In See nach Vancouver, 25. Aug. 1893

Morgens erschienen, um mich zu begrüßen, Baron Biegeleben an der Spitze des Gesandtschaftspersonales und Generalkonsul Kreitner sowie die Herren der japanischen Suite, deren Zuvorkommenheit und unermüdlichem Eifer ich alle Anerkennung zolle. Auch die uns zugeteilten Beamten und Diener des Hofes, unter ihnen mein Freund der Leibjäger und der Mann mit dem stets gezückten Schwert, welcher von uns mit dem Spitznamen „der Scharfrichter“ bedacht worden war, fanden sich ein, um für die ihnen verliehenen Dekorationen den Dank abzustatten.

Zur dauernden Erinnerung an die gemeinsame Fahrt ließ ich mich noch mit allen Herren des Stabes photographieren; dann wurde auf Deck ein feierlicher Gottesdienst abgehalten.

Endlich war der schwere Augenblick gekommen, jener, in dem ich Abschied nehmen musste von unserem braven Schiff, von den Herren des Stabes, die ich alle so schätzen gelernt hatte und die stets bestrebt gewesen waren, mir das Leben an Bord so angenehm als möglich zu gestalten, von der wackeren Mannschaft. Die „Elisabeth“ war mir in der achtmonatlichen Frist, während der sie uns so treu durch ferne Meere getragen, zur Heimat geworden; hier habe ich mich zufrieden, glücklich gefühlt, und mit jener Empfindung der Freude, welche den Reisenden beseelt, wenn er, aus der Fremde kommend, vaterländischen Boden betritt, bin ich nach jedem längeren Aufenthalt auf dem Land immer wieder an Bord zurückgekehrt.

Hier habe ich den guten militärischen Geist, den vortrefflichen kameradschaftlichen Sinn kennen gelernt, welcher in unserem Seeoffizierskorps herrscht. Dank der Umsicht und Fürsorge des mir so lieb gewordenen Kommandanten, der weder Mühe noch Anstrengung gescheut hat und bei Tag und bei Nacht auf seinem Posten war, um in jedem Augenblick seiner ehrenvollen, aber auch schwierigen Aufgabe gerecht zu werden, dank der trefflichen Führung des Dienstes durch unseren Gesamt-Detailoffizier, dank der Tüchtigkeit sowie Gewissenhaftigkeit des Navigationsoffiziers, dank endlich dem Pflichteifer des gesamten Stabes ist zum Stolz und zur freudigen Genugtuung aller das Ziel der gemeinsamen Fahrt glücklich erreicht worden. Der rasche Verlauf der immer unter Dampf zurückgelegten Reise in Verbindung mit dem verhältnismäßig kurzen Aufenthalt in den verschiedenen Häfen hat insbesondere an das Maschinenpersonal ganz außergewöhnliche Anforderungen gestellt, denen dasselbe in jeder Beziehung entsprochen hat.

Mit hoher Befriedigung muss ich des geradezu musterhaften Verhaltens der Mannschaft gedenken, welche unentwegt in treuer Pflichterfüllung ausgeharrt hat, selbst unter den schwierigsten Verhältnissen, so namentlich in den tropischen Klimaten, ohne sich der erleichternden Annehmlichkeiten zu erfreuen, welche uns zugebote gestanden. Nachdrückliche Hervorhebung verdient endlich der Umstand, dass unsere Mannschaft sich auch auf dem Land, trotz des nicht immer guten Beispieles, welches ihr durch amerikanische und englische Matrosen gegeben wurde, ganz tadellos benommen hat und dass ungeachtet der verlockendsten Anträge nicht ein Fall von Desertion vorgekommen ist.

Unsere Kriegsmarine hat sich wieder in einer die hochgespannten Erwartungen rechtfertigenden Weise bewährt, indem sie unsere Flagge stolz durch den weiten Ozean in ferne Länder geführt. Die Vorsehung hat über dem Schiff, welches sich zum ersten Mal zu erproben hatte, gewacht, ein günstiger Stern über demselben geleuchtet; denn keine ernste Gefahr hat der „Elisabeth“ gedroht, kein Unfall diese betroffen; in der Zahl jener, die auf ihren Planken sich zusammengefunden, hat der Tod sich keine Opfer gesucht, keine schwerere Erkrankung hat uns heimgesucht.

Ich schritt noch die Front der Mannschaft ab, welche auf Deck in Parade ausgerückt war, sagte allen Herren des Stabes ein herzliches Lebewohl und bestieg mit dem Kommandanten das Galaboot. Als dann der Stab auf die Brücke eilte, die Mannschaft an die Salutstationen trat und unter den Klängen der Volkshymne ein dreifaches donnerndes Hurrah ertönte, da liefen mir— ich schäme mich nicht, es einzugestehen — die Tränen über die Wangen. Die Erinnerung an die Zeit, welche ich auf der „Elisabeth“ verbracht habe, gehört zu den wertvollsten meines Lebens und wird mir dauernd eingeprägt bleiben.

