Narromine, 19. Mai 1893

Mr. Mack hatte mich eingeladen, seine Farm zu besichtigen und beigefügt, sie sei auf der Fahrt nach dem Jagdplatz mit einem kleinen Umweg leicht zu erreichen. Ich folgte dieser Aufforderung mit Vergnügen, da ich gespannt war, das Haus eines Farmers kennen zu
lernen, in dem er inmitten der Herden, der unermesslichen Weiden und Wälder, so ziemlich von der Außenwelt abgeschnitten, zumeist auf sich selbst und auf die Familie angewiesen, seine Tage verbringt.

Bald hatten wir die Farm erreicht — ein äußerst nettes, ebenerdiges Gebäude mit einer ringsumlaufenden, offenen Veranda, ähnlich den Wohnhäusern der kleinen Gutsbesitzer in den südlichen Ländern unserer Monarchie. Das Haus ist aus getrocknetem Lehm erbaut und nur mit Wellblech überdacht, im Innern aber sehr geschmackvoll und gemütlich ausgestattet. Im Salon empfing mich die gesamte Familie Mack, in Gesellschaft einiger Freundinnen, die aus Melbourne und Sydney zu Besuch gekommen waren. Auch der wohlgepflegte, reizende Garten, in welchem ungeachtet des in Menge gefallenen Reifes die schönsten Blumen blühten und köstliche, uns zur Labung dargereichte Weintrauben an einem Laubengang prangten, wurde in Augenschein genommen. Als mir Minister Suttor plötzlich vorschlug, die im Haus anwesenden Damen zu unserem abendlichen Diner im Salonwagen einzuladen, war ich anfänglich nicht wenig betreten; da ich jedoch noch niemals Damen in einem Salonwagen bewirtet hatte, insbesondere nicht im australischen Busch, so trieb mich der Reiz der Neuheit, auf den Vorschlag einzugehen — ein Entschluss, der zum Teil durch die angenehme Aussicht erleichtert war, mich nach des Tages Mühen im Kreis schöner Damen zu befinden, unter welchen die Palme einer durch mandelförmig geschnittene, prächtige Augen ausgezeichneten, jungen Australierin gebührte.

Die Fahrt zum Jagdplatz fortsetzend, kamen wir an Gebäuden vorbei, in welchen die Schafe Mr. Macks mittels Maschinen geschoren werden, eine Prozedur, die sich so ungemein rasch vollzieht, dass ein Mann im Tage 100 Schafe zu scheren im Stande ist. Da jedoch jetzt nicht die Jahreszeit für die Schafschur war, konnten wir leider die Maschinen nicht in Tätigkeit sehen.
Auf dem Jagdplatz nahm der erste Trieb auf Känguruhs sofort seinen Anfang; doch schien leider die Passion, dem Wilde mit den Hunden nachzusetzen, die treibenden Reiter etwas zu sehr befallen zu haben, da zwar viele Känguruhs im Triebe waren, aber alle zur Seite oder rückwärts ausbrachen, so dass ich nur ein Stück erlegen konnte, während deren zwei gekillt wurden.

Mein Stand war diesmal in der Nähe eines großen Känguruhfanges, das ist eines mit hohen Zäunen umgebenen Platzes, zu dem breite, sich immer mehr verschmälernde Zugänge führen. Diese Vorrichtung dient dazu, größere Mengen Känguruhs einzufangen und dann zu erschießen oder totzuschlagen. Wenn nämlich die Känguruhs in einer Gegend stark überhandnehmen, was bei ihrer raschen Vermehrung sehr leicht geschieht, so beginnen die Farmer für ihre Weide zu fürchten, da die Känguruhs die gleiche Nahrung beanspruchen wie die Schafe; mehrere in demselben Distrikt befindliche Farmer arrangieren dann gemeinschaftlich große Treibjagden zu Pferde, wobei sie die Känguruhs rudelweise in solche Einfänge treiben und hiedurch oft unglaublich scheinende Mengen erbeuten. So sollen vor kurzem bei mehreren derartigen im Verlauf eines Jahres abgehaltenen Razzias auf Territorien von nicht mehr als 1000 bis 1300 ha bei 60.000 Känguruhs erlegt worden sein. Das Fleisch der Känguruhs wird nicht verwertet, dagegen liefert ihr Fell einen schätzbaren Artikel, besonders zur Ausfuhr nach Europa. 1892 wurden 144.712 Känguruhs und 655.598 Wallabies getötet. Was die Fruchtbarkeit der Känguruhs anbelangt, so dürfte dieselbe jener unserer Hasen gleichkommen, da sonst bei der unablässigen Verfolgung das Vorkommen so bedeutender Mengen nicht gut denkbar wäre; allerdings erhalten diese Tiere in den bewohnten Strecken stets wieder frischen Zuzug aus den noch im Urzustande befindlichen, ausgedehnten Teilen des Landes.

