Fountain Geyser Hotel, 22. Sept. 1893

Der heutige Tag ließ sich bitterkalt, wenngleich schön und wolkenlos, an. Auf beinhart gefrorenem Boden entrollte unsere Coach dem Hotel und bog an den Springs vorbei in die Schlucht des Gardiner Rivers, wo die Straße so steil ansteigt, dass unsere vier guten Pferde nur mühsam Schritt für Schritt vorwärts kamen. Trotz Pelz, Decke und des Lebenserweckers Cognac froren wir während der ersten Stunden der 68 km langen Fahrt recht empfindlich.

Nach einiger Zeit erreicht man das Ende der Schlucht, eine Art Pass, welcher nach einem gelben, an den Felsen wachsenden Moos Golden Gate genannt wird und in dem sich der Weg längs einer Felswand über eine hölzerne Brücke hinzieht.

Das Golden Gate findet sich in allen Reisehandbüchern bildlich dargestellt, und unzählige Photographien desselben werden verkauft; doch gibt es in unseren Gebirgen Hunderte viel schönerer Schluchten und Pässe, deren niemand erwähnt. Mir fiel es schon hier auf, dass in Amerika der Humbug auch auf Naturschönheiten ausgedehnt wird und manche ganz unbedeutende Erscheinungen und Punkte dem Reisenden als bewunderungswürdig aufgedrängt werden. Ich bin gewiss ein großer Freund der Natur und ihrer Reize, genieße den begründeten Ruf eines Naturschwärmers, kann tagelang in einer schönen Gegend oder im Walde verweilen und dennoch in jedem Baum, jedem Berg, kurz in allem neue Anziehungspunkte finden; wenn mir aber Reisehandbücher, Fremdenführer, Reisemarschälle und Kutscher gewissermaßen anbefehlen, etwas “schön” zu finden, so verfliegt meine Bewunderung. ich beginne, nüchternen Auges zu prüfen und Vergleiche mit der Heimat anzustellen, die meistens zugunsten der letzteren ausfallen.

Leider ist die ganze Schlucht mit toten Bäumen, den Zeugen früherer Waldbrände, besäet, und die Regierung könnte wenigstens hier im Nationalpark neben der Straße Aufforstungen vornehmen lassen. Der Gardiner stürzt als kleiner Wasserfall vom Kamm des Passes, über den wir auf ein ebenes, prairieartiges Hochplateau kamen; in dessen Mitte liegt der Swan Lake, der trotz dieses hochtrabenden Namens eigentlich nur eine kleine Pfütze ist. Hinter uns ragte der 3400 m hohe Electric Peak, der höchste Berg des Yellowstone-Parkes. auf, zu unserer Rechten erhoben sich die Schneegipfel des Quadrant Mount, des Bannock Peak und des Mount Holmes, dreier mächtiger, steiler Berge, welche sämtlich über 3000 m hoch sind.

Nach der monotonen Prairie des Hochplateaus nahm uns lebender Wald auf, der sich zwar an Schönheit mit den Forsten unserer Breiten nicht vergleichen lässt, aber doch nur eine geringe Anzahl verbrannter oder vom Schneedruck geknickter Bäume enthält. Kiefern und Tannen bilden beinahe ausschließlich den Bestand, nur hin und wieder lugen einige zwergartige Zitterpappeln oder Weiden aus dem dunklen Grün des Nadelholzes hervor. Da es heute eine prächtige Neue gab, unterhielten wir uns damit, die zahlreichen, den Weg kreuzenden Fährten anzusprechen und entdeckten viele, durch bedeutende Größe ausgezeichnete Elk-(Wapiti-)Fährten, ferner solche von Wölfen, Füchsen und Hasen. Eichhörnchen dreierlei Arten, darunter ein ganz kleines, gestreiftes, niedliches Tier, huschten pfeilschnell umher oder sonnten sich auf den gestürzten Bäumen, um beim Herannahen des Wagens rasch wie der Blitz im Geäst oder Wurzelwerk zu verschwinden.

Der Wildreichtum des Parkes ist dank dem geltenden, strengen Jagdverbot ganz ansehnlich; die letzten Vertreter der einst unzählbaren, wilden Büffelherden, sinnloser Vernichtungswut roher Farmer und Cowboys entrückt, fristen hier ihr Dasein; neben ihnen gibt es Wapitis, Moose (das eigentliche Elch), Big-horns, Bergschafe, kleinere Hirschgattungen, sechs Varietäten von Bären (Grizzly, Cinnamon, Black, Silvertipped, Smutfaced und Silk Bears). einen Bergpanther (Mountain Lion), Wölfe, Füchse, Coyotes, Biber, — anderwärts dem Aussterben nahe, wenn nicht der Verfolgung Einhalt gethan wird — Ottern, Marder, Moschusratten, Hermeline, Hasen, Kaninchen, Dachse, Iltisse und sogar eine Art von Stachelschweinen. Von Flugwild findet man Grouse, Adler und andere Raubvögel, Eulen, viele Gänse und Enten, Pelikane und angeblich Schwäne; dann Kraniche, Krähen, Raben, eine Art blauer Heher und häufig Tannenheher, die in Stimme, Flug und Gebaren den unseren ähnlich sind.

Trotz der überall angebrachten Tafeln, welche ein “No Shooting” sprechen, und obschon die Militärabteilung auch die Ausübung der Jagd zu verhindern hat, wird doch viel gewildert. So hörte ich, dass vor kurzem von einer Bande bei 500 Stück Wapitis erlegt und über die Grenze geschafft wurden, und ob nicht die Captains, welche mit ihrer Mannschaft in den langen, einsamen Wintermonaten, während welcher der Park gesperrt ist, dessen einzige Bewohner sind, manchmal zur Büchse greifen, möchte ich dahingestellt sein lassen.

Drei Kilometer vom Swan Lake kreuzt man den Indian Creek und den Willow Creek, die hier in den Gardiner münden, und steht bald darauf dem Obsidianfelsen gegenüber, den ich mir wesentlich anders vorgestellt hatte; der erkaltete Strom vulkanischen Glases ist allerdings am Felsen und auf den vielen umherliegenden Bruchstücken zu bemerken, doch sind der Lichteffekt und die Spiegelung keineswegs so außerordentlich, wie sie geschildert werden. Das Interessanteste ist jedenfalls, dass der als guter Orientierungspunkt dienende Felsen den Indianern, denen er als heilig galt, in seiner harten Masse einst vortreffliches Material für Pfeilspitzen geliefert hat. Als die Straße hier durchgelegt wurde, wollte man das schöne Gestein nicht durch Pulver- oder Dynamitsprengungen verwüsten, sondern erhitzte es stark, um dann rasch kaltes Wasser darüber zu gießen — ein Verfahren, infolge dessen sich der Fels von selbst spaltete.

Zu unserer Rechten lag der Beaver Lake, ein kleiner, hübscher Waldsee mit blauem Spiegel und Biberbauen; hier, wie auf allen Wasseransammlungen gibt es eine Menge Enten, die gar nicht scheu sind und ganz vertraut in nächster Nähe unseres dahinrollenden Wagens umherschwammen. An einem kleinen, in der Nähe des Beaver Lake gelegenen See erwartete uns eine große Überraschung; denn als wir ahnungslos das Ufer entlang fuhren, sahen wir plötzlich auf einer Wiese am Rande des Wassers eine braune Masse sich bewegen, in der wir endlich, auf 150 Gänge herangekommen, zu unserer größten Freude einen mächtigen Biber erkannten; einen solchen am hellichten Tage lustwandeln zu sehen, ist wohl eine besondere Seltenheit, was auch unser Kutscher, der diese Strecke einen geraumen Teil des Jahres hindurch befährt, bestätigte.

Wir ließen den Wagen gleich halten und beobachteten das Tier, welches sich keineswegs stören ließ; selbst als wir schrien und pfiffen, wechselte es langsam wackelnden Ganges fort, nur manchmal sich verhaltend und nach uns zurückäugend. Wie sehr bedauerte ich das leidige »No Shooting«, das mir einen Schuss auf dieses rare Tier verwehrte — was für eine kostbare Jagdtrophäe hätte doch dieser anscheinend sehr alte Herr abgegeben! Er war so nahe, dass ich seinen schönen, dichten Pelz mit den langen, silbergrau angehauchten Spitzen, den keilförmigen, starken Schwanz und die plumpen Läufe genau wahrnehmen konnte. Dieses Intermezzo hob unsere etwas “eingefrorene” Stimmung umsomehr, als auch die Sonnenwärme allmählich fühlbarer zu werden begann

Es befremdete mich sehr, dass der Kutscher von Zeit zu Zeit anhielt und die dampfenden Pferde ihres erhitzten Zustandes ungeachtet mit Schneewasser tränkte, was ich bei meinen Pferden nicht wagen würde; als wir ihn deshalb interpellierten, meinte er, dies sei von der Gesellschaft so angeordnet, und er müsse an dieser Stelle während des ganzen Jahres tränken. Im Sommer mag dies allerdings angehen, doch finde ich die blinde Befolgung solcher Vorschrift bei dieser Jahreszeit und den obwaltenden Umständen sehr kühn oder sehr töricht.

