Tokio — Nikko, 20. Aug. 1893

Vor der kleinen katholischen Missionskirche, wo ich einer Messe beiwohnte, waren die Zöglinge der dortigen Ordensschwestern aufgestellt. Die Klosterfrauen tun durch die Erziehung der Kinder sehr viel Gutes; belassen ihnen aber vernünftigerweise das japanische Kostüm sowie den in Japan üblichen Gruß und sonstige traditionelle Äußerlichkeiten; die kleinen Musumes sind alle gleich adjustiert und wirklich sehr niedlich. Die Oberin, Mater Domitilla, eine würdige, alte Dame, weilt schon lange, ihrem frommen und nützlichen Beruf obliegend, in Japan.

Bei dem Besuch, den ich dem Erzbischof von Tokio, einem liebenswürdigen Franzosen machte, erfuhr ich durch ihn und einen dort anwesenden Missionär manche interessante Details über Land und Leute, bedauerlicherweise aber auch, dass die Verbreitung der christlichen Religion in Japan nicht die wünschenswerten Fortschritte macht; denn die Japaner besitzen nicht viel religiösen Sinn und sind in Glaubensangelegenheiten meist sehr apathisch.

Bis jetzt hatte sich die Zahl der Festlichkeiten so sehr gedrängt, dass ich noch nicht Gelegenheit gefunden hatte, die Kaufläden Tokios zu besuchen, und dies sollte heute, am ersten freien Tage, nachgeholt werden. Bei der Wanderung kam ich zwar durch einen großen Teil der Stadt, deren enorme Ausdehnung mir jetzt erst klar wurde, doch änderte sich der erste Eindruck, dass sie nämlich hinter den anderen besuchten japanischen Städten an Originalität zurückbleibt, nicht; allenthalben drängt sich ein Stück Europa in wenig stilvoller und unharmonischer Weise vor, und die Straßen, deren eine sogar 7 km misst, sind übermäßig lang und wirken ermüdend.

Die Läden Tokios, namentlich die Curio Shops, bieten große Mannigfaltigkeit der Gegenstände und hiedurch reiche Auswahl; man glaubt alle originellen Schätze schon entdeckt und an sich gebracht zu haben, doch findet man immer wieder neue Formen und ganz unbekannte Objekte.

Auf Bronze, Lack, Porzellan, Holz und Papier erscheinen alle die heiligen Tiere und besonders häufig der Drache, welcher ja in der japanischen Mythe, Symbolik und Kunst eine so hervorragende Rolle spielt; auch dem Staatswappen, nämlich der schematisch geformten Blüte des Chrysanthemums, Kiku, und dem Hauswappen der Mikados, welches durch die Blätter und Blüten der Paulownia imperialis, Kiri, dargestellt wird, begegnen wir häufig.

In einem der Läden wurde plötzlich eine wellenförmige Bewegung des Bodens bemerkbar, die Wände bebten, das Wasser in den Aquarien spritzte hoch auf — offenbar erlebte ich eines jener Erdbeben, welche Tokio so oft heimsuchen, und mir däuchte, dass die unterirdischen Mächte mich nicht ziehen lassen wollten, ohne mir ihre grauenhafte Macht zu zeigen, doch nur in mäßigem Grad, also gerade hinlänglich, um das Interesse zu wecken, aber nicht um verheerend zu wirken. In einem entlegenen Teil der Stadt hatte auch einer meiner Herren die Erdbewegung wahrgenommen.

Leider blieb mir keine Zeit mehr, Seidenstoffe zu erwerben, an denen Tokio, wie man sagt, so reich ist, da ich vor meiner Abreise noch einen Besuch bei dem Gesandten Baron Biegeleben in dem Tokio-Hotel abstatten wollte; dieses ist ein Gasthof ersten Ranges,
welcher einem Japaner gehört und von Japanern geleitet wird, gleichwohl aber jedem Hotel in England oder in der Schweiz würdig angereiht werden kann.

Die kurze Frist, die mir in Tokio noch gewährt war, benützte ich, um ein japanisches Theater zu sehen, welches ungefähr so angelegt ist wie unsere großen Singspielhallen. Dem Eingang gegenüber liegt die große Bühne; der Zuschauerraum zerfällt in Logen, Parket und Gallerien, wovon die beiden ersteren durch halbmeterhohe Bretterwände in quadratische Felder geteilt sind, deren jedes vier bis sechs Personen Raum bietet; Bänke oder Stühle existieren nicht, alles sitzt nach Landessitte auf dem Boden. Die Insassen der Logen, ganze Familien oder Gesellschaften, richten sich dort in Anbetracht der Länge der Vorstellungen — sie dauern von Mittag bis 10 Uhr abends — häuslich ein und bringen Speise sowie Trank mit.

Das Theater fasst circa 3000 Menschen, und alle diese, ohne Unterschied des Geschlechtes, rauchen; allerorten stehen Feuerbecken mit glühenden Kohlen und werden die Zündhölzchen meist nur auf den Boden geworfen; die feuerpolizeilichen Vorschriften scheinen nicht sehr strenge zu sein, was doch der Fall sein sollte in Anbetracht des Umstandes, dass das Gebäude nur aus Holz, Stroh und Papier errichtet ist. An Stelle von Mandelmilch, Limonade und ähnlichen Erfrischungen, die bei uns üblich sind, werden hier Reis, Früchte und Sake feilgeboten. Das fortwährende Rauschen der eifrig bewegten Fächer, Kindergeschrei und das Ausklopfen der Pfeifen verursacht andauernden und abwechslungsreichen Lärm, welcher den Kunstgenuss einigermaßen beeinträchtigt.

Die ziemlich geräumige Bühne ist sehr primitiv für den Szenenwechsel eingerichtet, indem dieser nur durch Drehung einer Scheibe erfolgt, welche die verschiedenen Decorationen trägt. Das aus wenigen Musikern bestehende Orchester befindet sich in der Höhe des ersten Stockwerkes neben der Bühne in einem käfigartigen Raum, aus welchem ab und zu unmelodische Töne an unser Ohr dringen. Rechts und links vom Parket und über die ganze Länge desselben gezogen, führen zwei Bretterstege, Blumenpfade genannt, zur Bühne; diese bieten für den An- und Abmarsch von Gruppen Bewaffneter sowie für Aufzüge Raum, dienen aber auch überhaupt für die Annäherung der Schauspieler, die schon vom Brettersteg aus zu agieren und zu sprechen beginnen. Während der langen Zwischenpausen begibt sich der elegante Teil des Publikums in die umliegenden Teehäuser, um erst bei Fortsetzung des Schauspieles in das Theater zurückzukehren.

Die Vorwürfe der im japanischen Theater zur Aufführung gelangenden Stücke sind zumeist der vaterländischen Geschichte entnommen, welche in ihren fortwährenden Daimio- Kriegen unerschöpflichen Stoff liefert; hitzige Kämpfe, Mord, Totschlag und Harakiri, das jetzt außer Übung gekommen ist, bilden meist den Höhepunkt der dramatischen Entwicklung; doch fehlt es auch nicht an Darstellungen aus dem Volksleben und an Sittenstücken, wenn man diesen Ausdruck anwenden darf. Ist ein Stück gar zu lang oder zu tragisch im Ausgang, so werden, wie man mir sagte, beliebige Kürzungen vorgenommen und einzelne Akte aus anderen Bühnenwerken eingeschoben. Als Schauspieler treten ausschließlich Männer auf, die es jedoch verstehen, weibliche Partien in Stimme, Haltung, Gebärde und Kleidung vortrefflich wiederzugeben. Dass wir von der Handlung des Stückes, welches eben aufgeführt wurde, nicht viel verstanden, brauche ich nicht erst besonders hervorzuheben; dasselbe gehörte der Kategorie der Eifersuchtsdramen an und gipfelte, nach den Gesten und dem Mienenspiele der Akteure zu schließen, in dem heftigen Zerwürfnisse eines Liebespaares. Offenbar gestaltete sich der Verlauf überaus traurig, weil die Zuhörerschaft sichtlich ergriffen war, namentlich der weibliche Teil derselben in Tränen schwamm und wir mitunter lautes Schluchzen vernahmen. Bald aber mussten wir uns von dem Schauspiel losreißen, um nach dem ziemlich entfernten Ujeno-Bahnhof zu fahren, wo sich die kaiserlichen Prinzen und die Minister eingefunden hatten, von mir Abschied zu nehmen.

Die Bahn zieht in nördlicher Richtung, gutgepflegtes Land durchsetzend, bis Utsunomija, um von hier aus nordwestwärts gewendet den dem Japaner heiligen Boden von Nikko zu erreichen. Von den Ufern des Tone-gawas an bis knapp vor Nikko reicht eine Allee aus Cryptomerien, welche wohl ohnegleichen dasteht und in dem Dunkel der Nacht, schattenhaft umrissen, einen großartigen Eindruck macht. Ein frommer Mann, zu arm, um zu den Heiligtümern in Nikko eine Bronzelaterne zu stiften, soll diese Allee gepflanzt haben. Wo wir heute auf einer Schienenspur flüchtig dahinrollten, zog unter den Tokugawa-Schogunen der Reiheischi auf der nach ihm benannten Straße dahin, der Abgesandte des Mikados, welcher Gaben im Mausoleum Ijejasus zu Nikko darzubringen hatte.

Um 11 Uhr nachts waren wir in Nikko angelangt, wo ungeachtet der vorgerückten Stunde Neugierige in großer Zahl den schier endlosen Zug von Dschinrickschas anstaunten, welcher sich einer Schlange gleich vom Bahnhof nach dem über 2 km entfernten Nikko-Hotel bewegte, das in der Talenge außerhalb der Tempelstadt, nahe einem Tempelhain liegt und uns treffliche Aufnahme bereitete.

Tokyo, 19 August 1893

Before I drove to the parade set for today on the great exercise ground in the West of the city, I was photographed with my Japanese entourage in various poses.

In a gala carriage accompanied by a cavalry escort I covered a quite long distance to the parade ground where I was expected by the Emperor in a richly decorated tent with gold brocade and first the usual cigarettes were smoked. The troops, 7530 men, were not formed into units but a square whose one side was kept open for the Imperial tent and the diplomatic corps, the court servants and the off-duty officers.

The Emperor and I mounted the horses held ready and rode at a walk, followed by the princes, the war minister, the military attaches and multiple higher officers, to the reception flank and then along the front. The infantry stood in battalion masses wtih developed companies, the cavarly, artillery and the train in developed line. The higher commanders reported the status of the formed troops and then rode along with the entourage.

As at Kumamoto, I had the opportunity here too of being astonished about the performance achieved by the Japanese army adminstration in a short time. This is in part due to the fruitful studies that the government had had made abroad by military agents who in their quiet, modest and not as impertinent manner as that of some other power know to recognize the positive and learn it. With a rare skill the army administration has managed to adapt foreign practices to the local situation without thoughtless imitation and thus knew to create something truly genuine. It is characteristic that one can recognize without difficulties from the posture of the officers educated abroad where they have been educated as a tautly marching officer must have been the product of German training while others revealed a lighter touch and thus of being a pupil of France.