Die „Empress of China“ lag bereit, in See zu gehen, beim Fallreep aber herrschte lebhafte Bewegung; die Herren der Gesandtschaft und des Konsulates mit ihren Damen waren nochmals erschienen, uns zu begrüßen, Verwandte und Freunde anderer Passagiere hatten sich eingefunden, Abschied zu nehmen. Wir tauschten noch einen letzten Händedruck mit Becker und Jedina, die Maschine der „Empress of China“ begann zu arbeiten und das Riesenschiff wendete sich dem Hafenausgang zu. Von den japanischen Kriegsschiffen und von der „Elisabeth“ ertönte Hurrahrufen, die Musikkapelle der letzteren spielte unsere Volkshymne und „O, du mein Österreich“; nächst der Ausfahrt wechselten wir noch Grüße durch Signale und winkten den treuen Genossen unserer Reise so lange zu, bis die „Elisabeth“ nur mehr als kleiner, weißer Fleck erschien und auch Jokohama langsam unseren Blicken entschwand.

An Bord der „Empress“ fängt für mich ein ganz neues Leben an; ich kann mich nicht so frei bewegen wie auf der „Elisabeth“ und bin auf das sogenannte Promenadedeck angewiesen; die Kommandobrücke stellt ein Heiligtum dar, das nicht betreten werden darf. Wir vermissen die militärischen Signale, Kommandos und Rufe, die schrille Pfeife des Bootsmannes, mit einem Wort alles, was den Soldaten auf einem Kriegsschiff anheimelt; statt unserer flinken Matrosen sehen wir steife Engländer, mürrische Amerikaner sowie schlitzäugige Chinesen; statt deutscher, italienischer und kroatischer Laute hören wir nur englisch und immer wieder englisch reden; weder Reveille noch Retraite ertönen, bloß der dumpfe Klang des Gongs ruft zum Breakfast, Lunch und Dinner. Die Musikkapelle, die uns täglich zweimal mit heimatlichen Weisen erfreut hatte, wird hier durch einen enragierten Wagnerianer ersetzt, welcher ein bedauernswertes Klavier vom frühen Morgen bis zum späten Abend quält, so dass man rasend werden könnte und einem Klavierschutzvereine beitreten möchte.

Die „Empress of China“, im Jahre 1891 in London erbaut, ist ein schönes, großes Schiff, welches der Canadian Pacific Railway Company gehört; diese Eisenbahngesellschaft lässt drei solcher Dampfer zwischen Hongkong und Vancouver verkehren, um auf diese Weise Passagiere für ihre Kanada durchquerende Linie zu werben. Ob hiebei die Kosten gedeckt werden, weiß ich nicht, da die Betriebsauslagen ungeheuere sind und die Anzahl der Passagiere meist eine kleine ist.

Die hauptsächlichsten Dimensionen des Schiffes sind: 139 m Länge, 15,5 m Breite und im Tiefgang. Das Deplacement beträgt 5904 t, die Ladefähigkeit 3008 t; die direkt wirkende Dreifach-Expansionsmaschine hat 10.000 indizierte Pferdekräfte und verleiht dem Dampfer eine Maximalfahrgeschwindigkeit von 18 Knoten in der Stunde; der Kohlenverbrauch beläuft sich bei ganzer Kraft auf 200 t in 24 Stunden. Die Takelage besteht aus vier Pfahlmasten mit Gaffelsegeln; die Innenbordbeleuchtung ist durchwegs elektrisch; das Schiff bietet Raum für 170 Passagiere erster Klasse, 26 Zwischendeckpassagiere und 406 Deckpassagiere. Gegenwärtig befinden sich von der ersten Kategorie 72, von der zweiten 7 und von der dritten 160 Personen an Bord. Kapitän der „Empress of China“ ist R. Archibald, Reserveoffizier der britischen Marine; die Bemannung besteht aus 71 Europäern und 142 Chinesen. Meine geräumige und — bis auf ein kurzes Bett — bequeme Kajüte liegt unter der Brücke neben dem Decksalon.

Wie auf jedem englischen Personenschiffe, wird man auch hier alsbald zum Passagier Nummer „So und soviel“ und muss sich der allgemeinen Bordvorschrift fügen, welche besonders das Rauchen sehr einschränkt.

Einige Zeit fuhren wir noch längs der japanischen Küste hin, vom „Jajejama“ begleitet, auf dem sich unser Gesandter, die beiden Legationssekretäre und der Generalkonsul Kreitner eingeschifft hatten. Endlich tönte noch ein Hurrah vom „Jajejama“ zu uns herüber, und dann verloren wir allmählich Kriegsschiff wie Küste aus dem Auge — wir steuern in offener See!

Links

  • Ort: Yokohama, Japan
  • ANNO – am 25.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Jüdin“ aufführt.

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