Agra — Bhartpur, 14. Februar 1893

Für den heutigen Tag war eine von dem englischen Residenten Colonel Martelli im Gebiet des Maharadschas von Bhartpur arrangierte Jagd auf Wasserwild angesetzt. Ich hoffte hiebei, gewissermaßen nur aus Versehen, auch ein bis zwei Nilgaus zu schießen, deren Tötung im Reich des Maharadschas wegen ihrer angeblichen Ähnlichkeit mit den heiligen Kühen streng verpönt ist und, wie man mir sagte, bloß dem „zufälligerweise“ treffenden Schützen nachgesehen werden könnte.

Schon die ungefähr anderthalbstündige Eisenbahnfahrt von Agra westlich nach Bhartpur bietet abwechslungsreiche Bilder, welche die Jagdlust und die Spannung auf die Ergebnisse des Tages steigern. An einem kleinen Teich, den wir passieren, sehen wir Pelikane, dreierlei Arten von Störchen, darunter den mächtigen Riesenstorch (Xenorhynchus asiaticus), die schönen Antigone-Kraniche, Gänse. Enten und zahlreiches anderes Wasserwild. In ein Dschungel flüchtet ein Rudel Nilgaus, „Blauer Stiere“ (Portax pictus), die ich hier zum ersten Mal sehe: es sind große Tiere, in der Form zwischen Elch, Hirsch und Rind; das Haupt ist klein, mit kurzen, gebogenen, schwarzen Hörnern; der Hals mächtig, mit langem Bart; die Schulterpartie und die Croupe wie beim Elch; die Läufe sind stark und sehnig; die Stiere sind grau, an den Extremitäten schwarz; die Kühe und Kälber rehbraun. Weiterhin wurden der Bahn entlang auch Wildschweine sichtbar.

In der Station Bhartpur empfing mich der Maharadscha Sri Bridschindra Seiwadsch Dscheswant Dschangh Balladur, ein kleiner, äußerst finster und unwirsch aussehender Landesvater, der jedes Wort wie im Ton des Zornes ausstieß. Er soll seinen Untertanen ein keineswegs gnädiger und gütiger Herrscher und in seinem reiferen Alter nicht sehr skrupulös in der Wahl seiner Vergnügungen sein. Er beherrscht einen nominell sich noch der Unabhängigkeit erfreuenden Staat; doch hat er, wie andere im Bannkreis englischer Macht stehende Fürsten, einen Residenten an seiner Seite, der ihm die Last des Regiments tragen hilft. Der Fürst von Bhartpur stammt von einem Dschat namens Tschuraman, der Aurengzeb bekämpft und den Glanz jener Dynastie begründet hat, welche von Bhartpur aus in den Jahren 1760 bis 1765 Agra okkupierte, seit 1826 aber jeder selbständigen auswärtigen Politik dauernd entsagen und der britischen Suprematie sich beugen musste. Die volkreichen Geschlechter der Dschats sind, wie manche der Radschput-Stämme im Zwischenstromland des Ganges und der Dschamna, indo-skytischen, das ist arisch-zentral-asiatischen Ursprunges und bekennen sich fast ausschließlich zum Islam.

Umgeben von einer berittenen Leibwache, fuhren wir in einer Prachtkarosse durch die Stadt, die festungsähnlich von einer sehr starken, turmbekränzten Umwallungsmauer und von breiten Wassergräben eingeschlossen ist. Bastionen und mächtige, fortifikatorisch gut gebaute Tore erhöhen die Widerstandskraft der Festungsstadt.

