Buitenzorg — Garut, 13. April 1893

Da der Extrazug, der uns an einige interessante Punkte im Innern des Landes zu bringen hatte, bereits um halb 7 Uhr früh abgehen sollte, trat ich schon früh morgens eine Rundfahrt durch Buitenzorg an. Es begann eben erst zu grauen; viele der geflügelten Sänger waren erwacht und schmetterten ihr Lied in den Wipfeln des botanischen Gartens. In dem Chinesen-Viertel schickten sich die fleißigen Bewohner gerade an, ihre tägliche Arbeit zu beginnen. Durch einen prächtigen Wald, in dem sich zahlreiche Malayen-Ansiedlungen befanden, und weiterhin durch Reisfelder eilend, betraten wir in einem tief gelegenen Tal den Badeplatz Sukaradja (Soekaradja), der von einer Unzahl badender Männlein und Weiblein bevölkert war, welche da ihre rituellen Waschungen vornahmen.

Die europäischen Häuser in diesem Tal bilden ein eigenes Viertel, das sich, wie das europäische Viertel in Batavia, durch Nettigkeit, Wohnlichkeit und den Schmuck zahlreicher Gärten auszeichnet Von der Kaserne und dem Obelisken, der hier einem Gouverneur zu Ehren gesetzt ist, zieht sich bis zur Bahnstation Buitenzorg eine Allee von schlank gewachsenen, sehr hohen Bäumen — ich schätzte sie auf mindestens 14 m bis 18 m — hin, die, wie ich zu meinem größten Erstaunen erfuhr, binnen vier Jahren diese Höhe erreicht haben sollen. Das dürften wohl die schnellwüchsigsten Bäume der Welt sein!

Bald setzte sich unser Train nach Garut (Garoet) in Bewegung. Die Strecke dieser Bahn läuft von Buitenzorg ab in südlicher Richtung und tritt nächst der Station Tjitjurug (Tjitjoeroeg) in das Gebiet der Residentschaft der Preanger Landschaften ein, sich von da gegen Osten wendend.
Die Fahrt bis zu unserer Endstation Garut ist ungemein anziehend. Die Landschaft trägt einen lieblichen Charakter; der Reisende wähnt sich in einem Park mit tropischer Vegetation, von welchem aus sich reizende Ausblick auf Berge und Höhenzüge, besonders aber auf die spitzen Kegel vieler Vulkane darbieten, an denen ganz Java so reich ist. In tief eingeschnittenen Tälern und Schluchten mit fast senkrecht abfallenden Ufern rauschen Flüsse oder Bäche, die wir erst entdeckten, wenn wir hart am Uferrand angelangt waren. Der Eisenbahn-Direktor, welcher mich begleitete, gab mir als zuvorkommendster Cicerone alle gewünschten Aufklärungen und zeigte sich nicht wenig stolz auf seine Bergbahn, die sich in häufigen Windungen durch das Land zieht, Täler und Schluchten mit ihren Gewässern auf kühnen Brücken übersetzend, deren höchste über den Tji Tarum (Taroem) führt.

Gleich hinter Buitenzorg beginnt in den Tälern und an den Bergabhängen längs der ganzen Eisenbahnstrecke intensive Kultur. Gebaut wird hier Zuckerrohr, Kaffee, Tee, Chinarinde, insbesondere aber Reis, welcher die Hauptnahrung der eingeborenen Bevölkerung bildet. Die Reisfelder tragen infolge der Monotonie des Eindruckes, den sie hervorrufen, nicht eben zur Verschönerung und Belebung des landschaftlichen Bildes bei. Es verdient beobachtet zu werden, wie geschickt die Javanen die zur Irrigation der Felder notwendige Terrassierung des Bodens durchzuführen verstehen; das Land scheint, wie auf einem plastischen Plan, in übereinanderliegenden Schichten aufgebaut zu sein.

Wo zu große Entfernung der Ortschaften oder die Beschaffenheit des Bodens die Anlage von Feldern verwehrt haben, braust der Zug durch vollkommen tropischen Urwald oder über weite Flächen, die nur mit dem schilfähnlichen Alang-Alang bewachsen sind, welches keine andere Pflanze aufkommen lässt und so dicht steht, dass es für den Menschen kaum durchdringbar ist.

