Owa raha — Ugi, 8. Juni 1893

Wieder gingen, als wir zeitig morgens die Anker lichteten, um Owa raha zu verlassen, heftige Regenböen nieder. Die Ausfahrt, besonders aber das Wenden des Schiffes in dem von den Korallenriffen so beengten Hafen war, wie bei der Ankunft, schwierig. Zum Glück besserte sich das Wetter, als wir mit nordwestlichem Kurs längs der Küste von San Cristoval dahinfuhren, so dass wir freie Aussicht auf diese dicht bewachsene Insel mit ihren bis zu 1250 m aufsteigenden Bergen hatten. Nach Doublierung des Cap Kibeck oder Mahua kamen steuerbord die Inselgruppe Three Sisters, deren größtes Eiland Malan paina ist, und bald darauf die Insel Ugi, unser heutiges Reiseziel, in Sicht. Zahlreiche Delphine und einzelne Seevögel belebten die ruhige See, welche, dem schönen Tag entsprechend, eine intensiv blaue Färbung angenommen hatte.

Die Selwyn Bay, an der Westseite von Ugi, wo wir vor Anker gingen, ist eigentlich nur eine ziemlich offene Rhede in landschaftlich schöner Umgebung. Wir mussten an die das Ufer umsäumende Korallenbank ganz nahe heranfahren, welche so plötzlich abfällt, dass die Bai sich rasch vertieft und die Lotung, nachdem der Anker in 20 Faden Tiefe gefallen war, beim Fallreep schon 32 Faden zeigte.

Auf Ugi lebt ein Engländer mit einem Gehilfen, welche hier ein kleines Kohlendepot bewachen, das zur Zeit unserer Ankunft eben durch einen Segelschoner ergänzt wurde. Außerdem bestehen auf Ugi nur noch, zwischen Bäumen lauschig verborgen, einige Ansiedlungen von Eingeborenen, welche demselben Stamm angehören, wie jene auf Owa raha.

Mit einem Boot sofort ans Land eilend, suchte ich die beiden Europäer auf. Diese Kohlenwächter, die wohl mit Recht als einsame Menschen bezeichnet werden dürfen, führten mich in das Innere der aus Brettern hergestellten Hütte, in der nur die Menge von Waffen bemerkenswert erschien, mit welchen die beiden ausgerüstet sind, um sich etwaiger Überfälle seitens der Eingeborenen zu erwehren.

Hodek photographierte die Gruppe Wilder, welche neugierig die Station umstanden, und dann drangen wir in das Innere der Insel ein, wobei als Führer einige Eingeborene fungierten, die uns von den beiden Engländern als halbwegs verlässliche Begleiter bezeichnet worden waren.

Das sich unseren Blicken darbietende Vegetationsbild war nicht minder herrlich als jenes, welches uns auf Owa raha so sehr entzückt hatte; doch bemerkten wir zu Gunsten der landschaftlichen Reize Ugis hier überdies eine große Anzahl kleiner Bäche, die als kristallklare Gewässer rauschend und plätschernd zwischen den prächtigen Bäumen hindurch der Küste zueilten. Den Ufern der Bäche entlang erstanden im Schatten der Baumriesen, von zahllosen, bunten Schmetterlingen umgaukelt, märchenhaft schöne Plätzchen vor unseren Augen.
Auch die Vogelwelt war hier in lieblichster Weise vertreten, wiewohl der eine der beiden Stationswächter, welchen wir eingehend über das Vorkommen von Wild und insbesondere von Vögeln befragt hatten, uns versicherte, dass es auf Ugi nur eine Art von großen Tauben, aber keine Papageien u. dgl. gäbe.

