Port Moresby auf Neu-Guinea, 14. Juni 1893

Eine dichte, dunkle Wolkenwand, aus welcher strichweise Regengüsse herniederströmten, verbarg am Morgen die Küste Neu-Guineas völlig, und wir vermochten daher, weil die Orientierung über das Fahrwasser vor Port Moresby angesichts der Unvollkommenheit der Seekarten dieses Gebietes ohnedies große Schwierigkeiten bietet, die äußerst schmale Passage in den Hafen erst anzulaufen, nachdem an der Küste orientierende Punkte in Sicht gekommen waren.

Die See erglänzte schon längst im Schimmer des strahlenden Tageslichtes, als endlich, gegen 8 Uhr morgens, das über der Küste lagernde Gewölk emporstieg und das Land erblicken ließ, dessen in weiter Ferne liegende Berge und Hügel mit sattem Grün bekleidet erschienen. Port Moresby selbst ist fast gänzlich von Kalksteinhügeln umgeben, deren baumlose Hänge vielfach mit hohem Gras bedeckt sind; kaum ein Fleckchen ebenen Landes ist ringsum zu sehen. Es war, im ganzen genommen, ein freundliches Bild, welches hier vor unseren Augen erstand; doch blieb es hinter den tropisch üppigen Veduten, welche uns die Salomon-Inseln geboten hatten, weit zurück.

Unsere Aufmerksamkeit wurde bald wieder durch Anderes, Näherliegendes in Anspruch genommen, nämlich durch die Schwierigkeiten der Passage. Der Hafen von Moresby ist gegen die offene See zu von einer langgestreckten, aus Korallen bestehenden Barriere begrenzt, die für größere Schiffe nur eine ganz schmale, beiderseits von Riffen begleitete Durchfahrt freilässt; mächtig schlug die Brandung an diese Korallenbänke, welche aus der Ferne schon durch die hellgrüne Färbung des angrenzenden Wassers kenntlich waren. Zu den Fährlichkeiten der Navigation in dieser Passage an und für sich gesellte sich ein neues Moment; denn seitdem die Wolkenwand geschwunden war, hatten wir die Sonne voll im Gesicht, daher wir, von ihr und dem glitzernden Wasser geblendet, die Einzelheiten der Passage nur undeutlich wahrzunehmen vermochten. Doch gelang es, allen Hindernissen zum Trotz, dem Kommandanten und dem vortrefflichen Navigationsoffizier der „Elisabeth“, diese um halb 11 Uhr morgens glücklich durch die Basilisk-Passage zu führen. Um 11 Uhr fiel endlich der Anker in Port Moresby.

Von Captain Moresby, dem Erforscher des südöstlichen Gebietes und der Südküste von Neu-Guinea, 1873 entdeckt und nach ihm benannt, ist Port Moresby gegenwärtig der Sitz der Administration Britisch Neu-Guineas, und wird von hier aus die der britischen Krone gehörende, Queensland unterstellte Kolonie durch einen besonderen Gouverneur verwaltet. Die Insel Neu-Guinea, einschließlich der Prinz Frederick-Insel, der Papua-Inseln, der Inseln des Louisiaden-Archipels und anderer Eilande ist heute unter drei Mächte geteilt. Den größten Teil dieser 807.956 km2 betragenden Fläche nimmt die niederländische Besitzung Westlich-Neu-Guinea mit 397.204 km2 ein; der nordöstliche Teil der Insel mit 181.650 km2 ist ein Schutzgebiet des Deutschen Reiches; über den südöstlichen Teil endlich, Britisch Neu-Guinea mit 229.102 km2, wurde im Jahre 1884 ein formelles Protektorat Englands verkündet und am 4. September 1888 in feierlicher Weise die Souveränität der Königin ausgesprochen. Die Grenzen dieser Besitzungen erscheinen nun zwar auf den Landkarten festgesetzt, die staatliche Verwaltung aber erstreckt sich vorläufig nur auf aliquote Teilchen des Gebietes, da Neu-Guinea, einige Küstenstriche, Flusstäler und Inseln ausgenommen, im ganzen und großen heute noch eine Terra incognita ist und es schon in geringer Entfernung von der Küste Eingeborenenstämme gibt, welche noch nie einen Weißen erblickt haben.

