Agra, 12. Februar 1893

Die Bahn überschreitet auf einer großen Gitterbrücke den heiligen Dschamna-Strom und mündet in der sogenannten Fort Station. Schon vom Bahnhof aus sieht man nach Osten hin im Rückblick gegen den Dschamna-Strom die Umrisse des weitläufigen Forts, schlanke Türme und Minarets.

In halbstündiger Wagenfahrt Agra durchquerend, um zu unserem Absteigequartier, dem uns vom Maharadscha von Dschaipur zur Verfügung gestellten Palast, zu gelangen, fragten wir uns wiederholt, wo denn eigentlich die Stadt sei. Etwa 28 km2 Fläche in den Wällen einschließend und im ganzen etwa 165.000 Einwohner zählend, bietet die Altstadt Agra, einst die Reichshaupt- und Residenzstadt der Großmoguln, und auch heute noch nach Delhi die größte Stadt des oberen Gangesbeckens, einen sonderbaren Anblick. Zahllose, einzeln stehende Gebäude wechseln hier mit kleinen Häuserkomplexen, dann wieder mit großen Schutthaufen und Ruinen, mit Gärten, Feldern und ausgedehnten Heideflächen ab.

Der Grund dieses seltsamen Stadtbildes liegt einesteils darin, dass Agra, dessen Geschichte und Bedeutung nicht weiter zurückreicht als auf die Großmoguln Babar (1494 bis 1530) und Akbar (1556 bis 1605), den ursprünglichen Plänen seiner Erbauer gemäß, eine räumlich weit ausgedehntere Anlage darstellen sollte, als es der Lauf seiner baulichen Entwicklung gefügt hat; andererseits darin, dass ein bedeutender Teil der Stadt ganz verfallen ist. So ist es gekommen, dass Agra, mit Ausnahme der aus aneinanderschließenden Häusergruppen gebildeten Hauptstraße und des Bazars, nur vereinzelt stehende, über die ganze Fläche hin zerstreute und verteilte Gebäude aufzuweisen hat.

Der Palast, den wir bewohnen, liegt in einem ganz verwilderten Park, in dem es von Pfauen und Papageien wimmelt, da diese den Park mit ihrer Farbenpracht, leider aber auch mit ihrem Geschrei erfüllenden Tiere hier auf Befehl des Maharadschas tagtäglich gefüttert werden. Von außen betrachtet unscheinbar, erscheint der Palast an seiner Innenseite dadurch bemerkenswert, dass keiner der vielen, in demselben enthaltenen Räume auch nur ein einziges Fenster besitzt, sondern alle Wohnräume lediglich durch Oberlicht spärlich beleuchtet werden. Während der heißen Jahreszeit mag diese Einrichtung, da sie die Gemächer verhältnismäßig kühl erhält, recht praktisch sein; zu der gegenwärtigen Zeit jedoch und obendrein bei der für Indien abnorm tiefen Temperatur des Winters 1893 fror es uns in den ganz unwohnlichen, an Gefängniszellen mahnenden Räumen des Palastes jämmerlich.

Diese Verhältnisse, welche mich wohl berechtigen dürften, meinem Absteigequartier zu Agra den Namen des „ungemütlichen Palastes“ beizulegen, bestimmten uns, schleunigst zu der programmäßigen Rundfahrt durch das Sehenswürdigkeiten aller Art einschließende Gebiet von Agra aufzubrechen. Zunächst begaben wir uns nach Sikandra, zu dem Grabmal Akbars, welches sich im Nordwesten von Agra erhebt.

Diese Fahrt gewährte mir einen Überblick über die Lage und Gestaltung der Stadt. An dem rechten, dem Westufer der Dschamna, dieses wasserreichen, fruchtbare Alluvien bildenden Stromes gelegen. gliedert sich Agra heute in folgende Teile: die Altstadt, unter Akbar doppelt so stark bevölkert als jetzt und heute nur mehr wenige Merkwürdigkeiten aus jener Zeit bewahrend, als Agra (1568 bis 1658) Residenz der Großmoguln von Hindustan gewesen; die fast ganz verfallenen Vorstädte; die englische Lagerstadt im Süden; die Civil lines mit dem Gerichtsgebäude, den Ämtern, dem Government College und dem Zentralgefängnis im Norden; endlich knapp am Südostende der Altstadt und nächst dem Bahnhof, das von Akbar erbaute Fort.

Die Geschichte Agras ist in eine für Indien, das Land der tausendjährigen Reich, verhältnismäßig kurze Epoche zusammengedrängt. Im Jahre 1527 fiel Agra, bis dahin eine der Residenzen des mohammedanischen Hauses Lodi, in die Hände Zehir ed din Mohammeds, genannt Babar (der Tiger), des ersten Großmoguls in Indien. Babar ist der Begründer jener von Timur Leng (Tamerlan) und Dschengis Khan stammenden Dynastie — mongolischer Abkunft, jedoch mohammedanischer Religion — gewesen, welche, das Schwert in der Hand, an der Spitze furchtbarer Reiterscharen die Fürsten Indiens ihrer Macht unterworfen und hier das Reich der Großmoguln errichtet hat, welches unter Baber, Akbar, Aurengzeb zu hoher Macht gelangt, endlich an die Engländer gefallen ist. Seit dieser Zeit als Titularkönige Pensionäre Englands, doch stets zu Intriguen und Aufständen wider die sich rasch und kräftig entwickelnde britische Suprematie bereit, haben die Großmoguln, wenn auch factisch der Macht, so doch nicht allen Einflusses beraubt, ein unstetes Leben verbracht. Der Tod Schah Bahadurs (1862), des letzten „Kaisers“, eines achtzigjährigen Greises, und die Hinrichtung fast aller seiner Nachkommen nach der Eroberung von Delhi durch die Engländer (1857) hat die Dynastie der indischen Timuriden rasch ins Reich der Vergessenheit geführt.