Wer anders, denn ein Fachmann, welcher die Flora von Java erforscht hat, vermöchte die Üppigkeit und Schönheit, die Formenfülle und die Eigenart der Pflanzenbilder nach Gebühr zu schildern, welche uns die aus dem Ozean emportauchende, durch gleichmäßige Wärme und durch Regenfall begünstigte Insel in ihrem tropischen Tiefland, in ihren subtropischen, jungfräulichen Bergwäldern und in den auch mit zahlreichen europäischen Pflanzenformen bekleideten Höhenregionen der vulkanischen Gebirgszüge bietet!

Tropisch immergrüner Wald, Palmen, — darunter die Nipapalme (Nipa fructicans), deren Blätter zur Herstellung von Zigaretten (Rokos) dienen, während der Saft braunen Zucker und Palmwein liefert — Bambus, Pandanen schmücken das von Alang-Savannen durchsetzte Tiefland; eibenähnliche Nadelhölzer, Eichen- und Teak-Bäume, blütenreiche Zingiberaceen, breitblätterige Musaceen, ferner hochstämmige Farnbäume, bedeckt mit Orchideen und Lycopodien, überwuchert von Moosen und Farnen, füllen die Urwälder und Schluchten der mittleren Höhen; Schachtelhalme, Brombeerarten, an Zypressen erinnernde Nadelhölzer, Sträucher und Kräuter einer gemäßigten Zone steigen bis an die grünen Abhänge der Krater empor, an deren Rändern eine eigenartige Flora gedeiht.

So bietet schon das autochthone Pflanzenkleid Javas in Tausenden von Arten, von welchen erst gegen 7000 botanisch bestimmt sind, eine Fülle von Gewächsen, welche Nahrungsmittel, Gewürze, Hölzer, Flechtmaterial, Arzneimittel, allerlei Früchte, Säfte und Harze liefern und allen Bedürfnissen der Eingeborenen wie der Pflanzer und Kaufleute zu genügen scheinen. Und dennoch hat der nimmermehr ruhende, weitblickende, immer wieder nach Neuerungen strebende Geschäftssinn der Europäer die javanischen Fluren mit Handelsgewächsen besiedelt, die, wiewohl Einwanderer, heute mit Fug und Recht in der allerersten Reihe der pflanzlichen Kulturprodukte Javas stehen. Afrika hat den Kaffeebaum, Südasien das Zuckerrohr, den Tee, die Baumwolle, den Zimt, China den Reis, Amerika den Kakao, die Cinchona, die Vanille, den Tabak gesendet — Pflanzen, welche die wichtigsten Exportartikel Javas liefern.

Auf dem Bahnhofe des Städtchens Tjiandjur (Tjiandjoer), dem Sitze eines eingeborenen Regenten, erwartete mich dieser sowie der niederländische Resident der Preanger Landschaften, der mich auf der weiteren Tour begleiten sollte. Eine einheimische Musikkapelle, nach Landessitte auf dem Boden kauernd, spielte auf dem Gamelang die Volkshymne, welche in den weichen Akkorden der gestimmten Cymbals und kesselartigen Instrumente recht angenehm erklang. Da es ruchbar geworden, dass ich ornithologische Objekte sammle, brachten die Eingeborenen eine große Anzahl lebender Vögel herbei, deren ich einige auswählte.

Nach einem Aufenthalt von zehn Minuten ging es weiter und erst in Bandung (Bandoeng) hielt der Zug wieder. Hier, am Sitze der Residentschaft der Preanger Landschaften, wurde mir von dem Residenten ein Frühstück in seinem Palais angeboten, eine Einladung, der ich gerne Folge leistete. Eine große Menschenmenge, die größtenteils aus Eingeborenen, doch auch aus Europäern bestand, hatte sich auf dem Bahnhof eingefunden. Ein vierspänniger, schier antediluvianischer Wagen brachte uns in das Regierungsgebäude, welches, im Stil aller javanischen Häuser gehalten, ebenerdig gebaut ist und in einem sauber gepflegten Garten liegt.
Äußerst drollig nahm sich eine javanische Eskorte aus, die ver dem Wagen und hinter demselben einherstürmte. Einheimische Bürgermeister und Stadträte waren es, welche, angetan mit einem Mixtum compositum von holländischer und einheimischer Kleidung, mit ganz kleinen, javanischen Ponies beritten, uns das Ehrengeleite gaben. Die Reiter hatten gelblackierte, breite Hüte; holländische, blaue, mit goldenen oder silbernen Tressen gezierte Gehröcke —jenen, welche unsere Hofkapellensänger tragen, ähnlich und wohl schon manches Jahr im Besitz ihrer Herren; einen kurzen Sarong; einen krummen Polizeisäbel en bandouliere und weiße Hosen. Die Reiter waren barfüßig und hielten mit der großen Zehe die Steigbügel krampfhaft fest. Das Sattel- und Riemzeug bestand zum Teil nur aus Stricken. Da die kleinen Ponies sich oft störrisch zeigten, kam mancher der Stadtväter in sehr kritische Situationen, die meine Lachmuskeln auf das lebhafteste erregten, doch genierte oder kränkte das die ehrenwerten Mitglieder des Banderiums nicht im geringsten; denn sie selbst brachen in solchen Fällen in homerisches Gelächter aus, so dass die Fahrt unter allgemeiner Heiterkeit endete.

