Port Said, 20 Dezember 1892

Morgens kam das Leuchtfeuer von Damietta in Sicht. Als wir uns Port Said genähert hatten und die Umrisse der Stadt bereits am Horizonte erkennbar waren, erschien der Lotse, welcher die „Elisabeth“ in den Hafen führte. Wir salutierten die ägyptische Flagge mit 21 Schüssen, worauf eine Landbatterie den Salut erwiderte. Die ägyptischen Artilleristen sahen in ihren englisch geschnittenen Uniformen, schwarz mit roten Lampassen, recht Schmuck aus.

Flagge des Khedive von Ägypten (1881-1914); Quelle: Wikicommons

Flagge des Khedive von Ägypten (1881-1914); Quelle: Wikicommons

In der Nähe unseres Konsulates kamen wir knapp vor einem großen englischen Ostindienfahrer an die Boje. Im Hafen lagen ein englisches Kanonenboot und verschiedene große, zumeist englische Dampfer, welche so rasch als möglich Kohle machten, um dann die Fahrt durch den Suez-Kanal unverzüglich fortzusetzen. Port Said ist überhaupt ein Hafen, in dem sich kein Schiff länger aufhält, als unumgänglich nötig; Kohlen- und Proviantvorräte werden ergänzt, die Post wird aufgegeben, der Pilot eingeschifft und dann geht es dem weiteren Ziele zu. Bei unserer Ankunft tummelten sich auf dem Quai alle möglichen Gestalten umher, welche die Ankunft des mächtigen Kriegsschiffes sehr zu interessieren schien — englische Offiziere, Matrosen, Araber, Fellahs, Inder, Juden und Reisende der Ostindienfahrer.

Unser Konsul, sowie Generalkonsul Baron Heidler, der von Kairo herbeigekommen war, begrüßten mich. Letzterer meldete, dass der Khedive, obgleich ich im strengsten Incognito reiste, sich nicht versagen könne, in Erinnerung an die freundliche Aufnahme, die er seinerzeit in Wien gefunden, seinen Oheim und zugleich Generaladjutanten, Prinzen Fuad Pascha, zu meiner Begrüßung zu entsenden. Kaum hatte ich mich in Gala geworfen, so kam auch schon, von der ägyptischen Hymne begrüßt, der Prinz an Bord, um mich im Namen des Khedives im Reich der Pharaonen willkommen zu heißen. Prinz Fuad Pascha ist durch vollendete Umgangsformen und gründliche europäische Bildung ausgezeichnet. Ich unterhielt mich längere Zeit mit ihm und erwiderte dann seinen Besuch im Hotel.

Der Rest des Tages sollte zu einer Jagdexpedition nach dem Menzaleh-See, arrangiert vom Konsul und von dem Pascha von Port Said, verwendet werden. Ich gestehe offen, dass ich wenig Vertrauen in den Erfolg dieses Unternehmens setzte, da derartige, unter ausgiebiger Mitwirkung von Eingeborenen abgehaltene Jagden gewöhnlich mit einem großen Aufwand von Geschrei und Bakschisch, aber mit einer sehr geringen Jagdbeute verbunden sind. Ich habe in dieser Richtung bei meiner ersten Reise nach dem Orient viele Erfahrungen gesammelt. Glücklicherweise sollte ich diesmal angenehm enttäuscht werden.

Das Galaboot brachte uns rasch eine Strecke weit in den Kanal, wo uns der Pascha und eine große Anzahl Vorsteher der um den Menzaleh-See liegenden Gemeinden — schöne, kräftige Gestatten im faltenreichen, farbigen Burnus — empfingen. Der gute Pascha machte eine ziemlich süßsaure Miene und befand sich in höchst gedrückter Stimmung: die Leitung dieser Jagd bildete den letzten Akt seiner Amtstätigkeit, die wegen einer oft als orientalisch bezeichneten Auffassung von „Soll“ und „Haben“ in den Verrechnungen ein jähes Ende gefunden haben soll.

Drei Barken lagen am Ufer des Sees bereit und alsbald waren wir von einem Schwarm Eingeborener umlagert, welche uns die wenigen Schritte zu den Barken tragen wollten. Vier geflügelte Flamingos führten bei einer kleinen Hütte ein beschauliches Dasein und wurden, sobald sie einen Fluchtversuch unternahmen, von einem kleinen Jungen zurückgetrieben. Zu meinem größten Erstaunen packte plötzlich ein Eingeborener diese Flamingos und nahm sie auf die eine der Barken mit, wie es schien, um sie als Lockvögel zu verwenden.

Unter großem Geschrei der Eingeborenen wurden wir endlich in die Barken verteilt, wobei jedoch die Unterbringung des Paschas mit seinem ganzen Trosse Schwierigkeiten bereitete; denn auf den Schultern zweier Araber reitend, wanderte er von einem Boote zum andern, bis er endlich in jenem des Konsuls Aufnahme fand. Der Konsular-Kawass Ahmed, der schon in meiner ersten Orientreise in meinem Gefolge ganz Palästina und Syrien durchzogen hatte, diente mir als Dolmetsch. Nach vielem Lärmen und Fluchen wurden wir schließlich flott. In der ersten Barke saßen ich und Wurmbrand, in der zweiten Clam und Prónay; die Nachhut bildeten die beiden Herren vom Konsularkorps, der Pascha und das übrige Jagdgefolge.

