Gwalior, 29. Jänner 1893

Gegen 2 Uhr morgens wurde ich durch Musik aus tiefem Schlaf aufgeschreckt. Ein besonders zuvorkommender Radscha hatte es für angezeigt gehalten, mich in dieser Weise, allerdings zu etwas ungewohnter Stunde, zu begrüßen und mir Früchte überreichen zu lassen.

Um 6 Uhr früh fuhren wir in Gwalior ein — halb erfroren, vor Kälte klappernd. Kaum glaublich und leider dennoch wahr! Die ältesten Leuten in Gwalior erinnern sich einer ähnlichen Depression der Temperatur nicht, die wohl den bedeutenden Schneefällen zugeschrieben werden muss, welche eingelaufenen Nachrichten zufolge vor kurzem im Himalaya-Gebirge eingetreten waren. Ungeachtet zweier Mäntel, die ich beim Verlassen des Waggons angelegt hatte, fror ich empfindlich. Oberst Pitcher und zwei reich geschmückte Mitglieder des Staatsrates von Gwalior empfingen mich namens des Maharadschas und des britischen Residenten und geleiteten uns zu den Wagen, die uns sofort zu dem Palast des Herrschers brachten.

Dieser selbst, ein Jüngling von sechzehn Jahren, unter der wohlbedachten Vormundschaft und Erziehung eines Engländers stehend, war abwesend, da er mit dem britischen Residenten zu Besuch in Calcutta weilte. Der plötzliche Tod seines Vorgängers, eines schwer zu behandelnden Dynasten, welcher den Engländern viel Mühe und Sorge verursacht hatte, hat den Maharadscha in jugendlichem Alter zur Regierung berufen.

Der Ehrenwache im Palaste, den wir zunächst besichtigen wollten, schienen wir entschieden zu früh gekommen zu sein; denn, noch ganz verschlafen, traten endlich zwanzig Mann ins Gewehr, einige noch in einer Art Nachtgewand, andere in große Kapuzenmäntel gehüllt. Ein hochbejahrter Offizier bemühte sich vergeblich, Ordnung in seine Schar zu bringen.

Ähnlich wie in Haidarabad besteht auch in Gwalior die Residenz des Maharadschas aus mehreren Palästen, von welchen drei besonders hervorragen. Dieselben liegen in einem Park, der sich über mehrere Quadratkilometer erstreckt, Teiche enthält und von Bächen durchzogen ist; der größte und bedeutendste der Paläste ist zu Ehren der Anwesenheit des Prinzen von Wales in Gwalior (1873) erbaut worden und fällt durch eine eigentümliche Verquickung indischen und italienischen Baustiles auf. Über mein Befragen wurde mir des Rätsels Lösung zuteil: ein Architekt aus Florenz ist der Schöpfer des Werkes gewesen. Eine große Freitreppe führt zu dem schönsten Prunksaal empor, welcher einem florentinischen Muster genau nachgebildet, ganz in Weiß und Gold gehalten und mit kolossalen Glaslustern geschmückt ist. An den Saal schließen sich die Empfangs- und Speisezimmer an, welche teilweise mit europäischen, recht geschmacklosen Gegenständen gefüllt sind. Die Privatgemächer des Mahäradschas machen einen wenig wohnlichen, ja unfreundlichen Eindruck. Der Raum, in welchem sich jener, den größten Teil des Tages mit untergeschlagenen Beinen auf einer Decke sitzend, aufzuhalten pflegt, ist eine Halle, welche Säulen tragen, deren Kapitäle mit Bildern aus der indischen Göttersage, zumeist Darstellungen des Gottes Schiwa, bunt bemalt sind. Überall herrscht unglaubliche Verwahrlosung und arger Schmutz; Ratten, Tauben und Spatzen hatten in manchem der Vorräume, wie es schien, ungestört ihr Quartier aufgeschlagen, und von der Zweckdienlichkeit des Lüftens und Reinigens schien die Dienerschaft des Palastes keine Ahnung zu haben.