Der Hafen ist sehr geräumig, er zieht sich mit vielen, kleinen Buchten 9 km von Süd nach Nord ins Land und dehnt sich westlich bis Fairfax Harbour aus, bietet jedoch keinen guten Ankergrund. Im Nordosten der Küste steigt eine Bergkette auf, deren höchste Erhebung der Mount Astrolabe (1166 m) ist.

Port Moresby trägt völlig das Gepräge einer jungen Schöpfung und macht dabei einen ziemlich trübseligen Eindruck. Das Government House, ein kleines, ebenerdiges, auf einem Hügel postiertes Gebäude, ist von einer geringen Anzahl aus Wellblech erbauter, recht elender Bungalows, den Wohnhäusern der wenigen hier ansässigen Weißen, umgeben. Unweit davon, in einer geschützten Bucht, liegen drei von Eingeborenen bewohnte Dörfer, nämlich Elewara, auf einer zur Zeit der Flut vom Festland abgeschnittenen Halbinsel, dann Tanubada und Hanuabada. Oberhalb Tanubadas erheben sich die Häuser einer anglikanischen Missionsstation.

Bei unserer Ankunft war der ganze Außenhafen innerhalb des Barrier-Riffes, da die Eingeborenen eben auf den Fischfang auszogen, mit Kanus übersät, welche äußerst schmal, zum Teil mit Auslegern für die Ruder, durchwegs aber mit viereckigen, aus Strohmatten gebildeten Segeln versehen sind. Ungeachtet dieser höchst primitiven Ausrüstung lenkte die Bemannung die stark besetzten Kanus mit großer Geschicklichkeit rasch über die ziemlich bewegte See hin.

Neben uns lag ein kleines Kohlenschiff, welches wir von Sydney aus hieher dirigiert hatten, um unsere Heizvorräte zu ergänzen. Der Kapitän desselben kam sofort an Bord der „Elisabeth“ und berichtete, er sei etwa 80 Seemeilen vor Moresby auf ein Korallenriff aufgefahren, ohne jedoch wesentlichen Schaden erlitten zu haben, da es gelungen war, das Schiff nach Eintritt der Flut wieder frei zu machen. Auch überbrachte der Kapitän die Poststücke, welche bis zu seiner Abfahrt von Sydney dort für uns eingelaufen waren. Unter anderem enthielt diese Sendung auch Zeitungen mit Illustrationen der „Elisabeth“ und einiger Episoden unseres Aufenthaltes in Sydney — Bilder, deren manche darnach angetan waren, unsere Heiterkeit zu erregen.

Wer aber nicht an Bord kam, war der Gouverneur, Sir William Macgregor, den wir lebhaft herbeisehnten, da nur er die von uns projektierte Expedition nach dem Innern der Insel ins Werk setzen konnte. Endlich erschien jedoch in Vertretung desselben der Hafenmeister und meldete, Sir W. Macgregor habe sich auf seiner Dampf-Yacht tagszuvor nach Yule Island, etwa 80 Seemeilen nordwestlich von hier, begeben, um Besitzstreitigkeiten zwischen der dort befindlichen Missionsstation und den Eingeborenen zu schlichten, und werde voraussichtlich entweder noch heute abends oder den nächsten Morgen nach Moresby zurückkehren. So fassten wir uns denn in Geduld und beschlossen, das Eintreffen des Gouverneurs abzuwarten.
Betreffs eines Ausfluges in das Innere des Landes vermochte uns der Hafenmeister allerdings nur mangelhaft zu orientieren, doch erklärte er sich schließlich bereit, uns nachmittags in eine der nahe gelegenen Buchten führen zu wollen. Hinsichtlich ethnographischer Objekte wies mich derselbe an das einzige Handelshaus der Ansiedlung, welches solche Dinge sammle, und tatsächlich fanden sich hier eine reichhaltige Kollektion schöner Schilde, Speere und anderer Waffen sowie Bälge von allerlei Arten der auf Neu-Guinea bekanntlich einheimischen Paradiesvögel vor. Ich brachte diese Sammlung an mich und stieß dann mit der Barkasse, dem Jollboot und der kleinen Putzjolle unverzüglich wieder vom Land ab, um den Hafen der Länge nach zu durchfahren und in die nördlichste, zwischen dem Festland und der Insel Tatana gelegene Bucht zu gelangen.

