Numea, 2. Juni 1893

Heute sollte eine Hirschjagd stattfinden; jedermann versicherte, dass das Gebiet überaus reich an Wild sei, weshalb die Jagd ein vorzügliches Resultat ergeben werde. Obgleich in fremden Ländern immer etwas skeptisch gegenüber solchen Erzählungen und Versprechungen, trug ich mich doch mit der Hoffnung, wenigstens ein Exemplar der hier eingeführten und akklimatisierten Hochwildart zu erbeuten. Bei Tagesanbruch stießen wir von Bord ab und fanden an der Landungsstelle die Adjutanten des Gouverneurs sowie einen der höchsten Beamten, der vormals Resident in Tongking gewesen und vom Gouverneur mit dessen Stellvertretung bei der Jagd betraut worden war. M. Picquie konnte an dem Jagdausflug nicht teilnehmen, da er kürzlich bei einem Gartenfest, das er gegeben, mit jungen Damen „Fangen“ spielend, ausgeglitten war und sich ein Bein verrenkt hatte; doch schien der Gouverneur diese Ursache seiner Verletzung für zu wenig würdevoll zu halten, um sie mir mitzuteilen, sondern hatte mir erzählt, dass er bei einer Dienstreise mit dem Pferd gestürzt sei und sich hiebei beschädigt habe.

Die Gesellschaft des früheren Residenten von Tongking war mir übrigens sehr willkommen, da er während der Fahrt viel Merkwürdiges über dieses für die europäische Orientpolitik bedeutsam gewordene Land berichtete, in dem er durch viele Jahre geweilt hatte. Wir hatten zwar nur 21 km zurückzulegen, brauchten jedoch hiezu, weil die Pferde sich durch besondere Langsamkeit auszeichneten und der Weg bald bergauf, bald bergab ging, drei Stunden.
Das Wetter war günstig, die Temperatur angenehm frisch; befanden wir uns doch im Juni, also nahe an der kältesten Epoche dieses Himmelsstriches, während welcher — im Juli und August — die durchschnittliche Jahrestemperatur von 22 bis 23° C. am Tag um 5 bis 7° C. in den kühlen Nächten aber bis auf + 9° C. sinkt.

Die Gegend, welche wir durchfuhren, trägt einen landschaftlich meist monotonen Charakter an sich, da der Weg fast immer durch die einförmig wirkenden Niauli-Wälder zieht; gleichwohl fehlt es nicht an wechselnden und interessanten Eindrücken, ja in der Nähe eines Bergsattels, den wir zu überschreiten hatten, zeigte sich inmitten.von Niauli-Wäldern eine Oase mit fast tropisch prächtiger Vegetation. Wir kamen an zahlreichen, von großen Gemüsegärten umgebenen Ansiedlungen und weiterhin an Hotels, besser gesagt an Straßenkneipen vorbei, welche
sich mit stolzen Namen, wie „Au rendez-vous des chasseurs“, „Hotel beau site“ u. dgl. m., geschmückt haben und den Libérés willkommene Gelegenheit bieten, ihre geringen Ersparnisse zu vertrinken.

Der Orangenbaum gedeiht hier prächtig; doch faulen leider die goldenen Früchte auf den Bäumen, da es sich, bei der Unmöglichkeit, Orangen zu exportieren, nicht lohnt, Ernte zu halten.

Während der Fahrt erblickten wir nur wenig Vögel, was mir um so auffallender war, als 45 Arten von Vögeln speziell auf Neu-Caledonien indigen sind. Ich konnte nur einen kleinen Raubvogel, ferner einen Fischer sowie Mainas und einige Sänger beobachten. Noch ärmer scheint das Land an Säugetieren zu sein; denn außer Hirschen soll es nur noch eine Art fruchtfressender Handflügler, große Flederhunde (Pteropiden), aufweisen. Aus diesem Mangel an größeren Tieren und aus dem zeitweise fühlbaren Bedürfnisse nach substantiellerer Nahrung, als Fische, Flederhunde, Ratten, Würmer und Schnecken bieten können, wollen die Ethnographen die seit noch nicht allzu langer Zeit unterdrückte Vorliebe der Eingeborenen für Menschenfleisch erklären.

Der letzte Teil des Weges gestaltete sich überaus schlecht, da hier eine große Wasserleitung für Numea im Bau begriffen war und eben der Transport eiserner Röhren besorgt wurde.
Nächst einer kleinen Ansiedlung erwarteten uns zwei Herren, die uns zu Fuß durch ein breites Tal an den Jagdplatz führten. Hier hatte ich zum ersten Mal Gelegenheit, eine größere Anzahl Kanaken zu sehen, die aus dem Innern der Insel berufen worden waren, um als Treiber zu fungieren, — schön gebaute, muskulöse Männer von dunkelkaffeebrauner Farbe, mit ganz krausem, dichtem, echt papuanischem Haar, das sie hoch emporgekämmt trugen; ihre Gesichtszüge sind unschön und roh, verraten aber doch im Ausdruck eine gewisse Intelligenz. Die Kleidung beschränkt sich auf schmale Leibriemen; hingegen sind die Kanaken um so reicher mit allerlei Schmuck ausgestattet, den sie in Form von Halsketten und Armbändern aus Muscheln sowie von Fußringen, die aus den Haaren eines Flederhundes gedreht werden, tragen. Als Waffen dienen lange Lanzen mit sehr originellen Spitzen, ferner Keulen, verfertigt aus dem schweren Eisenholz, welches auf der Insel gefunden wird.

