Singapur, 6. April 1893

Gegen 5 Uhr morgens wurde ich durch ein heftiges Gewitter geweckt, das sich mit Vehemenz entlud. Ein Donnerschlag folgte dem andern; der Regen fiel so dicht, dass man selbst auf wenige Schritte keinen Auslug hatte und der Kommandant sich bestimmt sah, bei Alligator Island, unter dem Leuchtfeuer von Raffles Island, vor Anker zu gehen. Da unter solchen Umständen an Schlafen nicht mehr zu denken war, stieg ich auf die Brücke und genoss, mitten im strömenden Regen, das elementare Schauspiel. Eine halbe Stunde später ließ die Böe nach und bald schimmerte der blaue Himmel hervor, so dass wir die Fahrt fortsetzen konnten.

In weiter Ferne sah man rechts die Umrisse von Sumatra, während uns links die Halbinsel Malakka und kleine Inseln begleiteten. Endlich tauchten im Frühnebel die Signalstation, einige Schiffe und dann nach und nach die größeren Gebäude von Singapur auf. Der Lotse kam an Bord und führte uns auf die Rhede, wo wir ungefähr 1,5 Meilen weit vom Land Anker warfen.
Gleich darauf erschien in Vertretung unseres, auf Urlaub befindlichen Konsuls der belgische Generalkonsul, M. J. de Bernard de Fauconval, mit der Meldung, dass in Singapur die Cholera ziemlich heftig aufgetreten sei, dass diese tückische Krankheit sich auch schon unter den Europäern Opfer ausersehen habe und endlich, dass beim Sultan von Dschohor keine größeren Jagden abgehalten werden könnten, da der Herrscher selbst nach Karlsbad verreist und auch die Saison nicht als günstig zu bezeichnen sei.

Ich hatte ursprünglich die Absicht, einige Tage in Dschohor zuzubringen, da mir die Gastfreundschaft und die vorzüglichen Jagdgebiete des Sultans oft gerühmt worden waren, entschloss mich aber angesichts all dieser Hiobsposten notgedrungen, in Singapur nur so lange zu verweilen, als erforderlich ist, um die Stadt und deren Umgebung kennen zu lernen, um einen Ausflug nach dem nahen Dschohor zu unternehmen, sowie um Kohlen einzuschiffen, und dann gleich nach Batavia weiterzufahren.

Nun begann eine Reihe von Besuchen. Vor allem kam der Gouverneur der Straits Settlements, Sir Cecil Clementi Smith, und nach ihm der Kommandant der siamesischen Yacht »Ubon Burathid«. Diesem gab als Dolmetsch ein Bekannter aus Wien, eine ständige Figur der Ringstraße und der Freudenauer Rennen, der Siamese Nai Glinn, das Geleit, welcher durch längere Zeit als Leutnant dem 7. Dragonerregiment zugeteilt gewesen und vor kurzem in seine Heimat zurückgekehrt war, um dieselbe, wie er mir sagte, bald wieder mit der Bestimmung als Militär-Attaché nach Berlin zu verlassen. Ich war recht erfreut, Nai Glinn — er bekleidet jetzt den Rang eines Kapitäns und führt den Namen Luang Salyooth — wiederzusehen. In voller Parade, als Leutnant der Lothringen-Dragoner, erschien er, um Bescheid zu holen, wann ich den zu meiner Begrüßung nach Singapur entsandten Halbbruder des Königs von Siam empfangen würde.

Mit dem niederländischen Generalkonsul, G. Lavino, setzte ich nach langen Verhandlungen das Programm für den Aufenthalt in Java fest, welches derselbe sofort in telegraphischem Wege nach Batavia bekannt gab.

Unmittelbar darauf empfing ich den Halbbruder des regierenden Königs von Siam, Prinzen Bidyalab Briddhi Dhata, der vor drei Tagen auf der Yacht »Ubon Burathid« eingelaufen war. Der Prinz, welcher sich durch intelligenten Gesichtsausdruck auszeichnet, erschien mit großem Gefolge von Würdenträgern, worunter sich ein Vetter des Königs, Prinz Prabakorn, und nebst Freund Nai Glinn auch Kapitän Mom Radschawongse Krob befanden, welch letzterer vor drei Jahren dem 11. Husarenregiment in Wien als Lieutenant zugeteilt war. In meiner Kajüte, woselbst mir Prinz Bidyalab ein Schreiben des Königs überreichte, entspann sich eine längere, durch Nai Glinn verdolmetschte Konversation.