Die Glanzperiode der Moguln begreift die Regierungen Babers, Akbars, Dschehangirs, Schah Dschehans und Aurengzebs. Unter diesen Fürsten hat sowohl die Pracht des Hofes, zu dem Gesandte, Gelehrte, Künstler, Priester aus aller Herren Ländern strömten, als auch der Umfang des Reiches der Großmoguln und ihr Machtgebot den Gipfelpunkt erreicht. Die Epoche des Verfalles ist durch eine Reihe von Momenten charakterisiert: einerseits das Anwachsen der britischen Macht und die Occupation des Staatsgebietes der Moguln durch die Engländer; andererseits Eingriffe der benachbarten Fürsten in die Machtsphäre der rasch von ihrer Höhe herabsinkenden Timuriden; Intriguen politischer Natur; übertriebener Luxus, sinnlose Verschwendung und dadurch hervorgerufene finanzielle Kalamitäten; Hofkabalen, Verschwörungen und dunkle Taten, in denen Gift und Dolch ihre meuchlerische Rolle spielten. Alle diese und noch andere Momente, welche nicht nur das Schwinden äußerer Macht dartun, sondern auch von der inneren Dekadenz des einst so gewaltigen Timuriden-Geschlechtes zeugen, haben schließlich zum Sturz des Mogulnreiches, ja zum politischen Erlöschen seiner Dynastie geführt.

Doch ich kehre zu Agra selbst und zu den Resten seines Glanzes zurück. Die Altstadt bot uns während der Fahrt wenig Beachtenswertes, immerhin erweckten einige Moscheen und Tempel, sowie das Getriebe der Einwohnerschaft unsere Aufmerksamkeit. Als wir den
Torbogen und die Bastion der alten Delhi-Pforte passiert hatten und der alten, mit Meilenzeigern (Kos minar) besetzten „Mogulischen Kaiserstraße“ nach Lahore und Kaschmir in der Richtung gegen Sikandra folgten, wurden zu beiden Seiten zahlreiche Grabmonumente und sogenannte Baoli (Quellstuben mit zierlich gebauten Ruheplätzen) sichtbar. Auch muss ich einer mit Fresken bedeckten, vielleicht modernen Umfassungsmauer gedenken, deren Wandschmuck Aufzüge, Kämpfe und Jagden darstellt, in welchen Elephanten eine große Rolle zugedacht erscheint.

Alles dieses tritt aber zurück vor dem Ziel unserer Fahrt, dem Grabmal, das Akbars Asche birgt. Dieses imposante Mausoleum ist von einem weitläufigen, im Quadrat gebauten Karawanserai umgeben. An der Außenseite lediglich einer Festungsmauer gleichend, die von vier Riesentoren und von mehreren ihrer Spitze beraubten Minarets unterbrochen ist, diente das Karawanserai, wie schon der auch uns geläutige Name sagt, zum Obdach für Pilger und Reisende. Die Tore gewähren Einlass in den von den Mauern umschlossenen Innenraum, einen wohlgepflegten, mit Palmen, Mango- und Bananenbäumen bepflanzten Garten, in dessen Mitte sich das Mausoleum erhebt. Fesselt uns schon der Anblick der Tore, hoher, elegant profilierter Bauwerke mit zahlreichen Nischen und Türmchen, sowie die musivische Arbeit ihrer Steinfassaden, so fasst uns geradezu Erstaunen und Bewunderung, sobald wir durch eines der Tore in den Innenraum geschritten sind und den langen, geradlinigen, von großen Wasserbassins unterbrochenen, mit Steinplatten belegten Weg hinter uns haben.

Da ragt vor uns das Grabmal Akbars auf; ein Bild erhabener Größe, hehr und ruhig, trotz all der Säulen, Hallen, Vorbaue, Kioske und künstlich gefügten Fassaden, welche den stolzen Bau verschwenderisch schmücken, ohne dass die Zier sein Wesen stört. Von der als Basis dienenden, aus weißen Steinen gefügten Plattform streben als Stufenpyramide fünf Stockwerke auf, deren Plattengestalt vermöge des treppenförmigen Aufbaues des ganzen Bauwerkes auf jedem der Absätze Terrassen freilässt. Um jede der Terrassen nun, mit Ausnahme jener, welche als quadratische Fläche das Gebäude oben abschließt, läuft eine gewölbte, offene, von kannelierten Säulen und Kielbogen getragene Gallerie, welche in regelmäßigen Abständen erkerartige, viereckige Vorbaue bildet. Jeder der Vorbaue ist von einem baldachinartigen Kiosk mit quadratischer Grundfläche überhöht, dessen platte Kuppel und weit vorspringendes Dach auf Kielbogen und Säulen mit indo-korinthischen Kapitälen ruhen. Ausladende Geländer und allerlei ornamentaler Schmuck gestalten die Profilierung der Vorbaue noch reicher.