Die Ausdauer der Eingeborenen beim Schwimmen und ihre Geschicklichkeit beim Fischfang sind angeblich hervorragend. Meine Gewährsmänner wollen als Augenzeugen beobachtet haben, dass Insulaner häufig zwei bis drei Meilen weit ins Meer hinausschwimmen und
dort „wassertretend“ eine Angel auswerfen, um so zu fischen, worauf sie die solcherart erworbene Beute unter den Arm nehmen und den Fischfang fortsetzen, bis sie mit einer genügenden Anzahl von Fischen ans Land zurückkehren. Die Kanaken sollen es auch meisterlich verstehen, ihre Kanus zu lenken und beim Fischfang zu verwenden, aber die eben beschriebene Angelfischerei weitaus vorziehen. Es wäre übrigens auch möglich, dass meine Gewährsmänner etwas mehr gesehen haben, als sich wirklich ereignet hat, und dass die Fischer auf Riffen oder Klippen, die sich — dem Beobachter nicht wahrnehmbar — unter der Meeresfläche hin erstrecken, Fuß fassen, um dann von diesem festen Standpunkt aus dem Fang zu obliegen.

Im ganzen gibt es auf Neu-Caledonien noch ungefähr 40.000 Eingeborene, deren Rasse jedoch im Aussterben begriffen ist, da diese infolge zahlreicher endemischer und mancher eingeschleppter Krankheiten sowie des numerischen Missverhältnisses der Geschlechter von Jahr zu Jahr abnimmt. Das Töten der neugeborenen Mädchen soll hier üblich sein; auch werden die Frauen überaus schlecht behandelt und zu allen schweren Arbeiten angehalten. Früher trug zur Verminderung der Bevölkerung auch der Umstand bei, dass die einzelnen Stämme in fortgesetzten Fehden miteinander standen und die Gefangenen sowie die Erschlagenen stets verzehrt wurden; jetzt sind die Eingeborenen friedlicher gesinnt, ziehen sich aber vor den Weißen zurück.

Der Beamte, welchem die Eingeborenen unterstehen, war mit den Treibern ausgerückt und stellte uns zur Jagd am Fuß eines nur mit Gras bewachsenen Hügels auf, hinter welchem sich eine mit dichtem Wald bedeckte Berglehne hinzog, die von den Insulanern mit ihren Hunden abgetrieben werden sollte, um die Hirsche zu zwingen, über den Hügel zu wechseln. Dieser Schlachtplan entzückte mich gar nicht und in der Tat benahmen sich die Treiber auch so wie fast alle Eingeborenen, die bisher bei unseren Jagden verwendet worden waren. Sie gingen regel- und planlos im Trieb umher, nahmen auf kleinen Anhöhen oder an Rändern von Schluchten Stellung, um die längste Zeit vor sich hin zu brüllen, während nur sehr wenige Treiber mit den Hunden in die Dickungen drangen. Die Hunde gaben zwar einige Male Laut, die Jagd nahm aber eine von uns abgewandte Richtung, wie dies von vorneherein zu erwarten stand, weil das Wild gewiss auch in Neu-Caledonien keine Neigung verspürt, in ein offenes Tal zu wechseln, und dies umso weniger, als hinter uns an der Wasserleitung mit all dem hiebei unvermeidlichen Lärm gearbeitet wurde.

So saß ich drei volle Stunden da, als plötzlich, jedoch auf ziemliche Entfernung, ein Spießer flüchtig an mir vorbeiwechselte. Ich roulierte ihn, anscheinend mit einem Tiefblattschuss, im Feuer, doch wurde der Hirsch wieder hoch und zog sehr krank einige Schritte weiter, um sich in dem hohen Gras niederzutun. Kaum hatten die Treiber dies gesehen, als sie im vollen Sinn des Wortes wie die Wilden mit gewaltigem Geschrei auf den Hirsch zustürzten, der natürlich abermals hoch wurde und von den Wilden und Hunden verfolgt, in einen sehr dichten Wald flüchtete, wo man noch einige Zeit Laut geben hörte, bis der Hirsch für immer verschwunden war. Von einer regelrechten Nachsuche konnte selbstverständlich keine Rede sein, und auch die an die wilden Kerle recht inständig gerichtete Bitte, das angeschweißte Stück wenigstens nach ihrer Manier zu suchen und zur Strecke zu bringen, blieb vergeblich.

