Narromine, 18. Mai 1893

Als wir in den Waggons — der Train diente als unser ambulantes Quartier — erwacht waren, begrüßte uns ein herrlicher, frischer Morgen. Lange standen wir in voller Ausrüstung bereit, Mr. Macks harrend; doch ließ sich der wackere Farmer zunächst nicht blicken und kam erst gegen 9 Uhr mit einem großen Break, welchem vier gute, australische Pferde vorgespannt waren, angefahren.

Nun fand sich aber für uns, die Diener und die Gewehre nicht genügend Raum auf dem Wagen, so dass erst Reitpferde für einige der Herren von der Weide eingefangen werden mussten. Das beanspruchte abermals geraume Zeit, obschon die hiemit beauftragten Reiter sehr geschickt vorgingen: sie setzten dem Rudel weidender Pferde im Galopp nach und trieben die ausgewählten Tiere dem Gehöft zu, wo diese gesattelt und bestiegen wurden.

So waren wir denn endlich flott — voran Mr. Mack, ich und mehrere Herren auf dem großen Wagen; dann die übrigen Herren zu Pferd und eine Anzahl ebenfalls berittener Bekannter und Angestellter Mr. Macks, die uns als Treiber dienen sollten. Wir eilten zunächst durch die kleine Ortschaft Narromine, dann an Feldern vorbei, bis wir im Wald anlangten.

Das Jagdterrain lag auf der Besitzung Mr. Macks, der hier ungefähr 220.000 ha sein eigen nennt und zu den reichsten Squatters des Landes gehört; denn sein Viehstand beträgt 100.000 Schafe, 500 Stück Rindvieh und 500 Pferde. Einige Flächen seiner Besitzung hat er roden, mit solid gearbeiteten Drahtzäunen einfrieden und mit Weizen bebauen lassen; Schafe, Pferde und Rindvieh müssen sich ihre Nahrung in dem schier unermesslichen „Busch“ suchen, in dem nur einzelne, auf weite Strecken gezogene Zäune die Tiere am Verlaufen hindern.

Um die Weideplätze zu vermehren und zu verbessern, bedienen sich die Farmer eines sehr drastischen Mittels, welches in den Augen eines an rationelle Waldkultur gewöhnten Europäers als Vandalismus erscheint.

Da das Holz hier wenig oder keinen Wert besitzt und an eine Bringung desselben nicht zu denken ist, werden die prachtvollen Stämme, um deren Fällung umgehen zu können, so stark — ungefähr handbreit — geringelt, dass sie allmählich absterben, ein Verfahren, welches den Wald ungemein rasch lichtet, so dass Unterwuchs sowie Gras aufsprießen und vorzügliche Weide liefern. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich vorzustellen, welch trostlosen Anblick ein derart behandelter Wald bietet: hier ragen mächtige Bäume empor, welche vermöge ihrer unheilbaren Wunde die ersten Spuren des Siechtums zeigen; dort sind andere bereits dem Tod nahe und harren, des Blätterschmuckes beraubt, mit ihren dürren, weit in den Luftraum starrenden Ästen Gerippen gleichend, des Windstoßes, der sie zu ihren schon zu Boden liegenden Brüdern betten wird. Die Verfolgungswut der Farmer richtet sich namentlich gegen die Eucalypten, da, wie jene behaupten, deren lange, weit ausgreifende Wurzeln den Boden verderben; hingegen werden Nadelholz, Kasuarinen, blaue Gummibäume meist verschont. Infolge dieser Behandlungsart sind die Wälder, welche schon von Natur aus lichten Bestand aufweisen, noch lückenhafter, so dass man in denselben fast überall ohne gebahnte Wege fahren kann.

Zu den Fahrten in diesen Wäldern gehören jedoch widerstandsfähig konstruierte Wagen, tüchtige Pferde und eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Stöße und Püffe, da es unausgesetzt über die gestürzten, in wildem Gewirr umherliegenden Baumstämme geht. Ich hatte Gelegenheit, diese Fahrbahn bald ebenso kennen zu lernen, wie die Bravour, mit welcher Mr. Mack im schärfsten Trab und Galopp über gefallene Waldriesen hinwegfuhr, die ich als ganz unübersteigliche Hindernisse betrachtet hätte. Allerdings mussten wir, um nicht herabgeschleudert zu werden, uns mit beiden Händen an den Wagen klammern, und bald saß Mr. Mack auf meinem Schoß, bald ich auf dem seinen; doch focht uns dies weiter nicht an und fort ging’s, immer drauf los im gleichen Tempo.

