Hongkong, 22. Juli 1893

Morgens begrüßte uns der übliche Regen, welcher mich jedoch nicht abhielt, ans Land zu gehen, wo ich, vom Zufall geleitet, in ein anatomisches Museum gelangte, um mich sehr bald zu überzeugen, dass diese Schaustellung ganz ebenso abstoßend, ja ekelerregend ist, wie Ähnliches in Europa. Die Betrachtung all der Scheußlichkeiten, die sich dem Besucher in derartigen Museen darbieten, bringt als unmittelbare Nachwirkung das erlösende Wohlbehagen an dem Anblick selbst der gleichgültigsten Dinge hervor, wenn dieselben nur nicht greulich und „grauslich“ sind.

Um mein beleidigtes ästhetisches Gefühl so rasch als möglich durch wohltuende Eindrücke zu versöhnen, betrat ich einen Laden, in welchem kunstindustrielle und allerlei sonstige Produkte aus Japan feilgeboten wurden. Obschon der Besuch dieses interessanten Landes noch bevorsteht, erwarb ich schon hier eine recht hübsche Kollektion charakteristischer Objekte, worunter namentlich Vasen, Lackwaren und Bronzen vertreten sind, nicht zu vergessen natürlich die reizenden Kimonos, die wir in der Operette „Mikado“ zu sehen gewohnt sind. Die Besitzer des Ladens, die Brüder Kuhn aus Ungarn, hatten sehr bald herausgefunden, wer wir seien, und erachteten es für nötig, uns wiederholt zu versichern, dass sie uns nicht übervorteilen würden.

Das tief empfundene Bedürfnis nach etwas frischerer Luft bewog uns, den Victoria Peak zu erklimmen. Vorerst besuchten wir noch ein nach amerikanischem Vorbild eingerichtetes, von Chinesen geleitetes Bar und schwankten dann in Palankinen auf den rüstigen Schultern eilender Kulis der Station bei der St. Johns-Kathedrale zu, von welcher aus eine Drahtseilbahn auf den Victoria Peak führt.

Die Engländer scheuen, wo immer sie Kolonien besitzen, weder Mühe noch Kosten, um den Komfort des Lebens zu steigern, den Aufenthalt so angenehm, mindestens so erträglich als möglich zu machen. Tausende der Söhne Albions ziehen alljährlich für lange Zeit, auch für immer hinaus in die Kolonien, wo Ersatz für mitunter recht trostlose Gegend, Abhilfe gegen schlimmes Klima, die Möglichkeit der Erholung nach des Tages Mühen geboten werden muss. Englische Energie versteht auf dem Gebiet der Ameliorierung und Assanierung Triumphe zu feiern, wofür Hongkong in mehr als einer Richtung einen hervorragenden Beleg bietet, so auch durch die auf den Höhen des Victoria Peak entstandene Kolonie, die ihre Anlage und Entwicklung jenem gesunden Verständnis und praktischen Bestreben verdankt. Der Gouverneur und andere Notabilitäten schlagen während eines großen Teiles des Jahres hier in komfortablen Villen ihre Wohnsitze auf, Angehörige der bewaffneten Macht finden in einem seit dem Jahre 1883 bestehenden Militär-Sanatorium Unterkunft und Erholung, und große Hotels bieten den Bewohnern Victorias die Möglichkeit, während der heißen Jahreszeit in luftiger Höhe zu hausen oder doch des Abends nach getaner Arbeit reinere, frischere Luft zu atmen. Wenn bleierne Schwüle über der Stadt lagert, fährt, wer immer nur kann, in den Abendstunden auf den Peak, um des Genusses teilhaftig zu werden, welchen ein Temperaturunterschied gegenüber Victoria von etwa 10° C zu gewähren vermag.

