Jodhpur, 1. März 1893

Während der größere Teil der Gesellschaft des Morgens zum Pigsticking ritt, wollte ich auf Anraten mehrerer Schikaris mit Wurmbrand in der Nähe von Dschodpur jagen. Wir fuhren in Begleitung des Residenten, der sich seiner Kränklichkeit halber nicht aktiv an der Jagd beteiligte, ungefähr 3 km vor die Stadt bis zu der Stelle, wo uns die Treiber und ein Jagdleiter, ein ganz junger Mann, empfingen, welcher uns seines vernachlässigten Aussehens halber ein Schikari zu sein dünkte, später aber erfuhren wir, dass er die Stellung eines Oberkommandanten der gesamten Infanterie von Dschodpur einnehme.

Das Jagdterrain war eine sandige Heide, mit spärlichen Büschen bewachsen; nur hin und wieder lag ein Feld oder eine mit trockenem, hohem Gras bedeckte Fläche. Zu Beginn der Jagd begegneten wir nur unglaublich vielen rötlich braunen Ratten, welche ihre Bau im Sand hatten und unablässig vor uns umher huschten. Weiterhin gab es im hohen Gras zahlreiche Wachteln, deren ich eine ziemliche Anzahl erlegte. Im übrigen sah es aber mit dem versprochenen Wild wohl recht kärglich aus; doch schoss ich noch einige Adler und Falken, die mir unbekannten Arten angehörten. Endlich kamen uns nicht einmal mehr Wachteln zu Gesicht, so dass ich, nach dreistündigem Waten im Sand, wenig befriedigt eben nach Dschodpur zurückkehren wollte, als sich in weiter Ferne ein Rudel Chinkara-Gazellen zeigte. Rasch entschlossen requirierten wir einen mit Zebuochsen bespannten Wagen, durch welchen gedeckt wir trachteten, an das scheue Wild heranzukommen, so dass ich einen starken Bock erlegen konnte.

Durch diesen Erfolg angeeifert, wiesen uns die Schikaris eine Jagdgelegenheit, woselbst wir auf mehrere Rudel Gazellen stießen und auf weite Entfernung feuernd noch einige Böcke sowie Gaisen erlegten. Im Eifer der Jagd war die Gesellschaft auseinandergeraten, so dass endlich die einzelnen Schützen sich nicht mehr wahrnahmen und aus verschiedenen Richtungen, aber in der Direktion der anderen Jagdgefährten, auf dieselben Rudel Gazellen ein lebhaftes Feuer eröffneten. Die Folge hievon war, dass von allen Seiten Kugeln durch die Luft pfiffen und jedermann, mochte er auch sonst der größte Held sein, das Heil in der Flucht suchte.

Nach dieser heiteren Episode fuhr ich nach Mandur, das in einer Entfernung von etwa 5 km nördlich von Dschodpur im Hügelland gelegen ist. Einst der blühende Sitz der Fürsten des Reiches Manvar, verfiel die in den Kriegen der Radschputen wiederholt verwüstete Stadt immer mehr, seitdem Rao Dschodha seine Residenz in Dschodpur aufgeschlagen hatte. Heute sind in Mandur nur mehr einzelne Teile des ehemaligen Palastes und Forts, sowie die Verbrennungsstätten und Grabmale der Fürsten erhalten. Acht dieser Grabdenkmale sind in gutem Zustande, sie liegen nahe aneinander und weisen eine Verquickung verschiedener Stilarten auf, ihrem Hauptgepräge nach lebhaft an den Sas Bahu-Tempel zu Gwalior erinnernd. Es sind Dschaina-Bauten, an deren Außenseiten allenthalben unzählige Figuren aus der indischen Götterwelt erscheinen.

An der Stelle, wo diese Mausoleen stehen, wurden die Fürsten nach ihrem Tod mit ihren Frauen verbrannt. Die 120 Frauen des Maharadschas Jaswant Singh jedoch sollen den Feuertod als so heilige Pflicht angesehen haben, dass sie, als der Herr und Gebieter im weit entfernten Land Kabul gestorben war, wie die Sage berichtet, zu Fuße dorthin geeilt sind, um sich verbrennen zu lassen. Die hervorragendsten Kenotaphe sind: jenes des Maharadschas Takat Singh (gestorben 1873), an dessen Grab die fürstliche Familie und die Würdenträger des Reiches alljährlich zweimal Opfer und Geschenke darbringen, ferner jene Rao Maldeos, Mota Radscha Ude Singhs, Sur Singhs und das durch seine schöne Architektur und seine Größe bemerkenswerte Dewal (Heiligtum) Adschit Singhs.

