Nara, 11. Aug. 1893

Heute wurde mit der Besichtigung der kaiserlichen Schatzkammer begonnen, die sich eigentümlicherweise nicht in Tokio, sondern eben hier befindet; der Mikado selbst soll in der Regel den Schlüssel zu derselben in Händen haben. Von dem, was man sonst unter Schatzkammer zu verstehen gewohnt ist, nämlich von einem feuer- und einbruchsicheren Raum, in welchem Kostbarkeiten, besonders Geschmeide und Edelsteine verwahrt werden, ist hier nichts zu finden; wir sehen vielmehr nur ein auf Piloten ruhendes, aus Holz errichtetes, schupfenartiges Gebäude, das ganz an die im Pinzgau und im Pongau auf nassen Wiesen stehenden „Heustadeln“ erinnert. Innerhalb dieses Bauwerkes, welches seiner Bestimmung nach mehr den Charakter eines Museums an sich trägt, sind in Schränken Gegenstände von mitunter bedeutendem historischen und künstlerischen Wert aufbewahrt; hier liegen Masken, Brokat- und Seidengewänder, früher zu feierlichen Aufzügen bestimmt, ferner Schwerter, Bogen, Pfeile und prächtiges Sattelzeug, weiters dem täglichen Gebrauch dienende Gerätschaften, so Spiegel, Löffel, ganze Essbestecke, endlich Schmucksachen aus Nephrit, dem glückbringenden Stein, und nebst vielen anderen interessanten Dingen alte, ungemein wertvolle Kakemonos.

Unweit des Schatzhauses ist die größte Merkwürdigkeit Naras, nämlich die Kolossalstatue Amitabhas (Nara-no-daibutsu, das ist der große Buddha) in dem Todai-schi, zu sehen. Dieser Tempel wurde von Schomu-Tenno, dem 46. Mikado, errichtet und im Jahre 750 vollendet, präsentiert sich jedoch jetzt, nach wiederholter Vernichtung durch Feuer, in einer neueren Form. Die äußeren Verhältnisse des Bauwerkes konnten wir nicht überblicken, da an demselben eben Reparaturen vorgenommen wurden, zu welchem Zweck an der Fassade Gerüste errichtet waren. Die Tempelhalle, in welche der Besucher eintreten darf, ohne sich der Beschuhung zu entledigen, enthält die durch ihre Dimensionen geradezu verblüffende Kolossalstatue Buddhas, ein imposantes Zeugnis japanischer Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet der Metalltechnik. Die Statue, das größte Buddha-Bildnis des Landes, ist 162 m hoch und stellt, aus 2 cm starker, kupferreicher Bronze, deren etwa 500 t verwendet wurden, angefertigt, Buddha auf einer geöffneten Lotosblume sitzend dar, deren Blätter noch Spuren ziselierter, buddhistischer Göttergestalten erkennen lassen. Hinter dem Haupt, welches dunkler gefärbt erscheint als die übrigen Teile, erhebt sich ein glänzend vergoldeter, hölzerner, nach allen Seiten weithin ausladender Heiligenschein, auf dem sechs Statuen von buddhistischen Heiligen balancieren. Rechts von dem Buddha-Bildnisse steht eine Statue der heiligen Weisen, Kokuso Bosatsu, links eine solche der allmächtigen Kwan-on, beide 5,5 m hoch und gleichwohl im Vergleich zu dem gewaltigen Buddha verschwindend klein. Letzterer war anfänglich auch stark vergoldet, ist dieses Schmuckes jedoch im Laufe seines bewegten Daseins verlustig gegangen.

Wie der Tempel verdankt auch der Daibutsu selbst seine Entstehung Schomu-Tenno, welcher die Errichtung der Statue unter seiner eigenen Leitung erst dann in Angriff nahm, als er durch ein Orakel der befragten Sonnengöttin Amaterasu und einen Traum darüber beruhigt worden war, dass die übrige Götterschar ob der geplanten Ehrung Buddhas nicht eifersüchtig sei. Im Jahre 749 war das Werk vollendet, welches jedenfalls durch seine Größe bedeutender ist als durch seinen Kunstwert. Etwas über hundert Jahre später verlor der arme Buddha seinen Kopf, erhielt denselben aber bald wieder; bei dem Brand des Jahres 1180 zerschmolz das Haupt und wurde 15 Jahre später abermals hergestellt, um bei der Feuersbrunst im Jahre 1567 neuerdings zugrunde zu gehen. Ein Privatmann verhalf später Buddha wieder zu seinem Kopf, so dass der Gott seither im Vollbesitz seines mehr als 1100 Jahre alten Körpers und des mehr denn 300 Jahre zählenden Hauptes vergnüglich schmunzelnd in die Welt blickt, ohne die gute Laune darüber verloren zu haben, dass er nach der letzten Feuersbrunst durch fast anderthalb Jahrhunderte den Unbilden der Witterung preisgegeben blieb.