Der Victoria Peak hat ungemein steile Lehnen und fällt schroff zur Stadt ab; die Drahtseilbahn ist dieser Situation entsprechend kühn geführt, und hat, wenn sie auch nicht solche Steigungen wie etwa die Pilatus-Bahn aufweist, doch große Terrainschwierigkeiten zu überwinden, so dass sie als ein gelungenes Werk der Technik bezeichnet werden kann. Die Bahn zieht an den Abhängen des Victoria Peak durch das Villenviertel hinan, wo sich die reicheren Europäer in geschmackvollen, von reizenden Gärten umgebenen Landhäusern angenehme Wohnstätten geschaffen haben. Von einer Station ab, nächst einem anglikanischen Kirchlein, ist die Trace äußerst steil bis auf den Peak geführt. Während der Fahrt bietet sich ein Rundblick von seltener Pracht, der in dem Maß, als wir höher steigen, an Umfang und malerischer Schönheit gewinnt. Fast scheint es, als läge das Häusermeer Victorias senkrecht unter uns, und gedämpft, endlich kaum mehr wahrnehmbar dringt der das pulsierende Leben der großen Stadt begleitende Lärm an unser Ohr.

Wir klommen immer weiter empor, bis die Stadt und der Hafen mit den zahllosen Schiffen wie eine liliputanische Welt unter uns lagen und die stolze „Elisabeth“ die Dimensionen eines kleinen Schiffsmodelles angenommen zu haben schien. Von der Höhe schweifte der Blick weithin über das unendliche Meer, über alle Hongkong umsäumenden Eilande, über den Hafen, über die Stadt und das chinesische Festland, welches sich plastisch von einer dunklen Wolkenwand abhob. Die phantastisch-malerische Szenerie, die wir hier erschauten, glich in ihrer fesselnden Fremdartigkeit jenen kühn gedachten, den Reiz des Aparten atmenden Bildern, welche chinesische und japanische Künstler in Teppiche zu weben verstehen.

Leider konnten wir in dem Genuss des herrlichen Panoramas nicht lange schwelgen, da sich stürmischer Wind erhob, Nebel und Regen einherfegend, so dass die zauberhaften Bilder zu unseren Füßen bald verschwunden, wir selbst aber vom Unwetter umhüllt waren. Trotz dieser Unbill der Witterung fühlten wir uns da droben herrlich wohl, war es doch wieder einmal Bergesluft, die wir atmeten! Nur wer durch Monate in den tropischen Meeren gekreuzt hat, vermag die ganze Größe des Entzückens zu würdigen, das Bergeshöhe und frische Luft bieten. „Auf den Bergen wohnt die Freiheit“ — die Freiheit von lastender, drückender, ermattender Schwüle der Niederung, der Städte. Doch auch das Heimweh, welches den Reisenden auf so langer Fahrt nie ganz verlässt, wohnt auf den Bergen, und stärker als seit langem überkam es mich hier in luftiger Höhe. Die Gebirge der Heimat erhoben sich vor mir aus dem Ozean, und mir dünkte es, dass keine landschaftliche Szenerie der Welt schöner, herrlicher sein könne, als unsere österreichischen Berge.

Die Drahtseilbahn endet bei Victoria-Cap, jedoch nicht auf dem höchsten Punkt des Peak, dessen Spitze noch 70 m höher liegt und von einer Signalstation gekrönt wird. Auf halbem Weg nach dieser liegt das Mount Austin Hotel, welches, in riesigen Dimensionen angelegt und mit allem Komfort ausgestattet, nicht nur ständige Bewohner beherbergt, sondern allabendlich auch zahlreiche Europäer aufnimmt, die früh morgens wieder hinab zur Stadt fahren, ihrem Beruf zu obliegen. Wir feierten hier unsere Bergfahrt mit einem lukullischen Mahl, welches, wenngleich aus englischer Küche hervorgegangen, doch ganz schmackhaft war, und traten in fröhlicher Stimmung die Rückkehr nach dem in einem Lichtmeer erglänzenden Victoria an.

In Singapur hatte ich infolge des Tropenfiebers, das mich befallen, unterlassen müssen, ein chinesisches Theater zu besuchen, und wollte daher hier in Hongkong dieses Versäumnis nachholen; doch fanden wir bei allen Kunsttempeln, wo wir der Reihe nach vorfuhren, leider verschlossene Pforten; wir hatten eben nicht bedacht, dass heute Samstag war, an welchem Tage die strengen englischen Polizeivorschriften jede theatralische Aufführung untersagen.
Wir benützten somit die Zeit, um eine der zahlreichen Opiumhöhlen zu besuchen. Im Gegensatz zu Indien, wo Opium meist in Form von Pillen oder in flüssiger Lösung genossen wird, bildet in China das Rauchen von Opium die Regel. Während man behauptet, dass der in Indien übliche Genuss von Opium im Stande sei, eine Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit nach sich zu ziehen, den Mut zu erhöhen und Krankheiten hintanzuhalten, — wenn überhaupt, so dürften diese Wirkungen wohl nur infolge geringer Dosen und bloß anfänglich eintreten — werden dem Rauchen von Opium nur üble Folgen nachgesagt. Bei unserem Eintritt in die auserwählte Höhle war es noch zu früh an der Zeit, um den eigentlichen Opiumrausch beobachten zu können; immerhin befanden sich die Raucher bereits im Vorbereitungsstadium. Der Opiumraucher braucht, um sich in den Zustand der ersehnten Betäubung zu versetzen, mehrere Pfeifen, die er in gewissen, durch Tabakrauchen oder träumerisches Nichtstun ausgefüllten Pausen schmaucht.

