Port Moresby, 15. Juni 1893

Das Ende der Regenzeit machte sich in unangenehmer Weise bemerklich, da morgens ein tropischer Gussregen herabströmte und die See, der Brandung am Barrier-Riffe nach zu schließen, vom Winde stark aufgeregt war. Nebel lag auf den Bergen, und eine Böe trieb, während fleißig an der Einschiffung von Kohle gearbeitet wurde, die andere, so dass das nasse Wetter zwar die Arbeit erschwerte, aber uns doch den lästigen, in alle Räume dringenden Kohlenstaub ersparte. Der Regen und der hohe Seegang vereitelten auch unser Vorhaben, dem Rat des Hafenmeisters folgend, in der fischreichen Bucht mittels Dynamites zu fischen, und so blieb uns denn nichts anderes übrig, als weiterhin auszulugen, ob sich die Yacht des Gouverneurs noch immer nicht zeige. Da diese bis 10 Uhr vormittags nicht in Sicht gekommen war, fuhr ich, des Wartens müde, in einem Boot nach dem nahegelegenen Dorf Hanuabada.

Die Wohngebäude in Hanuabada waren, gleich den meisten Behausungen Eingeborener im Gebiete Neu-Guineas, auf Pfahlwerken ruhende Hütten. Diese Gepflogenheit, die Wohnungen hoch über dem Erdboden oder, wo ein Dorf im Wasser steht, — sei es an der Seeküste, sei es in Wasserbecken oder an Flussufern im Innern des Landes — hoch über dem Wasserspiegel zu errichten, hat den Zweck, den Bewohnern solcher Pfahlbauten Schutz wider menschliche und tierische Feinde zu bieten.

Auch hier sowie in den anderen Dörfern bei Moresby sind die Pfähle, auf welchen die eigentliche, zumeist aus zwei Stockwerken bestehende Hütte ruht, aus Mangroveholz und 3 bis 4 m hoch. Die Wände und das Dach der Hütte sind aus gut getrockneten Palmenblättern oder aus verflochtenem Gras hergestellt; die Bedachung springt weit vor und beschattet an der Stirnseite der Hütte einen laubenartigen Vorbau.

Jene Hütten, die zwei Stockwerke betragen, haben auch zwei übereinanderliegende Aufbaue, welche durch Leitern miteinander verbunden sind, während der Zutritt in das Innere der Hütten ebenfalls mittels dünner Leitern ermöglicht wird. Hier werden allerlei Gerätschaften, so insbesondere das Fischzeug verwahrt, und hängen an Palmenfaserschnüren als Trophäen die Schädel erschlagener Feinde, Schwanzflossen großer Fische u. dgl. Diese Aufbaue bilden tagsüber die Ruhestätte für einen Teil der Bewohner, namentlich für die älteren Familienglieder, welche daselbst nach gut papuanischer Art hockend zu verweilen pflegen und fast unbeweglich auf das Leben und Treiben zu ihren Füßen herabsehen.

Das Innere der Hütten ist unsauber und ziemlich dunkel, weil das Tageslicht, da Fenster unbekannt sind, nur durch die an beiden Enden des Raumes angebrachten Türöffnungen sowie durch das Rauchloch an der Decke eindringen kann. In einer der Ecken des Innenraumes steht der Herd, eine rudimentäre Feuerstätte, deren Unterlage eine auf Flechtwerk ruhende, dicke Tonschicht bildet; bei zweistöckigen Hütten jedoch ist der Raum mit dem Kochherd im unteren, die Schlaf- und Wohnstätte im oberen Stockwerk.

Die Einrichtung der Wohnräume ist nicht minder einfach als jene der Hütten auf den Salomon-Inseln; Sitzgeräte und Tische sind den Eingeborenen unbekannt und, weil diese die hockende Stellung bevorzugen, überhaupt nicht erforderlich; bloß einige Matten und dicke Bambusstücke als Kopfkissen bilden die Schlafstätte; irdene oder aus Bambus hergestellte Gefäße, Beutel aus Flechtwerk und die unentbehrlichsten Handwaffen vervollständigen die armselige Ausstattung. Der Gesamteindruck dieser primitiven Behausungen ist für den Kulturmenschen ein wenig erfreulicher, stehen dieselben ja doch auf keiner höheren Stufe als die prähistorischen Wohnungen der europäischen Pfahlbauzeit.