Riding alongside the front was followed by a march that was performed exceedingly well but made me suspicious about a mistake in the excercice reglementation as in my view the order for turning the front was given too late so that those in charge of the wings were involuntarily forced in advance which resulted in an ugly crescent form of the developed companies. The marching, alternating to the sounds of a Japanese march and the Austrian Radetzky march, was executed freely and filling the space. Remarkable is the excellent material which the higher infantry officers are riding even if they are not quite as skilled in the art of riding. Artillery and cavalry — one squadron led by a very small prince on a very tall horse — marched past in a short trot. The batteries were very well aligned, the cavalry however became a bit disordered which can be accounted for by the large number of stallions among the troopers`horses. When the horse of the Emperor became disturbed during the parade, the chief equerry jumped out of the saddle, grabbed a handful of earth and rubbed it into the mouth and nostrils of the horse — a equine calming method that was totally new to me.

As soon as the last battalion of the train had marched past, we dismounted. The Emperor took his leave and I drove in the gala carriage back to our palace where I, after a short rest, set out to attend breakfast at Prince Komatsu Akihito`s.

The princes and their families among the the very pretty daughter in law of the prince apart there were about 15 guests present. My host asked vividly about the health of my father with whome he had dined occasionally during his stay in Vienna and overall, spoke many words about our Imperial city. The whole family was very kind to me so that the breakfast took place in a very casual joyous mood.

In the afternoon I was surprised by Sannomiya in the palace`s garden with a production of the pupils of the Imperial fencing school which offered me an insight into the way of the ancient Japanese art of fencing to my satisfaction. The demonstration showed fights between sword against sword, sword against two swords, lance against sword, finally lance against lance. The swords and lances had been cut out of strong bamboo. Wire head masks, black and red lacquered plastrons as well as greaves protected the fencers. Arms and knees remained uncovered and showed many wounds from heavy hits. Allowed hits were to the head, body, lower arm and neck. The fencers performed quite well and one noticed that they were schooled and exercised in it. Feints and parades seemed unknown as the hits were evaded only by moving the body to the side, forward and backward. What is not missing is the inciting shouts common to al Oriental peoples. An entertaining intermezzo occured when my Japanese lifeguard put on the mask and started bravely fencing. After the end of each attack whose points were noted by a judge, the fencers greeted each other by kneeling down and bowing their upper body towards the earth.

This production was followed by fishing in the pond of the palace garden. The pond is connected with the sea. The result was however mediocre as only a single fish was caught. As I heard,  the Empress is said to fish with a fishing rod at times but in such cases, the catch would not be splendid too, given today`s results.

In the mean time the hour of the gala dinner had arrived that had been set at 4 o`clock at Their Majesties. The dinner took place according to the same protocol as during the breakfast. Fortunately the temperature in the great festive hall was not as elevated as the day before thanks to the advanced hour of the afternoon. As guests attended the same personalities as those at the breakfast. Emperor Mutsu Hito propsed a toast, translated by the interpreter, then our anthem was played and I replied with a toast to the health of Their Majesties as well as the Imperial house. Naturally then the Japanese anthem was heard. After the dinner I said good-bye to the Empress, the princes and princesses. The Emperor paid me a visit in the Hama palace, in contrast to his customs, and spoke at this occasion about his satisfacton about the favorable impressions I had received in Japan. As a souvenir he gave me a model of a repeating rifle, the invention of a Japanese, that was soon to be introduced in the Japanese army.

The last meal of the day, the supper in our pleasure castle, was flavored with the display of a gorgeous garden illumination and a firework. The garden, by far the greatest ornament of the Hama palaces, already due to its view upon the sea with its myriad of sailing boats, was very favorable put on display by the bright light of the countless lampions that were reflected multiple times in the pond and by the fire of the rockets.

During the supper a fast modeller performed who could form only with his fingers incredibly quickly any imaginable object out of sticky multicolored rice that looked like wax. First we had the artist model all kinds of animals, then a Japanese woman and finally a gentleman out of the audience — tasks that were perfectly completed.

Tokio, 19. Aug. 1893

Bevor ich zu der auf den heutigen Tag angesetzten Parade fuhr, welche auf dem großen Exercierplatz im Westen der Stadt stattfinden sollte, wurde ich mit meiner japanischen Suite in verschiedenen Positionen photographiert.

In einem Galawagen, begleitet von einer Cavallerie-Escorte, legte ich den ziemlich weiten Weg bis zum Paradeplatze zurück, wo mich der Kaiser in einem reichgeschmückten, mit Goldbrocat ausgeschlagenen Zelte bereits erwartete und vorerst die üblichen Cigaretten geraucht wurden. Die Truppen, 7530 Mann, waren nicht in Treffen, sondern im Carre formiert, dessen eine Seite für die Aufstellung des kaiserlichen Zeltes sowie für das diplomatische Corps, die Hofchargen und die dienstfreien Officiere offen gelassen war.
Der Kaiser und ich bestiegen bereit gehaltene Pferde und ritten im Schritte, gefolgt von den Prinzen, dem Kriegsminister, den Militärattaches und mehreren höheren Offkieren, an den Empfangsflügel heran und sodann die Front entlang. Die Infanterie stand in Bataillonsmassen mit entwickelten Compagnien, die Cavallerie, Artillerie und der Train in entwickelter Linie. Die höheren Commandanten meldeten den Stand der ausgerückten Truppen und ritten dann in der Suite mit.

Wie schon in Kumamoto, hatte ich auch hier wieder Gelegenheit, über die Leistungen zu staunen, die von der japanischen Armeeverwaltung in kurzer Zeit vollbracht wurden. Dies ist das Verdienst der fruchtbringenden Studien, welche die Regierung im Auslande durch ihre militärischen Vertreter hat machen lassen, die, nicht so aufdringlich wie mitunter jene anderer Mächte, in ihrer stillen, bescheidenen Weise verstehen, das Gute zu erfassen und sich anzueignen. Mit seltenem Geschicke hat die Armeeverwaltung fremde Einrichtungen ohne gedankenlose Nachäffung den Landesverhältnissen anzupassen und so wirklich Gediegenes zu schaffen gewusst. Charakteristisch ist, dass aus der Haltung der im Auslande herangebildeten Officiere unschwer zu entnehmen war, wo sie ihre militärische Schulung erhalten haben, da sich der strammer einhermarschierende Officier als aus deutscher Abrichtung hervorgegangen sofort von jenem unterschied, der in seinem Wesen leichtere Auffassung verrieth und sich so als Zögling Frankreichs zu erkennen gab.

Dem Abreiten der Front folgte die Defilierung, die unglaublich gut vonstatten gieng, mich jedoch insoferne auf einen Fehler im Excercier-Reglement schließen lässt, als meiner Ansicht nach das Commandieren der Kopfwendung zu spät erfolgt, so dass die Flügelchargen unwillkürlich vorprellen, woraus sich eine unschöne, halbmondartige Form der entwickelten Compagnien ergibt. Das Marschieren, abwechselnd begleitet von den Klängen eines japanischen und des österreichischen Radetzky-Marsches, erfolgte frei und raumgreifend. Bemerkenswert ist das vortreffliche Material, mit welchem die höheren Infanterieofficiere beritten gemacht sind, wenngleich denselben nicht durchaus eine entsprechende Reitkunst eigen ist. Artillerie und Cavallerie — eine Escadron von einem sehr kleinen Prinzen auf einem sehr großen Pferde geführt — defilierten in kurzem Trabtempo; die Batterien waren sehr gut alligniert, die Cavallerie hingegen gerieth etwas außer Ordnung. was wohl den zahlreichen Hengsten zuzuschreiben war, die sich unter den Mannschaftspferden befanden. Als während der Parade das Pferd des Kaisers unruhig wurde, sprang der Oberststallmeister aus dem Sattel, erfasste eine Handvoll Erde und rieb hiemit Maul sowie Nüstern des Gaules — ein mir ganz neues hippisches Beruhigungsmittel.

Kaum war die letzte Abteilung des Trains vorbeidefiliert, saßen wir ab; der Kaiser nahm Abschied, und ich fuhr in der Gala-Equipage nach unserem Palais zurück, um mich nach einer kurzen Ruhepause zu einem Dejeuner beim Prinzen Komatsu Akihito zu begeben.

Außer dem Prinzen und seiner Familie, worunter auch die hübsche Schwiegertochter des Prinzen, waren etwa 15 Gäste versammelt. Mein Gastgeber erkundigte sich lebhaft nach dem Befinden meines Vaters, bei welchem er gelegentlich eines Aufenthaltes in Wien diniert hatte, und sprach überhaupt viel von unserer Kaiserstadt. Die ganze Familie kam mir sehr herzlich entgegen, so dass das Dejeuner in zwangloser, heiterer Stimmung verlief.
Nachmittags wurde ich durch eine von Sannomija im Garten des Palais veranstaltete Production der Schüler der kaiserlichen Fechtschule überrascht, wodurch ich zu meiner Genugthuung Einblick in das Wesen der altjapanischen Fechtkunst erlangte. Bei der Schauübung wurde mit Schwert gegen Schwert, mit einem Schwert gegen zwei Schwerter, mit Lanze gegen Schwert, endlich mit Lanze gegen Lanze gefochten; die Schwerter und Lanzen waren aus starkem Bambus geschnitten. Kopfmasken aus Draht, schwarz und roth lackierte Plastrons sowie Fußschienen schützten die Fechter; Arme und Knie blieben unbedeckt und zeigten manche von kräftigen Hieben herrührende Schramme. Als zulässige Hiebe galten jene auf den Kopf, den Rumpf, den Unterarm und den Hals. Die Fechter machten ihre Sache recht geschickt, man sah, dass sie Schule und Übung hatten; Finten und Paraden scheinen unbekannt, da den Hieben eigentlich nur durch Körperbewegungen sowie durch Beiseite-, Vor- und Rückwärtsspringen ausgewichen wird; hingegen fehlt das bei allen orientalischen Völkern im Kampf übliche aneifernde Geschrei nicht. Ein unterhaltendes Intermezzo war es, als plötzlich mein japanischer Leibjäger die Maske aufstülpte und wacker zu fechten begann. Nach Beendigung jedes Assauts, bei dem ein Richter die Points markierte, begrüßten sich die Fechter, indem sie niederknieten und den Oberkörper zur Erde neigten.

An diese Production reihte sich ein Fischfang in dem mit dem Meer in Verbindung stehenden Teiche des Palaisgartens; das Resultat war jedoch ein klägliches, da es in der Erbeutung eines einzigen Fisches bestand. Wie ich hörte, soll die Kaiserin hier zuweilen mit der Angel fischen, doch dürfte auch in solchem Falle die Ausbeute, nach dem heutigen Ergebnisse zu schließen, keine glänzende sein.