Der Zauber der Farben, — die vier unteren Stockwerke bestehen aus rotem Sandstein, all ihre Galerien, Kioske und Geländer aber und das ganze oberste Stockwerk aus köstlichem schneeweißen Marmor — das phantastische Spiel der Ornamente, die zierliche Grazie der Dekoration, die herrliche Steinarbeit der spitzenartig durchbrochenen Geländer: alles dies bildet mit seinem intimen Reiz einen überaus fein empfundenen Gegensatz zu den grandiosen Dimensionen und zu dem im ganzen strengen, fast antikisierenden Lineament des pyramidal aufstrebenden Mausoleums.

Wie nach den ersten Augenblicken des Entzückens die Prosa des Lebens wieder in ihre Rechte zu treten weiß, so frug auch ich, noch angesichts des herrlichen Grabdenkmales, das Dschehangir, der Sohn Akbars seinem Vater errichtet hat, nach dem Wie und Woher des Baumateriales. Der bei Fatehpur Sikri nächst Agra vorkommende Sandstein —und dieser hat bei dem Mausoleum Verwendung gefunden — unterscheidet sich von seinen europäischen Verwandten durch seine auffallende Härte, welche es zulässt, dass aus dünnen Platten die feinst durchbrochenen Gitter geschnitten werden können. Er ist rot, gelb gesprenkelt oder von gelben Adern durchzogen. Der glänzend weiße, äußerst widerstandsfähige Marmor des Grabdenkmals stammt aus Makräna bei Dschaipur.

Was die Dimensionen des Gebäudes anbelangt, so misst seine Höhe 33 m, die Länge jeder der vier Fronten an ihrer Basis 100 m. In der Mitte des Gebäudes liegt in einem unterirdischen, mittels einer schiefen Ebene zugänglichen Raume Akbars Sarkophag, aus weißem Marmor gefügt und mit arabischen Inschriften bedeckt. Hier ist Akbars Asche beigesetzt, während im obersten Stockwerke des Mausoleums nach asiatischer Sitte ein Kenotaph, ein leeres Facsimile des in der Gruft befindlichen Sarkophags, steht. Vor Akbars Kenotaph erblicken wir ein kleines Postament, welches dereinst den sagenumwobenen Koh-i-nur, „Berg des Lichtes“, getragen hatte, einen der größten Diamanten der Welt, der drei Jahrhunderte lang von einem indischen Schatzhaus zum anderen, von dem Grabe Akbars in die Hand Nadir Schahs, des despotischen Usurpators, und schließlich in jene der Ostindischen Kompanie gewandert ist, bis er im Jahr 1850 dem britischen Kronschatz einverleibt wurde.

Im Erdgeschoss sind vier mohammedanische Frauen Akbars in prachtvollen, reich geschnitzten und eingelegten Sarkophagen heigesetzt, deren jeder in einer eigenen Halle steht, welche mit Marmormosaik und arabischen Inschriften bedeckt ist.

Jede der vorerwähnten Terrassen an der Außenseite des Mausoleums, die man auf einer kleinen Stiege betreten kann, bietet etwas Charakteristisches; am schönsten und geradezu verblüffend ist die oberste marmorne Terrasse, indem dieselbe von einer aus Marmorplatten gemeißelten, ein arabeskenartiges Gitter darstellenden Geländerwand umgeben ist. Dieses Gitter zeigt in jedem einzelnen Stücke eine andere Zeichnung von seltener Zartheit. Mit Ausnahme des roten Sandsteines der unteren Stockwerke ist alles blinkender Marmor: das Gitter, der Fußboden, die Gallerien, die Kioske und die Sarkophage.

Entzückt von dieser Stätte der Erinnerung an die alte Pracht und Herrlichkeit der Großmoguln, verließ ich das Mausoleum, um in den Bazar von Agra zu fahren und daselbst meiner Gepflogenheit gemäß nach Acquisitionen für meine ethnographische Sammlung zu fahnden. Die Straße, welche den Bazar bildet, ist eng, mit großen Steinplatten gepflastert und zeichnet sich durch die reizenden Fronten der Häuser aus; beinahe an jedem Gebäude befinden sich jene kunstvoll geschnittenen Geländer, Gitter und Säulen, welche charakteristische Merkmale von Agra bilden. In dem reichen und belebten Bazar fand ich nach langem Handeln manch Bemerkenswertes, das wohlverpackt in meine Heimat wandern soll.

Da inzwischen der englische Commissioner gekommen war, unternahmen wir nachmittags die Besichtigung des Forts und des Tadsch Mahal. Leider hatte sich das Wetter völlig getrübt. Es gieng starker Regen nieder, welcher uns der Freude beraubte, diese beiden herrlichen Bauten bei Sonnenlicht zu sehen.

Das Fort ist der befestigte Palast der Moguln und wurde zu Ende des 16. Jahrhunderts und im Laufe des 17. Jahrhunderts, zum größten Teil von Schah Dschehan, dem Sohn Dschehangirs, erbaut. Eine außerordentlich starke, aus riesigen Sandsteinquadern gefügte, krenelierte Mauer mit vielen runden Ecktürmen umgibt das Fort. Rings um dasselbe läuft ein breiter, mit Wasser gefüllter Wallgraben. Die massiven, betürmten Außentore des Forts gewähren nur durch seitliche, im schiefen Winkel gegen die Hauptmauer gestellte Seitenpforten Eingang in das jetzt mit englischer Besatzung belegte Bollwerk von Agra.