Gleich beim Eintritt in Hanuabada wurde mir ein merkwürdiges Schauspiel zuteil — ein Freudentanz, ein „Erntefest“. Tanzen ist auch hier, wie begreiflich, das Ausdrucksmittel für allerlei Stimmungen und Lustgefühle, und heute gab die Freude über eine ausnehmend reichliche Bananenernte den Bewohnern Hanuabadas besonderen Anlass, den Tag festlich zu feiern. Während die älteren Männer und die verheirateten Weiber, in trautem Beisammensein mit Hunden und Schweinen auf den Veranden der Hütten hockend und rauchend, die Zuschauer abgaben, umtanzte die Jugend beiderlei Geschlechtes die langen Stangen, an welchen Bananenbüschel in Form von Girlanden recht zierlich befestigt waren.

Jeder der Tänzer trug eine hölzerne Trommel, auf die er im Takt schlug. Rhythmischer Gesang begleitete die Bewegungen der Tanzenden, welche eine Art Quadrille zur Ausführung brachten, indem die Paare sich zuerst in zwei Kolonnen aufstellten, wonach eine ähnliche Figur wie jene, die bei uns auf das Commando „Traversez“ erfolgt, exekutiert wurde. Hiebei wiegten die Tänzer den Oberkörper in den Hüften, dann tanzten die Paare der Reihe nach zwischen den immer wieder neu formierten Kolonnen durch, bis sich schließlich diese in eine große Ronde auflösten.
Die Paare, wie bei uns aus „Herr“ und „Dame“ bestehend, indem stets ein junger Mann eines der hübschen Mädchen an der Hand führte, gaben sich dem Tanzvergnügen mit seltener Ausdauer und Leidenschaftlichkeit hin, in vollem Farben- und Federnschmuck, geschmeidig und mit natürlicher Grazie schreitend und springend.

Besonders anmutig erschienen die jungen Mädchen; denn von Jugend auf an ungezwungene, durch keinerlei lästige Kleidungsstücke beengte Haltung gewohnt, schwebten diese Schönen, sich graziös in den Hüften wiegend, den Oberleib ein wenig zurückgeneigt, leicht beschwingten Fußes einher, dass die aus Gras geflochtenen Röckchen lustig flatterten.

Farbige Bemalung, Halsketten und Armspangen bildeten den Schmuck der Mädchen, die mit ihrem Krauskopf und den schelmisch blitzenden, schwarzen Augen allerliebst aussahen. Gleich den Mädchen waren auch die Jünglinge sorgfältig blauschwarz tätowiert und mit roter, schwarzer und weißer Farbe bemalt. Die Tätowierung erstreckte sich, mit Ausnahme der Gesichter, die nur sehr wenig von dieser Zier aufwiesen, über alle Teile des Körpers und namentlich über die zart geformten Beine. Auf der unbedeckt zur Schau getragenen Brust der heiratsfähigen Mädchen von Port Moresby pflegt ein Herz eintätowiert zu sein, durch welches ausgedrückt werden soll, dass nunmehr die Trägerin dieses Symbols umworben werden dürfe.

Als Schmuck finden hier, wie dies angeblich in ganz Neu-Guinea der Fall ist, Blumen und Blätter vielfach Verwendung; sehr beliebt sind zu gleichem Zwecke Federn von greller Farbe, welche die Eingeborenen mit großer Geschicklichkeit untereinander zu verbinden und zu Kronen oder Stirnbändern zu gestalten wissen oder auch lose ins krause Haar stecken. Ich fand zumeist Federn des großen Nashornvogels, des Helm-Kasuars, des weißen Kakadus, insbesondere aber jene verschiedener Arten des Papageis und des Paradiesvogels in der gedachten Art verwendet.

Halsschmuck ist hier ungemein geschätzt und wird, da derselbe meist Erbstücke bildet, nur in äußerst seltenen Fällen verkauft oder eingetauscht. Muscheln und Zähne, dann Korallen, Federn u. dgl. bilden das Material, aus welchem die zuweilen mit Amuletten gezierten Halsketten verfertigt werden; die Armbänder und Beinringe bestehen zumeist aus geflochtenem Stroh oder aus durchbohrten Muscheln, während glänzende Metallstückchen und kleinere Muscheln die Ohrgehänge darstellen.

Die ganze Erscheinung dieser Tanzpaare, der kräftige, hohe, wohlgestaltete Wuchs, die anmutige Beweglichkeit, die angenehmen, ja hübschen Gesichtszüge, die lebhaften Augen — alles dies vereint bildete einen lebhaften Kontrast zu den eingeborenen Völkern und Stämmen, welche ich die letzten Monate über zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Wie schmächtig und weichlich erschienen mir dagegen die Hindus, wie matt und unschön die schlitzäugigen Javanen!