Die Engländer haben Bhartpur erst nach schweren Kämpfen und mit dem Aufwand aller Mittel europäischer Kriegskunst in die Hand bekommen. Die Belagerung dieses Bollwerkes des Dschatfürsten Randschit Sindhia durch britische Truppen unter dem Eroberer Hindustans, General Lake, in den Jahren 1805 bis 1806, endigte mit der Einnahme der insbesondere durch ihre Wasserbauten geschützten, auf das tapferste verteidigten Festung erst dann, als Lake, dem lange Zeit hindurch der für eine regelrechte Belagerung erforderliche Park und Train mangelten, umfassendere Belagerungsoperationen durchzuführen und die gesamte bengalische Armee heranzuziehen vermocht hatte. Auch im Jahre 1826 bot Bhartpur den britischen Belagerern hartnäckigen Widerstand, bis es dem Befehlshaber der englischen Truppen Lord Combermere, nach sechswöchentlicher Belagerung gelang, in einen Teil der Bastionen Bresche zu schießen und die Festung mit Sturm zu nehmen.

Die Stadt hat eine Bevölkerung von etwa 60.000 Einwohnern. In den Straßen stand dichtgedrängt, uns mit lautem Geschrei begrüßend. eine große Menge Volkes. Auffallend ist die Schar von Affen, die auf der Dächern der Häuser ihr Unwesen treiben. Als wir im Palais des Residenten, Colonel Martelli, angelangt waren, stellte mir der Maharadscha unter einigen in seinen spärlichen Bart gemurmelten Worten seine beiden Söhne vor, einen etwas abgelebten Jüngling von neunzehn und einen hübschen, intelligent blickenden Knaben von fünf Jahren.
Nachdem der Maharadscha sich zurückgezogen, teilte sich die Gesellschaft, indem ich mit Wurmbrand auf die Pürsche von Blackbucks und verbotenen Nilgaus fuhr, während die anderen Herren auf Wasserwild auszogen. In einem Galawagen mit grüner, silbergestickter Kutschbockdecke, wie solche bei uns gelegentlich von Auffahrten zur Frohnleichnamsprocession oder bei besonderen Hoffesten üblich sind, rollte ich in das Dschungel, herzlich lachend über die neue Art von Pürschwagen, den ich benützte. Doch da wahrscheinlich alles, was in der ganzen Gegend kreucht und fleucht, beim Anblickt, meiner Karosse schleunigst geflohen wäre, verließ ich dieselbe bald und drang auf gut Glück in das Dschungel ein. Die Entwicklung von Pomp und Pracht, das Aufgebot von Galawagen und Eskorte bei der Jagd sind zwar gewiss recht gut gemeint und bezeugen liebenswürdige Zuvorkommenheit, aber auch geringeren praktischen Jagdsinn, da doch das Wild sich wie vor jedem anderen Sterblichen so auch vor einem reisenden Prinzen scheut, der ab und zu die Rolle des gefeierten Gastes gerne ablegen würde, um dem edlen Waidwerk nur nach den Regeln der Kunst zu obliegen.

Das erste, was ich in dem dünnen Dschungel erblickte, waren einige Hasen und ein Fuchs. Am Rand eines kleinen, sumpfigen Teiches, der mit einer Unzahl von Wasserwild bedeckt war, äste ein Rudel Black-bucks, die äußerst scheu waren, so dass ich nur einen starken Bock auf große Distanz anschweißen konnte. Auf dem gegenüberliegenden Rand des Teiches sah ich plötzlich eine Gais in voller Flucht aus dem Dschungel hervorkommen und, ihr nachsetzend, ein pantherartiges Tier, das ich aber der großen Entfernung halber nicht näher bestimmen konnte.

Weiter pürschend erblicke ich im Dschungel links von mir auf 100 m die Läufe und das Blatt eines Nilgaus — ich gebe Feuer, das Stück zeichnet gut, bald finde ich Lungenschweiß und auf 200 m vom Anschuss verendet einen kapitalen Stier, mein erstes Nilgau. Ich jubelte und Colonel Martelli mit mir. Die alte Geschichte, dass verbotene Früchte besonders gut munden! Sofort sandten wir das Beutestück heimlich zur Eisenbahnstation, damit der Maharadscha nichts erfahre und unser Stier unbehelligt nach Agra gelange.

