Kioto — Osaka, 10. Aug. 1893

Für den heutigen Tag war ein Ausflug nach Osaka, an den sich ein solcher nach Nara reihen sollte, in das Programm aufgenommen; der Zug entführte uns daher gegen jene Stadt auf derselben Strecke, die wir schon bei der Fahrt nach Kioto, allerdings des Nachts, zurückgelegt hatten. Wir durcheilten liebliche, grünende Landschaft, in welcher sich als eigentümliche Staffage zahlreiche Ziehbrunnen und Tretwerke, zur Berieselung der Grundstücke bestimmt, erheben. Bambuswäldchen unterbrechen in angenehmer Weise die Monotonie der weithin sich erstreckenden Reisfelder; wiederholt saust der Zug über die fast trocken liegenden Rinnsale von Bächen und Flüsschen und schließlich über das Bett des Kanzaki-gawas sowie über jenes des Jodo-gawas hinweg.

Aus weiter Ferne schon kündigt Osaka, eine Stadt von mehr als 473.000 Einwohnern, seinen Charakter als Industrie- und Handelszentrum durch den keineswegs malerischen Anblick zahlreicher Fabriken mit rauchenden Schloten an; das erste Gebäude, an welchem wir
vorbeikommen, ist eine mit Dampfbetrieb versehene Bierbrauerei, die ebenso sehr dem Durst als dem industriellen Stolz der Bewohner Osakas genügeleisten soll.

Der dringenden Bitte, meinen Exkursionen möglichstes Incognito zu sichern, war Gewährung zugesagt worden; doch bestand letztere lediglich darin, dass die Polizei vor mir nicht mehr salutierte, während im übrigen alles beim Alten blieb. So fanden denn auch hier wieder festlicher Empfang auf dem Bahnhof, Vorstellungen von hohen Würdenträgern statt, erfolgte ein triumphaler Einzug durch ein Spalier sich drängender Schaulustiger in die Stadt. Die ursprünglich geplante Revue über die gesamten, in Osaka garnisonierenden Truppen hatte ich dankend abgelehnt, zur Enttäuschung des Kommandierenden, eines alten Generallieutenants, dem ich jedoch als Ersatz den Besuch des Kastelles und des Arsenales zusagte.

Vier Hofwagen brachten uns in raschem Tempo zunächst nach dem Kastell, welches am linken Ufer des Jodo-gawas im Osten der Stadt liegt, die nicht selten das Venedig Japans genannt wird. Dieser Vergleich trifft nur insoweit zu, als den südlichen Teil Osakas zahlreiche, unreines Wasser führende Kanäle durchziehen, die von dem Jodo-gawa abzweigen.

Am Eingang des Forts empfing mich der Generallieutenant an der Spitze des Offizierskorps und geleitete mich in ein Dienstgebäude, wo er mir nach einer längeren Ansprache Photographien sowie Skizzen der Festung überreichte und eine Erfrischung anbot. Das Kastell ähnelt in seiner baulichen und fortifikatorischen Anlage jenem von Kumamoto und präsentiert sich, wenngleich es kleinere Dimensionen aufweist, doch als ein gewaltiges Werk, dank den kolossalen, aus Granitblöcken von 5 bis 7 m Breite und bis zu 12 m Länge hergestellten Umfassungsmauern und den doppelten, tiefen, mit Wasser gefüllten Gräben. Wie es möglich war, so riesige Granitblöcke mit den zur Zeit der Erbauung des Forts gegebenen technischen Mitteln in Bewegung zu setzen und übereinanderzutürmen, erscheint ganz unfassbar. Bemerkenswert ist, dass die Mauern der Escarpe sowohl als jene der Contreescarpe nicht geradlinig oder in einem Winkel, sondern in einer Kurve angelegt sind. Zu oberst auf dem Mauerrand ragen die der japanischen Fortifikation eigentümlichen Türme mit den geschweiften Pagodendächern empor; doch ist die Zahl derselben nur mehr eine geringe, da die meisten im Laufe der Zeiten Feuersbrünsten zum Opfer gefallen sind, wie denn heute das Fort überhaupt in Trümmern liegt und auch das innerhalb der zweiten Ringmauer gelegene Palais, angeblich das prächtigste Gebäude Japans, im Jahre 1868 von Flammen verzehrt worden ist. Doch wirken auch heute noch die Ruinen, auf welche wir blicken, imponierend und erzählen in ihrer stummen, eindringlichen Sprache die stolze Geschichte dieser Feste, welche als Schlüssel zu der Hauptstadt Kioto in stürmisch bewegten Epochen, bei entscheidenden Ereignissen der Geschichte Japans eine bedeutungsvolle Rolle gespielt hat und mit den glänzendsten Namen des Landes verknüpft ist.

