Bombay, 17. Jänner 1893

Dichter Nebel bedeckte am Morgen die See und nur mit Mühe trug endlich die Sonne den Sieg davon. Als der Schleier zerrissen war, tauchten in der Ferne die Umrisse der Stadt Bombay, die umliegenden Hügel und Berge auf. Immer schärfer und schärfer bildeten sich die Konturen, immer deutlicher ließ die tropische Beleuchtung das Bild hervortreten. Bald genossen wir den Anblick der weit ausgedehnten Stadt mit ihren großen, öffentlichen Gebäuden, ihren vielen Türmen und Fabrikschloten, ihrem imposanten Hafen, in dem sich unzählige der größten Passagier- und Warendampfer, einheimische Küstenfahrer und Yachten befanden.

Bombay ist der Hauptort der gleichnamigen Präsidentschaft. Diese und die Präsidentschaften Bengalen und Madras, die Nordwestprovinzen, Audh (Oudh), das Pendschab, die Zentralprovinzen in Dekhan, dann die Provinzen Assam und Birma bilden die unmittelbaren Besitzungen Englands. Die mittelbaren Besitzungen sind die Vasallen-, tributären und zinsfreien Schutzstaaten und die Subsidien-Schutzstaaten. Zu den Schutzstaaten gehören die Rajputana Agency, die Central India Agency, die tributpflichtigen einheimischen Staaten Baroda, Haidarabad, Maisur, Kaschmir, Sikkim u. s. w.

Die vielumfassende Regierung des indo-britischen Reiches (mit Ausnahme Ceylons und der Straits Settlements an der Malakkastraße) führt der Generalgouverneur (Vizekönig). Madras mit den Lakediven und Bombay (mit Sindh, Aden, Perim) stehen unter besonderen Gouverneuren; Bengalen, die Nordwestprovinzen und Audh, das Pendschab unter Lieutenant-Gouverneuren; Assam, die Zentralprovinzen und Birma unter Chief-Commissioners. Britisch-Indien umfasst eine Fläche von 4,032.141 km2 und nach der Zählung des Jahres 1891 287,223.431 Einwohner.

Bombay ist im Jahre 1661 als Mitgift der Infantin Katharina von Portugal an König Karl II. von England abgetreten worden und steht seit jener Zeit unter englischer Herrschaft. Der Name Bombay wird auf das portugiesische boa bahia — guter Hafen — zurückgeführt; nach anderen ist er von Mumbai, der Gemahlin Schiwas, abzuleiten.

Mag nun eine der schützenden Gottheiten Indiens oder der maritime Scharfblick der Portugiesen diesem bedeutendsten der ostindischen Häfen seinen Namen verliehen haben: gewiss ist, dass der Seehandel und der Schiffsverkehr Bombays gewaltige Dimensionen angenommen haben. Im Jahre 1892 sind hier 757 Dampfer mit 1,325.039 t, 410 Segler mit 54.685 t und 48.602 Küstenfahrzeuge mit 1,393.676 t ein- und ausgelaufen. Der Wert der Gesamteinfuhr Bombays hat im Jahre 1892 367,323.303 Rupien = 277,329.094 fl. ö. W., jener der Gesamtausfuhr 433,068.463 Rupien = 326,966.690 fl. ö. W. betragen. Das Wort Rupie kommt vom sanskritischen rüpya, welches »schön« und dann auch -Silber« bedeutet. Nach der in den indischen Besitzungen Englands geltenden Rupien-(Silber-) Währung entspricht eine Silberrupie (à 16 Annas) für das Jahr 1892 dem Werte von 75.5 Kreuzern ö. W.

