Colombo, 5. Jänner 1893

Als ich etwas verspätet auf Deck erschien, lag bereits Ceylon auf wenige Meilen vor uns, so dass wir in dem prächtigen Morgen die Palmenwälder an der Küste deutlich unterscheiden konnten. Clam, der seit Morgengrauen auf Deck war, sagte mir, auch der Adam’s Peak sei zwischen den plötzlich sich teilenden Wolken herrlich zu sehen gewesen. Mir war dieser Anblick leider versagt, da inzwischen ein Nebelschleier den Horizont wieder bedeckt hatte.

Unzählige Boote von Singhalesen fuhren uns entgegen und umlagerten unter lautem „Hossani“ der Insassen das in den Hafen einlaufende Schiff. Diese Boote haben die abenteuerlichsten Gestalten. Den primitiven Anforderungen der singhalesischen Schiffer genügt ein ausgehöhlter Baumstamm, eine Art Kanu, an dessen Seite zur Erhaltung des Gleichgewichtes ein starker Pfosten mit Stangen befestigt ist; wird mit Segel gefahren, so springt oft einer der Bootsleute auf diesen Pfosten, um von hier aus zu hantieren. Es ist kaum glaublich wie viel Personen in einem derartigen Fahrzeuge Platz finden und wie geschickt die Singhalesen hiemit umzugehen wissen. Auf kurze Strecken bedienen sich dieselben sogar nur vier zusammengebundener Pfosten, die durch ein brettartiges Ruder in Bewegung gesetzt werden. Da ganz gleichartige Boote auch auf den Südsee-Inseln im Gebrauche stehen, so glaubt man hierin einen Beleg für die Richtigkeit der Annahme gefunden zu haben, dass die Singhalesen eingewanderte Südsee-Insulaner seien.

Colombo, die Hauptstadt und der bedeutendste Hafen Ceylons, hat gleich dem Lande selbst, seitdem die Briten (1802) diese durch Klima, Vegetation und kommerzielle Lage begünstigte Insel besitzen, einen außerordentlichen Aufschwung genommen.

Dies erhellt namentlich aus den Ziffern über die gegenwärtigen Productions-, Cultur- und Handelsverhältnisse der von den Alten Taprobane, von den Indern Singhala genannten, 63.976 km2 messenden und nach dem Census des Jahres 1891 3,008.466 Einwohner zählenden Insel Ceylon. Nach den englischen Blaubüchern hatte die Ausfuhr Ceylons im Jahre 1891 einen Wert von 51,449.772 fl. ö. W., die Einfuhr einen solchen von 58,305.960 fl. ö. W. Der Schiffsverkehr in den Häfen Ceylons — Colombo, Point de Galle, Trincomali u. s. w. — belief sich in demselben Jahre auf 5,696.940 t.

Im Hafen von Colombo lagen viele große Post- und Personendampfer, ferner mehrere Transportschiffe, ein englisches Kanonenboot und ein russisches Fahrzeug. Kaum hatten wir Anker geworfen, so erfolgte der übliche Territorialsalut, den die Landbatterie erwiderte.

Nun kam unser Generalconsul in Bombay, Herr Stockinger an Bord, um sich mir für die Dauer der Reise auf Ceylon und durch Indien anzuschließen und mir zunächst ein von dem Gouverneur Ceylons verfasstes, groß angelegtes Programm zu unterbreiten. Kurz darauf erschien, von einem Adjutanten begleitet, der Gouverneur Sir Arthur E. Havelock. Dieser, ein feingebildeter Mann, wusste mir, nachdem er mich zum Besuche Ceylons, sowie zu einer Elefantenjagd eingeladen hatte, viel Interessantes von dem herrlichen Eilande und namentlich von Kandy zu erzählen, wobei er in anziehendster Weise Erinnerungen an Natal, seinen letzten Posten, einflocht.

Bald nachher fand sich auch Kinsky ein, der nach Indien vorausgeeilt war, um daselbst eine Reihe von Vorbereitungen für die Reise durch jenes Land zu treffen. Kinsky kam direkt aus Calcutta und hatte auf der ganzen Überfahrt nach Colombo von recht schlechtem Wetter zu leiden gehabt, so dass seine Ankunft in Colombo später, als wir erwartet, erfolgte. Von hier ab sollte er gleich Stockinger unser Reisegesellschafter sein.