Wo sich heute die Trümmer der festen Burg Osakas erheben, stand einst ein hochberühmtes buddhistisches Kloster der Schin-Sekte, das im Jahre 1571 über Befehl Nobunagas zerstört wurde, welcher sich durch Kriegsglück und Tapferkeit zu dem mächtigsten Feudalherrn aufgeschwungen hatte, so dass er vom Mikado zur Pazifikation des Landes berufen wurde und wagen konnte, Schogune zu vertreiben und einzusetzen. Die Kirchengeschichte rühmt ihn, da er die Christen schützte, während er das entartete buddhistische, seinen kühnen Plänen widerstrebende Priestertum verfolgte. Den Befehl, das Kloster in Osaka zu zerstören, bekräftigten Nobunagas Worte: „Diese Bonzen gehorchten nie meinem Befehle, sondern unterstützten stets die schlechten Kerle und widerstehen der kaiserlichen Armee. Wenn ich sie jetzt nicht wegschaffe, wird diese Noth immer fortdauern: überdies habe ich gehört, dass diese Priester ihre eigenen Regeln übertreten, denn sie essen Fische und schlechte Kräuter, halten sich Konkubinen und rollen die heiligen Schriften zusammen, statt darin zu lesen und zu beten. Wie können sie Wächter gegen das Böse und Bewahrer der Gerechtigkeit sein?“ Dann taten Feuer und Schwert ihre Schuldigkeit. Kurze Zeit darnach ließ Taiko-sama an der Stelle des zerstörten Klosters die Burg Osakas erbauen und dieselbe einige Jahre später verstärken, zu welchem Zweck angeblich 17.000 Häuser geschleift wurden.

Im Zusammenhang mit der Verfolgung der Christen wurde Osaka, ein Hort des Christentums und eine Zufluchtsstätte Unzufriedener, schon im Jahre 1615 von Ijejasu, dem Begründer des Schogunates der Tokugawa, und dessen Sohne Hidetada berannt und erobert. Bei dem Zusammenbruch des Feudalsystems in Japan und der Wiederherstellung der Herrschaft des Mikados war es Osaka vorbehalten, den Niedergang des Schogunates der Tokugawa zu sehen, wie es die Begründung und das Aufblühen dieser Herrschaft geschaut hatte. Hier setzte sich im Jahre 1868 der letzte Schogun aus jenem Hause fest, konnte jedoch weder das Schloss noch die Stadt halten und musste auf einem amerikanischen Schiff flüchten. In den Flammen, welche das Schloss verzehrten, versank auch das Schogunat und mit ihm das alte Feudalsystem.

An der Stätte großer historischer Erinnerungen wird jetzt ein Werk des Friedens, ein großes Reservoir, erbaut, bestimmt, die Stadt mit frischem Wasser zu versehen. Der Blick von der Höhe des Kastelles auf die Stadt und auf die Umgebung ist herrlich; in weiter Ferne sah man auf der Inland-See große Dampfer ihres Weges ziehen.