Abermals folgten zwei kleine Seen, die Twin Lakes, wonach es auf einem manchmal recht schlechten Wege durch ein waldiges Tal gieng, bis wir die Lunchstation, das Norris-Hotel, erreicht hatten, welches bereits zweimal abgebrannt ist, so dass jetzt an dessen Platz nur ein großes Zelt steht; in diesem suchen zahllose Fliegen. die Gäste quälend, vor der herannahenden Winterkälte Schutz und wird den Reisenden schlechtes, kaltes Frühstück vorgesetzt. Der Wirt spielt sich auf den Witzbold und Hanswurst hinaus, hat aber auch Anfälle besonders zutunlicher Art, in welchen er den Gästen die Hand reicht und sie wie alte Freunde und Bekannte begrüßt; so rief er Wurmbrand zu: “Oh, wie geht es Ihnen, lieber Herzog!” und tat ähnlicher Kindereien mehr.

Gleichzeitig mit uns trafen aus der entgegengesetzten Richtung mehrere Gesellschaften ein, deren Damen zumeist nichts weniger als jung waren. Während der Fahrt waren uns ziemlich viele Reiter mit Bagagepferden und kleine Familienwagen begegnet, meist ärmere Leute, welche den Yellowstone-Park im Lauf der warmen Jahreszeit campierend durchzogen hatten und jetzt vor der einbrechenden Kälte reißaus nahmen. Ein Wagen mit einer sehr korpulenten Familienmutter und einer ganzen Schar hoffnungsvoller Sprösslinge jeglichen Alters, die auf Betten und Küchengerätschaften saßen, nahm sich ganz wie ein Zigeunerwagen aus.

Die bewaffnete Macht wurde durch eine Patrouille vertreten, die uns singend, aber vor Kälte klappernd und mit theatralischen Sombreros sowie mit Stulphandschuhen angetan, entgegengeritten kam. Sobald wir Hunger und Durst mit kaltem Fleisch und mit einer Flasche des so berühmten amerikanischen Zinfandel-Weines gestillt hatten, eilten wir zu Fuß zur Besichtigung der naheliegenden Sprudel und heißen Quellen; hier sah ich zum ersten Mal einen tätigen Geyser, den sogenannten Constant Geyser oder Minute Man, der zwar unter seinen Brüdern einer der kleinsten ist, aber als erstgelegener unsere Aufmerksamkeit fesselte. Inmitten einer großen Kalksinter-Terrasse steigt derselbe mit besonderer Emsigkeit alle vier Minuten 6 m hoch und schleudert hiebei seine kristallklare Wassersäule unter bedeutender Dampfentwickelung wie ein starker Springbrunnen empor, die ganze Umgebung mit heißem Wasser übersprudelnd.

Ganz nahe hievon ist der Black Growler, ein nicht mehr tätiger Geyser, der aber unter heftigem, unterirdischem Getöse eine Dampfsäule ausstößt. Wenige Schritte von der Straße liegt in einer Höhlung der Mud Geyser, eine anscheinend ruhige Quelle mit glattem Spiegel; im Verlauf von je 20 Minuten zeigen sich jedoch Bläschen auf der Oberfläche, und plötzlich steigt das Wasser mit starkem Rauschen 2 m hoch empor, einen Kegel bildend, wie solche bei manchen künstlichen Wasserwerken zu sehen sind; acht Minuten dauert diese merkwürdige Naturerscheinung an, dann fällt die ganze heiße Wassermasse ebenso rasch, wie sie erschienen ist, wieder in sich zusammen und die Quelle liegt klar und ruhig vor uns, wie vordem.

Weiterschreitend, kamen wir zum Emerald Pool, einem erloschenen Geyser, dessen Wasser im Krater eine so schöne grüne und blaue Farbe hat, wie ich solche noch bei keiner anderen Quelle gesehen habe; in der unergründlichen Tiefe ist die Strahlenbrechung des Lichtes einzig in ihrer Art.

Der in einer kleinen Nebenschlucht liegende Monarch Geyser ist ziemlich jung und in seinen Eruptionszeiten höchst unzuverlässig, da er in längeren, ungleichen Intervallen seine allerdings 30 m hohe Wassersäule steigen lässt; dieser Geyser wurde ebenso, wie mancher andere im Park, durch Hineinwerfen von Seife verdorben. Letztere hat nämlich die merkwürdige Wirkung, eine plötzliche Eruption hervor zurufen; doch hat die übermäßige Anwendung dieses chemisch Gewaltmittels einzelne Geyser überreizt, so dass manche ganz ausblieben oder unregelmäßig und nur mehr auf geringere Höhe sprangen. Das jetzt zu Kraft bestehende Verbot dieses Unfuges ist zu spät erflossen, da viele Geyser durch das “Seifen” bereits außer Tätigkeit gesetzt worden sind.

Außer den genannten besitzt das Norris Geyser Bassin noch eine große Zahl kleinerer Geyser und heißer Quellen, die für sich allein betrachtet, alle höchst interessant wären, jedoch in der Gemeinschaft mit großartigeren Erscheinungen, die zu Vergleichen veranlassen, an Bedeutung verlieren.

Am Tage vor meiner Ankunft hatte ein Norddeutscher, welch sich vor einer Schar Damen als “verfluchter Kerl” produzieren wollte, die unüberlegte Idee, sich über dem Constant Geyser mit gespreizten Beinen aufzustellen; als die Eruption erfolgte, wurde er ganz verbrüht und schwebt jetzt, als das Opfer seines kindischen Bravourstückes zwischen Leben und Tod.

Im Verlauf der Weiterfahrt kamen wir an den Elk-Park, eine große, waldumschlossene Wiese, welche der Gibbon River mit ruhigem Lauf durchströmt; an den Ufern desselben sahen wir mehrere der schönen amerikanischen Gänse mit dunkelblauen, beinahe schwarzen Köpfen und Hälsen sowie mit weißen Bandstreifen. Sie zeigten sich, entgegen den Gewohnheiten ihrer europäischen Verwandten, sehr vertraut und ließen uns nahe herankommen. Außer diesen erblickten auf dem ganzen Wege nur wenige Vertreter der gefiederten Welt; hin und wieder eine Weihe oder einen Bussard, ziemlich häufig kleine Falken mit graublauem Leib und roten Flügeln, einige Heher, Drosseln, Grouse, Finken und Meisen. Unter der sehr spärlichen Flora fiel mir nur ein Enzian mit langstieligen, violetten Blüten auf.

Unsere Stage Coach rollte in einem waldigen Tal vorwärts den Gibbon River entlang, dem Weg folgend, welcher sich durch den dunklen, von scharf gezeichneten Felspartien unterbrochenen Fost schlängelt; endlich verengte sich das Tal schluchtartig, der Weg st bis zu einem Punkt steil an, von dem aus wir tief unter uns malerischen Gibbon Falls erblickten. Der Fluss stürzt daselbst über einen 25 m hohen Felsen und vereinigt sich im Tal des Firehole River mit diesem zum Madison River. An einer Biegung des Waldes überblickten wir unermessliche Waldstrecken, welche in weiter Ferne von den drei weißen, 4270 m hohen, außerhalb des Parkes liegenden Sentinels der Teton Mountains überragt werden; diese Berge bilden die Grenze zwischen Wyoming, dem Gleichheitsstaat, in dem Männer und Frauen die gleichen politischen Rechte genießen, und Idaho.

Steil bergab fahrend, kommen wir in das Tal des Firehole Rivers, passieren eine Station sowie ein Zeltlager der den Polizeidienst versehenden Kavallerie-Escadron und sind nach achtstündiger Wagenfahrt um 5 Uhr abends in dem von einem Kranz dampfender Quellen und Geyser umgebenen Fountain Geyser Hotel.

Hier waren wir im eigentlichen Zentrum der vulkanischen Oberflächenerscheinungen angelangt und benützten rasch den erübrigenden Rest des Tages, um den größten der hierorts gelegenen Geyser, den nur wenige Minuten vom Hotel entfernten, alle zwei bis drei Stunden springenden Fountain Geyser zu besuchen, wo wir zahlreiche Reisende fanden, die ebenfalls den Moment der Eruption erwarteten. Zu meinem größten Erstaunen sah ich bei einem der kleineren, beinahe kontinuierlich in Tätigkeit befindlichen Nebengeyser eine Bekassine am Rand des Kraters in dem heißen Wasser umhertrippeln und stechen.

