Calcutta, 1. Februar 1893

Um 8 Uhr morgens rollte unser Extrazug in die Bahnhofshalle der Station Haura (Howrah) ein. Daselbst empfingen mich der Vizekönig Lord Landsdowne, umgeben von Adjutanten und von Mitgliedern der Regierung, der Lieutenant-Governor von Bengalen, Sir C. Elliot, und eine große Anzahl Schaulustiger. Sowohl auf dem in reichem Farbenschmuck prangenden Bahnhof selbst, als außerhalb desselben war je eine Ehrenkompanie aufgestellt, während die Garde des Vizekönigs, ausgewählte, über sechs Schuh hohe Inder auf prächtigen, australischen Pferden und eine Escadron Kavallerie dem à la Daumont bespannten Paradewagen, der mich zum Government House brachte, das Geleit gaben. Auch hier bildeten den ganzen Weg entlang Truppen Spalier, und zwar das 6. und 16. Bengal-Infanterieregiment, die schwarz uniformierte englische Rifle-Brigade, Marine-Freiwillige, sowie Calcuttaer Freiwillige zu Pferd und zu Fuß und die jugendlichen Frequentanten einer Militärschule.

Zuerst überschritten wir auf einer großen Brücke den Hugli (Hooghly), wie der westliche Arm des Ganges genannt wird. Die Länge der Brücke beträgt 506 m; jedoch nimmt flußauf- und flußabwärts — immer noch im Weichbild der Stadt — die Breite des Huglis erheblich zu. Der für die größten Schiffe fahrbare Teil des Huglis, auf dessen linkem, also östlichem Ufer das eigentliche Calcutta sich ausbreitet, während die Vorstadt Haura, von welcher wir eben kamen, auf dem rechten Ufer liegt, hat eine durchschnittliche Breite von 230 m. Alle Schiffe finden Raum, anzulegen; selbst Kriegsschiffe mit bedeutendem Tiefgang können sich, da der Fluss eine entsprechende Tiefe besitzt, mitten in der Stadt verankern.

Vor dem Government House hatten mehrere Ehrenkompanien, darunter auch Marine-Freiwillige, Aufstellung genommen. Dieses Gebäude ist ein großer, von einer Zentralkuppel überhöhter Palast mit vier durch Gallerien verbundenen Pavillons, mit Freitreppen, Säulenhallen u. s. w., alles in jenem Stil, den wir gemeinhin als Empire zu bezeichnen pflegen. Es stammt aus den Jahren 1799 bis 1804 und ist von dem Bruder Wellingtons, des Marquis of Wellesley erbaut worden, der von 1798 bis 1805 Generalgouverneur von Indien oder eigentlich, wie der Titel zu jener Zeit lautete, »Generalgouverneur von Fort William in Bengalen« gewesen ist. Als Vorbild hatte ein englisches Schloss, Kedleston in Derbyshire, gedient.

Auf der großen Freitreppe erwarteten mich der Oberbefehlshaber in Indien und Kommandant der Truppen in Bengalen, General Lord Roberts, mit allen Generalen und den Regimentskommandanten, die Chefs der Regierungs-Departements, die Konsuln und viele Radschas. Mein erster Besuch galt Lady Landsdowne, wonach ich mich in meine Zimmer zurückzog, um die Post zu ordnen und mein Tagebuch zu ergänzen, sowie um eine vom Konsul Heilgers geführte Deputation der in Calcutta lebenden Landsleute zu empfangen.

Gegen Abend machte ich eine kleine Rundfahrt durch die Stadt und besuchte den zoologischen Garten. In der Umgebung des Government House erheben sich große öffentliche Gebäude, das Rathaus (Town Hall), das Sekretariat, das Legislative Council Office, der Justizpalast (High Court) und viele andere Regierungs- und Privatgebäude, — in antikem, in mittelalterlichem oder auch in keinem, das heißt in »modernem« Stil — deren stolze Fassaden Calcutta mit Recht den Beinamen »Stadt der Paläste« verschafft haben. Doch wie stolz auch diese Bauwerke ihre Giebel und Kuppeln zum Ruhm Albions erheben, nicht alle stehen fest; so hat sich in den letzten Jahren der dem Rathause von Ypern nachgebildete Palast des High Court, weil auf Piloten errichtet, welche der trügerische, mit Sand durchsetzte Baugrund am Flussufer erheischte, bedeutend gesenkt. Zur Zeit meiner Anwesenheit war man eben damit beschäftigt, den Palast wieder zu heben, eine mühsame und gefahrvolle Arbeit.

Südlich von dem Komplex, welcher die öffentlichen Gebäude einschließt, östlich von dem Hugli, westlich von der glänzenden, fast 2 km langen Villenstraße Tschauringhi (Chowringhee Hoad) erstreckt sich der Maidan oder die Esplanade. Diese, an der Flusseite von den reizenden Eden Gardens und weiterhin von dem stolzen Achteck des Forts William begrenzt und etwa 780 ha umfassend, ist eigentlich nur eine Wiese, allein eine solche Wiese wie unser Prater, dessen Name auf das spanische Wort Prado (Wiese) zurückzuführen sein soll, und, gleichfalls wie unser Prater, ein Corso und eine Erholungsstätte.