Auch in dem zweiten Palast, der nach 1876 und zwar in rein indischem Stil erbaut worden ist, betritt man einen prunkvollen Audienzsaal, dessen Hauptschmuck ein fein gemaltes Bild Schiwas und grüne, vergoldete Möbel bilden. An den beiden Stirnseiten des Saales sind vergitterte Fenster angebracht, hinter welchen die Frauen den Festen und Audienzen ungesehen beiwohnen können. Sehr originell sind die Zimmer des Harems, den wir, da sich keine weiblichen Wesen in demselben aufhielten, ebenfalls besuchen durften. Die ganze Anlage und Einrichtung rührt noch von dem verstorbenen Maharadscha her und ist von dem jetzt regierenden, der vor kurzem ein zehnjähriges Mädchen zu seiner Gattin erwählt hat, nicht verändert worden. Das Zimmer der Lieblingsfrau ist ohne jeglichen Schmuck, nur hängen an den Wänden einige wertlose europäische Farbendruckbilder; das einzige Einrichtungsstück dieses Gemaches ist ein niedriger, mitten im Zimmer stehender Diwan. Unmittelbar neben diesem Raum liegt ein überreich verziertes Gemach des gestrengen Herrschers, welches mit kostbaren Teppichen und Stoffen geschmückt und verschwenderisch mit Gold, Silber und Edelsteinen verziert ist. An den Wänden hängen Spiegel und glitzern bunte Gläser; das Bett aus schwerem Gold, ruht auf kunstvoll gearbeiteten Füßen und ist mit seidenen Decken belegt, während ein Baldachin aus gewichtiger Seide das üppige Lager überragt.

An dieses Schlafgemach, welches einen grellen und sprechenden Kontrast zu der Einrichtung der anderen Räume bildet, reihen sich Gemächer an, bestimmt, dem Herrscher tagsüber zum Aufenthalt im Kreis seiner Schönen zu dienen. Damit keines Unberufenen Blick in diese heiligen Hallen dringe und den Mächtigen in seinen Schäferstunden belausche, besitzen diese Zimmer keine Fenster, sondern erhalten nur durch einen ins Freie mündenden Schlauch Oberlicht — eine bauliche Anordnung, welche im ersten Augenblick höchst befremdlich wirkt.

Besondere Erwähnung verdienen die aus Sandstein gehauenen, schönen Portale der Paläste. Der letztere umgebende Park ist gut gehalten und birgt eine Fülle seltener Pflanzen und Bäume, zwischen denen zahlreiche wilde Pfauen stolzieren. Im Gegensatz dazu sind der Zustand des Marstalls sowie die Wartung und Behandlung der in diesem befindlichen Pferde wenig erbaulich.

In einer Kapelle, dem Eigentum der sehr kleinen römisch-katholischen Gemeinde von Gwalior, wohnten wir sodann — es war Sonntag — der Messe an. Gleichwie in den anderen indischen Städten, die ich bisher besucht hatte, bot die Fahrt durch die Straßen auch hier anregende Szenen: eine in buntem Gewühle sich drängende und schiebende Volksmenge sowie lebhafte Bewegung in den Kaufläden und Bazars. Als charakteristisch für Gwalior fallen neben den Hütten und Häuschen, welche die ärmeren Klassen der Bevölkerung beherbergen, Bauten auf, welche sich durch beträchtliche Dimensionen und reiche, aus Stein gehauene Ornamente auszeichnen; diese sind teils auf Veranden oberhalb der Fenster und Türen angebracht, teils in die Wandfläche eingelassen.

Als Quartier war uns ein neugebautes Palais des Maharadschas, das ausschließlich für Gäste bestimmt ist und an der Peripherie der Stadt liegt, angewiesen. In den zahlreichen großen Räumen dieses Palais herrschte so fühlbare Kälte, dass ich selbst in den Zimmern den Mantel nicht ablegen konnte, und nur in jenem Raum, in welchem wir die Mahlzeiten einnahmen, dank einem anheimelnd im Kamin flackernden Feuer behagliche Wärme empfand.

Gegen Mittag erschien im Auftrag des Maharadschas eine Deputation, die mir auf 66 großen Schüsseln die verschiedenartigsten Früchte des Landes als Huldigung darbrachte. Die Abgesandten veranstalteten auf der Veranda des Palastes sozusagen eine Ausstellung von Produkten des einheimischen Feld- und Obstbaues, die so verlockend und schmackhaft waren, dass ich lebhaft bedauerte, dieselben nicht als Erinnerung mitnehmen zu können, weshalb sie denn nach Verabschiedung der Deputation in die Hände der stets esslustigen, indischen Diener wanderten.

