Badgery Station, 24. Mai 1893

Heute sollte auf Felsen-Wallabies gejagt werden. Bei dichtem Nebel und empfindlicher Kühle wurde am Ufer des die Gegend in mäandrischen Krümmungen durchziehenden Flusses, in welchem tagsvorher der Wagen stecken geblieben war, halt gemacht, da ich mit einem der Jäger eine abgelegene Stelle aufsuchen wollte, wo zuweilen, wie man mir gesagt hatte, Schnabeltiere anzutreffen sind. Durch ein kleines Nadelgehölz schleichend, kamen wir an den Rand des Wassers, konnten aber außer einer Ente keinerlei Wild erspähen. So saßen wir denn bald wieder im Sattel, durchquerten den Fluss und erstiegen die jenseitigen Höhen, bis wir an ein tief eingeschnittenes, sehr felsiges Tal mit steilen, aufsteigenden Wänden gelangten, in dessen Sohle ein Fluss sich schäumend Bahn durch das Gestein brach. Das Tal oder, besser gesagt, die Schlucht bot dank den mächtigen, vom Wasser umspülten Felsblöcken, zwischen welchen überall Bäume und Sträucher hervorwuchsen, einen pittoresken Anblick.

Diese Schlucht, ein Lieblingsaufenthalt der Felsen-Wallabies, sollte der Schauplatz der heutigen Jagd sein. Ursprünglich hatte mir Mr. Badgery einen nicht glücklich gewählten Stand angewiesen, und überdies jagten die Treiber zu früh an, so dass mir, als ich endlich zu einem besser gelegenen Stand emporgeklettert war, Felsen-Wallabies bereits in voller Flucht entgegenkamen. Diese leben, wie schon der Name andeutet, auf felsigem Terrain, indem sie sich tagsüber unter überhängenden Felsen und in Felslöchern verborgen halten, während
der Nacht aber in die nächste Umgebung auf Äsung ausgehen. Sie wagen sich nicht weit von ihren Schlupfwinkeln hinweg, da sie auf ebenem Boden nicht sehr flüchtig sind; hingegen ist die Schnelligkeit, mit der sie in ihrem Element, den Felsen, umherhüpfen, ebenso erstaunlich wie die Größe der Sprünge, welche sie ausführen. Sind schon die Bewegungen der Känguruhs überaus drollig, so sind es jene der Wallabies, deren ich einige im Sprung erlegte, noch viel mehr. Letztere sind ziemlich klein, haben aber unter allen Känguruhs das schönste Fell; denn dieses ist tiefbraun, am Bauch gelb gefärbt und bei den älteren Tieren schimmern die Spitzen der Haare silberweiß durch.

Die ersten Stücke, welche ich erlegte, sprangen wie Gemsen den Fluss entlang über die Felsblöcke. Nach den ersten Schüssen hatten die scheuen Tiere sehr bald die Richtung, aus der ihnen Gefahr drohte, entdeckt, da ich frei auf dem Hauptwechsel stand, weshalb ich nun, einen anderen Platz wählend, mich tiefer in der Schlucht hinter Felsen aufstellte, so dass ich nun ein Stück nach dem andern erlegen konnte. Diese Jagd gestaltete sich äußerst lebhaft; längs der Reihe der Schützen krachten, wie bei einer guten Hasenjagd, ununterbrochen die Schüsse, deren Echo an den Talwänden wiederhallte; dazu sekundierten die Treiber, die hier nur zu Fuße weiter kommen konnten, mit ihren Peitschen. Bald waren 51 Stück Felsen-Wallabies, deren 26 auf mich entfielen, zur Strecke gebracht.

Ein zweiter Trieb fand flussabwärts in derselben Schlucht statt, nachdem wir das Gewässer zu Pferde durchwatet und am jenseitigen Ufer Stellung genommen hatten. Ich war am tiefsten in der Schlucht postiert, vor mir lagen in wildem Gewirr übereinander abgestorbene Bäume, und links von mir spiegelten sich in einem tiefen Wasserbecken gewaltige Baumriesen. Die nur vom Rauschen des Wassers unterbrochene Stille, die reizende landschaftliche Szenerie des Plätzchens fesselten mich derart, dass ich, in Befrachtung versunken, des Waidwerks fast vergessen hätte, und doch gab es hier nicht bloß für den Naturfreund zu schauen, sondern auch für den Jäger zu tun; denn das Wild kam gleichzeitig auf zwei Wechseln flüchtig an meinem Stande vorbei. Obgleich der Trieb viel rascher beendet war, als der erste, war das Ergebnis desselben — 33 Felsen-Wallabies, wovon ich 10 erlegt hatte — recht befriedigend.