So war denn der erste Trieb vollständig verunglückt, obwohl das Wild, nach der uns beim Beginn der Jagd gegebenen Versicherung, in Wald und Flur einer Landplage gleich nur so wimmeln sollte. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, wollten nun angesichts des Misserfolges der Jagd die Arrangeure ganz genau wissen, dass die Jagd, um zu einem Ergebnisse zu führen, entweder zu früherer Stunde oder als Pürschjagd hätte abgehalten werden sollen — eine Erkenntnis, die aber etwas zu spät kam; denn bei mir hätte der Vorschlag, die Jagd früher beginnen zu lassen, keinen Widerstand erfahren, ich wäre nötigenfalls auch um Mitternacht aufgebrochen.

Leider war an eine unmittelbare Fortsetzung der Jagd nicht zu denken, weil der Gouverneur, welcher später gefolgt war, unser bereits in dem nahegelegenen Haus eines Ansiedlers mit einem opulenten Frühstücke harrte, welches durch zwei volle Stunden währte, da Haushofmeister und Bediente in glänzender Livree eine unabsehbare Reihe von Speisen und Weinen servierten. Wie wohlgemeint dieses Festmahl auch war, so empfand ich — auf Nadeln sitzend — dasselbe doch nur als Verschwendung der Zeit und hätte vorgezogen, letztere zur Jagd oder zum Sammeln von Käfern und Schmetterlingen, mit einem Worte zu einem nützlicheren Zweck zu verwenden, da ich ja doch nicht für wenige Tage zum Besuch einer interessanten, mitten in der Südsee gelegenen Insel, die ich mein Leben lang nicht wieder betreten werde, erschienen war, um mich stundenlang den Freuden der Tafel hinzugeben! Nach Beendigung des Frühstückes hoffte ich der Erlösung nahe zu sein — aber mit nichten; denn es lief die Hiobspost ein, dass die Hunde der Treiber sich verlaufen hätten und die Jagd erst fortgesetzt werden könne, bis diese Köter wieder eingefangen seien. Mit Ausnahme meiner Herren schienen alle Teilnehmer der Jagd über diese Nachricht sehr erfreut zu sein und zechten weiter, bis es endlich am späten Nachmittag gelungen war, die Hunde zur Pflicht zurückzurufen.

Endlich begann ein neuer Trieb an einem Hügel, der dicht mit Farnen bewachsen war. Die hiesigen Insulaner mögen recht ehrbare Leute sein und allerlei gute Eigenschaften besitzen, aber vom Treiben und Jagen verstehen sie absolut nichts. Die Hunde gaben bald Laut, und unmittelbar danach sah ich ein Stück Hochwild in großer Entfernung durch die Büsche wechseln; leider aber hatten die Unglückstreiber den Hirsch auch schon bemerkt und rasten nun sofort von allen Seiten mit Geheul auf das Wild zu, welches selbstverständlich in entgegengesetzter Richtung ausbrach, worauf die Treiber sich vergnügten, vor meinem Stand schreiend und gestikulierend umherzustreifen und eine Art Kriegstanz aufzuführen.

Da mir die Möglichkeit fehlte, meine Ansicht durch einige eingeborene Kraft- und Kernworte zum Ausdrucke zu bringen, nahm ich in ohnmächtigem Ärger meinen Stutzen auf den Rücken und wandte mich von dieser „wilden, verwegenen Jagd“ ab, dem Wagen zu, wo ich von einem mir eiligen Laufes folgenden Jagdarrangeur die Nachricht erhielt, dass eben vier Hirsche über den von mir verlassenen Stand gewechselt hätten. Ich bezweifelte nicht im geringsten, dass es mit diesen, wenn auch vielleicht nur zur Ehrenrettung der Jagdleitung erschienenen Hirschen seine Richtigkeit haben mochte, ließ mich aber gleichwohl nicht mehr bestimmen, auf meinen Stand zurückzukehren und trat mit aller Seelenruhe die Heimfahrt an.

Diese entschädigte einigermaßen für die so misslungene Jagd. Zwischen den hohen, das Tal einsäumenden Bergen dahinfahrend, erfreuten wir uns an den lebhaften Farbeneffekten, welche die Strahlen der sinkenden Sonne auf den Bergabhängen hervorbrachten; bläulich schimmerten die Niauli-Bäume neben den Erdrissen und kahlen Flächen, welche metallisch glitzerten und infolge des reichen Eisengehaltes der Gesteine insbesondere in leuchtendem Rot erglühten.

Zu später Stunde waren wir wieder an Bord der „Elisabeth“, welche der Kommandant, von meinen Herren und einer Anzahl von Offizieren gefolgt, bald darauf verließ, um einem Diner beizuwohnen, welches die Offiziere des französischen Panzerschiffes „Thetis“ an dessen Bord gaben, während ich daheim blieb.

Links

  • Ort: Numea, New Caledonien
  • ANNO – am 02.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Meister von Palmyra“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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