Nach einiger Zeit wurde die tolle Fahrt unterbrochen und Kriegsrat gehalten, während dessen ich drei reizende Papageien erlegte, die in der Nähe des Wagens eingefallen waren und alle Farben des Regenbogens in ihrem Gefieder aufwiesen.

Der getroffenen Bestimmung gemäß unternahm ich nun zunächst eine Pürsche zu Wagen auf Känguruhs, während die Reiter mit den Windhunden auf erhebliche Entfernung zurückblieben, und in der Tat erblickte ich bald ein Rudel Känguruhs, die, schon von weitem ausreißend, in den drolligsten Sprüngen durch den Wald flüchteten; aber die Hunde hatten das Wild bereits eräugt, waren trotz aller Zurufe der Reiter nicht mehr zurückzuhalten und setzten den Känguruhs nach. In wenigen Minuten hatten die Hunde auch ein mittelgroßes Stück abgefangen, wurden aber abgepeitscht und noch weiter zurückgeführt, worauf es mir gelang, mit dem Wagen so nahe an ein Känguruh heranzukommen, dass ich es mit der Kugel strecken konnte, als es sich eben ganz aufrecht auf die Hinterläufe gesetzt hatte. Die Erlegung des ersten Känguruhs freute mich umsomehr, als dasselbe ein schönes Exemplar der großen Art Macropus giganteus war.

Nach diesem ersten Erfolg war es aber nicht mehr möglich, sich den scheuen Tieren auf Schussdistanz zu nähern; teils weil unser Riesenwagen mit den vier Pferden im trockenen Holz zu viel Getöse verursachte, teils weil die ungebärdigen Hunde das Wild zu sehr beunruhigten, so dass Mr. Mack, die Fruchtlosigkeit unserer Bemühung einsehend, sich entschloss, einen Trieb zu versuchen.

Der Trieb war kaum eingeleitet, als ein Reiter mit der Meldung heransprengte, dass die Känguruhs aus dem Trieb ausgebrochen seien und in nachbarliches Gebiet gewechselt hätten, worauf ich und noch zwei Herren auf den Wagen sprangen, welchen Mr. Mack, um den Känguruhs zuvorzukommen, ohne jede Rücksicht auf das Terrain, über Stock und Stein im gestreckten Galopp, was die Pferde laufen konnten, quer durch den Wald lenkte. Ich hatte die Empfindung, als säße ich auf dem Protzkasten eines Geschützes, welches im vollen Lauf Hindernisse zu nehmen hat, und konnte die außerordentliche Widerstandsfähigkeit des Wagens nur bewundern. Plötzlich hielt Mr. Mack an und zeigte mir den Platz, auf dem ich mich anstellen sollte. Im ersten Moment war ich über meinen Stand nicht wenig erstaunt; denn vor mir blöckten in der Richtung, aus welcher getrieben werden sollte, 1400 Schafe, linkerhand befand sich ein hoher Drahtzaun, zur Rechten fasste auf wenige Schritte Mr. Mack mit seinem großen Wagen Posto, und hinter mir weideten Pferde. Doch hatte ich nicht lange Zeit zur Überlegung; denn die Gewehre waren kaum geladen, als ich schon das Schreien und Peitschengeknalle der reitenden Treiber vernahm und unmittelbar darauf ein großes Rudel Känguruhs geradewegs zwischen der Schafherde und dem Drahtzaun auf mich zuhüpfen sah. Sie waren noch auf ungefähr 100 Schritte entfernt, als ich hinter mir brechen höre und drei Känguruhs an meinem Stand vorbeiflüchten sehe. Mit raschem Coup double erlegte ich ein sehr starkes, altes Weibchen und ein mittelgroßes Stück. Durch die Schüsse wurde das Rudel, welches schon ganz nahe an meinen Stand herangekommen war, in Verwirrung gebracht, das Leitkänguruh sprang von einem Platz zum anderen, die Herde ihm nach, so dass ich unmittelbar nacheinander noch drei Stücke derselben erlegen konnte.

Ein größeres, in flüchtigen Sprüngen sich fortbewegendes Känguruhrudel bietet einen äußerst fremdartigen und komischen Anblick. Man sollte übrigens nicht glauben, wie behende die scheinbar unbehilflichen Tiere sind und welch gewaltige Sätze sie dank den stark entwickelten Hinterläufen und dem Schwanz, mit dem sie sich vom Boden abschnellen, auszuführen vermögen. Sie sind scheu und wachsam, namentlich das Leitkänguruh äugt und windet fortwährend nach allen Richtungen.