Ein allgemeines Ah! der Wartenden rief mich an den Rand des großen Geysers, in dem sich alsbald unter starkem Brodeln und Zischen eine mächtige, 10 m breite Wassersäule zu einer Höhe von 45 m erhob; die Strahlen der untergehenden Sonne brachen und spiegelten sich in der massigen Wassergarbe und boten einen herrlichen Farbeneffekt, den ein anwesender lebhafter Franzose nicht mit Unrecht jenem einer Fontaine lumineuse gleichstellte.

Kaum war das Spiel des Fountain Geysers beendet und Ruhe in dem aufgeregten Wasser eingetreten, so harrte unser schon ein neues Schauspiel, die Mammoth Paint Pots, große Schlammquellen, welche in fortwährender Bewegung sind; schneeweißer, zäher, heißer Schlamm, frisch gelöschtem Kalk ähnelnd, wird hier an zahlreichen Stellen in Form von hemisphärischen Massen, Kegeln, Ringen oder auch als Strahl emporgeschleudert und fällt klatschend wieder zurück.

Der lebhafte Franzose und ich konnten uns nicht enthalten, mit unseren Stöcken in die Masse zu stechen und Stückchen vom erkalteten Rand hineinzuwerfen, doch zeigte sich alsogleich das wachende Auge des Gesetzes in Gestalt eines Soldaten, der uns diesen Übergriff gegen die »Rules and Regulations« verwies. Diese Ordnungswächter, deren stets einer in der Nähe der hervorragendsten Punkte anzutreffen ist, sind von peinlichster Genauigkeit und wachen strenge darüber, dass kein Steinchen des Nationaleigentumes abhanden komme.

Zum Hotel zurückgekehrt, weideten wir uns länger an de prächtigen Bild, das der helle Schein des aufgehenden Mondes in die Rauchsäulen der Geyser wob, als an dem Diner, welches genau so schlecht war, wie wir es bisher in Amerika noch überall gefund hatten; nur waren in angenehmer Weise die unhöflichen Kellner dur eine Schar hübscher Mädchen ersetzt, die von einer sehr alten und sehr mageren “Chefin” mit Argusaugen bewacht wurden.

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Fountain Geyser Hotel, 22 September 1893

The day started bitter cold even if beautiful and cloudless. On the stiffly frozen ground our coach departed from the hotel and turned past the springs into the gorge of the Gardiner River where the road rose so steeply that our four good horses could only advance with great effort. Despite furs, blankets and the life-preserving cognac we were freezing quite hard during the first hours of the 68 km long drive.

After some time the end of the gorge is reached at some kind of pass that has been named Golden Gate after the yellow moss growing on the rocks. The route continues alongside a rock wall over a wooden bridge.

The Golden Gate is found as an illustration in all travel guide books. Countless photographs of it are sold. But there are hundreds of much more beautiful gorges and passes in our mountains that nobody mentions. I noticed here too that in America, the humbug is extended to natural wonders too and many very unimportant feature and point is pressed upon the visitor as an admirable sight. I am certainly a great friend of nature and its charms and am rightfully said to be an enthusiast for nature and can while away for days in a beautiful area or forest and still find new features in every tree, every mountain, in short in everything. If, however, guide books, guides and travel organizers and coachmen in a way command me to find something “beautiful”, my admiration vanishes and I start to examine with a critical eye and make comparisons with those at home which most of the times favor the latter.

Unfortunately the whole gorge is littered with dead trees, witnesses of earlier forest fires, and the government could at least here in the national park undertake reforestations next to the road. The Gardiner river crashed down as a small waterfall from the ledge of the pass from which we came over a plain prairie-like plateau. In its midst lies Swan Lake that is actually only a puddle despite of its presumptuous name. Behind us rose the Electric Peak at 3400 m the highest mountain in the Yellowstone Park. To our right loomed the snowy peaks of Quadrant Mount, Bannock Peak and Mount Holmes, three mighty steep mountains that were all above  3000 m high.

After the monotonous prairie of the high plateau we were welcomed by a living forest which however was not comparable in beauty to the forests in our latitudes but still had only a few spots of burned trees or trees knocked down by the snow pressure. Spruces and fir trees made up its stock almost exclusively. Only now and then a few dwarfish trembling poplars or willows were casting out a glance out of the dark green of the conifers. As there had fallen today a splendid new snow, we entertained ourselves by discovering and following the numerous tracks crossing the road. Among these were excellent elk (wapiti) tracks of considerable size as well as those of wolfs, foxes and hares. Squirrels of three different species among which one very small striped cute animal were scurrying around as swift as an arrow and were sunning themselves on the fallen trees only to disappear lightning fast among the branches or roots when the wagon came too close.

The richness in game of the park is quite respectable thanks to the severe hunting prohibition. The last specimen of the once innumerable wild buffalo herds spared the senseless destructive urges of the rude farmers and cowboys are living here. Besides them are wapitis, moose, big-horns, mountain sheep, smaller deer species, six bear varieties (grizzly, cinnamon, black, silvertipped, smutfaced and silk bears), one mountain lion, wolves, foxes, coyotes, beavers, — elsewhere close to extinction if their hunt is not stopped — Otters, martens, muskrats, ermines, hares, rabbits, badgers, iltisses and even some species of porcupine. Among the birds one finds grouse, eagle and other predators, owls, many geese and ducks, pelicans and allegedly swans. Then cranes, crows, ravens, a species of blue nutcracker and frequently spotted nutcrackers that are very similar to ours in voice, flight and behavior.

Despite the tables affixed everywhere displaying “No Shooting” and even though the army battalion is also tasked with prohibiting any hunting, there is much poaching going on. Thus I have heard that a gang has killed 500 wapitis and transported them across the border. And I would have to leave the question open whether there were not some captains who would take up the rifle from time to time with their soldiers during the long lonesome winter months while the park was closed.

Three kilometers from Swan Lake one crosses Indian Creek and Willow Creek that flow here into Gardiner river and then stands face to face to the obsidian rock which I had imagined to look quite different. The cooled stream of volcanic glass can be indeed noticed on the rock and on the many broken  pieces lying around but the light effects and reflections are in no way as extraordinary as they are described. The most interesting is the fact that the rock served as a good orientation marker for the Indians who considered it holy. In its hard mass it once had provided excellent material for arrow heads. When the road had been laid out here, one did not want to destroy the beautiful rock by powder or dynamite explosions but heated it up and then quickly poured cold water over it — a method which made the rock crack on its own.

To our right was Beaver Lake, a small pretty forest lake with a blue surface and beaver lodges. Here as in all places with much water were many ducks that were not at all timid and swam around with great familiarity close to our rolling wagon. At a lake close to Beaver Lake we were greatly surprised. When we were unsuspectingly driving alongside the lake we suddenly saw a brown mass move in a meadow at the edge of the water. Approaching to finally only 150 paces we recognized to our great pleasure a mighty beaver. To see such an animal walking around freely during clear day is certainly a considerable rarity which was confirmed also by our coachman who is driving this route for a good part of the year.

We had the wagon immediately stopped and observed the animal that did not let itself be interrupted. Even when we shouted and whistled, it continued in its slow wobbling walk only now and then stopping and glancing back. How much did I regret the vexed “No Shooting” that prevented me from firing a shot at this rare animal — what a valuable hunting trophy this apparently very old gentleman would have made! It had been so close that I could very clearly distinguish its beautiful dense fur with the long silver grey tinted ends, the cone-shaped strong tail and the plump legs. This break lifted our somewhat “frozen” spirits all the more as the warmth of the sun became more noticeable.

It astonished me greatly that the coachman stopped the coach from time to time and made the steaming horses drink snow water despite their hot condition, something I would not have dared to do with my own horses. When we asked him, he said that the company had ordered that he had to water the horses always in the same places during the year. In the summer this may be reasonable but I find the blind following of such an order in this season and the current circumstances to be very audacious or very stupid.

Again there followed two small lakes called Twin Lakes, then it went through a wooded valley on a sometimes quite bad road until we reached the lunch station, the Norris Hotel. It had burned down already twice and thus there was just a great tent erected in its place. In it were innumerable flies that had sought shelter from the coming winter cold and tortured the guests who are offered a bad cold breakfast. The landlord acts as a joker and tomfool but also has moments of an felicitous kind when he shook the hand of his guests and greeted them like friends and old acquaintances. Thus he called Wurmbrand “Oh, how do you do, my dear Duke!” and other similar childish acts.

At the same time as we arrived from the opposite direction various groups one of which was composed of ladies that were the opposite of young. During the drive we encountered quite many riders with baggage horses and small family wagons, mostly poorer people that had travelled across the Yellowstone park in the warmer season and had camped there and where now fleeing quickly from the coming cold. One wagon with a very corpulent mother and a flock of hopeful children of various ages who were sitting on beds and cooking apparatus looked like a gypsy wagon.

