Delhi, 17. Februar 1893

Da aus einer benachbarten Stadt mehrere Artilleriezüge zur Bespannung unserer Wagen gesandt worden waren, benützte ich diese rasche Fahrgelegenheit, um die Ruinen Delhis und insbesondere den berühmten Kutab Minar (Turm des Kutab) zu besuchen.

Die ganze Umgebung Delhis ist eine Ruinenstadt, die sich als ein wahres Trümmerfeld ehemaliger Paläste und Baulichkeiten darstellt. Unabsehbar ist die Menge von zerstörten Moscheen, Tempeln und Wohngebäuden, deren Spuren und Grundrisse zwischen Bäumen und Gebüschen deutlich erkennbar sind. Ist es ja seit der arischen Einwanderung bereits die neunte Stadt, die sich stets auf den Trümmern der vorhergehenden erhebt, indem jeder der vielen Eroberer zuerst, was vorhanden gewesen, zerstört und dann eine neue, an Glanz und Ausdehnung bedeutendere Stadt erbaut hat. Aus diesem Trümmerfelde ragen noch ziemlich viele, halbwegs gut erhaltene Gebäude aus der Mogulnzeit empor; zumeist Moscheen, Forts, hie und da schöne Grabdenkmäler und Teile von Palästen. Überall herrscht der Kuppelbau vor und viele der Kuppeln sind mit bunten, vorwiegend blauen, glasierten Fliesen belegt.
Das schönste unter den Denkmälern ist das Grab des Kaisers Humayun (gestorben 1556), ein großes Gebäude, in der Mitte von einer Kuppel, in den vier Winkeln aber von achteckigen, ungleichseitigen Türmen überhöht. Unter den Grabsteinen fällt jener Humayuns, ein weißmarmornes Kenotaph ohne Inschrift, durch seine Einfachheit auf. In der Nähe des Grabmahles steht ein noch wohl erhaltenes, schönes Mausoleum, welches, wie die Sage berichtet, Humayun seinem Leibbarbier errichten ließ.

Geschichtlich ist der Platz vor dem Mausoleum Humayuns dadurch interessant, dass sich hier der letzte Titular-Großmogul, Bahadur, während des Aufstandes vom Jahre 1857 den Engländern ergeben hat. Das über Bahadur verhängte Todesurteil wurde mit Rücksicht auf das hohe Alter dieses Letzten (1862 verstorbenen) der Großmoguln in lebenslänglichen Kerker umgewandelt. Die beiden Söhne Bahadurs, die hier gleichfalls in Gefangenschaft gerieten, fanden während ihrer Überführung nach Delhi den Tod, da sich der mit der Eskorte betraute Offizier angesichts der Gefahr, diese wichtigen Gefangenen durch die massenhaft den Wagen umdrängende Volksmenge befreit zu sehen, gezwungen hielt, die Prinzen eigenhändig mit der Pistole zu erschießen.

Auf der ganzen, 17 km langen Fahrt von Delhi bis Kutab Minar ist, wie gesagt, die Gegend mit Ruinen bedeckt, so dass unsere Blicke unaufhörlich ringsum schweiften und unsere Aufmerksamkeit stets aufs neue erregt wurde.

Schon von weitem winkt uns von einer kleinen Anhöhe der Kutab Minar entgegen, der aus der Entfernung den Eindruck eines riesenhaften Fabrikschlotes macht, in der Nähe aber durch seine gigantischen Formen, in denen er unversehrt so vielen Jahrhunderten getrotzt hat, unser Staunen wachruft. Der Turm, eine runde Säule darstellend, hat eine Höhe von 84 m, der Durchmesser beträgt an der Basis 14,3 m, an der Spitze, zu der eine Treppe von 378 Stufen emporführt, jedoch nur 2,7 m. Der Turm gliedert sich in fünf durch Galerien markierte Absätze; die drei unteren, aus rotem Sandstein erbaut, sind kannelierte Schäfte, die beiden oberen aus weißem Marmor mit einfach gehaltenen Kannelierungen verziert. Der Sockel des Turmes erscheint bis zur ersten Galerie empor mit ausgemeißelten, die Kannelierung bedeckenden Koransprüchen geschmückt.

