Kioto, 9. Aug. 1893

Ganz in der Nähe des von uns bewohnten Hauses, im selben Garten wie dieses, liegen die historischen Baulichkeiten, in denen Generationen von Mikados verborgen vor den Augen des Volkes gelebt haben und gestorben sind, bis die neue Verfassung dieser Gefangenschaft, ein Ende machte. Der Komplex der Palastbauten besteht aus einer Reihe weitläufiger, ebenerdiger Gebäude, die, wie wir schon bei der Ankunft bemerken konnten, im Gegensatz zu anderen japanischen Bauten in der Tat einen sehr nüchternen und kalten Eindruck machen; die zierlichen Gärtchen, welche fast nirgends fehlen, sind hier durch staubreiche, sandige Höfe ersetzt. Wir besahen die Seiro-den heißende Halle; die Flucht der Räume dieses Bauwerkes bildete früher den eigentlichen Aufenthaltsort des Mikados, diente jedoch später der Abhaltung von bestimmten Festlichkeiten. In dem Audienzsaal, dem Schauplatz der Inthronisation des Mikados, fiel mir ein von einem Zeltdach aus weißer, roter und schwarzer Seide überhöhtes Ehrensesselchen auf, vor welchem zwei Bronzefiguren gähnend wachen, während an den Wänden Bilder chinesischer Weisen prangen.

Der Tsune-goten genannte Teil des Palais umfasst die Privatgemächer des Mikados. In den zahllosen Räumen des Palastes, worin sich der Besucher fast verirren könnte, fanden wir da und dort schöne Wandgemälde, die aber nicht im Stand waren, den ersten Eindruck der Kahlheit, welchen auch das Innere der Residenz macht, zu bannen. Wäre ich Kaiser von Japan, Herrscher eines so kunstfreudigen Volkes gewesen, ich hätte gewusst, mir meinen Palast prunkvoller zu schmücken und behaglicher zu gestalten, namentlich wenn mir das Los zuteil geworden wäre, mein Leben in stiller Abgeschiedenheit dahinfließen zu sehen.

Auf dem Weg zu dem Nidscho, dem ehemaligen Schloss der Schogune, drangen wir in eine Seidenweberei, woselbst hauptsächlich für den Export bestimmte Waren erzeugt werden, die jedoch nur zum Teil als hervorragendere Produkte japanischer Textilindustrie bezeichnet werden können. Der technische Vorgang ist im Wesentlichen der gleiche wie jener, der bei uns in ähnlichen Etablissements üblich ist. Die Seidenweber Kiotos haben ihren Sitz in Nischi-dschin, das ist im Westlager, dem nordwestlichen Teil der Stadt; die Zahl dieser Industriellen ist eine sehr bedeutende, dem Umstand entsprechend, dass die Seidenproduktion in der Gütererzeugung Japans eine Hauptrolle spielt und Seide den wertvollsten Ausfuhrartikel darstellt. Wie in Europa hat auch in Japan dieser Produktionszweig mit Kalamitäten aller Art zu kämpfen, nicht zum wenigsten mit den Krankheiten, welchen der Maulbeer-Seidenspinner (Bombyx mori) unterworfen ist. Letzterer Umstand hat dazu geführt, dass man in Japan versucht hat, für jenen Spinner Ersatz in der Antheraea Jama-mai zu finden, welche sich von den Blättern der japanischen Eiche (Quercus serrata) nährt und ein hellglänzendes Gespinst liefert, das insbesondere bei Herstellung von Damast und von brokatartigem Krepp mit Erfolg Verwendung findet.

Der Nidscho-Palast ist im Jahre 1601 von Ijejasu als Absteigequartier für seine Besuche in Kioto erbaut worden und diente seither den Schogunen aus dem Hause der Tokugawa als Residenz, bis er im Jahre 1868 in kaiserlichen Besitz überging. Das festungsartige Äußere und namentlich die zyklopischen, mit Türmen bewehrten Mauern bereiten den Besucher nicht vor auf das, was er in den Innenräumen schaut, wenngleich die reichen Hautreliefs der Tore mehr Kunstsinn und Prunkliebe verraten als das kaiserliche Palais. Märchenzauber umfängt uns, indem wir einen goldstrotzenden Saal nach dem anderen durchschreiten; herrlich ausgeführte Wandgemälde heben sich von dem schimmernden Hintergrund ab, uns Einblick in neue Kunstformen gewährend. Wenn wir bisher in den japanischen Gemälden die Zartheit und Liebe zum Detail bewundert hatten, konnten wir hier den Bildern einen Zug ins Großartige nicht absprechen. Alle anderen Säle werden an Glanz von dem ehemaligen Audienzsaale der Schogune überstrahlt, dessen Goldschmuck den Besucher förmlich blendet; doch hat diese Pracht nicht vermocht, die Furcht zu bannen, wie aus dem Umstand zu schließen, dass eine geheime Tür bestimmt war, Bewaffneten, die in einem Nebenraume des Audienzsaales verborgen gehalten wurden, jeden Augenblick zu ermöglichen, im Falle der Not dem Schogun beizuspringen.

