In See nach Steamer Point, 24 December 1892

Weihnachtstag — der Tag, dessen Bestimmung scheint, nur einen Abend zu haben, mit einem Christbaum als Mittelpunkt und freudvollem Geben und Nehmen im Kreise der Familie. Wehmütige Gefühle beschleichen mich. Seit 29 Jahren zum ersten Mal, dass ich diesen Abend nicht mit den Meinigen vereint verbringen soll. Obzwar auf vaterländischem Boden stehend, vermissen wir doch das winterliche Bild, welches jetzt die heimatlichen Gefilde bieten, und das mit der Feier dieses Tages so eng verknüpft ist. Wahrhaft glühende Wünsche und Gedanken sende ich aus dem Roten Meer nach Hause; denn Phöbus meint es heute mehr als gut mit uns. In der Sonne haben wir über 40°, im Maschinenraum über 60° Celsius, dazu einen glühend heißen Südsüdostwind, welcher der Atmosphäre jede erfrischende Wirkung benimmt.

Clam und ich mussten lächeln, als wir vormittags einen kleinen Weihnachtsbaum, den ich aus den Konopister Wäldern mitgenommen hatte, in meiner Kajüte aufputzten und dabei fortwährend „von der Stirne heiß, rinnen musste der Schweiß“. Jede Viertelstunde eilten wir auf Deck, um etwas bessere Luft zu atmen, da die drückende Schwüle unter Deck kaum zu ertragen war. Auch die Lichter und die Gegenstände, die uns meine Mutter zur Schmückung des Baumes mitgegeben, zeigten schon die Spuren der tropischen Hitze; sie waren ganz weich geworden und begannen zu schmelzen.

Untertags sah ich zum ersten Mal fliegende Fische, die pfeilschnell über die Wogen huschten und mit ihren glänzenden Flügeln großen Schmetterlingen glichen. Auf dem Achterdeck fingen wir einige große Heuschrecken, deren Flugkraft ich bewunderte, da sie doch vom nächstgelegenen Landstrich 56 Seemeilen bis auf das Schiff zu fliegen hatten. Die armen Tierchen waren auch sehr ermattet und daher leicht zu fangen!

Gleich nach dem Diner zündeten wir die Lichter des Christbaumes an und begannen so die kleine Feier, zu welcher sich in meiner Kabine außer den Herren meiner Suite noch Leopold, der Kommandant und der Gesamt-Detailoffizier eingefunden haben. Verschiedene kleine Geschenke, darunter manche heimlich mitgegebene Überraschung aus der Heimat, lagen auf dem Tisch.

Einer Einladung des Offizierscorps folgend, begab ich mich ins Carré, wo die Herren einen sehr hübschen Christbaum aufgestellt hatten, der mit künstlichen, aus Baumwolle hergestellten Schneeflocken übersät war und mit seinen vielen Lichtem freundlich-hell erstrahlte. Eine Jux-Tombola mit den drolligsten Gegenständen leitete das Fest ein, während unser Chefarzt Dr. Plumert eine famose Ananas-Bowle braute. Beim ersten Glas gedachte der Kommandant in warm empfundenen Worten aller in der Heimat Zurückgebliebenen, die sich unser am heutigen Tag gewiss erinnern und in Gedanken bei uns weilen.

Hieran schlossen sich musikalische Vorträge, Ein Kadet spielte vortrefflich Zither, während sich andere Herren auf dem Klavier versuchten. Auch der Gesang trat in seine Rechte. und es heimelte mich so gemütlich an, echt österreichische Weisen zu hören. So mancher Rundgesang. manches alte Soldatenlied zeigte wenigstens von dem guten Willen und von der Liebe meiner Landsleute zu den heimischen Liedern. Zu meiner großen Freude entdeckte ich in unserem trefflichen Navigationsoffizier einen tüchtigen Genossen in der Kunst des Jodelns. Der Kommandant und ein Ingenieur waren so freundlich, uns zu begleiten und so jodelte unser Quartett all die mir so lieben Jodler, wie jene vom „Auerhahn“, „Zillerthal“, „Zwa Sterndia am Himmel“ — fröhlich ins Rote Meer hinaus.

Vor wenigen Wochen noch hatte ich hoch oben in den Salzburger Bergen zwischen Firn und Gletscher die Jodler und Juchezer gehört, wie sie die Jäger und Burschen beim „Gamstreiben“ frisch und lustig in den kalten, herrlichen Morgen schmetterten, dass sich das Echo hundertfach an den Wänden und Karen brach — und jetzt sangen wir dieselben Lieder im Ozean schwimmend bei 40 ° Celsius. Ein eigentümlicher Kontrast! In ungetrübter Heiterkeit verlief der Abend, und es war schon spät, als ich auf die Brücke stieg, um unter prachtvollstem Sternenhimmel noch etwas zu träumen.

Links

  • Ort: Rotes Meer
  • ANNO – am 24.12.1892 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse berichtet, dass die Prager Diözese am 23. Dezember einen gefallenen Priester exkommuniziert hat („große Excommunication“). Aus Lemberg in Galizien wird vermerkt, dass die Auswanderung mit 80.000 Personen zunimmt. Hamburg meldet zwei Cholerafälle, wovon einer aus Hamburg stammend verstorben ist. Budapest ist bis jetzt ohne Cholerafälle.
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