Die Stadt, gegenwärtig eine Bevölkerung von mehr als 800.000 Seelen zählend, liegt im Süden der gleichnamigen 18.4 km langen und bis zu 6.4 km breiten Insel. Diese stößt im Norden an die durch Dämme mit ihr verbundene große Insel Schatschaschthi (Salsette), über welche die von Bombay ausgehende Eisenbahn nach dem Festland führt. Im Süden sendet die Insel zwei Landzungen aus, welche eine große Bucht, die Back Bay, im Halbkreis umfassen; die kürzere, westliche dieser Landzungen ist Malabar Hill, die lang ausgreifende östliche, Colaba genannt. Malabar Hill, der Hügel, welcher der westlichen Landzunge ihren Namen verliehen hat, ist das Südende der westlichen der beiden basaltischen Felsenketten, welche die Insel an ihren Längsseiten, parallel zu der Küste durchstreichen. Colaba, die östliche Landzunge, ist durchwegs flach und im Süden von Riffen begrenzt, welche Leuchttürme tragen.

Diese beiden Landzungen nun und das Terrain, welches sich im Norden derselben bis zu der Ebene »the flats« und über die Vorstädte Byculla und Mazagon hinaus erstreckt, sind der Boden, auf dem sich Bombay erhebt.

Malabar Hill enthält an der Südwestspitze das Government House, dann den Tempel Walkeschwar und die den höchsten Punkt der ganzen Insel krönenden »Türme des Schweigens«. Es bildet den Wohnort vieler wohlhabender europäischer, sowie der reichen eingeborenen Bewohner von Bombay, die sich hier zwischen Gärten und Bäumen in gesunder, von der Meeresbrise gekühlter Luft reizende Sitze gegründet haben. Ein Teil dieser Villenstadt, die bis über Camballa Hill hinaus reicht, blickt auf den Wasserspiegel des Indischen Oceans hinaus. Die Landzunge Colaba ist mit Kasernen bedeckt, in denen ein englisches Infanterieregiment und die Festungsartillerie untergebracht sind.

Nördlich von diesem Teile Bombays liegt zwischen der Back Bay einer- und dem Hafen im Osten andererseits die europäische Stadt, »Fort« genannt. Hier umgibt in der Form eines Halbkreises die Altstadt das einstige, jetzt zum Teile demontierte Castell (Castle), sowie die neueren Stadtteile, unter welchen der Elphinstone Circle (the Green) mit der Kathedrale und dem Rathause (Town Hall) und die Viertel an dem Elphinstone Road und dem Mayo Road zu nennen sind.

Den Hauptschmuck Bombays aber und den Stolz seiner britischen Einwohner bildet die grandiose Reihe der öffentlichen Gebäude, westlich von der europäischen Stadt im Angesicht der Back Bay. Unter diesen ragen besonders hervor: das Government (Presidential) Secretariat; die University Hall und der große Glockenturm der University Library; das kolossale Gebäude der Courts of Justice; das Amt für öffentliche Arbeiten (Public Work’s Secretariat); das Post- und das Telegraphenamt; das Elphinstone College. Das Seemannsasyl (Royal Alfred Sailor’s Home) liegt mit dem Blicke auf den Hafen im Osten Bombays, in der Nähe des Wellington Pier (Apollo Bandar). Von hier aus erheben sich an der Ostküste in nördlicher Reihenfolge: der Yacht Club, die Government Docks, das Zollamt (Custom House), das Arsenal, das Castle, die Münze, die Victoria und die Prince’s Docks, der Dockyard der P. & O. Company.

Wo sich die relativ schmale Landzunge Colaba gegen Norden erweitert, jenseits von dem Esplanade-Viertel und von Victoria Station, breitet sich in der Form eines Trapezes, dessen kürzere Basis der europäischen Stadt zugewendet ist, die Eingeborenenstadt (Native oder Black Town) aus. Diese, etwa 15 km nördlich vom »Fort« entfernt, erscheint völlig als Stadt für sich. Black Town, auch Crawford Market und Pindschrapol (das Tierspital) umschließend, bildet mit seinem eigenartigen Leben und Treiben, seiner Buntheit und Unsauberkeit einen frappanten Contrast zu der europäischen Stadt mit ihrem internationalen Geschäftsleben, ihren Banken, Clubs, Kaufhäusern, Palästen und Squares britischen Gepräges. Hier in der Europäerstadt, wie dort im Eingeborenen-Viertel, dessen enge Wohngebäude in den volkreichsten Quartieren den Bewohnern oft ein uns unfassbar dünkendes Existenzminimum gewähren — auf 10 km2 sind hier weit mehr als 400.000 Menschen zusammengedrängt — wogt und brandet in Straßen und Gässchen reges Leben. In den Bazars, den Kramläden, den Werkstätten ertönen allerlei Laute, Geschrei, Geknarre, Gehämmer, Rufe der Händler und der Kutscher, wirkt und schafft, genießt und schwatzt die bunte Menge.