Mittlerweile war die Stunde des Gala-Diners gekommen, das für 4 Uhr bei den Majestäten angesagt war. Das Diner fand unter dem gleichen Ceremoniell wie das Dejeuner statt; glücklicherweise herrschte im großen Festsaale wegen der vorgerückten Nachmittagsstunde keine so hohe Temperatur wie gestern. Als Gäste hatten sich dieselben
Persönlichkeiten eingefunden, welche schon dem Dejeuner zugezogen waren. Kaiser Mutsu Hito brachte einen Toast aus, welchen der Dolmetsch übersetzte, worauf die Volkshymne gespielt wurde und ich mit einem Trinkspruch auf die Majestäten sowie das ganze kaiserliche Haus antwortete; selbstverständlich erklang hiezu die japanische Hymne. Nach dem Diner verabschiedete ich mich von der Kaiserin, den Prinzen und Prinzessinnen. Der Kaiser machte mir gegen seine sonstige Gepflogenheit noch einen Abschiedsbesuch im Hama-Palais und sprach bei dieser Gelegenheit seine Befriedigung über die günstigen Eindrücke aus, die ich in Japan empfangen; zur Erinnerung übergab er mir das Modell eines Repetiergewehres, die Erfindung eines Japaners, welches demnächst in der Armee eingeführt werden soll.

Die letzte Mahlzeit des heutigen Tages, das Souper in unserem Lustschloss, wurde durch das Schauspiel einer prächtigen Gartenbeleuchtung sowie eines Feuerwerkes gewürzt. Der Garten, weitaus die größte Zierde des Hama-Palais, schon um der Aussicht willen, die er auf das mit Segelbooten besäete Meer bietet, kam in dem hellen Licht der zahllosen Lampions, die sich in dem Teich vielfach wiederspiegelten, und in dem Feuer der Raketen zu vorteilhafter Geltung.

Während des Soupers produzierte sich ein Schnellmodelleur, der, lediglich mittels der Finger arbeitend, mit kaum glaublicher Raschheit aus klebrigen, wie Wachs aussehenden, verschiedenfarbigen Reismassen jeden beliebigen Gegenstand nachbildete; wir ließen von dem Künstler zuerst allerlei Tiere, dann eine Japanerin, zuletzt einen Herrn aus der Gesellschaft modellieren — Aufgaben, die in vollendeter Weise gelöst wurden.

Tokio, 18. Aug. 1893

Ein Tag hoher Freude für jeden treuen Untertanen — der Geburtstag unseres vielgeliebten Allergnädigsten Kaisers und Herrn! Das Herz jedes Einzelnen von uns schlug heute höher; denn obgleich wir durch viele tausend Meilen von der teueren Heimat getrennt waren, genossen wir doch das Glück, den heutigen Festtag auf heimatlichem Boden zu verbringen. Das erste Mal in meinem Leben weilte ich an dem Geburtsfeste Seiner Majestät außerhalb Österreichs — um so bewegter gedachte ich unseres allverehrten Herrschers und mit mir alle auf der “Elisabeth” vereinigten Untertanen Seiner Majestät, deren tiefempfundenes Gefühl der Ergebenheit für den geliebten Herrn, das ja jeden Sohn des Vaterlandes, wo immer er auch sein mag, beseelt, in dem innigen Wunsche gipfelt: “Gott erhalte, Gott beschütze Seine Majestät den Kaiser!”

Morgens um 8 Uhr hissten wir unter Abfeuerung von 21 Schüssen die große Flaggengala und am Großtopp die Standarte, worauf alle im Hafen befindlichen japanischen, englischen, amerikanischen und deutschen Kriegsschiffe den Salut für die Standarte leisteten. An dem feierlichen Gottesdienst, bei welchem unser Marinekaplan eine warme, der Feier des Tages würdig angepasste Ansprache hielt, nahmen außer mir und meiner Suite noch teil unser bevollmächtigter Minister mit dem Gesandtschaftspersonal, der Generalconsul, der Schiffsstab und die gesamte Mannschaft; als das Te Deum angestimmt wurde, erdröhnten abermals 21 Schüsse.

Nach der heiligen Messe fand die Aufwartung sämtlicher Anwesenden sowie aller Kommandanten der fremden Kriegsschiffe statt, die ihre Glückwünsche anlässlich des Geburtsfestes Seiner Majestät zum Ausdruck brachten. Das Anlegen der Gigs, in welchen die Kommandanten gekommen waren, gestaltete sich ziemlich schwierig, da eine sehr steife Brise die See selbst im Hafen hoch gehen ließ.

Kaum war das Mittagssignal abgegeben, so ertönte abermals Kanonendonner, womit die Kriegsschiffe und die Landbatterien unseren Festtag begrüßten.

Um 2 Uhr nachmittags hätte auf dem mit Flaggen geschmückten sowie durch Blumen und Girlanden in einen Garten umgewandelten Eisendeck das Fest-Diner stattfinden sollen, zu welchem ich nebst dem Schiffsstab auch die Herren der Gesandtschaft eingeladen hatte; doch ging leider knapp vor Beginn des Mahles eine heftige, stürmische Regenböe nieder, die in wenigen Minuten die Dekoration zum Teil zerstörte und die bereits gedeckte Tafel sowie das Eisendeck überschwemmte. Überhaupt herrschte tagsüber böses Wetter, bedingt durch einen im Norden von Jokohama passierenden starken Taifun, der arg gewütet haben musste; denn als ich an Seine Majestät meine ergebensten Glückwünsche telegraphisch übermitteln wollte, kam mir die Meldung zu, dass die Telegraphenleitung durch den Taifun zerstört worden sei. War die See im Hafen schon sehr bewegt, so tobte das Unwetter auf der offenen See erst recht mit voller Wucht, Berge von Wellen aufwühlend.

Endlich konnte das Diner, nachdem die Tafel in den zwar beengten aber sturmsicheren Räumen des Offizierscarres, so gut es eben ging, wieder gedeckt war, mit einer Stunde Verspätung seinen Anfang nehmen. Als ich den Toast auf Seine Majestät unseren Kaiser ausgebracht hatte und ein brausendes, dreifaches Hurrah die Schiffsräume durchhallte, die Geschütze in die Klänge der Volkshymne dröhnend einfielen, da war wohl keiner unter uns, der nicht tief ergriffen gewesen wäre. Zwei Stunden konnten wir noch gemütlich beisammen bleiben, bis es endlich hieß, nach Tokio aufzubrechen, wo ich an einem von unserem Gesandten gegebenen Diner und an einer demselben folgenden Soiree teilnehmen wollte.

Der Wind hatte bis zur Stärke 6 und 7 aufgefrischt und ein heftiger Gussregen ging nieder, als wir von der “Elisabeth” abstießen; unsere Barkasse war die letzte, welche noch ans Land gelangte, und dann wurde der Verkehr im Hafen eingestellt, so dass die Offiziere der anderen Schiffe sich auch später zu der Soiree nicht mehr einfinden konnten. Ganz durchnässt, da wir eine See nach der anderen in die Barkasse bekommen hatten, langten wir am Mole an und waren eine Stunde später in Tokio.

Zu dem Diner, welches in den großen Räumlichkeiten eines Clubs stattfand, erschienen außer Mitgliedern des Hofes auch die fremden Diplomaten und hohe Würdenträger. Prinz Arisugawa sprach, als der Champagner credenzt war, auf Seine Majestät unseren Kaiser in japanischer Sprache einen Toast, der uns verdolmetscht wurde, und durch einen von mir auf das Wohl des Mikados ausgebrachten Trinkspruch, den Coudenhove ins Japanische übersetzte, Erwiderung fand.

Im unmittelbaren Anschluss an das Diner war eine große Soiree angesagt, zu welcher sich die Gäste im ersten Stockwerk des Clubgebäudes versammelten; bei dieser Gelegenheit wurden mir zahlreiche Persönlichkeiten vorgestellt, darunter fremde Vertreter und Attaches. Begreiflicherweise konzentrierte sich mein Interesse auf die koreanische Gesandtschaft, da deren Mitglieder in einem höchst originellen Nationalkosttim erschienen waren; dieses bestand in einer Art Priestergewand von farbigem Brokat und in einer an unsere Tiroler Hüte erinnernden Kopfbedeckung, aus feinem, weißem Rosshaar angefertigt, welche die Koreaner nicht ablegten.

Trotz der Augusthitze wurde im Verlauf des Festes ein Tanz organisiert, zu dem die Musik einlud; ich konnte mich aber, in voller Gala adjustiert und geschmückt mit allen Großkreuzen, diesem Vergnügen nicht hingeben und ließ mir an einer Ehrenquadrille genügen, an der die Prinzessinnen und einzelne Damen des diplomatischen Kreises teilnahmen. Äußerst ergötzlich war Sannomija, welcher, den Dreispitz in der Hand, unausgesetzt in Bewegung war und geradezu eine Art Solo-Menuet aufführte, indem er sich ohne Unterbrechung nach allen Seiten hin verneigte. Der Tanz bedingte ein Souper, und so zog sich das Fest bis in die späte Nacht hinein.

Tokyo, 18 August 1893

A day of great joy for every loyal subject — the birthday of our much beloved most gracious Emperor and Lord! The heart of everyone was beating higher today, as even though we are separated by many thousand miles from our dear home, we still enjoyed the good fortune to spend this day of festivity on home ground. The first time in my life I was outside Austria on the birthday of His Majesty — all the more moved I thought about our all venerated ruler and with me all subject of His Majesty united on “Elisabeth” whose deeply felt sentiment of  devotion to the beloved lord which is moving every son of the fatherland wherever he may be and results in the intense wish of “God preserve, God protect Our Emperor, our country!”

In the morning at 8 o`clock we hoisted the grand flag gala and on the grand topmast the standard while firing 21 shots, which was answered by all Japanese, English, American and German warships in the harbor with a salute to the standard. The festive mass, in which our naval chaplain gave a warm speech appropriate for the day`s festivities, was attended, besides me and my entourage, also by our appointed minister with the embassy personel, the consul general, ship staff and the whole crew. When the Te Deum was sung, another 21 shots were fired.

After the holy mass a reception of all present as well as the commanders of the foreign warships was given. They presented their felicitations about the birthday of Our Majesty. The landing of the dinghies of the commanders proved quite difficult as a very tough wind made the sea turbulent even in the harbor.

Just after the noon signal had been given, cannon thunder was heard again with which the warships and land batteries greeted our day of festivity.

At 2 o`clock in the afternoon there should have taken place a festive dinner on the iron deck that had been transformed into a garden with flags, flowers and garlands to which I had invited not only the ship staff but also the gentlemen of the embassy. Unfortunately just before the dinner an intense stormy rainstorm poured down that partially destroyed the decoration within minutes and inunadated the set table and the iron deck. Overall there was bad weather during the day caused by a strong typhoon passing in the North of Yokohama that had caused quite some damage. When I wanted to send my most devoted telegraphic greetings to His Majesty, I was informed that the telegraph line had been destroyed by the typhoon. While the sea in the harbor was quite turbulent, the storm raged with full might on the open sea, piling up mountains of waves.

