In See nach Java, 9. April 1893

Bei Morgengrauen lichteten wir die Anker, um den Hafen von Singapur zu verlassen. Fürs erste wurde der Kurs durch die zwischen den Inseln Batam und Bintang führende Riostraße genommen. Allenthalben wurden lachende Eilande sichtbar, als führen wir auf einem überaus breiten Strome dahin; in der Ferne zeigte sich die Küste Sumatras, tauchten hohe Berge empor. Die Annehmlichkeit der Fahrt wurde dadurch erhöht, dass die See ganz glatt und ruhig und die Hitze, ausgenommen in den Kabinen, nicht übermäßig war. So schön aber die Fahrt für den Reisenden erschien, so schwierig war sie in Hinsicht der Navigation; denn in den engeren Meeresstraßen unseres Kurses befanden sich an allen Stellen nicht nur Strömungen, die zuweilen recht heftig waren, sondern auch Sandbänke und Untiefen, welche sorgfältig vermieden werden mussten. Doch unter der bewährten Leitung unseres Kommandanten und jener des Linienschiffs-Lieutenants Gratzl, eines vortrefflichen Navigationsoffiziers, zweier Herren, die ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit Tag und Nacht fast unausgesetzt und in eifrigster Erfüllung ihrer Pflicht auf der Brücke weilten, konnten wir getrost die schwierigsten Passagen durchfahren.

Nach Beendigung des Gottesdienstes befand ich mich eben mit dem Stabe auf dem Achterdecke, als, wie es schien, von außenbord her der laute Ruf „Schiff ahoi“ erklang, der vom Kommandanten mit „Kaiserin Elisabeth“ beantwortet wurde. Darauf trat ein Pilot Neptuns auf Deck, schritt auf uns zu, frug nach dem Kommandanten des Schiffes und machte diesem die Mitteilung, dass die „Elisabeth“ im Reich des Meergottes angelangt sei, sowie dass nachmittags beim Passieren des Äquators Neptun selbst an Bord kommen werde, um an allen Neulingen die Seemannstaufe zu vollziehen. Dann ließ der Pilot unseren Navigationsoffizier herbeirufen, verglich dessen Karte mit seiner eigenen und wies ihm den Punkt, an welchem Neptun das Schiff erwarten werde. Der Pilot, in dem wir erst als er sprach, unseren würdigen Bootsmann Zamberlin erkannten, sah recht unheimlich aus; er trug schwarze Kleidung, einen großen Südwester auf dem Haupt und eine mit langem Bart gezierte Larve vor dem Antlitz. Der Pilot besprach sich noch mit dem Navigationsoffizier, verschwand aber dann ebenso rasch, als er gekommen war, in der Richtung des Schiffsbuges.

Im Lauf des Vormittags wurde zwischen den Booten vor dem Achterdeck eine mit Flaggen geschmückte Tribüne errichtet, auf welcher ich in Gesellschaft des Kommandanten und der Herren meiner Suite Platz nahm, indessen der gesamte Stab sich unter der Tribüne aufstellte. Schon nach 3 Uhr nachmittags hatte das Signal „Alle Mann auf Deck“ ertönt. Genau um 3 Uhr und 30 Minuten schnitt die „Kaiserin Elisabeth“ unter 105° 3′ 30″ östlicher Länge die Linie.
In diesem Augenblick stoppte die Maschine; die Mannschaft bildete Spalier; der Einzug des Meergottes begann und zwar vom Unterkastell aus gegen die Tribüne hin, auf welcher wir standen. Voran schritt die Musikkapelle, deren Mitglieder allerlei Volkstrachten zur Schau trugen. Da marschierten Indianer, Neger, Hochschotten, ja seihst ein typischer böhmischer Musikant vor dem Festwagen einher, welchen vier Meeresungeheuer zogen.

Auf dem Wagen, einer prächtig geschmückten Geschützlafette. thronte im Purpurmantel, mit Krone und Dreizack, der Beherrscher der Meere; an Neptuns Seite saß dessen züchtig errötende Gemahlin, die Meergöttin Amphitrite. Den Meergott stellte, wie sich von selbst verstand, unser Bootsmann dar; eine mächtige Gestalt, sah dieser, mit den Attributen Neptuns geschmückt und das Antlitz mit einem schneeweißen — aus Werg hergestellten — Schnurr- und Vollbart geziert, gar achtunggebietend aus. Eine reizende Figur war Amphitrite. Diese Rolle
spielte, nach Wahl der Arrangeure des Festes, ein kleiner Tiroler, dessen pausbackiges Gesicht mit den großen, blauen Augen im Verein mit der blonden Perrücke, dem dekolletierten Gewand und allerlei Bänderschmuck und Geschmeide, die Illusion hervorrief, Amphitrite werde von einem jungen, anmutigen Mädchen dargestellt. Eine baumlange Amme schleppte in ihren Armen mühsam den schon ziemlich erwachsenen Sprössling des Götterpaares, der recht ungebärdig unaufhörlich schrie und weinte. Diese drollige, den natürlichen Humor unserer Mannschaft bezeugende Gruppe, erregte unsere Lachlust auf das lebhafteste. Die Gestaltung der Gruppe tat aufs Neue in bewundernswerter Weise dar, wie wohl unsere Matrosen, sobald man ihrer angeborenen Lustigkeit die Zügel schießen lässt, es verstehen, mit den allerbescheidensten Hilfsmitteln komische Wirkungen hervorzubringen.

