch in Siam hervorgebracht hatte, verließen wir morgens die Insel Singapur, von deren Küste uns herrliche Palmen grüßend zuwinkten. Die südöstliche Spitze der Halbinsel Malakka und das Leuchtfeuer von Horsburgh passierend, fuhren wir durch die Straße von Singapur mit Kurs auf Hongkong in die offene See hinaus.

Beim Auslaufen und in der Straße von Singapur hatten wir regnerisches Wetter, doch hellte sich nachmittags der Himmel auf, und der Wechsel von Sonnenschein mit Regenböen rief wirkungsvolle Farbeneffekte sowie Spiegelungen am Horizont hervor.

Vor Anbruch der Dunkelheit sichteten wir Aor Island und etwas später einzelne Inseln der Anamba-Gruppe.

Des Nachts drehte der Wind nach Südost, blieb jedoch leicht. Die See war ruhig.

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  • Ort: In See nahe der Anambas Inseln
  • ANNO – am 16.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Singapur, 15. Juli 1893

Einem heute eingelangten Telegramm Coudenhoves entnahm ich, dass der siamesische Minister des Äußern erklärt habe, es werde zwar vorgesorgt werden, mich in der denkbar besten Weise zu empfangen, doch sei man in Siam über den weiteren Verlauf der vorliegenden Komplikationen gänzlich im Unklaren. Im Hinblick hierauf entschloss ich mich mit schwerem Herzen, den höheren diplomatischen Rücksichten Rechnung zu tragen und darauf zu verzichten, durch einen, wenn auch nur kurzen Aufenthalt in Bangkok Einblick in die Verhältnisse des Königreiches Siam zu gewinnen — eines Staates, den auch nur flüchtig kennen zu lernen von höchstem Interesse gewesen wäre.

Die Heimat einer mehr als tausendjährigen, autochthone Elemente mit indischen und chinesischen Formen verschmelzenden Kultur, hat Siam, das einzige noch unabhängige Reich auf der hinterindischen Halbinsel, den Charakter orientalischer Selbstherrschaft rein bewahrt. Das Gebiet des „Herrn der weißen Elephanten“ wusste sich der Machtsphäre der Staaten Europas bisher zu entziehen und europäischen Einflüssen nur so weit zu erschließen, als dies unbeschadet seiner nationalen Eigenart zulässig gewesen ist.

Der Besuch des Königshofes von Siam, die Betrachtung des seltsamen, üppigen Architekturbildes, welches Bangkok, das „asiatische Venedig“, seine Tempel und Palastzimmer bieten, die Anschauung siamesischer Kultur, Kunst und Sitte und die meinem Sammeleifer gewiss förderlichen Jagden in den Hügelwäldern und Auen des Landes — alles dieses mit einer Reihe schöner, lehrreicher, jagdfroher Tage fiel einer internationalen Verwickelung leider zum Opfer.

Meines Tropenfiebers wegen konnte ich auch heute nicht ans Land; anfänglich genötigt, das Bett zu hüten, was bei der furchtbaren Hitze in den Kabinen äußerst peinlich war, vermochte ich jetzt doch schon auf dem Achterkastell oder auf dem Eisendeck, auf einer Chaise longue hingestreckt, zu ruhen und so jede Abkühlung der hohen Temperatur zu genießen.

Die Genesung vom Tropenfieber und das Schwinden der mit diesem verbundenen Schwäche werden, so lange der Kranke auf dem Schiffe weilt, insbesondere durch zwei Dinge verzögert, und zwar einmal dadurch, dass der Kranke von der hohen Temperatur viel zu leiden hat, gegen welche an Bord noch weniger Abhilfe möglich ist als auf dem Land, dann aber dadurch, dass die Bereitung einer entsprechend kräftigenden Nahrung an Bord auf Schwierigkeiten stößt. Das Tropenfieber hat, selbst bei sorgfältigster Wartung und Ernährung, völlige körperliche Ermattung im Gefolge, so dass die Rührigkeit des Kranken ungefähr jener einer Stubenfliege im Spätherbst gleicht. Äußert sich sonach das physische Befinden des dergestalt Erkrankten in einer totalen Erschlaffung der Körperkräfte, so ist andererseits sein psychisches Befinden ein solches, welches häufige Sprünge von vollständiger Passivität zu Perioden überreizter Nerventätigkeit aufweist. Die sich einstellende Depression des Gemütes erzeugt nach Intervallen absoluter Teilnahmslosigkeit oft eine Stimmung in dem Kranken, welche seiner Umgebung den Verkehr mit ihm manchmal wohl nichts weniger als kurzweilig erscheinen lässt.

