Agra, 12. Februar 1893

Die Bahn überschreitet auf einer großen Gitterbrücke den heiligen Dschamna-Strom und mündet in der sogenannten Fort Station. Schon vom Bahnhof aus sieht man nach Osten hin im Rückblick gegen den Dschamna-Strom die Umrisse des weitläufigen Forts, schlanke Türme und Minarets.

In halbstündiger Wagenfahrt Agra durchquerend, um zu unserem Absteigequartier, dem uns vom Maharadscha von Dschaipur zur Verfügung gestellten Palast, zu gelangen, fragten wir uns wiederholt, wo denn eigentlich die Stadt sei. Etwa 28 km2 Fläche in den Wällen einschließend und im ganzen etwa 165.000 Einwohner zählend, bietet die Altstadt Agra, einst die Reichshaupt- und Residenzstadt der Großmoguln, und auch heute noch nach Delhi die größte Stadt des oberen Gangesbeckens, einen sonderbaren Anblick. Zahllose, einzeln stehende Gebäude wechseln hier mit kleinen Häuserkomplexen, dann wieder mit großen Schutthaufen und Ruinen, mit Gärten, Feldern und ausgedehnten Heideflächen ab.

Der Grund dieses seltsamen Stadtbildes liegt einesteils darin, dass Agra, dessen Geschichte und Bedeutung nicht weiter zurückreicht als auf die Großmoguln Babar (1494 bis 1530) und Akbar (1556 bis 1605), den ursprünglichen Plänen seiner Erbauer gemäß, eine räumlich weit ausgedehntere Anlage darstellen sollte, als es der Lauf seiner baulichen Entwicklung gefügt hat; andererseits darin, dass ein bedeutender Teil der Stadt ganz verfallen ist. So ist es gekommen, dass Agra, mit Ausnahme der aus aneinanderschließenden Häusergruppen gebildeten Hauptstraße und des Bazars, nur vereinzelt stehende, über die ganze Fläche hin zerstreute und verteilte Gebäude aufzuweisen hat.

Der Palast, den wir bewohnen, liegt in einem ganz verwilderten Park, in dem es von Pfauen und Papageien wimmelt, da diese den Park mit ihrer Farbenpracht, leider aber auch mit ihrem Geschrei erfüllenden Tiere hier auf Befehl des Maharadschas tagtäglich gefüttert werden. Von außen betrachtet unscheinbar, erscheint der Palast an seiner Innenseite dadurch bemerkenswert, dass keiner der vielen, in demselben enthaltenen Räume auch nur ein einziges Fenster besitzt, sondern alle Wohnräume lediglich durch Oberlicht spärlich beleuchtet werden. Während der heißen Jahreszeit mag diese Einrichtung, da sie die Gemächer verhältnismäßig kühl erhält, recht praktisch sein; zu der gegenwärtigen Zeit jedoch und obendrein bei der für Indien abnorm tiefen Temperatur des Winters 1893 fror es uns in den ganz unwohnlichen, an Gefängniszellen mahnenden Räumen des Palastes jämmerlich.

Diese Verhältnisse, welche mich wohl berechtigen dürften, meinem Absteigequartier zu Agra den Namen des „ungemütlichen Palastes“ beizulegen, bestimmten uns, schleunigst zu der programmäßigen Rundfahrt durch das Sehenswürdigkeiten aller Art einschließende Gebiet von Agra aufzubrechen. Zunächst begaben wir uns nach Sikandra, zu dem Grabmal Akbars, welches sich im Nordwesten von Agra erhebt.

Diese Fahrt gewährte mir einen Überblick über die Lage und Gestaltung der Stadt. An dem rechten, dem Westufer der Dschamna, dieses wasserreichen, fruchtbare Alluvien bildenden Stromes gelegen. gliedert sich Agra heute in folgende Teile: die Altstadt, unter Akbar doppelt so stark bevölkert als jetzt und heute nur mehr wenige Merkwürdigkeiten aus jener Zeit bewahrend, als Agra (1568 bis 1658) Residenz der Großmoguln von Hindustan gewesen; die fast ganz verfallenen Vorstädte; die englische Lagerstadt im Süden; die Civil lines mit dem Gerichtsgebäude, den Ämtern, dem Government College und dem Zentralgefängnis im Norden; endlich knapp am Südostende der Altstadt und nächst dem Bahnhof, das von Akbar erbaute Fort.

Die Geschichte Agras ist in eine für Indien, das Land der tausendjährigen Reich, verhältnismäßig kurze Epoche zusammengedrängt. Im Jahre 1527 fiel Agra, bis dahin eine der Residenzen des mohammedanischen Hauses Lodi, in die Hände Zehir ed din Mohammeds, genannt Babar (der Tiger), des ersten Großmoguls in Indien. Babar ist der Begründer jener von Timur Leng (Tamerlan) und Dschengis Khan stammenden Dynastie — mongolischer Abkunft, jedoch mohammedanischer Religion — gewesen, welche, das Schwert in der Hand, an der Spitze furchtbarer Reiterscharen die Fürsten Indiens ihrer Macht unterworfen und hier das Reich der Großmoguln errichtet hat, welches unter Baber, Akbar, Aurengzeb zu hoher Macht gelangt, endlich an die Engländer gefallen ist. Seit dieser Zeit als Titularkönige Pensionäre Englands, doch stets zu Intriguen und Aufständen wider die sich rasch und kräftig entwickelnde britische Suprematie bereit, haben die Großmoguln, wenn auch factisch der Macht, so doch nicht allen Einflusses beraubt, ein unstetes Leben verbracht. Der Tod Schah Bahadurs (1862), des letzten „Kaisers“, eines achtzigjährigen Greises, und die Hinrichtung fast aller seiner Nachkommen nach der Eroberung von Delhi durch die Engländer (1857) hat die Dynastie der indischen Timuriden rasch ins Reich der Vergessenheit geführt.

Die Glanzperiode der Moguln begreift die Regierungen Babers, Akbars, Dschehangirs, Schah Dschehans und Aurengzebs. Unter diesen Fürsten hat sowohl die Pracht des Hofes, zu dem Gesandte, Gelehrte, Künstler, Priester aus aller Herren Ländern strömten, als auch der Umfang des Reiches der Großmoguln und ihr Machtgebot den Gipfelpunkt erreicht. Die Epoche des Verfalles ist durch eine Reihe von Momenten charakterisiert: einerseits das Anwachsen der britischen Macht und die Occupation des Staatsgebietes der Moguln durch die Engländer; andererseits Eingriffe der benachbarten Fürsten in die Machtsphäre der rasch von ihrer Höhe herabsinkenden Timuriden; Intriguen politischer Natur; übertriebener Luxus, sinnlose Verschwendung und dadurch hervorgerufene finanzielle Kalamitäten; Hofkabalen, Verschwörungen und dunkle Taten, in denen Gift und Dolch ihre meuchlerische Rolle spielten. Alle diese und noch andere Momente, welche nicht nur das Schwinden äußerer Macht dartun, sondern auch von der inneren Dekadenz des einst so gewaltigen Timuriden-Geschlechtes zeugen, haben schließlich zum Sturz des Mogulnreiches, ja zum politischen Erlöschen seiner Dynastie geführt.

Doch ich kehre zu Agra selbst und zu den Resten seines Glanzes zurück. Die Altstadt bot uns während der Fahrt wenig Beachtenswertes, immerhin erweckten einige Moscheen und Tempel, sowie das Getriebe der Einwohnerschaft unsere Aufmerksamkeit. Als wir den
Torbogen und die Bastion der alten Delhi-Pforte passiert hatten und der alten, mit Meilenzeigern (Kos minar) besetzten „Mogulischen Kaiserstraße“ nach Lahore und Kaschmir in der Richtung gegen Sikandra folgten, wurden zu beiden Seiten zahlreiche Grabmonumente und sogenannte Baoli (Quellstuben mit zierlich gebauten Ruheplätzen) sichtbar. Auch muss ich einer mit Fresken bedeckten, vielleicht modernen Umfassungsmauer gedenken, deren Wandschmuck Aufzüge, Kämpfe und Jagden darstellt, in welchen Elephanten eine große Rolle zugedacht erscheint.

Alles dieses tritt aber zurück vor dem Ziel unserer Fahrt, dem Grabmal, das Akbars Asche birgt. Dieses imposante Mausoleum ist von einem weitläufigen, im Quadrat gebauten Karawanserai umgeben. An der Außenseite lediglich einer Festungsmauer gleichend, die von vier Riesentoren und von mehreren ihrer Spitze beraubten Minarets unterbrochen ist, diente das Karawanserai, wie schon der auch uns geläutige Name sagt, zum Obdach für Pilger und Reisende. Die Tore gewähren Einlass in den von den Mauern umschlossenen Innenraum, einen wohlgepflegten, mit Palmen, Mango- und Bananenbäumen bepflanzten Garten, in dessen Mitte sich das Mausoleum erhebt. Fesselt uns schon der Anblick der Tore, hoher, elegant profilierter Bauwerke mit zahlreichen Nischen und Türmchen, sowie die musivische Arbeit ihrer Steinfassaden, so fasst uns geradezu Erstaunen und Bewunderung, sobald wir durch eines der Tore in den Innenraum geschritten sind und den langen, geradlinigen, von großen Wasserbassins unterbrochenen, mit Steinplatten belegten Weg hinter uns haben.

Da ragt vor uns das Grabmal Akbars auf; ein Bild erhabener Größe, hehr und ruhig, trotz all der Säulen, Hallen, Vorbaue, Kioske und künstlich gefügten Fassaden, welche den stolzen Bau verschwenderisch schmücken, ohne dass die Zier sein Wesen stört. Von der als Basis dienenden, aus weißen Steinen gefügten Plattform streben als Stufenpyramide fünf Stockwerke auf, deren Plattengestalt vermöge des treppenförmigen Aufbaues des ganzen Bauwerkes auf jedem der Absätze Terrassen freilässt. Um jede der Terrassen nun, mit Ausnahme jener, welche als quadratische Fläche das Gebäude oben abschließt, läuft eine gewölbte, offene, von kannelierten Säulen und Kielbogen getragene Gallerie, welche in regelmäßigen Abständen erkerartige, viereckige Vorbaue bildet. Jeder der Vorbaue ist von einem baldachinartigen Kiosk mit quadratischer Grundfläche überhöht, dessen platte Kuppel und weit vorspringendes Dach auf Kielbogen und Säulen mit indo-korinthischen Kapitälen ruhen. Ausladende Geländer und allerlei ornamentaler Schmuck gestalten die Profilierung der Vorbaue noch reicher.

Der Zauber der Farben, — die vier unteren Stockwerke bestehen aus rotem Sandstein, all ihre Galerien, Kioske und Geländer aber und das ganze oberste Stockwerk aus köstlichem schneeweißen Marmor — das phantastische Spiel der Ornamente, die zierliche Grazie der Dekoration, die herrliche Steinarbeit der spitzenartig durchbrochenen Geländer: alles dies bildet mit seinem intimen Reiz einen überaus fein empfundenen Gegensatz zu den grandiosen Dimensionen und zu dem im ganzen strengen, fast antikisierenden Lineament des pyramidal aufstrebenden Mausoleums.

Wie nach den ersten Augenblicken des Entzückens die Prosa des Lebens wieder in ihre Rechte zu treten weiß, so frug auch ich, noch angesichts des herrlichen Grabdenkmales, das Dschehangir, der Sohn Akbars seinem Vater errichtet hat, nach dem Wie und Woher des Baumateriales. Der bei Fatehpur Sikri nächst Agra vorkommende Sandstein —und dieser hat bei dem Mausoleum Verwendung gefunden — unterscheidet sich von seinen europäischen Verwandten durch seine auffallende Härte, welche es zulässt, dass aus dünnen Platten die feinst durchbrochenen Gitter geschnitten werden können. Er ist rot, gelb gesprenkelt oder von gelben Adern durchzogen. Der glänzend weiße, äußerst widerstandsfähige Marmor des Grabdenkmals stammt aus Makräna bei Dschaipur.

Was die Dimensionen des Gebäudes anbelangt, so misst seine Höhe 33 m, die Länge jeder der vier Fronten an ihrer Basis 100 m. In der Mitte des Gebäudes liegt in einem unterirdischen, mittels einer schiefen Ebene zugänglichen Raume Akbars Sarkophag, aus weißem Marmor gefügt und mit arabischen Inschriften bedeckt. Hier ist Akbars Asche beigesetzt, während im obersten Stockwerke des Mausoleums nach asiatischer Sitte ein Kenotaph, ein leeres Facsimile des in der Gruft befindlichen Sarkophags, steht. Vor Akbars Kenotaph erblicken wir ein kleines Postament, welches dereinst den sagenumwobenen Koh-i-nur, „Berg des Lichtes“, getragen hatte, einen der größten Diamanten der Welt, der drei Jahrhunderte lang von einem indischen Schatzhaus zum anderen, von dem Grabe Akbars in die Hand Nadir Schahs, des despotischen Usurpators, und schließlich in jene der Ostindischen Kompanie gewandert ist, bis er im Jahr 1850 dem britischen Kronschatz einverleibt wurde.

Im Erdgeschoss sind vier mohammedanische Frauen Akbars in prachtvollen, reich geschnitzten und eingelegten Sarkophagen heigesetzt, deren jeder in einer eigenen Halle steht, welche mit Marmormosaik und arabischen Inschriften bedeckt ist.

Jede der vorerwähnten Terrassen an der Außenseite des Mausoleums, die man auf einer kleinen Stiege betreten kann, bietet etwas Charakteristisches; am schönsten und geradezu verblüffend ist die oberste marmorne Terrasse, indem dieselbe von einer aus Marmorplatten gemeißelten, ein arabeskenartiges Gitter darstellenden Geländerwand umgeben ist. Dieses Gitter zeigt in jedem einzelnen Stücke eine andere Zeichnung von seltener Zartheit. Mit Ausnahme des roten Sandsteines der unteren Stockwerke ist alles blinkender Marmor: das Gitter, der Fußboden, die Gallerien, die Kioske und die Sarkophage.

Entzückt von dieser Stätte der Erinnerung an die alte Pracht und Herrlichkeit der Großmoguln, verließ ich das Mausoleum, um in den Bazar von Agra zu fahren und daselbst meiner Gepflogenheit gemäß nach Acquisitionen für meine ethnographische Sammlung zu fahnden. Die Straße, welche den Bazar bildet, ist eng, mit großen Steinplatten gepflastert und zeichnet sich durch die reizenden Fronten der Häuser aus; beinahe an jedem Gebäude befinden sich jene kunstvoll geschnittenen Geländer, Gitter und Säulen, welche charakteristische Merkmale von Agra bilden. In dem reichen und belebten Bazar fand ich nach langem Handeln manch Bemerkenswertes, das wohlverpackt in meine Heimat wandern soll.

Da inzwischen der englische Commissioner gekommen war, unternahmen wir nachmittags die Besichtigung des Forts und des Tadsch Mahal. Leider hatte sich das Wetter völlig getrübt. Es gieng starker Regen nieder, welcher uns der Freude beraubte, diese beiden herrlichen Bauten bei Sonnenlicht zu sehen.

Das Fort ist der befestigte Palast der Moguln und wurde zu Ende des 16. Jahrhunderts und im Laufe des 17. Jahrhunderts, zum größten Teil von Schah Dschehan, dem Sohn Dschehangirs, erbaut. Eine außerordentlich starke, aus riesigen Sandsteinquadern gefügte, krenelierte Mauer mit vielen runden Ecktürmen umgibt das Fort. Rings um dasselbe läuft ein breiter, mit Wasser gefüllter Wallgraben. Die massiven, betürmten Außentore des Forts gewähren nur durch seitliche, im schiefen Winkel gegen die Hauptmauer gestellte Seitenpforten Eingang in das jetzt mit englischer Besatzung belegte Bollwerk von Agra.