Der Rothschild Japans, ein über großen Reichtum gebietender Bankier, namens Nitsui, welcher den Minen im Inneren des Landes Millionen verdankt, hatte mich gebeten, seinem erst vor kurzem vollendeten Haus einen Besuch abzustatten. Ich willfahrte dieser Einladung
gerne und wurde in dem Flur des neuerbauten Palais von dessen Besitzer, einem freundlich blickenden, kleinen Manne, mit vielen Bücklingen und einer längeren Ansprache begrüßt. Bei der Besichtigung erwies sich das Bauwerk als stilgerecht, aus fein gehobeltem Holz, Lehm und Papier errichtet, und von einem niedlichen Gärtchen umfasst; das Innere hingegen zeigte eine Annäherung an europäischen Geschmack und Komfort, welche mit der doch auch festgehaltenen landesüblichen Ausstattung der Gemächer nicht in Einklang zu bringen war. Die aus Europa bezogenen, in grellen, bunten Stoffen prangenden. schweren Fauteuils, ferner massive Schränke und dichte Teppiche standen in lautem Kontrast zu den zarten Kakemonos und den leichten Matten; doch schien gerade dieser Widerspruch dem Hausherrn den Reiz des Originellen zu bieten und daher zu gefallen. Nitsui scheint Tiere sehr zu lieben, wie sich daraus schließen lässt, dass auf der gegen den Garten gerichteten Veranda in einer Drahtvoliere zwei Paare Kraniche stolzieren, deren eines aus Japan, das andere aus Korea stammt, während sich in zierlichen, tadellos rein gehaltenen Holzkäfigen Vertreter fast aller in Japan vorkommenden Vogelarten, namentlich Singvögel, befanden; unter den Gefangenen bemerkte ich auch einen Nussheher, dessen Gefieder die gleiche Färbung wie jenes seines europäischen Bruders zeigte. Herr Nitsui ließ einige Erfrischungen servieren und machte mir sodann eine Eule sowie einen Löffelreiher zum Geschenk, die jedoch leider recht schlecht ausgestopft waren.

Hatte ich bisher nur durch ihr Alter ehrwürdige Tempel besichtigt, so wollte ich nun auch den Higaschi-hongwanschi, der eben im Bau war, in Augenschein nehmen. Der Brudertempel des Nischi-hongwanschi war im Jahre 1864 ein Raub der Flammen geworden, und zwar in jenem mörderischen Kampf, welcher zwischen vielen Hunderten von Leuten aus Tschoschiu, die sich gegen das bestehende Verbot und in der Absicht, die Person des Mikados zu ergreifen, in Kioto eingefunden hatten, und den zum Schutz der Hauptstadt zusammengezogenen Truppen entbrannt war. Der Bau ist schon weit genug fortgeschritten. um erkennen zu lassen, dass hier ein Buddha-Tempel im Entstehen ist, welcher, was die planliche Anlage sowie den Stil betrifft, den Vorschriften der Schin-Sekte streng entsprechen und gleichzeitig durch die in edelsten Verhältnissen zueinander stehenden Dimensionen sowie durch die prächtige Ausgestaltung eine Sehenswürdigkeit der Stadt bilden wird. Mein Erstaunen wurde insbesondere durch die kolossalen Holzstämme geweckt, die aus allen Teilen Japans als Opfergabe für den Bau geliefert worden waren; man glaubte auf dem Bauplatz in einem ganzen Wald von Säulen aus dem Holz des Keaki zu wandeln, eines zur Familie der Ulmen gehörigen Baumes (Zelkowa keaki), dessen Holz sich durch seine Zähigkeit, Elastizität und Dauerhaftigkeit auszeichnet, so dass es das beliebteste Material vom Schiff- und Häuserbau angefangen bis zu der Erzeugung verschiedener kleiner Luxusobjekte herab bildet. Bei dem Bau des Higaschi-hongwanschi wird Keaki-Holz für alle dem Blicke sich darbietenden, hingegen Fichtenholz für die übrigen Teile, namentlich für das Dachwerk, des Gebäudes verwendet. Die Fichten, die hier verarbeitet werden, sind geradezu riesige Urstämme, deren man aber allerdings bedarf, um die enormen Spannungen zu bewältigen; denn die Länge des Tempels beträgt 74 m, die Breite 52 m.

