Manitou, 1. Oktober 1893

Mit eisiger Kälte, Schnee und Sturm brach der Tag an, alle Berge waren in Nebel gehüllt und die Aussichten für die Möglichkeit der projektierten Partie nach der Spitze des Pike’s Peaks auf ein Minimum reduziert; mit den Ausflügen ins Gebirge haben wir während der Reise in Amerika wenig Glück.

Des Morgens stellte sich unser Gesandter in Washington, Schmit von Tavera, vor, welchen ich hieher gebeten hatte; er bestätigte mir die Richtigkeit der über die unerquicklichen Verhältnisse der Ausstellung in Chicago und leider insbesondere der österreichischen Abteilung vernommenen Gerüchte, so dass ich nunmehr meinen dortigen Aufenthalt nur auf wenige Stunden festsetzte. Auch entrollte er mir ein anschauliches Bild der Zustände in den Vereinigten Staaten auf allen Gebieten des öffentlichen und des privaten Lebens, welches die von mir bisher gewonnenen Eindrücke nur allzusehr bekräftigte und ergänzte. Besonders verdient hervorgehoben zu werden der mit der jedesmaligen Erneuerung der Präsidentschaft eintretende Wechsel in der Beamtenschaft, der ganz abgesehen von krassen Auswüchsen, zu welchen dieses System Veranlassung gibt, die notwendige Kontinuität in der Verwaltung ausschließt.

Nicht minder scheint in dem Land der Freiheit eine Wohlfahrtspflege zugunsten der arbeitenden Klassen als völlig entbehrlich betrachtet zu werden und durch die Freiheit, gegebenen Falles Hungers zu sterben, substituiert zu sein. Wirtschaftliche Erschütterungen sind bei völlig mangelnder Fürsorge im Interesse der Arbeiter von nachhaltigster Wirkung auf diese, und namentlich die Silberkrise soll großes Elend nach sich gezogen haben. Trotz derartiger trister Erscheinungen üben die Vereinigten Staaten noch immer ihre Attraktionskraft auf Auswanderer aus, deren auch aus unserer Heimat alljährlich viele Tausende ihr Glück in der neuen Welt versuchen, um allerdings nur zu oft einem überaus traurigen Los entgegenzugehen, da sie nicht selten bloß Ausbeutungsobjekte gewissenloser Agenten sind und, an Ort und Stelle recht- und hilflos sich selbst überlassen, der jammervollsten Lage verfallen.

Nach kurzer Bahnfahrt erreichten wir das nur 10 km von Colorado Springs entfernte Manitou, welches am Fuße des Pike’s Peaks reizend situiert ist und einen Anziehungspunkt für Leidende und Touristen bildet. Die Besteigung des hochragenden Gipfels, der im Jahre 1806 von Captain Pike entdeckt und zuerst erklommen worden ist, galt seither als eines der verlockendsten Unternehmen, so dass man sich im Jahre 1890 entschloss, an Stelle des ermüdenden Reitpfades zu der Spitze des Berges eine Zahnradbahn nach dem System Abt emporzuführen. Der Anfangspunkt dieser im Jahre 1891 eröffneten Bahn liegt 2013 m über dem Meer, der zu bewältigende Höhenunterschied beträgt 2318 m und die Endstation der Bahn befindet sich daher um 534 m höher als die Spitze des Großglockners. Ich hätte zwar die Partie nach der Spitze des Pike’s Peaks, auf dessen Höhe uns Freund Bädeker der dünnen Luft halber Nasenbluten in sichere Aussicht stellt, gar zu gerne unternommen, aber leider vereitelten dichtes Schneegestöber und weitreichender Nebel unser Vorhaben, umsomehr, als auf dem Gipfel bereits am Vortag 25 Kältegrade gemessen wurden; ich blieb daher in Manitou, welches malerisch in einem Talkessel liegt und einen freundlichen, netten Eindruck macht.

Es ist ein seiner kohlensauren Soda- und Eisenquellen wegen häufig besuchter Badeort, in welchem für die Bequemlichkeit und das Wohlbefinden des Publikums viel getan wird; dies beweisen unter anderem auch die vielfachen Anlagen und Pflanzungen, in welchen Häuser und Villen geborgen liegen. Zahlreiche Hotels und Pensionen sind auf den Fremdenbesuch berechnet, und auch eine Spielbank hat sich hier etabliert.

Das schlechte Wetter schreckte uns keineswegs ab, die in winterliches Kleid gehüllten Naturschönheiten der Umgebung in Augenschein zu nehmen, und zwar zunächst den Williams Canon, eine ziemlich schmale Felsschlucht, deren blutrote, aus stark eisenhältigem Sandstein erwachsene und zu beiden Seiten der Straße hochaufragende Felsen wir aus nächster Nähe und mit aller Muße betrachten konnten; einige dieser Felsen sind gestützt, um eine Gefährdung der Passanten auszuschließen.

Weit interessanter ist der Garden of the Gods, ein etwa 240 ha großes Gebiet, durch eine Reihe phantastischer, isolierter Felsbildungen ausgezeichnet, die Namen tragen, welche bei einiger Phantasie als nicht schlecht gewählt erscheinen. Hier gibt es eine „Gepäckshalle“, kofferähnliche, übereinandergeschlichtete Würfel, dann den „Garten der Schwämme“, woselbst sich durch Auswaschung Formen gebildet haben, die steinernen Riesenpilzen täuschend ähnlich sehen; der Balanced Rock ist ein etwa 200 t schwerer, konischer Felsen, der auf einem meterbreiten Postament aufsitzt; großartig sind dünne Sandsteinmauern, wie die Kulissen einer Bühne aneinandergereiht und wahrhaft groteske Gebilde zeigend, so „Lots Weib“, den „Elephanten“, den „Bären“, den „Amerikanischen Adler“, den „Büffelkopf“ und endlich die „Einander küssenden Kamele“.

Jedenfalls lassen diese Naturspiele an Originalität nichts zu wünschen übrig; sie erheben sich in ihrer blutroten Farbe ganz unvermittelt aus dem Boden und lohnen die Besichtigung vollauf. Im „Göttergarten“ sah ich zum ersten Mal nach längerer Zeit wieder eine Eichenart, allerdings nur eine kleine, unserer Zerreiche ähnliche, mit stark geschlitzten Blättern.

Während wir uns von einem Händler in dessen Curio Shop ausgiebig prellen ließen, verzogen sich die Nebelwolken, die Sonne trat hervor, die tief beschneite Bergkette und sogar der Gipfel des Pike’s Peaks zeigte sich, so dass wir unendlich bedauerten, in diesem Augenblick nicht auf der Spitze des Bergriesen weilen und über die Rocky Mountains sowie über die endlosen Prairien von Colorado und Texas ausschauen zu können; doch war die Stunde der Abfahrt nach Chicago gekommen, und ich musste mich entschließen abzureisen, ohne den Pike’s Peak erklommen zu haben.

Links

  • Ort: Manitou Springs, Colorado, USA
  • ANNO – am  01.10.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt das Stück „Kabale und Liebe“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Mignon“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
19 × 11 =