Finally the dinner could take place after the table had been set up as well as possible in the narrow but storm-safe rooms of the officer carré. With a one hour delay the dinner started. When I proposed a toast for His Majesty Our Emperor and three roaring Hurrahs were reverberating through the rooms of the ship and the guns joined in to the sounds of the anthem, there was nobody among us who was not deeply moved. We spent two comfortable hours together until it was time to go to Tokyo where I was to attend a dinner hosted by our ambassador and afterwards a soiree.

The wind`s strength had grown to a 6 and 7 and an intense rainstorm was pouring down when we set out from “Elisabeth”. Our barge was the last to still land, then the traffic in the harbor was closed down, so that the officers of the other ships could not arrive to the soiree later in the evening. Completely wet, as the water entered also into the barge, we landed at the mole and an hour later we were in Tokyo.

The dinner taking place in the large rooms of a club was attended, besides members of the court, also by foreign diplomats and high dignitaries. Prince Arisugawa gave a speech after the champaign had been tasted in honor of Our Majesty the Emperor in Japanese and offered a toast which war translated for us. In reply, I offered a toast to the health of the Mikado which was translated into Japanese by Coudenhove.

Right after the dinner followed a grand soiree to which the guests assembled on the first floor of the club building. On this occasion I was introduced to numerous personalities among the agents and attaches. Understandably I concentrated my interest on the Korean embassy party whose members had come in a very original national costume. It consisted of a kind of priest dress in colorful brocade and a headdress reminding me of one of our Tyrolean hats, made out of fine white horse hair, that the Koreans did not remove from their heads.

Despite the August heat a dance was organized during the feast to which the music invited the dancers. I however was unable to join this entertainment, being dressed in full gala dress and decorated with all grand crosses, and made do with a honor quadrille in which the princesses and some ladies of the diplomatic circle joined in. Especially worth a view was Sannomiya who with a tricornered hat in hand was constantly in motion and performed some kind of solo minuet  by his incessant bowing to all sides. The dance called for supper and thus the feast continued until late into the night.

Miyanoshita — Tokyo — Yokohama, 17 August 1893

In the pouring rain that continued all day except for short breaks we had to leave Miyanoshita already at 5 o`clock in the morning, in order to be in Kosu right on time, led by our frock coated driver on the same path we had arrived, to get on the train to Yokohama departing at 7 o`clock. There our ambassador Baron Biegeleben, Coudenhove, consul general Kreitner and our commander Becker joined us in the train. From the station I could see, beyond the houses, “Elisabeth” in the harbor that was conspicuous among the many other ships by her mighty and elegant forms — a view to rejoice my heart.

During the drive from Yokohama to Tokyo I had to put on my dress uniform which was difficult in the not really spacious compartments and endangering the white coat due to the coal dust. But the task was successfully completed within the 40 minute travel time duration. A glance out the window educated me to my great hilarity that the government spared nothing in assuring my security so that they even placed police in the sea. I could see at a spot where the railway runs close to the coast guards placed in boards spaced at intervalls of a few hundred meters. As the train passed them, they saluted. During the arrival in Tokyo, a 7 cm mountain artillery battery offered the salute on a meadow.

At Shimbashi Station, which was completely locked down so that only official persons had access, I was greeted by the Imperial prince Arisugawa by the order of the Emperor. He is the uncle of the Mikado and author of the mentioned motto in the officer casino in Otsu and had been the victorious commander-in-chief of the Imperial troops in the civil war of 1868 and the Satsuma rebellion in 1877 and is currently the army commander-in-chief. All ministers and court dignitiaries were present too at the reception. Baroness Biegeleben, the sister of our ambassador, and Mrs. von Kreitner handed me fragrant bouquets of flowers in the name of the Austro-Hungarian colony. After the usual introduction of both entourages and the highest dignitaries I entered a court gala carriage together with the prince while an honor company presented arms to the sound of the Japanese general march. We drove through a cordon of soldiers to the Imperial pleasure palace Ohama goten, escorted by a squadron of guard lancers. The palace is situated quite far from the city at the sea shore.

The first impression we received of Tokyo during our drive to the palace was not a very friendly one as the view only showed small not very tidy houses, long canals, factories and unadorned wall fronts. Our destination, where also an honor company had marched and presented arms to the sounds of its band, is wrongly labeled as a pleasure palace as it is actually a small villa. It had been built in European style and is in its interior decoration an attempt to blend European comforts with Japanese ones. I have to mention, however, that the objects of native origin were exceptional in their tasteful finish.

Soon after Prince Arisugawa had taken his leave, I returned his visit and left my cards at the Imperial prince`s Komatsu Akihito, also an uncle of the Mikado and commander of the guard division, and Kan-in Kotohito`s, the adopted brother of the Emperor and an officer in charge of a squadron.

The route we had to drive for these visits led me into the heart of Tokyo which offered me in combination with the considerable distances covered — it required two hours even though I did not meet any of the princes at home — the possibility to survey the city. Tokyo, or Edo as the city was called in earlier times,  was founded in the place where a small fortress stood in the middle of the 15th century, surrounded by scattered individual villages. The fortress came into possession of Hojo Ujitsuna in 1524 who resided in Odawara.

After the destruction of the power base of this Hojo and the investiture of Ieyasu with the eight provinces of the Kwanto that had been owned by that family, Ieyasu declared Edo in 1598 to be his residence. The city grew quickly and prospered as all princes of the country were required to build palaces here and spend part of the year there. The high period of Edo however is closely connected with that of the shoguns of the house of Tokugawa whose residence the city remained until the abolition of the shogunate. Edo has received the new name of Tokyo, that is Eastern capital, in 1869 and has entered into a new era since the Mikado has taken it as his seat of residence.

The city stands on an area of about 260 km2 North of the shallow bay of Edo and West as well as East of the Sumida-gawa, on whose right bank Tokyo rises towards the North and West to shallow hills of a height of about 30 m. The number of inhabitants is given as 1.628.000 which includes also Tokyo-Fu, that is the total urban area, or about Greater Tokyo. Of the 15 districts called Ku into which the city is divided, the core of the community is constituted by those within the exterior wall of O-Shiro with its moats in Edo bay ending in  the Sumida river, the ancient castle of the shoguns that had been protected by fortified works, circular walls and moats but consumed by the flames after the civil war.

Kojimachi, one of these districts, is the seat of government of modern Japan as here are besides the Imperial palaces all buildings in which the ministries and other administrative services are located as well as the palaces of the ambassadors. These buildings rose there where once the houses called Yashiki of the daimyos stood surrounding the castle.

Since 1872 the new European architecture has arrived here so that the public buildings and many others look like modern buildings of an English or Central European city. In the palaces and villas situated in gardens one can observe all possible styles and style variations and I could resist smiling when I saw the pur Gothic facade of one of the prince`s palace. In the immediate surrounding still there are houses of Japanese design so that an architectural contradiction occurs in this part of Tokyo that could not be worse if a Japanese quarter would be built, say, in the center of Linz, which the brave Upper Austrians would be no less astonished than the European viewing the strange contrast in modern Tokyo.

That the city of the xenophobic Tokugawa shoguns had been connected by railway with Yokohama 20 years ago, that it has a tramway, a society for electric light, the telephone and an electric railway, that it even already has seen two large industrial exhibitions can be called cultural progress but the denationalization of its architecture the Japanese go further than can be tolerated. They have such a characteristic building style that blends into the landscape harmonically and is very closely linked with the highly developed art and industry and the people themselves and their lives! It seems as if one wanted to dress the roads in another cloth since the time the two swords men have disappeared from the streets, since the gorgeous procession of the daimyos with the fan-carrying herald in advance shouting “Shita-ni-oru!” (Throw yourselves down to the ground!) is no longer heard. A point in favor of European architecture and the use of stone is truly the diminished risk of fire about which Tokyo had to suffer. A part of its history has been written in flames. The city was repeatedly turned into ashes and a Japanese saying goes like this: “Fire is Edo`s flower”.

Fortunately I did not come face-to-face with that flower but only with those children of Florens that illuminated the friendly garden. These are appropriately cared for. Here ancient Japan lives on — in the area of gardening the Japanese are apparently conservative.

Our drive crossed multiple times over water moats of the old castle walls where thousands of wild ducks are living in the winter that are protected there but hunted in nets in other canals of the city.

At noon the visit to the Majesties was set to happen and I drove for this purpose in full gala dress in a crimson carriage in the pouring rain, “escorted, saluted, trumpeted and complimented” to the Imperial palace.

The route led across an open space within the exterior palace wall where in earlier times probably also stood Yashikis and where now rises, in a stark contrast to the former spot of feudal splendor, the building of the Japanese parliament. The latter opened already in 1890 but two months later the flower of Edo rose out of the building so that it turned to ashes only to be rebuilt in the following year. At least the parliamentarism seems not to enjoy the full sympathies. At any rate there were complaints as I was told that in Japanese circles that no sessions were taking place during the times of catastophe. Close to the parliament building a palace intended for the naval minstery is taking shape that has already reached an alarming height given the numerous earthquakes.  Passing the fortifications of the old O-Shiro we entered the garden of the Imperial palace and after driving through multiple gates and had ascended a steep gravel-filled road  — the palace is located on a dominating hill — we were in front of the Imperial residence. This looks like, built in 1889 in the spot of the former shogun`s castle, a colossal wooden building in the Japanese style — but how long will it take to see this piece of Ancient Japan fal to and replaced with a modern building!

At the stairs I was received by the Emperor Mutsu Hito in the uniform of a Japanese marshal that closely resembles the French one and decorated with the band of the Stephen`s order. The dignitaries in the Emperor`s entourage were all in part in gold laced frock coats, in part military dress uniforms. In the line of Mikados, the Emperor is number 121 or 123 according to another listing. The Emperor was born in 1852 and rules since 1868. With his strong body, the Emperor displays in his traits the type of the Japanese of the Northern regions as it is said. The conversation was held with the assistance of an interpreter as the Emperor does not speak any European language which naturally hindered the exchange and was all the more deplorable as the Mikado showed a keen interest for various questions of the day.

Starting his reign under the most difficult circumstances the Emperor has not only introduced reforms, even though his education was governed fully by the old system, he has also placed the country on a new foundation. By these changes it was necessary to recapture the full power as until then the emperors had lived a sheltered life of a revered godly being while the Imperial power lay in the hands of the shoguns. Also the feudal lords and samurais had to be stripped off their prerogatives and dismantle the legal dividing lines among the people and break with the system of isolation from abroad. The skill and determination with which Japan was led towards these set goals through difficult interior times deserve full acknowledgement and to have wanted to accomplish important things alone will assign an exceptional place in Japanese history to Emperor Mutsu Hito. A final judgment how far the modern accomplishments have set roots and entered into the permanent stock of the population is too difficult to make today as the huge process of changing the inherited governing institutions and thus its internal connections of a nation of many million people has not come to an end yet and setbacks and the necessity of partial changes of the things achieved up to now are not improbable.

