Aden, 27. Dezember 1892

Als ich mich früh morgens erhob, herrschte bereits rings um die „Elisabeth“ reges Leben. Unter dem landesüblichen, höllischen Geschrei wurden Kohlen eingeschifft. Aus den kleinen mit einer Unzahl brauner oder schwarzer, nackter Jungen besetzten Kanus, die unser Schiff umkreisten, erscholl heulendes Rufen nach Bakschisch, welches zu verdienen, die kleinen Araber und Somali, wahre Prachtkerle, nach Münzen tauchten, die wir ihnen zur Beute ins Meer warfen. Die Geschicklichkeit und die Ausdauer, mit welcher diese Knaben — mancher derselben mochte kaum sechs Jahre zählen — sich unter Wasser bewegten, um dann, den Mund voll von Kupfermünzen, endlich wieder an der Oberfläche zu erscheinen, erregten unser Staunen. Anna um Anna — eine kleine ostindische, nach dem dermaligen Wertverhältnisse nicht ganz fünf Kreuzer ö. W. geltende Münze  — flog von Bord ins Meer, und wir ergötzten uns die längste Zeit an diesem heiteren Treiben.

Inzwischen waren jüdische Krämer und Händler vom Stamm der Parsis an Bord geklettert und boten Straußfedern, Antilopenhörner, Muscheln, einheimische Flechtwaren und allerlei andere Erzeugnisse feil, so dass sich am Fallreep bald lebhafter Handel entwickelte. Die Produktivität des Gebietes von Aden selbst ist eine so minimale, dass hier eben nur kleine Objekte der Hausindustrie oder Jagd- und Strandbeute als indigene Handelsartikel zum Vorscheine kommen.

Aden mit Perim, Little Aden und den neuerlichen Erwerbungen (Newly acquired) gehört zu der Präsidentschaft Bombay und wird von einem politischen Residenten verwaltet. Aden ist seit 1839 in englischem Besitz.

Die gegen Süden ins Meer vorspringende Halbinsel trägt auf ihrem Ostufer die Festungsstadt Aden, auf dem Westufer, in einer Entfernung von 8 km die kleine Hafenstadt Steamer Point. Da nämlich der Hafen der eigentlichen Stadt, die East Bay, den Schiffen nur während weniger Sommermonate Schutz bietet, so hat sich der gesamte Schiffsverkehr in der West Bay, einer guten Reede, festgesetzt.

Die Bevölkerung Adens, einschließlich jener Perims und nebst der Garnison 35.932 Seelen zählend, besteht vorwiegend aus Arabern und Somali-Negern; doch bringt es die Eigenart dieses regen Platzes mit sich, dass hier neben den asiatischen und den afrikanischen Volkselementen des Landes ein aus Angehörigen verschiedener Nationen zusammengesetztes Kunterbunt seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat.

Was Aden ist, hat ausschließlich der Handel geschaffen. Der Export Adens hat im Jahre 1892 einen Wert von 26,067.306 fl. ö. W., der Import einen Wert von 30,788.033 fl. ö. W. dargestellt; im Jahr 1892 sind 1572 Schiffe mit 2,582.221 t eingelaufen und 1573 Schiffe mit 2,585.808 t ausgelaufen.

Das Gebiet von Aden selbst liefert seiner geringen Niederschlagsmengen und seines meist felsigen, nur hin und wieder kulturfähigen Bodens wegen äußerst spärliche Produkte, so dass ein Teil der Lebensmittel aus den begünstigteren Landstrichen der Umgebung und von der Somali-Küste herbeigeschafft werden muss.

Der Hafen von Steamer Point ist äußerst malerisch umrahmt. Im Osten ragt der mächtige, steil gezackte Krater des Schamscham auf, gegen Norden hin erscheinen die hohen Berge des arabischen Küstenstriches, deren Terrassen zu dem flachen Strand abstürzen. Besonders bei Sonnenuntergang, wenn der Horizont in roten und grünlichen Tinten erglüht, ist das Bild ein sehr wirkungsvolles, so dass es dann dem Beschauer ist, als blicke er auf eine in den saftigsten Farben gemalte Theaterdekoration.