The armed forces were represented by a patrol that came toward us singing but chittering in the cold. They were dressed in theatrical sombreros and cuffed gloves. As soon as we had satisfied our hunger and thirst with cold meat and a bottle of the famous American Zinfandel wine, we rushed on foot to visit the sources and hot springs nearby. Here I saw for the first time an active geyser, the so called Constant Geyser or Minute Man, that was one of the smallest among his brethren but that attracted our attention as it was the closest. In the midst of a calcareous sinter terrace it rises especially eager every four minutes 6 m high into the air and thrusts out a crystal clear water jet like a strong spring fountain, developing considerable amounts of steam and sending hot water into the whole surrounding area.

Very close nearby is the Black Growler, a no longer active geyser that still thrusts out a steam jet with a forceful subterranean noise. A few steps off the road in a cave lies the Mud Geyser, an apparently quiet spring with a smooth surface. Every twenty minutes however bubbles are forming on the surface and suddenly the water rises with a strong whiz up to a height of 2 m and forms a cone like one can see in many artificial water works. Eight minutes does this strange spectacle of nature last, then the whole hot water masses fall down as quickly as they appeared and the spring is as smooth and clear as before.

Continuing we arrived at Emerald Pool, a dead geyser whose water in the crater had such a beautiful green and blue color as I had never before seen it at any other spring. In the unfathomable depth the refracturing of the light is unique in its kind.

The Monarch Geyser situated in a side gorge is fairly young and quite unreliable in its eruption intervals as it sends its water jet in longer unequal periods but then to a notable height of 30 m. This geyser had been damaged like many others in the park by throwing soap into it. The latter one has the strange effect of forcing a sudden eruption. But the too frequent use of this violent chemistry has exhausted some geysers, so that some had gone out completely or became irregular or provided only a very small jet. The effective prohibition of such mischief has come too late as many geysers had already been put out of commission by “soaping”.

Apart from the just named the Norris Geyser Basin includes a large number of smaller geysers and hot springs that would be very interesting all of their own but in the company of so much more spectacular sights they lose in importance as one starts to make comparisons.

On the day before my arrival a Northern German who wanted to impress a group of ladies as a “tough guy” had the inconsiderate idea to stand straddling the Constant Geyser. When the eruption occurred, he was completely burned and is now in a life or death struggle as a victim of his childish act of bravery.

During the rest of the drive we arrived at Elk Park, a large meadow enclosed in a forest through which the Gibbon River flows quietly. At the shore of it we saw multiple beautiful American geese with dark blue, nearly black heads and necks as well as white stripes. They showed themselves very familiar in contrast to the custom of their European relatives and let us approach quite close. Apart from them we saw only a few representatives of the bird world during the whole journey. Now and then a harrier or buzzard, quite frequently small falcons with grey blue bodies an red wings, some nutcrackers, thrushes, grouses, finches and tits. In the very sparse flora I spotted only a gentian with long stem and purple flowers.

Our stage coach rolled into a wooded valley alongside the Gibbon River following the route that was snaking its way through the forest marked and interrupted by dark sharply cut rock formations. Finally the valley became narrower and gorge-like. The route ascended steeply up to a point from which we could see deep below us the picturesque Gibbon Falls. The river falls there almost 25 m over a tall rock and combines itself down in the valley with the Firehole River to form the Madison River. At a turn in the forest we could see the immense forest areas that reached in the far distance up to the three white sentinels of the Teton Mountains that lay outside the park and were 4270 m high. These mountains form the border between Wyoming, the equality state where man and woman enjoy the same political rights, and Idaho.

Descending down the steep mountain we arrived in the valley of the Firehole River, passed a station as well as a tent camp of the cavalry squadron doing police duty and are at 5 o’clock in the evening after a drive of eight hours at the  Fountain Geyser Hotel that is surrounded by aa ring of steaming springs and geysers.

Here we had arrived in the true center of the volcanic surface activities and used the remaining part of the day to quickly visit the largest geyser that was only a few minutes away from the hotel and was active every two to three hours. There we found numerous visitors who also were awaiting the moment of eruption. To my great surprise I saw a common snipe walk around and jab at the edge of a crater in the hot water of a smaller nearly continuously active minor geyser.

A general “Ah!” of the waiting audience called me to the edge of the great geyser in which soon rose, with strong bubbling and whizzing, a mighty 10 m wide water jet up to a heigh of 45 m. The rays of the setting sun were broken and reflected in the massive water jet and offered a gorgeous color effect that a vivid Frenchman present compared not incorrectly to a fontaine lumineuse.

Soon after the show of the Fountain Geyser had ended and the water had quieted down, we were faced with a new spectacle of the Mammoth Paint Pots, large mud springs that are in constant motion. Snow-white, viscous mud, resembling freshly slaked lime, is thrown up here in numerous places in form of hemispherical masses, cones, rings or also as a jet and falls down again with a thud.

The vivid Frenchman and I could not refrain from poking our sticks into the mass and throwing pieces from the cooled edge into it. But immediately the watchful eye of the law appeared in the form of a soldier who complained that this action was a violation of the “Rules and Regulations”. These guards of whom one is always found at each prominent point are of the most meticulous exactitude and keep rigorously watch that not one pebble of the national sanctuary goes missing.

Returned to the hotel we enjoyed the splendid view for a while longer that the clear shine of the rising moon wove into the smoke pillars of the geysers and much more than the dinner which was just as awful as we found it prepared everywhere else in America. Only this time the impolite waiters had been replaced in an agreeable way by a group of pretty girls who were guarded by a very old and very lean female “boss” like a hawk.

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Livingston—Mammoth Hot Springs Hotel, 21. Sept. 1893

Unsere Nachtruhe wurde durch das beständige Verschieben unseres Waggons, welches unter rücksichtslosen Stößen bewerkstelligt wurde, sowie durch das unaufhörliche Pfeifen und Glockengeläute der Lokomotiven empfindlich gestört, so dass wir das Abgehen des Zuges, der uns nach dem Endpunkt der Strecke, der Station Cinnabar, bringen sollte, freudig begrüßten.

Die zweistündige Fahrt führte längs des Yellowstone-Flusses in einem Tal, das sich nach Passierung einer Schlucht, des Gate of the Mountains, erweitert und Paradise Valley genannt wird; hohe Berge mit schneebedeckten Gipfeln, darunter der 3340 m hohe Emigrant Peak, ragen zu beiden Seiten empor. Eine halbe Stunde vor Cinnabar verengt sich das Tal wieder und bildet eine felsige, romantische Schlucht mit Sandsteinwällen, die sich bis zu einer Höhe von 600 m den Berg hinanziehen; schon hier tritt der vulkanische Charakter des Gebietes in manchen Gesteinsarten und Formen zutage.

In Cinnabar harrten der ankommenden Passagiere große, mit vier bis sechs sehr guten Pferden bespannte Coaches, in welchen die Fahrt nach dem ersten interessanten Punkt im Yellowstone-Park, den Mammoth Hot Springs, angetreten wurde. Beim Verlassen des Waggons begrüßte uns empfindliche Kälte, und nach kaum einem halben Kilometer Weges befanden wir uns in einer Schneelandschaft. Die Vegetation war, der hohen Lage — etwa 1600 m über dem Meer — entsprechend, ziemlich spärlich, doch fanden sich an den Wasserläufen und Berglehnen Tannen, eine kleine Thuja, Pappeln und besonders ein graugrüner Ginsterstrauch, der hier vorherrschend ist; sehr erstaunt war ich, allenthalben einen mit langen Stacheln bewehrten Zwergkaktus zu sehen, der am Boden kriechend wächst.

Die Straße war stellenweise ziemlich steil geführt, da sie in der zurückzulegenden Distanz von etwa 13 km um 368 m aufsteigt. Bei der kleinen Ansiedlung Gardiner, welche an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Yellowstone River liegt, fielen mir die zahlreichen umherliegenden Wapiti-Geweihe auf. Hier erreichten wir das Gebiet des Yellowstone-Nationalparks.

Dieser berühmte und vielbesuchte Park, dessen Areal 22.560 km2 beträgt, wurde durch Congressakt vom Jahre 1872 als öffentlicher Park erklärt und darf als solcher in keiner Weise angetastet werden: das Holzfällen, die Jagd, der Betrieb von Bergwerken u. dgl. m. ist untersagt. Dieser löbliche Beschluss erhält die Originalität des durch seine Naturschönheiten sowie durch die eigentümlichen vulkanischen Erscheinungen ausgezeichneten Landstriches und schützt denselben vor der Verwüstung durch Menschen. Das ganze Gebiet ist vulkanischer Bildung, welche durch die große Zahl von Geysern, heißen Quellen, Terrassen- und Kraterbildungen, Obsidianfelsen und Schwefelhügeln das Erstaunen und die Bewunderung des Besuchers wachruft; sollen doch beispielsweise die hiesigen Geyser jene Islands weit übertreffen.