Nach dem Diner führte uns der Stallmeister des Maharadschas, ein Eingeborener, einige Pferde aus dem Marstall vor — indisches Vollblut, ausgezeichnet durch Güte und auffallend schöne Formen, edle Tiere in reichem Schmuck und kostbarer Sattelung. Von den vier schönsten Pferden trug ein jedes Schmuck im Werte von über 100.000 Gulden an sich: je eine mit Edelsteinen besetzte Agraffe am Kopfe und ein gleichartiges Stirnband; fünf lange Schnüre, mit Goldrupien (Mohür) behängt; am Halse zwei Kehlriemen mit viereckigen Münzen aus reinem Gold besetzt; an beiden Vorderhufen Braceletten und unter dem rechten Knie eine dicke, silberne Spange. Der Sattel war panneauartig mit Seidendecken und golddurchwirktem Brocat belebt, der Schweifriemen mit großen, goldenen Kugelknöpfen in Filigranarbeit besetzt.

Goldene Hügel und Gurten vervollständigten die kostbare, von dem Vergnügen des Orientalen an verschwenderischem Prunk zeugende Ausrüstung. Der Stallmeister und einige schwarze Grooms, in ihre Nationaltracht gekleidet, ritten die scharf gezäumten Pferde ganz in der landesüblichen, fortwährend versammelnden Weise vor, wobei sie die Tiere zwar arg quälten, aber auch zu den kleinsten Pirouetten und zu einer durch Spangen und Braceletten stark behinderten Art von Piaffe zwangen. So machten die schäumenden, knirschenden Tiere in ihrer reichen, farbenprächtigen Rüstung einen zwar equestrisch wenig korrekten, aber malerisch höchst wirkungsvollen Eindruck.

Der Rest des Tages war der Besichtigung der Festung Gwalior gewidmet. Gwalior liegt in dem nördlich vom Tschambal, südlich vom Sindhflusse begrenzten, von isolierten Felsblöcken durchsetzten Hügelland. Was Gwalior genannt wird, besteht eigentlich aus drei genau gegliederten Teilen: der Festung, der an ihrem nördlichen Fuß gelegenen Altstadt und der Neustadt oder Laschkar im Süden. In früheren Zeiten wohnten die Fürsten von Gwalior und die gesamte städtische Bevölkerung im Rayon der Festung selbst, wovon noch Paläste und ruinenhafte Tempel Zeugnis geben. Nach den Einfällen der Großmoguln entstand im Norden des unterhalb der Festung gelegenen Tales die mohammedanische, jetzt halbverfallene und verlassene, aber noch immer schöne Moscheen und Mausoleen enthaltende Altstadt. Die Neustadt Laschkar (»die Zeltstadt«) endlich, mit dem alten Barah-Palast und dem »Modernen Palais« Mahäradscha Sindhias, mit neuen englischen Bauten und dem lebhaften Kaufmannsviertel Sarafa, ist auf jenem Lagerplatz emporgeblüht, welchen zu Anfang des 19. Jahrhunderts Daulat Rao Sindhia im Süden der Festung aufgeschlagen hatte. Diese Teile von Gwalior überragt die Festung, welche auf einem isolierten, etwa 25 km langen, 0,3 km breiten, nach allen Seiten hin steil abfallenden Sandsteinhügel gelegen, stolz auf das etwa 100 m tief unter ihr befindliche. bebaute und besiedelte Land niederblickt.

Das Hauptinteresse der flüchtigen Besucher von Gwalior konzentriert sich, da die in der Ebene gelegenen Teile der Stadt an Sehenswürdigkeiten von Bedeutung eigentlich nur das jenseits des Flusses gelegene Grabmal Mohammed Gäus enthalten, selbstverständlich auf das, was die uralte Festung bietet.