Allerdings stehen die zum Motusstamme gehörenden Papuas des Gebietes von Port Moresby in physischer wie in psychischer Hinsicht den Polynesiern weit näher als den Melanesiern; auch sprechen zu Gunsten der Papuas von Moresby noch insbesondere die Lebendigkeit und Unmittelbarkeit der Gefühlsäußerungen, die lachende Heiterkeit und die offenkundige, durch Neugierde, stetes Fragen und Imitationstalent zutage tretende Bildungsfähigkeit jener Individuen, welche ich hier beobachtete.

Weitere Proben dieser Eigenschaften gewährte mir, nachdem das Erntefest zu Hanuabada beendigt war und ich mich von den Tänzern verabschiedet hatte, der Rundgang durch das Dorf, wobei wir von Jung und Alt geradezu umlagert wurden, da alle, namentlich die Kinder, die neuen Ankömmlinge sehen und betrachten wollten. Jedermann bestürmte uns mit Fragen, lächelte freundlich, winkte mit der Hand und drängte sich heran, um uns aus nächster Nähe in Augenschein zu nehmen. Einige ahmten unsere Bewegungen nach, andere schüttelten sich vor Lachen, da ihnen augenscheinlich manches an uns überaus komisch vorkam.

Endlich streckte die holde Jugend uns bittend die Hände entgegen, um irgend eine Gabe zu erlangen, und die Kleinen kletterten, sobald sie eine Münze, eine Zigarette oder dergleichen erhalten hatten, mit affenartiger Behändigkeit die Leitern zu den Hütten hinan und lieferten, was sie eben bekommen, pünktlich den Eltern ab, um dann sofort wieder zu uns zurückzueilen und abermals ein Geschenk zu erbetteln. Wir konnten uns dieser Kinderschar, die im Gegensatz zu den an früheren Punkten meiner Reise gemachten Erfahrungen keine Spur von Scheu vor Fremden zeigte, kaum erwehren.

Ich versuchte es, einige Schmuckgegenstände zu erhandeln, doch kannten die Leute bereits den Wert des Geldes; denn die üblichen Tauschobjekte verfehlten jeden Effekt und immer wieder wurde für jedes Stück lediglich „Money“ oder „Shilling“ verlangt. Sobald die Leute merkten, dass wir uns für das eine oder andere Stück interessierten, stieg es sofort bedeutend im Preis. Die guten Wilden scheinen mit Europäern traurige Erfahrungen gemacht zu haben, da sie vor Ablieferung ihrer Ware jedes Geldstück zu den Dorfältesten trugen, um von diesen die Echtheit der Münze bestätigen zu lassen; ja selbst dann noch weigerten sich einzelne der Verkäufer, uns die erworbenen Dinge herauszugeben, oder verlangten plötzlich das Doppelte des zuvor bestimmten Preises.

Bessere Geschäfte machte ich in dem anscheinend armen, weiterhin in der Bucht gelegenen Dorfe Elewara, wo ich eine große Anzahl ethnographischer Gegenstände erwarb, darunter zierliche Behälter, in welchen die Eingeborenen den Kaubetel, mit Korallenkalk gemischt, verwahren. Ebenso beraubte ich ungefähr zwanzig Damen ihres einzigen Toilettestückes, nämlich rot und gelb gefärbter Röckchen aus Grasgeflecht, die zu einem Shillinge das Stück gerne hergegeben wurden. In Elewara entwickelte sich nun nach und nach ein förmlicher Markt, indem die Leute alles Erdenkliche herbeischleppten und selbst ganz kleine Kinder Muscheln sowie Korallenstückchen feilboten; das Hauptgeschäft wurde von Weibern und jungen Männern besorgt, während die älteren Männer ruhig rauchend auf den Veranden hockten.

In Neu-Guinea raucht alles, Männer, Weiber, selbst kleine Kinder, und in jenen Gebieten, wo Geld noch ein unbekanntes Ding ist, kann man für Tabak alles erhalten. Für diesen gibt der Eingeborene Land, Bodenprodukte, Schweine, Waffen, mit einem Worte sein Letztes her. Zum Rauchen bedient man sich langer Bambusstöcke, die mit schönen, eingebrannten Zieraten versehen sind, und an deren Ende sich eine kleine Öffnung befindet, in welche der Tabak, von einem Palmenblatt eingehüllt, gesteckt wird; ist derselbe entzündet, so geht die Pfeife von Mund zu Mund. In Ermangelung einer Pfeife wird der Tabak in ein Blatt eingewickelt und wie eine Zigarette geraucht.