But it looks already certain that Japan has finally left the Asiatic theocracies and despotic rulers and entered into the concert of civilized states. Thus Japan can become a player given the diversity of interests of the European states in Asia. In questions of foreign politics, its opinions have to be considered differently than in earlier times and it can not be completely ruled out that Japan will influence European affairs at least in an indirect way. Whether this a desirable success of the efforts to open up Japan or an admonition not to transfer too much civilization to the East?

The Mikado escorted me through long corridors to the audience hall where I was expected by the Empress Haru-ko, an exceptionally small bu delicate pretty woman in immaculate Parisian dress and surrounded by court ladies also in European dress, while the entourages were led to the great dining hall.

The Empress whose fame is preceding her of performing the duties of the new situations admirably and namely devoting interest about the education of the female sex. She is the daughter of Ijicho Tadaka of the Fujiwara family, a Kugen family of the highest rank. Kugen form the court nobility and trace back their lineages to the Mikados. Some of these lineages trace back their origins as far as the Mikado, among them the Fujiwara. The Mikado may select the equal wife only out of the five premier Kugen families while twelve concubines (Go-tenshi) may be taken from lower kugen families. Originally the most influential class, the Kugen lost their power to the feudal lords but always precede them in rank and had the right to be pulled by oxen on journeys like members of the Imperial family. The Empress Haru-ko is the Kogo of the Mikado who still has five concubines whose third, Madame Yanagiwara Aiko, has given him a son called Yoshihito in 1879 who had been declared the heir to the empire in 1889 — the Empress is without issue.

The Imperial couple and I sat down in the middle of the hall and talked for a long time. he Majesties showed to be very well informed namely about Vienna. After some time the princes and princesses of the Imperial family staying Tokyo arrived. I kissed the delicate hands of the latter ones which did not yet seem to have entered into Japanese etiquette but nevertheless was well recieved by the ladies.

Apart from Prince Arisugawa the princes Komatsu Akihito and Kan-in Kotohito came. The latter had been educated in France and speaks excellent French thanks to the skills learned at a French cavalry regiment. Furthermore the princesses Tadako, Arisugawa`s wife; Yasuko, the daughter-in-law of the latter; Yoriko, Komatsu Akihito and Kan-in and Kan-in Kotohito`s wife; finally that of prince Komatsu Akihito. The last named is an exceptionally beautiful and charming lady who had a sad fate as her husband had left her after only 8 days to go on a one year trip to Chicago and Europe. Unfortunately I could not express my compassion to the princess as she speaks only Japanese.

After friend Sannomiya, who acted as a master of ceremonies today, had announced the dinner, I offered my arm to the Empress which caused as great problems in keeping aligned due to our very different body sizes. The Emperor escorted Princess Arisugawa, and thus we walked through long corridors of the palace to the dining hall which we entered to the sound of our anthem. The dinner was attended by forty persons, among them too the gentlemen of our embassy and the consulate, commander Becker with multiple staff members from. I sat next to the Empress who made a very vivid conservation with me to which the Emperor also contributed by asking me about details of my journey.  The Empress seems to combine a very sympathetic mean with a not so sanguine gay disposition of her related sisters. This may be connected that her position has been quite tenuous at times.

The dinner derived out of French cooking was excellent, the drinks joined the products of the cooking artists in merit while the dinner music was not yet on the full height of the situation. In contrast the servants performed their duties quickly and skillfully in richly decorated dress coats — scuttling musumes in Japanese dress would without doubt have been more interesting. Quite at home I did feel because the Japanese court had introduced the ceremony of our court at their court. The dinner pleasures were made a bit bitter as I had to endure high temperatures whose effects were still increased by excellent wines and my gala dress uniform not adapted to the climate. After the dinner there was a cercle and a presentation of the gentlemen of my entourage as well as the Japanese dignitaries.

Escorted by Prince Komatsu Akihito and Sannomiya, I then visited the palace that also combines European and Japanese furniture and is incredibly richly but also tastefully decorated. The walls of the corridors and the rooms are covered with wallpapers made out of silk and gold brocade, most true masterworks of the silk weaveries of Kyoto while the ceiling was divided into small rectancles decorated with paint and gilded and the smooth as the sea floors were covered with splendid rugs of European origin. The furniture in the audience hall, the dining hall and the anterooms is almost completely European, the decorative objects however are products of Japanese art and industry. In all rooms electric light has been introduced that however has been turned off since the parliament building burned down due to a defect in one of the installations, so that currently only candlelight is used, to which purpose colossal splendidly executed and richly gilded bronze candelabras are arranged on the walls.

In our palace where all princes had annouced themselves and many dignitaries had left their cards, I then received the visit of His Majesty and returned to Yokohama where I arrived in the evening and immediately embarked on “Elisabeth” that was moored quite at a distance from the land. For a long time I sat together with the gentlemen of the staff on the iron deck, talking about the events of the last days and exchanging the impressions received.

Mijanoschita — Tokio — Jokohama, 17. Aug. 1893

Bei strömendem Regen, der mit geringen Unterbrechungen den ganzen Tag anhielt, mussten wir Mijanoschita schon um 5 Uhr morgens verlassen, um, von unserem befrackten Kutscher desselben Weges, den wir gekommen waren, geführt, rechtzeitig in Kosu einzutreffen und so den von hier um 7 Uhr abgehenden Zug zu erreichen, der uns nach Jokohama brachte. Hier bestiegen der Gesandte Baron Biegeleben, Coudenhove, Generalkonsul Kreitner sowie unser Kommandant Becker den Zug. Vom Bahnhof aus ersah ich, über die Häuser hinwegblickend, im Hafen die “Elisabeth”, die aus der Menge aller anderen Schiffe durch die mächtigen und doch eleganten Formen hervorstach — ein Anblick, der mein Herz erfreute.

Während der Fahrt von Jokohama bis Tokio musste ich mich in Gala werfen, was innerhalb des nicht eben geräumigen Waggons mit Schwierigkeiten verbunden und des Kohlenstaubes halber nur mit Gefährdung des weißen Rockes möglich war; doch das Werk gelang innerhalb der Fahrtdauer von 40 Minuten. Ein Blick aus dem Fenster belehrte mich zu meiner nicht geringen Erheiterung, dass die Regierung in ihrer Besorgnis um meine Sicherheit so weit gegangen war, selbst das Meer polizeilich besetzen zu lassen; denn ich nahm dort, wo die Bahn hart an der Küste hinzieht, Wachleute wahr, die, auf Strecken von je einigen hundert Metern in Booten postiert, bei Vorbeifahrt des Zuges salutierten. Bei der Ankunft in Tokio gab eine 7 cm Gebirgsbatterie auf einer Wiese den Salut ab.

Auf dem Bahnhof der Schimbaschi-Station, welcher völlig abgesperrt war, so dass nur offizielle Persönlichkeiten Zutritt gefunden hatten, begrüßte mich im Auftrag des Kaisers der kaiserliche Prinz Arisugawa, — des Mikados Oheim und der Verfasser des erwähnten Sinnspruches im Offizierscasino zu Otsu — welcher schon im Bürgerkrieg des Jahres 1868 und im Satsuma- Aufstand des Jahres 1877 als Oberbefehlshaber die Truppen des Kaisers zum Sieg geführt hatte und gegenwärtig Armee-Oberkommandant ist. Auch alle Minister und Hofwürdenträger waren zum Empfang erschienen; Baronin Biegeleben, die Schwester unseres Gesandten, und Frau von Kreitner überreichten mir im Namen der österreichisch-ungarischen Kolonie duftende Blumensträuße. Nach der üblichen Vorstellung der beiderseitigen Suiten und der obersten Würdenträger bestieg ich, während eine Ehrenkompanie unter den Klängen des japanischen Generalmarsches präsentierte, mit dem Prinzen einen Hofgalawagen und fuhr, von einer Escadron Garde-Lanciers escortiert, durch ein Spalier von Truppen nach dem kaiserlichen Lustschloss O-hama-goten, welches ziemlich weit außerhalb der Stadt am Meeresstrand gelegen ist.

Der erste Eindruck, welchen Tokio während unserer Fahrt nach dem Palais machte, war kein sehr freundlicher, weil der Blick nur auf kleine, wenig reinliche Häuser, lange Kanäle, Fabriken und schmucklose Mauerfronten fiel. Unser Absteigequartier, bei welchem gleichfalls eine Ehrenkompanie aufmarschiert war, die präsentierte und das Spiel rührte, trägt eigentlich mit Unrecht den Titel eines Lustschlosses, da es sich als eine kleine Villa erweist; sie ist in europäischem Stil erbaut und stellt sich hinsichtlich der inneren Einrichtung als Versuch dar, abendländischen Komfort mit japanischem zu verschmelzen, wobei ich jedoch hervorheben muss, dass die Gegenstände indigenen Ursprunges sich durch ihre geschmackvolle Ausführung vorteilhaft auszeichnen.

Bald nachdem Prinz Arisugawa sich verabschiedet hatte, erwiderte ich dessen Besuch und ließ meine Karten bei den kaiserlichen Prinzen Komatsu Akihito, gleichfalls einem Oheim des Mikados und Kommandanten der Garde-Division, und Kan-in Kotohito, dem Adoptivbruder des Kaisers und Escadrons-Chef.

Der Weg, welchen ich behufs Abstattung dieser Besuche zurückzulegen hatte, führte mich durch das Herz Tokios, welcher Umstand mir in Verbindung mit den bedeutenden Entfernungen — ich brauchte, obschon ich keinen der Prinzen zu Hause traf, zwei Stunden — die Möglichkeit gab, einen Überblick über die Stadt zu gewinnen. Tokio oder Jedo, wie die Stadt früher hieß, ist an der Stelle erstanden, wo in der Mitte des 15. Jahrhunderts eine kleine Festung, umringt von vereinzelt liegenden Ortschaften, erbaut worden war, die im Jahre 1524 in den Besitz des zu Odawara residierenden Hodscho Udschitsuna gelangt ist.

Nach Zertrümmerung der Hausmacht dieser Hodschos und Belehnung Ijejasus mit den jenem Geschlecht gehörigen acht Provinzen des Kwanto, erhob Ijejasu im Jahre 1598 Jedo zu seiner Residenz, welche rasch wuchs und gedieh, da sämtliche Fürsten des Landes verpflichtet waren, hier Paläste zu bauen und einen Teil des Jahres daselbst zu verbringen. Die Glanzzeit Jedos ist mit jener der Schogune aus dem Hause der Tokugawa enge verknüpft, deren Residenz die Stadt bis zur Abschaffung des Schogunates blieb. Einer neuen Epoche ging und geht Jedo, welches 1869 den Namen Tokio, das ist Osthauptstadt, erhalten hat, entgegen, seit der Mikado hier seinen Sitz aufgeschlagen hat.