Das erste, was man, vom Westen her durch das Delhi-Tor eintretend, zu Gesicht bekommt, sind Kasematten, Batterien und auf einem freien Platz ein ganzes Arsenal ausrangierter Kanonenrohre der verschiedensten Systeme. Hat man diese Anordnungen der Kriegskunst passiert, so gelangt man in den eigentlichen Palast der Moguln, der verhältnismäßig noch gut erhalten ist und Reste seiner einstigen, geradezu verschwenderischen Pracht und Herrlichkeit zeigt. Der Palast ist nach unseren Begriffen allerdings kein einheitlicher Bau, sondern eine ganze Reihe von Prachtgebäuden, offenen Sälen, Veranden, Plattformen, Höfen, Moscheen, Bädern u. a. m., die einen großen Raum bedecken und sämtlich durch Gänge und Treppen miteinander verbunden sind. Bedenkt man, dass fast alle diese Gebäude, soweit nicht der landestümliche rote Sandstein Verwendung gefunden hat, aus reinem weißen Marmor bestehen, der mit Gold, Malerei und künstlerischem Mosaik aus Halbedelsteinen bedeckt ist, so kann man sich annähernd einen Begriff von dem Luxus machen, der einst hier geherrscht hat.
Zunächst wurde uns in dem neueren Teil des Palastes der große, unter Aurengzeb vollendete, von Nord nach Süd 70 m lange Audienzsaal Diwan-i-Am gezeigt, eine nach drei Seiten hin offene Halle, deren Dach von drei Reihen mächtiger Säulen getragen wird, welche an den Sockeln und Kapitälen eigentümliche, altindische Formen zeigen. An der Rückwand der Halle erhebt sich in einer Nische der Marmorsockel, auf dem einst der Thron des Moguls gestanden hatte, und über der Nische, deren Wände mit Pietradura-Arbeiten und Tiefreliefs geziert sind, ein mit kostbaren Steinen eingelegter Marmorbaldachin. Hier pflegte der Mogul die großen Audienzen abzuhalten, Deputationen und Vertreter fremder Fürsten zu empfangen.

In dem an die Audienzhalle anschließenden, ringsum von einer Gallerie umschlossenen Hof, der im ersten Stockwerke die einfach ausgestatteten Frauengemächer enthält, fischte der Mogul zum Zeitvertreib. Das Wasser für diesen Fischweiher musste von Trägern erst herbeigebracht werden; späterhin wurde es durch ein besonderes Pumpwerk zugeleitet. Ein Söller in der Gallerie dieses stillen Hofraumes bildete den Lieblingssitz des Gewaltherrschers, der, jahraus jahrein von Kriegslärm umbraust, von wahrhaft königlicher Pracht übersättigt, Schwert und Szepter mit der Angelrute vertauschte, um hier träumerisch die Fische zu locken; er, der Ungestüme, ein geduldiger Angler, er, dessen Kronjuwelen und Beutestücke die Schatzkammer bis an den Rand füllten, ein seines zappelnden Fanges froher Mann. Und selbst in diese Stunden stillen, bescheidenen Glückes des Fürsten schlichen sich Höflingslist und wohldienerischer Betrug ein. Ließ doch, wie die Chronik berichtet, der Günstling des Moguls, auf dass dessen Laune sich nicht durch Misserfolg trübe, vom Fürsten unbemerkt, gewandte Schwimmer, wie sie einst Neros Badeschloss auf Capri gekannt, tauchen und die allergrößten Fische heimlich an dem Köder befestigen.

Ein Schönheitswunder ist der marmorne Privat-Audienzsaal, Diwan-i-Khas, „die Halle der Erlesenen“, der in verkleinertem Maßstab dem großen Audienzsaal nachgebildet ist, diesen jedoch in der Ausschmückung des Raumes, in dem Reichtum der Mosaikarbeiten und in der Eleganz der Formen weit übertrifft. Vor dem Audienzsaal liegt eine große Plattform, von der man gegen Ost und Süd hinausblickt auf den Strom, auf fruchtbare Gelände und lachende Fluren und auf den Tadsch Mahal, der schon von hier aus, des schlechten Wetters ungeachtet, durch die ruhige Majestät seiner Gestalt einen imponierenden Eindruck hervorruft. Von dieser Terrasse sahen die Moguln, durch eine hohe Mauerwand gegen etwaige Angriffe der gereizten Tiere geschützt, den Tiger- und Elephantenkämpfen zu, die in dem erweiterten Wallgraben veranstaltet wurden.

Der Thron, auf welchem die Moguln bei diesen Kampffesten ruhten, — ein großer, schwarzer, in der Mitte geborstener Steinblock — ist noch erhalten und gegenüber diesem auf derselben Terrasse noch ein zweiter von gleicher Form, aber aus weißem Marmor. Abergläubisch und phantastisch wie alle Orientalen, verknüpften die Bewohner des Landes den Riss, der mitten durch die Platte des Schwarzen Thrones geht, mit märchenhaft ausgeschmückten Erzählungen aus der Kriegsgeschichte des Forts von Agra. „Eher wird dieser harte Stein in Stücke gehen“, rief, wie die Einen berichten, der Großmogul, „als dass ich mein verpfändet Wort breche“. Doch des Moguls Wort war so wenig felsenfest als jener Stein, der an jenem Tag entzweisprang, da der Fürst einen Treubruch begangen. Die Anderen wissen zu sagen, der Riss in dem Stein rühre von dem Unglückstag her, da Dschowahir Singh, der Radscha von Bhartpur, nachdem er Agra erstürmt, es gewagt hatte, Platz zu nehmen auf dem Throne der Timuriden.

Doch auch die jüngste Epoche der indischen Kriegsgeschichte hat der viel umstrittenen Steinplatte des Schwarzen Thrones von Agra ein Wahrzeichen verliehen: die Spuren einer englischen Kanonenkugel, die während der Belagerung Agras im Jahre 1857 hier einschlug; ricochettierend flog das Geschoss weiter und durchschlug ein herrliches geschnitztes Marmorgitter nächst der Audienzhalle. Auch an anderen Stellen findet man in den Ornamenten und Schnitzereien Schäden, die von Geschützkugeln herrühren.

Neben der Audienzhalle zieht sich eine lange Reihe von Gemächern, Säulengängen und Plattformen hin, die zu den privaten Wohnräumen der Moguln gehörten. Sie einzeln zu beschreiben, würde zu weit führen; ließen sich doch ganze Bände schreiben über diese Pracht, diese Fülle von Marmor, Gold und Mosaik, über die Reminiscenzen an die Leistungsfähigkeit, den Fleiß, den Formensinn der kunstgewerblichen Arbeiter und der künstlerisch so feinfühligen Handwerker, die, von prachtliebenden Bauherren gedungen, von in- und ausländischen Meistern angeleitet, Agras Ruhm als Schatzkästlein der Bau- und Dekorationskunst Indiens mitbegründen halfen.

Das Geschick für eingelegte Marmorarbeiten mit Arabesken und Blumenmustern hat sich unter den Werkleuten Agras bis zum heutigen Tag erhalten. Dass fremdländische Künstler bei der Errichtung und Ausschmückung der Bauten in Agra Einfluss genommen haben und namentlich Austin de Bordeaux, unter Schah Dschehan hier in hervorragender Weise tätig gewesen ist, wird durch die noch erhaltene Baugeschichte des Tadsch bekräftigt. Trotz der Seltsamkeit, der originellen, ja barocken Formen und der mit orientalischer Üppigkeit angehäuften Ornamentik der Bauten von Agra erschien uns hier nichts überladen, geschweige für das Auge beleidigend; im Gegenteil, alles künstlerisch gestaltet und von eigenartiger Schönheit.

Auf einer der Plattformen des Palastes fand ich in dem Marmorboden aus verschiedenfarbigen Steinen zusammengesetzte Quadrate und Zeichen eingefügt, welche mir auf mein Befragen dahin gedeutet wurden, dass die Moguln hier ein dem Schach ähnliches Spiel — Patschisi — gespielt hätten, wobei lebende Menschen, meist schöne Mädchen, die Figuren darstellten. Jede der Figuren stand auf einem der Quadrate und musste sich auf Befehl des Herrschers den Zügen entsprechend bewegen.

Ich darf nicht vergessen, eines besonders schönen, oberhalb der Wallmauer vorspringenden Erkers zu erwähnen, der von einem Kiosk überdeckt ist und das Lieblingsplätzchen der Moguln bildete. An dieser Stelle pflegte der Herrscher jede Bitte willfährig entgegenzunehmen; ein Umstand, der dahin führte, dass die Bittsteller aus dem Volk die Gelegenheit wahrnahmen, sich an den Rand des Festungsgrabens zu begeben, um von dort aus mit lauter Stimme den auf dem Erker ruhenden Fürsten um Gnade anzuflehen.

Bemerkenswert sind auch noch die Baderäume im Schisch Mahal, „Spiegelpalast“; dieselben sind völlig fensterlos und enthalten in der Mitte große Marmorbassins mit Springbrunnen und Wasserkünsten. während die Wände groteske Arabesken aufweisen, die mit unzähligen kleinen Spiegelplatten mosaikartig ausgelegt sind.

Noch tiefer als die Bäder, in einer Art Kellerraum, liegen die sogenannten Sommerwohnungen, durch Korridore untereinander verbundene. düstere Gemächer, die in der heißesten Jahreszeit vom Mogul und seinem Serail bewohnt worden sein sollen. Kleine Öffnungen in der dicken Mauer spenden diesen Räumen äußerst spärliches Licht.

Wie bei allen alten Palästen und Forts fehlte auch hier nicht eine Hinrichtungskammer, ein gar schauerliches und völlig lichtloses Gemach, mit einem Querbalken versehen, an welchem die Delinquenten justifiziert wurden. Der Körper des Gerichteten fiel in einen schlauchförmigen Kanal, durch welchen er in den Fluss gespült wurde, den Raben und Geiern zum Fraß.

Kaum glaublich erscheint, dass die Moguln in verhältnismäßig kurzer Zeit mit den primitiven Arbeitsmitteln früherer Jahrhunderte derartige Prachtbauten auf- und auszuführen vermocht haben. Es lässt sich dies nur dadurch erklären, dass einerseits die fürstlichen Bauherren Tausende von Leuten, ja, wenn es nötig erschien, fast die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung der Provinz, in welcher das Werk erstehen sollte, zum Frohndienste zwangen und auf diese Weise zahlreiche und spärlich entlohnte Arbeitskräfte zur Verfügung hatten — und dass andererseits jeder bei Todesstrafe sich dem eisernen Willen orientalischer Herrscher beugen musste. Dabei waren die Moguln vernünftige und verständnisvolle Männer, die, sich nach ihrer Art selbst abendländischer Kultur und Kunst nicht verschließend, an ihrem Hof manchen europäischen Künstler beherbergten, um sein Wissen, seine Erfindungsgabe und sein Geschick zu nützen.

Den ältesten Teil des Palastes bildet ein in rotem Sandstein aufgeführtes, quadratisches, einen großen Hof einschließendes Gebäude. Die Bauart desselben sowie die Säulen, Giebel und Kapitäle sind sehr bemerkenswert, da sie in ihrer Konstruktion noch ganz das rohe Holzgebälk, die Holzverzierungen und die Stützen eines Daches imitieren. In diesem Hof soll sich im Jahre 1700 jene seltsame Audienzszene abgespielt haben, in welcher der erste von England an den Hof der Großmoguln abgeschickte Gesandte, dem damals hier üblichen Zeremoniell gemäß, Seiner mogulischen Majestät auf allen Vieren kriechend nahen musste. Seit jener Zeit hat sich in Indien gar viel geändert, sind die Rollen der indischen Radschas und der britischen Residenten gegeneinander völlig vertauscht. Musste der Gesandte Albions vor kaum zwei Jahrhunderten noch in der Haltung eines Vierfüßlers Palast und Saal des Moguls betreten, so sieht man heute die Erben der stolzesten Namen von Hindustan — bildlich gesprochen — vor jedem der englischen Machthaber sich beugen; freilich mit verhaltenem Grimm und vielleicht mit der geheimen Hoffnung im Busen, dass eines wohl unabsehbaren Tages das rollende Rad der Zeiten die Geschicke Indiens wieder nach der Seite der Radschas wende.

Auch dieser Palast hat seine eigene Moschee, nur ist diese, der Pracht des Ganzen entsprechend, besonders schön und mächtig gehalten. Ihr Name ist „Perl-Moschee“ (Moti Mesdschid), ein Name, der entweder die Kostbarkeit der Moschee bezeichnen soll oder von der silberweißen Farbe ihrer Kuppeln und Säulen herrühren mag. Die Konstruktion dieser Moschee gleicht jener der meisten ähnlichen Bauten in Indien. Die Wälle des Forts hoch überragend, von Schah Dschehan erbaut und im Innern auf das köstlichste mit weißem, bläulichem und grauem Marmor geschmückt, bildet die Moschee als Stirnseite eines weiten, von Marmorsäulenhallen umschlossenen Hofes eine luftige, von drei Säulenreihen getragene Bogenhalle, über der sich drei Kuppeln erheben. Der weiße Marmor der mit goldenen Spitzen gekrönten Kuppeln, der rote Sandstein der Außenwände und Portale, die Verzierungen, Steinarbeiten, Inschriften im Innern der Moschee, ihre hohe Lage — alles vereint sich, um diesem Kleinode sarazenischer Baukunst einen eigenen Reiz zu verleihen. Im Innern ist, wo nicht Mosaik, Inschrifttafeln oder Nischen andere Farben zeigen, alles weiß in weiß; sogar der Boden des großen Vorhofes ist mit Marmorplatten belegt. Architektonisch bemerkenswert ist der Aufbau der Säulenhalle mit ihren dreifachen Säulenreihen und ihrem spiegelglatten Boden. In diesen sind für die Gläubigen — gegen Mekka gewandte — Gebetplätze eingelegt, welche sich als in Marmormosaik ausgeführte Imitationen von Gebetteppichen darstellen.

Ich bestieg das Dach, um von dort eine leider vom Wetter getrübte Aussicht auf die zahlreichen schönen Bauwerke Agras zu genießen. Als ich so hinabblickte auf all die Denkmale einer glänzenden Epoche, die mir zu Füßen lagen, sann ich nach über den wechselvollen Lauf irdischen Geschickes, über den Gegensatz der „guten alten Zeit“ Agras zu dem Stilleben, das jetzt in den herrlichen Höfen und Palästen der verfallenen Residenz waltet. Wo sich einst die stolzen Großmoguln im Glanz ihrer Macht, im gleißenden Schimmer ihres Hofstaates gesonnt, wo farbensattes, prunkvolles, vom Genius künstlerischer Gestaltung durchwehtes Leben und Treiben geherrscht: da erheben sich jetzt im Bannkreise der goldenen und marmornen Paläste moderne, mit englischen Geschützen armierte Batterien, schreiten stumm britische Soldaten auf ihren Posten auf und ab, ertönt vom nahen Bahnhof her der schrille Pfiff der Lokomotive. Für einen Bakschisch darf heute unter Leitung eines schwatzhaften Führers jeder beliebige Fremdling hier eindringen in Burg und Hof, in die Geheimgemächer und in die Moscheen der einst unnahbaren Residenz der Großmoguln, darf in den Trümmern der Nischen und Säulen wühlen, alles betasten und besehen …. Tempora mutantur!

