Banff, 9. Sept. 1893

Nichts mehr von afrikanischer Landschaft — wir sind knapp unter der Region des ewigen Schnees, und da wir zum Frühstück in der Station Glacier Hotel aussteigen, liegt ein wunderbarer, mächtiger Gletscher vor uns, so nahe, dass wir ihn fast mit den Händen greifen können — die Überraschung war nicht gering. Es ist dies der sogenannte Great Glacier of the Selkirks, überragt von dem 3600 m hohen Sir Donald, welcher zur Selkirkskette gehört und dem gegenüber sich die schneebedeckte Gold Range hinzieht. Wir konnten ringsum eine herrliche Szenerie, Schneeberge, tief eingeschnittene Täler und Schluchten, rauschende Bäche und sprudelnde Quellen sowie prächtige Alpenvegetation bewundern.

Leider herrscht abermals arger Nebel, untermengt mit kaltem Regen, so dass sowohl die Spitze des Sir Donald, als die Gipfel der anderen hohen Berge unseren Blicken entzogen sind; dies ficht uns jedoch nicht an, sind wir doch wieder in den Bergen, den höchsten Regionen und den Gletschern nahe, fühlen uns wohl und leicht, während großartige Bilder an unseren Augen vorbeiziehen, die jedoch wie am Vortag durch den Anblick von Waldverwüstungen beleidigt werden, da die Fahrt häufig genug durch Wälder geht, welche dem Feuer zum Opfer gefallen sind. Über der Waldesgrenze ragen mächtige Felsen empor, Urgebirge mit selten imposanten Formen, wobei Gipfel an Gipfel gereiht ist und allenthalben Firne und Gletscher leuchten, welche sich in die Spalten und kleinen Täler drängen. Die kalte Witterung der letzten Tage hat Neuschnee gebracht, und die Berge sehen, nachdem sich der Nebel endlich etwas verzogen, aus, als ob sie mit Zucker bestreut wären.

Zur Winterszeit müssen hier unzählige Lawinen donnernd zu Tal fahren, wie dies zahlreiche Lawinenwege beweisen, in deren Zug die stärksten Baumstämme geknickt daliegen und gewaltige Felsblöcke wirr durcheinandergesäet sind. Der Bahnkörper ist überall durch Holzgalerien gegen Lawinen- und Felsschläge geschützt, so dass man viele Kilometer durch tunnelartige Holzbauten fährt, deren abwehrende Wirkung noch durch Lawinenbrecher verstärkt ist, welche keilförmig aus Holzklötzen und Baumstämmen zusammengesetzt sind.
An schwindelerregenden Abhängen saust der Zug vorbei und manche steil abstürzende Schlucht, in deren Tiefe Gletscherwasser tobt und tost, wird auf Brücken übersetzt, welche ungeachtet der Abgründe, über die sie hinwegführen, nur aus Holzwerk bestehen; allerdings trachtet die Bahnverwaltung, diese mitunter allzu filigranartig erscheinenden Bauten durch eiserne Konstruktionen zu ersetzen, und wir sahen deren auch schon mehrere im Bau begriffen. Je höher wir kamen, desto mehr hatte ich Ursache, den großartigen, mit seltener Kühnheit geführten Bau der Canadian Pacific-Bahn zu bewundern. Dächte ein Unternehmer bei uns daran, in ähnlicher Weise, wie dies hier geschehen, Kurven anzulegen, Niveaudifferenzen zu überwinden, Brücken zu konstruieren u. dgl. m., so würden diese tollkühnen Ideen von der Behörde schon im Keim, im Projekt erstickt werden.