Die Stadt erhebt sich, etwa 260 km2 bedeckend, nördlich der seichten Bucht von Jedo und westlich sowie östlich des Sumida-gawa, an dessen rechtem Ufer Tokio gegen Norden und Westen zu etwa 30 m hohen, flachen Hügeln ansteigt. Die Anzahl der Einwohner wird auf 1.628.000 angegeben, wobei allerdings auch Tokio-Fu, das ganze städtische Gebiet, also etwa Groß-Tokio, in Rücksicht gezogen ist. Von den 15 Distrikten, Ku genannt, in welche die Stadt eingeteilt ist, bilden jene den Mittelpunkt des Gemeinwesens, welche innerhalb der äußersten, mit ihren Gräben in die Jedo-Bucht und in den Sumida endenden Enceinte des O-Schiro liegen, des alten, durch Festungswerke, Ringmauern und Gräben versicherten und nach dem Bürgerkrieg in Flammen aufgegangenen Schlosses der Schogune.

Kodschimatschi, einer dieser Distrikte, ist der Sitz der Regierung des modernen Japan; denn hier befinden sich außer dem kaiserlichen Palast auch die Gebäude, in welchen die Ministerien sowie andere Behörden und Ämter untergebracht sind, und die Palais der Gesandtschaften; diese Baulichkeiten sind dort emporgewachsen, wo einst die Jaschiki genannten Behausungen der Daimios das Schloss umgaben.

Seit dem Jahre 1872 hat sich die neueuropäische Baukunst Bahn gebrochen, so dass die öffentlichen Gebäude und viele andere den Eindruck moderner Baulichkeiten einer englischen oder einer mitteleuropäischen Stadt machen; an den in Gärten gelegenen Palais und Villen sind alle erdenklichen Stile und Stilvariationen zu beobachten, und ich konnte mich eines Lächelns nicht erwehren, als ich die rein gothische Fassade des Palais eines der Prinzen erblickte. In unmittelbarer Nähe erheben sich gleichwohl noch Behausungen japanischen Gepräges, so dass ein baulicher Widerspruch in diesem Teile Tokios zutage tritt, der nicht schlimmer sein könnte, wenn ein original japanisches Stadtviertel etwa in der Mitte von Linz erstünde, worüber die wackeren Oberösterreicher gewiss nicht weniger erstaunt wären als der Europäer bei dem Anblick des befremdlichen Kontrastes, welchen das moderne Tokio bietet.

Dass die Stadt der fremdenfeindlichen Tokugawa-Schogune mit Jokohama schon vor 20 Jahren durch eine Eisenbahn verbunden wurde, dass sie sich einer Tramway, einer Gesellschaft für elektrische Beleuchtung, des Telephons und einer elektrischen Bahn erfreut, ja dass sie schon zwei große industrielle Ausstellungen hinter sich hat, mag als Kulturfortschritt anerkannt werden, aber in der Entnationalisierung ihrer Bauten gehen die Japaner weiter, als gebilligt werden kann. Haben sie ja doch einen so charakteristischen Baustil, der harmonisch mit der Landschaft zusammenklingt, der aufs engste mit der hochentwickelten Kunst und Industrie, mit dem Menschen selbst und seinem Leben zusammenhängt! Es scheint, dass man auch der Stadt ein anderes Kleid anziehen wollte, seit die Zwei-Schwertmänner aus ihren Straßen verschwunden sind, seit der Ruf des dem prunkvollen Aufzuge des Daimios voranschreitenden, mit dem Fächer winkenden Herolds: “Schita-ni-oru!” (Werfet Euch nieder!) nicht mehr erschallt. Zugunsten der europäischen Bauart und der Verwendung von Stein lässt sich freilich auf die hiedurch verminderte Feuersgefahr hinweisen, unter welcher Tokio zu leiden gehabt; denn ein Teil seiner Geschichte ist in Flammen geschrieben, wiederholt wurde die Stadt eingeäschert, und ein japanisches Sprichwort sagt: “Das Feuer ist Jedos Blume”.

Glücklicherweise bekam ich diese Blume nicht zu schauen, sondern nur jene Kinder Florens, welche in den freundlichen Gärten leuchten; diese sind stilgerecht gepflegt, hier haust noch das Japan der alten Zeit — auf dem Gebiete der Horticultur sind die Japaner offenbar konservativ.

Unsere Fahrt ging des öfteren über Wassergräben der alten Schlossumwallung, worin im Winter Tausende von Wildenten hausen, die hier geschont, auf anderen Kanälen der Stadt aber mit Netzen gefangen werden.

Um die Mittagsstunde sollte die Aufwartung bei den Majestäten vor sich gehen und fuhr ich zu diesem Behuf in voller Gala, bei strömendem Regen in einem purpurroten Wagen “eskortiert, ansalutiert, angeblasen und bekomplimentiert” nach dem kaiserlichen Palais.

Der Weg führte über einen freien Platz innerhalb der äußersten Schloss-Enceinte, wo früher wohl ebenfalls Jaschikis gestanden hatten und sich jetzt in grellem Widerspruch zu dem Schauplatz ehemaliger feudaler Herrlichkeit das Gebäude des japanischen Parlamentes erhebt. Letzteres wurde bereits im Jahre 1890 eröffnet, doch spross schon zwei Monate später aus dem Gebäude Jedos Blume, so dass es in Asche versank, um jedoch im folgenden Jahre wieder neu zu erstehen. Immerhin scheint der Parlamentarismus sich hier noch keiner ungeteilten Sympathien zu erfreuen; wenigstens verlauteten, wie mir erzählt wurde, in japanischen Kreisen anlässlich jenes Brandes Ausdrücke des Bedauerns darüber, dass während der Katastrophe keine Sitzung stattgefunden habe. Unweit des Parlamentsgebäudes wächst ein für das Marineministerium bestimmtes Palais empor, das eine im Hinblick auf die zahlreichen Erdbeben recht bedenkliche Höhe erreicht hat. Die fortifikatorischen Anlagen des alten O-Schiro passierend, gelangten wir in den Garten des kaiserlichen Palais und befanden uns, nachdem wir unter mehreren Torbogen hindurchgefahren waren, sowie eine steil berganführende, mit Kies bestreute Wegstrecke — das Palais liegt auf einem dominierenden Hügel — überwunden hatten, vor der kaiserlichen Residenz. Diese stellt sich, im Jahre 1889 an der Stätte des einstigen Schlosses der Schogune errichtet, als ein in japanischem Stil gehaltener kolossaler Holzbau dar — doch wie lange wird es dauern, bis auch dieses Stück Alt-Japan fallen und einem modernen Bauwerke Platz machen wird!

An der Treppe empfing mich der Kaiser Mutsu Hito in der Uniform eines japanischen Marschalls, welche der französischen sehr ähnelt, und geschmückt mit dem Band des Stephans-Ordens. Die den Kaiser cortegierenden Würdenträger waren teils im golddurchwirkten Staatsfrack, teils in militärischer Paradeuniform erschienen. In der Reihe der Mikados der 121., oder nach einer anderen Zählung der 123., ist der Kaiser im Jahre 1852 geboren und regiert seit 1868; eine kräftige Erscheinung, zeigt der Kaiser in seinen Zügen den Typus, welcher, wie man sagt, dem Japaner der nördlicheren Gebiete eigen ist. Die Konversation wurde, weil dem Kaiser keine europäische Sprache geläufig ist, durch Vermittlung eines Dolmetsches geführt, was den Verkehr natürlich hemmt und um so bedauerlicher ist, als der Mikado ein reges Interesse für die verschiedensten Fragen an den Tag legt.

Unter den schwierigsten Verhältnissen in jungen Jahren zur Regierung gelangt, hat der Kaiser, obschon seine Erziehung noch völlig von dem alten Systeme beherrscht war, in Japan nicht nur Reformen eingeführt, sondern das Land auch auf eine ganz neue Grundlage gestellt. Bei diesen Umwälzungen galt es, dem Mikado, welcher bisher in der Zurückgezogenheit eines göttliche Verehrung genießenden Wesens dahingelebt hatte, während die kaiserliche Macht in den Händen des Schoguns ruhte, die ganze Fülle der Herrschaft zurückzuerobern, die Feudalherren und die Samurais ihrer Prärogative zu entkleiden, die das Volk teilenden rechtlichen Schranken zu beseitigen und mit dem Systeme der Abschließung gegenüber dem Ausland zu brechen. Das Geschick und die Entschlossenheit, womit Japan durch schwere innere Erschütterungen hindurch den ins Auge gefassten Zielen zugeführt wurde, sind aller Anerkennung würdig, und Bedeutendes gewollt zu haben, muss allein schon dem Kaiser Mutsu Hito in der Geschichte seines Landes einen hervorragenden Platz sichern. Ein abschließendes Urteil darüber, inwieweit die modernen Errungenschaften tiefe Wurzeln geschlagen haben und so in den dauernden Besitzstand des Volkes übergegangen sind, kann heute umsoweniger gefällt werden, als ja der großartige Prozess, eine nach vielen Millionen zählende Nation ihrer ererbten staatlichen und der damit innig zusammenhängenden gesellschaftlichen Einrichtungen zu entkleiden, gewiss noch lange nicht zu Ende gediehen ist und daher Rückschläge sowie die Notwendigkeit theilweiser Umgestaltungen des bisher Erreichten nicht unwahrscheinlich sind.

Aber soviel dürfte wohl jetzt schon feststehen, dass Japan endgiltig aus der Zahl der asiatischen Theokratien und Despotien ausgeschieden und in das Konzert der zivilisierten Staaten eingetreten ist. Hiedurch kann Japan bei der Verschiedenheit der Interessen, welche die europäischen Staaten in Asien verfolgen, dereinst leicht zu einem Faktor werden, mit dem in Fragen der äußeren Politik anders gerechnet werden muss als früher, ja es ist nicht ausgeschlossen, dass Japan die europäische Lage mindestens indirekt zu beeinflussen vermag. Ob dies gerade ein wünschenswerter Erfolg der auf die Erschließung Japans gerichteten Bestrebungen ist und nicht vielleicht eine Mahnung sein sollte, nicht gar so viel Kultur nach dem Osten zu tragen?

Durch lange Korridore geleitete mich der Mikado, während die Suiten in den großen Speisesaal geführt wurden, in die Audienzhalle, wo mich die Kaiserin Haru-ko, eine auffallend kleine, aber zierliche, anmutige Frauengestalt in tadelloser Pariser Toilette und umgeben von ihren gleichfalls europäisch gekleideten Hofdamen, erwartete.

Die Kaiserin, welcher der Ruf vorangeht, die ihr durch die neuen Verhältnisse auferlegten Pflichten in anerkennenswerter Weise zu erfüllen und namentlich der Erziehung des weiblichen Geschlechtes Aufmerksamkeit zuzuwenden, ist die Tochter des Itschitscho Tadaka aus dem Geschlecht der Fudschiwaras, einer Kugen-Familie von höchstem Rang. Die Kugen, den Hofadel bildend, leiten sich von Mikados ab, ja einige dieser Geschlechter, darunter die Fudschiwaras, führen ihren Stammbaum so weit zurück wie der Mikado, und dieser darf die Kogo, die ebenbürtige Frau, nur aus den fünf ersten Kugen-Familien erwählen, während den niedrigeren Kugen-Familien zwölf Nebenfrauen, Go-tenschi, entnommen werden können. Ursprünglich die einflussreichste Klasse, verloren die Kugen ihre Macht zugunsten der Feudalherren, giengen diesen aber im Rang immer voran und hatten wie die Mitglieder der kaiserlichen Familie das Recht, sich bei Reisen von Ochsen ziehen zu lassen. Die Kaiserin Haru-ko ist die Kogo des Mikados, welcher noch fünf Nebenfrauen besitzt, deren dritte, Madame Janagiwara Aiko, ihm 1879 einen Sohn, Joschihito benannt, geschenkt hat, der — die Kaiserin ist kinderlos — 1889 zum Erben des Reiches erklärt wurde.