Das erste, was man, vom Westen her durch das Delhi-Tor eintretend, zu Gesicht bekommt, sind Kasematten, Batterien und auf einem freien Platz ein ganzes Arsenal ausrangierter Kanonenrohre der verschiedensten Systeme. Hat man diese Anordnungen der Kriegskunst passiert, so gelangt man in den eigentlichen Palast der Moguln, der verhältnismäßig noch gut erhalten ist und Reste seiner einstigen, geradezu verschwenderischen Pracht und Herrlichkeit zeigt. Der Palast ist nach unseren Begriffen allerdings kein einheitlicher Bau, sondern eine ganze Reihe von Prachtgebäuden, offenen Sälen, Veranden, Plattformen, Höfen, Moscheen, Bädern u. a. m., die einen großen Raum bedecken und sämtlich durch Gänge und Treppen miteinander verbunden sind. Bedenkt man, dass fast alle diese Gebäude, soweit nicht der landestümliche rote Sandstein Verwendung gefunden hat, aus reinem weißen Marmor bestehen, der mit Gold, Malerei und künstlerischem Mosaik aus Halbedelsteinen bedeckt ist, so kann man sich annähernd einen Begriff von dem Luxus machen, der einst hier geherrscht hat.
Zunächst wurde uns in dem neueren Teil des Palastes der große, unter Aurengzeb vollendete, von Nord nach Süd 70 m lange Audienzsaal Diwan-i-Am gezeigt, eine nach drei Seiten hin offene Halle, deren Dach von drei Reihen mächtiger Säulen getragen wird, welche an den Sockeln und Kapitälen eigentümliche, altindische Formen zeigen. An der Rückwand der Halle erhebt sich in einer Nische der Marmorsockel, auf dem einst der Thron des Moguls gestanden hatte, und über der Nische, deren Wände mit Pietradura-Arbeiten und Tiefreliefs geziert sind, ein mit kostbaren Steinen eingelegter Marmorbaldachin. Hier pflegte der Mogul die großen Audienzen abzuhalten, Deputationen und Vertreter fremder Fürsten zu empfangen.

In dem an die Audienzhalle anschließenden, ringsum von einer Gallerie umschlossenen Hof, der im ersten Stockwerke die einfach ausgestatteten Frauengemächer enthält, fischte der Mogul zum Zeitvertreib. Das Wasser für diesen Fischweiher musste von Trägern erst herbeigebracht werden; späterhin wurde es durch ein besonderes Pumpwerk zugeleitet. Ein Söller in der Gallerie dieses stillen Hofraumes bildete den Lieblingssitz des Gewaltherrschers, der, jahraus jahrein von Kriegslärm umbraust, von wahrhaft königlicher Pracht übersättigt, Schwert und Szepter mit der Angelrute vertauschte, um hier träumerisch die Fische zu locken; er, der Ungestüme, ein geduldiger Angler, er, dessen Kronjuwelen und Beutestücke die Schatzkammer bis an den Rand füllten, ein seines zappelnden Fanges froher Mann. Und selbst in diese Stunden stillen, bescheidenen Glückes des Fürsten schlichen sich Höflingslist und wohldienerischer Betrug ein. Ließ doch, wie die Chronik berichtet, der Günstling des Moguls, auf dass dessen Laune sich nicht durch Misserfolg trübe, vom Fürsten unbemerkt, gewandte Schwimmer, wie sie einst Neros Badeschloss auf Capri gekannt, tauchen und die allergrößten Fische heimlich an dem Köder befestigen.

Ein Schönheitswunder ist der marmorne Privat-Audienzsaal, Diwan-i-Khas, „die Halle der Erlesenen“, der in verkleinertem Maßstab dem großen Audienzsaal nachgebildet ist, diesen jedoch in der Ausschmückung des Raumes, in dem Reichtum der Mosaikarbeiten und in der Eleganz der Formen weit übertrifft. Vor dem Audienzsaal liegt eine große Plattform, von der man gegen Ost und Süd hinausblickt auf den Strom, auf fruchtbare Gelände und lachende Fluren und auf den Tadsch Mahal, der schon von hier aus, des schlechten Wetters ungeachtet, durch die ruhige Majestät seiner Gestalt einen imponierenden Eindruck hervorruft. Von dieser Terrasse sahen die Moguln, durch eine hohe Mauerwand gegen etwaige Angriffe der gereizten Tiere geschützt, den Tiger- und Elephantenkämpfen zu, die in dem erweiterten Wallgraben veranstaltet wurden.

