In See nach Neu-Guinea, 10. Juni 1893

Obgleich um 6 Uhr dampfklar, verließen wir die Selwyn-Bai doch erst um 8 Uhr, da noch ans Land um Süßwasser geschickt werden musste, welches wir in größerer Menge zum Reinigen der gestern erbeuteten Korallen brauchten.

Der Küste von San Cristoval entlang ging’s, bis wir gegen Mittag deren nordwestlichsten Punkt, das Cap Recherche, erreichten, worauf wir südwestlichen Kurs auf das Südostcap des Louisiaden-Archipels nahmen und uns unserem nächsten Ziele, Port Moresby an der Südküste Neu-Guineas, zuwandten.

Den ganzen Tag hindurch hatten wir die beiden großen Inseln Malaita und Guadalcanar mit den auf letzterer bis zu 2442 m, auf Malaita bis zu 1304 m emporsteigenden Bergen und den üppigen Urwäldern in Sicht. Diese Eilande sind ebenfalls noch wenig durchforscht und von zahlreichen, ganz wilden Stämmen bewohnt, welche durchwegs Anthropophagen sind. In dieser Hinsicht sind namentlich die Bewohner von Malaita berüchtigt, die sogar, von der Gier nach Menschenfleisch getrieben, in ihren leichten Kanus die Fahrt über den Malaita von San Cristoval trennenden, etwa 30 Seemeilen breiten Meeresarm wagen, um Bewohner der letztgenannten Insel zu überfallen und dieselben nach Malaita zu bringen.

Insbesondere zu der Zeit, wo auf Malaita religiöse Feste gefeiert werden, pflegen die Eingeborenen nach allen Richtungen hin auf die Menschenjagd auszugehen; doch gelang es den Cristovalern in jüngster Zeit, einen Überfall seitens zahlreicher Malaiten glücklich und unter empfindlichen Verlusten für die Angreifer abzuschlagen. Das Schicksal der so auf Cristoval in Gefangenschaft geratenen Malaiten dürfte freilich ein nicht minder schreckliches gewesen sein als jenes, welches den Cristovalern bevorstand, wenn diese unterlegen wären. Das Fleisch der Erschlagenen wird in Würfel zerschnitten, in eine Art Pasteten, aus Yamswurzeln hergestellt, verbacken und in dieser Zubereitung verzehrt!

Das Wetter war heute ausnehmend schön, ein leichter Nordwind brachte angenehme Kühlung, deren insbesondere die Inhaber der Steuerbordkabinen, also auch ich, teilhaftig wurden. In außerordentlicher Farbenpracht flammte die Sonne bei ihrem Untergang am Himmel auf.

Links

  • Ort: Louisiaden Inseln
  • ANNO – am 10.06.1893 in Österreichs Presse. Im Raum Galizien herrscht Hochwasser.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Egmont“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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