In den Straßen standen die Eingeborenen, nicht allein aus der Stadt, sondern auch aus der Umgebung, dichtgedrängt und bezeugten bei der Annäherung des Wagens ihre Ehrfurcht, indem sie sich in hockende Stellung niederkauerten und den Blick zu Boden senkten. Die
Eingeborenen sehen bei dieser merkwürdigen, allgemein üblichen Art des Grußes jenem, welchem ihr Gruß gilt, nie ins Gesicht; ja manchmal wenden sie sich von dem Begrüßten sogar ganz ab und höhergestellte Javanen, besonders Regenten und Beamte, vervollständigen noch den Gruß, indem sie die Hände oberhalb der Stirne zusammenschlagen. Ich beobachtete häufig, dass javanische Regenten und selbst eingeborene Fürsten, wenn sie von dem Generalgouverneur oder von einem der Residenten angesprochen wurden, sich diesem nur in kriechender Weise näherten und dann vor dem Würdenträger mit gesenkten Blicken hockend oder knieend verweilten. Da es in den Gegenden, die wir durcheilten, bekannt war, dass ich mich des Extrazuges bediene, und da überdies die Lokomotive Fahnenschmuck trug, so kauerte sich auch, während der Zug vorbeiflog, die gesamte Landbevölkerung in den Feldern oder bei den Ortschaften wie auf Kommando nieder, was einen äußerst befremdlichen Eindruck machte.

Zwischen Bandung und Garut, welch letzterem wir uns nun näherten, bot die Eisenbahnfahrt einen besonderen Reiz durch den Ausblick auf das Tal von Garut. Der Zug war noch höher zum Gebirge emporgeklettert, bis wir nach Passierung einiger hoher Brücken und Viadukte, aus einer Biegung der Strecke hervorsausend, plötzlich das üppige, wasserreiche, von mächtigen Bergspitzen und Vulkankegeln umschlossene Tal von Garut erblickten. Allüberall schlängelten sich, im Schein der Abendsonne glänzend, Flüsse und Bäche gleich silbernen Fäden durch das herrliche Grün. Dieses, wie ganz Java, von reichen Wasseradern getränkte Tal bot ein entzückendes Landschaftsbild dar.

In Garut war der Empfang ähnlich gestaltet, wie in Bandung: der antediluvianische Wagen mit dem dunkelfarbigen, in rotem, betresstem Rock und in lackiertem Zylinder prangenden Kutscher, der mich unwillkürlich an einen Akteur aus der Affenkomödie erinnerte; das Banderium, die Menschenmenge und — selbst hier ein Schnellphotograph!

Ich stieg in einem sehr reinlichen und bequem eingerichteten, aus mehreren Pavillons bestehenden Hotel ab, welches inmitten eines Gartens gelegen war, in dessen Büschen und Bäumen morgens und abends zahlreiche Singvögel lustig konzertierten.

Nachdem ich noch ein wenig in dem Städtchen auf- und niedergegangen war und eine Menge fliegender Hunde beobachtet hatte, die alle in der gleichen Richtung ihren Schlafstätten zueilten, wurde gespeist. Dann gab es im Haus des Regenten abermals einen Wajang.