Der Thron, auf welchem die Moguln bei diesen Kampffesten ruhten, — ein großer, schwarzer, in der Mitte geborstener Steinblock — ist noch erhalten und gegenüber diesem auf derselben Terrasse noch ein zweiter von gleicher Form, aber aus weißem Marmor. Abergläubisch und phantastisch wie alle Orientalen, verknüpften die Bewohner des Landes den Riss, der mitten durch die Platte des Schwarzen Thrones geht, mit märchenhaft ausgeschmückten Erzählungen aus der Kriegsgeschichte des Forts von Agra. „Eher wird dieser harte Stein in Stücke gehen“, rief, wie die Einen berichten, der Großmogul, „als dass ich mein verpfändet Wort breche“. Doch des Moguls Wort war so wenig felsenfest als jener Stein, der an jenem Tag entzweisprang, da der Fürst einen Treubruch begangen. Die Anderen wissen zu sagen, der Riss in dem Stein rühre von dem Unglückstag her, da Dschowahir Singh, der Radscha von Bhartpur, nachdem er Agra erstürmt, es gewagt hatte, Platz zu nehmen auf dem Throne der Timuriden.

Doch auch die jüngste Epoche der indischen Kriegsgeschichte hat der viel umstrittenen Steinplatte des Schwarzen Thrones von Agra ein Wahrzeichen verliehen: die Spuren einer englischen Kanonenkugel, die während der Belagerung Agras im Jahre 1857 hier einschlug; ricochettierend flog das Geschoss weiter und durchschlug ein herrliches geschnitztes Marmorgitter nächst der Audienzhalle. Auch an anderen Stellen findet man in den Ornamenten und Schnitzereien Schäden, die von Geschützkugeln herrühren.

Neben der Audienzhalle zieht sich eine lange Reihe von Gemächern, Säulengängen und Plattformen hin, die zu den privaten Wohnräumen der Moguln gehörten. Sie einzeln zu beschreiben, würde zu weit führen; ließen sich doch ganze Bände schreiben über diese Pracht, diese Fülle von Marmor, Gold und Mosaik, über die Reminiscenzen an die Leistungsfähigkeit, den Fleiß, den Formensinn der kunstgewerblichen Arbeiter und der künstlerisch so feinfühligen Handwerker, die, von prachtliebenden Bauherren gedungen, von in- und ausländischen Meistern angeleitet, Agras Ruhm als Schatzkästlein der Bau- und Dekorationskunst Indiens mitbegründen halfen.

Das Geschick für eingelegte Marmorarbeiten mit Arabesken und Blumenmustern hat sich unter den Werkleuten Agras bis zum heutigen Tag erhalten. Dass fremdländische Künstler bei der Errichtung und Ausschmückung der Bauten in Agra Einfluss genommen haben und namentlich Austin de Bordeaux, unter Schah Dschehan hier in hervorragender Weise tätig gewesen ist, wird durch die noch erhaltene Baugeschichte des Tadsch bekräftigt. Trotz der Seltsamkeit, der originellen, ja barocken Formen und der mit orientalischer Üppigkeit angehäuften Ornamentik der Bauten von Agra erschien uns hier nichts überladen, geschweige für das Auge beleidigend; im Gegenteil, alles künstlerisch gestaltet und von eigenartiger Schönheit.

Auf einer der Plattformen des Palastes fand ich in dem Marmorboden aus verschiedenfarbigen Steinen zusammengesetzte Quadrate und Zeichen eingefügt, welche mir auf mein Befragen dahin gedeutet wurden, dass die Moguln hier ein dem Schach ähnliches Spiel — Patschisi — gespielt hätten, wobei lebende Menschen, meist schöne Mädchen, die Figuren darstellten. Jede der Figuren stand auf einem der Quadrate und musste sich auf Befehl des Herrschers den Zügen entsprechend bewegen.

Ich darf nicht vergessen, eines besonders schönen, oberhalb der Wallmauer vorspringenden Erkers zu erwähnen, der von einem Kiosk überdeckt ist und das Lieblingsplätzchen der Moguln bildete. An dieser Stelle pflegte der Herrscher jede Bitte willfährig entgegenzunehmen; ein Umstand, der dahin führte, dass die Bittsteller aus dem Volk die Gelegenheit wahrnahmen, sich an den Rand des Festungsgrabens zu begeben, um von dort aus mit lauter Stimme den auf dem Erker ruhenden Fürsten um Gnade anzuflehen.

Bemerkenswert sind auch noch die Baderäume im Schisch Mahal, „Spiegelpalast“; dieselben sind völlig fensterlos und enthalten in der Mitte große Marmorbassins mit Springbrunnen und Wasserkünsten. während die Wände groteske Arabesken aufweisen, die mit unzähligen kleinen Spiegelplatten mosaikartig ausgelegt sind.

Noch tiefer als die Bäder, in einer Art Kellerraum, liegen die sogenannten Sommerwohnungen, durch Korridore untereinander verbundene. düstere Gemächer, die in der heißesten Jahreszeit vom Mogul und seinem Serail bewohnt worden sein sollen. Kleine Öffnungen in der dicken Mauer spenden diesen Räumen äußerst spärliches Licht.

Wie bei allen alten Palästen und Forts fehlte auch hier nicht eine Hinrichtungskammer, ein gar schauerliches und völlig lichtloses Gemach, mit einem Querbalken versehen, an welchem die Delinquenten justifiziert wurden. Der Körper des Gerichteten fiel in einen schlauchförmigen Kanal, durch welchen er in den Fluss gespült wurde, den Raben und Geiern zum Fraß.

