Tandur, 23. Jänner 1893

Obschon der Rat der Jagdkundigen beschlossen hatte, dass wir heute recht früh aufbrechen sollten, um den ganzen Tag vor uns zu haben und mehrere Triebe nehmen zu können, war es bei der fatalen Unpünktlichkeit und Zeitvertrödelung, welche hierzulande Europäer wie Eingeborene auszeichnen, leider 10 Uhr geworden, bevor wir uns in Bewegung setzen konnten.
Die Zeit bis zum Start wurde durch einen mir neuen Sport — eine improvisierte Falkenjagd — verkürzt. Mehrere Hindus aus Haidarabad hatten abgerichtete Falken und einen gefangenen Reiher herbeigebracht. den sie im Lager in Freiheit setzten. Kaum hatte dieser eine gewisse Distanz durchmessen, so lösten die Hindus einem Falken die Kappe und alsbald strich derselbe in pfeilschnellem Flug dem Reiher nach, stieg in die Luft, um dann wie ein Blitz niederzusausen, den Reiher mit den Fängen zu Boden schlagend. Hierauf hieb der Falke seinem Opfer Fänge und Schnabel in den Rücken ein und begann zu kröpfen. Noch zwei andere Falken wurden lanciert, die von weitem herstreichend eine emporgeworfene, tote Krähe mit seltener Geschicklichkeit in der Luft fingen.

Doch Wichtigeres rief uns. Neuerdings waren uns die schönsten Versprechungen gemacht worden: die Tiger hätten bestimmt gerissen; sie seien unbedingt innerhalb zweier sicherer Triebe, in welchen man sie brüllen gehört habe.

Wir ritten denselben Weg wie tags zuvor, bis unter dem großen Tamariskenbaum abermals eine lange Beratung erfolgte, worauf jeder von uns bestimmt wurde, einen Elephanten zu besteigen. Es war das erste Mal, dass ich in einer Häuda saß. Ein eigentümliches, fremdartiges Gefühl, auf dem Rücken des mächtigen Tieres, hoch über dem Boden in einem wannenartigen Behältnis zu schweben, welches beim Gang des Elephanten in starke, nach vor- und rückwärts wiegende an das Schwanken eines Schiffes erinnernde Bewegung versetzt wird. Schon beim Einsteigen beginnt die Schwierigkeit, die übrigens nicht ohne komische Seite ist: der Elephant lässt sich nieder, man steigt über dessen Hinterläufe auf die abschüssige Croupe und schwingt sich in die Häuda; hebt sich der Elephant nun, so geschieht dies zuerst mit den Vorderfüßen, dann mit den kürzeren Hinterfüßen, so dass die Häuda beinahe senkrecht zu stehen kommt, wobei man sich fest anklammern muss, um nicht hinausgeschleudert zu werden.

Der Elephant wird durch einen Mahäut (Mahawat) gelenkt, der auf dem Kopf des Tieres sitzt und ihm mit einem spitzigen Haken (Gadschbag) sowohl das Tempo als die Direktion angibt, bald rechts, bald links in die dicke Haut stechend. Elephant und Führer leben stets trotz der manchmal etwas unzarten Behandlung des Tieres im besten Einvernehmen; der Mahaut spricht unausgesetzt mit dem klugen Tier, und dieses erfüllt pünktlichst seines Lenkers Wünsche, indem es sich auf Befehl niedersetzt, den Fuß emporhält, um den Mahaut aufsteigen zu lassen, den Rüssel hebt, umkehrt, und tut, was sonst noch des Lenkers Begehr. Wird der Elephant ungezogen, was zeitweise vorkommt, so erhält er einige sehr kräftige Hiebe auf den Rüssel, die er mit trompetenartigem Gebrüll quittiert. Kommen die Elephanten an Wasser, so trinken sie mittels des Rüssels oder pumpen sich an und entnehmen später, wenn die Hitze groß und die Fliegenplage arg ist, dem Maule mit dem Rüssel eine Quantität ihres Vorrates und bespritzen sich den ganzen Leib; manche Mahauts lassen ihre Tiere sich niederlegen und so ein Bad nehmen. Gegen Fliegen sind die Elephanten trotz der Dicke ihrer Haut ungemein empfindlich; sie wehren dieselben mit einem großen Ast ab, den sie vom nächsten Baum brechen. Man darf nicht etwa meinen, dass ein Elephant auch nur einen Augenblick ruhig stehe; bald muss er Fliegen, die ihn quälen, verscheuchen, bald Gras oder Blätter abreißen, bald schwenkt er den Rüssel in der Luft — mit einem Wort: die Hâuda ist in steter Bewegung, was die Sicherheit des Schießens außerordentlich erschwert.