Meine Herren hatten für mich in der Stadt Einkäufe besorgt und insbesondere die Menagerie wieder kompletiert, da hierin in der letzten Zeit der Tod bedeutende Lücken gerissen hatte und ein Teil unserer Tiere mit dem eben abfahrenden großen Lloyddampfer „Vindobona“ heimgesandt werden sollte. Als Ersatz ließ ich 14 Affen kaufen, welche sofort in die Wanten und Raaen oder außenbords in die Batterie kletterten; ja zwei dieser Vierhänder benützten gleich die ersten Momente ihrer goldenen Freiheit, um in den Kabinen des ersten Lieutenants und des leitenden Ingenieurs einen Zustand der Dinge zu schaffen, der lebhaft an die Folgen eines heftigen Sturmes erinnerte. Einer der Übeltäter wurde dabei ertappt, als er sich nach vollendeter Verwüstung selbstgefällig im Spiegel betrachtete, wobei er reichlichen Gebrauch von den umherliegenden Toiletteartikeln machte.

Als die Sonne untergegangen war, hatte ich die letzte Hoffnung, Bangkok anlaufen zu können, in den Schoß der unendlichen See begraben.

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  • Ort: Singapur
  • ANNO – am 15.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Hamlet“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.
Not content with misinforming its readers about FF's stay in Siam, the Salonblatt adds an imaginative but wrong impression of the meeting.

Das Wiener Salonblatt no. 29 stellt sich schon FFs Besuch in Siam vor, der Fantasie bleiben wird.

Singapur, 14. Juli 1893

Leider traf eine Hiobspost ein, indem ein Telegramm aus Bangkok meldete, dass die Ankunft zweier französischer Kreuzer an der Flussmündung große Aufregung hervorgerufen habe und Ungewissheit darüber vorliege, was sich infolge der französischen Aktion ereignen könne. Ich ließ nun sofort neuerlich an Coudenhove telegraphieren, um tunlichste Klarheit über die Möglichkeit unseres Besuches in Bangkok zu schaffen.

Nachmittags teilte uns der Kommandant des königlich britischen Kreuzers „Pigmy“ eine Depesche mit, laut welcher zwei französische Schiffe die Einfahrt in den Menam forciert hätten und ein Gefecht bei Paknam stattgefunden habe.

Wir lagen abermals auf der Reede, um Lebensmittel einzuschiffen und neuere Nachrichten aus Siam abzuwarten, da sich die Hoffnung immer wieder regte, dass eine plötzliche Wendung der Dinge im letzten Augenblick den Besuch Bangkoks doch noch gestatten werde.

Einige Zeitungen aus Österreich und aus dem Deutschen Reich, die wir uns in einem Singapurer Club zu verschaffen gewusst hatten, wurden gierig verschlungen.

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  • Ort: Singapur
  • ANNO – am 14.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Journalisten“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.
The Wiener Salonblatt No, 29 tells it readers that FF has arrived in Singapore but does not mention his illness. It, however, knows that FF will spend the next two weeks in Siam.

Das Wiener Salonblatt No, 29 meldet FFs Ankunft in Singapur ohne die Erkrankung des Erzherzogs zu erwähnen. Mit Bestimmtheit wird hingegen der zweiwöchige Aufenthalt in Siam angekündigt.

Singapur, 13. Juli 1893

Heute machte uns ein Dampfer im Neuen Hafen Platz und konnten wir mit dem Verladen der Kohle beginnen, was dank der Hilfe der chinesischen Kulis so rasch vor sich ging, dass wir im Lauf eines einzigen Tages den nötigen Vorrat an Bord gebracht hatten.

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  • Ort: Singapur
  • ANNO – am 13.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Vater und Sohn“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Singapur, 12. Juli 1893

Morgens 4 Uhr kam das Leuchtfeuer von Horsburgh in Sicht, und um 8 3/4 Uhr fielen die Anker auf der Rhede von Singapur.

Der noch immer die Geschäfte unseres Konsulates versehende belgische Generalkonsul M. J. de Bernard de Fauconval, Vertreter der englischen Regierung und Lieferanten brachten alsbald Mitteilungen aus Europa an Bord, die mir auf meinem Schmerzenslager sogleich berichtet wurden.

