In See nach Singapur — Pulu Besar, 5. April 1893

Einige Meilen von der Küste der Halbinsel Malakka entfernt, nahmen wir unseren Kurs derart, dass wir unausgesetzt reizende Ausblicke sowohl auf die Küste, die Hügel und Berge der Halbinsel, woselbst der in Dschohor (Johore) gelegene Ophir bis zu 1175 m hoch emporragt, als auch auf die kleinen Inselgruppen, die sich längs der Küste vorlagern, genossen. Selbst mit unbewaffnetem Auge war das üppige Pflanzenkleid erkennbar, welches die Halbinsel wie die Inselgruppen ziert.

Zahllose malayische Fischerboote segelten auf der ruhigen See, deren intensiv smaragdgrüne Färbung einen wirkungsvollen Kontrast zu dem tiefen Blau des Himmels bildete. Erstaunlich ist die weite Entfernung, auf welche sich die malayischen Fischer mit ihren Kanus in die hohe See wagen, und die Geschicklichkeit, mit der sie bei hohem Seegang arbeiten. Diese Kanus sind fast noch kleiner als unsere Sandolinen oder Seelentränker; je zwei Mann sitzen in den Booten und bewegen dieselben mit Doppelrudern vorwärts; manchmal wird sogar ein kleines Segel beigesetzt. In weitem Umkreis war die See förmlich bedeckt mit solchen Kanus, deren Insassen mit ihren kleinen, stechenden Augen die stolz vorbeifahrende, mächtige „Elisabeth“ neugierig anstarrten. Als Kopfbedeckung trugen die Fischer große glockenförmige Strohhüte, während der Rest der Bekleidung, der Hitze und der Beschäftigung entsprechend, sehr mangelhaft war.

Im Verlauf der letzten Tage hatten wir auffallend wenige Schiffe gesehen, bekamen aber heute mehrere Dampfer in Sicht.

Da ich erst am nächsten Morgen in Singapur einlaufen wollte und uns noch einige Stunden zur Verfügung standen, beschloss ich, eine der vielen, der Küste entlang liegenden Inseln zu besuchen. Die Karte wurde zu Rate gezogen und auf derselben bald eine Insel, Besar genannt, zur Gruppe der Water Islands gehörig, südöstlich von der einst so mächtigen Handelsstadt Malakka gefunden, wohin die Expedition gehen sollte. Ich warb Teilnehmer und binnen kurzer Frist hatte sich ein Häuflein von Naturfreunden und Jägern, nebst mir und meinen Herren noch aus Sanchez, Bourguignon, Regner und Mallinarich bestehend, gefunden, die Insel zu durchstreifen.

Die Water Islands bilden eine Gruppe kleiner Inseln, deren größte Besar ist. Sie sind sämtlich mit reicher Vegetation bedeckt und nach der Karte zu urteilen, unbewohnt; nur auf Pulu Undan, der äußersten dieser Inseln, befindet sich ein Leuchtfeuer.

Nachdem die „Elisabeth“ eine halbe Meile von der Insel vor Anker gegangen war, stieß das Expeditionskorps in zwei Booten ab und landete in einer kleinen Bucht, die von Korallenriffen erfüllt war und nur in einer schmalen Passage Durchfahrt gestattete.

Auf dem Ufer stellte ich die Herren in einer Linie an, nach je einem Schützen zwei Matrosen einreihend; ich selbst wollte die Mitte der Linie einnehmen, Sanchez und Regner aber sollten die beiden Flügel bilden — in dieser Weise beabsichtigten wir die Insel zu durchqueren. Das war nun sehr schön gedacht; bald aber zeigte sich, dass ein derartiger Streif, so vortrefflich er zweifellos in den heimatlichen Rübenfeldern ausgefallen wäre, auf einer Insel in den Tropen nicht durchführbar ist. Kaum waren wir etwas vorgedrungen, so stellten sich uns schon fast unüberwindliche Hindernisse entgegen, da der Pflanzenwuchs in seiner Üppigkeit und Dichtigkeit ein Weiterkommen nahezu ausschloss.