Die zwischen den Landzungen Malabar Hill und Colaba gelegene Back Bay ist ganz seicht und daher für Schiffe nicht benützbar; dagegen ist der Hafen im Osten der Stadt ziemlich tief und von großer Ausdehnung. Im Osten Bombays tauchen mehrere große und zahlreiche kleine Inseln aus der See, weiterhin erscheinen die bizarren Formen, das scharfgezackte Gebirge des Festlandes.

Alle Kriegsschiffe hatten die große Flaggengala angelegt und salutierten beim Einlaufen der »Elisabeth« die gehisste Standarte. Nachdem wir uns verankert, kam der Gerent des Generalconsulates, Viceconsul Prumler, an Bord und brachte die Post.

Zwei sehr freundliche Telegramme vom Vizekönig und Generalgouverneur des Indischen Reiches, Lord Landsdowne, und vom Oberbefehlshaber in Indien und Kommandanten der Truppen von Bengalen, General Lord Roberts, begrüßten mich auf indischem Boden. Dann stellte sich die von Ihrer Majestät der Königin mir zugeteilte Suite, bestehend aus den Herren General Protheroe, Captain W. E. Fairholme und Mr. J. A. Crawford, vor und brachte mir das Programm für den auf zwei Monate berechneten Aufenthalt, der mit einer Reise in das Gebiet von Haidarabad den Anfang nehmen sollte. Um 5 Uhr kam der Gouverneur von Bombay, Lord Harris, mit seiner Suite an Bord, um mir seine offizielle Visite abzustatten und mir eine Wohnung im Government House anzubieten. Lord Harris, der den Posten des Gouverneurs seit drei Jahren inne hat, wurde mit der britischen Hymne und allen Ehren empfangen und in meine Kajüte geleitet, wo sich eine längere Conversation entwickelte.

Nach der Rückkehr des Gouverneurs ans Land nahm ich von der »Elisabeth« und dem Schiffsstabe auf zwei Monate Abschied, schritt noch die Front der Mannschaft ab und begab mich unter Geschütz und Raaensalut sämtlicher vor Anker liegenden Kriegsschiffe an den Landungssteg Wellington Pier (Apollo Bandar), der mit Fahnen, Tüchern und Blumen auf das prachtvollste geschmückt war. Daselbst empfing mich der Gouverneur mit den Spitzen sämtlicher Behörden. Eine englische Ehrencompagnie, bestehend aus kräftigen, hochgewachsenen Leuten, die mit rotem Kopfschmuck geziert und mit Gewehren ziemlich altertümlicher Modelle bewaffnet waren, präsentierte, während die sehr schmuck aussehende Leibgarde des Gouverneurs beim Wagen harrte, um uns das Geleite durch die Stadt zu geben. Zahlreich hatten sich Damen im Empfangszelt eingefunden, kleine Mädchen streuten Blumen auf meinen Pfad. Wie ein siegreicher Triumphator schritt ich einher, was den Gouverneur sichtlich zu ergötzen schien.

In einer mit australischen Pferden à la Daumont bespannten Staatskarosse setzten wir unseren Triumphzug durch die Stadt fort, überall von der hinter dem Militärspalier versammelten Menge lebhaft begrüßt. Die Fenster der Häuser waren bis ins vierte Stockwerk von Menschen dicht besetzt, die mir zuriefen und zuwinkten. Der »Fort« genannte Teil macht den Eindruck einer großen europäischen Stadt. Die Regierungsgebäude wechseln mit großen Privathäusern, Parks, Monumenten, Cricketplätzen ab; die Straßen sind sehr breit und mit bequemen Trottoirs versehen. Überall verkehren Tramways — ohne Überfüllung — und europäische Wagen. Nur die eigentümliche, nicht immer sehr stilvolle Bauart der öffentlichen Gebäude, der »indische Stil«, ein Mixtum compositum aus allen möglichen morgenländischen und auch europäischen Bauarten, sowie das äußerst bunte Treiben der Vertreter verschiedenartiger Rassen, Völker und Nationen, gemahnen an den Orient, an Indien.