Der gebratene oder eigentlich nur angekohlte Hammel füllte auch heute eine Pause aus, worauf wieder eine Jagd auf Wasserwild folgte. Nach den gestrigen Erfahrungen versprach ich mir anfänglich nicht viel, wurde aber dann sowohl durch die Originalität der Jagd, wie durch die erzielte Strecke sehr angenehm enttäuscht. An einem langen, flussähnlichen Wasserarm angelangt, der sich mitten im Walde zwischen den Bäumen hindurchschlängelte, wollte das Jagdgefolge das Wasserwild von beiden Seiten zu Pferd aufjagen, so dass es seinen Zug stets in der Mittellinie des Wassers auf und ab nehmen sollte. In dem Wasser standen viele abgestorbene Eucalyptus-Bäume, welche der Örtlichkeit ein eigentümlich melancholisches Gepräge verliehen. Da der Wasserspiegel aber ungefähr 220 Schritte breit war, daher mit Schrot nicht überschossen werden konnte, erklärte mir Mr. Mack, — ein Farmer kennt keine Schwierigkeit — er werde mich mit dem Wagen in das Wasser fahren, dort die Pferde ausspannen und ich solle dann vom Kutschbock aus schießen. Gesagt, getan! Nach einigen kräftigen Peitschenhieben entschlossen sich die Pferde, den Wagen in das Wasser, das ihnen gleich anfangs beinahe bis an die Schultern reichte, hineinzuziehen und brachten denselben, in immer größere Tiefe gelangend, halb schwimmend, halb aufrecht gehend, endlich in die Mitte des Wassers. Vom Bock aus löste Mr. Mack die Stränge der Pferde, schwang sich auf den Rücken eines derselben und erreichte so das andere Ufer, während er mich meinem Schicksal überließ. Da aber auch der Kutschbock schon halb unter Wasser stand, so musste ich ein nicht gerade angenehmes Sitzbad nehmen. Das Wasser war eiskalt, — hatte es doch in den vorangegangenen Nächten gefroren — und die Jagd dauerte über eine Stunde; kleine Übelstände, auf die man jedoch in der Hitze des Gefechtes nicht achtet.

Ich war auf meinem feuchten Hochstande mit dem Laden der Gewehre eben fertig geworden, als schon ein Zug Enten nach dem andern über meinen Kopf strich, so dass ich das Feuer gleich eröffnen konnte; allerdings ohne sonderliches Ergebnis, da die Flüge ungemein hoch zogen. Wer beschreibt nun meinen Arger darüber, dass in dem Augenblick, in dem ich wieder einmal auf zu große Distanz ohne Erfolg geschossen und die Gewehre noch nicht geladen hatte, ein schwarzer Schwan vorbeistrich, ein Exemplar jener höchst interessanten Art der australischen Ornis, die ich an diesem Wasser zu finden gar nicht erwartet hatte. Zum Glücke blieb mir nicht lange Zeit zur Erwägung des misslichen Falles; denn nach wenigen Minuten schon sah ich aus der Ferne ein Paar schwarzer Schwäne heranstreichen und hatte das Waidmannsheil, beide mit Coup double zu erlegen. Es waren selten schöne Vögel mit schwarzem, geschmeidigem Leibe, weißen Schwingen und intensiv roten Schnäbeln. Gegen Ende des Triebes, der sehr geschickt ausgeführt worden war, kam mir noch ein Schwan zugestrichen, den ich aus bedeutender Höhe herabschoss. Meine Gesamtbeute bestand, abgesehen von den drei Schwänen, welche die Piece de resistance des heutigen Tages bildeten, in 12 Enten, zumeist australischen Löffelenten, ein Ergebnis, das wohl nicht im Verhältnisse zu der Anzahl der verbrauchten Patronen stand; aber die Enten strichen eben in beträchtlichen Höhen.