Hinter dem Festwagen kam das Gefolge Neptuns einher; der Astronom, der Leibarzt, der Barbier, rabenschwarze Wilde und ihre Ehegesponsinnen, Tritonen u. a. m. Nun verlässt Neptun den Festwagen, besteigt mit Amphitrite eine kleine Tribüne, gebietet Ruhe und stellt an den Kommandanten die üblichen Fragen: Woher er komme, wer ihn abgesandt und wer der Eigentümer des Schiffes sei. Dann befiehlt Neptun dem Leibarzt und dem Astronomen ihres Amtes zu walten. Ersterer ruft den Chefarzt des Schiffes, vergewissert sich, ob das Schiff einen Gesundheitspass habe und ob nicht ansteckende Krankheiten an Bord seien, während letzterer die astronomischen Messungen und Peilungen in komischer Weise karikiert, was allgemeine Heiterkeit hervorruft; alle astronomischen Instrumente sind aus Holz täuschend nachgebildet.

Zum Schluss zieht der Sterndeuter, der sogar englisch kann, ein Riesenfernrohr aus der Tasche und meldet dem Gott, dass der Äquator bereits zu sehen sei und wir uns in seiner nächsten Nähe befänden. Nun sendet Neptun seine Gattin zu mir auf die Tribüne. Mit tiefem Knicks und einigen huldigenden Worten überreicht mir Amphitrite einen aus Werg sehr kunstvoll konstruierten Meerespudel, während die schwarzen Gemahlinnen der Wilden mir kniend in Muscheln die verschiedensten Früchte darbieten.

Hierauf wendet sich Vater Neptun an mich und hält, nachdem er zuerst sein unausgesetzt schreiendes Kind durch einige derbe Seemannsflüche beruhigt, eine Anrede, in der er hervorhebt, wie glücklich er sei und wie sehr es ihn freue, im Verlauf von einigen Jahrzehnten die Aquatorialtaufe an dem vierten Mitglied des Kaiserhauses vollziehen zu können. Dann wünschte er dem Schiff eine gute Fahrt und sprach die Überzeugung aus, dass die scheußlichen Ungeheuer Monsunia und Taifunia, die in seinem Gefolge ebenfalls durch Masken dargestellt waren, der „Elisabeth“ nichts anhaben könnten. Der Gott schloss seine Rede mit dem Befehl an die Tritonen und den Barbier, den Taufakt zu vollziehen.

Alsogleich stürzen dieselben auf einige jüngere Mitglieder des Stabes, insbesondere auf Kadetten zu, setzen diese auf Bretter, welche Wasserbottiche verdecken, seifen die Neulinge mit dickem Mehlbrei ein und beginnen ihnen mittels großer, hölzerner Messer den Bart abzunehmen. Im geeigneten Augenblick wird unter den dem Barbier Preisgegebenen das Sitzbrett hinweggezogen; der Taufling verschwindet in dem Gefäß, während sich zu gleicher Zeit aus Wassereimern wahre Fluten über ihn ergießen.

Nun ergriff auch Neptun ein großes Wassergefäß und überschüttete mit dessen Inhalt den Kommandanten, und das war das Signal zur allgemeinen Taufe. Sofort öffneten sich alle Schleusen, alle Pumpenschläuche: die beiden Dampfspritzen wurden bemannt und die große Wasserschlacht ging los. Alles, was nur an Pütsen, Eimern und Geräßen aufzutreiben war, kam in Aktion und Täuflinge wie Täufer kämpften den hartnäckigsten Kampf. Die komischen Szenen, die sich da entwickelten, spotten jeder Beschreibung. Da hörte jeder Rang, jede Etikette, jede Rücksicht auf; jedermann war nur darauf bedacht, so schnell wie möglich seine Eimer mit Wasser zu füllen und das nächste Opfer damit zu übergießen oder ihm gar den Eimer als Hut auf den Kopf zu stülpen.

Mit furchtbarer Gewalt arbeiteten die Dampfspritzen und wer von deren Strahl erfasst ward, den schleuderte die Kraft des Anpralls weithin, als sei der Mann selbst zu Wasser geworden. Vater Neptun lenkte den Schlauch der einen Dampfspritze und hatte es hauptsächlich auf mich und den Kommandanten abgesehen, so dass wir oft in ein arges Kreuzfeuer kamen, besonders da auch Offiziere und Mannschaft mit ihren Eimern redlich mithalfen. Bald schwamm alles auf Deck wie nach einer starken Regenböe.