Obschon der Besuch des Arsenals bei der drückenden Hitze etwas beschwerlich fiel, bereue ich denselben doch nicht, da er mir Gelegenheit geboten hat, mich von dem hohen Stand der japanischen Waffenindustrie zu überzeugen. Die Kürze der Zeit, in welcher Japan vermocht hat, sich mit allen einschlägigen europäischen Einrichtungen vertraut zu machen, nimmt geradezu Wunder. Eben wurde im Arsenal an einer Anzahl von Geschützen, und zwar von 7 cm Gebirgs- bis zu 40 cm Festungsgeschützen gearbeitet, welche für einige neuerrichtete Forts bestimmt sind; denn die Regierung ist sorgfältig darauf bedacht, jeden geeigneten Punkt der Küste, jede Passage, jedes Vorgebirge und jede Halbinsel mit Forts zu bespicken und diese dann tüchtig zu armieren. Das Arsenal ist mit Maschinen modernster Konstruktion ausgerüstet, so dass die Geschützrohre, welche in rohem Zustand aus der Gießerei kommen, binnen kürzester Zeit fertiggestellt und adjustiert sind. In mehreren, umfangreichen Hallen wird die Geschosserzeugung im großen Stil betrieben; selbstverständlich fehlt es nicht an den erforderlichen Nebeneinrichtungen, so an einer Anstalt zur Vornahme von Gewehrreparaturen, an Tischlereien, Wagnereien und Sattlereien zur Herstellung der Lafetten, Protzkästen und des Sattelzeuges für die Artillerie. In der Sattlerei besichtigte ich eingehend alle im Gebrauch stehenden Ledersorten und die Erzeugung der Sättel sowie der Satteldecken; doch fand ich letztere auch hier zu dünn und die Sättel zu wenig widerstandsfähig gebaut, so dass denselben Dauerleistungen, wie man sie bei uns verlangt, kaum zugemutet werden dürften. Das Arsenal übernimmt gegenwärtig auch schon Lieferungen für das Ausland: so wurden gerade jetzt einige Gebirgsgeschütze für die portugiesische Regierung hergestellt.

Der Besichtigung des Arsenals folgte im Offiziersclub ein opulentes Frühstück, welchem auch die Generalität und der Gouverneur anwohnten. Das Gebäude des Clubs trägt in seinem Äußern europäischen, im Innern aber japanischen Charakter an sich, welcher durch
eine kleine, aber interessante Kollektion kunstindustrieller Gegenstände noch stärker hervortritt. Große, angeblich von der Höhe des Fudschijamas gebrachte Eisblöcke in Bronzevasen spendeten angenehme Kühlung. Bei dem Dejeuner erregte der Gouverneur lebhafte Heiterkeit; er versicherte zwar, dass ihm seiner angegriffenen Gesundheit halber vom Arzt der Genuss von Sake untersagt sei, hielt aber den Cognac für erlaubt und sprach demselben auch wacker zu.

Endlich hieß es aufzubrechen, um von der in Minato-tscho gelegenen Station mit der Eisenbahn nach Nara zu fahren. Die Bahnstrecke zieht, eine an Wasseradern reiche, allenthalben mit Reis bebaute Ebene, später hügeliges Terrain durchquerend, zuerst gegen Südosten durch die Provinz Kawatschi, welche sowie die Provinz Jamato, deren Hauptort Nara ist, ebenfalls zu den fünf Stammprovinzen gehört; dann setzt sie vor der Station Udschi über die Bergkette, welche die Grenze zwischen den genannten Provinzen bildet, und erreicht in einem nordostwärts gewendeten Bogen die Stadt Nara. Bevor wir jedoch hier anlangten, machten wir in Horjudschi halt, um dem kaum eine halbe Stunde entfernten Tempel einen Besuch abzustatten.
In Dschinrickschas dahinrollend, sehen wir bald den Tempel oder, besser gesagt, das den Häusern einer kleinen Stadt gleichende Konglomerat von Tempelgebäuden, welche, zu malerischen Gruppen vereinigt, in einem lieblichen Hain liegen und durch Gänge sowie durch Treppen, die mit kleinen Kapellen und Bronzegefäßen geschmückt sind, in Verbindung stehen.
Bei unserem Rundgange schreiten wir allenthalben an Toren vorbei, welche von fratzenartigen Wächtern, deren einer in schwarzer, der andere in roter Farbe dräut, bewacht werden. Der Tempel ist von Schotoku-daischi begründet und im Jahre 607 beendigt worden; er ist somit das älteste der vorhandenen Buddha-Heiligtümer, dessen reichhaltige Kunstschätze nicht nur die Regierung bestimmten, zur Erhaltung des Tempels einen namhaften Betrag zu widmen, sondern auch zur Bildung einer ebenfalls die Konservierung dieses Heiligtumes anstrebenden Gesellschaft Anlass gaben.