Ich war kaum 100 Schritte in den Wald eingedrungen, als mir der erste Schuss schon einen prachtvollen, ganz roten Papagei (Eos cardinalis) brachte, und ich gleich darauf eine wunderschön gefärbte Taube (Ptilopus eugeniae) mit schneeweißem Kopf, karminrotem Brustfleck, gelbem Bauch und grün und violett gestreiften Flügeln schoss. Unmittelbar nachher strich von einer hohen Dracaene ein größerer Vogel ab, den ich erlegte. Es war dies das männliche Exemplar eines Edelpapageis (Eclectus pectoralis); derselbe ist grün, mit blauen Flügelenden; unter den Flügeln befinden sich hellrote Federn, der Schnabel ist orangegelb. Die Größe dieses Papageis entspricht jener einer starken Haustaube. Das Weibchen ist ganz abweichend gefärbt, nämlich intensiv scharlachrot, auf dem Nacken, dem Bauch und den
Flügeln aber himmelblau. Im weiteren Verlauf meines Umherstreifens schoss ich noch eine scharlachrote Nectarine (Mysomela pulcherrima), eine ganz kaffeebraune Taube von der Gestalt einer Turteltaube und zwei große Fruchttauben (Carpophaga pistrinaria), ferner ein Paar der prachtvollen Banda-Papageien (Lorius chlorocercus), die an ihrem Gefieder alle Farben des Regenbogens tragen und zu den schönsten Papageien überhaupt zählen dürften. Die Vögel waren, obschon sie sich unablässig hören ließen, in den dichtlaubigen, riesenhaften Bäumen des Urwaldes äußerst schwer zu erblicken.

So mochte ich, die tropische Waldes- und Blütenpracht bewundernd und ab und zu nach bunten Vögeln auslugend, ungefähr eine Stunde lang fortgeschritten sein, als ich zu einem klaren Bach gelangte, den ich, ein bei der großen Hitze angenehm kühlendes Bad nehmend, durchwatete. Jenseits desselben befand ich mich unvermutet mitten in einem Dorf, Ete-Ete genannt, und traf hier auf eine größere Anzahl der Herren vom Stab, welche mit Eingeborenen schon im regsten Tauschhandel begriffen waren. Nach und nach fanden sich auch meine Herren ein, deren jeder interessante Jagdbeute, namentlich an Papageien, gemacht hatte. Wie die Offiziere berichteten, hatten sich bei ihrer Ankunft die gesamten Einwohner des Dorfes, allen voran die Weiber, geflüchtet und im Wald versteckt und waren erst nach geraumer Zeit die beherzteren, da sie sich nicht bedroht gesehen, wieder erschienen, worauf sie nach längerem Parlamentieren Speere und andere Tauschobjekte herbeibrachten. Der Wert geprägten Geldes schien den Leuten geläufig zu sein; denn während sie Tabakfabrikate, Gewebe oder Perlen gleichgültig betrachteten, gaben sie für eine Münze, namentlich für amerikanische Dollars, welche besonderen Anwert fanden, alles hin, was sie besaßen, bis auf den aus Muscheln oder Hundezähnen bestehenden Halsschmuck, der ihnen um keinen Preis feil war. So erstanden wir hier Waffen und Fischereigerätschaften, worunter eigentümlich geformte, mit sechsteiliger Zahnung versehene, hölzerne Harpunen, ferner Haarkämme u. a. m.

Als Vermittler bei dem Tauschhandel dienten uns neben einem der Stationswächter, welcher die Herren vom Stab als Dolmetsch begleitet hatte, zwei seltsame Käuze, Rora und Belingi mit Namen, die Häuptlinge der zwei Stämme umfassenden Dorfschaft. Roras höchst abschreckendes Äußere war durch das Abzeichen seiner Würde, einen alten, lichtgrauen, des Deckels entbehrenden Filzhut von abnormer Höhe, der gleichzeitig auch sein einziges Kleidungsstück bildete, keineswegs verschönt; das zylindrische Ungetüm soll aus dem Besitz eines erschlagenen und sodann verspeisten Missionärs herrühren. Die rechte Hand Roras stak, da er beim Fischfang Wunden davongetragen hatte, in einem Sack. Belingi, der Mitregent, schien in hohem Alter zu stehen und mochte manchen harten Strauß mitgemacht haben; denn der Körper dieses Häuptlings war mit tiefen Narben bedeckt, und wir konnten insbesondere auf der Brust deutlich die Stelle wahrnehmen, wo ein schwerer Speer eingedrungen und quer durch den Leib gefahren war.