Gegen Mittag gelangen wir in ein stilles, ernstgestimmtes Tal, in dem das Feuer noch nicht gewütet hat und die dunkelgrünen Fichten und Kiefern sich wie ein Teppich ausbreiten; in der Talsohle bilden sich Hochmoore, welche durch die Arme eines kleinen Flusses bewässert und von ähnlich gelblichem, sauerem Gras bedeckt sind, wie unsere Moore. Passionierte Fischer erbeuten in den zahlreichen Gewässern dieser Gegenden besonders viele Lachse und Forellen. In dem 1231 m über dem Meere gelegenen Field, woselbst das ganze Tal von einer großen Schuttmoräne erfüllt ist und der 3200 m hohe Mount Stephen die Station mit seinen schroffen Felsen überragt, hielten wir Mittagsrast. Während aller meiner Reisen habe ich noch nie einen Berg dieser Höhe gesehen, der ganz unvermittelt und ohne Vorberge und Sockel sich als riesenhafter Block fast senkrecht erhebt. Auf halber Höhe klebt förmlich an den steilen Wänden ein Silberbergwerk, welches erst im Entstehen begriffen ist; man wollte zur Förderung der Erze einen kleinen Schienenstrang emporführen, doch scheiterte selbst der kühne Unternehmungsgeist der Amerikaner und deren vorgeschrittene Technik an den Schwierigkeiten, welche die Felsen des alten Bergriesen bereiteten; so blieb denn der Bau unvollendet.

Höher und höher steigt die Bahnlinie an, drei Maschinen ziehen und schieben uns pustend und schnaubend aufwärts, bis wir endlich durch eine Klamm, in der ein Wasserfall brausend zerstiebt, fahren und bei der Station Stephen die größte Meereshöhe des Schienenstranges der ganzen Pazifik-Bahn, nämlich 1610 m, erreicht haben. Die Sonne erbarmt sich unser, zerteilt Nebel und Wolken und lässt uns gerade im richtigen Augenblick das gewaltige Panorama der weithin ausgedehnten Ketten mit deren Gletschern und Firnen erschauen.

Unvergesslich prägt sich die Großartigkeit dieses Anblickes der Erinnerung ein. Die Erhabenheit des schweigsamen und doch die Kräfte der Natur in so mächtiger Sprache preisenden Bildes bringt tiefen Eindruck hervor. Gleichwohl glaube ich, dass die Gebirgswelt der Rocky Mountains, trotz ihrer imposanten Massen und ihrer eigenartigen Formation den Vergleich mit unseren Alpen nicht bestehen kann. Jene erscheint zwar in manchen Teilen durch die Originalität der Schönheit fesselnder, durch die Bizarrerie der Formen interessanter, durch die Massenentwickelung und die gewaltigen Dimensionen großartiger als die Alpen; aber der unvergleichliche Reiz und Schmuck der frischen, herzerfreuenden Flora unserer Berge, der hinreißende Gegensatz zwischen dem Ernst des hochaufragenden Urgesteins und der
Jugendlichkeit des Pflanzenkleides, das Berg und Tal in den Alpen überzieht, fehlt den Gebirgsknochen Amerikas. Allenthalben stören mich an diesen teils die traurigen Überreste ehemaligen, von Flammen verzehrten Waldes, teils dort, wo noch Wald vorhanden ist, die düstere Färbung desselben und der dadurch ausgeprägte ernste, beinahe finstere Charakter. So erscheint mir das Gebirge der neuen Welt, welches wir übersteigen und durchqueren, alt und alternd im Gegensatz zu den jugendfrohen Alpen der alten Welt.

Oberhalb der Waldgrenze, dort, wo bei uns das dichte, nahrhafte Gras wächst, welches dem Vieh und dem Wilde eine so vorzügliche, kräftige Asung gibt und sich, grünschimmernden Bändern gleich, zwischen den Felsen hinzieht, findet man hier nur kahles Gestein oder Büschel gelber, vertrockneter Gräser, die wenig malerisch aussehen. Von den Alpenhütten mit ihren sangesfrohen Bewohnern, von den Bauernhöfen, umgeben von blumigen Matten, den Huben und den Holzknechthütten, wodurch die österreichischen Alpen ein so reizendes, lebhaftes Gepräge erhalten, will ich gar nicht sprechen; denn hier ist ja noch vollkommene Wildnis und außer einigen in den Stationen ansässigen Bahnbediensteten und Arbeitern bewohnt kein menschliches Wesen diese stillen Höhen und tiefeingeschnittenen Täler. Was uns nicht genug Wunder nehmen kann, ist, dass wir von der Bahn aus keinerlei Getier sehen; nicht einmal ein Raubvogel zieht seine Kreise, und kein Laut unterbricht die feierliche, beinahe unheimliche Stille. Ich bin zwar sonst ein großer Freund der jungfräulichen Natur, in welche die Kultur noch nicht vorgedrungen ist, doch bieten mir die Rocky Mountains in ihrer Kulturlosigkeit des Guten zu viel und bringen daher den Eindruck der Verlassenheit, der Leblosigkeit hervor.