Dann ging’s quer durch einen Teich in ein dichteres, wildreiches Dschungel, wo ich mehrere größere Rudel von Black-bucks antraf, aber nur einen starken Bock in voller Flucht erlegen konnte. Überall huschten im trockenen Gras Schakale und Pfauen umher, während Tausende von Tauben über mir hinwegstrichen. In weiter Ferne sah ich noch einzelne Nilgaus, doch ohne zum Schusse zu kommen. Ein gar zu kecker Schakal erlag meiner Kugel.

Nun kam der Hauptbestandteil jeder in Indien arrangierten Jagd, das Luncheon, bei welchem ich mit dem anderen Teil der Jagdgesellschaft wieder zusammentraf. Von meinen heimatlichen Jagdausflügen her gewohnt, auf der Mutter Erde hingestreckt, mit etwas kalter Küche vorlieb zu nehmen, kann ich mich mit der englischen, wenn auch verschwenderisch gastfreundlichen Auffassung eines Jägerfrühstückes nicht befreunden. Mit den Empfindungen meines Jägerherzens und der Poesie des Dschungel- und Trapperlebens lässt sich ein opulentes, luxuriös ausgestattetes Gastmahl nicht vereinbaren. Müdigkeit, Hunger und Durst zu ertragen, gehört eben auch zu den stählenden Freuden des Waidwerkes. Mitten in dem von Lianen durchzogenen Buschwerke prangt hier — umkreist von Nilgaus, Schakalen, Tigern, Panthern und anderen Bestien — ein Speisezelt von riesigen Dimensionen; daneben erhebt sich ein Küchenzelt zur Bereitung der warmen Speisen und endlich noch ein Zelt, in welchem die Jäger Toilette machen, ja mitunter sogar den Frack anlegen sollen. Dem Zwang dieses Kleidungsstückes füge ich mich im Dschungel nicht, auf die Gefahr hin, dass ich Anstoß errege; ich bitte ab, doch kann ich nicht anders, das Jagdkleid ist stärker als der Frack. Im Speisezelt ist eine Tafel aufgeschlagen, wie für einen Hochzeitsschmaus — silberne Aufsätze, Jardinieren mit Blumen gefüllt, silbernes Besteck, gedruckte Menu-Karten. Zehn Gänge zählt das Mahl und Weine aus aller Herren Ländern, namentlich Champagner, fließen in Strömen. Derart wird, was des Waidmanns frugaler Imbiss, gewürzt durch einen Trunk aus der Feldflasche, sein soll, zu einer Fete champetre, zu dem geeigneten Abschlusse einer allenfalls mit Damen unternommenen Landpartie. So frühstückten wir denn durch einige Stunden, um dann, schwer und träge geworden, wieder dem Waidwerk, der in Aussicht gestellten Wasserjagd, die sich in ihrer Art ebenso interessant als originell gestaltete, zu obliegen.

Drei große Teiche, nur durch schmale, niedrige Dämme von einander getrennt, dehnen sich zu einer bedeutenden Wasser- und Sumpffläche aus, auf der es von Wild im wahren Sinne des Wortes wimmelt. Die Teiche sind von dichten, an Wasseradern reichen Dschungeln umgeben, die einen beliebten Schlupfwinkel für Nilgaus, Gazellen, Schakale und allerlei Wasserwild bieten. Bevor die ersten Schüsse gefallen waren, konnte man da Kraniche, allerlei Storch- und Reiherarten, Gänse, Enten, Kormorane, Wasserhühner, Taucher, Schnepfen und Wasserläufer beobachten, während in der Luft Adler, Geier und Weihen aller möglichen Arten kreisten; ein Seeadler holte sich auf 10 m von mir einen Fisch aus dem Wasser.

Wir nahmen auf einem der schmalen Dämme hinter Schirmen Stellung. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Trieb durch das Röhricht und den Teich gegen uns zu, wobei als Treiber sieben große Elephanten dienten, die ganz willig selbst in das tiefere Wasser gingen und das Wild aufstöberten. Nach den ersten Schüssen hoben sich wahre Wolken von Wasserwild, das von der Linie der Schützen eifrig beschossen wurde. Noch nie habe ich solche Massen von Wasserwild an einem und demselben Fleck vereinigt gesehen; doch suchten leider die seltenen und scheuen Exemplare, besonders die Kraniche, Störche und Reiher sehr bald das Weite, so dass mir nur zwei schneeweiße Silberreiher (Ardea alba, im Winterkleide) zur Beute fielen.