Aus meinem Sinnen und Träumen weckte mich nur zu bald etwas, das unschwer zu erraten ist; etwas, das heute in ganz Indien spukt und unvermeidlich ist, als wäre es ein schleichender Krankheitsstoff – nämlich ein zur Aufnahme bereitgestellter photographischer Apparat. Der Besitzer dieses modernen Folterwerkzeuges stand vor uns und legte beredt die unabweisliche Notwendigkeit dar, mich und meine Begleiter in der Moschee stehend als Gruppenbild zu fixieren. Lässt sich schon darüber diskutieren, inwieweit die Mahnung des Korans: „Du sollst kein Ebenbild des menschlichen Leibes gestalten“, auch auf photographische Porträts anwendbar sei, so musste das Begehren des mohammedanischen Photographen, uns just in der Moschee aufzunehmen, als wären wir fromme Moslemin, um so unlogischer erscheinen. Den lästigen Künstler abzuschütteln, gab es kein anderes oder doch kein rascheres Mittel, als seinem Wunsch zu willfahren.

Nachdem wir das Fort besichtigt hatten, kam die Perle der Bauwerke Indiens, das entzückendste aller architektonischen Weltwunder, das vornehmste Ziel jedes Reisenden, der Hindustans Fluren betritt, der weltberühmte Tadsch (Taj) Mahal (Tadsch = die Krone, Mahal = der Palast; also etwa „das Heim der Krone“) an die Reihe.

An der Stelle errichtet, wo Schah Dschehans Lustgarten lag, an dem rechten Ufer der Dschamna, stellt der Tadsch Mahal, auch Tadsch bibi ke Rosa (das Grab der gekrönten Frau) genannt, das Mausoleum der Gemahlin Schah Dschehans dar. Als diese, Ardschmand Banu Begum, genannt Mumtaz-i Mahal, das ist „Die Erwählte des Palastes“, nach der Geburt ihres achten Sprösslings im Wochenbett gestorben war, begann der Fürst im Jahre 1630 der geliebten Gattin dies Grabmal zu setzen, in dem er selbst an ihrer Seite im ewigen Schlaf ruht. Der Wille Schah Dschehans, seiner Mumtaz-i Mahal ein Denkmal zu weihen, schöner als jedes andere auf dieser Erde, unvergänglich zu jedem redend von der teueren Verblichenen, hat sich vollauf erfüllt . . .

Nichts schien zu kostbar, nichts schön genug, die Tote zu ehren. Fremde Künstler, so der Venetianer Gieronimo Verroneo, dann Austin de Bordeaux und ein byzantinischer Meister haben im Verein mit dem Wissen und Können der besten einheimischen Werkleute an diesem Bau mitgeschaffen.

Ungefähr zwei Jahrzehnte hindurch sollen unablässig zwanzigtausend Arbeiter hiebei beschäftigt gewesen sein. Die Kosten werden — obschon so manche der Baumaterialien, manche Edelsteine und Schmuckgegenstände, welche das Grabmal zieren, von den Radschas und Nawabs freiwillig beigesteuert wurden und die Werkleute und Arbeiter wohl nur kärglich entlohnt worden sein mögen — von einheimischen Quellen auf die zumal für die damalige Zeit ungeheuere Summe von etwa 40 Millionen Gulden angegeben. Trotz all dieses Aufwandes an Kraft und Geld erscheint es jenem, welcher die Details des Bauwerkes näher besichtigt und die enormen Schwierigkeiten berücksichtigt, die hier zu überwinden gewesen sind, als ein Wunder, dass innerhalb der Frist von nur etwa zwei Jahrzehnten all das zu Ende gebracht zu werden vermochte.

Wer kennt nicht das Bild des Tadsch, seinen schneeweißen Bau, seine Bogenpforte, seine Dome, Fassaden und Minarets? Erblickt nun der Wanderer, dem Leinwand und Holzschnitt, Bild und Wort den Tadsch hundertmal vor das Auge gezaubert haben, das Bauwerk selbst, wie es sich unvergleichlich schön, von üppigem Grün umrahmt, himmelwärts erhebt: so verblasst alles bisher Geschaute, verfliegt jedes Wort, welches den Bau stammelnd zu schildern versucht, fällt der Griffel zur Erde, verstummt der verzückte Beschauer.

Ausgestattet mit der vollen Macht unserer herrlichsten Bauten, hehr wie das Gefüge unserer schönsten gothischen Dome, edel wie die vornehmsten Blüten der italienischen Renaissance, berückend gleich den Orient und Okzident verschmelzenden Perlen venezianischer Kunst, geschmückt mit jedem Zaubermittel, welches dem Menschen gewährt worden, um der höchsten, reinsten Schönheit Ausdruck zu verleihen — überwältigt der Tadsch jedweden Sterblichen, der zu ihm aufblickt.

„Ein marmorner Traum“, so steht das Mausoleum Schah Dschehans vor uns. Erhabene Bilder, Vorstellungen, Empfindungen ziehen durch die Seele des Beschauers, der nicht satt wird, zu sehen, dass hier Menschenhand das geschaffen, was uns die kühnste Phantasie kaum vorzuspiegeln vermag. Und dabei diese vornehme Ruhe, diese unübertreffliche Harmonie des Ganzen trotz aller Kühnheit der Formen, diese weiße Reinheit des Steines. Keine Statue, kein Bild, kein Altar, noch Teppich ist zu sehen, nur Stein und wieder Stein – doch dieser Stein allein schmückt das Ganze mehr als jede andere, noch so köstliche Zier. Es ist, als blühe, lebe, rede der Stein. . . .

Der Tadsch steht auf einer erhöhten Plattform, welche 95 m im Gevierte misst, und ist in quadratischem Grundriss mit abgestumpften Ecken (Oktogon mit vier längeren und vier kürzeren Seiten) gebaut, gekrönt von einer mächtigen Kuppel, unterhalb welcher vier kleinere Kuppeln angebracht sind. Die Bogenportale und Fensternischen in maurischem Stile sind mit ausgemeißelten Koransprüchen umsaumt und die Fassaden überdies, inbesonders an den Sockeln, mit eingelegten Steinen geziert. An den vier Ecken der Plattform stehen hohe Minarett. Die höchste Spitze der Kuppel liegt 74 m über dem Gartenweg.

Ähnlich wie beim Grabdenkmal Akbars tritt man zuerst durch ein hohes, moscheenartiges Tor, das aus rotem Sandstein gebaut, mit feinem, an einen Schleier erinnerndem Marmormosaik verziert ist. Dann folgt der herrliche Park mit seinen dunkelgrünen Bäumen, seinen blühenden Blumen und seiner schnurgeraden Reihe von Wasserwerken und Springbrunnen, die von dem Eingangstor bis zu dem Treppenaufgang des Mausoleums führen. Sehr effektvoll ist eine Zedern-Allee angebracht, die als Rahmen für den weißen Bau des Tadsch dient, während der Himmel den Abschluss bildet.

Wohl jeden, der dieses herrliche Gebäude, dieses Denkmal des Schmerzes betritt, überkommt ein melancholisches Gefühl: mystisches Halbdunkel umgibt die beiden Kenotaphe, leises Echo lässt die Stimme widerhallen. Auch hier, in der Halle des Oktogons, kein anderer Schmuck als Stein, der aber so wunderbar verteilt ist, dass er dekorativer, würdiger und reizvoller wirkt als manches Gemälde, manche Statue. Das Innere des Mausoleums macht keineswegs einen kalten, starren, im Gegenteile einen warmen, pietätvollen Eindruck.

Geradezu verblüffend wirkt die Pracht und Zartheit der Ausführung; des die Kenotaphe umgebenden Gitterwerkes, welches aus riesigen Marmorplatten gefügt ist, die so fein wie Spinnengewebe netzartig durchmeißelt sind. An den Säulen bewundern wir das Schönste, was die musivische Kunst zu bieten vermag: die zartesten Blumen und Arabesken aus Halbedelsteinen, wie Carneol, Lapis lazuli, Achat, Jaspis, Malachit. In einer unterirdischen Gruft stehen die Marmorsarkophage, welche die sterblichen Reste Schah Dschehans und der Mumtaz-i Mahal enthalten, während die in dem Oktogon aufgestellten Kenotaphe den Sarkophagen der Gruft nachgebildet und leer sind. Der Sitte, fürstlichen Personen zwei Steinsärge aufzustellen, ein Kenotaph und den die Gebeine bergenden Sarkophag, ist hier ebenso wie in Akbars Grabmal Rechnung getragen.

Über eine kleine Treppe gelangte ich auf die Plattform, welche dachartig die Hauptkuppel umgibt, und von der aus man einen guten Ausblick auf die beiden Moscheen genießt, die zwischen den Minarets in der Längsfront des Tadsch stehen. Jede dieser Moscheen ist, für sich betrachtet, ein Prachtbau, der aber in der Nähe des Marmorwunders von diesem fast völlig in den Schatten gestellt wird. Das Material, aus welchem die beiden Kuppelbauten errichtet sind, ist der übliche rote Sandstein, der mit Marmormosaik verziert ist.

Ich kehrte in den Garten zurück und Umschrift den Tadsch nochmals von allen Seiten, um seine herrlichen Formen dem Gedächtnis genau einzuprägen.

Ein bewaffneter Spaziergang im Park des Palais zu Agra sollte mir, da ich von all dem Gesehenen entzückt und geistig doch abgespannt war. Erfrischung bringen. Des Morgens hatte ich auf einem der Bäume außerhalb des Parkes Marabus (Leptopilus argala) sitzen gesehen, welch widerliche Vögel durch ihre enorme Größe und Flügelspannweite, sowie durch ihre schönen Federn auffallen, während der kahle Kopf mit dem Kropf und die Ernährungsweise des Tieres nichts weniger als schön und ansprechend sind. Wir pürschten uns an die Schlafbäume der Marabus an und erlegten im ganzen sechs Stück, deren zwei meinen Schüssen zum Opfer fielen.

Kinsky erlitt an diesem Tage wieder einen Fieberanfall, so dass er bis auf weiteres das Bett hüten muss.

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  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 12.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt nachmittags das Stück “Der Traum ein Leben“ und „Dorf und Stadt“ am Abend, während das k.u.k. Hof-Operntheater einen Faschingsball veranstaltet.

Agra, 12 February 1893

The railway crosses the holy Yamuna river over a large lattice bridge and ends at the so called Fort Station. Already from the station one can see in the East looking back towards the Yamuna river the skyline of the wide-ranging forts, lean towers and minarets.

Crossing Agra in a half hour carriage drive to reach our quarters in a palace provided by the Maharaja of Jaipur, we were wondering from time to time where exactly the city was.  Enclosing an area of around 28 km2 within its walls and numbering around 165.000 inhabitants, the old town of Agra, once the capital city and residence of the Grand Mughals and still today after Dehli the largest city on the upper Ganges plain, offers a strange view. Numerous single buildings alternated with small housing complexes, then a pile of debris and ruins, followed by gardens, fields and extended heathlands.

The reason for this strange shape of the city lies in the fact that on the one hand the history and importance of Agra can only be traced back to the Grand Mughals Babur (1494 to 1530) and Akbar (1556 to 1605),  who had intended the city to be more extensive, according to the original plans of its builders, than the course of its actual development. On the other hand, an important part of the city lies in ruins. Thus it turned out that Agra with the exception to the groups of houses that line the main avenue and the bazaars has only dispersed single houses distributed over a large area.

The palace we are living in occupies a wild park full of peacocks and parrots as these colorful but loud animals are fed daily in the park on the order of the maharaja. The palace’s exterior is bland but the interior is remarkable by the fact that not a single of the many rooms have a window but are only illuminated by a skylight that scarcely offers a bit of light. During the hot periods of the year this may be practical to keep the rooms relatively cool. During the present time and especially in the exceptionally cool Indian winter temperatures of 1893, we were freezing miserably in these strange prison cell like rooms of the palace.

This aspect which justified my christening the palace in Agra the „inhospitable palace“ confirmed our intention to undertake the planned sightseeing trip in the Agra area as soon as possible. First we went to Sikandra, the grave of Akbar, situated in the Northwest of Agra.

The ride offered us an overview of the location and plan of the city. Located on the right Western shore of the Yamuna, this river rich in water and creating fertile alluvial plains, Agra is today divided into the following parts: the old town, which used to be twice as populated under Akbar as it is today and which only contains a limited number of sights from that period when Agra (1568 to 1658)  was the residence of the Grand Mughals of Hindustan; the almost completely ruined suburbs, the English barracks to the South, the civil lines with the high court, the administration, the government college and the central prison in the North; finally at the south-eastern end beyond the old town and next to the station, the fort built by Akbar.

Agra’s history is compressed into a relatively short era, especially for India with its millennial empires. In the year1527, Agra, up to that time a residence of the Muslim house of Lodi, was captured by  Zehir ed din Mohammed called Babur (the tiger), the first Grand Mughal of India. Babur is the founder of the dynasty that can be traced back to Timur Leng (Tamerlan) and Ghengis Khan — Muslims of Mongolian descent — who with sword in hand had defeated the princes of India with their hordes of riders and set up the empire of the Grand Mughals which gained great power under Babur, Akbar, Aurengzeb but finally succumbed to the English. Since the period the titular kings became English tributaries but continued to intrigue and rebel against the rapidly growing British supremacy, the Grand Mughals de facto bereft of their power but not of all influence have had an erratic life. The death of Shah Bahadur (1862), the last „Emperor“, a old man of eighty, an the execution of all his offspring after the capture of Dehli by the English  (1857) has pushed the dynasty of the Indian Timurids quickly into oblivion.

The heyday of the Mughals were under the rule of Babur, Akbar, Dschehangir, Shah Dschehan and Aurengzeb. Under these princes the splendor of the court attracted ambassadors, scholars, artists, priests from all countries everywhere and their area under their rule and their power was at its peak of all Grand Mughals. The era of decay is characterize by a number of episodes: On the one hand, the rise of British power and the occupation of the lands of the Mughals by the English. On the other hand intrusions by the neighboring princes into the area ruled by the rapidly declining Timurids; intrigues of political nature; excessive luxury, senseless waste and the financial calamities this caused; court cabals, plots and dark deeds in which poison and daggers played their deadly role. All these episodes and many others are proof of the decline of their external power and the inner decadence of the once great dynasty of the Timurids which led to the fall of the Mughal empire and the political end of its dynasty.

I now return to the topic of Agra and the remains of its splendor. The old town offered few attractions during our drive. Still a few mosques and temples as well as the activity of the inhabitants received our attention. When we had passed the old Dehli gate and the bastion  and started following the „road of the Mughal Empire“ with its old mile indicators (Kos minar) in the direction of Lahore and Kashmir towards Sikandra. numerous grave monuments and so called Baoli (stepwells with tiny resting places) became visible on both sides of the road. Also I have to pay tribute to a more modern enclosing wall decorated with frescoes whose ornaments showed processions, fights and hunts with elephants playing a big role in them.

All this pales in comparison to the destination of our trip, the tomb which holds the ashes of Akbar. This impressive mausoleum is surrounded by a caravanserai in the form of a wide square. On the exterior it resembles a fortress wall which is interrupted by four giant gates and multiple minarets bereft of their peaks. The caravanserai served as the well known name to us indicates a place for pilgrims and travelers. The gates offer entrance to the inner space enclosed by walls, a well kept garden with palm, mango and banana trees in whose midst stands the mausoleum. If even the view of the gates. high, elegant and profiled buildings with numerous niches and towerlets as well as the mosaics on the stone facades, catches our attention, then we are the more astonished and full of admiration, as soon as we stepped through one of the gates into the inner space and have walked the long straight path of flag stones that is interrupted by large water basins.

