In See nach Borneo, 3. Juli 1893

So verließen wir denn Amboina, — die Vertauung bei Tagesanbruch lichtend — ohne eigentlich diese schönste Insel der Molukken in ihrer wahren Gestalt gesehen zu haben; der unaufhörliche Regen hatte jede Aussicht, jeden Naturgenuss zerstört. Ich hatte mich ganz besonders gefreut, die Aru-Inseln und Amboina zu sehen, da meine Erwartungen durch vielversprechende Schilderungen dieser Eilande auf das höchste gespannt waren. Nun aber möchte ich mich der Ansicht zuneigen, dass mir der Regen vielleicht eine gewisse Enttäuschung erspart hat; denn ich fand, nach dem zu schließen, was ich allerdings nur flüchtig und bei Ungunst der Witterung gesehen hatte, auf den Aru-Inseln wie auf Amboina Flora und Fauna lange nicht so reich und so schön, als es die Bücher, die ich gelesen, verheißen hatten, und weit übertroffen durch die Pflanzen- und Tierwelt anderer Haltepunkte meiner Reise. Doch darin war es mir ergangen, wie so manchem anderen Reisenden vor mir.

Länder, Gegenden und Orte, welche sozusagen gar nichts versprechen und von den Reisenden nur, weil es die Route vorschreibt, oder doch mit Voreingenommenheit besucht werden, überraschen oft in angenehmster Weise, ja heimeln an, wenn zu dem intimen Reize der Lokalität das Bekanntwerden mit sympathischen Persönlichkeiten tritt.

Dieser Erfolg verkannter Länder und Leute ist um so bedeutender dort. wo weder Reisewerke noch mündliche Berichte eine günstige Prognose gestellt haben. Derart war es mir zum Beispiel mit Sydney, mit allem, was ich von Neu-Süd-Wales gesehen hatte, ergangen, woselbst ich im Widerspruch mit meinem ursprünglichen Plan, nur auf die spezielle Bitte des Marinekommandanten hin gelandet war — und nun erschien mir der Aufenthalt auf dem australischen Festland als ein unauslöschlicher Glanzpunkt meiner Reise. Eine analoge Erfahrung hatte ich auch in Bezug auf die Salomon-Inseln gemacht, welche nahe daran waren, von der Route gestrichen zu werden, und doch hatten gerade sie mir das Allerschönste geboten, was ich unter den Tropen überhaupt an üppigen Vegetationsbildern, an urwüchsiger, auf das freudigste gedeihender Natur gesehen hatte.

Dagegen hatten mich oft und laut gerühmte Landschaften, so jene auf den Aru-Inseln und auf Amboina und zuvor auch manche Punkte Britisch-Indiens einigermaßen enttäuscht, worauf zum Teil Einfluss gehabt haben mag, dass ich sie nicht im günstigsten Moment gesehen und in Reisewerken überschwänglich ausgemalt gefunden habe. Ich möchte dadurch jene, welche in anderer Weise als ich die von mir besuchten Länder geschaut und zu schildern getrachtet haben, keineswegs irriger Auffassung und Darstellung zeihen; denn ich bin mir wohl bewusst, dass einerseits nichts schwerer ist, als dort rein gegenständlich zu schildern, wo Wetter, Beleuchtung, Jahreszeit, hunderterlei äußere Umstände unwillkürlich auf den Beschauer Einfluss nehmen, und dass andererseits jede Darstellung zu sehr auf der individuellen Natur des Denkenden und Empfindenden fußt, um nicht von Subjektivität durchweht zu sein.
Wohl dem, der nicht auf fremde Schilderung so vieler herrlicher oder merkwürdiger Dinge angewiesen ist, sondern diese auf Grund eigener Anschauung an Ort und Stelle zu prüfen, zu ergänzen, zu berichtigen vermag!

Wir hatten nun, um Borneo zu erreichen, eine Fahrt von sieben Tagen vor uns. Gleich bei der Ausfahrt von Amboina, die unter strömendem Regen erfolgte, empfing uns gekreuzte See und mussten wir die keineswegs angenehmen Stampfbewegungen des Schiffes geduldig ertragen.
An Bord sah es nicht vergnüglich aus; noch immer gab es ziemlich viel Fieberkranke, und alles litt unter der kontinuierlichen Nässe; die Monturen nahmen argen Schaden, da sie zum Auswinden durchtränkt waren; in den Kabinen zeigte sich jegliches Gewebe und Lederwerk in kurzer Zeit, oft schon nach wenigen Stunden, mit einer dichten Schicht von Schimmel bedeckt.

Wir fuhren mit südwestlichem Kurs die Küste von Buru entlang und konnten jetzt erst die Größe dieser Insel und ihrer hochstrebenden Berge ermessen. Über Buru hingen schwere Wolken, aus denen es manchmal unheimlich aufblitzte, und nicht minder mag es dort heute gewettert und gegossen haben, als an jenem Tage, wo wir bei Kajeli vergeblich auf Babirussas gefahndet hatten. Unaufhörlich schossen neue Wasserströme, vom Winde gepeitscht, auf unser Schiff hernieder.

Trotz solchen Unwetters bewahrt die See doch immer ihre Reize, auch bei Regen und beim Rollen des Donners zeigt sie sich majestätisch. Manchmal fährt das Gewölk jagend vorbei, zerreißt für Momente und gönnt insbesondere am Abend Lichteffekten Raum, deren großartigen Rahmen und bunten Wechsel der Landbewohner nicht kennt, des Seefahrers Sehen und Sinnen aber vollauf empfindet.

Des Abends weile ich bei solchen langen Fahrten in hoher See beinahe immer auf der Kommandobrücke, welche als hochgelegene Stelle des Schiffes die schönste Aussicht bietet, und lasse mich hier von der frischen Seebrise umfächeln, weide mich an den Bildern des herrlichen Sonnenunterganges, der jeden Tag Neues bietet, und schicke meine Gedanken viel Tausende von Meilen weit in die ferne Heimat. Es sind dies Stunden der Ruhe und des Friedens, die so recht nur schätzen lernt, wer eine lange Reise unternimmt.

Links

  • Ort: nächst Buru
  • ANNO – am 03.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „König und Bauer“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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