Ein befestigter Weg, welchen der ganzen Länge nach krenelierte Mauern begleiten, führt zur Festung empor. Von Elephanten getragen, passieren wir zwei zur Verteidigung eingerichtete Tore. Dann geht es steil bergan. Bei der ersten Wegbiegung steht das älteste Denkmal der ganzen Gegend, der aus dem Felsen herausgearbeitete Wischnu-Tempel, Tschatr Bhodsch Mandir, dessen Entstehung eine der Inschriften in das Jahr 876 n. Chr. zurückverlegt. Staunen wir schon, wenn uns die Geschichte Gwaliors zu berichten weiß, dass diese unzählige Mal bestürmte Festung fast tausend Jahre lang stets der Zankapfel der Beherrscher Indiens gewesen ist, so muss uns der Anblick eines Heiligtumes, welches aus dieser Zeit erhalten ist, wahrhaftig mit pietätvoller Scheu erfüllen.

Die Felswände neben dem Weg sind mit ausgemeißelten Göttergestalten und Votivbildern, oft sehr realistischer Art, bedeckt und in beträchtlicher Höhe birgt der Felsen natürliche Grotten und Höhlen, in welchen Fakire hausen sollen. Leider bekam ich diese Einsiedler nicht zu Gesicht und vermochte sonach keinen Einblick in ihre Lebensweise zu gewinnen, die jener der Eremiten in den Felsenhöhlen von Mar Saba bei Jericho ähnlich sein dürfte.

Nach viertelstündigem Aufstieg gelangt man durch ein mit farbig emaillierten Fliesen und durchbrochenen Steinreliefs verziertes Riesenportal auf das Plateau der Festung und hier ins Innere des Rayons. Dieses Portal ist von zwei mächtigen, runden, von Säulengallerien und Kuppeln überhöhten Türmen flankiert. Rechts vom Eingang, an das Tor anschließend und mit der Außenfront einen Teil der Festungsmauern bildend, erhebt sich der von Man Singh (1486 bis 1516), dem bedeutendsten der Fürsten von Gwalior aus dem Hause Tomara, errichtete Palast — ein bewundernswertes Bauwerk. Es bildet ein zwei Höfe einschließendes Rechteck (100 m : 50 m), das an den Langseiten 33 m, an den Breitseiten 20 m hoch ist; die Nord- und die Westfront des über dem Erdgeschoss, wie unter demselben je zwei Stockwerke enthaltenden Gebäudes sind schon fast ganz zerstört. Allein vielleicht liegt gerade in dem Gegensatz dieser verfallenen Teile zu den noch erhaltenen prachtvollen Fronten ein Reiz mehr.

In die östliche Langseite sind fünf runde Türme eingebaut, welche, wie die durchaus fensterlosen Außenwände des eigentlichen Gebäudes, ungefähr bis auf halbe Höhe nur von Leisten durchzogen, im übrigen jedoch ganz glatt sind, um weiter empor in reizendster und mannigfaltigster Architektur sozusagen aufzublühen. Mit wahrhaft orientalischer Phantasie geschmückt, bald eingezogen, bald vorspringend, mit Gesimsen, Sockeln, Wandpfeilurn verziert, bilden die Türme zylindrische Unterbaue, auf welchen, von Pfeilern getragen, sich offene, hohe Kuppeln erheben. Die Mauerwände aber, in der Höhe von Pilastern und Tragsteinen durchsetzt und von Zinnen gekrönt, endigen in viereckige, von Kuppeln überdeckte Altane. Die östliche Breitseite des Palastes hat eine ähnliche, doch minder reich geschmückte, mit zierlichen Ausladungen versehene Anordnung. Hier sind nur drei Türme eingebaut.

Zu dem Reize der Linien, der Profilierung und der Steinarbeiten der beiden Fronten gesellt sich der Zauber der Farben, welche den mit vollem Recht Tschit Mandir, bemalter Palast, genannten Königsbau schmücken. Die Außenflächen aller Mauern, Türme und Gesimse der beiden Fronten sind mit emaillierten Fliesen belegt, zwischen denen aus weißem Stuck geformte, jetzt zumeist verwitterte Ornamente sich hinziehen. Allerlei Zierat, Ranken, Blumen, stilisierte Tierfiguren darstellend, schimmert und leuchtet der Schmelz der Fliesen in zartem Blau, Grün und Gold, das elegante Formenspiel der Türme, Gesimse, Altane durch die Pracht der Farben bereichernd, die sich in buntem Wechsel und doch in fein empfundener Abtönung über das Bauwerk ergießen und derart einen ebenso künstlerischen, als stimmungsvollen Eindruck hervorbringen.