Eine dicke Schicht Staubes bedeckte das Bildnis, worauf wir den Oberpriester aufmerksam machten, der zwar meinte, dass dies die Schuld der Pilger sei, welche den Staub hereinbrächten, immerhin aber erklärte, der Gott werde künftig hin besser gereinigt werden; dies täte meines Erachtens dem gesamten Tempelraum, der seines religiösen Charakters eigentlich völlig entkleidet ist, wohl.

In dem Tempel ist eine förmliche Ausstellung der interessantesten Objekte veranstaltet, welche in Schränken ausliegen und zum Teil den Schatz bilden. Allerlei hölzerne Götterbilder, wertvolle Reliquien, musikalische Instrumente, Waffen und Rüstungen, Masken, alte Handschriften und Karten in Rollen u. dgl. m. sind hier in bunter Mannigfaltigkeit zu sehen. Händler aus Nara hatten sich in der sicheren Voraussetzung, dass ich hier geneigt sein würde, verschiedene Gegenstände zu erwerben, eingefunden, so dass sich unter Buddhas Augen bald ein lebhafter Handel entwickelte, der auch in den an die Außenseite des Tempels sich anschließenden Buden, welche manche künstlerische Objekte bargen, Fortsetzung fand.

Wir unterließen nicht, auch der gewaltigen im Jahre 732 aus 36 t Metall gegossenen Glocke, die in einem massiven, zum Todai-schi gehörigen Turm hängt, unseren Besuch abzustatten; das Ungetüm. welches jenem im Tschion-Tempel zu Kioto ähnelt und uns zu Ehren mit dem Klöppel geschlagen wurde, zeichnet sich durch die Reinheit des tiefen, weithin dröhnenden Klanges aus.

In dem heiligen Hain, welcher Nara einen Teil seiner Berühmtheit verliehen hat, erhebt sich unter dem Schatten uralter Cryptomerien und Zypressen ein Tempel um den anderen, mit den weitläufigen dazugehörigen Bauwerken. Wonnevolle Stille herrscht im Bereich der ehrwürdigen Baumriesen, aber gleichwohl liegt nicht etwa ein zum Ernst stimmeneder Ton über dem Hain, der vielmehr den Zug der Freundlichkeit und Heiterkeit aufweist. Denn allenthallen schimmern durch das Gezweige die hellen Farben der Tempel, welche nichts weniger als düstere Gotteshäuser sind und, das seltene Verständnis der Baukünstler für die richtige Situierung ihrer Werke bezeugend, reizende Ausblicke auf die liebliche Landschaft eröffnen.

Manchen Schweißtropfen vergießend, klommen wir zahllose Stufen einer langen Steintreppe empor zu einem der höchstgelegenen Tempel, dem Ni-gwatsu-dö oder Tempel des 2. Monates, welcher an dem Hügel, auf dem er erbaut ist, zu kleben scheint, da er, auf Piloten ruhend, gewissermaßen aus dem Hügel herausragt. Schon im Jahre 751 errichtet, zählt der jetzige Tempelbau doch erst 200 Jahre und birgt ein Wunderbild der Göttin Kwan-on, welches bei seiner Auffindung Wärme wie ein lebender Körper ausgestrahlt haben soll. Eine verwirrende Menge metallener Votivlaternen hängt der Front des Tempels entlang und verleiht dem Bauwerke den Reiz des Absonderlichen.

Nun pilgerten wir in Alleen von Votivtempelchen, die als Einfassung des Weges unter den hohen, dunklen Bäumen abwechslungsreich wirken, weiter und gelangten zu einem in roter und weißer Farbe prangenden Schinto-Heiligtum, dem San-gwatsu-do oder Tempel des 3. Monates, dessen weißgekleidete Priester uns begrüßten. Gegenwärtig einigermaßen verfallen, ist dieser Tempel bemerkenswert durch eine Reihe origineller Nebentempelchen, welche Inari geweiht sind. Als charakteristisch verdient hervorgehoben zu werden, dass in dem heiligen Hain Priester verschiedener Kulte ihres Amtes friedlich nebeneinander walten, so das Beispiel des guten Einverständnisses nachahmend, in welchem die zahllosen Götter miteinander leben.
Eiligst benützten wir eine Pause in der Besichtigung der Tempel, um Schwertstöcke einzukaufen, deren Fabrikation seinerzeit hochberühmt war und manches Meisterstück von unschätzbarem Wert geliefert hat.