Bei einem kleinen Teich zeigten mir die Schikäris eine mächtige Tigerfährte, die ich als mindestens zwei Tage alt ansprach. Auf einem mit Strauchwerk bestockten Hügel wurden wir am Rande einer gleichfalls dicht bewachsenen Schlucht in Zwischenräumen von je 100 m aufgestellt; zuerst Stockinger und Prónay, dann Wurmbrand, Clam, ich selbst, am rechten Flügel Kinsky.

Vor unseren Ständen hockten auf einzelnen hohen, das Strauchwerk überragenden Bäumen Eingeborene, deren Aufgabe darin bestand, falls ein Tiger sichtbar werden sollte, mit roten, an langen Stangen befestigten Fahnen den Jägern anzuzeigen, welche Richtung derselbe genommen.

Infolge unrichtiger Berechnung mussten wir auf den Ständen anderthalb Stunden warten, bevor der Trieb anging, was bei der Hitze und der fortwährend schwankenden und webenden Bewegung des Elephanten keineswegs sehr ergötzlich war. Endlich erklang das Signal
— vier Tamtam-Schläge — zum Beginn des Triebes, und alsbald hörten wir auf ungefähr 1000 m Entfernung das infernalische Geschrei der Treiber, begleitet von Schreckschüssen, Trompetentönen, Tamtam-Schlägen und dem Geknarre großer Ratschen. Wir lauerten mit gespanntester Aufmerksamkeit und glaubten jeden Augenblick, den Tiger aus dem Dschungel brechen sehen zu müssen. Wer aber nicht kam, war der Tiger. Dafür sahen wir die Treiber sich nähern, — es waren deren 300 aufgeboten regellos und höchst vorsichtig, zumeist einer hinter dem andern und stets auf den bequemsten Stellen; denn diese Leute haben eben begreiflicherweise großen Respekt vor Tigern und sind, bevor sie nicht in jedes Gebüsch geschossen oder Steine geworfen haben, nicht vorwärts zu bringen, so dass ein ganz kleiner Trieb von einigen 100 m Ausdehnung unverhältnismäßig lange Zeit erfordert.

Die Eingeborenen dieser Gegend machten auf mich keinen besonders günstigen Eindruck, da sie wenig mutig, unverlässlich, nicht anstellig und recht lässig zu sein scheinen. Will man ihnen etwas klar machen oder einen Befehl erteilen, so nimmt dies geraume Zeit in Anspruch, da alles durcheinanderschreit und peroriert, worauf sie dann gerade das Gegenteil von dem tun, was gewünscht wurde.

Sobald die Treiber zum Vorschein gekommen waren, tischten sie uns eine lange Geschichte auf: der Tiger sei im Dschungel gewesen, ein Mann habe ihn gesehen, doch sei der Tiger ausgebrochen — ein Bericht, den ich für erfunden halte. Nun war guter Rat teuer. Wir wollten weiter jagen, der Arrangeur aber erklärte, er müsse sich zunächst mit den Schikäris besprechen und dann erst neuerlich abspüren lassen, überdies bedürften die Treiber der Ruhe, was mir, da sie doch erst eine Stunde lang getrieben hatten, verwunderlich erschien. Schließlich musste nach landesüblicher Unsitte wieder ein Lunch über alle Verlegenheiten hinweghelfen.
Nachdem wir durch dieses überflüssige Intermezzo kostbare Zeit verloren hatten, setzten wir uns endlich um halb 5 Uhr nachmittags wieder in Bewegung, um einen, wie es hieß, ganz sicheren Trieb zu nehmen.