Zwischen Obstgärten sieht man die Überreste des ehemaligen Palastes; da steht zunächst, von hohen, schattigen Bäumen umgeben, eine Art kleinen Lusthauses, geschmückt mit Agraer durchbrochener Ornamentik; dann folgen Teile von Gebäuden und Tempeln mit tiefen, jetzt verfallenen Wasserbecken. Einen gewissen Kontrast zu den sonst stillen Plätzen und Räumen bildet ein von den Gläubigen noch jetzt besuchter Tempel, der mit Zinnober und Blattgold scheußlich bemalte fratzenartige Hautreliefs der Göttin Kali, Krischnas und des Elephantengottes birgt. Ein wild aussehender Fakir mit mähnenartigem Haare sitzt hier singend in Weltentsagung auf einem erhöhten Steine, von Almosen lebend.

Dem Tempel reiht sich die noch ganz gut erhaltene Götter- und Helden-Galerie mit Darstellungen der ersten Radschputenfürsten, überlebensgroßen, leichtbemalten Hautreliefs aus Stuck an, welch letzterer mit einer Glasur von Steingut überzogen ist. Alle Fürsten sind mit gar grimmigen Gesichtern, zu Pferde und in reichem Waffenschmuck sowie mit den verschiedenartigsten Attributen ihrer Macht dargestellt. Bei der Bemalung der Pferde scheint der ehrenwerte Schöpfer dieser Kunstwerke etwas fehlgegriffen zu haben, da alle Gäule entweder himmelblau oder rosenrot sind. Interessant ist die Beobachtung, dass Gewänder, Waffen, Schmucksachen und Rüstungen der Reiter, deren sie sich vor vielen hundert Jahren bedienten, von den heute üblichen nur wenig abweichen.

Während in den westlichen Ländern das rascher pulsierende Leben der Völker häufig in nur kurzer Zeit auf den verschiedensten Gebieten tief eingreifende Umgestaltungen mit sich bringt, vollziehen sich in Indiens einheimischer Kunst und Kultur selbst im Laufe von Jahrhunderten nur ganz geringe Veränderungen. Dieses langsame Vorschreiten des Volksgeistes in Indien beruht einmal darauf, dass hier Kultur und Kunst schon in altersgrauen Zeiten tiefe Wurzeln geschlagen haben; dann auf dem Umstand, dass die Inder ihre Traditionen und Gebräuche teils des steten Konnexes mit der Religion halber, teils vermöge der Gliederung in Kasten, getreu von einer Generation auf die andere vererben.

Auf dem Rückweg in unser Camp lauerte uns ein Bruder des Maharadschas, Kischur Singh, ein sehr jovialer Herr, freundlich lächelnd vor seinem Landhaus auf. Er begrüßte uns, worauf ich wieder einmal dem Sandelöl ein Taschentuch opfern musste und endlich von Kischur und allen seinen Begleitern wie eine gefeierte Opern-Diva mit Blumen und Kränzen überschüttet wurde.

Abends ergoss der Vollmond sein mildes Licht über unser Lager, über das Fort und die vielen umliegenden Festungswerke, die sich in gespenstischen Formen vom Horizont abhoben; tiefe, nur hin und wieder vom Bellen eines Schakals oder dem Rufe des Käuzchens unterbrochene Ruhe umfing uns. Lange wanderte ich, nachdem ich eine Reihe von Briefen für die Heimat vollendet, Gedanken und Träumen nachhängend, unter den Vorwerken des Forts einher.

Links

  • Ort:  Jodhpur, Indien
  • ANNO – am 01.03.1893 in Österreichs Presse. Der Kaiser reist in die Schweiz um die Kaiserin zu treffen. Incognito als „Bayrischer Prinz“  trifft er in der Früh in Zürich ein und am Nachmittag um 5 Uhr in Territet, wo er vermutlich bis zum 5. März verweilen wird.  Der Kaiser und die Kaiserin sind Arm in Arm zum Hôtel des Alpes gegangen, wo sie die erste Etage bewohnen.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt als Ersatz „Die Ahnfrau“, während das k.u.k. Hof-Operntheater „Der Postillon von Longjumeau“ aufführt.

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