Die letzten Nachrichten, die wir aus der Heimat, und zwar in Sydney erhalten hatten, stammten aus dem Beginn des Monates April, und die jüngsten Wiener Zeitungen, die uns zugekommen waren, trugen das Datum des 6. April. Seit dieser Zeit waren wir, offenbar infolge von Irrtümern bei Instradierung der Postsendungen, ohne Nachrichten geblieben. Während der langen Fahrt durch die melanesische Inselwelt bis nach Singapur hatten wir an Bord unablässig Kombinationen darüber angestellt, wann und wo wir mit der für uns bestimmten Postsendung zusammentreffen würden, und vor dem Anlaufen eines jeden Hafens, in dem dieselbe möglicherweise für uns erliegen konnte, bildete unsere Erwartung das allgemeine Gesprächsthema, wurde der Kommissär mit Fragen über die größere oder geringere Wahrscheinlichkeit der Erfüllung unserer Hoffnungen bestürmt und im vorhinein für eine Enttäuschung verantwortlich gemacht. Leider blieb letztere nicht aus! Wir hatten mit Sicherheit darauf gerechnet, schon in Thursday Island oder etwa in Amboina ein Postpaket zu finden — aber jedes Mal vergebens! Wie bitter es ist, vierthalb Monate reisen zu müssen, ohne die geringste Nachricht aus der Heimat zu erhalten, kann nur mitempfinden, wer die Freude nachzufühlen vermag, die in den Herzen jener, welche Tausende von Meilen fern von der Heimat weilen, das Erscheinen eines voluminösen Postpaketes an Bord hervorruft — eines Postpaketes, welches Briefe und mit ihnen die Gewissheit bringt, dass manch liebes Wesen daheim des fernen Seefahrers nicht vergessen hat.

Einige Nachrichten, welche der Generalkonsul an Bord gebracht hatte, waren keineswegs erfreulicher Natur. Außer dem Gerücht, dass in Paris eine Revolution ausgebrochen, und der Mitteilung, dass das englische Admiralschiff „Victoria“ untergegangen sei, wobei 400 brave Seeleute ihren Tod in den Wellen gefunden hatten, wurde uns hier die Botschaft zuteil, dass die politische Konstellation in Siam mittlerweile eine solche geworden war, welche schon jetzt Zweifel wachrufen musste, ob es für uns rätlich sei, Bangkok anzulaufen. Man sprach von einer Blockade, welche die französische Regierung einzuleiten beabsichtige, davon, dass die Siamesen energischen Widerstand zu leisten gedächten und zu diesem Zweck bereits den Fluss Menam mit versenkten Schiffen gesperrt hätten, dass mehrere französische Truppenschiffe und Kanonenboote dahingeeilt seien, und dass angesichts der gespannten Situation jeden Augenblick die Kriegserklärung zu gewärtigen sei. Ich telegraphierte sofort an Coudenhove, den in Bangkok weilenden Legationssekretär unserer Gesandtschaft in Tokio, mit dem Ersuchen, uns über die eingetretenen Verwickelungen authentische Informationen zukommen zu lassen; doch lief von diesem die Antwort ein, dass der König von Siam meinen Besuch mit Bestimmtheit erwarte. Im Laufe des Tages kam ein siamesischer Offizier Luang Visadh Parihar an Bord, um im Auftrage seiner Regierung Erkundigungen über meine Intentionen einzuholen, und diesem Boten wurde unsere Ankunft in Bangkok in Aussicht gestellt.

Tagsüber mussten wir auf der Reede bleiben, da der Neue Hafen, in dem Kohlen gefasst zu werden pflegen, mit Schiffen so überfüllt war, dass wir nicht einlaufen konnten.

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  • Ort: Singapur
  • ANNO – am 12.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die guten Freunde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

In See nach Singapur, 11. Juli 1893

Das unvermeidliche Schicksal, welches beinahe alle an Bord ereilt hatte, ersah mich als eines der letzten Opfer aus; am Nachmittag bereits lag ich mit Fieber behaftet in meiner Kabine.

Vermutlich hatte ich mir den bösen Gast auf den Aru-Inseln geholt, deren tief unter dem Meeresniveau gelegene Sümpfe die Luft mit Miasmen verpesten. Dort war auch ein Teil der Mannschaft erkrankt; während aber bei den Matrosen das Fieber sofort zum Ausbruch gekommen war, hatte ich es als schleichende Krankheit in mir herumgetragen. Glücklicherweise war das Übel bei mir nur in geringem Grad aufgetreten, immerhin blieben aber auch mir die unangenehmen Begleiterscheinungen des Tropenfiebers, vor allem die große Schwäche, nicht erlassen.

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  • Ort: In See nach Singapur
  • ANNO – am 11.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die kluge Käthe“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.