Den größten Teil der Bevölkerung Bombays bilden die Hindus, deren es hier 543.276 gibt. Sie sind in eine Reihe von Kasten eingeteilt, deren auf bedeutende Entfernung hin sichtbare Zeichen in grellen roten, gelben oder weißen Flecken auf der Stirne getragen werden. Die Reicheren kleiden sich in weiße Gewandung, die Armen tragen auch wohl nur ein Lendentuch, während die Füße stets unbeschuht bleiben; den Kopf bedeckt ein Turban in mannigfaltigen Farben. Die Hindus machen nicht den Eindruck kräftiger Menschen; sie sehen hoch aufgeschossen, mager und nichts weniger als muskulös aus. Die Hindu-Weiber scheinen Schmuck sehr zu lieben; denn selbst bei den ärmsten, die in der ganzen Stadt die Function von Lastträgerinnen versehen, erblickt man große Nasen- und Ohrringe, die mit kleinen Steinen und Gold- oder Silberfiligran geziert sind und oft ein bedeutendes Gewicht haben. Die Nasenringe verunstalten, indem sie bis zum Munde herabhängen, das ganze Gesicht, was die Applikation eines Kusses wenig einladend machen und jedenfalls erheblich erschweren müsste.

Eine vornehmere Klasse als die Hindus bilden in Bombay die Mohammedaner, 155.247 an der Zahl, die sich in ihrem Kostüm dadurch von den Hindus unterscheiden, dass sie stets Beinkleider tragen. Die strenggläubigen Frauen der Moslemin verhüllen das Antlitz; doch haben die meisten diese lästige Sitte abgelegt und blicken den Europäern ganz freundlich ins Gesicht.

Das angesehenste, vornehmste und zugleich reichste Element ist in Bombay durch die Parsen vertreten. Wie schon ihr Name andeutet, sind sie ihrem Ursprunge nach Perser; ja sie gelten sogar als Urbewohner Alt-Persiens. Die Eroberung Persiens durch die Araber im Jahre 641 und die fanatische Bekehrung der Eingeborenen mit Feuer und Schwert zu der Lehre Mohammeds trieb — während ein kleiner Teil der Perser sich in der Provinz Irak Adschemi bis zum heutigen Tage erhalten hat — die Mehrzahl der persischen Jünger Zoroasters zur Auswanderung nach Gudscherat, einem nördlich von Bombay sich hinziehenden Küstenstrich.

Die Parsen sind Verehrer des Feuers, welches in der auf dem Gegensatze des Lichtgeistes (Ormusd) und des Herrschers der Finsternis (Ahriman), das ist des sittlich Guten und Bösen beruhenden Lehre Zoroasters als das wichtigste Reinigungsmittel verehrt wird. Für diese dem Islam widerstreitenden Lehren hatten jene Flüchtlinge in Gudscherat Schutz und Frieden gefunden, ihre angestammte Sprache jedoch mit dem hindustanischen Idiom der neuen Heimat vertauscht und dieses derart in sich aufgenommen, dass sie dasselbe noch heute mit Vorliebe sprechen. Von hier aus verbreiteten sich die Parsen über ganz Indien, namentlich in bedeutender Zahl nach der großen und reichen Hafenstadt Bombay, wo sie stets Kapital und Industrie vertraten. Hauptsächlich übten sie die Schiffbaukunst. Als Leiter des Marinearsenals in Bombay hat noch vor wenigen Jahren ein Parse fungiert, dessen Ahnen und Urahnen dieses Amt seit dessen Gründung innegehabt hatten. Unter allen Volksstämmen Indiens waren es die Parsen, welche sich zuerst den Europäern anschlossen und noch heute stehen jene mit diesen in engster Beziehung.