Den offiziellen Besuch des Gouverneurs zu erwidern, fuhr ich alsbald ans Land, wo mich nächst der Landungsbrücke der Gouverneur, die sämtlichen Würdenträger und Honoratioren Colombos, sowie eine Anzahl einheimischer Notablen empfingen. Hier war auch eine sehr gut aussehende Ehrencompagnie vom 6. englischen Infanterieregimente mit schönen, großen Leuten in der schmucken, weißen Tropical-Uniform ausgerückt.

Nachdem ich die Front abgeschritten, stellte mir der Gouverneur eine große Anzahl eingeborener Edlen, dann militärische Dignitäre, Geistliche, Richter und andere Beamte vor, mit denen sich die Konversation zumeist allerdings auf stumme Handbewegungen beschränkte, da ich ja leider des Englischen für die Führung eines Gespräches nicht mächtig bin.

Durch eine Art Porta triumphalis, die aus Palmenzweigen, Cocosnüssen, Ananas, blühenden Blumen u. ä. m. gebildet war und eine mich willkommen heißende Inschrift trug, gelangten wir zu der vierspännigen Staatscarosse, deren Begleitung eine mit australischen Pferden berittene Leibwache bildete. Mit ihrer schönen Uniform, den langen Piken und den bunten Turbanen bot diese erlesene Schar einen martialischen Anblick.

Hinter den Spalier bildenden Truppen stand Kopf an Kopf, dichtgedrängt, eine zahllose Menschenmenge — Engländer, Singhalesen, Inder, Afghanen, Malayen bunt durcheinandergewürfelt — und begrüßte uns durch Tücherschwenken und unartikulierte Laute. Insbesondere schien mein wallender grüner Federbusch die freudige Neugier der versammelten singhalesischen Jugend zu erregen, da die Herren Buben von Colombo unaufhörlich schreiend und lebhaft gestikulierend, mit den Fingern nach ihm wiesen.

Der Reihe nach bildete zuerst reguläres Militär, und zwar Infanterie, sowie Artillerie, dann Native-Artillerie Spalier. Der ganze Weg war festlich geschmückt.

Nachdem wir noch drei große Triumphpforten passiert hatten, erreichten wir endlich Schritt für Schritt das Queen’s House, den Regierungspalast, in welchem aber der Gouverneur jetzt nicht residiert, da er beinahe das ganze Jahr in Kandy verbringt; nur bei Festlichkeiten dient das äußerst luftige, den Tropen angepasste Gebäude als Absteigequartier. Eine kleine ethnographische Sammlung und entzückende frische Blumen schmückten den Salon und die Veranda, von welcher aus wir in einen Garten blickten, der bereits die Wunder tropischer Vegetation ahnen ließ, welche wir in den folgenden Tagen sehen sollten. Da stand eine riesige Ficus religiosa; dort wurzelten hohe, schlanke Cocos- und Fächerpalmen; saftig grüne Bananen streckten ihre breiten Blätter empor; Tamarisken zeigten sich, mit Lianen überzogen, und überall schimmerten die schönsten, buntesten Blumen und Blüten, zwischen welchen schillernde Bül-büls und lichte Schmetterlinge flatterten.

Im Queen’s House lernte ich meine neu angeworbenen, indischen Diener kennen, — dunkelfarbige Leute mit langen Bärten, in schöner, golddurchwobener und monogrammbesetzter Livree — die mich auf der ganzen indischen Reise begleiten sollen.

Nachdem wir uns umgekleidet, ließ uns Sir Arthur E. Havelock die köstlichsten Erfrischungen servieren, darunter vortreffliche Ananas und Mangofrüchte. Dann traten wir in Begleitung seines Adjutanten, Captain Pirie, eine Fahrt durch die Stadt, und zwar zunächst nach dem am Ende derselben gelegenen Museum an.

Die mannigfaltigsten, interessantesten und fremdartigsten Eindrücke liefen während dieser Fahrt förmlich Sturm auf den Ankömmling. Ich wusste kaum, wohin das Auge wenden, woran es haften lassen, wovon mich trennen. Anfänglich fühlte ich mich geradezu beklommen und erdrückt; nur allmählich konnte ich mich hinlänglich sammeln, um zu betrachten und zu genießen. Unter der üppigsten tropischen Flora, den schönsten und höchsten Bäumen, stehen die Häuser — Bungalows — der Europäer und die luftig gebauten Hütten der Singhalesen. Die hier wohnenden Europäer, größtenteils Engländer, zumeist Beamte und einzelne Handelsleute, schmücken die Umgebung ihrer Häuschen mit kleinen Gartenanlagen, wobei die Natur in diesem herrlichen Klima bereitwilligst mithilft.