There rises the tomb of Akbar; an image of august greatness, clear and calm, despite all the pillars, halls, buttresses, kiosks and artificially inserted facades which decorate the proud building in a lavish style without the decoration disrupting its nature. From the platform made out of white stones that serves as a foundation rise five floors as stepping pyramids whose platforms due to its stair-like construction of the whole building creates open space as terraces on each platform. Around each of these terraces, with the exception of that which covers the top of the square building, runs a domed open gallery with fluted pillars and ogival arches which create at regular intervals square buttresses. Each of these buttresses is covered by a baldachin-like kiosk on a square base whose flat dome and widely cantilevered ceiling stands on ogival arches and pillars with Indo-Corinthian capitals. Protruding balustrades and all kinds of ornamental decorations make the profile of the buttresses all the richer.

The magic of color — the four lower floors consist of red sandstone, all its galleries, kiosks and balustrades and the the top floor are made out of exquisite snow white marble — the fantastic play of ornaments, the delicate grace of the decorations, the splendid masonry of the balustrades cut like laces: All this with its intimate charm creates a fine distinction to the grandiose dimensions and to the overall severe nearly anti-climatic linear arrangement of the rising pyramid of the mausoleum.

Having regained, after the first moments of bliss, the rightful prose of life, I asked where and how the construction material came from that was used to build the splendid tomb which Jahangir, Akbar’s son has erected for his father. The sandstone of Fatehpur Sikri near Agra  — and this one has been used to build the mausoleum — is different from its European relatives by its remarkable hardness which permits to cut out very fine meshes out of fine plates. It is speckled with red and yellow or set with yellow veins. The glittering highly resistant white marble of the tomb is from Makrana near Jaipur.

As far as the dimension of the building are concerned it is 33 m high, each of the four fronts is at its base 100 m long. In the middle of the building is a subterranean room accessible by an inclining ramp which holds Akbar’s sarcophagus, made out of white marble and covered with Arab inscriptions. Here lie Akbar’s ashes at rest while in the top floor of the mausoleum stands according to Asian custom a cenotaph, an empty facsimile of the subterranean sarcophagus. In front of Akbar’s cenotaph we discover a small postament which once carried the legendary  Koh-i-noor, „mountain of light“, one of the largest diamonds in the world which was handed for three centuries from the Indian treasury to the next, from Akbar’s tomb into the hands of Nadir Shah, the despotic usurper and finally to the East Indian Company until it was incorporated into the British royal treasure in 1850.

On the ground floor are buried four Muslim of Akbar in splendid richly carved and inlaid sarcophagi each of which stands in its own hall covered with marble mosaics and Arab inscriptions.

Each of the already mentioned terraces on the exterior of the mausoleum which can be reached by a small staircase offers something characteristic. The uppermost marble terrace is the most beautiful and truly amazing as it is surrounded by lattices chiseled out of marble plates and turned into arabesques. These lattices show in each piece another drawing of the most rare delicacy. With the exception of the red sandstone of the lower floors everything is out of glittering marble: the lattice, the floor, the galleries, the kiosks and the sarcophagi.

Enchanted by this place of memory to the old splendor and pomp of the Grand Mughals I left the mausoleum to drive to the bazaar of Agra and look for acquisitions for my ethnographic collection as was my custom. The street which constitutes the bazaar is narrow, set with large stone plates and remarkable for the charming fronts of the houses. Nearly every house has artfully carved balustrades, lattices and pillars that are the characteristic sign of Agra. In the rich and active bazaar I found, after much haggling, many outstanding things which will be sent home, well packaged.

As the English commissioner had arrived in the mean time we undertook a visit to the forts and the Taj Mahal in the afternoon. Unfortunately, the weather had turned cloudy. A strong rain drained our joy to see both these buildings in sunshine.

The Fort is a fortified palace of the Mughals and has been built at the end of the 16th and during the 17th century in a large part by Shah Jahan, the son of Jehangir. An extraordinarily strong crenelated wall made out of giant sandstone building blocks with many round corner towers is enclosing the fort. Around it runs a broad water filled moat. The massive external gates with towers allow only entrance through angled side gates of the main wall to the fortification of Agra which now hosts an English garrison.

Entering from the west through the Delhi gate, the first thing one sees are case mates, batteries and in an open space an arsenal of scraped cannon barrels of different weapon systems. Having passed this arrangement of the art of war, one reaches the actual palace of the Mughals which is in relatively good condition and displays elements of the former almost luxurious splendor and pomp. The palace is not a uniform building according to our understanding but rather a row of representative buildings, open halls, verandas, platforms, courtyards, mosques, baths etc. which cover a large area and are connected by paths and stairs. If one takes into consideration that all these buildings if the local red sandstone has not been used, consist of clear white marble which is decorated in gold, paint and artful mosaics made out of semi-precious stones one can imagine approximatively how luxurious this place once has been.

First we were shown the large audience hall Diwan-i-Am in the newer parts of the palace, completed under Aurengzeb and 70 m in length from north to south, a hall open on three sides whose ceiling is borne by three rows of strong pillars which have at the base and the capitals strange ancient Indian forms. On the rear wall of the hall rises in a niche a marble base on which once stood the Mughal throne. Above the niche whose walls are decorated with pietra dura works and reliefs is a marble baldachin inlaid with precious stones. Here the Mughals used to hold court in a grand manner and receive delegations and representatives of foreign princes.

In the courtyard enclosed by a gallery next to the audience hall which on the first floor contains the simply decorated women’s chambers, the Mughal used to fish as a hobby. The water of the fish pond had to be carried there. Later it was pumped up by a special mechanism. A balcony in the gallery of this quiet courtyard used to be the favorite spot of the Mughal ruler who year after year exchanged sword and scepter with the angler’s hook to capture fish in dreams, while the clamors of war were raging and the most royal splendor was offered. He, the tumultuous, a patient angler, he whose crown jewels and booty in the treasury were filled up to the brim, a man content with his floundering catch. And even during these hours of quiet humble joy of the princes, the intrigue of the courtiers and sycophantic treachery seeped in. The chronicle noted that a sycophant of the Mughal had, in order not to cloud the mood by failure, handy swimmers dive and hook up the largest fishes to the bait, a practice known from Nero’s palace baths in Capri.

A beauty is the marble private audience hall Diwan-i-Khas, „the hall of the selected“, that has been built in a smaller scale in a similar manner to the large audience hall but surpassing it in decoration, in the richness of its mosaics and in the elegance of its forms by far. In front of the audience hall is a large platform from where one can view the river towards the east and south, a fertile area and smiling fields on which the Taj Mahal, in spite of the bad weather, makes quite an impression by its majestic calm posture. From this terrace the Mughals could watch tiger and elephant fights that were arranged in the ditch of the wall, protected against any attacks from the excited animals by a high wall.

The throne on which the Mughals rested during these fighting games — a large black stone block burst in the middle — has been conserved and there is a second one opposite it on the same terrace but all in white marble. Superstitious and fantastical as all orientals, the inhabitants of this empire connected the crack in the middle of the plate of the black throne with fairy tale like stories from the military history of the fort of Agra. „Sooner will this hard stone break into pieces“, one of Mughals claimed, as has been told, „than I will break my word.“ But the Mughal’s word was not as firm and the stone sprang in two on the day the Mughal broke his word. Others claim that the crack came from that miserable day when Jowahir Singh, Raja of Bhartpur, having conquered Agra, dared to sit down on the throne of the Timurids.

Even the most recent era of Indian military history has left marks in the disputed stone plate of the black throne of Agra: the remnants of an English cannon ball fired during the siege of Agra in 1857 which lodged itself here, by ricochet it continued and pierced a splendidly carved lattice next to the audience hall. Also on other parts one can identify damage from cannon balls in the ornaments and carvings.

Besides the audience hall are a long row of rooms, paths of pillars and platforms which are parts of the private chambers of the Mughals. To describe them individually would go too far. One could fill volumes about their splendor, their opulence of marble, gold and mosaics, about the histories of the competence, the effort and the sense of forms of the artistic workers and the artistically sensitive artisans who hired by a builder loving luxury had been instructed by domestic and foreign masters to create Agra’s glory as a treasure chest of India’s art of construction and decoration.

The skill for inlaid marble works with arabesques and flower motifs has been preserved by Agra’s artisans to the present day. That foreign artists have influenced the design and decoration of the buildings in Agra and namely Austin de Bordeaux has been at work here in an outstanding manner under Shah Jahan  is confirmed by the still existing construction history of the Taj. Despite the strangeness and the original even baroque forms and the oriental opulence in ornamentation in the buildings in Agra, nothing seems to be overladen here or displeasing to the eye. Quite the contrary, everything has been executed in an artistic manner and in unique beauty.

On one of these platforms of the palace I found in the marble floor composed squares and signs made out of differently colored stones. Upon my question, it was answered that the Mughals used to play here a game similar to chess called Pachisi where living humans, most beautiful girls, played the part of the figures. The figures stood on one of the squares and had to move according to the orders of the rulers, move by move.

I may not forget to mention a particularly beautiful protruding bay above the wall that overhangs a kiosk and has been one of the favorite spots of the Mughals. In this place, the ruler tended to accept all pleas without complaints; a circumstance which led to the practice that the  petitioners from the people set themselves up in the fortress ditch and pleaded their case to the ruler standing quietly in his bay.

Notable are the the baths in Shish Mahal, „mirror palace“; these are completely without windows amd contain in the middle large marble basins with waterspout fountains and water games while the walls are decorated with grotesque arabesques which are laid out in countless small mirror plates in mosaics.

Still further down than the baths are some sort of caves, the so called summer apartments, dark rooms connected by corridors, which was inhabited by the Mughal and his seraglio during the hot summer months. Small openings in the thick walls offer a bit of light in these rooms.

As in any old palace and fort there was a torture chamber, a dreadful and completely dark room equipped with a cross beam on which delinquents were executed. The body of the executed fell into a pipe-like canal which led to the river as meat for the ravens and vultures.

It seems hardly possible that the Mughals managed to construct such luxurious buildings in a comparably short time with only the primitive technical means of former centuries. It can only be explained by the fact that the princely builders could command thousands of people even if it required it all the working population of a province to assist in the construction of the building and thus had numerous and cheap workers for the task — and that everyone had to comply to the iron will of oriental rulers in view of the the death penalty. For that matter, the Mughals were reasonable and understanding men who hosted many European artists at their court to profit from their knowledge inventive gifts and skills and did not shut themselves off from European culture and art.

The oldest part of the palace is a square building in red sandstone enclosing a large courtyard. Its construction style as well as its pillars, gables and capitals are remarkable as they are imitating the construction of raw wood frames and wood carvings and roof beams. In this courtyard should have taken place that strange audience in the year 1700, in which the first representative sent from England to the court of the Grand Mughals had to approach the Mughal majesty crawling on all fours according to the then current protocol. Since then much has changed in India and the role of the Indian rajas and the British residents has completely switched. Albion’s representative two hundred years ago was forced to approach the palace and court of the Mughals in the manner of a quadruped, one can now see, metaphorically speaking, the heirs of the proudest names of Hindustan bow before the English ruler, truly with a contained fierceness and perhaps in the secret hope in the breast that one future day the wheel of time will turn the history of India again towards the side of the rajas.

This palace too has its ow mosque only is this one, given the splendor of the whole, especially beautiful and mighty. Its name is  „pearl mosque“ (Moti Mesdschid), a name which either indicated the preciousness of the mosque or might be derived from the silver color of its domes and pillars. The construction of this mosque is similar to all those buildings in India. Surpassing the walls of the fort by far, constructed by Shah Jahan and ornamented inside with delicious white, blueish and gray marble, the mosque has on its front side a wide courtyard enclosed by an arched hall borne by triple rows of pillars above which stand three domes. The white marble of the domes with golden peaks, the red sandstone of the exterior walls and portals, the decorations, the masonry, the inscriptions inside, its high elevation — everything is united to create a unique attraction to this gem of the Saracen art of building. Inside, everything is white in white what isn’t part of a mosaic, an inscription table and or niches in other colors. Even the floor of the great forecourt is covered with marble plates. Architecturally remarkable is the fact that the great pillar hall sogar with its rows of three pillars and its floor as as smooth as glass. In this floor are inlaid praying places in the direction of Mecca for the believers which in their form as marble mosaics imitate prayer rugs.

I went on the roof to appreciate the view on the numerous beautiful buildings of Agra despite the bad weather. When I looked down on the monuments of a great era which lay at my feet I thought about the changing fortunes of human actions, about the contrast between the „good old times“ of Agra to the present still life of decaying residences of the former courts and palaces. Where once stood the proud Grand Mughals in the splendor of their power, basking in the glittering shine of their court, where colorful, splendid life and strive ruled, mixed in with genial artistic creation: now there are within the secure area of the golden and marble palaces modern batteries of English guns. Silently British soldiers march up and down at their post. One can hear the locomotive’s shrill whistle from the station nearby. For a baksheesh, every foreigner may intrude into the fort and courtyard with a talkative guide, into the secret chambers and into the mosques of the once taboo residence of the Grand Mughals, may dig among the ruins of the niches and pillars, touch everything and look everywhere …. Tempora mutantur!

Out of my thoughts and dreams only one thing awakened me, something that is not difficult to guess, something that haunts all of India today and seems inescapable as if it was a creeping sickness – namely the taking of a picture by a photographic apparatus that had been set up. The owner of this modern torture instrument stood in front of us and pointed out in words the inescapable necessity to have me and my companions in the mosque set as a group for posterity. While one may discuss whether the warning in the Koran „You shall not create an image of the human body“  is applicable to photographic portraits, the proposal of the Muslim photographer to take the picture in the mosque as if we were pious Muslims must have been even more illogical. There was no way to escape the obnoxious artist than to give in to his wish.

After we had seen the fort we were set to see the pearl of all buildings in India, the most charming of all architectural world wonders, the most distinguished destination of all travelers who enter Hindustan, the world famous Taj Mahal (Taj = crown, Mahal = palace, i.e. the „home of the crown“).

Erected on the spot of where Shah Jahan had his pleasure garden on the right bank of the Yamuna stands the Taj Mahal also known as Taj bibi ke Rosa (the tomb of the crowned woman), the mausoleum of the wife of Shah Jahan. When she, Arjumand Banu Begum called  Mumtaz-i Mahal, i.e. „the chosen one of the palace“, died in labor giving birth to her eighth child, the prince started building a tomb in the memory of his beloved wife in the year 1630, in which he too wanted to be laid to rest at her side in eternal sleep. The will of Shah Jahan, to consecrate a monument to Mumtaz-i Mahal  that is more beautiful as everything else on this earth, speaking in eternity to all about the dear departed, has been completely fulfilled . . .

Nothing seemed too precious, nothing too beautiful to honor the dead. Foreign artists such as the Venetian Gieronimo Verroneo, then Austin de Bordeaux and a Byzantine master have contributed in conjunction of the knowledge and practice of the best local artisans on this building.

During about two decades twenty thousand laborers should have been at work continuously  here. The cost were said to have been at 40 millions guiders according to local sources, an incredible sum during that time — even if many of the building materials, many gems and objects of jewelry which decorate the tomb have been contributed voluntarily by the Rajas and Nawabs and the artisans and laborers probably only paid meagerly. Despite all the effort in energy and money invested it appears to everyone who visits the details of the building and considers the enormous difficulties to surpass as a wonder that it could be completed within a time period of two decades.

Who doesn’t recognize the image of the Taj, this snow-white building, its arched gate, its dome, facades and minarets? If the traveler who has seen a hundred times the Taj on canvas and in woodcuts, image and word wood sees the building itself how it rises towards heaven, incredibly beautiful, enclosed by rich green, everything seen up to now pales, stammeringly words fail to describe the building, the pen falls to the ground and the spectator turns silent.