Die Regenten sind Eingeborene, meist Abkömmlinge der früheren Fürsten und somit von adeliger Geburt, welche den Titel Raden Adipatti (Oberstlieutenantsrang) oder Raden (Mas) Tomenggung (Majorsrang) führen. Diesen Regenten, welchen ein ganzes Heer von Beamten untersteht, obliegt zunachst die politische Verwaltung und die Steuereinhebung in ihrem Gebiete, der Regentschaft; sie unterstehen den niederländischen Residenten, deren Wünsche und Befehle sie in der Regel auf das willfährigste befolgen. Die Regentenwürde ist nicht erblich; die Regenten werden vielmehr von Fall zu Fall von der Regierung ernannt, eine Einrichtung, die sich als sehr praktisch erwiesen hat, da der Regent, falls er ausnahmsweise den Wünschen der Regierung nicht vollkommen entspricht, seiner Würde einfach entkleidet und diese einem anderen Adeligen des Landes übertragen wird. Von den 22 Residentschaften, in welche ganz Java eingeteilt ist, zerfallen 19 in Regentschaften, diese in Distrikte u. s. w. Zwei der Residentschaften sind die zu Scheinreichen herabgesunkenen Vasallenstaaten Surakarta (Kaiserreich Solo) und Djokjakarta (Sultanat). Diese und die Residentschaft Batavia sind nicht in Regentschaften geteilt.

Als äußeres Zeichen der Würde trägt jeder Regent einen reichbetressten, holländischen Rock, einen goldenen Kriss mit dem Namenszug des Beherrschers der Niederlande und endlich einen reichvergoldeten Sonnenschirm, Pajung, der auf Schritt und Tritt von einem Diener nachgetragen wird. In ganz Java bildet dieser an einem langen Stock befestigte Sonnenschirm das vornehmlichste Abzeichen der Würde. Ein solcher Schirm folgt ebenso dem Generalgouverneur wie jedem der Residenten und höheren Beamten nach, ja auch ich wurde nicht damit verschont; denn bei jeder Gelegenheit stand ein Bursche, als sei er mein Schatten, hinter mir und hielt das goldene Dach über mein Haupt. Der Grad des Ranges wird durch die größere oder geringere Menge des Goldes sowie durch Farbenunterschiede auf dem Schirm angedeutet.

Die Wajang-Aufführung, welche der Regent von Garut uns zu Ehren hatte veranstalten lassen, glich dem tagszuvor in Buitenzorg gesehenen Schauspiel völlig, mit dem einzigen Unterschied, dass die Pas und Gesten der Tänzer noch grotesker waren und die Handlung sich länger hinauszog, so dass die unglückliche Königstochter erst nach zwei Stunden in den Besitz eines Ehemannes gelangte.

Ganz neu war aber ein Tanz, den zum Schluss der Festvorstellung der Regent in höchsteigener Person exekutierte und wobei ich meine ganze moralische Kraft zusammennehmen musste, um nicht hellaut aufzulachen. Der Regent, ein ziemlich bejahrter Mann, hatte um seine Staatsuniform ein langes, himmelblaues Band geschlungen, dessen Enden er graziös in den Händen hielt. Er erschien in Begleitung einer jungen, seinem Hofstaat angehörenden Malayin, deren eigentliche soziale Stellung ich aber nicht zu ergründen vermochte. Dieses Hoffräulein hatte eine dem heißen Klima entsprechend luftige Kleidung angelegt und begann den Tanz, indem sie zunächst die Strophen eines Liedes im gewagtesten Discant sang und sich dann rhythmisch um ihre eigene Achse drehte. Nun entwickelte auch der Regent mit züchtig gesenkten Augen seine choreographische Tätigkeit, indem er sich in den drolligsten Wendungen um seine Partnerin drehte und einen Grotesktanz aufführte, der die Mitte hielt zwischen dem Pas einer Prima Ballerina und dem Benehmen des Birkhahnes, wenn er sich in voller Balz befindet. So oft sich der Tänzer seiner Dame mit zierlichen Sprüngen näherte, markierte dieselbe ein fluchtartiges Entrinnen, so dass aus dem Tanz eigentlich ein getanztes „Fangspiel“ wurde, das an Komik und Originalität nichts zu wünschen übrig ließ.
Als endlich die Kräfte des alten Herrn zu versagen anfingen, kam ein Unterbeamter in feierlichem Schritte herangehüpft und kredenzte dem müden Künstler perlenden Champagner. Der Regent umtanzte noch eine Weile hindurch den schäumenden Becher und ergriff ihn schließlich, um ihn mit sichtlichem Behagen zu leeren, während das Hoffräulein, das leer ausgegangen war, sich mit einem Zipfel ihres ätherischen Gewandes den Schweiß auf der Stirne trocknete.

Nach diesem köstlichen Feste kehrte ich in mein Hotel zurück. Zwischen den Palmen des Gartens schwirrten Hunderte von Leuchtkäfern durch die laue Tropennacht.

Links

  • Ort: Garut, Indonesien
  • ANNO – am 13.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der Freischütz“ aufführt.

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