Die Hütten der Singhalesen sind ärmlich, das Volk selbst ist von schwächlicher Statur, auch, wie man sagt, wenig arbeitsam, dabei aber gutmütig; es macht den Eindruck großer Kinder, die gedankenlos in den Tag hineinleben. Die Kleidung der Singhalesen besteht bei den Männern aus dem sogenannten Sarong, einem großen Stück roten oder weißen Tuches, das sie um die Lenden schlingen, während Kopf, Oberleib und Füße meist nackt bleiben. Nur die Reicheren tragen hin und wieder ein Kopftuch und wohl auch eine weiße Jacke. Die Frauen bedienen sich außer des erwähnten Sarongs noch einer weißen Jaquette oder eines malerisch umgeschlungenen Tuches, das sie bei Annäherung eines Europäers fester anzuziehen pflegen. Den Kindern dient als einziges Kleidungsstück ein — silbernes Kettchen, an dem kleine Herzchen oder sonstige Amulette befestigt sind.

Der Gesichtsausdruck der Singhalesen ist unschön; ich konnte während meines Aufenthaltes unter den Weibern nicht ein hübsches Gesicht entdecken. Die Singhalesen heiraten außerordentlich früh, im Alter von 12 bis 14 Jahren, sind Monogamen und meist mit reichlichem Kindersegen bedacht. Die Kinder werden bis zu ihrem fünften und sechsten Jahre von der Mutter getragen, und zwar auf eine ganz eigentümliche Weise, da sie auf den Hüftknochen der Mutter sitzen oder besser gesagt, reiten.

Vor dem Museum erhebt sich das bronzene Standbild des Erbauers, Sir W. Gregory, der in den Jahren 1871 bis 1877 Gouverneur von Ceylon gewesen ist.

Die Parterreräume des Musealgebäudes enthalten eine reiche ethnographische Sammlung aus sämtlichen Teilen der Insel Ceylon, zierlich in Gold und Silber verfertigte Schmuckgegenstände, verschiedenartige Waffen und Messer, eine große Kollektion der fratzenartigen Masken, deren sich die Eingeborenen bei ihren Teufelstänzen bedienen. In einem der Kasten befinden sich greulich verzogene Gesichter darstellende Heilmasken, welche, wie mir der Führer erklärte, den Leidenden aufgelegt werden, um die bösen Geister zu verscheuchen und so Heilung zu erzielen. Je nach der Krankheit, von welcher der Patient befallen ist, wird dann diese oder jene Maske angewendet. Besonders schrecklich ist die Fratze der Heilmaske gegen Zahnweh gestaltet, so dass an der ernstlichen Absicht des Künstlers, den Dämon des Übels zu verscheuchen, gar nicht zu zweifeln ist. Darüber, ob dieselbe auch Erfolg gehabt, konnte ich nichts Sicheres erfahren, sonst hätte ich gerne einen Ceylon Dentist zu Nutz und Frommen der leidenden Menschheit bewogen, Lustgas und Plomben zum Trotz, sein schmerzloses Metier in Wien auszuüben. Auch die zahlreichen Schiffs- und Bootsmodelle, sowie die reichen Gewänder und die Erzeugnisse singhalesischer Hausindustrie fesselten meine Aufmerksamkeit.

In den Räumen des Erdgeschosses sind an den Wänden steinerne Inschriften angeordnet, deren Herstellung auf das 3. Jahrhundert v. Chr. zurückdatiert wird: aus Stein gehauene kolossale Löwen, deren einer, aus Pollonarua stammend, als Königsthron gedient haben soll; künstlerisch gemeißelte Thorschwellen und andere Bruchstücke des Tempels von Anuradhapura u. dgl. m.