Equipped with the full power of our most splendid buildings, clear like the structure of our most Gothic cathedrals, noble like the most distinguished flowers of the Italian renaissance, impressive like the pearls of Venetian art which enchant simultaneously in the East and West, ornamented with every form of magic which was granted to mankind to give expression to the highest and clearest beauty — the Taj overcomes every mortal who looks upon it.

„A marble dream“, so stands the mausoleum of Shah Jahan in front of us. August images, impressions, feelings rush through the soul of the spectator who can’t get enough views of this human created but not deemed possible even in the wildest fantasy. And this quiet calmness, this supreme harmony of the whole despite the audacity of all forms, this white clarity of the stone. No statue, no image, no altar, no carpet is visible, only stone and stone again, but this stone alone decorates the whole more than any other precious ornament. It is as if the the stone was blooming, living, talking . . .

The Taj stands on an elevated platform which measures 95 m in the square, and has a square foundation with truncated corners (octogon with four longer and four shorter sides), topped by a mighty dome below which are set four smaller domes. Die arched gates and window niches in Moorish style are bordered with chiseled sentences from the Koran and the facades are also decorated with inlaid stones, especially at the bases. On the four corners of the platform stand high minarets. The highest peak of the dome stands 74 m above the garden paths.

Similar to Akbar’s tomb one meets first a high mosque-like gate built out of red sandstone decorated with fine marble mosaics that remind one of a veil. Then follows the splendid park with dark-green trees, blooming flowers and a really straight row of water works and waterspout fountains, which lead from the entrance gate to the stairs of the mausoleum. Very effectively used is an avenue of cedars which frames the white building of the Taj while the sky provides the conclusion.

Probably everyone who enters this splendid building, this monument to sorrow, is overcome by a feeling of melancholy. A mystical semi-dark encloses the two cenotaphs, a quiet echo reverberates the voices. Here too, in the octogon’s hall, no other decoration than stone which is distributed so wonderfully that it looks more decoratively, more dignified and attractive than many paintings and statue. The interior of the mausoleums does in no case give a cold and hard impression, quite the contrary instead, it looks warm and respectful.

The splendor and delicate execution is really amazing. The meshes around the cenotaph made out of huge marble plates are as fine as a spider’s web chiseled out. On the pillars we admire the most beautiful mosaics that can be produced, the most delicate flowers and arabesques made out of semi-precious stones like Carneol, Lapis lazuli, Achat, Jaspis, Malachit. In a subterranean crypt stand marble sarcophagi which hold the mortal remains of Shah Jehans and Mumtaz-i Mahal while the empty cenotaphs in the octogon are copies of the sarcophagi in the crypt.  The custom of setting up two stone coffins for princes, a cenotaph and sarcophagus which holds the body, has been respected here as at Akbar’s tomb.

Over a small stair I came to the platform which surrounds the main dome and from where one has a good view on the two mosques that stand between the minarets of the Taj’s long side. Each of these mosques is a precious building of its own but in the proximity of such a marble wonder they are almost completely pushed in its shadow. The material for the two domes is the common red sandstone decorated with marble mosaics.

I returned to the garden to memorize the inscription of the Taj on all sides and all its splendid forms.

An armed walk in the park at Agra should offer me some relief as all the things seen and  which had challenged my mind have stressed me. In the morning I had seen marabous (Leptopilus argala) on one of the trees outside the park, These ugly birds, notable by their enormous size and their wing-span as well as their beautiful plumage while their bare heads with the canker and their way of feeding are less beautiful and agreeable. We approached them by the bastard tamarinds an shot six of them two of which are to be marked on my account.

Kinsky suffered again from a fever attack that day and will have to keep to his bed.

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  • Location: Agra, India
  • ANNO – on 12.02.1893 in Austria’s newspapers.
  • The k.u.k. Hof-Burgtheater plays a drama “Der Traum ein Leben“ in the afternoon and „Dorf und Stadt“ in the evening, while the k.u.k. Hof-Operntheater  is hosting a carnival ball „redoute“.

Benares, 11 February 1893

In the morning I again walked through the streets along the temples and the river — the same images, the same effect.

Towards noon the Maharaja of Benares, Brabhn Narain Singh Bahadur, paid me a visit. As splendid the gentleman was decorated with precious stones, his overall appearance was less than princely: His state carriage and especially his body guard which sat on discarded horses and partly wore old English uniforms looked really miserable. He is a charming friendly old fellow and apparently a passionate hunter who is never separated from his  express rifle carried along by a servant event to all his visits and public events. In response to my question he answered that he had killed 60 tigers in his state. That a group picture was taken by a photographer in front of the palace hardly needs a mention.

The return visit I paid in another of his palace which was in a deserted and deplorable state. On that occasion the Maharaja wore even more beautiful diamonds. The palace only contained a gallery of Europe’s crowned heads, ugly lithographs, which constituted the main decoration of the reception hall where the Maharaja and I sat down for a few minutes on some sort of throne.  After we had exchanged our photographs, the prince gave me an ivory carving he considered of being of very high value. Finally we went to the station accompanied by the Maharaja.  Our train would take us on the East Indian Railway to Agra by the way of Allahabad and Kahnpur.

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  • Location: Benares, India
  • ANNO – on 11.02.1893 in Austria’s newspapers. The Wiener Salonblatt spares but one sentence for Franz Ferdinand’s Indian adventures in its issue of 12 February 1893, p. 3.
Wiener Salonblatt, 12 February 1893, issue 7, p.3: Franz Ferdinand in India

Wiener Salonblatt, 12 February 1893, issue 7, p.3: Franz Ferdinand in India

  • The k.u.k. Hof-Burgtheater plays a drama “Eine vornehme Ehe“ by Octave Feuillet, while the k.u.k. Hof-Opermtheater offers Jules Massenet’s “Werther”.

Benares, 11. Februar 1893

Vormittags wanderte ich noch einmal durch die Straßen, die Tempel und den Fluss entlang — dieselben Bilder, die gleiche Wirkung.

Gegen Mittag kam der Maharadscha von Benares, Brabhn Narain Singh Bahadur, mich zu begrüßen. So prachtvoll der gute Mann auch mit den kostbarsten Steinen behängt war, so wenig fürstlich war sein Aufzug; die Staatskarosse, vor allem aber seine Leibwache, die auf vollkommen ausrangierten Pferden saß und teilweise alte englische Uniformen trug, sahen recht kläglich aus. Er ist ein freundlicher, heiterer Herr und anscheinend ein passionierter Jäger, da er sich von seinem Express rifle niemals trennt und es von einem Diener sogar bei allen Besuchen, allen festlichen Gelegenheiten nachtragen lässt. Auf mein Befragen teilte er mir mit, dass er in seinem Staat bereits 60 Tiger erlegt habe. Dass uns ein Photograph vor dem Palast in einer Gruppe aufnahm, braucht kaum ausdrücklich erwähnt zu werden.

Den Gegenbesuch, zu welchem der Maharadscha noch schönere Diamanten angelegt hatte, stattete ich demselben in einem anderen seiner Paläste ab, der sich aber in einem etwas wüsten und vernachlässigten Zustand befand und nur eine Galerie der gekrönten Häupter Europas, scheußliche Lithographien, enthielt, welche den Hauptschmuck des Audienzsaales bildeten, in dem ich mich mit dem Maharadscha für einige Minuten auf einer Art Thron niederließ. Nachdem wir unsere Photographien getauscht hatten, schenkte mir der Fürst eine Schnitzerei aus Elfenbein, deren Kunstwert er sehr hoch hielt. Endlich ging es in Begleitung des Maharadschas zum Bahnhof, von wo uns der Zug auf der Linie der East Indian Railway über Allahabad und Kahnpur nach Agra bringen sollte.

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  • Ort: Benares, Indien
  • ANNO – am 11.02.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt widmet Franz Ferdinand nur einen Satz in der Ausgabe vom 12. Februar 1893, S. 3.
Wiener Salonblatt, 12 February 1893, issue 7, p.3: Franz Ferdinand in India

Wiener Salonblatt, 12. Februar 1893, no. 7, S.3: Franz Ferdinand in Indien

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Stück “Eine vornehme Ehe“ von Octave Feuillet, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Massenets “Werther” aufführt.

Benares, 10. Februar 1893

Wer aus der majestätischen Ruhe der Alpenwelt unmittelbar nach Benares gelangt, glaubt sich in ein Tollhaus versetzt. Götter und Menschen; Religion und Wahnsinn; Mystizismus und Aberglaube; Askese und Üppigkeit; Anklänge an tiefere Wahrheiten und Verleugnung des gesunden Menschenverstandes; fromme Beter und verrückte Fakire; brennende Hindus und tanzende Bajaderen: dieses alles in hunderterlei Formen und Gestalten am Fluss gruppiert, in den Straßen der Stadt sich beengend, drängend, schiebend, stoßend, treibend — vereinigt sich zu einem Strudel und Wirbel, welcher den in sprachlosem Erstaunen starrenden Fremdling mitzureißen droht. Allmählich nur gelingt es, sich angesichts der unheimlichen Größe menschlicher Verirrung und der ansteckenden Macht der Raserei zu sammeln, zu betrachten und zu denken.

Benares, die heilige Stadt der Hindus, der größte, alljährlich von einigen Hunderttausend Pilgern besuchte Wallfahrtsort Indiens, liegt am linken, dem nördlichen Ufer des heiligen Ganges und erstreckt sich — 222.000 Seelen fassend — über einen weiten Raum, der hauptsächlich von Tempeln, Moscheen und den Palästen indischer Fürsten erfüllt wird. Man zählt hier neben anderen religiösen Gebäuden 1454 Hindu-Tempel und 572 Moscheen. Die Stadt, ein uralter Sitz brahmanischer Gelehrsamkeit, gehörte ursprünglich ausschließlich den Bekennern des Buddhismus, bis dieser vom Brahmanismus verdrängt wurde. Um die Mitte des 17. Jahrhunderts dem Reich der Großmoguln einverleibt, büßte sie ihren Charakter als heilige Stadt der Hindus vorübergehend, namentlich dadurch ein, dass Aurengzeb, ebenso eifrig als Bekenner des Islams wie als Verfolger des Brahmanismus, den Hindus zum Hohne alle Tempel derselben zerstört und — zum Teil auf den Trümmern dieser Tempel — dem Ufer des Ganges entlang eine große Zahl von Moscheen errichtet hat. Nach dem Verfall der Mogulnherrschaft zu neuer Kraft erstarkt, erbauten die Hindus, die Moscheen verdrängend, nahezu anderthalbtausend neuer Tempel. Setzt uns auch deren Zahl und Bauart in Erstaunen, so bemerken wir an ihnen dennoch eine gewisse Einheitlichkeit des Stils, ein Umstand, der darauf zurückzuführen ist, dass eben keiner der gegenwärtig in Benares bestehenden Hindu-Tempel weiter als ins 17. Jahrhundert zurückreicht.

Die Sonne hatte kaum die über dem heiligen Ganges wehenden Morgennebel zerrissen, als wir uns schon am Ufer des Stromes befanden. Hier mieteten wir eine kleine Barke und ließen uns den FIuss auf- und niederrudern, um eine Übersicht über die Paläste und Tempel und das Leben am Ufer zu gewinnen. Oberhalb des Stromufers erhebt sich eine Reihe von Palästen, welche indische Fürsten, so die Maharadschas von Nepal, Dschaipur (Jeypore) u. s. w. hier zur Unterbringung der aus ihren Staaten alljährlich in großer Zahl herbeiziehenden Pilger erbaut haben. Typisch sind die mit Gallerien geschmückten Fronten, deren jede von zwei massiven Ecktürmchen flankiert ist. Zwischen diesen Palästen erheben sich allenthalben Hindu-Tempel, teils wohlerhalten, teils ruinenhaft, deren manche die wühlende Tätigkeit des Stromes zu Fall gebracht hat, während andere aus der gleichen Ursache in so schiefe Lage geraten sind, dass die hier ersichtliche Abweichung von der Geraden jene des Turmes von Pisa weit übertrifft.

Von der fortlaufenden Reihe der Gebäude führen überall große steinerne Freitreppen (Ghats) bis zum Wasserspiegel hinab. Auf diesen entwickelt sich namentlich des Morgens ein Leben und Treiben, das anfangs auf den Beschauer verblüffend wirkt und jeder Beschreibung zu spotten scheint. Hier strömen alle Pilger und der größte Teil der Einwohner von Benares zusammen, um im heiligen Fluss zu baden und so Befreiung von allen Sünden zu erlangen; hier pulsiert das religiöse Leben, Denken, Empfinden und Trachten der Hindus; hier wird Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung religiöser Pflichten zu krassem Fanatismus, Indolenz zur Begeisterung. Laien und Priester, Männer und Frauen jeden Alters, Jünglinge, Mädchen und Kinder drängen sich in hellen Scharen zum Bad. Dort taucht ein armer Greis mit schneeweißen Haaren, vor Kälte zitternd, in die Fluten; hier nimmt eine Anzahl von Brahmanen das reinigende Bad; ein steinaltes Großmütterchen naht, geführt von dem Enkelkind, dem Fluss; weiterhin baden zahlreiche junge Mädchen, deren Heiterkeit im Glauben nicht erstickt; zappelnde, kreischende Kinder werden von den Eltern mit Wasser übergossen oder in die schlammige Brühe getaucht. Überall aber herrscht der größte Anstand, auch im Wasser werden die lichten Leinwandkleider nicht abgelegt.

Der Morgen war sehr kühl, — in Mäntel gehüllt saßen wir in unserer Barke – – doch hinderte die empfindliche Kälte die Glaubensstarken nicht im geringsten, ihr Bad zu nehmen und längere Zeit im Wasser zu verweilen. Die Badenden trinken von dem eklen Wasser, welchem dank Schiwas Gnade die Kraft innewohnt, den sterblichen Menschen von seinen Sünden zu reinigen, und opfern Blumen und Reis oder andere Erzeugnisse des Bodens. Besonders feierlich vollziehen die Brahmanen die heilige Handlung, indem sie der Sonne einen Blick zuwerfen, Gebete murmeln und unter den eigentümlichsten Zeremonien ihre Opfer darbringen. Pilger nehmen in großen Kupfergefäßen das wundertätige Wasser des Ganges, das auch in alle Teile des Landes verschickt wird, nach Hause mit. In ganz Benares sieht man Träger dieses heiligen Nasses durch die Straßen eilen.

Gleich oberhalb der Badestelle sind auf den Ghats über Säulen gelagerte Steinplatten angebracht, auf welchen Brahmanen sitzen, welche den dem Bad Entsteigenden mit verschiedenfärbigem Sandelholzmehl das Kastenzeichen auf Stirn und Wangen malen. Auch Rasierer in voller Tätigkeit haben da ihr Lager aufgeschlagen.

Die fürchterlichste Ausgeburt religiösen Paroxismus, wahre Zerrbilder der Menschheit sind aber die Fakire, deren es in Benäres Legionen gibt. Sie sitzen auf den Ghats oder auf im Flusse schwimmenden Brettern, größtenteils nackt, mit Lehm oder Asche beschmiert, regungslos da. Für ihren Lebensunterhalt sorgt die Mildtätigkeit der Gläubigen.