Um 8 Uhr morgens wurde der Territorialsalut mit 21 Schüssen geleistet, welchen die Landbatterie alsbald erwiderte, worauf der Resident General J. Jopp in der scharlachroten Uniform eines Brigadegenerals an Bord kam und mich einlud, an einem Luncheon, einem Diner, einer Löwenjagd teilzunehmen. Die Rücksicht auf die so kurz bemessene Dauer meines Aufenthaltes zwang mich, alle diese Anerbieten dankend abzulehnen. Da General Jopp nur englisch spricht, musste ich den Kommandanten als Dolmetsch zu Hilfe rufen. Der Resident — er hatte 36 Jahre in Indien zugebracht, bevor er den Posten in Aden erhielt — soll, wie man sagt, ein großer Tigerjäger gewesen sein und über 70 Tiger erlegt haben; gewiss ein kolossales Resultat, da ja diese Raubtiere in Indien doch nicht so häufig sein dürften wie Hasen in einem Feldstreifen.

Nachdem sich der Besucher verabschiedet hatte, vertauschte ich die ihm zu Ehren angelegte Uniform mit einer entsprechenden Tropengewandung und begab mich an Land, um Steamer Point und Aden zu besichtigen, sowie um verschiedene Einkäufe zu machen.

In dem von einem schwarzen Somali gelenkten Wagen des Konsulargerenten ging es zunächst durch das militärische Viertel Steamer Points, wo Kaserne an Kaserne steht und Offiziersbaracken sich aneinanderreihen, meist einstöckige, sehr luftig gebaute Häuser mit Veranden und flachen Dächern rot und weiß gestrichen,  in gelbem Sand oder auf nacktem, vulkanischem Gestein, ohne jeden vegetativen Schmuck. Zahlreiche Tennis-grounds, sowie Plätze für Cricket- und Football-Spiel zeigen, dass hier Engländer hausen. Die Garnison besteht aus ungefähr 2500 Mann; die Stärke der Artillerie beträgt eine Kompanie, jene der Kavallerie eine Escadron; Infanterie — baumlange, bronzefarbige Inder in ihrer praktischen, recht kleidsamen Uniform — bildet den Rest der Truppen.

Der nicht militärische Teil von Steamer Point ist an einem halbkreisförmigen Quai gelegen und enthält größtenteils neue Kaufhäuser, ferner die Konsulate, sowie zwei Hotels; große Kohlendepots, Warenlager und Werften schließen sich an den Quai und ziehen sich längs der nach Aden führenden Straße fort.

Das jüdische Element ist in Steamer Point stark vertreten. Sobald der Europäer ans Land kommt, ist er von einer Schar semitischer Geldwechsler umgeben, die in Originalkostümen mit langen Pajes ihr Geschäft in höchst zudringlicher Weise betreiben. Sehr komisch war ein ganz kleiner, vielleicht achtjähriger Junge, welcher sich über die Werte und Kurse der verschiedensten Geldsorten vollkommen versiert zeigte.

Mein erster Besuch galt dem Residenten, welcher mit seiner liebenswürdigen Gemahlin ein sehr nettes, mit allem Komfort eingerichtetes, ebenerdiges Gebäude, mitten in der Militärstadt gelegen, mit herrlicher Aussicht auf das Meer, bewohnt. Im Hause machte erfrischende Kühle die tropische Hitze, welche im Freien herrschte, etwas vergessen. Der Besuch konnte nicht lange währen; bald mussten wir aufbrechen.

In kleinen, einspännigen, mit einem Dach versehenen Wägelchen fuhren wir rasch auf der vorzüglichen Straße nach Aden, auf der sich ein äußerst buntbewegtes Bild entrollte. Trägen Schrittes zogen lange Karawanen, schwerbeladene Kamele vorbei; schweigsame Araber, in lange Burnusse gehüllt, oder gröhlende, halbnackte Somalis ritten auf Dromedaren oder auf winzigen Eselchen hinterdrein; ein Wagen um den andern kam heran, dieser das Gefährt eines sofort an seiner schwarzen Kopfbedeckung erkennbaren Parsis, jener von einem ganzen Harem verschleierter Frauen erfüllt; Somalis, Männer wie Weiber durchwegs schöne, wie aus Erz gegossene Gestalten, den Schädel meist glatt geschoren oder nur mit kurzem Kraushaar geziert, schritten unbedeckten Hauptes im Sonnenbrand und Straßenstaub fürbass; ächzende, blockende Herden weißer, schwarzköpfiger Fettschwanzschafe trippelten den Staub aufwirbelnd die Straße entlang; zur Rechten und zur Linken wurden hockend oder in den Lüften kreisend unzählige Geier und Weihen sichtbar.