Etwa dritthalb Kilometer von dem Punkt entfernt, bei dem man den Park erreicht, wird die Grenze von Wyoming überschritten, auf welches der größte Teil des Parkes entfällt, während Montana und Idaho mit weit kleineren Landstrichen an dessen Areal partizipieren.

Nach Überwindung der letzten Steigung lag das Mammoth Hot Springs Hotel, fast 2000 m über dem Meer, vor uns, ein unförmlicher, riesiger Holzbau mit mehreren Annexen, in roter und gelber Farbe prangend; einige rechts hievon gelegene Pavillons dienen als Kasernen und Stallungen einer Kavallerieabteilung, welche für die Bewachung des Parkes und die Aufrechthaltung der Ordnung daselbst zu sorgen hat. Das Sternenbanner auf einem hohen Mast bezeichnet den Rallierungsplatz dieser Truppe.

Der Park wird alljährlich mit Ende September für den Fremdenverkehr geschlossen, so dass jetzt die Saison schon ihrem Ende nahegerückt war; dennoch zählte das Hotel noch viele Gäste und unter diesen eine beträchtliche Zahl übellauniger Deutscher, die anscheinend von der Ausstellung in Chicago hieher gekommen waren. Obgleich das Hotel Raum für 400 Betten besitzt und das beste des Parkes sein soll, mangelte es dennoch an jedem Komfort und an jeglicher Bequemlichkeit für die Reisenden, ein Übelstand, welcher durch die Bedienung noch verschärft wurde, die eine recht nachlässige war, soweit sie nicht gänzlich fehlte.

Als wir endlich einquartiert waren, begaben wir uns zu den Mammoth Hot Springs, heißen Quellen, die durch ihre Kalksinterablagerungen Terrassen bilden, deren Colorit und malerischer Aufbau sich zu einem prächtigen Schauspiel gestalten, wie es auch in Neuseeland, in Island und Kleinasien nicht schöner gefunden werden soll. Bei heftigem Schneegestöber schritten wir das ganze Terrain ab, welches etwa 70 Quellen und 10 bis 12 Terrassen umfasst; neben der weißen, grellgelben oder braunroten Farbe der Ablagerungen nahm sich das tiefe Blau der Quellen, die brodelnd ihr heißes Wasser aus unergründlichen Tiefen bringen, umso effektvoller aus. Manche dieser Quellen, deren Temperatur zwischen 12 und 47° C. schwankt, zeigen übrigens eine ganz ruhige Oberfläche, so dass wir, wenn der beständig aufsteigende Dampf sich im Wind verflüchtigte, in den azur- oder dunkelblauen Schacht hinabsehen und die Struktur der Ablagerungen sowie des Gesteines beobachten konnten; trotz der mitunter hohen Temperatur des Wassers setzen sich dünne Schichten von Algen am Gestein an. Der bröckelige Rand der Quellen schimmert infolge der Niederschläge meist in bräunlicher oder auch zinnoberroter Farbe, während sich an den Abflüssen schöne tropfsteinartige und feinblätterige Absitzungen bilden; sind dieselben noch ganz weiß oder lichtgelb mit Schwefel durchsetzt, so gilt dies als Beweis, dass die Quelle erst vor kurzem entstanden ist.

Eine jeder vulkanischen Gegend zukommende Eigenthümlichkeit, die sich aber hier besonders häufig zeigt, ist das plötzliche Verschwinden und Versiegen der Quellen und Geyser, während ebenso unvermutet neue an anderen Stellen entstellen; so zeigte man uns eine Quelle, die erst vor zwei Wochen zutage getreten war, aber doch schon ansehnliche Ausdehnung erlangt hatte.

Wie in allen von Fremden vielfach besuchten Gegenden, hat auch hier jeder bemerkenswertere Punkt, jede Terrasse und Quelle, einen Namen, der oft genug befremdlicher oder widersinniger Art und auf weißen Tafeln verewigt ist; so heißen zwei mächtige, freistehende Steinkegel erloschener Geyser, die gleich im Beginn des Rundganges besichtigt werden, das Liberty Cap und Giant’s Thumb. Nach Passierung dieser Kegel steigt man auf schneeweißem Kalk die größte der Terrassen, Minerva Terrace genannt, hinan, und nun reiht sich Terrasse an Terrasse, Quelle an Quelle. Zu den bemerkenswertesten dieser Sehenswürdigkeiten zähle ich die Jupiter Terrace, die Pulpit Bassins, die Pictured Terrace, die Narrow Gauge Terrace, die Cupid’s Cave, die Teufels- und die Bärenhöhle, — die drei letztgenannten sind kraterähnliche, tiefe Felsenlöcher, aus denen jedenfalls vor Zeiten Quellen strömten — endlich den Orange Geyser und den Weißen Elephanten. Diese beiden sind heiße Quellen, welche aber keine Terrassen bilden, sondern ihre Ablagerungen kegelförmig auftürmen; die Benennung Orange Geyser ist nur insofern richtig, als der Kalksinter dieser Quelle anscheinend eine Beimengung von Eisenoxyd besitzt und daher orangefarbig aussieht. Der Weiße Elephant gleicht tatsächlich einem riesigen Dickhäuter dieser Art, und warmes Wasser der aufbauenden Quelle rieselte, als wir auf einer der glatten Seitenflächen emporklommen und den “Rücken” des Gebildes betraten, unter unseren Füßen hervor.

Außer den genannten gibt es noch zahlreiche kleinere Gebilde, Quellen und Sprudel, und beinahe überall, wo wir über diesen vulkanischen Boden hinschritten, klang es unter den Tritten dumpf und hohl; viele Quellen lassen auch ein Zischen, Brodeln oder dumpfes Getöse auf weite Entfernungen hin wahrnehmen.

Am Fuße der Mammoth Hot Springs hat ein unternehmender Yankee einen Laden eröffnet, in dem er verschiedene Gegenstände feilhält, die von den heißen Gewässern, ähnlich wie in Karlsbad, rasch mit einer festen Kalkschicht überzogen werden.

Der Abend war recht ungemütlich, da es in dem Hotel keinen Raum gibt, in dem man nach der Mahlzeit rauchen und plaudern könnte; man ist auf das Stiegenhaus und auf die wenig angenehme Gesellschaft umherlungernder und spuckender Cowboys und Arbeiter, die überall Zutritt haben, angewiesen, so dass wir uns schließlich in eines unserer Zimmer flüchteten.
In dem Mammoth Hot Springs Hotel ist man übrigens gezwungen, frühzeitig zu Bett zu gehen, weil um 11 Uhr ohne Rücksicht auf die Bewohner die gesamte elektrische Beleuchtung eingestellt wird.

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Livingston—Mammoth Hot Springs Hotel, 21 September 1893

Our sleep was severely disturbed by the constant moving of our wagon which happened with ruthless knocks and incessant whistling and ringing of bells of the locomotives so that we greeted the departure of the train to our final destination, Cinnabar station, with pleasure.

The two-hour drive went alongside the Yellowstone river to a valley that opens up after passing through a gorge called the “Gate of the Mountains”. The name of the valley is Paradise Valley. High mountains with snow-covered peaks, among them Emigrant Peak 3340 m high, rise on both sides of the valley. A half hour before Cinnabar the valley becomes narrower again and forms a rocky romantic gorge with sandstone walls that rise up to 600 m high towards the mountains. Here already the volcanic character of the area becomes apparent in many of its rock types and forms.

At Cinnabar, the arriving passengers had to wait for large coaches pulled by four six very good horses for the drive to the first interesting point in the Yellowstone Park, Mammoth Hot Springs. Leaving the wagon we were welcomed by the severe cold and after barely half a kilometer we arrived in a snowy landscape. The vegetation was quite sparse matching the high altitude of around 1600 m above sea level, but there were fir trees near the streams and mountain ledges, a small thuja, poplars and an especially grey-green broom that is predominant here. I was astonished to see here everywhere a dwarf cactus armed with long spines who grows crawling on the floor.

The road was at times very steeply laid out as it had to rise 368 m over a distance of only about 13 km. At the small settlement of Gardiner that lies at the place where the eponymous river flows into the Yellowstone River I noticed numerous wapiti antlers lying around. Here we reached the territory of the Yellowstone national park.

This famous and much visited park that covers an area of 22.560 km2 was established by an act of congress in 1872 and declared a public park that may not be changed in any way: logging, hunting, mining etc. are all prohibited. This commendable act preserves the originality of the landscape distinguished by its natural beauty and its strange volcanic forms and protects it from destruction by humans. The whole are is of volcanic origin that causes a large number of geysers, hot springs, terraces an crater formations, obsidian rocks and sulphur hills that are both astonishing and admired by the visitors. For example, the geysers are said to surpass those in Island by far.

About one and a half kilometers from this point where one enters the park, one crosses the border to Wyoming on which lies the largest part of the park while Montana and Idaho participate with far smaller areas in this park.