Das Kaiserpaar und ich nahmen in der Mitte des Saales Platz und konversierten des längeren, wobei die Majestäten sich namentlich über Wien sehr genau unterrichtet zeigten. Nach einiger Zeit traten die in Tokio eben anwesenden Prinzen und Prinzessinnen des kaiserlichen Hauses ein, welch letzteren ich bei der Vorstellung die zarten Hände küsste, was zwar noch nicht ganz in die japanische Etiquette übergegangen zu sein scheint, gleichwohl aber von den Damen gut aufgenommen wurde.

Außer dem Prinzen Arisugawa waren erschienen die Prinzen Komatsu Akihito und Kan-in Kotohito, welcher, dank der in Frankreich genossenen Erziehung und der bei einem französischen Kavallerieregiment erworbenen Ausbildung, vortrefflich französisch spricht; ferner die Prinzessinnen Tadako, Arisugawas Gemahlin; Jasuko, des letzteren Schwiegertochter; Joriko, Komatsu Akihitos, und Kan-in, Kan-in Kotohitos Gemahlin; endlich jene des Prinzen Jorihito, des Sohnes von Komatsu Akihito. Die Letztgenannte, eine außerordentlich schöne und liebreizende Dame, war von dem traurigen Schicksal betroffen worden, dass ihr Gemahl sie nach nur achttägiger Ehe verlassen hat, um eine einjährige Reise nach Chicago und Europa anzutreten. Leider konnte ich der Prinzessin mein Mitgefühl nicht ausdrücken, da sie nur der japanischen Sprache mächtig ist.

Nachdem Freund Sannomija, der heute als Zeremonienmeister fungierte, das Dejeuner angesagt hatte, reichte ich der Kaiserin den Arm, was ebenso wie das Schritthalten bei unseren so wesentlich differierenden Körpergrößen einige Schwierigkeiten bot; der Kaiser geleitete die Prinzessin Arisugawa, und so schritten wir durch die langen Gänge des Schlosses in den Speisesaal, welchen wir unter den Klängen der Volkshymne betraten. An dem Dejeuner nahmen vierzig Personen teil, darunter auch die Herren unserer Gesandtschaft und des Konsulates, Kommandant Becker mit mehreren anderen Herren vom Stab der “Elisabeth”, ferner alle Minister und die obersten Hofchargen. Ich saß neben der Kaiserin, welche eine sehr lebhafte Konversation mit mir führte, an der sich auch der Kaiser beteiligte, indem er sich insbesondere nach den Details der Reise erkundigte. Die Kaiserin scheint mit äußerst sympathischem Wesen ernstere Richtung zu verbinden und nicht die leichtblütigere, heitere Auffassung ihrer Stammesschwestern zu besitzen; dies dürfte wohl damit zusammenhängen, dass ihre Stellung, wie man sagt, zuweilen eine recht schwierige gewesen ist.

Das aus französischer Küche hervorgegangene Dejeuner war vortrefflich, die Getränke reihten sich den Werken der Kochkünstler würdig an, während die Tafelmusik noch nicht ganz auf der Höhe der Situation stand; hingegen servierten reich galonierte Diener — trippelnde Musumes in japanischer Tracht wären zweifellos interessanter gewesen — rasch und geschickt. Heimatlich fühlte ich mich dadurch berührt, dass bei dem japanischen Hofe das Zeremoniell unseres Hofes eingeführt ist. Die Tafelfreuden wurden mir übrigens einigermaßen dadurch verbittert, dass ich unter der hohen Temperatur zu leiden hatte, deren Wirkungen noch durch jene der vorzüglichen Weine und meiner dem Klima nicht angepassten Galauniform in unangenehmer Weise gesteigert wurden. Nach dem Dejeuner wurde Cercle gehalten und erfolgte die Vorstellung der Herren meiner Suite sowie der japanischen Würdenträger.

Von dem Prinzen Komatsu Akihito und von Sannomija geleitet, besichtigte ich sodann das Palais, welches ebenfalls europäische mit japanischer Einrichtung verbindet und ungemein reich, aber doch auch geschmackvoll ausgestattet ist. Die Wände der Korridore und Gemächer sind bedeckt mit Tapeten aus Seide und Goldbrokat, zumeist wahren Meisterwerken der Kunstwebereien in Kioto, während die Plafonds in kleine, durch Malerei und Vergoldung geschmückte Vierecke eingeteilt und die spiegelglatten Parketten mit Prachtteppichen europäischen Ursprunges belegt sind. Das Meublement in dem Audienzsaal, in dem Speisesaal und in den Vorräumen ist fast durchwegs europäisch, die Dekorationsgegenstände hingegen sind Produkte der japanischen Kunst und Industrie. In allen Räumen des Palastes ist elektrische Beleuchtung eingeführt worden, die jedoch, seit das Parlamentsgebäude infolge eines Schadens an einer gleichen Anlage ein Raub der Flammen geworden ist, nicht mehr in Funktion gesetzt werden darf, so dass gegenwärtig nur Kerzenbeleuchtung im Gebrauch steht, zu welchem Zweck an den Wänden kolossale, prächtig gearbeitete und reich vergoldete Bronzekandelaber angeordnet sind.

In unserem Palais, woselbst alle Prinzen vorgesprochen und viele Würdenträger ihre Karten abgegeben hatten, empfing ich noch den Besuch Seiner Majestät und kehrte hierauf nach Jokohama zurück, wo ich abends eintraf und mich sofort auf der ziemlich weit vom Land verankerten “Elisabeth” wieder einschiffte. Lange saß ich mit den Herren des Stabes auf dem Eisendeck beisammen, über die Erlebnisse der letzten Zeit plaudernd und die empfangenen Eindrücke austauschend.

Miyanoshita, 16 August 1893

This day was completely dedicated to rest, to the dolce far niente, as there were no temples to visit nor was the weather suitable for excursions. The morning I filled with shoping where I bought countless quite useless and valueless objects of various kind, feeding the goldfishes and watching the creation of a Japanese hairdo of a Japanese lady who despite wearing a negligee was not inconvenienced by our presence. Then we all put on kimonos and had ourselves photographed in the local dress which caused hilarity many American ladies especially our chief doctor who is blessed with a bit heavier body.

Especially well did one photograph turn out that showed me in the midst of my entourage who were all kneeling in the Japanese manner and covering the ground with their heads. As we were already enjoying the local customs, I undertook the quite painful procedure of getting a tattoo that required in a four hour session no fewer than 52.000 pinpricks and resulted in a resplendent dragon on my left arm — a joke I will probably come to regret du to its inextinguishable marks. A stroll and an excellent dinner completed this no very useful but quiet day of rest.

Mijanoschita, 16. Aug. 1893

Der Tag war völlig der Ruhe, dem dolce far niente gewidmet, da es weder Tempel zu besichtigen, noch des Wetters halber Ausflüge zu machen gab. Den Vormittag füllte ich mit dem Besuch der Kaufläden, woselbst ich eine Unzahl von recht nutz- und wertlosen Objekten der verschiedensten Art erstand, mit der Fütterung von Goldfischen und damit aus, dass ich zusah, wie die kunstvolle Frisur einer japanischen Dame entstand, die trotz ihres Negliges unsere Assistenz nicht verübelte. Dann legten wir alle den Kimono an und ließen uns in dieser Tracht photographieren, welche namentlich an unserem Chefarzt, der sich einer stärkeren Körperfülle erfreut, die Heiterkeit mehrerer jungen Amerikanerinnen erregte.

Besonders gelungen fiel eine Aufnahme aus, die mich umgeben von allen begleitenden Herren, diese aber nach japanischer Sitte kniend und mit der Stirne den Boden berührend darstellt. Da wir uns nun schon in landesüblichen Gebräuchen vergnügten, unterzog ich mich auch einer Tätowierung, aus welcher nach vierstündiger ziemlich schmerzvoller Prozedur, die nicht weniger als 52.000 Stiche erforderte, ein auf meinem linken Arme prangender Drache hervorging — ein Scherz, den ich wahrscheinlich seiner unvertilgbaren Spuren wegen noch bereuen werde. Ein Spaziergang sowie ein treffliches Diner beschlossen diesen, nicht eben sehr nützlich, aber ruhevoll verbrachten Tag.

Nagoja — Kosu, 15. Aug. 1893

Nagoja war nur als Nachtstation ausersehen, aber wir machten, zur Bahn fahrend, einen Umweg, um einen flüchtigen Blick auf das Kastell zu werfen und einen, wenn auch nur in den allgemeinsten Umrissen gehaltenen Eindruck von der Stadt zu empfangen. Diese liegt am rechten Ufer des Flüsschens Schonai und unweit der Owari-Bai, offenbart sich sofort als eine blühende Provinzstadt und war einst der Sitz der Fürsten von Owari, deren Haus durch einen Sohn Ijejasus begründet worden ist.

179.000 Einwohner zählend, ist Nagoja die viertgrößte Stadt des Landes und Hauptort des Departements Aitschi, sowie der Provinz Owari, welche zu der Landschaft des Tokaido gehört, das ist der Ostseestraße, der berühmten Landstraße zwischen Tokio und Kioto. In der Ebene gelegen, entbehrt die Stadt landschaftlich schöner Umrahmung, macht aber selbst einen ansprechenden Eindruck, nicht zum wenigsten, weil allenthalben in den zahlreichen, wohlausgestatteten Läden die Zeugnisse des strebsamen Gewerbefleißes ihrer Bewohner zutage treten.

Das Kastell, O Schiro, im Jahre 1610 als Residenz für Ijejasus Sohn gegründet und in der Anlage an die festen Burgen von Kumamoto und Osaka erinnernd, wurde ungeachtet der künstlerischen Ausstattung seiner Innenräume, nach dem gewaltigen Umschwung der Dinge in Japan dem Militär überantwortet, um später eine sachgemäßere Pflege durch das Departement des kaiserlichen Haushaltes zu finden. Der Raum zwischen dem äußeren und dem inneren Wall, vormals das Quartier der fürstlichen Samurais, umfasst jetzt Militärbaracken und Exerzierplätze. Von der Spitze des fünf Stockwerke hohen Donjons glänzen weithin über die Stadt zwei goldene Delphine, 26 m hoch und auf 462.800 fl. ö. W. geschätzt, welche im Jahre 1610 auf Kosten des berühmten Generals Kato Kijomasa, des Erbauers des Donjons, hergestellt wurden. Der eine dieser Delphine hat ein merkwürdiges, überraschenderweise mit Wien zusammenhängendes Schicksal gehabt, indem er, zur Wiener Weltausstellung gesandt, auf dem Rückwege mit dem Dampfer “Nil” versank, jedoch mit Überwindung großer Schwierigkeiten wieder gehoben und an seiner alten Stelle angebracht wurde.