Tausende von Votivsäulen rahmen den Weg ein, welchen die Dschinrickschas, uns noch anderen Tempeln zuführend, nahmen. Die Säulen gleichen einander fast vollkommen; infolge ihres Alters meist mit Moos bedeckt, weisen sie auf dem Sockel den Namen des Spenders auf und bieten im Oberteil unter einem kleinen steinernen Dach Raum für die Aufstellung einer Laterne; häufig sind diese Wahrzeichen des Glaubens in vier bis fünf Reihen hintereinander angeordnet und wechseln nur selten mit irgend einer schönen Bronzefigur ab, deren eine mir besonders auffiel, da sie einen wasserspeienden Hirsch in natürlicher Größe und in äußerst elegant gehaltenen Linien darstellt.

Bei einem Schinto-Heiligtum, dem Kasuga-no-mija, machten wir halt. Dieses Bauwerk strebt in edlen Verhältnissen auf und steht mit der lebhaften Wirkung seines glänzenden Rot sowie der angeblich noch durch niemand gezählten Menge von metallenen, bizarr geformten Votivlaternen in einem fesselnden Kontrast zu dem ruhigen Grün der majestätischen Cryptomerien. Imposant ist der reiche Tempelschatz, der sich im Lauf der Jahrhunderte angesammelt hat; denn diese Kami-Halle reicht in graues Altertum zurück, da sie schon im Jahre 767 erbaut worden sein soll; sie ist dem Ahnherrn des Hauses der Fudschiwaras, dem Schinto-Gott Ama-no-kojane, und dessen Gattin sowie zwei anderen mythischen Wesen geweiht.

Am Ende einer durch mehr als 3000 Laternen aus Stein und Bronze flankierten Avenue liegt der dem Sohn des Ama-no-kojane geweihte Waka-Tempel, in dem uns zu Ehren ein alter Tanz, Kagura genannt, produziert wurde, wobei drei Priester durch Flöten- und Trommelspiel, unterstützt von einer Matrone, die in liegender Stellung eine Koto erklingen ließ, die orchestrale Musik besorgten. Die jugendlichen Tänzerinnen, welche angeblich hier speziell für diese rituelle Aufführung erzogen werden, trugen weite, rote Beinkleider, weiße Überwürfe und gazeartige Mäntel; das schwarze Haar fiel, lose durch eine Goldschnur zusammengehalten, im Nacken herab, ein Kranz künstlicher Blumen schmückte die Stirne, das Gesicht war durch dick aufgetragene, weiße Schminke entstellt, die Lippen erglänzten in grellroter Farbe. Der Tanz bestand in rhythmischem Vor- und Rückwärtsschreiten; die Mädchen begleiteten dieses durch graziöses Schwenken bald von Baumzweigen, bald von kleinen Schellen oder Fächern, machten aber gleichwohl den Eindruck mechanisch bewegter Figuren.

Im Lauf des im Clubhaus servierten Dejeuners produzierte sich ein Jongleur von seltenem Geschick, der zum Schluss im Verein mit einigen Genossen noch einige Clownspässe zum besten gab, wobei es nicht an dem japanisch aufgefassten „dummen August“ fehlte.

Nachmittags traten wir die Rückreise nach Kioto an. In Osaka gab die fast eine Stunde währende Fahrt von dem Bahnhof in Minatotscho nach jenem in Umeda reichliche Gelegenheit zu massenhaftem Zusammenlauf von Menschen, welche begierig waren, uns Fremdlinge aus dem Westen zu sehen.

Um 8 Uhr abends trafen wir wieder in Kioto ein und fanden auch hier den langen, bis in unser Palais führenden Weg, wie bei der ersten Ankunft in dieser Stadt, von einer dichtgedrängt stehenden Menge besetzt, sowie festlich durch bunte Lampions erleuchtet.

Links

  • Ort: Kyoto, Japan
  • ANNO – am 11.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Hugenotten“ aufführt.

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