Kalawewa, 8. Jänner 1893

In großer Aufregung wurden die Vorbereitungen für die Elephantenjagd betrieben, die verschiedenartigsten Gewehre probiert, auch ein Elephantenschädel zersägt, um uns die Stelle zu zeigen, an welcher die Kugel unfehlbar tötet, und die Projekte für eine erfolgreiche Jagd in reifliche Erwägung gezogen.

Ich hatte eben noch einen Schuss mit dem Eight bore-Stutzen versucht und stand, ins Haus zurückgekehrt, mit den übrigen Herren gerade auf der Veranda, als einer der englischen Herren mit einem großkalibrigen Gewehre so achtlos hantierte, dass es sich mitten unter uns entlud. Das Projektil schlug das Dach durch, so dass man den blauen Himmel durchscheinen sah; wir kamen aber glücklicherweise mit einem Regen von Ziegelstücken davon.

Endlich, nach langem Parlamentieren, wurden wir flott, und fuhr meine Expedition, bestehend aus Captain Pirie, welcher die Leitung der Elephantenpürsche übernommen hatte, und aus mehreren eingeborenen Jägern, Schikäris genannt, in einem Boot hurtig über den Teich. Mr. Murray, Wurmbrand und Kinsky folgten in einiger Entfernung als Zuschauer.

Die Sonne brannte heiß auf den Wasserspiegel des Sees, auf dessen Randbäumen Schlangenhalsvögel, große und kleine Cormorane, Silberreiher, Teich- und Kuhreiher, sowie wunderhübsche Königsfischer saßen und unbehelligt unser Schiff nahe herankommen ließen. Nachdem wir den Teich durchquert, stiegen wir im Dschungel aus und fanden alsbald die mächtigen Fährten der Elephanten; die Tiere waren in der Nacht zur Tränke gezogen und jetzt wieder in das unermessliche Dickicht zurückgewechselt. Zwei Schikäris, ein alter Bursche und ein jüngerer Mann, wurden ausgeschickt und kamen bald mit der Meldung zurück, die Elephanten seien zwar im dichtesten Dschungel, doch wäre es immerhin möglich, sie anzupürschen. Mit einem Stoßgebet an den heiligen Hubertus drangen wir ein, zuerst ein Schikäri, dann ich, Pirie und zum Schlusse noch ein Schikäri, der ein Reservegewehr trug.

Wer nie ein solches Elephanten-Dschungel betreten, macht sich nicht annähernd einen Begriff von dem Dickicht und den Dornen, welche es erfüllen, noch von den Schwierigkeiten, sich darin fortzubewegen, da man nur in gebückter Stellung oder auf allen Vieren durchkriechen kann. Ich möchte ein solches Dschungel etwa mit unseren dichtesten „Böden“ in den Donau-Auen vergleichen, mit dem Unterschied allerdings, dass die Tropensonne, die Moskitos und die furchtbaren Dornen die Situation noch bedeutend verschlimmern. Alle Augenblicke halten Dornbusch und Gestrüpp die Mütze oder den Rock zurück, mit blutenden Händen und Gesicht, mit zerfetzten Kleidern, zerkratzt und erregt gelangt man endlich wieder ins Freie.

Unverdrossen krochen wir also weiter, bis ich nach einer halben Stunde ein leises Brechen von Zweigen vernahm, das von äsenden Elephanten herrührte. Obgleich ich sonst dem Jagdfieber nicht unterworfen bin, so muss ich doch offen gestehen, dass solches mich jetzt, bei dem Hören und Anpürschen der Elephanten erfasste.

Wie Indianer schlichen wir in der Richtung vorwärts, aus welcher wir die Laute vernommen hatten, als plötzlich ein Schikäri niederkauerte und auf das Gebüsch wies. Ich konnte nichts deutlich wahrnehmen, sondern hörte bloß starkes Geräusch, von dem ich anfänglich glaubte, es sei durch die Zähne der Elephanten verursacht; doch überzeugte ich mich später, dass es von diesen durch Heben und Senken der Ohren hervorgebracht wird. Der Wind war nicht günstig, und da diese Kolosse weder besonders gut äugen, noch feines Gehör besitzen, dafür aber vorzüglich wittern, schlichen wir uns von einer anderen Seite an und kamen endlich auf ungefähr 25 Schritte in die Nähe der Elephanten. Ich sah durch das dichte Unterholz nur große Massen auf dem Boden liegen, die auffallend an Termitenbaue oder Heuhaufen erinnerten, konnte aber trotz aller Anstrengung die längste Zeit die Formen der Elephanten nicht entnehmen.

Endlich kam etwas Bewegung in die ungeschlachten Kolosse, so dass ich zunächst einen großen, schwarzen Elephanten mit der Rückseite gegen mich gewendet sah, der alle vier Läufe von sich streckend dalag, mit dem Rüssel von Zeit zu Zeit geschickt Blätter abriss und mit den Ohren die Mücken abwehrte. Weiterhin dehnte sich in gleicher Pose ein noch größerer Elephant, offenbar eine glückliche Mutter, zu ihren Füßen schlummerte ein Sprössling, während im Hintergrunde ein halb erwachsener, vorjähriger Elephant stand. Ein Bild tiefsten Friedens, diese im dunklen Dschungel ruhenden Ungetüme.