Kaum glaublich erscheint, dass die Moguln in verhältnismäßig kurzer Zeit mit den primitiven Arbeitsmitteln früherer Jahrhunderte derartige Prachtbauten auf- und auszuführen vermocht haben. Es lässt sich dies nur dadurch erklären, dass einerseits die fürstlichen Bauherren Tausende von Leuten, ja, wenn es nötig erschien, fast die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung der Provinz, in welcher das Werk erstehen sollte, zum Frohndienste zwangen und auf diese Weise zahlreiche und spärlich entlohnte Arbeitskräfte zur Verfügung hatten — und dass andererseits jeder bei Todesstrafe sich dem eisernen Willen orientalischer Herrscher beugen musste. Dabei waren die Moguln vernünftige und verständnisvolle Männer, die, sich nach ihrer Art selbst abendländischer Kultur und Kunst nicht verschließend, an ihrem Hof manchen europäischen Künstler beherbergten, um sein Wissen, seine Erfindungsgabe und sein Geschick zu nützen.

Den ältesten Teil des Palastes bildet ein in rotem Sandstein aufgeführtes, quadratisches, einen großen Hof einschließendes Gebäude. Die Bauart desselben sowie die Säulen, Giebel und Kapitäle sind sehr bemerkenswert, da sie in ihrer Konstruktion noch ganz das rohe Holzgebälk, die Holzverzierungen und die Stützen eines Daches imitieren. In diesem Hof soll sich im Jahre 1700 jene seltsame Audienzszene abgespielt haben, in welcher der erste von England an den Hof der Großmoguln abgeschickte Gesandte, dem damals hier üblichen Zeremoniell gemäß, Seiner mogulischen Majestät auf allen Vieren kriechend nahen musste. Seit jener Zeit hat sich in Indien gar viel geändert, sind die Rollen der indischen Radschas und der britischen Residenten gegeneinander völlig vertauscht. Musste der Gesandte Albions vor kaum zwei Jahrhunderten noch in der Haltung eines Vierfüßlers Palast und Saal des Moguls betreten, so sieht man heute die Erben der stolzesten Namen von Hindustan — bildlich gesprochen — vor jedem der englischen Machthaber sich beugen; freilich mit verhaltenem Grimm und vielleicht mit der geheimen Hoffnung im Busen, dass eines wohl unabsehbaren Tages das rollende Rad der Zeiten die Geschicke Indiens wieder nach der Seite der Radschas wende.

Auch dieser Palast hat seine eigene Moschee, nur ist diese, der Pracht des Ganzen entsprechend, besonders schön und mächtig gehalten. Ihr Name ist „Perl-Moschee“ (Moti Mesdschid), ein Name, der entweder die Kostbarkeit der Moschee bezeichnen soll oder von der silberweißen Farbe ihrer Kuppeln und Säulen herrühren mag. Die Konstruktion dieser Moschee gleicht jener der meisten ähnlichen Bauten in Indien. Die Wälle des Forts hoch überragend, von Schah Dschehan erbaut und im Innern auf das köstlichste mit weißem, bläulichem und grauem Marmor geschmückt, bildet die Moschee als Stirnseite eines weiten, von Marmorsäulenhallen umschlossenen Hofes eine luftige, von drei Säulenreihen getragene Bogenhalle, über der sich drei Kuppeln erheben. Der weiße Marmor der mit goldenen Spitzen gekrönten Kuppeln, der rote Sandstein der Außenwände und Portale, die Verzierungen, Steinarbeiten, Inschriften im Innern der Moschee, ihre hohe Lage — alles vereint sich, um diesem Kleinode sarazenischer Baukunst einen eigenen Reiz zu verleihen. Im Innern ist, wo nicht Mosaik, Inschrifttafeln oder Nischen andere Farben zeigen, alles weiß in weiß; sogar der Boden des großen Vorhofes ist mit Marmorplatten belegt. Architektonisch bemerkenswert ist der Aufbau der Säulenhalle mit ihren dreifachen Säulenreihen und ihrem spiegelglatten Boden. In diesen sind für die Gläubigen — gegen Mekka gewandte — Gebetplätze eingelegt, welche sich als in Marmormosaik ausgeführte Imitationen von Gebetteppichen darstellen.

Ich bestieg das Dach, um von dort eine leider vom Wetter getrübte Aussicht auf die zahlreichen schönen Bauwerke Agras zu genießen. Als ich so hinabblickte auf all die Denkmale einer glänzenden Epoche, die mir zu Füßen lagen, sann ich nach über den wechselvollen Lauf irdischen Geschickes, über den Gegensatz der „guten alten Zeit“ Agras zu dem Stilleben, das jetzt in den herrlichen Höfen und Palästen der verfallenen Residenz waltet. Wo sich einst die stolzen Großmoguln im Glanz ihrer Macht, im gleißenden Schimmer ihres Hofstaates gesonnt, wo farbensattes, prunkvolles, vom Genius künstlerischer Gestaltung durchwehtes Leben und Treiben geherrscht: da erheben sich jetzt im Bannkreise der goldenen und marmornen Paläste moderne, mit englischen Geschützen armierte Batterien, schreiten stumm britische Soldaten auf ihren Posten auf und ab, ertönt vom nahen Bahnhof her der schrille Pfiff der Lokomotive. Für einen Bakschisch darf heute unter Leitung eines schwatzhaften Führers jeder beliebige Fremdling hier eindringen in Burg und Hof, in die Geheimgemächer und in die Moscheen der einst unnahbaren Residenz der Großmoguln, darf in den Trümmern der Nischen und Säulen wühlen, alles betasten und besehen …. Tempora mutantur!