Selbst diese alten Herren zeigten sich ängstlich und misstrauisch, da sie durch die große Anzahl Weißer, das Schießen und Jagen in der Nähe des Dorfes nicht wenig erschreckt waren. Endlich brachten wir die Beiden dennoch so weit, dass sie mir selbst zwei jener großen, mit Perlmutter eingelegten, hölzernen Kochgeschirre, deren sich die Insulaner bei großen Festmählern, namentlich beim Schmause von Menschenfleisch, zu bedienen pflegen, überließen. Es sind dies aus ausgehöhlten Stämmen verfertigte, 1 m lange Tröge, die an der Außenwand mehr oder minder reich verziert sind. Ja, mit der Zeit erklärten sich die Häuptlinge sogar bereit, ihre Frauen und Mädchen herbeizurufen und sie, malerisch gruppiert, von Hodek photographieren zu lassen; nur wurde die Bedingung gestellt, dass, den Photographen ausgenommen, kein Weißer das Antlitz der Damen beschaue. Infolge dessen mussten wir, während Hodek die Aufnahme durchführte, hinter eine Hütte treten und konnten erst dann das Dorf weiter durchstöbern. Hier zeigten sich in der Nähe ihrer Hütten einige der sehr decolletierten Damen denn doch unseren Blicken; sobald wir aber diese neugierigen Schönen von Ete-Ete in Augenschein genommen hatten, wünschten wir, dass auch diese verborgen geblieben wären.

Die Hütten Ete-Etes ähnelten in Anlage und Ausschmückung so ziemlich jenen von Owa raha, doch waren die Heiligen Stätten auf Ugi ärmlicher ausgerüstet. Es mangelten hier die Delphinsärge, die Schnitzereien waren dürftiger und die Fetische schmuckloser. Dafür fanden wir in Ete-Ete Kriegskanus vor; doch war es unmöglich, eines derselben oder einen Fetisch zu erwerben, da weder Geld noch gute Worte fruchteten, obgleich ich schließlich für die Überlassung dieser mir interessanten, den Insulanern aber geheiligten Gegenstände sogar mehrere Sovereigns anbot.

Die Bewohner von Ete-Ete glichen ebenfalls jenen von Owa raha, litten jedoch zum Teil an einem garstigen Hautausschlag, der sich bei einzelnen Individuen recht unangenehm bemerkbar machte. In den Schmuckgegenständen fanden sich nur kleine Unterschiede; so waren die Halsketten reicher, die meisten Armringe aber aus weißem Steingute, somit offenbar europäischer Provenienz.

Der Erwähnung wert ist noch eine Begräbnisstätte, welche zur Aufbewahrung der Reste Vornehmer dient und in einer kleinen, mit Palmenblättern gedeckten Hütte besteht, in der eine Estrade die zum Bleichen ausgelegten Schädel trägt. Unweit von hier, zum Teile verborgen, lagen Bruchstücke menschlicher Knochen, die wohl keinen Zweifel daran gestatteten, dass wir hier die traurigen Überbleibsel scheußlicher Gastereien vor uns hatten.

Meinen Weg durch den Wald fortsetzend, erlegte ich noch einige Vögel, musste aber nach kurzer Zeit der Küste zuschreiten, da wir alle hier bei Sonnenuntergang einzutreffen hatten. Der Ausflug schloss damit, dass wir dem Strand entlang langsam und fast stets in der See watend nach Ete-Ete zurückwanderten und die harrenden Boote bestiegen, welche uns an Bord brachten.

Links

  • Ort: Ugi, Salomon Inseln
  • ANNO – am 08.06.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse liefert einen langen Bericht über Franz Ferdinands Java-Aufenthalt im April.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Der Meister von Palmyra“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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