Ein rascher Ritt brachte uns hierauf in die Farm zurück, wo dem Jagdgefolge eine kurze Mittagsrast gegönnt wurde, während wir uns der Sortierung der zahlreichen Felle widmeten.

Es verdient bemerkt zu werden, dass die Pferde auch dieser Farm sich durch ihre Ausdauer und die Geschicklichkeit, mit der sie in schwierigem Terrain vorwärts kamen, als trefflich erwiesen haben, was wohl am besten dadurch dargetan ward, dass der Braun, welcher Mr. Badgerys respektables Gewicht von 160 kg trug, die ganze Zeit hindurch in flottem Galopp gegangen war, ohne einen Augenblick hinter den anderen Pferden zurückzubleiben.

Nachmittags jagten wir in demselben Gebiete wie tagszuvor, und sahen, obschon dasselbe am Vortage scharf abgejagt worden war, doch wieder sehr viel Wild, so dass von mir fünf Wallabies, von meinen Herren aber deren 17 und ein Känguruh geschossen wurden.

Da es mein sehnlicher Wunsch war, eines der seltenen Schnabeltiere. dessen Erlegung nur wenigen europäischen Jägern geglückt ist, zu erbeuten, ritt ich, vom Ehrgeiz gestachelt, obschon wenig Aussicht auf Erfolg eröffnet wurde, nach 4 Uhr mit einem Führer an den Fluss, um mich hier auf den Anstand zu legen. Unterwegs schoss ich einen Australischen Bären, der hoch auf einem Eucalyptus-Stamme saß. Der Fluss, der sonst ziemlich reißend über Felsen dahinstürzt, zieht dort, wo sich die Schnabeltiere befinden sollten, eine Strecke weit ganz ruhig dahin, so dass man beinahe glauben könnte, man befinde sich an einem stehenden Wasser. Die das Flusstal einschließenden Höhen fallen in steinigen Hängen an das Ufer ab; Randbäume ragen von hier weit über den Wasserspiegel hinaus. Lautlose Stille kennzeichnet diesen Platz.
Vorsichtig schlichen wir uns heran, konnten aber geraume Zeit hindurch keinerlei Wild wahrnehmen, bis endlich mein Begleiter mir leise auf die Schulter klopfte und nach einer Stelle unter dem überhängenden Ufer deutete, wo ich an der Oberfläche des trüben Wassers nur eine schmale, schwarze, sich bewegende Linie erblickte. Ich gab Feuer und sah zu meiner größten Freude gleich darauf ein Schnabeltier verendend sich überschlagen. Mittels einer Stange fischten wir die seltene Beute, ein ausgewachsenes, großes Männchen von Ornithorhynchus paradoxus, heraus.

Dieses Tier ist in der Tat äußerst merkwürdig. Seit einigen Jahren erst weiß man, dass das Schnabeltier thatsächlich Eier zur Welt bringt, — dies wurde früher in den Bereich der Fabel verwiesen — welche dann in einem Nest zur Ausbrütung gelangen. Das Schnabeltier erinnert seinem Körperbau sowie seinem Benehmen im Wasser nach am meisten an die Otter oder den Biber, erreicht durchschnittlich eine Länge von 50 cm und besitzt an den kurzen Füßen zwischen den scharfkralligen Zehen Schwimmhäute, die an den Vorderfüßen sogar über die Zehen hinausreichen; an den Hinterfüßen hat das Männchen nach innen eine große, bewegliche Kralle, einen Sporn, über dessen Bedeutung noch nichts Näheres bekannt ist, während früher angenommen wurde, dass derselbe giftig und zur Waffe bestimmt sei.