Aus meinem Sinnen und Träumen weckte mich nur zu bald etwas, das unschwer zu erraten ist; etwas, das heute in ganz Indien spukt und unvermeidlich ist, als wäre es ein schleichender Krankheitsstoff – nämlich ein zur Aufnahme bereitgestellter photographischer Apparat. Der Besitzer dieses modernen Folterwerkzeuges stand vor uns und legte beredt die unabweisliche Notwendigkeit dar, mich und meine Begleiter in der Moschee stehend als Gruppenbild zu fixieren. Lässt sich schon darüber diskutieren, inwieweit die Mahnung des Korans: „Du sollst kein Ebenbild des menschlichen Leibes gestalten“, auch auf photographische Porträts anwendbar sei, so musste das Begehren des mohammedanischen Photographen, uns just in der Moschee aufzunehmen, als wären wir fromme Moslemin, um so unlogischer erscheinen. Den lästigen Künstler abzuschütteln, gab es kein anderes oder doch kein rascheres Mittel, als seinem Wunsch zu willfahren.

Nachdem wir das Fort besichtigt hatten, kam die Perle der Bauwerke Indiens, das entzückendste aller architektonischen Weltwunder, das vornehmste Ziel jedes Reisenden, der Hindustans Fluren betritt, der weltberühmte Tadsch (Taj) Mahal (Tadsch = die Krone, Mahal = der Palast; also etwa „das Heim der Krone“) an die Reihe.

An der Stelle errichtet, wo Schah Dschehans Lustgarten lag, an dem rechten Ufer der Dschamna, stellt der Tadsch Mahal, auch Tadsch bibi ke Rosa (das Grab der gekrönten Frau) genannt, das Mausoleum der Gemahlin Schah Dschehans dar. Als diese, Ardschmand Banu Begum, genannt Mumtaz-i Mahal, das ist „Die Erwählte des Palastes“, nach der Geburt ihres achten Sprösslings im Wochenbett gestorben war, begann der Fürst im Jahre 1630 der geliebten Gattin dies Grabmal zu setzen, in dem er selbst an ihrer Seite im ewigen Schlaf ruht. Der Wille Schah Dschehans, seiner Mumtaz-i Mahal ein Denkmal zu weihen, schöner als jedes andere auf dieser Erde, unvergänglich zu jedem redend von der teueren Verblichenen, hat sich vollauf erfüllt . . .

Nichts schien zu kostbar, nichts schön genug, die Tote zu ehren. Fremde Künstler, so der Venetianer Gieronimo Verroneo, dann Austin de Bordeaux und ein byzantinischer Meister haben im Verein mit dem Wissen und Können der besten einheimischen Werkleute an diesem Bau mitgeschaffen.

Ungefähr zwei Jahrzehnte hindurch sollen unablässig zwanzigtausend Arbeiter hiebei beschäftigt gewesen sein. Die Kosten werden — obschon so manche der Baumaterialien, manche Edelsteine und Schmuckgegenstände, welche das Grabmal zieren, von den Radschas und Nawabs freiwillig beigesteuert wurden und die Werkleute und Arbeiter wohl nur kärglich entlohnt worden sein mögen — von einheimischen Quellen auf die zumal für die damalige Zeit ungeheuere Summe von etwa 40 Millionen Gulden angegeben. Trotz all dieses Aufwandes an Kraft und Geld erscheint es jenem, welcher die Details des Bauwerkes näher besichtigt und die enormen Schwierigkeiten berücksichtigt, die hier zu überwinden gewesen sind, als ein Wunder, dass innerhalb der Frist von nur etwa zwei Jahrzehnten all das zu Ende gebracht zu werden vermochte.

Wer kennt nicht das Bild des Tadsch, seinen schneeweißen Bau, seine Bogenpforte, seine Dome, Fassaden und Minarets? Erblickt nun der Wanderer, dem Leinwand und Holzschnitt, Bild und Wort den Tadsch hundertmal vor das Auge gezaubert haben, das Bauwerk selbst, wie es sich unvergleichlich schön, von üppigem Grün umrahmt, himmelwärts erhebt: so verblasst alles bisher Geschaute, verfliegt jedes Wort, welches den Bau stammelnd zu schildern versucht, fällt der Griffel zur Erde, verstummt der verzückte Beschauer.

Ausgestattet mit der vollen Macht unserer herrlichsten Bauten, hehr wie das Gefüge unserer schönsten gothischen Dome, edel wie die vornehmsten Blüten der italienischen Renaissance, berückend gleich den Orient und Okzident verschmelzenden Perlen venezianischer Kunst, geschmückt mit jedem Zaubermittel, welches dem Menschen gewährt worden, um der höchsten, reinsten Schönheit Ausdruck zu verleihen — überwältigt der Tadsch jedweden Sterblichen, der zu ihm aufblickt.

