Kajeli — Amboina, 30. Juni 1893

Zu der für den heutigen Tag angesagten Treibjagd war unser Dampfer bereits um 4 Uhr morgens abgefahren und ging nächst der Landzunge Lissaletta um 6 Uhr vor Anker. Einen Augenblick sah blauer Himmel auf uns nieder, aber bald verdüsterte und umzog sich das Firmament und strömte tropischer Regen, dem gegenüber der berühmte Salzburger Schnürlregen nur leichter Sprühregen ist, herab.

An der Landungsstelle, in der Nähe einiger Fischerhütten, erwarteten uns die „vorzüglichen“ Leiter der gestrigen Jagd und eine Schar Treiber, welche Hunde mit sich führten. Wir bestiegen eine Anhöhe, auf welcher die übliche große Beratung stattfand, nach deren Beendigung zuerst die Treiber und späterhin die Schützen nach verschiedenen Richtungen abgingen.

Zu meinem großen Erstaunen zeigte sich die Anzahl der Schützen bedeutend vermehrt, da sich uns einige nicht näher bestimmbare, mit abenteuerlichen Flinten bewehrte Individuen angeschlossen hatten, welche, wie mir auf meine Frage bedeutet wurde, erschienen waren, um die Rolle der Abwehrer zu übernehmen. Trotzdem wir den Treibern auf das eindringlichste mit Worten und Gebärden, Bitten und Befehlen eingeschärft hatten, die Hunde nicht auszulassen und sich auf dem Weg zum Triebe ruhig zu verhalten, hörten wir ihr Geschrei fortwährend durch den Wald klingen, ja bald gaben auch die Hunde jagend Laut und brachten ein Hirschkalb in unsere Nähe, welches ich aber leider fehlte.

Die Gegend trug ein von jenem des gestrigen Terrains grundverschiedenes, ich möchte sagen, australisches Gepräge; denn in dem hohen Gras ragten einzelne Bäume auf, hin und wieder wurden steile, besonders gegen die See hin jäh abfallende Lehnen, dann wieder dichtere Waldpartien mit lianenartigem Unterwuchs sichtbar.

Ein einstündiger Marsch brachte uns zu den Ständen, deren Linie ungefähr einen Halbkreis bildete, in dem wir kaum angestellt waren, als schon aus der Ferne das Geschrei der Treiber erscholl, welche uns Wild zujagen sollten. Ich nahm den äußersten Stand auf dem rechten Flügel ein; unter mir befand sich die Wehr mit den zahlreichen „wilden“ Schützen. Lange wollte sich bei mir nichts zeigen, während oberhalb meines Standes schon mehrere Schüsse gefallen waren; endlich aber eräugte ich in kurzen Zwischenräumen einige Wildschweine, die auf sehr weite Distanz unterhalb meines Standes so durch das hohe Gras zogen, dass man die Tiere immer nur auf Momente erblicken konnte. Ich versuchte auf gut Glück einige Schüsse und traf auch einen starken Überläufer, der im nächsten Trieb verendet gefunden wurde. Ein einziges Stück kam mir gut; doch als ich dasselbe erlegt hatte, zeigte sich, dass es bereits von einem anderen Schützen einen Laufschuss erhalten hatte.

Nach Beendigung des langwierigen Triebes stellte es sich heraus, dass fast alle Schüsse von den eingeborenen Schützen abgegeben worden waren, welche in der Tat guten Anlauf gehabt und, freilich ohne jedes Resultat, viel Hochwild, darunter einen guten Hirsch, mit Schrot beschossen hatten. Auch die Wehr unterhalb meines Standes hatte sich an der Jagd aktiv beteiligt, brachte aber unter lebhaften Gestikulationen und nichts weniger als geistvoll dreinsehend nur ein lebendes Hirschkalb herbei, welches durch die Hunde vor den Schützen gestellt worden war.

Die Holländer scheinen, wenn ich aus den auf Java und nun abermals gemachten Erfahrungen Schlüsse ziehen darf, für die Waidmannskunst und für das Arrangieren einer Jagd kein besonderes Geschick zu besitzen; wenigstens herrschte auch bei den drei Trieben, welche nun noch genommen wurden, wieder heilloses Durcheinander. Wir wurden zwar angestellt, aber meistens auf unrichtigen Plätzen oder erst, sobald die Treiber bereits vorbei waren; niemand leitete das Ganze, jeder der Eingeborenen wollte nur selbst schießen, und die Treiber gingen statt in den Dickungen, laut schreiend, in dem bekannten Gänsemarsch das Seeufer entlang. Zu dieser Verwirrung mag wohl auch der sintflutartige Regen beigetragen haben.

Ich bedauerte den durch die genannten Übelstände hervorgerufenen Misserfolg umso mehr, als in den bewachsenen Lehnen, nach den Spuren zu schließen, viel Wild zu sein schien und kein einziger Babirussa angejagt wurde.

Da wir sahen, dass die Treiber der Jagd schon überdrüssig waren und gar keine Ordnung mehr herrschte, wendeten wir unsere Aufmerksamkeit wieder der zahlreich vertretenen Vogelwelt zu und erlegten eine beträchtliche Anzahl großer, grauer und gelber Tauben, sowie mehrere Papageien. Ich war so glücklich, in kurzen Intervallen durch Zufall drei Raubvögel zu erlegen, und zwar einen mächtigen weißbauchigen Seeadler (Haliaetus leucogaster) mit weißem Leib, gebändertem Stoß und taubengrauen Schwingen, der auf einem hohen Ast aufgebaumt hatte, ferner einen Fischadler (Pandion leucocephalus), dem europäischen sehr ähnlich, und einen Falken (Falco moluccensis), der an unseren Turmfalken erinnert, doch intensiver gefärbt ist; die beiden letzteren waren während der Triebe über mich gestrichen.

Der Regen nahm immer mehr zu, schließlich konnten die aufgeweichten Patronen nicht mehr in die Gewehrläufe gebracht werden, und so wurde zum Rückzug geblasen und an Bord gegangen, um direkt nach Amboina zurückzukehren.

Wir hatten die Bucht von Kajeli kaum verlassen, als uns in der Straße von Manipa hohe, unangenehme See empfing, die unser kleines Dampfboot derart umherwarf, dass einer nach dem anderen von der Gesellschaft das Deck verließ und in der Kajüte verschwand, um erst wieder zu erscheinen, als wir mit bedeutender Verspätung in Amboina einliefen. Ganz zerschlagen und durchrüttelt kamen wir wieder an Bord der „Elisabeth“, wo der Aufenthalt auch kein sonderlich angenehmer war, da noch immer Kohlen gemacht wurden und alles auf dem Schiff von dem Gussregen troff.

Links

  • Ort: Ambon
  • ANNO – am 30.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Fesseln“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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