Eigentümlich ist der an den Rändern weiche Entenschnabel, womit das Tier sehr geschickt im Wasser lebende Insekten fängt; der Schwanz ist glatt, ähnlich jenem des Bibers, abgestutzt und zumeist wenig behaart; der Pelz ist besonders schön, da er aus dichten Grannen von dunkelbrauner Färbung mit silberweißer Schattierung besteht; an der Kehle, der Brust und dem Bauch fühlen sich die Haare seidenartig an; die Augen sind ganz klein, die Ohren kaum sichtbar. Das Schnabeltier lebt zumeist an ruhigen Stellen fließender Gewässer und gräbt sich daselbst am Uferrand einen Bau, der häufig bis zu 10 m lang ist und in einen Kessel mündet; dieser hat meist zwei Eingänge, einen über dem Wasserspiegel, den anderen unter demselben. Morgens und abends schwimmt das Tier fischend in dem ruhigen Wasser umher, ab und zu untertauchend und in kurzen Intervallen, da es nicht lange unter Wasser verbleiben kann, wieder an der Oberfläche erscheinend, um Luft zu schöpfen. Äußerst scheu und vorsichtig, fährt das Schnabeltier bei dem geringsten verdächtigen Geräusch in den Bau oder verbirgt sich hinter Büschen und Wasserpflanzen. In der Regel sieht man schon, bevor das Tier auftaucht, Blasen im Wasserspiegel aufsteigen, worauf es zunächst mit Schnabel und Kopf, dann mit dem Rücken zum Vorschein kommt.

Mein Begleiter drängte, noch eine andere flussaufwärts gelegene Stelle zu besuchen, wo er gleichfalls Schnabeltiere zu finden hoffte. Hier sah ich, durch einen Baum gedeckt, in der Tat bald, wie sich Ringe im Wasser bildeten und darauf der Schnabel, der Kopf, der Rücken eines Schnabeltieres auftauchten, doch war die Entfernung ziemlich groß und das Thier von mir abgewandt. Als es sich nun, einer Otter gleich ruhig schwimmend, noch weiter entfernte, versuchte ich auf Anrathen meines Begleiters einen wenig Erfolg versprechenden Schuss; die Schrot schlugen zwar in der Richtung des Schnabeltieres gut ein, dieses tauchte jedoch in den Fluten unter, um noch einmal auf einen Moment zu erscheinen und dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Nicht besser ging es mir mit einem zweiten Schnabeltiere, welches ich von demselben Standpunkt aus ebenfalls auf bedeutende
Distanz entdeckte. Da es schon dunkelte und daher in keinem Fall auf anderweitige Beute gerechnet werden konnte, riskierte ich den Schuss, der, wie der Jäger versicherte, gut getroffen hatte; doch musste das Tier entweder gesunken oder in den Bau gefahren sein, da wir seiner nicht mehr ansichtig wurden.

In der Farm angelangt, wurde ich von Mr. Badgery zu dem erbeuteten Schnabeltiere äußerst lebhaft beglückwünscht, wobei er versicherte, dass die Erlegung eines Schnabeltieres zu den größten Seltenheiten gehöre und sich von je hundert Jägern kaum einer solcher Beute rühmen könne.

Bei dem Diner, das in sehr animierter Stimmung aller Teilnehmer verlief, brachte ich die Gesundheit der Königin aus, deren Geburtstag heute im ganzen Lande festlich begangen wurde, worauf Mr. Badgery eine lange Ansprache an mich hielt, die ich freudig und herzlich erwiderte.

Der Abend war herrlich, der Mond stand in vollem Glanz am Himmel — so konnte das Programm erschöpft und mit einer Jagd aut Kusus beschlossen werden. Ich jagte in entgegengesetzter Richtung von jener, die tagszuvor eingeschlagen worden war, innerhalb drei Stunden einen großen Bogen um die Farm beschreibend, und kehrte mit der reichen Strecke von zehn Kusus heim, um nach diesem in jeder Beziehung so gelungenen Tage bald in erquickenden Schlaf zu sinken.

Links

  • Ort: Badgery Station, Australien
  • ANNO – am 24.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Aus der Gesellschaft“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Die Walküre“ darbietet.

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