Having conquered the last slope, the Mammoth Hot Springs Hotel, nearly 2000 m above sea level, lay in front of us, a formless giant wooden building with multiple annexes, resplendent in red and yellow color. Some of the pavilions at the right served as barracks and stables for a cavalry battalion that is responsible for guarding the park and keeping up the order. The star-spangled banner on a high mast marked the assembly place of this formation.

The park is closed for visitors every year at the end of September so that the season was already coming to a close. Still there were many guests in the hotel and among them a considerable number of cantankerous Germans who had apparently come here from the exposition in Chicago. Even though the hotel offers space for 400 beds and is said to be the best of the park, it was nevertheless lacking in all comforts and an all the amenities for the travellers. A deficit that was further increased by the careless if not completely missing service.

After we finally had settled in our quarters, we went to the Mammoth Hot Springs, hot springs that form terraces by their lime deposits whose coloring and picturesque structure create such a splendid spectacle that can not be found in as beautiful manner in New Zealand, Island or Asia Minor. In a heavy snowfall we walked across the whole area consisting of around 70 springs and 10 to 12 terraces. Besides the white, flashy yellow or brown-red color of the depositions the deep blue of the springs that were bubbling and transporting their hot water out of unfathomable depths was all the more effective. Many of these sources whose temperature was fluctuating between 12 and 47° C. show, by the way, a totally clear surface so that we could look down the azure or dark-blue funnel, when the constant rising steam drifted away in the wind, and observe the structure of the deposits and the rocks. Despite the sometimes quite high temperatures of the water there was a thin layer of algae on the rocks. The crumbling edge of the springs was glittering due to the precipitations mostly in a brownish or vermilion color while at the drains  beautiful dripstone and fine-leafed deposits were developing. If these are still fully white or light yellow mixed with sulphur, then it is seen as a proof that the spring had been in existence for a short time.

One strange characteristic of every volcanic area which is on display here especially frequently is the sudden disappearance and drying up of springs and geysers while just as unexpected they emerge anew in other places. Thus we were shown a spring that had existed only for two weeks but had already developed to quite a substantial size.

As in all places visited often by foreigners so here too every remarkable point, every terrace and spring had its own name that was preserved for eternity on white boards and often quite strange or absurd. Thus two mighty stone cones of dried up geysers standing in the open that are visited right at the beginning of the tour carry the names of Liberty Cap and Giant’s Thumb. Having passed these cones one climbs on snow-white lime up to the largest terrace called Minerva Terrace and then one terrace follows the next, spring follows spring. Among the most remarkable sights I count Jupiter Terrace, Pulpit Basins, Pictured Terrace, Narrow Gauge Terrace, Cupid’s Cave, Devil’s Cave and Bear Cave, — the last three named are deep crater-like holes in the rock out of which once springs flowed a long time ago — finally Orange Geyser and the White Elephant. These are two hot springs that do not form terraces but pile up their deposits as a cone. The name of Orange Geyser is correct in so far as the lime of this spring apparently includes a mixture of iron oxide and thus provides it with an orange-like appearance. The White Elephant in fact resembles a giant pachyderm of that species and hot water was gushing out from under our feet when we climbed up on one of the smooth sides and stepped on the “back” of the formation.

Except for those already named there were numerous smaller structures, sources and springs. And nearly everywhere we stepped on this volcanic ground, it sounded dull and hollow under our steps. Many springs are noticed from far away by their whizzing, bubbling or dull noises.

At the foot of Mammoth Hot Springs an enterprising Yankee had opened up a shop where he offers various objects for sale that have been quickly covered by the hot waters with a hard lime layer similar as in Karlsbad.

The evening was quite unpleasant as there was no space in the hotel where once could smoke and talk after the dinner. One is limited to use the staircase and is faced with the presence of the less agreeable company of idling and spitting cowboys and workers who have access to all places, so that we finally fled to one of our rooms.

In the Mammoth Hot Springs Hotel one is, by the way, forced to go to bed early as at 11 o’clock all electric lighting is turned off without any consideration for the guests.

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Spokane — Livingston, 20. Sept. 1893

Der Morgen brachte uns eine Fahrt durch trostlose Gegend. in der kahle, mit gelbem Gras bedeckte Hügel und im Hintergrund vom Neuschnee erglänzende Berge mit spärlichem Baumwuchs aufragen. Wir sahen nur wenige Farmen, dafür häufiger Indianer, deren in einer Station ein ganzer Trupp geschliffene Büffel- und Ochsenhörner zum Kauf anbot. Männer und Weiber hatten das Gesicht rot oder chromgelb tätowiert, das Haar in Zöpfe geflochten und in den Ohren Ringe aus Muschelschalen; die Kleidung der Männer erschien als ein Gemisch der nationalen und der europäischen Tracht, und es entbehrte nicht der Komik, einen Sohn der Wildnis vor sich zu sehen, der zwar Mokassins und originale Lederhosen trug, aber den Oberleib in ein abgetragenes, schwarzes Jacket gehüllt und das Haupt statt durch Adlerfedern mit einem eingetriebenen Zylinder geschmückt hatte; die Weiber waren in bunte Kotzen gehüllt und blickten starr auf die dem Zug entsteigenden Reisenden. Welch ein Unterschied zwischen diesen von der Kultur angekränkelten Indianern und deren wilden, freien, stolzen Vorfahren, die noch vor nicht allzu langer Zeit die Herren des Landes waren!

Nachmittags überschritten wir zum zweiten Mal den Hauptrücken der Rocky Mountains, diesmal im Mullan-Pass, mittels eines in 1691 m Seehöhe liegenden, über einen Kilometer langen Tunnels; der Scheitel des Gebirgskammes erhebt sich bis zu 1789 m. Der Kontrast zwischen der West- und der Ostseite dieser Wasserscheide ist ein auffallender; die gelben Lehnen der Westseite werden durch eine zerrissene Felsenlandschaft ersetzt, in der sich die Bahn mittels bedeutender Krümmungen und scharfer Kurven dahinwindet; die Felsen nehmen nicht selten phantastische Gestaltung an; die Vegetation lässt im Westen wie im Osten gleich viel zu wünschen übrig.

Kurze Zeit nachher rast der Zug über eine Art Hochprairie, ein sehr breites, flaches Tal; eine Bergkette, auf deren Gipfel hoher Schnee liegt, steigt schroff empor. Halbwilde Viehherden treiben sich auf der Prairie umher und häufig muss der Lokomotivführer den langgezogenen Ton der Dampfpfeife erschallen lassen, um die Tiere von den Schienen zu verjagen; zahlreiche Skelette verendeter Stücke bleichen zu beiden Seiten der Trace. Da die Gegend sehr erzreich, insbesondere goldhaltig ist, sahen wir zahlreiche Minen und Bergwerke, um die sich Ansiedlungen, Städte genannt, gruppieren, deren bedeutendste Helena ist, die Hauptstadt von Montana. Rings um die an Spokane erinnernde Ortschaft finden sich ergiebige Gold- und Silberlager in Ouarzgestein, nebstbei auch Kupfer-, Eisen- und Bleierze. Mit bedeutender, auf amerikanischen Bahnen fast zur Regel erhobenen Verspätung kamen wir in Livingston an, wo wir im Waggon übernachteten, da auf den kleineren Strecken leider keine Nachtzüge verkehren, so dass man gezwungen ist, die Nacht in einem Hotel oder im Schlafwagen zu verbringen.

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Spokane — Livingston, 20 September 1893

The morning brought us a drive through a desolate area in which bare hills covered with yellow grass rise while the mountains whose peaks were glittering with new snow were only sparsely covered with trees. We saw only a few farms but instead quite frequently Indian of which one offered a whole group of polished buffalo and ox horns for sale at a station. Men and women had their faces tattooed red or chrome yellow, the hair braided and rings made out of shells in their ears. The dress of the men seemed to be a mixture of national and European pieces. It was not without a comical element to see a son of the wilderness who still wore moccasins and original leather pants but covered his body in a worn black jacket and his head with a crushed top hat instead of eagle feathers. The women were clad in colorful capes and stared at the travellers emerging from the train. What a difference between these Indians weakened by culture and their wild free and proud ancestors who not long ago were the masters of this land!

In the afternoon we crossed for the second time the continental divide of the Rocky Mountains, this time at Mullan Pass, through a one kilometer long tunnel at an altitude of 1691 m above sea level. The crest of the mountain range rises to 1789 m. The contrast between the Western and Eastern side of this watershed is remarkable. The yellow ledges of the Western side are replaced by a broken rock landscape in which the railway twists its way up by important bends and sharp curves.  The rocks appear not seldom in fantastic forms. The vegetation leaves much to be desired both in the West and the East.