Von dem rötlichen Licht der sinkenden Sonne übergossen, übt der Palast Man Singhs, einer der baulichen Schätze Indiens, eine außerordentliche, mir unvergessliche Wirkung aus. Man glaubt sich in die Zeiten zurückversetzt, wo noch mächtige Könige, umgeben von ihrem glänzenden Hofstaat und Tausenden von Sklaven, hier gehaust haben; wo Reiter und farbenprächtige Festzüge den Berg heraufkamen und die königliche Feste von regem Kriegslärm erfüllt war.

Wie das Äußere, so ist auch das Innere des Palastes in allen Details äußerst kunstvoll gearbeitet. Alle Wände der Innenräume sind mit den feinsten durchbrochenen Steinarbeiten und bunter Emailglasur geschmückt. Natürlich ist der Palast unbewohnt und in seinem jetzigen Bauzustand auch unbewohnbar.

Ich war sehr erstaunt, in dem alten indischen Obersten Sita Ram, der uns als Cicerone diente, einen Mann zu finden, der sich — ein weißer Rabe unter seinen Landsleuten — nicht mit der Zerstörung, sondern im Gegenteil mit der Erhaltung dieser historischen Kunstwerke beschäftigt. Überall erkennt man seine fürsorgliche Hand; denn bald da, bald dort ist ein frischer Stein eingesetzt, eine ins Schwanken geratene Wand gestützt, dies und jenes Relief restauriert.

Nebst Man Singhs Palast trägt der Burgberg von Gwalior noch fünf zum Teil ganz schmucklose Paläste. Beachtung verdient unter ihnen nur der Gudschari-Palast, ein umfangreiches und stattliches, aus Hausteinen errichtetes Gebäude, und der Karan-Palast mit seinem von einer originellen Hindu-Kuppel überdeckten großen Saale.

Unser lebhaftes Interesse erregten dagegen die alten, noch immer von Hindu-Pilgern besuchten Tempel sowohl durch ihre Bauart als auch durch ihre Skulpturen. Die Festung birgt im ganzen eilf solcher Hindu-Tempel, unter welchen besonders zwei auffallen: der Teli-ka Mandir und die beiden Säs Bahu-Tempel.

Der Teli-ka Mandir, d. i. »der Tempel des Ölhändlers«, vor mehr als einem Jahrtausend erbaut, hat im Lauf der Zeiten seine Kuppel verloren. Heute hat er etwa die Form eines an der Spitze abgeplatteten Zuckerhutes, eine Gestalt, die sich daraus erklärt, dass das jetzt noch 25 m hoch emporstrebende Gebäude dem Bauplane gemäß nach oben zu abnimmt und die Nischen der durch Vorsprünge belebten Fassaden in spitzige Aufsätze zulaufen. Überdies verjüngt sich der einen quadratischen Raum einschließende, turmförmige Tempel auch dadurch, dass gerade der Oberteil, der einst die Kuppel getragen, viel von seinem architektonischen Schmuck verloren hat. Die Außenwände des Tempels sind über und über mit den interessantesten, aus Sandstein gemeißelten Reliefs bedeckt. An der Südseite sind diese noch in beträchtlicher Höhe wohl erhalten, indessen die Ostseite oberhalb der stattlichen, von Bäumen beschatteten Eingangspforte schon in halber Höhe fast nur mehr Trümmer zeigt. Ursprünglich Wischnu heilig, ist der Teli-ka Mandir späterhin dem Gotte Schiwa geweiht worden. Rings um den Tempel stehen, eine Art kleines Museum im Freien bildend, eine Menge der schönsten Reliefs, Statuen und Bildwerke, die Reste ehemaliger Tempel.

