Sindangbarang — Tjipandak, 19. April 1893

Eine Folge des uns wenig willkommenen Ramelanfestes war leider, dass wir am Morgen unsere Pferde absolut nicht bekommen konnten und weder Pferdewärter, noch Kulis, noch Dorfälteste zu finden waren; alles ergab sich nach den Freuden des gestrigen Tages noch der Ruhe und wir wurden, obgleich um halb 5 Uhr morgens bereit, doch erst gegen 6 Uhr in Sindangbarang flott. Schlaftrunken bewegte sich die Karawane dem Meere zu.

Der Ritt in dem weichen Sand der Düne war dadurch reizvoll, dass uns die vorgeschriebene Route beinahe unausgesetzt längs der Küste führte, und wir so das weite, blaue Meer mit seinen mächtigen, ans Ufer anprallenden Wogen zur Rechten, die grünen Hügel der Küste zur Linken hatten. Der Morgen war vor Sonnenaufgang angenehm kühl, und zudem erfrischte uns und unsere Pferde der feine Wasserstaub, den die Brandung aufwarf; nach zwei Stunden nahm die Flut immer mehr zu und oft schlugen die Ausläufer der Wellen unter den Füßen unserer Pferde durch. Die gewaltige Brandung an der Südküste Javas, an die sich die riesigen Wogen der offenen See heranwälzen, um sich hier an einem unüberwindlichen Walle schäumend zu brechen, ist eines jener erhabenen Naturbilder, welche das Auge nicht müde wird zu schauen, welche das Gedächtnis auf immer dar bewahrt. Gewaltig, unermesslich, heilig ist die Macht der Elemente; wie schwach und klein dagegen der Mensch!

Tausende von Krabben liefen auf dem warmen Sand hin und her, auf dem wir große Stücke porösen Bimssteines fanden, welche von der See ausgeworfen, vom Ausbruch des Krakatau im Jahre 1883 herrühren sollen.

Bei dem Kadaver eines gefallenen Pferdes beobachtete ich einen Seeadler mit ganz weißer Brust und gleichfarbigem Kopf: später sah ich ein zweites Exemplar auf einer dürren Palme sitzen.

An einer Stelle verwehrten Felsen den Pfad an dem Strand, so dass wir mit einem Umweg tiefer ins Uferland zogen; doch auch hier stellte sich uns noch manches Hindernis entgegen, vor allem der ziemlich breite Tji Udjong (Oedjong), der sich in solchen Windungen fortbewegte, dass wir ihn auf einer ganz kurzen Strecke dreimal überqueren mussten; das erste Mal mittels einer improvisierten Fähre, auf welcher auch die Pferde einzeln verladen wurden; die beiden anderen Mal watend, wobei wir ziemlich tief ins Wasser kamen. Ein besonders störrisches Pony sprang von der Fähre in den Strom, schwamm aber lustig an das andere Ufer, so dass dieses Intermezzo keinen anderen Nachteil hatte, als dass der Reiter des Pony sich in einen von Wasser triefenden Sattel setzen musste.

Das Durchwaten des Flusses bot zumal bei der Tiefe des Wassers ein hübsches Bild: als erster ritt stets der ortskundige Führer hindurch; dann folgte ich auf meiner Schimmelstute, die sich übrigens im Wasser sehr vernünftig benahm, hierauf kamen die anderen Herren und zum Schluss der Jägertross auf den Ponys, die sich teils schwimmend, teils strampelnd fortbewegten und manchmal nur mehr den Kopf außer Wasser hatten.

Wir wurden zwar bei jedem derartigen Übergang ganz durchnässt, betrachteten dies jedoch als angenehmes Bad, da große Hitze herrschte; die Sonne meinte es recht gut, senkrecht sandte sie ihre sengenden Strahlen auf uns herab. Das war heute einmal eine der äquatorialen Zone würdige Temperatur!

