In See nach den Salomon-Inseln, 4. Juni 1893

Trotz des programmäßigen Vorhabens, die Anker schon um 7 Uhr morgens zu lichten, mussten wir die Stunde der Abfahrt von Numea etwas verschieben, da außer der mir geschenkten Sammlung noch eine Reihe von Gegenständen einzuschiffen war, die mir vom Gouverneur und dessen Adjutanten zugesendet wurden, so mehrere Stämme edlen Holzes, welche der Aviso „Loyalty“ eine Tagreise weit hergebracht hatte, ferner eine teils lebende, teils ausgestopfte Exemplare umfassende Kollektion der auf Neu-Caledonien vorkommenden Vogelarten u. dgl. m.

Unter den Vögeln verdienen der Schopfpapagei, sowie der nur auf Caledonien vorkommende Kagu (Rhinochetus jubatus) besondere Erwähnung.

Beim Unterbringen der Tiere in die Käfige entkamen leider drei der schönen rosenroten Kakadus, die wir in Sydney eingeschifft hatten, und die Flüchtlinge strichen, der wiedererlangten Freiheit froh, sofort dem Lande zu. So sehr wir diesen Verlust bedauerten, hatten wir doch die Genugtuung, Neu-Caledonien möglicherweise um eine reizende Vogelart bereichert zu haben, weil die Kakadus hier bei den ihnen völlig entsprechenden klimatischen Verhältnissen auch andere günstige Bedingungen zur Vermehrung finden werden.

Nach dem Gottesdienst — es war Sonntag — dampften wir aus dem Hafen von Numea, während von den französischen Schiffen mit der Flagge, mit Wantensalut und mit dreifachem Hurrahrufe gegrüßt wurde, was wir ebenfalls mit Flaggengruß und Hurrahrufen sowie mit Salut längs der Reeling erwiderten. Auf der Insel Nu war eine Musikkapelle postiert, welche die Volkshymne intonierte, worauf wir, um der internationalen Höflichkeit zu genügen, mit der Marseillaise antworten mussten — ein drastisches Widerspiel: die hehren Klänge des „Gott erhalte“ und als Echo das revolutionäre Lied!

Wir nahmen den Kurs längs der Südwestküste und den vorgelagerten, kleinen Inseln südostwärts, so dass die Korallenriffe steuerbord blieben, und durcheilten die Woodin-Passage zwischen der Insel Ouen und dem Festland hindurch. In dieser schmalen Wasserstraße, welche an manchen Stellen kaum die Breite einer Seemeile erreicht, zieht eine Reihe malerischer Bilder an dem Auge des Seefahrers vorbei; steuerbord ragt die Insel Ouen in zackigen Umrissen empor, lange rote Streifen verraten den Reichtum derselben an eisenhaltigem Gestein; backbord erhebt sich die Küste von Neu-Caledonien, mit reicher, zumeist tropischer Vegetation bedeckt, in deren dichtem Gewirr, als Kennzeichen der besonderen Pflanzenregion dieses Teiles von Melanesien, Araucarien schlank und hoch aufstreben; auch einzelne Hütten und ein kleines Haus kommen in Sicht, und bringen einen belebenden Zug in die Szenerie.

Weiter geht die Fahrt durch die Prony-Bai, um die südliche Spitze Neu-Caledoniens herum an dem scharf vorspringenden Cap Ndua vorbei, dann mit einer Wendung nach Nordost durch den Havannah-Kanal und endlich aus dessen zahlreichen Korallenriffen und Strömungen heraus in die offene See. Mit nördlichem Kurs steuern wir auf die Loyalty-Inseln zu. Abends gestaltete sich die Navigation durch diese Inseln zwischen den Eilanden Molard und Hamelin hindurch recht schwierig; denn der Himmel hatte sich umwölkt, eine heftige Regenböe ging nieder, so dass wir auf wenige Meter vor uns hin keinen Ausblick mehr hatten und daher die Fahrgeschwindigkeit umso mehr heruntersetzen mussten, als noch keine genaue Aufnahme der Loyalty-Inseln durchgeführt ist und die Seekarten wenig verlässlich sind. Endlich aber kam der Mond wieder zum Vorschein, und nun konnte man die Inseln ohne Anstand passieren. Der Wind war den ganzen Tag von Nord und Nordost gegangen und versetzte das Schiff in starke Rollbewegungen.

Links

  • Ort: Nächst der Loyalty Inseln
  • ANNO – am 04.06.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt vom 4. Juni liegt etwas mit der Berichterstattung zurück und vermeldet die Abreise Franz Ferdinands von Australien.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „König Ottokars Glück und Ende“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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