Über die Entstehung und den Zweck, welcher bei der Erbauung des Kutab-ed-din ka Minar vorwaltete, herrschen die verschiedensten Meinungen. Nach der einen Version sollte der Turm als Mazina (Muezzin-Turm) der benachbarten, jetzt verfallenen Moschee Kutab-elIslam (»Pol des Glaubens«) dienen. Andere wollen wissen, der Turm sei zu Ende des 12. Jahrhunderts von einem Fürsten, namens Rai Pithora, erbaut worden, damit dessen Tochter von der Spitze der Säule aus den heiligen Dschamna-Strom betrachten könne; eine Erklärung, welche der Vaterliebe des Erbauers alle Ehre machen würde. Eine weitere Tradition besagt, der Kutab Minar sei von den Hindus gebaut, von den Mohammedanern jedoch umgestaltet worden. Für letztere Hypothese spräche das Vorhandensein der zahlreichen Ruinen von Hindu-Tempeln rings um den Turm, obwohl festzustehen scheint. dass der Turm, von König Kutab-ed-din-Aibak (1210 gestorben) begonnen, von dessen Lieblingssklaven und Thronerben Altamsch vollendet worden ist.

Neben den erwähnten Ruinen der Hindu-Tempel fällt noch ins Auge ein prachtvolles, reich geschmücktes Tor, das, von Ala-ed-din (1295 bis 1313) erbaut, einst die Eingangspforte der Moschee Kutabel-Islam gebildet hat. Bemerkenswert ist an diesem Tor die Verquickung der Hindu-Architektur mit dem mohammedanischen Stil in der Art, dass Reliefs, die offenbar aus älteren Hindu-, beziehungsweise Dschaina-Tempeln stammen, hier in die Bogen und Friese indisch-sarazenischen Stils eingemauert sind. Hier hat das Kunstgefühl den Rassenhass überwunden!

Ein merkwürdiges Objekt ist auch die berühmte, viel umstrittene »Eisensäule«, die fast  7 m hoch und angeblich aus einer Legierung von Eisen, Kupfer, Gold und Silber, nach Thompsons Ansicht jedoch aus reinem Schmiedeeisen hergestellt ist. Die in halber Höhe der Säule angebrachte Sanskrit-Inschrift verewigt den Namen des siegreichen Radscha Dhawa, der diesen »Arm seines Ruhmes« im 4. Jahrhundert errichtet haben soll. Vermutlich hat die Säule einst die Figur Wischnus getragen. Eine zweite Inschrift, mit dem Namen Anang Pals, des Gründers der Tomara-Dynastie, hat Veranlassung zu der allgemein verbreiteten Tradition gegeben, die »Eisensäule« sei im Jahre 1052 von Anang Pal errichtet worden.

Ich erwähne noch das kleine, aber mit prachtvollen Verzierungen geschmückte Grabmal Altamsch‘ und das Mausoleum Adam Khans, ein hohes, achteckiges, von einer Kuppel überdecktes Bauwerk. Dieser Adam Khan, ein Sprössling aus dem Hause der Timuriden und einer der hervorragendsten Heerführer Akbars, soll den Stiefvater des Kaisers vor dessen Augen ermordet haben und zur Sühne des Verbrechens von der Terrasse des Schlosses hinabgestürzt worden sein. Die Rücksicht auf Adam Khans Verdienste um die Eroberung von Sarangpur soll aber Akbar dann bewogen haben, seinem vielleicht vorschnell justifizierten Vetter dies Denkmal zu setzen.

Wir profanierten das Gebäude durch ein Frühstück, das wir in seinen Mauern einnahmen. Dann durchstreiften wir, der Jagd zu obliegen, die äußerst steinige und dornenreiche Gegend, wobei wir uns in zwei Partien teilten. Prónay, Stockinger und ich wählten die Hügel um Kutab Minar, während die anderen Herren einem einheimischen Schikäris folgten, der eine allerliebste zahme Gazelle zum Anlocken des Wildes mit sich führte. Das Vorwärtsdringen in diesen Ruinen mit den spitzen Steinen, den Mauern und den vielen scharfen Dornen war sehr erschwert, doch wurde die Mühe gelohnt, indem ich mehrere Indische Rebhühner (Ortygornis pondiceriana), sowie vier Stück des Bunten Flughuhnes (Pterocles fasciatus), von den Engländern »Sand grouse« genannt, erlegte. Nach einer langen Streifung, eigentlich einer unausgesetzten Steeple chase über Mauern und Steine, kehrte ich mit unserer trefflichen Artilleriebespännung nach Hause zurück, um den Abend meinen Aufzeichnungen zu widmen. Hiezu flackert wohltuend prasselndes Feuer im Kamin, heulen Schakale unter meinen Fenstern ein fremdartiges Konzert.

Links

  • Ort: Dehli, Indien
  • ANNO – am 17.02.1893 in Österreichs Presse. Fürst Ferdinand von Bulgarien, gestern noch asl erfolgreicher Brautwerber gemeldet, hütet krankheitshalber das Bett in Wien und wird auch noch die nächsten Tage dort verbringen. Die Krise in Frankreich füllt weitere drei Spalten Text.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt ein Kombination von drei Stückchen, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Excelsior“ tanzt.

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