Zwei der Weibchen trugen in den Taschen je ein Junges, die, als die Mütter erlegt waren, herauskrochen; das eine derselben war behaart, das andere noch nackt, doch zeigten sich beide lebensfähig.

Meine beiden Nachbarschützen hatten ebenfalls geschossen, doch gefehlt. Die inzwischen angelangten Reiter brachten drei Känguruhs, welche von den Windhunden gefangen worden waren, was übrigens nicht so glatt ablief, da sich besonders ältere Känguruhs gegen Hunde zur Wehr setzen und ihnen tiefe Wunden mit den scharfen Krallen der Hinterläufe beibringen, so dass auch diesmal zwei Hunde stark geschlagen waren.

Während wir die erlegten Stücke betrachteten und deren Felle abgestreift wurden, tauchten hinter uns abermals Känguruhs auf, welche, obgleich die Reiter alsbald im Sattel waren, nicht mehr gewendet werden konnten.

Wie in Indien, so huldigen die Söhne Albions auch im australischen Busch der Sitte des Luncheons, welcher wir uns nun zu unterwerfen hatten; doch ließ sich das Lunch wenigstens waidgerechter an, da es keinen Champagner, noch auch silbernes Essgerät oder eine gedeckte Tafel gab, sondern nur am offenen Feuer über einem Rost ein Hammel gebraten und dann halb roh, halb verbrannt, verzehrt wurde. Die Zeit, welche diese kulinarische Prozedur erforderte, benützte ich, um einige Vertreter mir neuer Vogelarten zu erlegen.

Über Proposition Mr. Macks wurde noch ein Trieb in einem licht bestockten Eucalyptus-Wald, der von hohem, gelbem Gras unterwachsen war, durchgeführt, wobei die Reiter zuerst zwei auffallend starke Känguruhs auftrieben, deren eines von Clam, das andere — in tollster Flucht — von mir mit der Kugel erlegt wurde. Zum Schluss kam mir längs eines Zaunes noch ein Känguruh angesprungen, das ich schoss, als es den Arm eines Wasserlaufes passierte.
Da die Zeit für einen weiteren Trieb schon zu sehr vorgerückt war. führte mich unser Jagdherr quer durch den Busch an einen Wasserriss, der, mitten im Walde gelegen, ein beliebter Einfallplatz für Wasserwild, besonders für Pelikane, sein sollte. Ich bat Mr. Mack, nicht bis an das Wasser anzufahren, sondern früher zu halten, so dass wir uns anpürschen könnten; er aber meinte, dass das Wild gar nicht scheu sei und auch angesichts des Wagens ganz gut standhalten würde. Meine Befürchtung erwies sich jedoch als begründet; denn als wir mit diesem vorsintflutlichen Wagen an das Wasser angedonnert kamen, strich eine große Kette der schönsten Pelikane mit schwerem Hügelschlag ab und war alsbald hoch in den Lüften; gleichwohl gelang es mir und Wurmbrand, die wir schnell abgesprungen waren, zwei dieser mächtigen Vögel (Pelecanus conspicillatus) herabzuholen, die mit dumpfem Fall in das hoch aufspritzende Wasser stürzten. Da ich hoffte, dass die den Wasserarm noch immer umkreisende Kette wieder einfallen würde, verbarg ich mich hinter einem großen Baum, und in der Tat senkten sich die Pelikane immer tiefer und tiefer. Leider verdarb aber der gute Mr. Mack in der besten Absicht alles; denn im entscheidenden Augenblick kam er mit seinem Wagen wieder angefahren, um mir zu sagen, ich solle nur ja recht grobe Schrot nehmen.

Selbstverständlich verschwanden die scheuen Vögel auf Nimmerwiedersehen. Dafür hatte wenigstens allerlei Wasserwild anderer Arten, welches den schmalen Wasserriss auf und ab strich, ausgehalten. Ich konnte hier Kraniche (Antigone australasiana), ferner Löffelreiher (Platalea regia), graue Reiher (Ardea paeifica), Cormorane und Schlangenhalsvögel (Plotus novae hollandiae) sowie mehrere Exemplare einer australischen Ibisart und zahlreiche Enten beobachten und einzelne Vertreter dieser reichen Ornis erlegen.