Besonderes Interesse flößten mir hier zwei Modelle ein, deren eines einen Mann, das andere aber ein Weib aus dem wilden, in den dichtesten Dschungeln Nord-Ceylons lebenden Volksstamme der Veddahs vorstellt, welcher im Aussterben begriffen, der Urbevölkerung der Insel vor der singhalesischen Einwanderung angehört. Auch die ganz primitiven Waffen und sonstigen Gegenstände, deren sich diese Urbewohner bedienen, sind hier zu sehen. Die Wilden selbst sind fast nie zu erblicken. Von beinahe krankhafter Scheu gegen jede Beobachtung erfüllt, wissen sie ein Zusammentreffen mit fremden Menschen sogar bei Gelegenheit des Tauschhandels, auf den sie ab und zu doch angewiesen sind, völlig zu vermeiden. So vollzieht sich denn dieser in der Art, dass die Urbewohner ihre Ware — erbeutetes Wild — nachts an bestimmten Plätzen im Walde hinterlegen, die Singhalesen aber am Tage das Wild dort abholen und als Tauschobjekt Eisen, Gewebe u. a. m. deponieren.

Das erste Stockwerk des Museums enthält die zoologische Abteilung, welche nur aus Vertretern der Fauna Ceylons besteht. Unter diesen, namentlich unter den Repräsentanten der Vogelwelt, fand ich so manches Tier, dessen Art auch in Europa heimisch ist. Sehr zahlreich und in den merkwürdigsten und buntesten Varianten erscheinen die Familien der Tauben, der Eisvögel und überhaupt der Wasservögel. Von den Säugetieren waren es zwei Gattungen Pantherkatzen, sowie die verschiedenen schlangenfressenden, dem Ichneumon sehr ähnlichen Mungos, die mir besonders auffielen. Eine reichhaltige Sammlung von Schmetterlingen ringt selbst dem Laien Bewunderung ab.

Nach Besichtigung des Museums setzten wir die Fahrt durch die schönsten Teile der europäischen Stadt und des Eingeborenen-Viertels, gegen die Landungsbrücke zu, fort. Straßen nach unseren Begriffen mit knapp aneinander stehenden Häusern gibt es in Colombo nur hart am Rande des Meeres und selbst da in geringer Anzahl. Dafür zieht sich die 126.926 Einwohner zählende Stadt parkähnlich viele Meilen ins Land hinein.

Die Häuser in den Straßen am Strande dienen in ihren Erdgeschossen als Kaufläden und Bazars, in denen Singhalesen, Afghanen und aus Indien eingewanderte Mohammedaner arbeiten und Handel treiben; letztere, leicht erkenntlich an ihren puddingförmigen, aus Stroh geflochtenen Kopfbedeckungen, zeichnen sich durch Intelligenz aus und haben bereits den größten Teil des Handels an sich zu ziehen verstanden.

Unter den Singhalesen lebt die Erinnerung an die portugiesische Herrschaft auf Ceylon (1505 bis 1656) noch in den Namen vieler Familien fort, wogegen die sogenannten Burghers, Mischlinge von Holländern und Eingeborenen, an die Zeit der niederländischen Occupation der Insel (1656 bis 1802) gemahnen. Dies kommt schon auf den ersten Blick dadurch zum Ausdrucke, dass die Burghers, wiewohl im übrigen orientalisch gekleidet, unabänderlich eine Kopfbedeckung tragen, welche den bei den Bauern in Holland üblichen Mützen vollkommen gleicht. Die einzige Beschäftigung der Afghanen ist die Messerschleiferei. Die Tamils, Leute von Madras, besorgen das Tragen von Lasten und sonstige schwerere Dienste. Das ganze Leben und Treiben entwickelt sich auf der Straße und kaleidoskopartig zieht das Getriebe und Gewimmel der Völker an uns vorbei.

Zu Mittag an Bord zurückgekehrt, empfing ich die Mitglieder der österreichisch-ungarischen Kolonie, vollendete die Post für die Heimat und fuhr dann wieder ans Land, um in Begleitung des Generalconsuls Stockinger verschiedene Einkäufe zu besorgen.

Gegen Abend führte uns eine mit vier australischen Pferden bespannte riesige Coach, die Captain Pirie lenkte, nach dem 11 km entfernten Mount Lavinia, einem Ausflugorte der Bewohner von Colombo, den sie gerne aufsuchen, um etwas frischere Luft und Seebrise zu genießen.

Der kaum eine Stunde währende Weg ist äußerst pittoresk. Zuerst geht’s an mehreren kleinen Teichen vorbei, über Brücken, welche Flussarme und Bäche überwölben; dann durchqueren wir Kakao- und Zimtpflanzungen, die sich durch ihren intensiven Geruch schon von weitem verraten und mit hohen, undurchdringlichen Hecken von kaktusartigen Euphorbien, üppig wuchernden Farnen, Rhododendren und Bambus umgeben sind.