Die Tracht der Parsen unterscheidet sich wenig von jener der übrigen Eingeborenen Indiens. Neuerer Zeit jedoch nähert sich der Schnitt der Kleider der Parsen mehr und mehr dem europäischen, ja manche von ihnen tragen sich ganz alla franca. Als Kopfbedeckung benützen die Männer entweder eine hohe, eigentümlich zugespitzte, aus Wachstuch oder Seide verfertigte Mütze, deren Form sie der in Gudscherat landesüblichen Kopfbedeckung entlehnt haben, oder aber eine stark modernisierte Abart der persischen, mit einem bunten Shawl umwundenen Filzmütze. Die Frauen der Parsen bedienen sich seidener oder wollener, farbiger Beinkleider und grell buntfarbiger Oberkleider, welche aus einem Stück Zeug bestehen, das zuerst um die Hüften geknüpft und dann um Schultern und Kopf geworfen wird.

Die meisten Frauen der Parsen haben zwar schöne Augen, jedoch überlang gebogene Nasen, schlechten Wuchs, entweder zu mangelhafte oder zu üppige Formen, einen lässigen, schläfrigen Gang. Die Mädchen sind mit Ausnahme des Überwurfes, den nur die heiratsfähigen Mädchen tragen dürfen, in gleicher Weise gekleidet wie die Frauen.

Von fremdländischen Orientalen sieht man in den Straßen Bombays auch noch Araber und Perser, die sich mit der Einfuhr von Pferden beschäftigen, Juden aus Bagdad, die hier als Hausierer, und Afghanen, die in Bombay gleichwie in Ceylon ausschließlich als Messerschleifer Verdienst suchen.

Die sogenannten Portugiesen Bombays sind Nachkommen der von den portugiesischen Eroberern zum Christentum bekehrten Eingeborenen und führen die Namen portugiesischer Adelsgeschlechter, da seinerzeit die Bewohner ganzer Dörfer die Namen ihrer neuen Herren angenommen haben. Ihrer Beschäftigung nach sind diese Portugiesen meistens Hausdiener, Köche, auch wohl untergeordnete Gehilfen in Handlungshäusern. Es ist ein weichliches, verkommenes Volk, das sofort an seinem Typus und an seinen vernachlässigten, fadenscheinigen Kleidern europäischen Schnittes zu erkennen ist.

Industrie und Großhandel sind unter die drei Hauptstämme, die Hindus, Mohammedaner und Parsen, in ziemlich scharfgezogenen Grenzen verteilt. So sind z. B. die Parsen die Hauptbesitzer der 72 Baumwollfabriken Bombays. Die Mohammedaner treiben meist Import, die Hindus Export, diese wie jene durch Vermittlung europäischer Handelshäuser. Neuerer Zeit emanzipieren sich jedoch die Moslemin wie die Hindus mehr und mehr von den Europäern und treten in Europa selbst in direkten Verkehr mit den Kaufleuten und Fabrikanten. Dieser Verkehr dürfte dem europäischen Handel kaum zum Vorteil gereichen, da die Begriffe des Orientalen über kaufmännische Moral und Solidität von der allervagsten Natur sind und der Kaufmann von Europa aus weit weniger in der Lage ist, sich im Notfall schleunig Rechtsschutz zu verschaffen, als der in Bombay ansässige Europäer.