Aber auch jetzt konnte Mr. Mack sich nicht gedulden; er kam mit dem Wagen und einigen Reitern bald wieder in meine Nähe, so dass ich, endlich das Nutzlose weiteren Wartens einsehend, die Jagd aufgab und meinen Sitz auf dem Kutschbock einnahm — nicht ohne Bedauern; denn das stille Wasser im Wald bildete nicht nur landschaftlich ein hübsches Plätzchen, sondern hätte mir auch Gelegenheit geboten, noch manch interessantes Stück zu erbeuten. Ungefähr 6 km weit gings nun im Wagen, gefolgt von der ganzen Kavalkade, durch den Wald zurück, bis wir nach Sonnenuntergang wieder in Narromine anlangten.

Die Ausdauer der heute in unseren Dienst gestellten australischen Pferde war geradezu bewundernswert; denn diese mussten mit Ausnahme der Frühstückspause fortwährend im flotten Jagdgalopp gehen, ohne dass die Reiter sie hiebei etwa geschont hätten. Ja, während des Rückweges trieben einige der Reiter noch allerlei Scherze, indem sie einander nachjagten und eine Art Jeu de barre aufführten. Auch unser Viererzug hatte den schweren, mit sechs Personen beladenen Break den ganzen Tag über querfeldein in scharfem Trab oder Galopp gezogen — Leistungen, die um so höher anzuschlagen sind, als die Pferde hier nie Hafer oder ein anderes Körnerfutter erhalten, sondern ausschließlich auf die Weide angewiesen sind, da sie, sobald man ihrer nicht mehr bedarf, freigelassen werden und für sich selbst zu sorgen haben. Die Pferde sind meist groß, haben keine schönen Formen, aber knochigen, ungemein kräftigen Bau. Jeder Farmer hält eine bedeutende Anzahl von Pferden, so dass jeden Augenblick im Busch Rudel von sechs bis acht Stücken zu sehen sind; werden nun deren einige gebraucht, so treibt man sie entweder in eine Einzäunung oder fängt sie mit dem Lasso ab.

Nicht selten geschieht es, dass ein Farmer sich genötigt sieht, die Anzahl der Pferde zu verringern; dies ist namentlich in den traurigen Jahren der Dürre, die sich von Zeit zu Zeit im ganzen Land einstellt, der Fall; dann handelt es sich darum, den spärlichen Weideertrag wenigstens einem Teil der Schafherde dadurch zu sichern, dass der übrige Viehstand möglichst eingeschränkt wird; so wurden auf mehreren der großen Farmen anlässlich der letzten Dürre an 6000 Pferde im Wald erschossen. Die Dürre bildet den ärgsten Schrecken für den australischen Farmer, da infolge derselben alle Quellen, Bäche und stehenden Wasser versiegen, der Graswuchs verdorrt, das Vieh an Hunger und Durst zugrunde geht. Die Farmer müssen dann darauf bedacht sein, mindestens einen kleinen Stamm ihrer Schafherde zu erhalten, um hiemit im nächsten Jahre die Aufzucht von neuem beginnen zu können; alles übrige Vieh aber, Rinder, Pferde und Schafe, ist verloren. Heuer war ein besonders regenreiches Jahr und daher die Weide allenthalben sehr üppig, so dass wir überall im Walde gesunden und wohlgenährten Herden begegneten.

Hodek, welcher den ganzen Tag über wacker mit den Treibern geritten war, hatte ebenfalls seine Strecke, indem er zwei von dem großen Trupp abgetrennten Känguruhs so lange nachsetzte, bis er sie glücklich gefangen hatte; doch verirrte er sich bei dieser wilden Jagd im Busch, so dass wir nach Abbruch der Jagd einige Reiter auf die — binnen kurzem erfolgreiche — Suche nach ihm aussenden mussten.

Während der Durchfahrt durch Narromine lernte ich Mrs. Mack kennen, die mit ihrer Tochter und mehreren anderen Damen in mit Ponies bespannten Wagen des Weges kam. Der elfjährige Sohn Mr. Macks, George, ein prächtiger Bursche und tüchtiger Naturreiter, hatte tagsüber als wackerer Treiber fungiert.

Den Abend und die Nacht verbrachten wir wieder in unserem Extrazug.

Links

  • Ort: Narromine, Australien
  • ANNO – am  18.05.1893 in Österreichs Presse. In Wien wird über den Standort des Goethe-Denkmals diskutiert, nachdem genügend Geldmittel dafür gesammelt worden sind. Tatsächlich sollte das Denkmal erst um 1900 an seinem heutigen Standort errichtet werden.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt “Der Hüttenbesitzer”, während da k.u.k. Hof-Operntheater “Merlin” aufführt.

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