Mitten im Sturzbad schlug ich die Augen auf, um ja keines der Bilder zu versäumen, die sich auf Deck abspielten. Hier entfleucht die holde Amphitrite, in der einen Hand die gefährdete Perrücke bergend, in der anderen Hand die letzten Fragmente ihres hochgeschürzten Prunkgewandes haltend; das Kind hat Haube und Saugläppchen verloren und sich wieder durch die Kraft des Wassers zu einem k. und k. Matrosen verwandelt; der Bombardonbläser hat sein Instrument mit Wasser vollgefüllt gefunden und gießt den Inhalt einem ahnungslosen Kameraden über den Kopf; ein rabenschwarzer Wilder ist zu einem Schecken geworden, da die eine Seite seines Körpers von der Dampfspritze behandelt worden war, indessen die andere.Seite noch schwarz glänzt; alles läuft, eilt und spritzt durcheinander.

Doch auch hier, inmitten dieser übermütigen Scherze, gedachten wir als treue Söhne des Vaterlandes unseres allergnädigsten Herrn. Plötzlich gebot Neptun Ruhe und der Kommandant brachte auf Seine Majestät den Kaiser ein Hoch aus, welches unter den hehren Klängen der Yolkshymne in einem hundertstimmigen, begeisterten, donnernden, dreifachen Hurrah von uns allen Widerhall fand. Dann betrat Neptun seine jetzt ganz durchnässte Tribüne und übergab mir mit weihevoller Anrede ein reizendes Diplom, in welchem der Meergott mir bestätigt, dass ich den Äquator passiert hatte; dieses künstlerisch ausgeführte Diplom war von Ramberg gezeichnet und mit sinnigen Emblemen und Ornamenten geschmückt.

Neuerdings wütete hierauf die Wasserschlacht, die sich jetzt, da schon viele der Offiziere sich in ihre Kabinen zurückgezogen hatten, um die Kleider zu wechseln, hauptsächlich unter der Mannschaft abspielte. Es hatten sich nämlich ungefähr 30 Mann versteckt, um sich so der Taufe zu entziehen; das aber ließen die Kameraden der Ausreißer nicht zu; das ganze Schiff, jeder seiner Winkel wurden durchsucht, endlich die Opfer aus ihren Verstecken geholt und zur Strafe minutenlang mit dem Kopf direkt unter die Pumpe gehalten. Einzelne wurden in den Booten, andere unter den Geschützen oder zwischen Kisten und Bagage verborgen im Schiffsraum aufgefunden. So oft Freudengeschrei kundgab, dass einer der Flüchtlinge entdeckt worden war, drang sofort ein ganzer Schwarm auf ihn ein, um den Taufakt zu vollziehen. Einer der Matrosen war gar bis zur höchsten Spitze des Großmastes geklettert, doch auch dieser Flüchtling wurde unverzüglich von dreien seiner Kameraden herabgeholt, eine Szene, die von Deck aus betrachtet umso possierlicher erschien, als sich unter den Verfolgein eines der Negerweiber befand.

Ich stand eben bei einer Gruppe von Matrosen, als plötzlich die Losung ausgegeben wurde: „Jetzt holen wir den Hofkoch!“ Diese Idee fand auch meinen Beifall, und ich freute mich schon zum voraus, den dicken Bussatto unter die Pumpe gehalten zu sehen; aber bald kamen die Leute mit der Meldung herauf, dass sich der schlaue Italiener in seiner Kabine eingesperrt habe. Der wohlgemeinte Rat, die Türe derselben einzubrechen, wurde mit Jubel begrüßt und nach einigen Augenblicken erschien Bussatto widerstrebend, halb geschoben, halb gehoben auf der Treppe. Doch in welchem Zustand! Sein schneeweißes Gewand zeigte die nicht zu verkennenden Spuren eines ganzen Menus. Bedeckt mit den verschiedensten Farbenflecken kam der Koch unter die Pumpe, wo er von den Matrosen mit besonderer Genugtuung getauft und angepumpt wurde. Die Schäden an seiner Gewandung erklärten sich, wie ich später erfuhr, daraus, dass Bussatto, als die Matrosen endlich die Türe seiner Kabine eingestoßen hatten und ihn fangen wollten, eine malerische Pose angenommen, ein großes Küchenmesser ergriffen und eine Flut von Schimpfworten über seine Häscher ergossen hatte; diese aber, nicht faul, hatten der langen Rede ein Ende gemacht, indem sie Bussatto den ganzen Kübel mit Marilleneis, das schon zum Diner bereit stand, über den Kopf stülpten, mehrere Saucen folgen ließen und dann den Koch auf Deck trugen.

Schließlich stellte ein Hornsignal das lustige Treiben ein. Erst spät abends konnte Bussatto uns ein Diner fertigstellen, da er rundweg erklärte, alle die bereits vollendeten Gerichte seien teilweise an seiner Person, teilweise durch Salzwasser zugrunde gerichtet worden. In der Tat gab es auch kein Fleckchen auf dem Schiff, das nicht nass geworden wäre; sogar die präparierten Bälge hatten durch das Schlüsselloch ihren Teil erhalten.

Lange saßen wir mit den Herren des Stabes, deren einige bei mir speisten, auf dem Eisendeck beisammen und besprachen die heiteren Erlebnisse des Tages.

Links

  • Ort: In See nach Java (Äquator)
  • ANNO – am 09.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Krieg im Frieden“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

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