In weiter Ferne, schon ganz am Horizonte, sahen wir viele Hundert Flamingos, welche, im seichten Brackwasser stehend, in langen Linien weithin rosenrot leuchteten. Eine solche Kette von Flamingos bietet dem Jäger, wie dem Ornithologen einen prächtigen Anblick, Zuerst nimmt das Auge nur einen lichtrosenroten, langgestreckten Streifen wahr, bis der Beobachter, näher herangekommen, immer deutlicher die einzelnen Exemplare, den langen, meist S-förmig gebogenen Hals, die hohen Ständer und den geschmeidigen Leib, die purpurrot gefärbten Männchen, die viel lichteren Weibchen und die jungen Tiere unterscheidet. Steht ein ganzer Schwarm dieser herrlichen Vögel mit sturmähnlichem Sausen auf, um abzustreichen, so ist das Bild noch viel fesselnder, da die Flamingos im Flug den langen Hals und die Ständer waagrecht ausgestreckt halten und das unter den Flügeldecken befindliche, intensiv gefärbte Gefieder mehr zur Geltung kommt. Ein solcher Zug gleicht einer rötlichen Wolke. Außer den Flamingos schwammen auf dem Wasserspiegel noch zahlreiche Schwärme von Blässhühnern, Lappentauchern, Tafel-, Moor- und Spießenten: einzelne Flüge von Strandläufern eilten vorbei und Weihen, sowie Falken stießen in graziösem Flug auf die Entenschwärme herab, die in schleuniger Flucht ihr Heil suchten.

Vorerst trachtete ich den nächststehenden Trupp Flamingos anzufahren. Wir kauerten uns ganz in das Boot nieder, während uns zwei Eingeborene, im Wasser watend, vor sich herschoben. Stutzen und Schrotgewehr liegen bereit; mit ängstlichster Aufmerksamkeit langsam vorwärts rückend, beobachten wir die ersten Flamingos, die wie Vedetten vor dem großen Truppe stehen. Endlich kommt Unruhe in die Gesellschaft; alle Hälse strecken sich: die vordersten Vögel laufen einige Schritte vor und erheben sich mit schwerem Flügelschlag. Jetzt ist es höchste Zeit. Obgleich wir erst auf ungefähr 180 Schritte herangekommen sind, versuche ich einen Kugelschuss, der, leider zu kurz, einen Flamingo ständert, ihn aber nicht herabbringt. Mit großem Getöse hebt sich jetzt der Schwarm in die Lüfte und streicht in langer Linie ab. In diesem Momente sehe ich auf gut 300 Schritte einen einzelnen, schönen alten Hahn hoch in der Luft vorbeistreichen und wage, ohne jede Hoffnung auf Erfolg, wohl 1 m weit vorhaltend, einen Kugelschuss. Wie vom Blitz getroffen stürzt der Flamingo mitten durch die Brust geschossen ins Wasser, aus dem zu meiner großen Freude ein Araber das prächtige Exemplar apportiert. um es grinsend in das Boot zu reichen. Noch zweimal versuchten wir die scheuen Tiere anzufahren; einmal mit zwei Booten zugleich, wobei eine Salve abgegeben wurde, die Wurmbrand und Clam je einen Flamingo brachte. Dann hoben sich die Vögel in unerreichbare Höhen; alle Schwärme stießen zusammen und zogen in östlicher Richtung über den Kanal fort.

Nun beschäftigten wir uns noch mit dem übrigen Wasserwild, erlegten mehrere Enten und Taucher und kehrten dann, da die Sonne im Untergehen begriffen war, ans Land zurück, wo wir uns von dem trübseligen Pascha verabschiedeten und an Bord der „Elisabeth“ fuhren.

Vor dem Diner unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang in dem nichts weniger als anziehenden Port Said und besorgten einige Einkäufe, welche sich größtenteils aus Zigaretten und verschiedenen orientalischen Gegenständen zusammensetzten. Eigentümlich ist die Kaufmanie, die den Reisenden in fremden Ländern so leicht erfasst. Er fühlt sich gedrängt, jede Kleinigkeit, ob schön, ob hässlich, mitunter sogar argen Tand zu erworben, nur um etwas für den betreffenden Ort Charakteristisches heimzubringen, als gelte es, sich über den Besuch fremder Länder handgreiflich auszuweisen. So erging es auch uns schon in Port Said, wo wir unserer Kauflust die Zügel schießen ließen. Mit den nutzlosesten, weit über ihren Wert hinaus bezahlten Dingen beschwert, verließen wir die Basars und füllten unsere ohnehin nicht an Raumverschwendung leidenden Kabinen mit dem erworbenen Kram.

Links

  • Ort: Port Said, Ägypten
  • ANNO – am 20.12.1892 in Österreichs Presse. Das Bregenzer Tagsblatt ist über die zunehmenden Diamantendiebstähle beunruhigt. Das Linzer Volksblatt freut sich, dass in Steyr eine elektrische Anlage installiert wird, da die Bevölkerung 3000 Glühlampen angemeldet hat. Dazu kommen weitere 3000 Glühlampen von der lokalen Waffenfabrik.
  • Das k.u.k Hoftheater gibt Goethes Faust, Teil I.

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