A short time later the train dashes over a sort of high prairie, a very wide flat valley; a mountain range on whose peaks lies much snow rises steeply. Half-wild cattle herds ran around on the prairie and the locomotive driver often had to use the steam whistle in order to chase the animals from the tracks. Numerous carcasses of dead pieces are bleaching on both sides of the tracks. As the territory is very rich in ores especially in gold, we saw a lot of mines around which settlements, called cities, were grouped among which Helena is the most important and the capital of Montana. Around this place that reminded me of Spokane are rich gold and silver deposits in quartz stone, besides copper, iron and lead. With considerable delay that is almost regular on American railways we arrived in Livingston where we passed the night in the wagon as no night trains were allowed to move on the smaller lines, so that one is forced to spend the night either in a hotel or in the sleeping car.

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  • Location: Livingston, Montana, United States
  • ANNO – on 20.09.1893 in Austria’s newspapers.
  • The k.u.k. Hof-Burgtheater is playing Schiller’s tragedy “Die Räuber”. The k.u.k. Hof-Operntheater is performing the opera “Carmen”.

 

Northport — Spokane, 19. Sept. 1893

Früh morgens passierten wir in der Nähe von Fort Shepherd die Grenze zwischen Britisch-Canada und den Vereinigten Staaten und befanden uns jetzt im Gebiet des Staates Washington.

Vormittags legte der Dampfer in Northport, der Endstation unserer Flussfahrt, an; da aber hier die weise Einrichtung besteht, dass nur an jenen Tagen, an welchen der Dampfer nicht verkehrt, ein Eisenbahnzug abgeht, war jch gezwungen, einen Extrazug zu nehmen, der nur aus Maschine, Gepäckswagen und einem Pullmann-Salonwagen bestand, welch letzteren ich gleich für die ganze weitere Reise mietete. Dieser Wagen hatte eine Küche, bequeme Schlafstellen und bot den Vorteil, dass wir hoffen durften, unter uns zu bleiben und so der Berührung mit unliebenswürdigen Reisegefährten überhoben zu sein.

Der Übergang von der Landungsstelle zum Bahnhof von Northport ist eigenartig; denn das Gleis ist in den Fluss hineingeführt, der Dampfer kommt so nahe an dieses heran, dass er aufsitzt, der Zug aber fährt buchstäblich bis über die halbe Achsenhöhe ins Wasser, und der Reisende gelangt, während kleine Fischchen rings um den Dampfer und den Zug schwimmen, großen Schrittes vom Schiff in das Coupe. Unser Gepäck war rasch umgeladen, und nun ging es, trotz des wenig vertrauenerweckenden Baues der Spokane Falls and Northern Railway, sehr schnell das steil abfallende Seeufer entlang bis Marcus, wo die Bahn den See verlässt, um sich nach Spokane zu wenden.

Die Gegend zeigt hier ein wesentlich anderes Gepräge als tags zuvor; nicht besonders hoch entwickelte Kiefern wachsen in ziemlicher Entfernung von einander, den Boden bedeckt trockenes, gelbes Gras, statt der früher so häufigen Brandstellen zeigen sich mit Mais, Hafer und Weizen bebaute Felder, und in der Nähe der Farmen tummeln sich Herden schöner Rinder sowie Rudel gut gebauter Pferde. Auffallend viele Dampfsägen liegen an der Bahn und riesige Stöße zugeschnittener, gehobelter Bretter beweisen, dass man hier den Wert des Holzes sehr zu schätzen weiß. Die Besitzungen der einzelnen Farmer waren von Zäunen umschlossen oder mit Stacheldraht umfriedet. Wir erblickten auch etwas Wild, indem von kleinen Seen und rohrbewachsenen Tümpeln größere Kitten Enten aufstiegen und pfeilschnellen Fluges an den Coupefenstern vorbeizogen.

Schon in Northport hatte ich ein Telegramm des Obersten Cook erhalten, der mich aufforderte, sein in der Nähe der Stadt Spokane befindliches Regiment und Lager zu inspizieren, da wir uns im genannten Ort zwei Stunden aufhalten müssten. Ich lehnte mit Rücksicht auf mein Incognito die etwas eigenartige Einladung dankend ab, was Veranlassung zu einem Schmähartikel im Spokaner Abendblatte gab, das uns in den Waggon zugestellt wurde. Dieser Artikel trug den lakonischen Titel: “Franz is here”, war mit meinem Bildnisse verziert und strotzte von böswilligen Unwahrheiten, die aber keinesfalls den beabsichtigten Zweck, mich zu ärgern, erreichten; ich fand im Gegenteil diese Zeitungsblüte nur lächerlich, umsomehr als sich verschiedene Stellen von unbeabsichtigt komischer Wirkung eingeschlichen hatten. So hielt sich beispielsweise der übellaunige Reporter über unsere allzu zahlreichen Gepäckstücke auf und stellte die Frage, wie dies erst sein würde, wenn ich verheiratet wäre; dann bemängelte er das “nonchalante” Abstreifen der Zigarrenasche und brachte noch allerlei anderen Unsinn vor.

Statt der Parade beizuwohnen, benützte ich den Aufenthalt zu einer Besichtigung der Stadt Spokane, die mit ihren geschmacklosen, grün oder rot angestrichenen Bauten ein wenig erfreuliches Bild darbietet. Mittelpunkt eines reichen Agrikulturdistriktes, wurde Spokane im Jahre 1878 gegründet und 1889 nach einem großen Brande umgebaut; Spuren des letzteren sind noch jetzt im Stadtzentrum wahrnehmbar. Die Straßen wiesen ganz außerordentliche Kotmengen auf, die mich an Zustände in kleinen Ortschaften Halbasiens erinnerten.

Die beiden innerhalb der Stadt gelegenen Wasserfälle, Spokane Falls, werden als Naturschönheit gerühmt, sind aber in der Tat nur Wehre, über die das Wasser aus der Gesamthöhe von 45 m abfällt und dessen Kraftäußerung einer Beleuchtungsanlage sowie zahlreichen Fabriken und anderen Unternehmungen dienstbar gemacht wurde.

Nach einem zweistündigen Aufenthalt wurde unser Waggon an den Haupttrain, der trotz seiner Länge von Passagieren dicht besetzt war, angehängt und die Weiterreise mit der Northern Pacific Railway angetreten.

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Northport — Spokane, 19 September 1893

Early in the morning close to Fort Shepherd we crossed the border between British Columbia and the United States and are now on the territory of the state of Washington.

In the morning the steamer moored at Northport, the final destination of our river journey. As there existed a wise custom of letting a train depart only on those days that there was no steamer, I was forced to take a special train that consisted only of the machine,  baggage wagons and a Pullmann salon wagon. I just then rented the latter one for the full journey onward. This wagon had a kitchen, comfortable sleeping spots and offered the advantage that we could hope to stay among ourselves and thus be spared to come into contact with unkind fellow passengers.

The transfer from the landing to the station at Northport is strange as the track runs straight into the river. The steamer moves so close to it that it is beached. The train literally drives into the water up to half its axis height. The traveller thus takes a big step from the ship to the train wagon while tiny fishes are swimming around the steamer and the train. Our baggage was quickly loaded into the train and now the journey went very quickly, despite the construction of the Spokane Falls and Northern Railway not inspiring much confidence, alongside the steeply falling lake shore to Marcus where the train leaves the lake behind and turns towards Spokane.

The landscape here is markedly different than that of the day before. Not very tall pine trees growing at considerable distance from each other. The ground is covered by dry yellow grass. Instead of the earlier so numerous burnt places there are here corn [maize], oats and wheat fields. Close to the farms herds of beautiful cattle and studs of well formed horses are cavorting. Noticeably many steam saws lay next to the tracks and giant stacks of cut and planed boards prove that here the value of wood is much appreciated. The possessions of the individual farmers were enclosed by barbed wire. We saw some game too as from smaller lakes and reed covered ponds rose flocks of ducks into the air an flew swift as an arrow past the windows of our compartment.

Already in Northport I had received a telegram from Colonel Cook who asked me to his regiment and camp located near the city of Spokane as there would be a two hour stop in that place. I thankfully declined this somewhat strange invitation in consideration of my incognito which led to a vituperative article in the Spokane evening newspaper that was handed to us in the wagon. The article had the laconic title “Franz is here“, illustrated with my image and was filled with mean falsehoods that did in no way attain their intended goal of offending me.  To the contrary I found this old canard only ridiculous all the more so as various parts were unintentionally funny. Thus, for example,  the bad tempered reported exerted himself about our too numerous pieces of baggage and posed the question how this would be after I had been married . Then he criticized the “nonchalant” knocking off of the cigar and other nonsense of this kind.

Instead of attending the parade I used the stay for a visit of the city of Spokane whose tasteless buildings painted green or red presented a not so pleasing sight. The center of a rich agricultural district, Spokane was founded in 1878 and rebuilt after a great fire in 1889. Traces of the latter can still today be perceived in the city center. The streets were full with an extraordinary amount of droppings, a situation that reminded me of small villages in Eastern Europe (Halbasien).