An dem Ufer von Tatana erblickten wir zwei größere Dörfer, deren Hütten auf Pfählen hoch über dem Wasser errichtet waren.

Das Landen in der Bucht stieß wegen der inzwischen eingetretenen starken Ebbe auf große Schwierigkeiten. Die Dampfbarkasse musste bald stoppen, worauf wir versuchten, uns mit dem Jollboote der Küste zu nähern, aber binnen kurzem auf Korallenriffen festsaßen, so dass nun die Putzjolle an die Reihe kam. Als auch diese nicht von der Stelle rückte, mussten wir uns bequemen, in das Wasser zu springen und an das Ufer zu waten; hier trafen wir in der Nähe einer kleinen Ansiedlung auf einen daselbst ansässigen malayischen Händler, welcher sich willig zeigte, uns an Stellen zu führen, wo Aussicht sei, Vögel zu erbeuten.

Wir formierten zwei Abteilungen: ich drang mit Clam und dem Malayen in westlicher Richtung vor, während Wurmbrand und Prónay, von einem Papua geführt, gegen die im Norden befindlichen Hügel zogen. Der Weg war sehr beschwerlich; denn hohes Gras wechselte mit kleinen Gruppen von Bäumen und Gebüschen ab, in dem Gras aber lagen zahlreiche morsche Stämme umher.

Sobald die Regenzeit beendet ist und das Gras abzusterben beginnt, zünden die Eingeborenen dieses an, stellen Netze vor und fangen auf diese Weise die vor dem Feuer flüchtenden Wallabies und Wildschweine; natürlich leidet dadurch der Baumwuchs in so hohem Maße, dass eine üppige Entwickelung desselben nur an den Wasserläufen der Täler stattfindet

Die Angabe des Hafenmeisters, dass die Umgebung von Port Moresby kein Haarwild und auch nur wenige Vogelarten aufweise, überdies von den Eingeborenen sowie von Sammlern stark ausgeplündert sei, bewahrheitete sich völlig; unsere Ausbeute betrug nur wenige unbedeutende Exemplare. Überdies schien unser Führer, der Malaye, wenig Interesse für diese Art Sport zu hegen, da er uns immer im Kreis spazieren führte und wiederholt erklärte, dass man viele Meilen weit ins Innere der Insel dringen müsse, um Erfolg zu haben. Die anderen Herren waren etwas glücklicher als wir, da sie Papageien einer mir noch neuen Art (Geoffroyus aruensis) zur Strecke brachten.

Dieser Malaye, dessen Haus wir besahen, soll ein sehr wohlhabender Mann sein, der die Küsten Neu-Guineas in kleinen Segelbooten befährt und gegen Tabak von den Eingeborenen Kokosnüsse, Sandelholz sowie andere Producte eintauscht, welche er an die in Port Moresby einlaufenden Schiffe verkauft.

Der Südostmonsun hatte stark aufgefrischt, ja sogar im Hafen war der Seegang so bedeutend, dass wir See um See in das Boot bekamen.

An Bord wurde uns die Nachricht zutheil, dass der Gouverneur Macgregor noch nicht eingetroffen sei, und es hieß daher neuerdings geduldig warten.

Links

  • Ort: Port Moresby, Neu Guinea
  • ANNO – am 14.06.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Die Tochter des Hern Fabricius“, während das k.u.k. Hof-Operntheater vom 1. Juni bis 19. Juli geschlossen bleibt.

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