Die verschiedenartigsten Göttergestalten, als Ganescha, Hanuman und Schiwa sind hier vertreten. Mit großer Mühe hat der alte Oberst diese Stücke ehemaliger Herrlichkeit auf dieser Stelle zusammengetragen und versicherte uns, man brauche nur wo immer in der Festung nachzugraben, um überall derlei Dinge zu finden; denn der ganze Raum müsse dereinst mit Tempeln und Palästen bedeckt gewesen sein. Zu meiner großen Freude schenkte er mir drei der schönsten Reliefs, darunter eines von geradezu künstlerischer Ausführung.

Das dem Gotte Wischnu geweihte Heiligtum Säs Bahu (Sahasra Bähu), aus dem 12. Jahrhundert stammend, besteht aus zwei vom Rädscha Mahipal erbauten Tempeln. Der große Säs Bahu-Tempel ist etwa 30 m lang und 20 m breit. Einst über 30 m hoch, misst er heute, da seine Kuppel längst abgestürzt ist, noch etwa 20 m Höhe. Das oberste seiner drei Stockwerke ist fast gänzlich verfallen, so dass seine gegenwärtige Spitze einer abgestumpften, regellosen Pyramide gleicht. Im Innern erheben sich vier große, massive, gemeißelte Steinsäulen; diese tragen die pyramidal aufstrebende, eine merkwürdige Verquickung abwechselnd kreisförmiger und quadratischer Steinbänder darstellende Decke, die an ihrem höchsten Punkte in ein Viereck endet. Die Basis der eben genannten Steinsäulen besteht aus großen Steinblöcken: Säulen und Wände sind wieder mit Götterskulpturen bedeckt. Das Ganze sieht aus, als hätte es ein Riese aus ornamentiertem Papier-mache geformt, aber gleichwohl erweckt dieser Tempel, ein geschmackvolles Erzeugnis alter Kunst und Technik, keineswegs andere Gefühle als jene der Bewunderung.

Der kleine Tempel Säs Bahu, in Kreuzesform und nach allen vier Seiten hin offen, ist, wenn auch weniger reich, so doch gleichfalls mit großem Geschmack verziert.

Außer diesen beiden hervorragenden Tempeln gibt es noch neun kleinere Tempel, von denen jeder vom andern verschieden und in seiner Art beachtenswert ist, wiewohl sie alle die Spuren der nivellierenden Hand der Besatzung deutlich an sich tragen. Die Aufzählung aller dieser Wunderbauten würde zu weit führen.

In die senkrecht aufsteigenden Felswände des Hügels, der die Feste Gwalior trägt, sind die ob ihrer Zahl und Größe berühmten Reliefs von Urwähi eingemeißelt. Diese Hochreliefs, welche Göttergestalten aus dem indischen Sagenkreis des Dschaina-Kultus darstellen, erinnern einigermaßen an die ägyptischen Reliefs und sind hier aus der Fläche der Sandsteinwände ausgehauen worden. Einzelne Gruppen dieser Skulpturen liegen in natürlichen oder künstlich hergestellten Grotten, Höhlen und Nischen, über deren Oberkante die Felswand teils senkrecht aufsteigt, teils überhängt. Manche dieser Steinbilder stellen Göttergestalten in zwanzigfacher Vergrößerung des menschlichen Maßes dar. Die Provenienz dieser Skulpturen von den Dschainas ist für den Fachmann unschwer erkennbar, da nur diese Sekte ihre Göttergestalten stets unbekleidet dargestellt und überdies weit rohere Arbeit geliefert hat, als die andern Hindu-Sekten. Den Rahmen der Figuren bilden allerlei Ornamente, sowie Halbreliefs, welche Tiere und genrehafte Bilder aus der Götterlehre der Dschainas darstellen, einer Sekte, die sich um die Zeit der Entstehung des Buddhaismus vom Hinduismus abgezweigt hat. Beschauliches, der Welt entfremdetes Klausnerleben im Innern der Heiligtümer oder, wie in Gwalior, in Steinhöhlen, ist für die Dschaina-Sekte charakteristisch, und diese Lebensführung im Verein mit dem tief religiösen Sinn der Dschainas ließ aus den ursprünglich wohl nur als Wohnzellen benützten Grottenbauten mit der Zeit Heiligtümer entstehen, deren Ausschmückung durch — dem Steine abgewonnene — Reliefs die Frucht vieljähriger, mühsamer Arbeit war. Die Reliefs von Urwahi allerdings sind nicht auf solche Art, sondern auf Befehl zweier Herrscher von Gwalior aus der Tomara-Dynastie entstanden. Unter Dimgar Singh (1425) sind diese Arbeiten begonnen worden; unter Kirti Singh (1454) sind sie schon vollendet gewesen. Die Mehrzahl der Reliefs ist wenige Dezennien später (1527) aus religiösem Fanatismus durch den Großmogul Babur zerstört worden.