Wir ritten auf den Elephanten in ein anmutiges, von steilen Felspartien umgebenes Tal, als plötzlich ein Schikäri unter Gebärden der größten Aufregung herbeigelaufen kam und meldete, er habe eben den Tiger ganz in der Nähe brüllen gehört. Zugleich wurde mir ein angeblich frisch gerissenes Kalb gezeigt, dessen Zustand aber den Schikäri Lügen strafte, da es mindestens vor sechs Tagen verendet und von den Geiern schon fast zum Gerippe gefressen war. Auf einem nahegelegenen Baum saßen auch zwanzig ganz vollgekröpfte, große Geier, die unsere Anwesenheit wenig bekümmerte, so dass sie, auf uns herabäugend, ruhig sitzen blieben.

Da die Elephanten auf den Felsblöcken nicht stehen konnten, kletterten wir auf mächtige Bäume, über deren höher befindliche Äste einige Querstangen gelegt waren, höchst luftige Plätze darstellend, die uns kaum die notwendige Sitzgelegenheit und der Äste halber wenig Ausschuss boten. Wir baumten hier so auf, dass die Stände der Schützen etwa einen Halbkreis bildeten, und harrten der Dinge, die da kommen sollten. Dieser Trieb glich vollkommen dem ersten, nur ging er noch langsamer vor sich, da die Treiber vor der Schlucht, in welcher das angeblich gerissene Kalb lag, nicht geringen Respekt zu haben schienen und wenigstens eine Stunde lang in die Schlucht schossen und dabei allerlei Lärm machten, bevor sie es wagten, in dieselbe einzudringen. Die Sonne war schon lange untergegangen, Mond und Sterne standen bereits am Himmel, als endlich die Treiber bei unseren Ständen anlangten.

Kurz vorher war aus einer Felspartie geradewegs auf meinen Baum ein großer Uhu zugestrichen, den ich, als er knapp über meinem Kopf aufhackend, mich mit seinen großen, gelben Lichtern erstaunt anglotzte, mit einer Kugel herabschoss. Unmittelbar darauf wechselte ein sehr schöner Mungo unter meinem Baum vorbei; doch konnte ich auf das scheue Tier keinen Schuss anbringen.

Allmählich war es so dunkel geworden, dass wir auf unseren Elephanten den Rückweg antreten mussten. Vom Zeltlager aus kam uns eine ganze Schar Hindus mit Fackeln entgegen. Der jagdliche Misserfolg hatte unsere gute Laune so wenig verscheucht, dass, als Clam eine der Fackeln ergriff und mit Prónay eine Art arabischer Fantasiya improvisierte, dies die lebhafteste Heiterkeit des ganzen Jagdzuges erregte.

Weshalb die mit so bedeutenden Vorbereitungen und Kosten arrangierte Jagdexpedition ergebnislos geblieben war, ist mir nicht ganz klar, ich glaube jedoch, nicht fehl zu gehen, wenn ich die Ursache des Misserfolges hauptsächlich in der Trägheit und Unveriässlichkeit der Eingeborenen sowie in dem Umstand suche, dass bei der Leitung des Unternehmens nicht bloß jagdliche, sondern auch persönliche Motive zur Geltung gekommen waren, was bei einem Apparat von der Größe und Komplikation des hier aufgebotenen wohl eintreten konnte.

Morgen wird das Lager verlassen und abgebrochen werden. Mir bleibt zwar nicht das stolze Bewusstsein, den ersehnten Tiger gesehen, geschweige denn erlegt zu haben, gleichwohl aber das Gefühl hoher Befriedigung; denn der romantische Aufenthalt in der Zeltstadt, das Leben en plein air, der anregende Kontrast zwischen Zivilisation und Wildnis und nicht zum wenigsten die Gelegenheit, mit dem Wesen der Eingeborenen in zwangloser Art vertraut zu werden, gestalteten die drei Tage im Jagdlager von Tandur immerhin zu einer sehr interessanten Episode.

Leider zahlten wir in unserer Gesellschaft zwei Kranke: Kinsky sowie einen der Matrosen, welche ich von der „Elisabeth“ mitgenommen hatte; beide waren von starken Fieberanfällen heimgesucht.

Links

  • Ort: nächst Tandur, Indien
  • ANNO – am 23.01.1893 in Österreichs Presse, Die Zeitungen berichten schon über die bevorstehende Hochzeit von Franz Ferdinands Schwester. Der König von Württemberg ist mit Gattin bereits in Wien eingetroffen.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater gibt das Schauspiel „Frau Susanne“, während die k.u.k Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ aufführt.

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