Dechta Boli, 16. März 1893

Wir hatten uns noch immer mit der Hoffnung getragen, Tiger zu erbeuten. Aus diesem Grund war das Lager noch nicht abgebrochen worden. Da jedoch bis 10 Uhr vormittags keine Meldung eingetroffen war, ordnete der Resident einen großen Streif in den günstigsten, das heißt in jenen Teilen des Dschungels an, die, wie behauptet wurde, Tigern zum Aufenthalt dienten. Wir bekamen zwar auch hier, während der den ganzen Tag erfüllenden Jagd keinen Tiger zu Gesicht, dafür jedoch allerlei anderes Wild; so erlegte ich allein 10 Stück Axiswild, 9 Stück Schweinshirschwild, einen Bellenden Hirsch, ein Stück Schwarzwild, einen Schopf-Schlangenadler, einen mir bisher noch unbekannten habichtähnlichen Adler (Spizaetus nipalensis), — zur Gattung der Haubenadler gehörig — verschiedenes anderes Federwild, darunter einen der prachtvollen zinnoberroten Mennigvögel. Prónay schoss einen Sumpfhirsch von sechs Enden.

Bei dieser Jagd ging es zunächst durch lichten Wald mit Grasunterwuchs; dann, nach einer großen Schwenkung und nach Durchquerung eines Flusses, in coupiertes Terrain mit gemischtem Unterwuchs. Ein großer Teil des hier besonders zahlreichen Wildes brach — was selten zu erfolgen pflegt — durch die Elephantenlinie zurück, gleichwohl gelang mir zu meiner Freude ein coup double auf einen starken Axishirsch und ein Wildschwein, die in der Flucht an mir vorbeiwechselten.

Plötzlich entstand der falsche Alarm, es sei ein Panther erblickt worden, aber die Aufregung, die sich angesichts solcher Verheißung unser bemächtigte, machte leider rasch tragikomischer Enttäuschung Platz; denn das als Panther angesagte Stück erwies sich als ein — Wildschwein!
Der Streif führte uns zu einer von zwei Flussläufen eingeschlossenen Halbinsel, deren Formation die Schützen einander ganz nahe brachte; da nun aber jeder mit seinen Schüssen dem andern zuvorkommen wollte, gab es eine große Zahl eiliger und deshalb schlechter Schüsse. Hier wurde selbst auf die allerweiteste Distanz noch die Büchse abgedrückt, dort in der Überstürzung ein Stück Wild von mehreren Herren zugleich gefehlt.

Ein kleines Abenteuer war dem guten Hodek vorbehalten. Derselbe hatte meine Erlaubnis erbeten, an der Jagd teilzunehmen: allein gegen Mittag überkam ihn schwere Sorge um die Bälge und Felle, welche zum Trocknen aufgehängt und noch nicht verpackt waren. Von Pflichteifer erfüllt, trennte er sich von uns, um zum Lager zurückzukehren, nachdem sein Häudist, das ist der Eingeborene, der mit ihm in der Häuda saß, über den kaum eine Stunde betragenden Weg ins Lager genau instruiert worden war. Als wir des Abends von der Jagd einrückten, war aber noch immer kein Hodek da. Es schlug 9 Uhr, als er uns endlich wieder vor Augen kam, mit Recht unwillig darüber, dass ihn sein Mahaut, immer aufs neue den Weg verfehlend, so viele Stunden lang in halb Nepal spazieren geführt.

Links

  • Ort: Dechta Boli, Nepal
  • ANNO – am 16.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet “ Excelsior“ aufführt.

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