Nun galt es für mich, wieder aus dem Wasser herauszukommen, was jedoch große Schwierigkeiten bot. Die Pferde wurden zwar durch Berittene bis an den Wagen gebracht; doch kam man mit dem Einspannen nicht zurecht, da dasselbe vom Kutschbock aus bewerkstelligt werden musste und die Pferde sich völlig stutzig zeigten; war eines derselben endlich eingespannt, so riss sich das zweite los, das dritte wollte gar nicht mehr in die Nähe des Wagens, das vierte stieg kerzengerade empor, und schließlich begannen Wagen und Pferde sich im Kreise zu drehen, so dass endlich die Deichsel brach. Nachdem die Bemühungen lange Zeit und vergeblich gewährt hatten, sprang ich vom Kutschbock aus auf das Pferd eines der Treiber und schwamm so aus dem Wasser, worauf es nach einiger Zeit gelang, Pferde und Wagen an das Ufer zu bringen.

Den Abschluss der heutigen Jagd sollte abermals ein Känguruhtreiben bilden. Da es infolge der Episode im Wasser bereits spät geworden, drängte Mr. Mack sehr und führte uns abermals in gestrecktem Galopp quer durch den Wald über die Baumstämme hinweg, dass uns Hören und Sehen schwand. Während der Fahrt sah ich in ziemlicher Entfernung unter einem Nadelholzbaum ein Känguruh sitzen; ein glücklicher Kugelschuss streckte es im Feuer.

Mitten im Wald, in dem getrieben werden sollte, trafen wir mit den vorausgesandten Reitern zusammen, die auch nicht müßig geblieben waren, sondern einen Emu parforciert hatten. Das Thier, welches aufrecht stehend höher ist als ein erwachsener Mann, lag mit gebundenen Ständern am Boden und wurde abgeknickt, um der Sammlung einverleibt zu werden; dasselbe ist ungemein flüchtig, und die Reiter mussten den Emu mehrere Kilometer im schärfsten Run hetzen, bis sie ihn abgefangen hatten, so dass die Pferde vollständig ausgepumpt waren.
Der Trieb auf Känguruhs misslang und zwar wohl aus demselben Grund, wie der vormittags unternommene; denn es gab zwar sehr viele Känguruhs, aber zu scharf gehetzt, stoben sie auseinander und brachen an den Seiten aus, so dass nur ein Stück erlegt und ein zweites von den Hunden gefangen wurde.

Meiner Einladung entsprechend, fand das Diner im Waggon in Gesellschaft der Damen aus dem Hause Mr. Macks statt und verlief recht unterhaltend in zwangloser Heiterkeit; des Sprichwortes, dass Würde Bürde bringt, eingedenk, widmete ich mich als Hausherr vorzugsweise den älteren Damen, während meine Herren den jüngeren Mitgliedern der Tafelrunde die Honneurs machen konnten.

Links

  • Ort: Narromine, Australien
  • ANNO – am  19.05.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse vermeldet, dass die Bank von England die Zinsen auf vier Prozent erhöht hat, um die Konsequenzen der australischen Krise zu meistern. Britische Investoren hatten in Australien empfindliche Verluste erlitten.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt “Das Heiratsnest”, während da k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet “Excelsior” aufführt.

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