Die Halle der Träume, Jume-dono, ein achteckiges Bauwerk, ist der Göttin Kwan-on geweiht, deren 600 Jahre zählendes Bildnis neben dem 1100 Jahre alten Konterfei Schotoku-daischis hängt. In dem rechten Flügel eines dahinter liegenden großen Gebäudes, das durch Wandbilder, die zum Teil aus dem Jahre 1069 herrühren, geschmückt ist, wird als Reliquie die Regenbogenhaut mit der Pupille von Buddhas linkem Auge, deren Anblick den Gläubigen stets um die Mittagsstunde gestattet ist, aufbewahrt; in dem linken Flügel befindet sich ein Bildnis der Göttin Kwan-on, die hier um Hilfe wider böse Träume angerufen wird. Der Haupttempel, umgeben von einer länglichen Einfriedung, enthält eine Reihe von Bildnissen, Buddha und andere Gottheiten darstellend, deren drei im Jahre 1231 als Ersatz für ebenso viel entwendete Statuen erneuert wurden.

Eine Bronzestatue von Jakuschi Njorai, das ist des Heilenden Buddha, und eine Holzfigur von Fugen, dem besonderen göttlichen Patrone jener, die sich ekstatischer Betrachtungsweise hingeben, sollen von einem Priester, namens Zemui, aus Indien gebracht worden sein; auch zwei anderen Bildnissen, darunter einem die Göttin Kwan-on darstellenden, wird indischer Ursprung beigelegt. Als Schätze höchsten Wertes erscheinen hier die Wandbilder, welche, allerlei buddhistische Vorwürfe wiedergebend, dem Künstler Tori Busschi sowie einem koreanischen Priester zugeschrieben werden und von großer Bedeutung für die Kunstgeschichte Japans sind; denn das hohe Alter dieser Werke ist wohl außer Zweifel und der Stil sowie die vollendete Darstellung, welche von keinem bekannten japanischen Künstler erreicht worden sind, deuten auf koreanischen Ursprung.

In dem Jakuschi Njorai gewidmeten Tempelgebäude bietet sich ein Anblick von eigenartigster, überraschendster Wirkung, da die Wände von Tausenden und Abertausenden von Schwertern, Messern, Bogen, Pfeilen, mit einem Worte von Waffen aller Art bedeckt sind, welche Männer, sowie von Spiegeln und Haaren, die Frauen hier als Weihegeschenke geopfert haben; doch auch an Gegenständen anderer Art, welche der Gottheit aus Dankbarkeit für empfangene Gnaden gewidmet wurden, fehlt es nicht, so insbesondere nicht an Bohrern, welche als Symbol wiedererlangten Gehöres dargebracht wurden. Was meinen unsere Ohrenärzte zu dem Zusammenhang zwischen diesem Instrument und beseitigter Taubheit?

Durch kolossale Göttergestalten zeichnet sich der Kami-no-do aus; in diesem Tempel erblicken wir Darstellungen von Schakjamuni (Buddha), von Monschu, einer Personifikation übersinnlichen Wissens, von Fugen und von Schi-Tenno, einem der vier Himmelskönige, welche die Welt gegen Dämonen verteidigen; ferner sind hier zu schauen eine Gruppe, die den Tod Buddhas versinnbildet, und Abbildungen der acht Szenen aus Buddhas Dasein, beginnend mit dessen Geburt im Himmel und endigend mit dessen Eingang in das Nirwana. Eine der Kolossalfiguren zeigt auffallende Ähnlichkeit mit den bei uns üblichen Darstellungen des Erzengels Michael, welcher mit der Lanze den bösen Feind abwehrt.