Im Kicking Horse-Pass kommen wir an mehreren kleinen Gebirgsseen vorbei und überschreiten die Provinzialgrenze zwischen Britisch-Kolumbien und Alberta sowie die große Wasserscheide zwischen dem Pazifischen und dem Atlantischen Ozean. Ein hurtig und murmelnd dahin rieselndes Bächlein, welches seine Wasser ostwärts führt, ruft in mir den freudigen Gedanken wach, dass ich mich immer mehr der geliebten Heimat nähere.

Im Laufe der Fahrt passieren wir auch ein knapp am Bahngeleise angelegtes Lager der Stoney-Indianer mit deren charakteristischen Zelten, die von einer großen Zahl kegelförmig aufgestellter Stangen getragen werden. Vor dem Lager stehen und lungern Rothäute beiderlei Geschlechtes, die ersten, die wir zu Gesicht bekamen; ihre Haartracht ist noch die traditionelle, aber leider bedienen sich diese Kinder der Wildnis zum Teil bereits europäischer Kleidungsstücke, in welchen sie unseren Zigeunern nicht unähnlich sind.

Endlich treten die Berge etwas zurück, das Tal erweitert sich, und wir haben Banff erreicht, ein Schwefelbad und einen Sommerkurort, mitten im kanadischen Nationalpark. Die an der Bahn gelegene Ansiedelung besteht aus ungefähr fünfzig Holzhäusern, die bloß für Fremde gebaut sind; denn überall sieht man Curio Shops und andere Kaufläden, in welchen die Merkwürdigkeiten des Landes feilgeboten werden. Eine kurze Wagenfahrt bringt uns zu dem großen, ebenfalls der Canadian Pacific Railway Company gehörigen Hotel, das zwar auf dem schönsten Punkt der ganzen Gegend, aber recht geschmacklos erbaut ist; hieher pilgern in den Sommermonaten viele Fremde, zahlreiche Familien wohnen hier zum Kurgebrauch oder in der Sommerfrische. Banff ist zwar eine ganz junge Schöpfung, erfreut sich aber trotzdem großen Zuspruches, weil der Rundblick vom Hotel und insbesondere von der großen, hölzernen Terrasse aus auf die mächtigen Berge und Gletscher, die mitunter in recht abenteuerlichen Formen aufragen, in der Tat entzückend ist.

Die Saison ist schon vorbei, — die Temperatur beträgt nur mehr 6° Celsius — so dass nur einzelne verspätete Gäste das Hotel bewohnen, welches ganz aus Holz und derart leicht gebaut ist, dass jeder Tritt innerhalb des Gebäudes durch alle Stockwerke und in jedem Zimmer wiederhallt. Eine an Jahren vorgerückte Amerikanerin hält hier für die Fremden die sonderbarsten, von Indianern herrührenden Kuriositäten feil, die sämtlich den Stempel der Neuheit und der Fälschung an sich zu tragen scheinen.

Unmittelbar nach der Ankunft fuhren wir in einer großen Coach zu einem felsumstarrten Talkessel, dessen kolossale Felswände unser Staunen wachriefen, und dann zu den warmen Schwefelquellen, deren es im Umkreis von 3 km sieben gibt. Die eine dieser Thermen sprudelt aus einem natürlichen Bassin hervor, während die andere sich in dem Krater eines ehemals tätigen, jetzt aber ruhigen Geysers befindet. Zu dieser zweiten Quelle führt ein unterirdischer, schmaler Gang bis in eine Grotte, in welche nur durch eine ganz kleine Öffnung, aus der einst der Strahl des Geysers emporstieg, etwas Tageslicht einfällt.

Inzwischen war es Abend geworden und ein recht frisches Lüftchen wehte uns entgegen, als wir ins Hotel zurückkehrten, um nach des Tages Mühen der Ruhe zu pflegen.

Links

  • Ort: Banff, Kanada
  • ANNO – am 09.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Des Teufels Anteil“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
30 − 23 =