Über die Oueen’s Road, eine neue, am Rande des Meeres gebaute, sehr breite Straße fuhren wir nach Malabar Hill, wo, wie erwähnt, eine Reihe von Villen liegt, kleine, luftige Bungalows, halb versteckt in sauber gehaltenen Gärten, unter Palmen, Tamarinden und allerhand blühenden Schlingpflanzen. Ganz an der Spitze dieser Landzunge breitet sich das Government House aus, eine Reihe ebenerdiger Bungalows, deren Mittelpunkt ein etwas größeres Gebäude bildet, in dem sich nur der Speise und der Tanzsaal, umgeben von einer luftigen Veranda, befinden. Dort wohnt der Gouverneur mit seiner Familie und seiner Suite von Sekretären und Adjutanten, deren beinahe jeder ein ihm ausschließlich zugewiesenes, mit aller Bequemlichkeit eingerichtetes Haus inne hat. Dem Klima entsprechend sind diese Wohnstätten äußerst luftig gebaut, die Wände sind wie von Papier, überall Türen, Fenster und Veranden, so dass ich mich in einem solchen Bungalow jedesmal wie in einem großen Vogelhause wähnte. Bieten die Häuser zu wenig Raum für eine größere Anzahl von Gästen, so werden Zelte aufgeschlagen und es gleicht dann das Government House mit allen seinen Annexen einer abgeschlossenen, unter großen Tamarinden und Ficusbäumen lagernden Ansiedelung.

Eine Schar Diener in purpurroter Livree bildete bis zur Veranda hin Spalier, wo uns Lady Harris mit zweien ihrer Freundinnen, Lady Brodrick und Miss Smith, in liebenswürdigster Weise empfing. Nach längerer, reger Unterhaltung, in deren Verlauf ich den Damen auf eine Reihe von Fragen — weshalb ich noch nicht vermählt sei, wann ich zu heiraten gedächte u. dgl. m. — Rede und Antwort stand, zogen wir uns in unsere verschiedenen Bungalows zurück, um Parade-Uniform zum Diner anzulegen. Dieses fand nach englischer Sitte erst um halb 9 Uhr statt. Lord und Lady Harris erwarteten mich im Vorsaale, um mich in das Empfangszimmer zu geleiten, wo sämtliche Gäste längs der Wände in einer Reihe standen. Zu dem Diner waren im ganzen 54 Personen, zahlreiche Damen, unter diesen auch eine mit Diamanten besäete Parsi-Dame, die höchsten Würdenträger und der General-Commandant von Bombay, verschiedene höhere Offiziere, Gerichts-, Munizipal- und Governments-Beamte, alle in Bombay sesshaften Consularvertreter und die Commandanten sämtlicher im Hafen befindlichen Kriegsschiffe eingeladen worden. Bald nachdem mir all die Anwesenden vorgestellt waren, schritten wir unter den Klängen der Volkshymne in den Saal. Die Tafel war sehr geschmackvoll mit Blumen, schwarzgelben Bändern und silbernen Aufsätzen geschmückt.

Die kontinentale Etikette fordert, dass bei einem offiziellen, zu Ehren des Angehörigen einer auswärtigen Macht gegebenen Diner der Gastgeber vor allem das Wohl jenes Souveräns ausbringe, dessen Reich der Gast angehört. Die britische Sitte jedoch weicht, wie ich schon bei dem Diner im Government House zu Kandy zu meinem Erstaunen beobachten konnte, von dieser Gepflogenheit ab. Wenigstens ersuchte mich Lord Harris, zunächst auf das Wohl Ihrer Majestät der Königin zu toastieren, worauf er erst das Wohl Seiner Majestät unseres Kaisers ausbrachte.

An das Diner knüpfte sich ein langer Cercle. Nach Beendigung desselben suchten wir, ermüdet durch die Menge neuer Eindrücke, die uns der erste Tag in Indien gebracht, unser Lager auf.

Links

      • Ort: Bombay, Indien
      • ANNO – am 17.01.1893 in Österreichs Presse. Baronin Bertha von Suttner, die kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieg sterben wird, hielt einen Vortrag „Die Waffen nieder“ im Hotel Intercontinental. Budapest meldet zwei neue Cholerafälle. Der deutsche Kaiser ist auch leicht erkältet und konnte die Kaiserin nicht bei Repräsentationsbesuchen begleiten. Dichte Schneemassen haben sich über Norditalien gebettet während ein Sturm vor Triest tobt. Die Banque de France ist ebenso in Turbulenzen.
      • Das k.u.k. Hof-Burgtheater gibt Gustav Freytags Lustspiel „Die Journalisten“, während das k.u.k Hof-Operntheater Giuseppe Verdis Aida spielt.

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