Weiterhin führt die vorzügliche Straße mitten durch einen unabsehbaren Palmenwald, der zahllose kleine Singhalesen-Hütten birgt. Überall ragen, von Lianen umschlungen, die prachtvollsten Bäume, so der Muskatnussbaum, die Mangostane, der Durian, die Ebenholz liefernden Diospyrosarten (D. ebenum, D. ebenaster, D. melanoxylon), Chloroxylon (Swietenia), ferner die ägyptische Dumpalme (Hyphaene thebaica), die Dracaena u. dgl. m. empor. Erquicklicher Schatten umgibt uns, kein Sonnenstrahl dringt durch dieses Blätterdach.

In der Nähe der Stadt sind die Behausungen der Singhalesen fester und besser gebaut, meist aus kleinen Ziegeln und Brettern, das Dach spitz zulaufend; je weiter man aber in das Innere des Landes dringt, desto ärmlicher sehen die größtenteils nur aus Lehm bestehenden Hütten aus. Das Stück Land, welches die Hütte umgibt, muss von der Regierung erworben werden. Die Bedürfnislosigkeit dieser Leute ist groß; denn einige Kokospalmen genügen zu ihrem Lebensunterhalte, so dass es nicht Wunder nehmen darf, wenn die Eingeborenen die Sorge um ihr Wohlergehen dem Himmel und dem herrlichen Klima überlassen. Ein Genremaler fände an solch einer Singhalesen-Ansiedelung die prächtigsten Vorwürfe: vor der Hütte lungert die ganze Familie umher, an der Spitze meist ein langbärtiger Pater familias, daneben mehrere an Hexen und Furien gemahnende alte Weiber und einige, nichts weniger als schöne jüngere Frauen, zumeist den Säugling an der Brust; ringsum die hoffnungsvoll heranreifende Jugend, sich in treuer Gemeinschaft mit mehreren Kötern und Katzen im Sande wälzend; dazu ein buntes Gemisch von Gerätschaften, Schweinen, Zebus und ausgeschälten Kokosnüssen.

Der ungewohnte Anblick unserer Coach regte längs des Weges sämtliche Eingeborene auf; in großen Scharen standen sie da und starrten uns an.

Lavinia ist ein in europäischem Stile gehaltenes, großes Hotel, — ursprünglich die Villa des Gouverneurs Sir E. Barnes — welches, auf einem kahlen Hügel gelegen, eine schöne Aussicht auf den Palmenwald, das Meer und in der Ferne auf Colombo bietet. Die Temperatur ist hier stets etwas niedriger als in der Stadt und ein herrlicher Strand lockt zum Bade. Vor dem Hotel sitzend, genossen wir den lauen Abend und den Anblick des Meeres, das Feuerbild des Sonnenunterganges. Das Diner, teils französisch, teils englisch, teils indisch, zeichnete sich durch die kolossale Anzahl und die Vielfältigkeit der Speisen aus, indem die verschiedenartigsten Produkte der Tier- und Pflanzenwelt in den mannigfaltigsten Saucen und Aspics erschienen. In unserem Wissensdrange kosteten wir von allem und hatten, ungewohnt solcher Genüsse und während der langen Seereise auf einfache Kost gesetzt, am nächsten Tage dafür bitter zu büßen.

Die Rückfahrt nach Colombo in der warmen, tropischen Nacht war köstlich, die Sterne funkelten durch die Palmenhaine, fliegende Füchse strichen langsamen Fluges über unsere Köpfe, zahllose, hell leuchtende Glühwürmchen schwebten wie Irrlichter in dem Blätterdache. Entzückt, aber herzlich müde von dem ersten in den Tropen verbrachten Tage, sanken wir in unseren Cabinen bald in tiefen Schlummer.

Links

  • Ort: Colombo, Ceylon
  • ANNO – am 05.01.1893 in Österreichs Presse. Das Schneetreiben beeinträchtigt weiterhin das Leben und den Verkehr in Wien. Insbesondere die internationalen Zugverbindungen erleiden Verspätungen und Unterbrüche. Warschau meldet drei Choleratote und zahlreiche Erkrankte.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt Georges Ohnets Der Hüttenbesitzer (Le maître de forges); das k.u.k. Hof-Operntheater führt hintereinander die Einaktoper Cavalleria Rusticana und das Ballet Rouge et Noir auf.

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