Jahraus, jahrein prangen die Hasenflächen des Maidan in frischem Grün, — ein wahres Labsal in diesen Breiten — Baumgruppen, Teiche, Bassins, Statuen britischer Staatsmänner und Feldherren schmücken die von Geh-, Reit- und Fahrwegen durchquerte Fläche. Alle diese Wege sind mit Baumalleen umsäumt, welche große Wiesenplätze einschließen, die allerlei sportlichen Zwecken dienen und weiterhin in den Paradeplatz, sowie am Südende des Maidan in den großen Rennplatz mit der Flachrennbahn übergehen. Auch einzelne Truppenkörper haben auf diesen Wiesenplätzen ihre Zelte aufgeschlagen; besonders campieren dort auf dem Durchmarsche befindliche Abteilungen. In den Früh- und Abendstunden entwickelt sich auf dem Maidan ein äußerst reges Leben und auf allen Plätzen wird dem Sport gehuldigt: hier spielen Engländer und Eingeborene mit Unermüdlichkeit auf trefflichen Ponies Polo; dort wird Cricket geschlagen; viele Golf-Partien, an denen Damen mit Vorliebe teilnehmen, bilden sich. Dazwischen flutet ein glänzender, bunt bewegter Wagencorso; in den verschiedenartigsten Gespannen rollen das High life, Beamte, Offiziere und so mancher indische Krösus einher; zahlreiche Reiter, Herren und Damen, sprengen auf und ab. Man scheint es in Calcutta zu verstehen, sich die Zeit in angenehmer Weise zu verkürzen; denn jeder Tag der Woche hat seine Bestimmung; bald gibt es Rennen oder Militärsports, allgemeines Polo, Jours fixes und Garden Parties, woran die ganze Gesellschaft teilnimmt.

Meine Rundfahrt durch das eben skizzierte Stadtviertel und durch den Maidan brachte mich schließlich zu dem zoologischen Garten, den ein kleiner Wasserlauf von dem Südende des Maidan trennt. Der zoologische Garten gehört einer Privatgesellschaft, wird von der Stadt subventioniert und ist in seiner parkähnlichen Anlage recht hübsch. Die Tiere sind in verschiedenen kleinen Häusern untergebracht, überall Teiche sowie Baum- und Blumengruppen angelegt. Die Kollektion der Tiere, die Mannigfaltigkeit und Seltenheit der Gattungen ist hervorragend; nur könnten die Tiere besser und namentlich reiner gehalten sein. Der Inspektor entschuldigte diesen Übelstand durch die Finanzlage des Unternehmens, für welches durch die Innen kurzer Frist vollzogene Verwandlung von ödem, sumpfigem Terrain in einen Park und obendrein in einen kostspieligen zoologischen Garten ohnehin das Möglichste geschehen sei.

Im Affenkäfig waren bemerkenswert der auf Java vorkommende Gibbon, auch Wauwau genannt (Hylobates leuciscus), der uns mit furchtbarem Geschrei empfing; ferner ein Orang-Utan und ein böser, ausgewachsener Mandril. Beim Raubtierhaus, welches eine große Anzahl Tiger, Löwen, Panther und verschiedene andere indische Wildkatzen enthält, wurde ich auf einen sehr alten Tiger, einen Man eater, aufmerksam gemacht. Die Bestie soll erwiesenermaßen über 100 Menschen das Leben geraubt haben. Was die Ornis anbelangt, so waren zu meiner Freude die indischen Arten, namentlich die Sumpfvögel, die Tauben und die Kuckucksarten, recht zahlreich vertreten; ich fand an dieser Stelle Angehörige vieler mir schon von ir einen Jagdausflügen her bekannten Species. Reichhaltig an Exemplaren ist das Reptilienhaus, welches in einem Bassin auch Krokodile beherbergt, die sich aber durchaus nicht bewegen ließen, eine ihnen zugeworfene Ente zu verzehren. Höchst erstaunt war ich, als ein indischer Wärter in den Käfig der Kobras eintrat, eine derselben mit sehr geschicktem Griffe am Kopfe fasste und uns die Giftzähne zeigte. Sein Wagnis setzte der Mann im Käfige der Python- und der Klapperschlange fort, welche er fortwährend reizte, bis man das Klappern des wütenden Reptils deutlich sah und hörte. Übrigens hatte er seine Tollkühnheit schon zu büßen gehabt, da er bereits zweimal, hierunter einmal lebensgefährlich, von einer Kobra gebissen worden war.

Bei der Rückfahrt war der Corso auf seinem Höhepunkte angelangt; alle Wagen standen um den Musikpavillon herum und die schöne Welt bewegte sich in den Alleen und Avenuen.
Doch — des Lebens ungemischte Freude ward keinem Irdischen zuteil. Daher fand noch abends im Government House ein Parade-Diner zu 80 Gedecken mit den üblichen Toasten und mit langem Cercle statt. Die Nachbarschaft der liebenswürdigen Lady Landsdowne, die mir versicherte, dass auch ihr Gatte und sie selbst angenehmere Vergnügungen kennten, als ein Gala-Diner, trug wesentlich bei, mir den Ernst der zeremoniellen Feierlichkeit in milderem Licht erscheinen zu lassen.

Links

  • Ort: Calcutta, Indien
  • ANNO – am 01.02.1893 in Österreichs Presse. Die britische Regierung hat in Washington eine Protestnote gegen das amerikanische Vorgehen in Hawaii eingelegt, das jedoch zu keiner Verhaltensänderung der Amerikaner geführt hat. Der Korrespondent sieht die gegenseitigen Beziehungen als getrübt. In Paris nimmt der Panama-Skandal kein Ende.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt die Tragödie „Arria und Messalina“, während im k.u.k. Hof-Opermtheater eine „Redoute“, ein gemeinnütziger Ball unter der musikalischen Leitung von Eduard Strauss stattfindet.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
8 × 27 =