Beli, 19. März 1893

Die ganze Nacht hindurch hatte es unaufhörlich geregnet. Gegen Morgen legte sich das Unwetter, so dass wir, da kein Tiger bestätigt war, wenigstens zu einer Streifjagd in ein nahe am Lager befindliches Dschungel ausziehen konnten, das sich jedoch nahezu wildleer erwies; kaum jede halbe Stunde hörte man einen Schuss. Als wir den Jagdleiter, den Vetter des Maharadschas, deshalb interpellierten, erklärte er uns, er habe dergleichen geahnt, da man ihm aber gemeldet, dass ein Tiger in diesem Wald gespürt worden sei, habe er den Streif dahin geführt.

Um allen weiteren Erörterungen ein Ziel zu setzen, befahl er, das Frühstück herbeizubringen und ordnete eine Rast an, womit ich, da bei unseren bisherigen Expeditionen das Frühstück schon oft eine sehr günstige Wendung in die Schicksale des Jagdtages gebracht hatte, zufrieden war, besonders weil wir bald wieder aufbrachen, um in ein besseres, gemischtes Dschungel zu gelangen.

Ich hatte eben eine kleine Schlucht passiert und die ganze Linie war in ein sehr hohes Gras- und Schilfdschungel gekommen, als ich Teile eines von einem Tiger frisch gerissenen Rindes im Grase fand. Ich machte die neben mir reitenden Schikäris und Jagdleiter darauf aufmerksam, welche, nachdem sie den Killplatz genau untersucht, die Häupter schüttelten und mit lebhaften Gestikulationen eine längere Besprechung abhielten, der ich entnahm, dass sich der Tiger nicht weit befinden dürfte. Daraufhin ließen sie den rechten Flügel, der schon in das Dschungel eingedrungen war, halten und den linken Flügel, der etwas zurückgeblieben war, einschwenken, während ich als Pivot in der Mitte blieb.

Nun kam aber ein Moment, der stets ein dunkler Punkt in der Geschichte meiner Tigerjagden bleiben wird, den aber der heilige Hubertus seinem eifrigen Jünger hoffentlich verzeiht. Da ich wusste, dass die Schwenkung des linken Flügels einige Zeit in Anspruch nehmen würde, saß ich nachlässig, das Schrotgewehr in der Hand, in meiner Häuda. Plötzlich sehe ich eine lange, gelbe Linie vor mir im Gras auftauchen; aufspringen und schießen war Eins, obgleich ich im selben Augenblick auch schon erkannt hatte, dass sich ein Tiger vor mir befand. So hatte ich denn in der Aufregung des Augenblickes das Schrotgewehr nicht mit dem Stutzen vertauscht, sondern mit 8-er Schrot auf den edlen Tiger geschossen. Ich griff zwar noch rasch nach dem Stutzen, aber es war zu spät; der Tiger wurde auf den Schuss hin flüchtig und verschwand im hohen Gras. Tief beschämt und sehr ärgerlich über diesen Vorfall, der kaum einem noch ganz grünen Jäger nachgesehen werden könnte, stand ich da und schrie aus Leibeskräften, hiedurch meinem Zorn über mich selbst Luft machend, „Bara Bagh, Bara Bagh!“ um die anderen Herren auf die Anwesenheit eines Tigers aufmerksam zu machen.

Der Tiger war von mir weg in gerader Richtung flüchtig geworden, und ich befürchtete, dass der Kreis nicht mehr rechtzeitig geschlossen werden würde; aber das Einkreisen ging wieder mit solcher Ordnung und Schnelligkeit vor sich, dass, als der erste Schikäri in die Mitte gedrungen war, das Gebrüll des Tigers uns die freudige Gewissheit verschaffte, dass dieser sich im Kreise befinde. Schon früher, als ich mit abgeschossenem Schrotgewehr dastand, hatte ich wahrnehmen können, dass es ein auffallend großer Tiger war, welchen wir vor uns hatten und der jetzt auch nicht lang auf sich warten ließ, sondern bald, ein schönes Bild von Kraft und Stärke, geradewegs auf Wurmbrand loskam, welcher ihm, als er sich eben zum Sprung anschickte, einen Schlegelschuss beibrachte. Laut brüllend kehrte der Tiger in das Gras zurück, sprang dann noch einmal gegen die einkreisenden Elephanten und verendete endlich an einem Fangschuss.

Es war der stärkste Tiger, den wir bisher erlegt hatten, ein besonders großes Exemplar mit mächtigem Haupt und langen Fangzähnen, deren einer kariös war, was auf ein sehr hohes Alter schließen lässt. Beim Aufbrechen fand man im Magen die noch ganz erhaltene Hälfte einer Kuh mit Decke, Kopf, Ohren u. s. w. ebenso beim Abstreifen meine Schrote unter der Decke genau auf dem Blatt sitzen. Ich hob sie mir als trauriges Andenken auf. Bei all dem war ich sehr erfreut, dass gerade Wurmbrand, der bisher noch kein Waidmannsheil gehabt, den Tiger erlegt hatte. Die weitere Fortsetzung des Streifes ergab nicht mehr viel Wild, dafür aber als Vertreter einer für uns neuen Art, zwei Zibethkatzen (Viverra zibetha), welche durch intensive und zahlreiche dunkle Flecken und Streifen ausgezeichnet sind.

Gegen Abend, als wir schon ins Lager zurückgekehrt waren, ging ein heftiges Gewitter nieder, bei dem es ohne Unterbrechung donnerte. Der niederströmende Gussregen war keineswegs danach angetan, die Feuchtigkeit des noch von gestern her nassen Lagers zu vermindern.
Beim Abendessen gab’s auf einmal Tigeralarm. Einige ängstliche Kulis stürzten mit der Meldung herbei, ein Tiger habe einen Büffel gerissen und sitze auf ihm. Die um die Tiere besorgten Leute zündeten. um den Tiger zu verscheuchen, allenthalben Feuer an; die Meldung erwies sich jedoch als falsch, so dass es beim bloßen Schrecken blieb.

Links

  • Ort: Beli, Nepal
  • ANNO – am 19.03.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt nachmittags „Das Käthchen von Heillbronn“ un abends „Kriemhilde“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Die Jüdin“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
30 − 24 =