Die mehr als armdicken, in zwei mannshohen Rollen vor uns liegenden Taue, mittels welcher die wuchtigen Stämme emporgezogen werden, sind, wie man mir sagte, aus Frauenhaaren angefertigt. Diese Verwendung des sonst wohl zu derartigen Zwecken nicht gebrauchten und von uns nur in anderer Wirkung bewunderten Materiales soll darauf zurückzuführen sein, dass zu Beginn des Tempelbaues mehrere Taue beim Aufziehen der schweren Stämme rissen, was wiederholt Unglücksfälle im Gefolge hatte und einen Priester zu der Prophezeiung veranlasste, es würden nur aus Frauenhaar gedrehte Seile die Lasten zu tragen im Stand und so weitere Unglücksfälle vermeidlich sein. Auf diese Weissagung hin entschlossen sich Frauen und Mädchen in großer Zahl, ihre Haare dem Tempelbau zu opfern und für die Anfertigung der erforderlichen Seile zu widmen. Und siehe — das Geschlecht, welches ja eigentlich doch das stärkere ist, bewährte sich als solches auch in diesem Fall; denn dessen Haare, zu dicken, rabenschwarzen Tauen geflochten, tun seit Jahren beim Tempelbau treffliche Dienste, so das Vertrauen rechtfertigend, welches den weissagenden Priester beseelt hatte. Obschon ich sonst weder Kunstwerke zu verstümmeln pflege, um ein Stück davon heimzubringen, noch Merkwürdigkeiten auf unrechtmäßige Weise an mich bringe, um meine Sammlung durch ein Kuriosum zu bereichern, wich ich hier von meinen Grundsätzen doch insoweit ab, als ich mir heimlich ein Stückchen eines dieser Taue abschneiden ließ, um vergnügt mit meiner Beute heimzukehren.

Rasch hatten wir ein Frühstück eingenommen und eilten dann, wieder verschiedenen Einkäufen nachzugehen, wobei ich insbesondere Seidenstoffe und Kimonos zu erwerben trachtete, letztere, um hiemit Freunde in der Heimat beschenken zu können. Die Kauflust, welche uns beherrschte, war bereits in weiteren Kreisen ruchbar geworden, so dass sich das Volk in den Straßen vor den Läden staute und mit den Blicken unserem Tun folgte, während uniformierte Polizisten und Detectives geschäftig hin- und hereilten, um über meine Sicherheit, die ich gar nicht bedroht fühlte, zu wachen. Dass unter solchen Umständen die Besorgung unserer Einkäufe nicht erleichtert und namentlich nicht verwohlfeilt wurde, ist wohl klar.

Unmittelbar vor dem am späten Abend stattfindenden Diner wurde mir zu Ehren ein Fußballspiel von den Herren der Aristokratie Kiotos, welche altjapanisches Kostüm trugen, aufgeführt. Hiebei galt ee für die Spieler, innerhalb eines ausgesteckten Raumes von geringem Umfang einen Fußball empor- und dem Nebenmann zuzuschleudern, der den Ball in gleicher Weise zu übernehmen und weiterzugeben hatte. Ich fand alle Ursache, den Eifer und die Geschicklichkeit der Spieler zu bewundern und das umso mehr, als sich unter denselben einige Herren befanden, welche die schöne Zeit der ersten Jugendblüte bereits hinter sich hatten. Vortrefflichen und geradezu charakteristischen Eindruck machten die Spieler in ihrer nationalen Tracht, durch dieselbe viel besser gekleidet, als durch die nur zu oft schlecht gemachten Fracks und Gehröcke.

Links

  • Ort:  Kyoto, Japan
  • ANNO – am 09.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Fidelio“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
21 − 18 =