Ich hoffte mich eben noch näher anpürschen zu können, doch schien der sehr unbeständige Wind bereits umgeschlagen zu haben; denn der schwarze Elephant wurde hoch, windete in unsere Richtung und verschwand flüchtig in der Dickung, worauf auch seine Gefährten hoch wurden und Miene machten, auszureißen. Obgleich mir von allen Jägern eingeschärft worden war, nicht weiter als auf 6 m bis 8 m und nur zwischen Licht und Ohr oder in die Grube über dem Rüssel zu schießen, entschloss ich mich doch zum Schuss auf eines der Tiere, auf gut Glück nach der Mitte des Kopfes zielend. Nachdem sich der Rauch verzogen, giengen wir auf den Anschuss, fanden Schweiß, aber leider keinen Elephanten und verfolgten vergeblich durch einige Zeit die Fährte. Captain Pirie glaubte, dass die Distanz von 20 m zu groß gewesen sei und daher die Kugel trotz des starken Kalibers meines Gewehres die zolldicke Haut des Elephanten nicht habe durchschlagen können. In ziemlich gedrückter Stimmung arbeitete ich mich wieder aus dem Dschungel zu den Herren hinaus, die zurückgeblieben waren.

Während die Schikäris die Elephanten neuerdings abspürten, benützten wir die Zeit zu einem Lunch im Freien, bis die Meldung kam, dass die Fährten wiedergefunden und die Tiere eingekreist seien. Nun aber war ein Ankommen nicht mehr so leicht als zuvor, da sie, durch den Schuss bedeutend scheuer geworden, sich in ein nahezu völlig undurchdringliches Dickicht zurückgezogen hatten. Einmal war ich den Elephanten zwar schon ganz nahe, sah sie auch über einen Wechsel ziehen; plötzlich aber waren sie wieder verschwunden.

Es ist erstaunlich, wie wenig Lärm ein Tier von der Wucht eines Elephanten, ja sogar eine ganze Herde dieser Kolosse im Dickicht macht; denn wie Füchse schleichen sie hin und her, und nur auf kurze Entfernung hört man das Knacken einzelner gebrochener Äste.

Endlich gegen 4 Uhr nachmittags stießen wir neuerdings auf Elephanten, welche von zwei zuvor ausgesandten Schikäris bestätigt waren.

Abermals pürschte ich mich an, doch ließ ich mich leider dazu bestimmen, einen anderen Weg einzuschlagen, als den ursprünglich von mir gewählten. So kam ich einem Elephanten, der sorglos mit einem Kameraden im dichten Buschwerk äste, zwar auf 10 m nahe, jedoch von der Rückseite her, so dass ich nicht schießen konnte. In diesem Augenblicke schien einer der Schikäris auf einen Ast getreten zu sein, denn der Elephant wurde unruhig, wendete sich und wollte flüchtig werden. Jetzt konnte ich das Haupt sehen und drückte aufs Licht ab — mit dumpfem Falle stürzt das Ungeheuer. Alsbald krachen noch zwei Schüsse meines Begleiters, so dass ich in den nächsten Sekunden des dichten Rauches wegen, der sich ganz zu Boden gelegt hatte, nichts unterscheide. Mit einem Male taucht über unseren Köpfen aus dem Rauche hervor das Haupt eines Elephanten auf, welcher geradewegs auf uns zustürmt und uns anzunehmen scheint. Rasch springen wir zur Seite und, Bäume und Büsche zerstampfend, rast die große Masse an uns vorbei — für jeden von uns ein höchst spannender und aufregender Moment. Wie mir Pirie versicherte, soll es äußerst selten vorkommen, dass ein gesunder Elephant, wie dies jetzt der Fall war, den Menschen annimmt. Wären wir nicht in das nebenliegende Gebüsch gesprungen, so hätte uns der Elephant zermalmt, da die Distanz von dem wütenden Tiere bis zu uns kaum zwei Meter betragen hatte.

Während sich diese Szene abspielte, hatte sich der gestürzte Elephant erhoben und wurde flüchtig. Der reichlichen Schweißfährte folgend, rannten Pirie und ich ohne Rücksicht darauf, dass uns Äste Und Dornen zerfetzten, ungefähr eine Stunde lang hinterdrein, bis wir endlich ganz ermattet die Jagd aufgeben mussten, da es bereits anfing, Abend zu werden und wir fürchteten, den schwer kranken Elephanten zu versprengen.

Nicht eben in der rosigsten Stimmung nach dem Bungalow zurückkehrend, erlegte ich in dessen Nähe noch mehrere Uferläufer, Lappenkiebitze (Lobivanellus indicus) und Königsfischer, die längs des Teiches strichen. Der Abend vereinigte uns beim Souper, wobei jeder seine Tageserlebnisse zum besten gab. Die anderen Herren hatten auf verschiedenes Kleinwild in der Umgebung gejagt und brachten Affen, gestreifte Eichhörnchen und allerlei Vögel heim, so dass Hodek viel zu tun bekam.

Links

  • Ort: Kalawewa, Ceylon
  • ANNO – am 08.01.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse nutzt die nachrichtenarme Zeit, um über den Status des Bauprojekts an der Wiener Hofburg und die Lage in Bosnien zu berichten.
  • Das Wiener Salonblatt hatte zwar versprochen, über die Reise wöchentlich zu berichten. In der zweiten Nummer finden sich jedoch nur adelige Heiratsannoncen und -berichte.
  • Das k.u.k. Hof-Operntheater spielt Shakespeares „Romeo und Julie“, Julie ist eine etwas ungewöhnliche Übersetzung für die italienische Giulia or Englisch Juliet; das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt am Nachmittag Emilia Galotti und abends das Lustspiel „Die Biedermänner“.

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