Mitten unter all den Badeplätzen liegen die Verbrennungsstätten, an welche täglich zahlreiche Hindu-Leichen überantwortet werden. Es gilt als der Gottheit besonders wohlgefällig, ja als Bürgschaft für den Eintritt in den Himmel, am Ufer des Ganges zu Asche zu werden oder gar daselbst das Zeitliche zu segnen, aus welchem Grunde sich auch viele Sterbende von ihren Verwandten selbst aus weiter Ferne zum heiligen Strome bringen lassen, um angesichts seiner rauschenden Fluten den letzten Seufzer zu tun. Tritt der Tod des Sterbenden nicht bald ein, so beschleunigen wohl häufig genug die zärtlichen Verwandten künstlich sein Ende, um baldmöglichst wieder in die Heimat zurückkehren zu können. In landesüblicher, pietätloser Weise wird mit den Leichen umgegangen, da dieselben vorerst unter freiem Himmel rasiert und gewaschen, dann auf den Holzstoß gelegt und rasch verbrannt werden, wobei die Angehörigen stumm und teilnahmslos verharren. Endlich wirft man die letzten Überreste der Toten in den Ganges, knapp an den Stellen, wo ungeachtet der schwimmenden Leichenteile Menschen baden und das trübe Wasser schlürfen. Geier, Raben und Hunde raufen gierig um manchen halbverkohlten Knochen.

Lange blickte ich in dieses Treiben, als müsste ich mich vergewissern, dass ich so Scheußliches wirklich schaue und nicht bloß träume — dann wandte ich mich mit Ekel, ja mit Unwillen von dem grausigen, der Menschenwürde Hohn sprechenden Schauspiel ab.“

Aus der Flucht der Tempel und Paläste ragt mit ihrem runden Kuppelbau und den zwei schlanken, die ganze Stadt überragenden Minarets die große Moschee Aurengzebs heraus, welche der mächtige Eroberer an dieser, den Hindus besonders heiligen Stelle hatte errichten lassen. Auf steilen, schmutzigen Steintreppen stiegen wir zum Vorplatze der Moschee, wo uns ein Muezzin mit Bücklingen empfing und demütig einlud, eines der Minarets zu besteigen. Von der ersten Plattform, dem Dache der Moschee, strichen, durch unser Erscheinen erschreckt, Schwärme von Papageien und Tauben ab. Der weitere Aufstieg ist schwierig, da man sich auf einer engen, mit unverhältnismäßig hohen Stufen versehenen Schneckenstiege emporwinden muss, doch entschädigt für diese Mühe die weite, lohnende Aussicht über die ganze Stadt und den heiligen Fluss. Die zahlreichen Kuppeln der Tempel erglänzen im Sonnenscheine; ein Häusermeer liegt zu unseren Füßen; majestätisch rauscht der mächtige Strom dahin, als verachte er das wahnsinnige Getriebe dieser, Marionetten gleich von einer dunklen Macht bewegten Menschen.

Eine Wanderung mitten durch die betende Menge führte uns vorbei an heiligen Kühen, Eseln, Ziegen, Schafen und Hunden; alle diese Tiere lungern in der drängenden Menschenmenge umher — fürwahr eine drastische Staffage des sinnverwirrenden Bildes! Eine große Zahl angekröpfter Geier und Milane sitzt auf den Dächern oder, alle Abfälle vom Boden auflesend, zwischen den Fußgängern. Ziegen und Schafe dringen in die Tempel und Tempelchen ein und fressen vom Schoß der Götterbilder die diesen geopferten Blumen und Kränze. Wir gelangen zu einer Stelle, an der ein im Rufe besonderer Heiligkeit stehender Fakir, unaufhörlich Gebete murmelnd, schon viele Jahre lang auf demselben Fleck sitzt und von Andächtigen mit Opfergaben beschenkt wird. Fanatiker, welche die Würde eines Fakirs anstreben, bemühen sich, den ersten Grad der Abtötung dadurch zu erreichen, dass sie den Atem so lange einhalten, bis sie, grün und gelb geworden, beinahe ersticken. Alltäglich wird diese Übung wiederholt und fortgesetzt, bis jener Grad von Vollkommenheit erreicht ist, der dem ersehnten Ziel zuführt.

Eine Zisterne, der hochheilige Manikarnikä-Brunnen, 12 m im Quadrat messend, mit Stufen, die zum Wasser niederführen, — angeblich nach dem Vorbilde eines mythischen Teiches im Himalaya gestaltet — ist eine Stätte besonderer Verehrung für die Gläubigen: für uns eine solche des Greuels. Hier baden die Gläubigen, bevor sie in den Ganges tauchen — besser gesagt, sie suhlen sich in der Jauche und schlürfen von der aus faulenden Blumen, vieljährigem Schmutz und übelriechendem Wasser bestehenden Flüssigkeit.

Über steile Treppen, eine schmale Straße entlang, wanderten wir dem Haupttempel Schiwas »Bischeschwar« — der »Goldene Tempel genannt — zu. Das Unglaubliche ist Ereignis geworden; denn in den Straßen und vorzüglich in den Tempeln ist das Treiben der pilgernden Scharen noch toller als am Fluss. Die Straßen selbst bestehen eigentlich nur aus ununterbrochenen Reihen von Tempeln mit schöner und origineller Architektur, die von hoch entwickeltem Kunst- und Schönheitssinne zeugt. Tempel und Bilder des Elephanten-Gottes Ganescha, des Affen-Gottes Hanuman, Schiwas, des heiligen Stieres Nandi, — des indischen Apis — des Lingam in allen möglichen Formen und Größen folgen einander in bunter Reihe. Alle heiligen Plätze werden von den Pilgern mit Kränzen geschmückt, mit Gangeswasser bespritzt oder zu Stätten der Opfer von Reis und Butter gemacht. Dazwischen bieten Verkäufer mit großem Geschrei Gebetbücher oder kleine Bildnisse der Gottheiten feil, während beschäftigungslose Brahmanen sich herandrängen, um Führerdienste zu leisten. Je mehr wir uns dem Goldenen Tempel näherten, desto ärger wurde das Gedränge.

An einem großen Stiersymbol vorbeikommend, das eifrig mit Wasser vom Ganges begossen wird, erreichten wir den »Brunnen der Erkenntnis« (Gyan Kup), in welchen bei der Eroberung von Benares durch Aurengzeb, der Sage nach, der Hüter des vornehmsten Hindu-Tempels das seiner Obhut anvertraute Bildnis Wischnus hinabgeworfen haben soll. Heutzutage birgt dieser Brunnen nur faulendes Wasser, von welchem gegen entsprechenden Bakschisch für den Brahmanen jeder Pilger einen Löffel voll erhält.

Der Goldene Tempel, über den wir von einem gegenüberliegenden Balkone einen guten Überblick genossen, ist vor ungefähr 200 Jahren ganz aus rotem Sandstein erbaut und die Vergoldung des kegelförmigen Daches auf Kosten Maharädscha Randschit Singhs von Lahore ausgeführt worden. Dieser Schmuck hat dem Tempel den Beinamen des «Goldenen« verliehen. Innerhalb und außerhalb desselben, eines wahren Pandämoniums religiöser Exstase, treibt das Leben der Pilger die höchsten Wogen. Vollständiger Schiffbruch der menschlichen Vernunft zeigt sich, wenn man hier einen Blick auf das Gebaren der Gläubigen wirft. Obwohl sonst der Eintritt für Andersgläubige strengstens verboten ist, drangen wir doch, geleitet von einem reichlich mit Bakschisch versehenen Brahmanen, soweit ein, als es die drohende Haltung der Pilger nur immer gestattete Was ich gesehen, genügte, um mir ein getreues Bild von dem Innern des größten und heiligsten Tempels der Hindus, von der Nacht des Irrwahnes zu machen, welche jene umfängt. Das Hauptidol, in herrlicher, reicher Umfassung, ist das Sinnbild schaffender Kraft, ein Lingam, umtanzt von einer fanatischen Menge von Bettlern, Weibern und Männern, welche das Symbol rastlos bekränzen, bespritzen und salben. Dazwischen tönen Glocken, an welche die Gläubigen schlagen, watend zwischen zertretenen Blumen, Gangeswasser und Excrementen heiliger Kühe. Um das Hauptidol ist ein förmliches Museum anderer Bildnisse und Götteridole gereiht, deren jedes seine Anbeter hat, die schreiend und lärmend ihre Andacht verrichten. Obgleich mir nur ein Aufenthalt von wenigen Minuten in diesem Heiligtum gegönnt war, fühlte ich mich doch durch das plötzliche Einstürmen so ungeahnter Eindrücke wie von Schwindel erfasst; ins Freie gelangt, atmete ich tief auf. Die Umgebung des Tempels ist von einer Unzahl bejammernswerter, ekelhafter, verkrüppelter, mit Aussatz behafteter Bettler und Bettlerinnen belagert, welche das öffentliche Mitleid anrufen.
Noch grauenhafter, wenn möglich, ist der in der Nähe liegende Tempel Annapurnas, der »nahrungspendenden« Göttin. Ringsum stehen Kühe, welche von den Gläubigen als so heilig betrachtet werden dass diese, um sich von allen Sünden zu reinigen, ein Gemisch sämtlicher Provenienzen der Tempelkühe schlucken. Wohl der entsetzlichste Ausbruch fieberhaften Glaubenswahnes! Welch schreiender, schmerzlicher Widerspruch — auch hier schöne Architektur, das Zeugnis blühenden menschlichen Geistes, als Umrahmung von Schmutz, Unrath, Wahnsinn. In der Mitte des Tempels, auf einer Art Postament, befindet sich ein fürsorglich vorbereitetes, sogar mit Moskitonetzen umgebenes Bett, welches, dem Glauben der Hindus nach, allnächtlich von Wischnus Gemahn, der Göttin Lakschmi, aufgesucht wird, um hier der Ruhe zu pflegen.

Ich wandte mich nun dem Bazar zu und besah unterwegs noch die architektonisch reizend geschmückten Fronten einiger Häuser und mehrerer anscheinend selten besuchter Tempel.
Wir wandern, oft genug durch die drängende Menge im Fortschreiten behindert, an lebendig gewordenen Höllenbrueghels vorüber. Hier naht eine Schar Pilger, triefend vom Bad; dort bekränzen Frauen ein Schiwa-Symbol, den Gott um zahlreichen Kindersegen bittend: Fakire in den scheußlichsten Erscheinungen und aussätzige Bettler schreien um Almosen; Megären unterrichten auf der Straße Kinder in den Mysterien der Hindu-Religion; Brahmanen heischen von Pilgern Bakschisch; vornehme Radschas ziehen in feierlichem Aufzuge, gefolgt von einem Trosse bunter Diener und Musikanten, an den Ganges: Leichen auf Leichen, bloß mit leichten Tüchern bedeckt, werden vorbeigetragen — ein unaufhörlicher Wechsel von Szenen und Bildern, die nur der Orient in seiner üppigen und wüsten Gestaltungskraft hervorzubringen vermag. Widerwillen, ja Abscheu fassten mich an und erdrückt, überwältigt von dem Gesehenen eilte ich nach Hause, um ermüdet auszuruhen.

Neu gestärkt stattete ich nachmittags dem Affen-Tempel meinen Besuch ab. Dieser Tempel ist dem Gott Hanuman gewidmet und beherbergt in seinen Räumen eine Unzahl Affen, die lustig im Innern des Gebäudes auf dessen Säulen und Kapitälen umherspringen, von den Gläubigen mit Süßigkeiten und Früchten gefüttert. Noch vor kurzer Zeit gab es hier Tausende heiliger Affen; doch wurden diese durch ihre Streiche endlich selbst den gläubigen Hindus zu arg, da sie in der ganzen Nachbarschaft furchtbare Verheerungen anrichteten und kein Gegenstand vor ihrer Raublust sicher war. Man half sich nun dadurch, dass man über tausend Affen einfing, die ganze Gesellschaft in die Coupes eines Extrazuges setzte und weit ins Land führte, um sie in einem Dschungel wieder auszulassen. So waren die praktischen Gläubigen die Quälgeister los geworden, ohne sich gegen deren Heiligkeit versündigt zu haben. In der Mitte des Tempels steht eine vergoldete Figur des Gottes Hanuman, die, von Gläubigen und Affen eifrig heimgesucht, natürlich des üblichen Schmutzes nicht entbehrt.

Hier produzierten zwei Schlangenbändiger ihre Künste mit einer Anzahl Kobra- und Python-Schlangen. Dieses Schauspiel wiederholte sich nach unserer Rückkehr in das Palais, indem uns ein Taschenspieler unter anderem auch einen interessanten Kampf zwischen einer großen Schlange und einem kleinen iltisartigen Tier, dem sogenannten Mungo, — einer Art Manguste — vorführte. Letzterer blieb Sieger; er hatte sich äußerst geschickt gleich auf den Kopf der Schlange geworfen und biss endlich dem Reptil, obgleich dieses seinem Gegner arg zusetzte und ihn fest umschlang, den Kopf durch. Es verdient bemerkt zu werden, dass die Gaukler und Taschenspieler in ganz Indien eine hervorragende Rolle spielen und sich vorteilhaft dadurch von ihren europäischen Kollegen unterscheiden, dass sie die frappierendsten Kunststücke ohne alle Vorbereitungen zum besten geben.

Recht bitter enttäuschten uns die Tänzerinnen, welche sich nach dem Diner im Palais produzierten. Sie selbst waren jeder Schönheit bar, ihre Tänze äußerst langweilig, so dass wir bald in recht schläfrige Stimmung gerieten.

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  • Ort: Benares, Indien
  • ANNO – am 10.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Lustspiel “Schach dem König“, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Webers “Der Freischütz” aufführt.

Benares, 10 February 1893

Whoever arrives directly from the majestic cold of the Alpine world to Benares will believe to be in a madhouse. Gods and humans, religion and madness; mysticism and superstition; asceticism and luxury, echoes of deep truths and denial of common sense, godly praying men and crazy fakirs, burning Hindus and dancing bayaderes: all of this is grouped at the river in a hundred varieties and forms, bottles up the streets of the city, rushing, squeezing, pushing, driving — united in a maelstrom and vortex which threatens to envelop the starring stranger made speechless out of astonishment. Only slowly is it possible to collect, observe and think in the midst of this huge human aberration and the infectious manic force.

Benares, the holy city of the Hindus, is the largest place of an annual pilgrimage in India visited by a few hundred thousand pilgrims. It lies on the left, northern bank of the holy Ganges river an covers a large area — containing 222.000 souls — which is filled mostly by temples, mosques and palaces of Indian princes. There are, besides other religious buildings, 1454 Hindu temples and 572 mosques. The city, an ancient site of Brahmin erudition, was originally only dedicated to Buddhist believers until that was displaced by Brahmanism. In the middle of the 17th century incorporated into the Mughal empire its place as a holy city of the Hindus was temporarily lost, namely by Aurangzeb, as eager a believer in Islam as a persecutor of Brahmanism, who had all temples destroyed, scorning the Hindus, and erected partly on the ruins of these temples a large number of mosques along the shores of the Ganges. After the fall of the Mughal reign, having regained their strength, the Hindus built nearly one thousand five hundred new temples displacing the mosques. Even if their number and style might astonish us, we still notice a certain uniformity of style, a feature explained by the fact that all Hindu temples currently standing in Benares date back no longer than the 17th century.

The sun had hardly pieced the morning mist hanging over the holy Ganges when we were already at the shore of the river. Here we rented a short rowing boat and had us rowed up and down the river in order to gain an overview of the palaces and temples and life at the shore. Above the shoreline are a number of palaces that Indian princes such as the Maharajas of Nepal, Jeypore etc. had constructed as local residences for the large number of annual pilgrims from their state. Galleries with ornamented fronts flanked at both ends with massive corner towers are common. Between these palaces stand here and there many Hindu temples, some well maintained some in ruins many of which have been undermined by the active river while others incline so strongly that the difference to the vertical is way beyond that of the leaning tower of Pisa.