Lange konnte ich die in unermesslicher Höhe ziehenden Schwärme von Kranichen und Störchen mit dem Blicke verfolgen. Unausgesetzt kamen einzelne Exemplare sowie ganze Flüge von Gänsen und Enten über unsere Köpfe gezogen, so dass wir bald über 100 Stück erlegt hatten. Fielen die Flüge wieder auf einem der drei Teiche ein, so ging alsbald ein Elephant bedächtigen Schrittes vor, um das Wild neuerlich aufzutreiben. Sowohl Wurmbrand als ich schossen Gänse seltener Arten; doch konnten die ungeschickten, als Apporteure fungierenden Kulis die erlegten Tiere nicht finden. Außerdem fielen mir zahlreiche Enten, größtenteils Stockenten (Anas boscas), dann Mittelenten (Anas strepera), Löffelenten und Spießenten (Anas acuta), sowie Kormorane und fünf Blässhühner zur Beute.

Die anderen Herren hatten ebenfalls zahlreiche Enten erlegt, meistens auch solche Arten, wie sie in Europa vorkommen, nur Captain Fairholme schoss eine seltene buntschnabelige Ente (Anas poecilorhyncha). Letzterer hatte überhaupt Waidmannsheil, da ihm sieben Ottern auf wenige Schritte angeschwommen kamen, deren er eine erlegte. Auf unser Befragen, weshalb er denn die anderen nicht auch geschossen habe, antwortete er: „Was hätte ich mit ihnen anfangen sollen?“ Ottern sind eben nicht essbar und die Engländer erlegen in Indien merkwürdigerweise nur reißende Tiere sowie genießbares Wild, während sie andere Tiere, seien sie auch noch so interessant, in der Regel nicht beachten.

Nach zwei Stunden war die Jagd zu Ende, doch versuchten wir noch zum Schluss einen kombinierten Streif in dornigem Gebüsch, wobei ich einen flüchtigen, auffallend starken Nilgau-Stier streckte und einen Black-buck anschweißte, dessen wir jedoch wegen Mangels an Zeit zur Nachsuche nicht habhaft wurden. Während der Rückfahrt schoss ich noch vom Damm aus eine im Dschungel niedergetane Nilgau-Kuh.

Die Hora legalis für die Rückkehr nach Agra war stark überschritten und der Extrazug wartete bereits seit zwei Stunden, als ich in Begleitung des Maharadschas, der sich mir in der Stadt angeschlossen hatte, auf der Station eintraf. Der düstere Herrscher erkundigte sich lebhaft nach dem Ausgang der Jagd, doch wurden ihm die verpönten Nilgaus bis auf ein „aus Versehen“ erlegtes Stück verschwiegen. Eine zarte Andeutung des Residenten, dass die Nilgaus für die Feldkultur sehr schädlich seien, schien der Fürst nicht zu bemerken. Bei der Abfahrt des Zuges erdröhnten 21 Salutschüsse und nach anderthalb Stunden waren wir wieder in Agra, wo wir zu unserem Leidwesen Kinsky noch immer nicht wohler fanden.

Links

  • Ort: Agra, Indien
  • ANNO – am 14.02.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet, etwas spät, über Franz Ferdinands Bombay- und Tandur-Aufenthalt.
Franz Ferdinand's stay in Bombay and Tandur, as reported in Die Neue Presse 14 February 1893, p.4.

Franz Ferdinand in Bombay und Tandur, in Die Neue Presse 14. Februar 1893, S.4.

  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt auf das Lustspiel “Bürgerlich und romantischl“, während das k.u.k. Hof-Operntheater wieder einmal „Die Rantzau“ gibt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.