Eine düstere, langgestreckte Halle, die im ersten Augenblicke den Eindruck der Requisitenkammer eines Theaters macht, birgt den Tempelschatz, welchem, und wie es scheint mit Recht, ein überaus hoher Wert nachgerühmt wird. Hier finden sich prachtvolle, geradezu unschätzbare, gobelinartige Stickereien, Figuren und allerlei andere Gegenstände aus Holz und Bronze, Masken, Schwerter, riesige Trommeln, Gongs u. a. m. In einer Reihe von Schränken, welche versperrt gehalten werden, dürften noch zahlreiche andere, dem profanen Blicke jedoch entzogene Kostbarkeiten verwahrt sein. Bei Schluss des Rundganges ließen uns die Bonzen Erfrischungen reichen, welche wir gerne annahmen, um sodann rasch nach der Station zu fahren, von wo uns der Zug nach Nara brachte.

Diese Stadt, am Fuß einer gut bewaldeten Bergkette erbaut, kann den Ruhm beanspruchen, eine der ältesten Ansiedlungen des Landes zu sein, ist jedoch heute nur mehr ein Schatten dessen, was sie gewesen. Einst hat Nara sogar den Mittelpunkt des Reiches gebildet, bis der Kaiser Kwammu seine Residenz nach dem heutigen Kioto verlegte. Nach halbstündiger Fahrt in Rickschas durch die Hauptstraße Naras und eine lange, von hundertjährigen Cryptomerien und Zypressen gebildete Allee erreichten wir das mitten in einem Tempelhain, dem Kosugano-jaschiro, gelegene Clubhaus, welches unser Quartier bilden sollte.

Die Lieblichkeit des landschaftlichen Bildes wird in anmutiger Weise belebt durch die zahlreichen heiligen Hirsche, welche sich zwischen Rickschas und Fußgängern vertraut tummeln und unbesorgt äsen. Diese Hirsche (Cervus schika), deren Hegung auf tausend Jahre zurückreichen soll, sind stärker und gedrungener als der Axishirsch, demselben jedoch sonst ziemlich ähnlich; es schien mir, als ob die Zahl der Hirsche, welche gut aufsetzen, aber nicht über acht Enden bilden, jene der Tiere überwiege. Das Hochwild steht unter besonderem Schutz, so dass früher Todesstrafe auf Erlegung eines Stückes gesetzt war; es wird immer in der Nähe der Tempel gefüttert, was zur Folge hat, dass es zahm genug ist, das Futter aus jedermanns Hand zu nehmen.

Unser Quartier erweist sich als eine ganz reizende Behausung: denn von meinen im ersten Stockwerk gelegenen Zimmern kann der Blick über den dunklen Tempelhain, aus dessen Blättermeer bald da, bald dort eine Pagodenspitze oder das Dach eines Tempelgebäudes hervorlugt, und über die grünenden Bergesabhänge schweifen, so dass man sich ferne von jedem städtischen Gemeinwesen wähnt. Der landschaftliche Zauber und die stille Ruhe dieses Erdwinkels sollen auch der Kaiserin von Japan zusagen, welche Nara gerne besucht und dann, weil diese Stadt eines kaiserlichen Palais entbehrt, gleichfalls in dem lauschigen Clubhaus, insbesondere die von mir benützten Zimmer bewohnend, ihr Hoflager aufschlägt.

Da die vorgerückte Stunde eine Besichtigung der Sehenswürdigkeiten Naras ausschloss, durchwanderte ich den Tempelhain, um die Hirsche zu füttern, deren sich bald ein Rudel von etwa 60 Stücken um mich versammelt hatte; die zahmen Tiere bedrängten mich förmlich, beschnupperten meine Taschen und ruhten nicht, bis ich ihnen einige Leckerbissen reichte, wobei ein besonders kecker Hirsch seinen Forderungen durch das Geweih einigen Nachdruck zu geben suchte.