Everywhere large open stone stairs (Ghats) lead down to the water in front of the continuing rows of buildings. On these stairs there is a lot of activity going on in the morning which at first seems surprising to a spectator and defies description. Here the pilgrims and the majority of the population of Benares congregate to bathe in the holy river and thus receive absolution for all their sins. Here, the religious life, thinking, feeling and striving of the Hindus are pulsating. Here the scrupulous observation of religious obligations is transformed into crass fanaticism, indolence into enthusiasm. Laymen and priests, men and women of all ages, boys, girls and children push in masses to the get into the water. There a poor old man with snow white hairs, freezing from the cold, submerges himself in the water. Here a group of Brahmin take an expurgating bath. A grandmother old as the hills led by her nephew approaches the river. There a group of bathing girls whose joy is not suffocated by belief. Fidgety crying children are doused with water or dunked into the muddy broth by their parents. Everywhere, however, modesty is preserved and even in the water the light linen cloth are never removed.

The morning was very cool — we were sitting in overcoats in our boat — but the severe cold id not in the least impede the faithful in taking their bath or to remain in the water for extended time. The bathers drank from the disgusting water which has the power to absolve the mortal human of his sins thanks to Shiva’s grace. They sacrifice flowers and rice and other agricultural products. The Brahmins are performing their holy rituals especially festively and glance at the sun, murmur their prayers and offer their sacrifices in strange ceremonies. Pilgrims take the holy water of the Ganges home in large copper containers. The water is also sent out in all parts of the country. In all of Benares one can see carriers of this holy liquidity in the streets.

Just above the bathing places on the Ghat are pillars on stone slabs on which Brahmins are sitting who paint caste signs with diversely colored sandalwood paste on the front and cheeks of the returning bathers. Barbers too had set up their business and were hard at work.

The most terrible spawn of religious paroxism, true caricatures of mankind, however, are the fakirs who are legion in Benares. They sit motionless on the Ghats or on planks swimming in  the river, mostly naked, smeared in mud or ashes. Their livelihood is provided by the charity of the believers.

Amidst all the bathing places are the burning locations where numerous Hindu bodies are daily transformed. It is said to be especially godly to be turned into ashes or even die at the shores of the Ganges and serves as a pledge of entry into heaven. For this reason many dying have themselves carried from far away places to the holy river by their relatives to exhale their last breath in view of the flowing river. If death doesn’t strike quickly, the caring relatives will probably assist the process to be able to return home soon. The bodies are handled without piety according to the custom of the land. They are first shaved and washed under the open sky and then put on a wood pile and quickly burned while the relatives quietly and without involvement watch. Finally the remains are thrown into the Ganges close to the places where humans are bathing and drinking the murky water oblivious to the human body parts Vultures, dogs and ravens fight eagerly for so many half-burnt bone.

For a long time, I watched this activity as if to assure me that these disgusting acts were truly happening and not a dream — then I turned myself away with revulsion even ill will from this grizzly spectacle that scoffed human dignity.

Out of the skyline of temples and palaces, the large mosque of Aurangzeb with its large round dome and two thin minarets that tower over the whole city stands out. The mighty conqueror had built the mosque on this especially holy location of the Hindus. On steep dirty stone stairs we went up to the forecourt where a muezzin received us with bows and humbly invited us to go up to the top of one of the minarets. From the first platform, the mosque’s ceiling swarms of parrots and pigeons took off  terrified from our unexpected appearance. The further ascent was difficult as one could only advance at a snail’s pace in the narrow space with incredibly steep steps. The grand view over the whole city an the holy river, however, compensates for the effort. The numerous domes of the temples are glittering in the sunshine. A sea of houses lies at our feet. Majestically the mighty river flowed past as if he disdained the maniac actions of these humans moved like puppets by a dark force.

A walk through the praying crowd led us past holy cows, donkeys, goats, sheep and dogs. All those animals stand around in the pushing crowd — truly a drastic background of an image confusing the senses! A large number of vultures and red kites is sitting on the roofs or between the pedestrians eating all garbage on the ground. Goats and sheep intrude into the temples and small temples and eat the sacrificed flowers and wreaths from the idols. We reached a spot where a very holy fakir was mumbling prayers without interruption, having sat there for many years and being supported by alms from believers. Fanatics who want to become dignified fakirs try to obtain the first grade of deadening their senses by holding their breath until they turn blue and green and nearly suffocate. Day after day this procedure is repeated and continued until a state of perfection is attained to reach the desired goal.

A cistern,  the holy Manikarnika fountain, 12 m square, with steps that lead down to the water — said to be built in the form of a mythical pond in the Himalayas — is a place of special veneration for the believers. For us it is horror. Here the believers were bathing before they submerged themselves in the Ganges — or more precisely they wallowed in the manure and drank from the foul slurry of decaying matter, old dirt and  ill-smelling water.

Over steep stairs along a narrow road we walked to the main Baleshwar temple dedicated to Shiva — called the „golden temple“. The incredible turned into reality: as in the streets and even more in the temples the action of the pilgrim became still crazier than at the riverside. The streets consist mostly of a never-ending row of temples with beautiful and original architecture, proof about a fine taste in art and beauty. Temples and images of the elephant god Ganesha, the monkey god Hanuman, Shiva, the holy bull Nandi, — the Indian Apis — the Lingam in all possible forms and sizes followed one another in a colorful sequence. All holy places were decorated with wreaths by the pilgrims, sprinkled with Ganges water or turned into places of sacrifice of butter and rice. In between merchants were offering with great clamor praying books or small images of the gods while unemployed Brahmins approach to offer their services as guides. The closer we get to the golden temple the denser the pushing and shoving.

Passing by a large symbol of a bull which was being watered eagerly with the Ganges water, we reached the „fountain of insight“ (Gyan Kup), into which during the conquest of Benares by Aurangzeb, according to legend, the guardian of the most noble Hindu temple had thrown  the image of Vishnu which had been placed under his protection.Today, this fountain only offers foul water of which every pilgrim will receive a spoonful from a Brahhmin in exchange for a suitable baksheesh.

The Golden Temple which we could see very well from a balcony in a building opposite it, is around 200 years old, made completely out of red sandstone and with gilded cone-shaped ceilings paid by Maharaja Ranjit Singh from Lahore. This ornament has given the temple its name of „golden“. Within and outside, the temple is a true pandemoniums of religious ecstasy that drives the lives of the pilgrim to the highest pitch. A complete crash of human rationality is demonstrated by the behavior of the believers. Even though admission to non-believers is strictly prohibited, we nevertheless entered as far as the threatening means of the pilgrims allowed, guided by a Brahmin supplied copiously with baksheesh. What I have seen is sufficient to give a true image of the interior of the largest an most holy temple of the Hindus, to see the night of madness that overcomes those. The main idol in rich majestic surroundings is an object of a creative force, a Lingam, around which dance a fanatical crowd of beggars, women and men which garland, sprinkle and anoint it without interruption.

In between bells were ringing which were rung by the believers walking among torn flowers, Ganges water and excrement of the holy cows. Arranged around the main idol is a formal museum of other images and idols each of which has its own believers who shout and make noises to perform their rites. Even though we were inside this holy place for only a few minutes I felt dizzy from the relentless impression of so unexpected views. Back in the open air I breathed deeply. The surrounding of the temple is filled with countless lamentable, disgusting, crippled, leprous beggars of both sexes which ask for charity.

Even more horrible, if this was possible, is the temple of Annapurna close by, the temple of the nourishing goddess. All around stand cows considered so holy by the believers that they eat a mixture of all products from the temple cows to be absolved of their sins. Truly a horrible creation of a feverish religious delusion! What a crying hurtful contradiction — here too beautiful architecture, the proof of a blooming human mind, enclosed by dirt, garbage, madness. In the middle of the temple, on some sort of pediment stands a bed, lovingly prepared even with mosquito nets which, according to Hindu beliefs, is used every night by Vishnu’s wife, the goddess Lakshmi, for rest.

I turned to the bazaar and watched some architecturally fascinating facades as well as apparently less intensively visited temples on the way. We were often stopped by the pushing crowd, a true hellish impression in the manner of Brueghel. Here comes a group of pilgrims wet from their bath, there a group of women with Shiva symbols asking god for numerous children, fakirs in their horrible attire and leprous beggars asking for charity. Shrews instructed children on the street in the mysteries of the Hindu religion. Brahmins receive baksheesh from the pilgrims. Noble rajas pass in festive processions, followed by groups of servants and musicians, to the Ganges. Human body upon body only covered with light cloth are carried past me — an interminable change of scenes and images which only the orient an offer in its rich and ugly imagination. Aversion even disgust rose in me and crushed me. Overwhelmed by these impressions and tired, I rushed home to rest.

Newly refreshed I visited the monkey temple in the afternoon. This temple is dedicated to the god Hanuman and offers shelter to countless monkeys which walk around funnily in the interior of the building on its pillars and pediments, fed by believers with sweets and fruits. Only a short time ago there were many thousands of holy monkeys. But their tricks became too much even for the religious Hindus as they caused destruction in all neighborhoods and spared no object from their thievery. This was solved by capturing over a thousand of monkeys, put them in a railway wagons of a special train and drove them off into the countryside and set them free in the jungle. Thus the believers got rid of their tormentor without sinning against the holiness. In the middle of the temple stands a golden figure of the god Hanuman which is visited by both monkeys and pilgrims and is not free from the common dirt.

Here two snake charmers were displaying their art with a number of cobras and pythons. This spectacle repeated itself after our return to the palace when a conjurer presented an interesting fight between a large snake and a small animal looking like a polecat, the so called mongoose. The latter remained victorious. He had very skilfully jumped  at the snake’s head and bit off the animal’s head, even though his opponent fought back hard and had embraced it closely. It deserves to be remarked that entertainers and conjurers play an important role in all of India and distinguish themselves favorably in comparison to their European colleagues in performing their stunts without any preparations.

The dancers performing in the palace after the dinner were quite bitterly disappointing. They lacked all beauty, their dances were very boring so that we became very sleepy soon.

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  • Location: Benares, India
  • ANNO – on 10.02.1893 in Austria’s newspapers.
  • The k.u.k. Hof-Burgtheater plays the comedy “Schach dem König“, while the k.u.k. Hof-Opermtheater offers Weber’s “Der Freischütz”.

Darjeeling — Benares, 9. Februar 1893

Um  halb 8 Uhr morgens wurden wir in Manihari Ghat an der Endstation der schmalspurigen Bahn geweckt, passierten auf einem Dampfer den Ganges und setzten von der Station Sakrigali Ghat die Fahrt mit der East Indian Railway auf der uns schon bekannten Strecke bis Moghal Sarai fort. Das Gebiet, welches wir durcheilten, ist, wenn auch an Üppigkeit den Delta-Landschaften nicht vergleichbar, doch sehr fruchtbar, stark besiedelt und intensiv kultiviert. Das Uferland des Ganges, den Alluvialbildungen angehörend, allenthalben Handelsgewächse, Brot- und Gartenfrüchte in reicher Fülle liefernd, trägt wie fast jede der »Kornkammern« unserer Erde, den Charakter der Eintönigkeit in sich. Das Einförmige der Gangesniederung, ihrer fruchtbaren Ebenen und grünenden Feldfluren wird nur durch zahlreiche Mangohaine und kleine Hügel unterbrochen, welche ihre Eigenart dadurch ausprägen, dass sie nur spärlich bewachsen und mit regellos übereinander gewürfelten Felsblöcken bedeckt sind.

Gegen 8 Uhr abends langten wir in Moghal Sarai an, setzten von hier aus auf der Linie der Oudh and Rohilkund Railway, eine beiläufig 1200 m lange eiserne Brücke passierend, über den Ganges und trafen nach 8 Uhr in der Station Benäres Cantonment ein. Wir wurden auf dem Bahnhof — in Abwesenheit des Commissioners — von Mr. Brereton, einem magistratischen Ratsherrn, empfangen und begaben uns, von einer Eskorte berittener Polizei geleitet, nach unserem Quartier. dem Palast Nandeschwar Kothi, einem Besitztum des Mahärädschas von Benares. Wie alle modernen indischen Paläste, ist auch dieser äußerst luftig gebaut, geschmacklos eingerichtet, so dass nur einige alte Bilder früherer Mahärädschas die Aufmerksamkeit fesseln. Wir setzten uns um ein Kaminfeuer, das uns wohltätig erwärmte; denn noch nie soll in Indien ein ähnlich strenger Winter geherrscht haben, was wohl mit der auch in Europa exzeptionellen Kälte von 1892/93 zusammenhängen dürfte. In einem Radscha-Doppelbett von ungeheuerlichen Dimensionen, umgeben von Radscha-Ahnen, die erstaunt auf mich herabblickten, schlief ich bald den Schlaf des Gerechten.

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  • Ort: Benares, India
  • ANNO – am 09.02.1893 in Österreichs Presse.Die Kaiserin Elisabeth besichtigt immer noch Barcelona und will auch das Kloster von Montserrat einen Besuch abstatten. Ihr Schiff sollte nach Marseille weiterfahren, was angesichts der Cholerafälle in der Stadt wohl fraglich ist. Ein schweres Erdbeben mit über 600 zerstörten Häusern erschüttertee Zakynthos, eine Insel, welche Franz Ferdinand von fern auf seiner Reise von Triest kommend beobachtet hatte.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt das Lustspiel “Der Präsident“, während das k.u.k. Hof-Opermtheater Wagners “Rheingold” aufführt.

Darjeeling to Benares, 9 February 1893

At half past 7 o’clock we were awakened in Manihari Ghat at the terminal of the narrow gauge railway, crossed the Ganges on a steamboat and continued our journey at Sakrigali Ghat station with the East Indian Railway on to Mughal Sarai, a familiar journey to us. The landscape we were rushing through can not be compared to the luxurious delta areas. It is nevertheless very fertile, densely populated and intensively cultivated. The shores of the Ganges, being part of alluvial sediments, copiously supplying trade plants, bread and garden fruits, carry with them, like all „bread baskets“ of the earth, a character of monotony. The monotony of the Ganges plain, its fertile plains and green fields is only broken up by numerous mango groves and small hills which are peculiarly only sparsely covered with vegetation but are filled with rocks one on top of the other without a rule.

Towards 8 o’clock in the evening we arrived in Mughal Sarai, continued our journey on the Oudh and Rohilkund Railway, passing casually over a 1200 m long iron bridge over the Ganges and arrived after 8 o’clock in station Benares Cantonment. We were received in the station — in absence of the Commissioner — by Mr. Brereton, a communal councilor, and went to our quarters, Nandeshwar Kothi palace owned by the Maharaja of Benares, escorted by mounted police. Like all modern Indian palaces, it is built very airy, decorated without taste  so that only a few old pictures of earlier Maharajas catch the attention. We sat around the open fire which comfortingly warmed us as India is said to never have experienced such a harsh winter which might be related to the exceptional cold in Europe of 1892/93. In a Raja double bed of enormous dimensions, surrounded by Raja ancestors looking down astonished at me, I soon entered into the sleep of the just.

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  • Location: Benares, India
  • ANNO – on 09.02.1893 in Austria’s newspapers. Empress Elisabeth is still sightseeing in Barcelona. A visit to the monastery of Montserrat is on the agenda. Her ship was to set out to Marseille, France. Given the current outbreak of cholera there, her route might change. There was a heavy earthquake on Zakynthos with over 600 houses destroyed, an island Franz Ferdinand passed by on his route from Trieste.
  • The k.u.k. Hof-Burgtheater plays a comedy “Der Präsident”, while the k.u.k. Hof-Opermtheater shows Richard Wagner’s “Rheingold”.

Darjeeling, 8. Februar 1893

Der Wunsch, den Anblick der herrlichen Berge heute morgens abermals zu genießen, war der Vater des Gedankens gewesen, dass die Nebel heute verschwunden sein müssten. Mitnichten! Sie waren noch immer da, obgleich in der Nacht Sterne sichtbar geworden waren und wir leider den letzten Morgen in Dardschiling zu verbringen hatten.