Abermals am Gestade des Meeres, bogen wir endlich nach einem Ritt von 20 km nach Norden und standen dann binnen kurzem vor dem Camp in Tjipandak, das uns die nächsten Tage über beherbergen sollte. Etwas Wohnlicheres und Gemütlicheres konnte man nicht finden, und mit lauten Ausrufen der Freude und des Entzückens begrüßten wir Herrn Borrel, einen Freund Kerkhovens, der einige Tage vor uns hieher geeilt war, um dieses Lager zu schaffen. An dem Ufer des blau schimmernden Tji Pandak, der einem Gebirgsstrom ähnlich rauscht, lagen zwischen grünen Bäumen die Hütten, welche aufs luftigste ganz aus Bambus gebaut waren, während Palmenblätter die Wände und das Dach bildeten. In der Mitte des Camp stand auf Pfählen unter einem Palmendach eine Art Plattform, die uns als Speiseraum dienen sollte, rechts davon befand sich meine Behausung, links jene der Herren meiner Suite; im Hintergrund lagen Hütten, welche für Hodek und die Diener bestimmt waren. Für die Pferde war durch offene Ställe vorgesorgt. Vor dem Camp erhob sich im Wasser eine kleine Hütte, um das Baden auch im Sonnenbrand zu ermöglichen, ohne dass man Gefahr lief, vom Sonnenstich getroffen zu werden.

Das war alles, aber auch das Richtige für ein Lager im Urwald. Herr Borrel hatte mit vollem Verständnis für die Sachlage den klimatischen und lokalen Verhältnissen Rechnung getragen und jeden unnötigen Komfort bei Seite gelassen; man konnte hier eigentlich ganz im Freien leben, war aber gegen die Sonne doch geschützt und genoss in der Nacht, insbesondere dank der Nähe des Flusses, angenehme Erfrischung.

So gedenken wir denn in unserem kleinen Tal, von der Welt abgeschnitten, in wahrhaft idyllischer Weise zu leben; die Stunden, die nicht der Jagd gewidmet sind, wollen wir plaudernd und ruhend in der Speisehütte verbringen, um ab und zu in die Fluten des Gebirgsflusses zu tauchen, der mit seinem klaren, kühlen Wasser ein köstliches Bad spenden und uns laben soll; da soll uns keine Post, kein Telegraph, keine schnaubende Lokomotive die wohltuende Ruhe stören. Sei mir gegrüßt, jungfräuliche Natur, die du uns hier lieblich umfängst! Heute noch sollte gejagt werden. Das Ziel meiner Wünsche war nämlich, einen Banteng zu erlegen und dessen prachtvoll gehörnten Kopf als Trophäe heimzuführen. Stellt doch der auf den indischen Inseln, dann in Siam und Birma in Herden lebende Banteng (Bos sondaicus) die größte aller Arten des wilden Rindes der Jetztzeit dar. Herr Borrel meldete, dass alles bereit sei und stellte sich auf einem Sandelhout-Pony als Führer an die Spitze des Zuges. In der Nähe des Lagers waren ganz frische Fährten von Bantengs gefunden worden, und so sollten denn dort zwei Triebe gemacht werden. Der Weg zum Platz war für die Pferde abermals sehr anstrengend, da wir sehr steile Lehnen zu passieren hatten und den Fluss an drei Stellen durchwaten mussten; die ersten beiden Übergänge gingen ganz gut vonstatten; beim letzten aber kamen wir so tief in das reißende Wasser, dass die kleinen Pferde nur mit Mühe hindurchkamen.

Die Gegend, in der wir jagen wollten, trug einen anderen Charakter als jene, die wir bisher durchzogen hatten. Die Formation war allerdings dieselbe; doch war hier das von Tälern durchschnittene und von Schluchten erfüllte Höhenland nicht mehr gleichförmig mit Wald bedeckt, sondern wies zwischen vereinzelten Waldstreifen ausgedehnte, mit Alanggras bewachsene, grüne Flächen auf; offenbar hatten hier vor Zeiten große Waldbrände gewütet und den Boden an zahlreichen Stellen freigelegt.