Nachdem ich mein Boot mit den erhandelten Gegenständen ziemlich gefüllt hatte, machte ich trotz des noch immer niederströmenden Regens einen kleinen Streifzug auf den umliegenden Höhen und passierte zunächst die niedrigen Gebäude der anglikanischen Mission, welche sich jedoch keines nachhaltigen Erfolges zu erfreuen scheint, da die Wilden, wie man sagt, nur durch Geschenke bestimmt werden können, den Gottesdienst zu besuchen. Dann durchquerten wir mehrere Bananengärten, die eben abgeerntet wurden, und begegneten hier einer Schar Weiber, welche auf dem Kopf große Bündel Bananen heimtrugen.

Weiters erklommen wir noch die nächst dem Government House aufsteigende Anhöhe, wurden aber von dem mit erneuerter Wucht niederstürzenden Regen an Bord zurückgetrieben.

Hier hatte sich ebenfalls ein lebhafter Handel entwickelt; die Eingeborenen waren mit Weib und Kind in ihren schlanken Kanus herbeigekommen, um Pfeile, Bogen, Äxte, Schmuck und anderes zum Kauf anzubieten, und fanden an den Offizieren und der Mannschaft willige Käufer — wollte doch jedermann an Bord ein Zeichen der Erinnerung aus dem Land der Menschenfresser mit in die Heimat nehmen. Ich glaube kühn behaupten zu können, dass die „Elisabeth“ an diesem Tage viele Hunderte von Pfeilen, Bogen, Speeren u. dgl. als Cargo aufgenommen hat. Auch die Mannschaft des Kohlendampfers versah sich mit einer bedeutenden Ladung ethnographischer Gegenstände, offenbar in der Absicht, sie nach der Rückkehr in Sydney zu bedeutend höheren Preisen loszuschlagen.

Die Insassen der Kanus zeigten sich gar nicht scheu, mehrere Mädchen kamen sogar an Bord, wo sie neugierig alles besahen und kleine Geschenke annahmen. Allgemeinen Jubel erregte es bei den Eingeborenen, als wir eine der Schönen mit einer violetten Jacke und einem Beinkleid aus lichtgrüner Seide bedachten und auf der Stelle damit bekleideten; die Leute konnten sich vor Freude nicht fassen, und stolz glitt die Beschenkte wieder über die Bordwand in ihr Kanu.

Da von dem Gouverneur noch immer nichts zu sehen war, fuhr ich nachmittags abermals nach Hanuabada, in der Absicht, von dort aus eine kleine Felseninsel zu erreichen, wo, wie mir gesagt worden war, jeden Abend Tauben einzufallen pflegen.

Leider aber hatte ich den Zeitpunkt für diesen Ausflug nicht richtig gewählt, da inzwischen Ebbe eingetreten war und ich mit dem Boote nirgends anlegen konnte, so dass ich nun wieder einige hundert Schritte durch Wasser und tiefen Schlamm waten musste, bis ich Hanuabada erreichte.

Eine Unzahl nackter Jungen trieb sich mit kleinen Netzen in dem Schlamm umher und sammelte verschiedene Muscheln und Seetiere, welche die Ebbe ausgeworfen hatte. Der Sammler ist immer unersättlich, und so feilschte ich mit den heute morgens erworbenen Freunden wieder um eine Menge Gegenstände, vorzüglich um Amulette und Hausgeräte.

Mittlerweile war es schon 4 Uhr geworden und stand ich auf dem Punkte, von Hanuabada gegen die Taubeninsel hin abzustoßen, als am Eingang des Hafens eine Dampf-Yacht in Sicht kam, welche Kurs auf Moresby nahm. Da kam also endlich der langersehnte Gouverneur! Die Expedition auf Tauben wurde sofort aufgegeben, und ich eilte an Bord zurück, um dort die Ankunft des Gouverneurs zu erwarten. Die kleine Yacht lief ein und vertäute sich an einer Boje, aber nichts regte sich, so dass ich schließlich einen Offizier absandte, um den Gouverneur zu ersuchen, sich bei mir einzufinden.

Die Verhandlungen mit diesem hatten zur Folge, dass zunächst prinzipiell eine auf drei Tage berechnete Expedition in das Innere des Landes, an den Laroki-Fluss, festgesetzt wurde; die Bestimmung der näheren Details erfolgte noch im Laufe des Abends an Bord der Yacht.

Links

  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 15.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Faust“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
8 × 29 =