Da übrigens der Nebel nicht gar zu dicht war und an einzelnen Stellen sogar der blaue Himmel hervorlugte, beschlossen wir, auf den 2870 m hohen und etwa 10 km von hier entfernt liegenden Mount Sentschal oder Tiger Hill zu reiten. Von ihm aus soll man an klaren Tagen die schönste Aussicht auf den Himalaya, insbesondere den Mount Everest genießen. Es war empfindlich kalt und trotz warmer Kleider und Mäntel froren wir wie an einem europäischen Wintertage, aber gerade die niedrige Temperatur ließ uns hoffen, dass der Ritt nicht vergeblich sein und uns der ersehnte Ausblick auf die stolzen Bergeshäupter vergönnt sein werde.
Der Weg führt gleich vom Hotel aus in Serpentinen steil hinan bis zu einem englischen Sanatorium für fieberkranke Soldaten, die in mehreren kleinen Häusern untergebracht sind und hier von ihren Leiden Genesung suchen. Auch eine kleine englische Besatzung, wohl die höchstpostierte in der Welt, befindet sich hier.

Auf einem Bergvorsprung, der im wallenden Nebel einer Klippe in bewegter See glich, ragte phantastisch ein tibetanischer Buddha-Tempel empor, der in seiner Bauart lebhaft an chinesische Pagoden erinnert — ein architektonisches Zeugnis der Verbindung von Kunstformen verschiedener Völker an deren örtlichem Berührungspunkte.

Bis hieher hatten wir noch immer auf besseres Wetter gerechnet, da sich sogar die Sonne auf manche Augenblicke hatte sehen lassen. Doch vergebens! Der Nebel wurde immer dichter, man sah kaum mehr den Vordermann, und so mussten wir uns, das Fruchtlose unserer Bemühungen einsehend, in resignierter Stimmung endlich zur Rückkehr entschließen.
Der Kälte wegen saßen wir von unseren Ponies ab und liefen den Berg hinab bis zum Hotel. Dann statteten wir noch einen letzten Besuch im Bazar ab, wo Geldwechsler auf dem Boden hockten, Münzen aus Nepal, Sikkim und Bhutan feilhaltend, unter welchen wir Rupien, Peis  (1 Rupie = 16 Annas à 12 Peis) und Kauris (Cowries, 6400 Kauris = 1 Rupie) fanden. Die seit uralten Zeiten im Orient und besonders in Afrika als Münze geltende Kauri ist bekanntlich die Porzellanschnecke (Cypraea moneta). Rasierer walteten auf offener Straße oder in den Kaufläden behende ihres Amtes.

Besondere Erwähnung verdient ein eigentümlicher, fast bei allen tibetanischen Händlern vorhandener Artikel: Gebeträder aus Kupfer oder Silber. Diese bestehen aus einem Metallrohr, durch welches ein Eisenstab geht, an dessen oberem Ende eine drehbare zylindrische Büchse befestigt ist. Im Innern der Büchse ist ein langer, zusammengerollter, mit Gebetsprüchen bedruckter oder beschriebener Papierstreifen enthalten, welcher mittels einer in der Büchse befestigten Spule in Drehung versetzt wird. Schon das Drehen der Gebete wird dem andächtigen Hersagen derselben gleichgehalten und gilt bei den Buddhisten als Betätigung der Frömmigkeit; übrigens murmeln die allerfrömmsten Beter, während sie die Spule des Zylinders drehen, obendrein noch den Gebetspruch. Eine noch drastischere und bequemere Form des Gebetes besteht in dem hier üblichen Hissen langer über und über mit Gebeten beschriebener Tücher, welche auf hohen Bambusstangen in der Nähe der Tempel und der Häuser im Wind zu flattern bestimmt sind und auf diese Weise böse Geister von den Gebäuden verscheuchen und fernhalten sollen.

Wir hatten das Verkehrsleben Dardschilings gewiss bedeutend angeregt und jedenfalls die Hoffnung erweckt, dass es möglich sein werde, noch im letzten Augenblick irgend welche für die Verkäufer besonders vorteilhafte Geschäfte mit uns abzuschließen; denn als wir uns, zur Abreise gerüstet, bereits unter den Toren des Hotels befanden, überfielen uns daselbst unzählige Händler mit Stoffen, Waffen, Hunden, Fasanen, Fellen, Musikinstrumenten der mannigfaltigsten Art und allen möglichen Geräten religiöser und profaner Bestimmung. Zwischen den Handelsbeflissenen drängten sich Bettelmönche und Lamas aus Tibet und aus der Mongolei, um Almosen für ihre Tempel flehend.

»Lama« ist der Ehrentitel der Priester des Lamaismus, das ist des von Tsongkhapa im 14. Jahrhundert umgestalteten, bei den Tibetanern, Mongolen und Kalmücken verbreiteten Buddhismus. Die obersten Priester dieser Hierarchie sind der Bogdo Lama in Taschi-Lhunpo und der weit öfter genannte Dalai Lama, Ozeanpriester, — das ist der menschgewordene, immer wieder neugeborene Buddha — in dem seit vielen Jahrzehnten den Europäern verschlossenen und wohl voraussichtlich auch noch durch längere Zeit unzugänglichen Lhassa.
Endlich mussten wir dem geschäftigen Treiben rings um uns her, da die Zeit drängte, ein Ende bereiten und kämpften uns durch die festgekeilte Menschenmenge förmlich hindurch, um zu der Station zu gelangen.

War uns das Wetter während des kurzen Aufenthaltes nicht eben hold gewesen, so verließ ich Dardschiling doch lebhaft angeregt und seelisch erquickt. Ich war von der Empfindung erfüllt, inmitten der herrlichen Gebirge geistige Sammlung gefunden, sowie wohltuende Ruhe genossen zu haben und so der Menge auf Indiens Boden noch bevorstehender Eindrücke neu gestärkte Empfänglichkeit entgegenbringen zu können. Hatte ich ja das Juwel der Berge, den Kantschindschinga, wenn auch nur auf Momente, geschaut; die Alpenwelt der Tropen in ihrem hinreißenden Zauber genossen; einen Blick in das Zusammenfluten von Völkerstämmen mancherlei Rassen mit den hieraus entsprungenen eigentümlichen Mischungsformen auf allen Gebieten ihres Lebens getan und — last not least — nach der fieber- und bakterienschwangeren Atmosphäre von Calcutta, nach dem unleidlichen, wie es scheint ganz Indien überwölkenden Geruch von Kokosnussöl, Rosenwasser, Sandelholz und verbrannten Hindus wieder mein Element, herzerfrischende reine Alpenluft, geatmet.

Viele der alljährlich sich in großer Zahl einstellenden Besucher Dardschilings bekommen trotz eines Aufenthaltes von zwei oder drei Wochen, trotz der Besteigung so mancher Höhe den Kantschindschinga überhaupt nicht zu Gesicht, ja oft grollt der Bergriese monatelang, sein ehrwürdiges, greises Haupt jeglichem Blick entziehend. Ich darf also nicht klagen. Indem ich Dardschiling Lebewohl sagte, fühlte ich in meinem Innern den Vorsatz keimen, dereinst — wenn des Schicksals Mächte es gnädigst gestatten — wiederzukehren, um dieses Edens Reize in vollen Zügen, nach Herzenslust zu genießen.

Um 1 Uhr verließen wir Dardschiling. Zur Talfahrt benützten wir anfangs den Zug, hatten jedoch bald den guten Einfall, den Eisenbahn-Direktor zu bitten, uns die Fortsetzung der Fahrt auf einer Draisine zu gestatten, da wir uns so eines freieren, besseren Rundblickes erfreuen würden. Nach einigem Sträuben gegen dieses angeblich zu gefährliche Beginnen wurde die Bitte gewährt und bald sausten wir mit Eilzugsgeschwindigkeit auf einer zwölfsitzigen Draisine über Kurven und Serpentinen den Berg hinab. Je tiefer wir kamen, desto mehr zerteilten sich die Wolken, verschwand der Nebel und endlich umfing uns heiteres Wetter. Welches Entzücken beseelte uns auf der kühnen Fahrt! Nichts behinderte die Rundsicht auf das Meer von grünen Bergen, Kuppen, Rücken, Tälern und Schluchten, über das hinweg wir in den Lüften zu ziehen schienen, als schwämmen wir im Äther, umflossen von dem goldigen Hauch der sinkenden Sonne, zum Abschied gegrüßt von deren letzten, herrlichsten Strahlen.

Als es zu dunkeln begann, wollte der um unsere geraden Glieder besorgte Direktor unter keiner Bedingung die Weiterfahrt gestatten; so mussten wir denn den nachkommenden Zug abwarten, der uns nach Siliguri brachte. Bei Nacht ist der Verkehr der Züge auf der Bergbahn in der Regel eingestellt, weshalb auch für Beleuchtung der Strecke nicht weiter gesorgt ist. Für unsere Fahrt jedoch ward auf der Lokomotive ein weithin leuchtendes, helles Licht befestigt, in dessen Schein die Bäume des Urwaldes, die Lianen, die Bambus wie Gespenster an uns vorüberflogen.

Endlich trafen wir in Siliguri ein, um die Fahrt von hier aus mit der Eastern Bengal Railway auf der schmalspurigen Strecke bis nach Manihari Ghat fortzusetzen.

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  • Ort: Manihari, Indien
  • ANNO – am 08.02.1893 in Österreichs Presse. Die Regierungpläne sind immer noch Thema der Diskussion. In Frankreich geht die Krise weiter, doch denken einige bereits an Neuwahlen angesichts der etwas abgekühlten Stimmung.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt Shakespeares “Ein Wintermärchen”, während das k.u.k. Hof-Opermtheater wieder einmal “Die Rantzau” aufführt.

Darjeeling, 8 February 1893

The desire to see the gorgeous mountains again must have been the inspiration for my thought that the fog must have been gone today. Not at all! The fog was still there even though the stars were visible at night and we were spending our last morning in Darjeeling.

As the fog, by the way, was not too dense and one could see the blue sky peak through in some places, we decided to ride to the 2870 m high and about 10 km distant Mount Sentschal or Tiger Hill. From there one should have a splendid view on clear days of the Himalayas, especially on Mount Everest. It was bitterly cold and despite warm clothes and coats we were freezing like on a European winter day but the low temperature especially made us hope that the ride would not be in vain and the desired view upon the proud mountain peaks granted.

The path led from the hotel to the serpentines steeply upwards to the English sanatorium for fever-stricken soldiers who lived in a number of small houses and seek recovery from their ailments. A small English garrison too, probably the highest placed in the world, is stationed here.

On a mountain ledge that in the surging fog resembled a cliff in the moving sea stoo a fantastic temple of Buddha whose construction style is similar to the Chinese pagodas, an architectural sign of the combination of art forms from different peoples and their local points of contact.

Up to here we had expected the weather to clear up as even the sun had made an appearance from time to time. But in vain!  The fog became ever more dense, one could barely see the man in front and so we had to decide to turn back and acknowledge the lack of success of our exertions.

Due to the cold we dismounted from our ponies and ran down to our hotel. Then we visited the bazaar a final time where money changers sat on the ground offering coins from Nepal, Sikkim and Bhutan among which we found rupees, peis (1 rupee = 16 Annas à 12 Peis) and Cowries ( 6400 Cowries = 1 rupee). The well known Cowries are sea snails that have served as coins since ancient times in the orient and especially in Africa (Cypraea moneta). Barbers followed their trade in the open road and merchants sold their goods in their stores.

A special mention merits a strange article available at every Tibetan merchant’s: Praying wheels made out of copper and silver. These consist out of a metal tube through which is inserted an iron bar on whose upper end is mounted a cylindrical box that can be turned. Inside this box is a long folded paper scroll with writings which is turned by the reel within the box.Even the turning of the prayers with the solemn pronunciation of them is considered by Buddhists as a confirmation of piety; the most pious prayers, by the way, also mumble the prayer while they turn the reel of the cylinder. A more drastic and easier form of prayer is the flying of long cloths inscribed with prayers which are fluttering in the wind on high bamboo poles near the temples and the houses and thus send away an protect the buildings from evil spirits.

We clearly have increased Darjeeling’s commercial life and have created the hope in many that it would be possible to make a large transaction especially favorable to the vendor at the last minute. As we were standing, fully packed, outside the gates of the hotel, we were ambushed by countless merchants with cloths, weapons, dogs, pheasants, hides, musical instruments of the most diverse kind and all kind of instruments both religious and secular. Among the devotees to trade stood beggar monks and lamas from Tibet and Mongolia who asked for alms for their temples.

„Lama“ is a honorific title of the priest of Lamaism that is a Buddhism transformed by  Tsongkhapa in the 14th century and popular among Tibetans, Mongols and Kalmyks. The highest priests  in this hierarchy are the Bogdo Lama in Tashi-Lhunpo and the more often named Dalai Lama, Ocean priest — that is the time and again reborn Buddha in human form — in Lhasa closed off to Europeans for the last decades and probably inaccessible for quite some years to come. Finally we had to end the commercial activities around us as time was pressing and fought our way through the standing crowd to reach the station.

Even though the weather had not been kind to us during our short stay here in Darjeeling, I still left Darjeeling very inspired and mentally refreshed. I felt that I could concentrate my mind in this gorgeous mountains an find a benevolent quietness which would make me more receptive for the amount of coming impressions on Indian soil. I had seen the jewel of the mountains, Kangchenjunga, even though for only a few moments. I had enjoyed the Alpine world in the tropical climate in its enchanting marvels, had been given a view on the confluence of peoples of so many races with all the resulting strange mixtures in all human endeavors of life and finally — last not least — breathed in my element, pure heart refreshing Alpine air after the fever and bacteria soaked atmosphere in Calcutta and the interminable smell of coconut oil, rose water, sandalwood and burnt Hindus.

Many of the large number of visitors to Darjeeling every year, despite a stay of two to three weeks, despite  the ascent of so many heights will not catch a glimpse of Kangchenjunga as the mountain giant keeps grumbling for months and refuses to show his honorable old head. I am thus not allowed to complain. As I was saying good-bye to Darjeeling, I felt a resolution growing in my breast to return one day to fully enjoy the attractions of this paradise to my heart’s content — if the powers of fate will mercifully permit it.

At 1 o’clock we departed Darjeeling. For the descent we first used the train but then had the good idea to ask the director for a handcar which offered a better open view. After some resistance against this too dangerous idea, our request was granted and soon we drove down the mountain at top speed in a handcar with twelve seats over curves and serpentines. The lower we came the more the clouds parted, the fog lifted and finally we were welcomed by good weather. What joy overcame us on this audacious drive! Nothing inhibited the full view upon the sea of green mountains, peaks, valleys and gorges over which we seemed to pass in the air as if we were swimming in ether, flooded by the golden breeze of the sinking sun, saying good-bye with its wonderful last rays.

When it started to get dark, the director who cared very much about our bones would not allow us to continue the drive under any circumstances; so we had to wait for the train back that took us to Siliguri. At night, train service is usually suspended on the mountain track. That is why there is no lighting of the tracks. For our trip, the locomotive was equipped with a powerful clear light  in whose shine the trees of the jungle, the lianas, the bamboo flew past like ghosts.

Finally we arrived in Siliguri to continue with the Eastern Bengal Railway on the small gauge track up to Manihari Ghat.

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  • Location: Manihari, India
  • ANNO – on 08.02.1893 in Austria’s newspapers. The government’s annual plans are still being discussed in the press. Paris still hot in turmoil even though some parties think that the relative cool down would be suitable to call for elections.
  • The k.u.k. Hof-Burgtheater plays Shakespeare’s “Ein Wintermärchen”, while the k.u.k. Hof-Opermtheater repeats once more “Die Rantzau”.