„Ein marmorner Traum“, so steht das Mausoleum Schah Dschehans vor uns. Erhabene Bilder, Vorstellungen, Empfindungen ziehen durch die Seele des Beschauers, der nicht satt wird, zu sehen, dass hier Menschenhand das geschaffen, was uns die kühnste Phantasie kaum vorzuspiegeln vermag. Und dabei diese vornehme Ruhe, diese unübertreffliche Harmonie des Ganzen trotz aller Kühnheit der Formen, diese weiße Reinheit des Steines. Keine Statue, kein Bild, kein Altar, noch Teppich ist zu sehen, nur Stein und wieder Stein – doch dieser Stein allein schmückt das Ganze mehr als jede andere, noch so köstliche Zier. Es ist, als blühe, lebe, rede der Stein. . . .

Der Tadsch steht auf einer erhöhten Plattform, welche 95 m im Gevierte misst, und ist in quadratischem Grundriss mit abgestumpften Ecken (Oktogon mit vier längeren und vier kürzeren Seiten) gebaut, gekrönt von einer mächtigen Kuppel, unterhalb welcher vier kleinere Kuppeln angebracht sind. Die Bogenportale und Fensternischen in maurischem Stile sind mit ausgemeißelten Koransprüchen umsaumt und die Fassaden überdies, inbesonders an den Sockeln, mit eingelegten Steinen geziert. An den vier Ecken der Plattform stehen hohe Minarett. Die höchste Spitze der Kuppel liegt 74 m über dem Gartenweg.

Ähnlich wie beim Grabdenkmal Akbars tritt man zuerst durch ein hohes, moscheenartiges Tor, das aus rotem Sandstein gebaut, mit feinem, an einen Schleier erinnerndem Marmormosaik verziert ist. Dann folgt der herrliche Park mit seinen dunkelgrünen Bäumen, seinen blühenden Blumen und seiner schnurgeraden Reihe von Wasserwerken und Springbrunnen, die von dem Eingangstor bis zu dem Treppenaufgang des Mausoleums führen. Sehr effektvoll ist eine Zedern-Allee angebracht, die als Rahmen für den weißen Bau des Tadsch dient, während der Himmel den Abschluss bildet.

Wohl jeden, der dieses herrliche Gebäude, dieses Denkmal des Schmerzes betritt, überkommt ein melancholisches Gefühl: mystisches Halbdunkel umgibt die beiden Kenotaphe, leises Echo lässt die Stimme widerhallen. Auch hier, in der Halle des Oktogons, kein anderer Schmuck als Stein, der aber so wunderbar verteilt ist, dass er dekorativer, würdiger und reizvoller wirkt als manches Gemälde, manche Statue. Das Innere des Mausoleums macht keineswegs einen kalten, starren, im Gegenteile einen warmen, pietätvollen Eindruck.

Geradezu verblüffend wirkt die Pracht und Zartheit der Ausführung; des die Kenotaphe umgebenden Gitterwerkes, welches aus riesigen Marmorplatten gefügt ist, die so fein wie Spinnengewebe netzartig durchmeißelt sind. An den Säulen bewundern wir das Schönste, was die musivische Kunst zu bieten vermag: die zartesten Blumen und Arabesken aus Halbedelsteinen, wie Carneol, Lapis lazuli, Achat, Jaspis, Malachit. In einer unterirdischen Gruft stehen die Marmorsarkophage, welche die sterblichen Reste Schah Dschehans und der Mumtaz-i Mahal enthalten, während die in dem Oktogon aufgestellten Kenotaphe den Sarkophagen der Gruft nachgebildet und leer sind. Der Sitte, fürstlichen Personen zwei Steinsärge aufzustellen, ein Kenotaph und den die Gebeine bergenden Sarkophag, ist hier ebenso wie in Akbars Grabmal Rechnung getragen.

Über eine kleine Treppe gelangte ich auf die Plattform, welche dachartig die Hauptkuppel umgibt, und von der aus man einen guten Ausblick auf die beiden Moscheen genießt, die zwischen den Minarets in der Längsfront des Tadsch stehen. Jede dieser Moscheen ist, für sich betrachtet, ein Prachtbau, der aber in der Nähe des Marmorwunders von diesem fast völlig in den Schatten gestellt wird. Das Material, aus welchem die beiden Kuppelbauten errichtet sind, ist der übliche rote Sandstein, der mit Marmormosaik verziert ist.

Ich kehrte in den Garten zurück und Umschrift den Tadsch nochmals von allen Seiten, um seine herrlichen Formen dem Gedächtnis genau einzuprägen.

Ein bewaffneter Spaziergang im Park des Palais zu Agra sollte mir, da ich von all dem Gesehenen entzückt und geistig doch abgespannt war. Erfrischung bringen. Des Morgens hatte ich auf einem der Bäume außerhalb des Parkes Marabus (Leptopilus argala) sitzen gesehen, welch widerliche Vögel durch ihre enorme Größe und Flügelspannweite, sowie durch ihre schönen Federn auffallen, während der kahle Kopf mit dem Kropf und die Ernährungsweise des Tieres nichts weniger als schön und ansprechend sind. Wir pürschten uns an die Schlafbäume der Marabus an und erlegten im ganzen sechs Stück, deren zwei meinen Schüssen zum Opfer fielen.

Kinsky erlitt an diesem Tage wieder einen Fieberanfall, so dass er bis auf weiteres das Bett hüten muss.

Links

  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 12.02.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater zeigt nachmittags das Stück “Der Traum ein Leben“ und „Dorf und Stadt“ am Abend, während das k.u.k. Hof-Operntheater einen Faschingsball veranstaltet.

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