Von dem hier herrschenden wuchernden Wachstum der Bäume, Sträucher, Kräuter und Lianen vermögen demjenigen, welcher die Natur in ihrer zeugenden Urkraft nicht selbst geschaut, bildliche Darstellungen die ja immer nur einen schwachen Abglanz der Wirklichkeit bieten kein richtiges Bild zu geben. Allenthalben liegen, auf dem Boden hingestreckt, mächtige, den Elementen, dem Alter und der langsam aber sicher würgenden Tätigkeit der Lianen zum Opfer gefallene Stämme bedeckt mit Moosen, Farnen und Orchideen; über diesen Zeugen der nie rastenden Zerstörung wölben die verschiedenartigsten Bäume ihr hochragendes Blätterdach; armdicke Lianen verbinden, Schlangen gleich, in todbringender Umarmung einen Baum mit dem anderen; Baumfarne, sowie Bambus, Bananen und Rhododendren bilden einen dicht geschlossenen Unterwuchs, in welchem jeder Schritt mit dem Messer erkämpft werden muss. Ich schwelgte im Anblick und im Genuss dieser Pracht, die mich fesselte und mich wiederholt in der schweren Arbeit, dem Urwald einen Pfad abzuringen, innehalten ließ.

In der Tat war es keine geringe Mühe vorwärts zu dringen; namentlich bei 45° C und unter fast senkrecht herniederbrennenden Sonnenstrahlen. In dem Kampf um den Raum, den wir, das Messer in der Hand, führten, troff der Schweiß von der Stirne, als wären wir in einem Dampfbade. Bald war auch die Direktion verloren, die Ordnung löste sich auf, die schön ausgerichtete Linie war unterbrochen, die Matrosen gingen nicht mehr zwischen uns, sondern hinter uns drein, und jeder der Gesellschaft bahnte sich seinen Weg so gut wie möglich.

Die Tierwelt war spärlich vertreten; nur einige Vögel waren zu hören, aber selten einer derselben in dem undurchdringlichen Meer von Blättern zu erblicken. Gleichwohl gelang es mir, eine Fruchttaube. deren Gefieder in allen Farben des Regenbogens schillert und einen Schwarzen Kuckuck (Eudynamis honorata) zu erlegen, während Regner eine prächtige Nektarine (Arachnechthra pectoralis) schoss.

Die Verbindung miteinander immer mehr verlierend, mussten wir uns, um völlige Trennung zu verhindern, gegenseitig fortwährend zurufen und die Rufe beantworten. Endlich waren wir darüber einig, dass weitere Versuche vorwärts zu kommen nutzlos seien, und drangen. um die Insel zu umkreisen, gegen die Küste heraus, wo wir mit Mallinarich zusammentrafen, der sich schon früher von uns getrenn: hatte und mit zwei Mann auf den Fang von Krabben, Schwämmen. Mollusken und ähnlichen Vertretern der Meeresfauna ausgezogen war.

Bald fanden wir im Sand eine Fährte, welche, nachdem sämtliche fährtenkundigo Waidmänner zusammenberufen worden waren, als jene eines Einhufers, und zwar der Species Equus caballus erklärt wurde. Dies deutete, da Pferde hier nicht indigen sind, auf die Nähe menschlicher Wesen, so dass die Insel keineswegs unbewohnt zu sein schien, wie wir nach der Angabe der Karte angenommen hatten. Eine Bestätigung der Richtigkeit dieser, unseren Forschungsdrang herabstimmenden Tatsache ergab sich daraus, dass ich unter einem großen Baum einen — Coeur-Achter fand, welcher den letzten Rest der Illusion, als hätten wir ein noch jungfräuliches Eiland betreten. „ausstach“.

Und in der Tat, als wir abermals eine Wendung gemacht hatten, standen malayische Fischer vor uns, welche die europäischen Eindringlinge zuerst sehr erstaunt betrachteten, dann aber in freundlichster Weise, uns und unsere Matrosen zu laben, Wasser aus einem tiefen Brunnen schöpften. Einige elende Rohrhütten, an welchen Netze zum Trocknen hiengen, dienten den Fischern als Behausungen, in deren Nähe sich zwei allerliebste Scheck-Ponies tummelten, wodurch die rätselhafte Fährte ihre natürliche Erklärung fand. Rings um die Hütten war von den Insulanern der Urwald niedergebrannt worden, offenbar um Raum für irgend eine Kultur zu gewinnen.