Durch ein in den Felsen gehauenes, enges Tor gelangt man in den Befestigungsgürtel von Aden, der äußerst sinnreich auf den verschiedenen Spitzen und Graten der Berge fortgeführt, die ganze Stadt gegen etwaige Überfallsgelüste der Araber sicher abschließt. Noch einige kunstvoll angelegte Serpentinen, sowie zwei lange Tunnels und wir befinden uns in Aden, einer regelmäßig im Viereck gebauten Stadt, die, in der Mitte eines Kraterkessels gelegen, einen recht trostlosen Eindruck macht. Heiß, hell und kahl — das ist hier die Signatur des Stadtbildes und jene seines Rahmens. Die steil abfallenden, von Höhlen durchzogenen Felswände, welche die Stadt umgeben, sind jeder Vegetation bar und bilden die Schlaf- und Niststätten von allerlei Raubvögeln.

Jeder Fremde besucht zuerst die berühmten, uralten Zisternen. Tanks, riesige, teils in den Felsen gehauene, teils zementierte, etwa anderthalb Millionen Hektoliter haltende Becken, in denen bei starken Regengüssen das Wasser für den Bedarf der Stadt aufgefangen wird. Ein mächtiges, imponierendes Werk, in dessen Nähe sich auch die einzigen Büsche und Bäume von ganz Aden befinden, auf welchen zwei hübsche Bülbüls munter umhersprangen. Bei meiner Anwesenheit waren fast alle Zisternen leer; nur aus einer tiefer gelegenen Grube schöpften einige Araber Wasser empor, das jedoch ganz abscheulich schmeckte.

Die Stadt selbst wirkt nur durch die Eintönigkeit der üblichen Bauart, denn alle Häuser sind niedrig, grellweiß, so dass eines wie ein Ei dem andern gleicht. Hiefür entschädigt das bunte Völkergemisch in den Straßen. Somali-Jungen mit lustigen, hübschen Gesichtern, pechschwarzen Augen und schneeweißen, tadellosen Zähnen umkreisten uns wie ein Bienenschwarm. Bakschisch-lüstern schrien und sangen sie, führten Ringkämpfe auf und produzierten, in die Hände klatschend. ihre Nationaltänze. Warf man gar ein kleines Geldstück unter die Jungen, so musste diese Unvorsichtigkeit mit längerer Sperrung der Passage gebüßt werden.

Auf dem Heimwege kamen wir an den „Türmen des Schweigens“ vorbei. Die so genannten Begräbnisstätten der Parsen sind viereckige, kleine Gebäude, innerhalb welcher jene ihre Toten auf eine Plattform legen, damit dieselben von den Geiern und Adlern aufgezehrt werden. Dieses widerliche Verfahren hat nur den Vorzug einer raschen Prozedur für sich, da gewöhnlich in der kürzesten Zeit von dem Leichnam nichts mehr vorhanden ist als wenige Knochenreste. Hunderte satter Geier sonnten sich am Fuße der Türme .…

Durch ein anderes Tor als jenes, welches uns Einlass gewährt hatte, gelangten wir aus der Festung und kehrten nach Steamer Point zurück.

Hier verbrachten wir, handelnd und feilschend, in den verschiedenen Kaufläden einige Stunden und gingen endlich an Bord, wobei wir am Bug des Galabootes vier Somali-Jungen, die photographiert werden sollten, mit uns führten.

Nachdem Ramberg die photographische Aufnahme des schwarzen Quartetts besorgt hatte, setzte uns noch der jüngste der Gesellschaft, ein kaum sechsjähriger Bursche, dadurch in Erstaunen, dass er mutig und keck für eine kleine Münze von der Höhe der Kommandobrücke mit regelrechtem Kopfsprung ins Meer setzte, ein Sprung, der seiner Höhe wegen manchem Erwachsenen zu bedenklich erschienen wäre, Reichbeschenkt, Zigaretten schmauchend, kehrten die putzigen Kerle in einem Miniaturkanu ans Land zurück.

Der Rest des Tages gehörte der Beendigung der am nächsten Morgen abgehenden Post. Diese Tätigkeit wurde durch ein drolliges Intermezzo unterbrochen, nämlich durch das Anbordhissen mehrerer Zebuochsen, die sich höchst ungebärdig benahmen und viel zu schaffen machten. Ein Ochse sprang sogar in die See und konnte nur mit Mühe rausgefischt werden.

Links

  • Ort: Aden
  • ANNO – am 27.12.1892 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse informiert, dass der Ministerrat den Vorschlag zur Jahresplanung abgeschlossen hat. Die andere Reichshälfte war nicht untätig: Der ungarische Premier wird bald in Wien eintreffen. Frankreich ist weiterhin eingedeckt mit diversen Skandalen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
18 × 15 =