Von den Glacis der Festung aus genießt man, da keine der benachbarten Höhen den Burgberg von Gwalior überragt, einen Rundblick weithin auf das Land. Dürr und braun liegt es da, wenn nicht die Regenzeit auf Hügel und Ebene frisches Grün erweckt hat. Basaltkegel, rote Sandsteinblöcke, endlose Hügelketten steigen vor unseren Blicken auf, und uns zu Füßen liegt die verödete Altstadt, die bunte Neustadt Laschkar sowie die Ebene, welche sich gegen Süden hin bis zum Horizont erstreckt. Die Bauten der Städte, die weiß schimmernden Paläste der Radschas, die Dörfer der Ebene beleben das Bild, dessen Reiz die eben im Untergehen begriffene Sonne durch seltsame Farbeneffekte erhöht.

Die architektonische Physiognomie der Festung wird durch die von der englischen Besatzung erbauten, langgestreckten Offiziers- und Mannschaftsbaracken einigermaßen beeinträchtigt. Allein auch diese Steine reden! Unzählige Male haben kriegerische Stürme diese Felsenfeste umbraust, seitdem Gwalior, mehr als anderthalb Jahrtausende auf dieser Sandsteinklippe fußend, dem Gläubigen heilig, dem Krieger kostbar dünkt. Endlich, im Jahre 1779, fiel die so heißumstrittene Feste in die Hände der Engländer. Von den Maharatten zurückerobert, doch diesen im Jahre 1803 abermals entrissen, um später neuerdings den englischen Händen entwunden zu werden, ist Gwalior im Jahre 1844 nach harten Kämpfen wiederum britischer Besitz geworden.

In dem großen ostindischen Aufstande der Jahre 1857 bis 1859 hat Gwalior eine bedeutende Rolle gespielt. Im Juni 1858 von Sir Hugh Rose nach verzweifeltem Kampf mit dem Schwert in der Hand erstürmt, blieb die Festung von Gwalior bis zum Jahre 1886 von englischen Truppen besetzt. Die britische Besatzung hoch über seiner Residenz im Besitz des Schlüssels des Landes zu sehen, war wohl danach angetan, den Maharadscha Sindhia, den streitbarsten aller englischen Vasallenfürsten, in ein sehr gespanntes Verhältnis zu den Gewalthabern der Kaiserin von Indien zu bringen. Nach dem Tod Sindhias (1886) wurde die Festung dem rechtmäßigen Herrscher zurückgestellt, die englischen Besatzungstruppen wurden zurückgezogen und die frei gewordenen Baracken und Batterien mit Truppen des Maharadschas belegt.

Als wir, durch das Gesehene äußerst befriedigt, die Festung verließen und am Fuß des Hügels zurückblickten, stand der Mond am Himmel und ergoss sein volles Licht auf die kühne Silhouette des Burgberges, auf die Türme und Zinnen des Man Singh-Palastes, dessen wundersame Emailwände im Widerschein erglänzten.

Links

  • Ort: Gwalior, Indien
  • ANNO – am 29.01.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet via San Francisco, dass in Hawaii nach einer Revolution die Königin gestürzt worden ist. Die Vereinigten Staaten haben dazu Marine-Infantrie auf die Insel geschickt. Ein paar Jahre später haben die Vereinigten Staaten Hawaii annektiert. 1993 hat sich Präsident Clinto im Namen des amerikanischen Volkes bei der Urbevölkerung für diese Einmischung entschuldigt.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt am Nachmittag Grillparzers Tragödie „Die Jüdin von Toledo“ und am Abend das Lustpiel von Sardon,  „Der letzte Brief“, während das k.u.k Hof-Operntheater Jules Massenets Oper „Manon“ aufführt.

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