Nach dem Diner im Clubhaus fand auf der vor der Veranda liegenden Wiese bei Beleuchtung durch mächtige, flackernde Kienspanflammen eine originelle Produktion von Tänzern, Mimikern und Schauspielern statt. Den Reigen eröffnete ein von einem Krieger in reichem Kostüm aufgeführter altchinesischer Tanz, Gwan-so-raku, das heißt Freude der Vorfahren, genannt, wobei der mit einer greulichen Kopfmaske geschmückte Künstler sich wirbelnd um eine vor ihm zusammengerollt liegende Schlange drehte, dieselbe mit seinen Waffen bedrohte und schließlich erwürgte. Ist es schon bei den heimatlichen Balletten mit Schwierigkeiten verbunden, der choreographischen Handlung einen mehr oder weniger vernünftigen Sinn unterzulegen, so war dies hier völlig unmöglich, bis mir die Deutung zuteil wurde, dass im fernen Westen Barbaren gelebt haben sollen, welche Schlangen fraßen, und dass der Tanz unter dem Bild der getöteten Schlange den Sieg des Kaisers über seine Feinde und die Freude über des siegreichen Herrn Rückkehr symbolisiere. Mehr Interesse als die Aufführung flößten die alten Brokatstoffe ein, in welche der Krieger gehüllt war.

Der zunächst produzierte Tanz, namens Kaden, war eigentlich mehr ein Clownkunststück denn eine choreographische Leistung, da zwei in scheußlichen Löwenmasken steckende Künstler die Bewegungen zweier Löwen nachahmten, wobei sie sich übrigens recht geschickt erwiesen. Dieser Tanz soll vor mehr als 1000 Jahren auf Befehl des 54. Mikados, Ninmio-Tennos, von Fudschiwara Sadotoschi komponiert worden sein.

Die nun folgende, von Gesang begleitete Darstellung hatte eine Legende zum Vorwurf, welche an jene von der Versuchung des heiligen Antonius erinnerte; denn Gott Miwa verwandelt sich in ein Weib, um einen gottesfürchtigen Priester Buddhas, Gwanpin mit Namen, der vor 1100 Jahren gelebt haben soll, zu verführen; Miwa bringt diesen in besonders heikle und schwierige Situationen, aus welchen der Gottesmann jedoch nach langem Kampf als Sieger hervorgeht. Anfänglich wirkte die Aufführung durch die eigentümliche Handlung und die Darstellungsweise äußerst komisch, wurde aber im späteren Verlaufe ziemlich monoton, da die verschmähte Pseudogöttin in endloses Heulen und Weinen ausbrach und der standhafte Diener Buddhas, in einer Ecke der improvisierten Bühne hockend, unausgesetzt lästerlich fluchte.

Zum Schluss wurde von Schauspielern eine Posse aufgeführt, welcher die Idee einer unsichtbar machenden Mütze, also einer Tarnkappe, zugrunde lag. Ein Knabe, der von seinem Herrn allzu viel Prügel erhält, flieht in einen Buddha-Tempel zu Kioto und bittet um Hilfe, die ihm auch in einer mit Rücksicht auf die Umstände ganz praktischen Weise, durch Verleihung einer unsichtbar machenden Kappe, zuteil wird. Der Meister vermag nun den Jungen nicht mehr zu entdecken und ersucht einen Bonzen, den Knaben ausfindig zu machen, was natürlich nicht gelingt, so dass der Knoten sich zum Gaudium des Lehrjungen in einer solennen Prügelei zwischen dem Meister und dem Bonzen schürzt und löst.

Die No-Tänze, so heißen die Produktionen, werden von einer unseren Ohren nicht entsprechenden, monotonen Musik begleitet, die bestritten wird durch eine Mundorgel, Scho, durch ein mörserartiges, mit einem Hammer geschlagenes Instrument, Kokin, welches den Bass ersetzt, und durch eine Bambusklarinette, Fudsche, sowie durch eine in liegender Stellung gespielte Zither, Koto.

Links

  • Ort: Nara, Japan
  • ANNO – am 10.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Ein Tanzmärchen“ aufführt.

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