Von Nagoja ab beschreibt die Bahnstrecke einen gewaltigen Bogen zuerst in südöstlicher Richtung bis Hamamatsu, dann nordöstlich gewendet über Schisuoka bis Iwabutschi, um von hier bis Numasu östlich zu verlaufen. Die Trace zieht sich im großen und ganzen die Küste des Stillen Ozeans entlang, der durch den Tokaido vorgezeichneten Richtung folgend; hochstämmige Cryptomerien und Zypressen säumen diese uralte Verkehrslinie, die häufig an die Bahn herantritt, ein. Auf der ganzen Strecke ist der Schienenstrang über zahllose, elegant gebaute Brücken geführt, welche eine Reihe größerer und kleinerer Flussläufe, Brackwassersümpfe, Lagunen und Buchten überqueren. Unmittelbar vor der Station Maisaka setzten wir auf einem endlos scheinenden Systeme von Brücken und Deichen über den See oder richtiger die Bucht Hamano hinweg, um bald nachher auf einer zu den Musterbauten Japans gerechneten, gewaltigen Brücke den Tenriu-gawa zu überschreiten.

Im ersten Teil der Fahrt bilden unabsehbare Reiskulturen, unterbrochen von Bambushainen, den Grundzug der Gegend, welche stellenweise einem Garten gleicht, aber keine landschaftlichen Reize bietet; wo die Bahn sich der Küste nähert, gewinnt das Bild ein lebhaftes Colorit durch Ausblicke auf die See. Später ändert sich die Szenerie; denn Hügelketten reichen aus dem Innern des Landes weiter hervor, gleichsam als wollten sie den Schienenstrang immer mehr gegen die See hindrängen. Bald treten wir in den Bereich des japanischen Hochgebirges; denn die Bahn berührt den Fuß des mächtigen Fudschi und umfahrt das Hakone-Gebirge.

Wer kennt nicht den Fudschi-san oder Fudschi-no-jama, in Europa meist Fusijama genannt, dieses Wahrzeichen Japans, welches uns als einer der beliebtesten Vorwürfe japanischer Kunst auf Lackarbeiten, auf Porzellan, auf Papier, in Holz und in Metall entgegentritt? Als heiliger Berg, zu dessen Gipfel alljährlich Tausende von Pilgern wallen, als alter Vulkan, der seit dem Jahre 1707 Landfrieden gehalten, erhebt sich der Fudschi, für den höchsten Berg Japans gehalten, zu 3760 m Höhe, isoliert, auf breiter Basis kegelförmig aufragend. Leider wurde die Spitze des uns aus hundertfältigen Nachbildungen geläufigen Originales sowie der anderen Höhen durch einen leichten Nebelschleier verdeckt. Immerhin bildete es einen wirksamen Kontrast, linkerhand zu dem gewaltigen Bergmassiv emporzublicken, rechterhand die Brandung des Stillen Ozeans und weithin die See mit den zahlreichen Fahrzeugen, deren Segel eine frische Brise blähte, zu überschauen.

Einem Wall gleich, sperrt das Hakone-Gebirge den Eintritt in den Kwanto, das ist den Osten des Tores, in die Tiefebene der Reichshauptstadt, gegen welche der Tokaido über den Hakone-Pass und eine Reihe anderer Übergänge führen. Hier auf dem Hakone-Pass befand sich unter der Tokugawa-Herrschaft die große, Kwan (Thor) genannte Wache, welcher die Sicherung der Zugänge zur Ebene oblag. Allenthalben öffnen sich freundliche Täler und tief eingeschnittene Schluchten, welchen rauschende Flüsschen und Bächlein entquellen. Wenn jene immerhin respektablen Gebirge, einschließlich des imponierenden Fudschi, auf uns nicht den Eindruck des Hochgebirges machen, so liegt der Grund wohl in der abgerundeten, zarteren Formation, während wir gewohnt sind, mit dem Hochgebirge die Vorstellung von steil aufragenden, schroff abfallenden, kantigen, rissigen Felsgebilden zu verbinden.

Leider wurde der Genuss der an uns in wechselreichen Bildern vorbeiziehenden Landschaft arg gestört durch die Nachwirkungen der schlechten als Heizmaterial verwendeten Kohle, deren Staub alles bedeckte, wie denn auch in anderer Hinsicht noch nicht in europäischer Weise für den Komfort der Reisenden gesorgt ist.

In Kosu, einem beliebten Badeort, verließen wir den Zug, um uns nach der Sommerfrische Mijanoschita in dem an Thermen reichen Hakone-Gebirge zu begeben, bevor wir uns in Tokio in den Strudel der offiziellen Festlichkeiten stürzten. Ein Teehaus, welches Ausblick auf die brandende See hat, nahm uns durch kurze Zeit gastlich auf, bis wir die Fahrt nach Mijanoschita mittels Tramway antraten, die uns in westlicher Richtung dem Tokaido folgend, nach Überquerung des Sakawa-gawa und eines kleinen Baches zunächst nach Odawara brachte, dem Hauptort der Provinz Sagami und einstens verknüpft mit dem berühmten Haus der Hodschos, welches hier von dem gewaltigen Taiko-sama im Jahre 1590 vernichtet worden ist. Gegenüber den Ruinen des Schlosses von Odawara wurden die Pferde gewechselt, während die Leute hier wie anderwärts aus den Häusern liefen, uns neugierig zu betrachten, da unser Aufzug einigermaßen komisch sein mochte. Der Kutscher, welcher meinen Wagen lenkte, versah diese Aufgabe im Frack und in weißer Kravatte, sowie mit hohem Zylinder angetan und zog, von der Wichtigkeit seiner Funktion durchdrungen, die Bremse jeden Augenblick an, dass die armen Pferde den Wagen nur dampfend und keuchend vorwärts brachten; der Leibjäger aber spielte, in voller Parade, mit Sturmhut und Schwert ausgerüstet, rückwärts auf dem Wagen den Conducteur.

Wir überschritten den Haja-gawa und waren nicht lange nachher in Jumoto angelangt, wo wir die Tramway mit Dschinrickschas vertauschten, welche sich, von je drei Läufern gezogen, alsbald gegen Mijanoschita zu in Bewegung setzten und der Bergstraße folgten, die sich dem windungsreichen Thale des rauschenden Flusses anschmiegt. Jumoto, ausgezeichnet durch eine heilkräftige Schwefeltherme, ist eine Sommerfrische mit zahlreichen, zierlichen Häuschen, welche, an die Lehne des Bergzuges gebaut, im Sommer kühlen, angenehmen Aufenthalt bieten mögen.

Unser Pfad führt in Serpentinen am rechten Flussufer steil hinan, während tief unter uns, von Bäumen fast verborgen, der Haja-gawa dahinströmt; die Lehne, welche uns die wackeren Läufer emporschleppen, zeigt Baumwuchs, während die gegenüberliegende, die sonnseitige, wie wir in der Heimat sagen würden, baumlos und nur von hohem Grase bedeckt ist, da offenbar auch hier schonungslos abgestockt, aber auf Wiederaufforstung nicht Bedacht genommen wurde. In anmuthiger Weise ist die Szenerie dadurch belebt, dass, wo immer ein Quell dem Felsen entsprudelt, ein Teehäuschen den Wanderer aufzunehmen bereit ist und fröhlich blickende Musumes dem Ermüdeten Tee zur Stärkung reichen.

Bei Tonosawa, etwa im ersten Drittel des Weges gelegen und gleichfalls im Besitz heißer Quellen, bleibt das Auge an einem weißen, auf dem gegenüberliegenden Hügel errichteten Bauwerk haften, welches mir als eine griechisch-orthodoxe Kapelle, gestiftet von einer russischen Gräfin, die lange in Japan gelebt hat, bezeichnet wurde; doch soll sich die Mission jenes Bekenntnisses keiner besonderen Erfolge erfreuen.

Wir waren über 400 m emporgefahren, als wir gegen 7 Uhr abends Mijanoschita erreichten, den Badeort, welcher um seiner Quellen und der reinen Luft sowie der angenehmen Spaziergänge willen viel gepriesen ist und, soweit ich überblicken konnte, eigentlich nur aus Hotels und hiezu gehörigen anderen Häusern nebst einigen Kaufläden besteht. Meine Erwartungen waren durch Schilderungen zu hoch gespannt worden, so dass ich mich einigermaßen enttäuscht fand; die Gegend kann nicht Anspruch erheben, fesselnden landschaftlichen Reiz zu bieten oder durch charakteristische Gebirgsformation besonders ausgezeichnet zu sein.

Die Ansiedlung selbst ist, wenigstens was das große Hotel, in dem wir untergebracht waren, anbelangt, ganz europäisch eingerichtet und auf Engländer sowie Amerikaner berechnet, und nur die Bedienung durch weibliche Kräfte erinnert an Japan, ohne welche ich ebensogut glauben konnte, mich in einem Schweizer Etablissement zu befinden. Ich war von dem Wunsch erfüllt gekommen, in der Landschaft und in der Ansiedlung Original-Japan — Hochgebirge mit japanischen Alpenhütten — zu finden, und ein gemütliches Stilleben, wie in Mija-schima unvergesslichen Andenkens, hatte mir vorgeschwebt, während ich nun in einer Allerweltslandschaft ein fashionables Hotel fand, in welchem der Klang des Gongs zu Breakfast, Lunch und Dinner rief und englische Laute ertönten. Hingegen wirkten der völlige Mangel sich verneigender Würdenträger und die frische, erquickende Bergesluft erfreulich.

Ich schlenderte noch einige Zeit in der weithin sich ziehenden Talschlucht umher, nebenbei von der Absicht geleitet, etwas von der Fauna, namentlich Wild dieser Gegend zu Gesicht zu bekommen und zum mindesten Vögel singen zu hören — aber vergeblich. Nur die gemeine Krähe war häufig zu sehen, obschon ihrem Geschlecht völlige Vernichtung geschworen sein soll, seit sich einer dieser Vögel gegen einen im Garten seines Schlosses lustwandelnden Mikado unehrerbietig benommen hat und daher die aller Ehrfurcht und Etiquette baren Tiere durch ein Edikt in Acht und Bann getan worden sind. Zwar sind Japan interessante Raubtierarten sowie eine Hirsch- und eine Antilopenart eigen, worauf zu jagen mir ebenso erwünscht gewesen wäre, wie auf die allenthalben vorkommenden Fasanen; doch befanden wir uns weder in der richtigen Saison, noch auch wäre es mit Rücksicht auf das Reiseprogramm möglich gewesen, dem Waidwerk zu obliegen, so dass die Büchse in Japan ruhen musste.

Die Schwefelquellen, welche nachhaltige Wirkung wider allerlei Leiden haben sollen, sind hier in ein großes Badeetablissement japanischen Charakters geleitet.