Wer beschreibt aber unser Erstaunen, als wir, auf einem kleinen Fußsteig fortschreitend, uns auf einmal zwei Buddha-Tempeln und einer kleinen, sehr reinlich gehaltenen Ansiedelung von Chinesen gegenüber befanden. Die beiden Tempel, sowie das größte der Wohnhäuser waren
aus himmelblau bemaltem Mauerwerk erbaut; in der Nähe standen mehrere Rohrhütten, nach Gepflogenheit der Malayen auf Pfählen errichtet. Im Schatten großer Bäume gelegen, machte diese Niederlassung einen so überaus einladenden Eindruck auf uns, dass wir, zumal hier Aussicht geboten war, eine Erfrischung zu erhalten, unseren Misserfolg als Erforscher von Besar willig in den Kauf nahmen. Mit freundlicher Miene kamen uns die eingewanderten Kinder des himmlischen Reiches entgegen; eine sehr heitere, geschwätzige, alte Chinesin schien über den unerwarteten Besuch ganz besonders erbaut zu sein.

Die Chinesen wandern bekanntermaßen in großer Menge aus ihrer Heimat aus und überschwemmen, nach Westen und Osten vordringend, aller Herren Länder. Dass wir die bezopften Brüder schon in Calcutta getroffen, war nicht zu verwundern; immerhin musste es aber Befremden erregen, dass selbst dieses abgeschiedene Eiland hinlängliche Anziehungskraft für chinesischen Erwerbssinn bot.

Die Leute brachten Stühle und zur willkommenen Erquickung Zwieback sowie vortrefflichen Tee herbei, und jeder von uns leerte einige Schalen dieses Getränkes, während die wackere Alte, lachend und unermüdlich, immer neue Quantitäten herzutrug. Als wir endlich zum Aufbruch rüsteten und unsere Erkenntlichkeit durch Verabreichung einiger Geldstücke bezeigen wollten, lehnten die Chinesen jeglichen Dank ab und waren trotz allen Drängens nicht zur Annahme einer Bezahlung zu bewegen. Schließlich half Clam aus der Verlegenheit, indem er mit zierlichen Verbeugungen der freundlichen Alten Blumen darbot, welche jene unter einer Lachsalve ins Haar steckte. Sanchez reichte der Inselwirtin seinen färbigen Gürtel dar, worauf wir mit herzlichem Händedruck von unseren Gastfreunden schieden.

Wir zogen nun weiter der Küste entlang. Drei blau und weiß gefärbte Baumlieste (Halcyon chloris), sowie mehrere Exemplare einer Art von Zwergreihern (Butoroides javanica) fielen uns zur Beute. Palmblätter, die ich unterwegs abhieb, sollten zur Ausschmückung unseres Achterdeckes dienen. Bald änderte die Küste ihren Charakter, indem an Stelle des weichen Wellsandes große, rundliche Felsblöcke traten, über die wir springen oder, Equilibristen gleich, hinwegklettern und balancieren mussten. Manche dieser Steine des Anstoßes waren feucht, so dass wir auf denselben gar nicht Fuß fassen, sondern uns daran nur mühsam anklammern konnten. Der Versuch, einen mehr landeinwärts gelegenen Pfad ausfindig zu machen, scheiterte bald an dem Terrain, welches daselbst noch unwegsamer war, und so kletterten, krochen und glitten wir denn im Gänsemarsch vorwärts; Kleider und Schuhe waren bald in trostlosem Zustand; die Flut stieg immer höher: die Brandung schlug brüllend über die Felsen — und endlich lagen wir bei einem besonders schwierigen Übergang von einem Felsen zu einem andern allesamt im Wasser.

Nach mancherlei Fährlichkeiten waren wir schließlich an der Stelle angelangt, wo die Boote lagen, und befanden uns bald, herzlich müde. in zerrissenen und durchnässten Kleidern, an Bord der „Elisabeth“,  wo wir schleunigst unsere Lagerstätten aufsuchten, um erst am späten Abend zum Diner auf Deck zu erscheinen.

Alsbald wurde die Fahrt auf Singapur fortgesetzt. Spät abends kam das Feuer von Pulu Pisang in Sicht.

Links

  • Ort: In See nach Singapur
  • ANNO – am 05.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater führt „Faust“ auf. Das k.u.k. Hof-Operntheater spielt „Margarethe (Faust)“.

 

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