The two waterfalls within the city, Spokane Falls, are praised as natural beauties but are actually only weirs from which the water drops out of a total height of 45 m and which powers an lighting system numerous factories and other enterprises in the vicinity.

After a two hour stay out wagon was coupled to the main train that was fully packed with passengers despite its length and the journey onward started on the Northern Pacific Railway.

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Revelstoke — Northport, 18. Sept. 1893

Lärmen, Gepolter und das klägliche Geheul der Dampfpfeife zeigten uns nach 4 Uhr morgens das Abgehen des Dampfers an, und wir steuerten, als ich bald darauf die Galerie betrat, bereits mit voller Fahrgeschwindigkeit im Columbia-Fluss. Dieser ist im allgemeinen ziemlich schmal und läuft in zahlreichen, oft sehr scharfen Windungen durch ein enges, zu beiden Seiten von steilen Hügeln und Bergketten eingeschlossenes Tal; die Navigation wird außerdem durch viele Bänke und Felsen des Flussbettes erschwert. Ich musste daher die Geschicklichkeit und Kühnheit des Kapitäns bewundern, der auf seinem mangelhaft steuernden Schiffe mit ganzer Kraft durch diese Hindernisse fuhr; allerdings ist der Tiefgang des Dampfers gering, wodurch die Schwierigkeit der Navigation etwas verringert und die Gefahr vermindert wird, und andererseits ist das Fahrzeug, wie bemerkt, mit zahlreichen Rettungsringen ausgestattet, was wohl für alle Eventualitäten als genügend erachtet wird, da ja bekanntlich in Amerika Menschenleben nicht allzu viel gelten.

Bald verließen uns die vom Feuer verheerten Wälder, und wir traten in Gebiete ein, die von solchen Verwüstungen bisher verschont geblieben sind; sollte auch hier eine Eisenbahn gebaut werden, so wäre wohl die schöne Zeit der prächtigen Waldungen zu Ende. Das Gebiet des Columbia Rivers gehörte bis vor kurzem zu den wenigst bekannten und erforschten Teilen Nordamerikas, und Weiße kommen erst seit Beginn der Flusschiffahrt in diese Wildnis; gegenwärtig sind es zumeist Goldgräber, welche als erste Pioniere vordringen und ihr Dasein fristen, indem sie teils im Fluss Gold waschen, thils in den Gebirgen Erze suchen. Auch einzelne Farmer trachten hier dadurch ihr Glück zu begründen, dass sie zuerst ein Stückchen Wald roden und dieses dann bebauen; unser Dampfer brachte einem dieser Farmer seinen ersten Pflug. Die Ansiedler finden anfänglich ihren Lebensunterhalt nur in der Jagd, die sehr ergiebig sein soll, da viel Hochwild und zahlreiche Bären vorkommen.

Mitunter fuhr unser Dampfer mitten im Wald, ohne dass sich eine Ansiedlung in der Nähe befand, gegen das Ufer und schiffte daselbst einige Goldgräber aus, die sofort in den Urwald eindrangen. Man kann sich daher unschwer vorstellen, welch eigenartige Gesellschaft an Bord vereinigt war; wüste und rohe Gesellen trieben sich in abgeschabter, zerrissener Kleidung, den großen Hut auf dem Kopf und den Revolver zur Hand, auf Deck und in den Salons umher, uns Gelegenheit bietend, schon hier mit der amerikanischen Rücksichtslosigkeit bekannt zu werden. Allenthalben lümmelten diese Kumpane umher, legten die Füße auf Sofas und Stühle, spuckten überall hin und nahmen Bücher, die nur einen Augenblick im Salon liegen geblieben waren, einfach an sich.

Der Fluss geht noch innerhalb Kanadas zweimal in Seen, in den Upper und den Lower Arrow Lake, über, was wir jedoch nur an der lichteren Färbung des Wassers wahrnahmen, da wir sonst die Seen nur für eine Verbreiterung des Flussbettes gehalten hätten.

Die einzige größere Ansiedlung an unserer Route verdankt ihre Entstehung einer Silbermine, welche in der Selkirk Range erschlossen wurde und ziemlich reichhaltig sein soll; infolge der gegenwärtigen Entwertung des Silbers fand eine Verminderung des Betriebes statt, und man verwendet daher die vorhandenen Arbeitskräfte zur Erbauung einer vom Bergwerk zum Seeufer führenden Eisenbahn. Bei dieser Ansiedlung, die aus mehreren kleinen Bretterhäuschen mit dem unvermeidlichen Kramladen und aus einer Dampfsäge besteht, sahen wir alle Arbeiter am Landungsplatz versammelt, weil eben Zahlungstag war und unser Dampfer das Geld brachte. Das Einschiffen des Holzes für unsere Kesselfeuerungen zog sich schier endlos hinaus: große Holzscheite lagen am Rand des Waldes aufgeschichtet, der Kapitän ließ den Dampfer in deren Nähe im Schlamm aufsitzen und schickte ein paar Leute ans Land, welche die Klötze einzeln an Bord trugen.

Schlechtes Wetter verfolgte uns auch hieher, und während vormittags dichter Nebel über den Bergen lagerte, jede Fernsicht benehmend, fing es nachmittags überdies zu regnen an; es wurde bitter kalt, so dass ein Verweilen im Freien unmöglich wurde und wir bei den spuckenden Söhnen der Wildnis im Salon verweilen mussten. Erfreulicherweise hatte eine mitreisende, nebenbei bemerkt, auch sehr hübsche Amerikanerin hinlängliche Nachsicht, uns das Rauchen zu gestatten, wofür wir ihr herzlich dankbar waren.

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  • Ort: Nahe der US-Grenze, Kanada
  • ANNO – am 18.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Tragödie “Arria und Messalina”, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Don Juan” aufführt.

Revelstoke — Northport, 18 September 1893

Noise, rumbling and the whiny howls of the steamer’s whistle announced the departure of the steamer to us at 4 o’clock in the morning, and we steered already at full speed in the Columbia river when I entered the gallery. The river is in general very narrow and runs in numerous often very sharp turns through a narrow valley enclosed on both sides on steep hills and mountain ranges. The navigation is furthermore made more difficult by banks and rocks in the river bed. I thus had to admire the skill and audacity of the captain who drove on his hard to steer ship at full speed through these obstacles; the depth of the steamer however was shallow which reduced the difficulties of navigation a bit and lessens the danger. On the other hand the vehicle is equipped with numerous life-belts which was apparently deemed sufficient for all eventualities as it is well known that human lives do no to count for all that much in America.

Soon the fire-burnt woods left us and we entered into a region that had been spared such destruction up to now. Here too a railway was to be built, thus putting an end to the splendid forest. The territory of the Columbia River used to be up to recent times one of the least known and explored parts of North America and white people only have been entering this wilderness since the establishment of river shipping. Currently they are mostly gold diggers who enter as the first pioneers and spend their days partly by washing for gold in the river partly by prospecting for metals in the mountains. Some farmers too have tried their fortune in clearing a wood lot and then cultivating the ground. Our steamer was transporting the first plow for one of these farmers. The settlers at first can sustain their life only by hunting which is said to be very plentiful as there is much big game and numerous bears.

For some time our steamer was driving in the midst of the forest without a settlement in the vicinity and stopped at the shore to disembark some gold diggers there who then entered into the wilderness. One can thus imagine without difficulty the strange company assembled on board. Ugly and rough fellows were milling around on deck and in the salons in threadbare torn clothes with large hats on their heads and a revolver near their hands. This gave us the opportunity to acquaint ourselves already here with the American ruthlessness. Everywhere these fellows were lounging around, putting their feet upon couches and chairs, spitting everywhere and taking possession of books that had been left for just a moment in the salon.

The river runs, still in Canada, twice into lakes called the Upper and Lower Arrow Lake what we could however perceive by the lighter color of the water as we would have taken the lakes to be just a wider river bed.

The only bigger settlement along our route owes its existence to a silver mine that had been opened in the Selkirk Range and is said to be quite rich. Due to the current devaluation of silver the level of activity had been reduced and one employs the workers present to build a railway line from the mine to the lake shore. In this settlement that consisted of multiple small log huts with the inescapable shop and a steam saw we saw all workers united at the landing pier as it just was pay day for which our steamer brought the money. The loading of the wood for our boiler furnace seemed to go on forever. Large wood logs were stacked at the edge of the forest, the captain beached the steamer nearby into the mud and sent a few people on land who carried the logs piece by piece on board.

Bad weather was following us here too. And while dense fog lay over the mountains in the morning that prevented any clear view, it even started to rain during the afternoon. It turned bitterly cold so that staying outside became impossible and we had to remain together with the spitting sons of the wilderness in the salon. Fortunately a fellow travelling American woman who was by the way very pretty had sufficient mercy with us and permitted us to smoke for which we were greatly thankful.

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