Dieser Landstrich bildet den Lieblingsaufenthalt der Bantengs. welche tagsüber in den Dickungen der Wälder weilen, gegen Abend jedoch auf jene Stellen hinausziehen, wo das Alanggras junge Triebe zur Äsung bietet. Die einzig mögliche Art, hier auf Bantengs zu jagen, ist das Treiben, da an ein Pürschen in den undurchdringlichen Dickungen nicht zu denken ist. Nach Ablauf der Regenzeit, also anfangs Mai, zünden die Eingeborenen all die trockenen Alangflächen an, so dass dann das Wild in einer Waldparzelle leicht abzuspüren und zu bestätigen ist, und Triebe sofort unternommen werden können. Leider fiel meine Anwesenheit auf Java noch in die Regenzeit, weshalb denn das Jagen zu dieser Zeit überall durch den hohen Stand des noch grünenden Alanggrases ungemein erschwert war. Das Abspüren von Wild war fast unmöglich und selbst Wild, welches aus der Dickung hervorbrach, in dem hohen, dichten Gras nur in der Entfernung weniger Schritte sichtbar — stand doch das Alanggras an vielen Stellen so hoch, dass in ihm nicht einmal ein Pferd gesehen werden konnte, ja die Spitzen der Grashalme mitunter sogar über den Kopf des Reiters hinaus emporragten.

Die Triebe auf Bantengs werden in der gegenwärtigen Epoche auf folgende Weise durchgeführt: die Treiber umstellen eine Dickung und bilden eigentlich nur Abwehren, indem sie nach dem Hebschuss mit ihren Bambusklappern kolossalen Lärm verursachen, während einzelne Jäger auf den Wechseln eindringen und, sobald sie eine Fährte gefunden haben, die Hunde lösen, worauf diese alsbald Laut geben und das Wild auftreiben. Ist nun diese Methode nicht von Erfolg begleitet, so werden, soweit möglich, auch die Wehren zum Vorgehen beordert, was jedoch bei der in den südlichen Gegenden allüblichen Art zu jagen, mit wenig Erfolg geschieht.

Unordnung, Lässigkeit und Zeitversplitterung seitens der Treiber machten sich leider auch heute recht bemerkbar; bei systematischem, korrektem Treiben müsste es meiner Ansicht nach nicht allzu schwer fallen, Bantengs zu erbeuten. Allerdings würde dann diese seltene Spezies bald ausgestorben sein; denn offenbar ist es nur der Mangelhaftigkeit des Jagdbetriebes zu verdanken, dass heute so mächtige wilde Rinder überhaupt noch nicht völlig ausgerottet sind.
Als oberster Leiter unserer Jagden fungierte ein mohammedanischer Priester (Hadschi), der hier als der tüchtigste Sachkundige in Jagdangelegenheiten gilt und sich auch nach Kräften der Sache angenommen hatte.

Der erste Trieb war zu Ende gegangen und völlig resultatlos verlaufen. Ursprünglich bestand die Absicht, dem ersten Triebe einen zweiten folgen zu lassen, doch glaubte Herr Kerkhoven davon absehen zu sollen, da in dem Trieb Wild bereits flüchtig gespürt worden war, so dass keine Hoffnung bestand, bei einem neuerlichen Versuche besseren Erfolg zu erzielen. So kehrten wir denn, den Fluss wieder dreimal überquerend, in unsere Palmenhütten heim, wo unser ein von einem javanischen Kochkünstler bereitetes Mahl wartete, nach dessen Beendigung wir zu früher Nachtstunde unser Lager aufsuchten.

Ich schlief bereits fest, als ich plötzlich durch lautes Geräusch geweckt wurde, da in unmittelbarer Nähe meines Lagers eine Tierstimme ertönte. Aufspringend wurde ich des Tieres, dessen Laute mich so jäh geweckt hatten, alsbald gewahr. Es war ein Gecko, eine jener großen Eidechsen, deren brüllender Ruf dem Neuling wohl den Glauben beibringen kann, es schreie ein großes Tier. Der Feuerschein einiger Zündhölzchen, die ich rasch in Brand gesetzt hatte, verscheuchte den Störefried, welcher in dieser Nacht nicht wieder zum Vorschein kam.

Links

  • Ort: Tji Pandak, Indonesien
  • ANNO – am 19.04.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Der fliegende Holländer“ aufführt.

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