Der enge Raum enthielt hölzerne Lagerstätten, — „Pritschen“ — deren jede mit einem aus Holz oder aus Ton gefertigten niedrigen Gestell ausgestattet ist, welches als Kissen dient.

Halbnackte Männer waren auf diesen nichts weniger als üppigen Ruhebetten hingestreckt, und jeder hatte die zum Opiumrauchen erforderlichen Utensilien neben sich, vor allem die Pfeife, welche stets aus einem Bambusrohr und dem konischen Pfeifenkopfe besteht, an dem eine kleine, zur Aufnahme des Opiums bestimmte Öffnung angebracht ist. Vor jedem Raucher steht ein mit einer kleinen Lampe versehenes und mit dem dickflüssigen Opium gefülltes Gefäß, aus welchem der Raucher eine Dosis auf die Öffnung der Pfeife legt, die er an der Lampe in Brand setzt, um den betäubenden Duft in langen Zügen einzusaugen. Dies wiederholt sich, bis die gewünschte Wirkung eintritt und der Raucher der Wirklichkeit mit allen Sorgen, allem Elend entrückt ist, ein Traumleben ihn umfangen hält, entzückende Bilder ihn umgaukeln, er in Genüssen aller Art schwelgt, jeglicher seiner Wünsche ihm in Erfüllung gegangen ist. Aber um welchen Preis vollzieht sich die kurze Flucht aus dem irdischen Jammertal in ein Land süßen Träumens? Gespenstern gleich, mit abgezehrten Leibern, hohlem, stierem Blick, bleichen Wangen und Lippen, wandeln die Opiumraucher einem frühen Ende entgegen. Die vor uns hingestreckten Raucher waren erst bei ihrer dritten oder vierten Pfeife angelangt, trugen aber ohne Ausnahme in ihren Gesichtszügen den Stempel ihrer schrecklichen Verirrung zur Schau, ja ein Unseliger war bereits in das ersehnte Elysium entrückt — er lag im Zustand vollkommener Bewusstlosigkeit auf dem Altane des Hauses.

Es findet sich übrigens auch die Ansicht vertreten, dass nicht bei allen Rauchern die Folgen des Opiumgenusses in jener verhängnisvollen Art eintreten, welche man als Regel anzunehmen gewohnt ist, und die wir hier vor uns sahen; der Grad der nachteiligen Wirkung soll wesentlich von der Leidenschaftlichkeit abhängen, mit welcher das Opfer des Opiums dem Genuss dieses narkotischen Mittels sich hingibt. Hieraus wird auch der Schluss gezogen, dass die Beförderung des Opiumhandels und die fiskalische Ausnützung des Opiums sich vor dem Forum der Moral als nichts Schlimmeres und als nichts anderes darstellen, denn die Begünstigung des Handels mit Brantwein und dessen Behandlung als Steuerquelle. Wie dem auch sei, was ich in dieser Höhle gesehen, ließ mir das Opiumrauchen als eine der beklagenswertesten menschlichen Verirrungen erscheinen. Die in dem dumpfen Raum herrschende Temperatur, die scheußliche Ausdünstung der zusammengepferchten Menschen, physischer Ekel und moralischer Abscheu trieben uns bald wieder ins Freie.

Ein weiterer Rundgang durch die Höhlen des Lasters in den Vierteln des blühenden Nachtlebens wirkte bald so anwidernd, dass ich schleunig an Bord zurückkehrte.

Links

  • Ort: Hongkong
  • ANNO – am 22.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
4 × 19 =