Nikko — Jokohama, 22. Aug. 1893

Da die unbarmherzige Eisenbahnverwaltung zu keiner anderen Stunde als um 5 Uhr morgens einen Extrazug nach Jokohama beistellen wollte, mussten wir beizeiten aus den Federn, um Nikko Lebewohl zu sagen, und langten um 11 Uhr vormittags wieder auf dem Bahnhof von Jokohama an, der sich im Nordosten der Stadt auf einer dem Meer abgewonnenen Stelle erhebt.

Gleich Tokio in der Provinz Musaschi gelegen, ist es zu seiner heutigen Bedeutung aus einer an der Westseite der Tokio-Bai befindlichen, unbedeutenden Ansiedlung erwachsen, seit diese im Jahr 1859 zum Vertragshafen erklärt und hiedurch der Handelsverkehr mit Europa sowie mit Amerika eröffnet worden ist. Der Ruhm, in das von Ijejasu inaugurierte und von dessen Enkel Ijemitsu ausgestaltete System der Absperrung gegen den Verkehr mit fremden Nationen Bresche gelegt zu haben, gebürt den Amerikanern und ist insbesondere an die vom Commodore Perry im Jahre 1854 befehligte Expedition geknüpft. welche mit der Eröffnung der Häfen von Schimoda und Hakodate für den amerikanischen Handelsverkehr abschloss. Seither sind Kobe, Osaka, Nagasaki, Hakodate, Niigata und Jokohama als Vertragshäfen für den Verkehr überhaupt und für die Besiedlung durch Fremde freigegeben worden, so dass sich die letzteren hier in den eigens hiezu bestimmten Stadtteilen niederlassen und im Umkreis von fast 40 km ohne besondere Erlaubnis reisen können. An Stelle Jokohamas war übrigens anfänglich das etwas nördlich gelegene Kanagawa zum Vertragshafen bestimmt, wurde jedoch wegen seiner Lage am Tokaido und den hier stets drohenden Konflikten zwischen den Fremden und den im Gefolge der reisenden Daimios des Weges ziehenden Samurais durch Jokohama ersetzt. Dieses spielt heute unter den Vertragshäfen die erste Rolle als Knotenpunkt aller Dampferlinien, welche Japan einerseits mit Europa und andererseits mit Amerika verbinden, als Ziel fast aller Kriegsschiffe, die Japan anlaufen wollen, und zahlreicher Handelsschiffe und Küstenfahrer jeglicher Art.

Jokohama, 143.000 Einwohner zählend, ist recht eigentlich das Zentrum der Berührung Japans mit dem Westen und mit dem Osten, die Ein- und Ausbruchstation des Handels geworden; daher rührt auch der internationale Charakter der Stadt, welcher in ihrem Äußern und ihrer Bevölkerung zum Ausdruck kommt.

Eine mit bedeutenden Kosten errichtete Quaistraße zieht sich den Hafen entlang; Zollhäuser und merkantile Etablissements, wie Lagerhäuser und Ladeplätze, dienen dem Verkehr. Fast 3 km weit dehnt sich am Hafen die Fremdenniederlassung, das Settlement, aus, nach einer Feuersbrunst im Jahre 1866 größer und schöner wieder auferbaut, von breiten, wohlgepflegten Straßen durchzogen und Wohnhäuser, Banken, Bureaux, Clubs, Hotels und Konsulate umfassend. Zahlreiche Fremde haben übrigens in Jokohama selbst nur den Sitz ihrer geschäftlichen Tätigkeit aufgeschlagen, ihre Behausung aber auf dem die Stadt im Westen halbkreisförmig umschließenden Hügelzug, Bluff genannt, errichtet, um hier Waldesluft zu atmen und sich des schönen Ausblickes auf den Hafen zu erfreuen.

Das vorwiegende Bevölkerungselement wird selbstverständlich durch die Japaner gebildet; aber die Fremdenkolonie, hauptsächlich aus Engländern und Amerikanern bestehend, ist stark genug, um sich schon im Straßenbild als führender Faktor des städtischen Lebens bemerkbar zu machen, so dass man, die Stadt durchwandernd, allerorten Fremden begegnet, nicht zum wenigsten den von den Kriegsschiffen ans Land gekommenen Matrosen, welche hier für die Entbehrungen langer Seefahrten Entschädigung suchen.

Obschon ich gebeten hatte, mir während der letzten Tage meiner Anwesenheit in Jokohama einen Incognito-Aufenthalt zu ermöglichen und daher auch auf die Begleitung durch die japanische Suite verzichtet hatte, folgten dem Rickscha, dessen ich mich bei meiner Wanderung durch Jokohama und bei der Besorgung von Einkäufen bediente, doch sofort der Polizeipräfekt, ein polizeilicher Beamter und zwei Reporter, was in den Straßen begreifliches Aufsehen erregte. Nachdem andere Versuche, mich dieses Gefolges zu entledigen, vergeblich geblieben, nahm ich zur List meine Zuflucht, indem ich in das Grand Hotel eilte, dort frühstückte und dann, durch ein Hintertürchen entwischend, einen anderen Rickscha bestieg. Aber die Freude an der gewonnenen Freiheit dauerte nicht lange, die Polizei war mir bald wieder auf der Fährte und kam schließlich full pace angesaust, so dass ich nun telephonisch Sannomiyas Hilfe anrief, der auch bald zur Stelle war und mich von dem unerwünschten Geleit befreite. Kaum war aber eine Viertelstunde vergangen, so hatte sich mein Cortege abermals zusammengefunden, um sich gleich dem Schatten an meine Fersen zu heften, ja ich glaube sogar bemerkt zu haben, dass einer der Gefolgschaft jeden Gegenstand, den ich kaufte, sorgfältig notierte. Schließlich eilte ich an Bord, nicht ohne mich während der Fahrt dahin der Begleitung eines Polizeiorganes zu erfreuen, das mir in einer Barkasse nachzog.

Um die Erwerbung solcher Objekte, welche ich suchte, stand es in Jokohama nicht eben sehr erfreulich; obwohl die Zahl der Kaufläden Legion ist, war es recht schwierig, meinem Geschmack Zusagendes zu finden, der durch den Aufenthalt in den eigentlichen Produktionsstätten der japanischen Kunstindustrie, wie namentlich in Kioto, offenbar ausgebildet und verfeinert worden war. Jokohamas Läden sind erfüllt mit Kuriositäten im eigentlichen Sinn, welche auf die Fremden, insbesondere auf die Amerikaner, berechnet sind, die nur darauf ausgehen, möglichst rasch einige charakteristische Erzeugnisse des Landes zu erwerben, und derlei Nachfrage hat hier offenbar die Erzeugung nicht eben fördernd beeinflusst.

Als ich meine Ansicht hierüber einigen Kaufleuten mitteilte, gaben diese die Richtigkeit der gemachten Wahrnehmung zu, fügten jedoch bei, dass gerade derartige minderwertige Waren, wenn dieselben nur groß, bunt, ja schreiend und recht verschnörkelt seien, reißenden Absatz nach Amerika und auch nach England landen, während stilgerecht, diskret und geschmackvoll gearbeitete, daher auch wertvollere Erzeugnisse wenig gesucht würden.

Abends hatte ich die Herren unserer Gesandtschaft sowie jene der japanischen Suite zu einem Diner an Bord geladen, wobei heimatliche Weisen alle Gäste in fröhliche Stimmung versetzten.

Links

  • Ort: Yokohama, Japan
  • ANNO – am 22.08.1893 in Östereichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der fliegende Holländer“ aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.