Die Sendung des Prinzen verfolgte hauptsächlich den Zweck, mich zu bestimmen, direkt von Singapur nach Siam zu kommen und die Reise nach Java, sowie nach Australien einem späteren Zeitpunkt vorzubehalten, da sonst der herannahenden Regenzeit wegen die Jagden und namentlich der Fang von Elephanten in Frage gestellt wären. Zu meinem Leidwesen musste ich mich jedoch darauf beschränken, durch den Prinzen dem König meinen Dank, sowie mein Bedauern darüber aussprechen zu lassen, dass ich die Reiseroute im gegenwärtigen Zeitpunkt nicht zu ändern vermöchte. Der Prinz schien über das Scheitern seiner diplomatischen Mission nicht eben erfreut zu sein und verließ nach Austausch einiger Höflichkeiten unter dem Donner der Geschütze, sowie unter den Klängen der siamesischen Hymne das Schiff.

Ich fuhr sonach an Bord der Yacht des Prinzen, traf aber weder ihn, noch einen der Offiziere, sondern nur einen siamesischen Unteroffizier an, der nicht verstand, was wir wollten.

Nachmittags setzte mich unsere Barkasse ans Land, um die Stadt Singapur zu besichtigen. Singapur, „die Löwenstadt“, heute eine Großstadt und der Kreuzungspunkt der wichtigsten Schifffahrtslinien des Indischen wie des Stillen Ozeans, ist rasch zu der Bedeutung gelangt, welche es als Zentrum des Transithandels zwischen Australien, Ostasien, Polynesien, Indien einerseits und Europa andererseits besitzt.

Nach der Rückgabe Javas an die Holländer (1815) wendeten die Engländer, darauf bedacht, einen Ersatz für jenen herrlichen Besitz zu finden, ihre Blicke nach der Südspitze des asiatischen Festlandes, nach dem Fußpunkte der Halbinsel Malakka, welcher von ihnen in strategischer wie kommerzieller Hinsicht mit Recht als überaus günstig betrachtet wurde. Zunächst erwirkte Sir Thomas Stamford Raffles, vormals Statthalter der Englisch-ostindischen Compagnie auf Java, im Jahre 1819 von der Regierung des Sultanats Dschohor die Bewilligung, auf der Insel Singapur britische Niederlassungen zu gründen. 1824 ging die Insel durch Kauf in den Besitz der Englisch-ostindischen Compagnie, 1867 durch einen neuen Vertrag in das Eigentum der britischen Krone über.

Die Insel Singapur, welche 43 km lang und 23 km breit ist, und zu deren Bereich noch etwa 70 kleine Eilande gehören, ist von dem Festland, der das Sultanat Dschohor darstellenden Südspitze der malayischen Halbinsel, durch eine Wasserstraße, Salat Tabras, getrennt, welche, im Durchschnitte 1 bis 1,5 km breit, die nördliche Hälfte des Eilandes in der Form eines Halbkreises von etwa 55 km Länge umfangt. Derart dem gegenüberliegenden Festland ganz nahe, hat die Insel mit diesem auch die geologische Struktur gemein. Sandstein und Granit bilden das Gerüste, fruchtbare Alluvien die Decke der Insel. Von Bächen durchzogenes Hügelland wechselt hier mit Flächen ab, welche. einst mit Urwäldern und Sümpfen bedeckt, sich heute zum größten Teile in Kulturländereien verwandelt haben. Auf den einstigen Sumpf- und Urwaldböden gedeihen nun, im Schoße üppiger Vegetation, tropische Feld- und Baumfrüchte in solcher Fülle, dass Singapur seinen malayischen Namen „Tamsak“, das ist „Liebesgarten“, mit vollstem Recht tragen darf.

Aus Sümpfen auch hat sich die Stadt Singapur erhoben, welche die Engländer im Jahre 1819 an der Südostküste der Insel an der Stelle des uralten, im Laufe der Zeiten zum ärmlichen Fischerdorf herabgesunkenen Singhapura angelegt haben. Zum Freihafen erklärt und rasch bevölkert, blühte die neue Stadt, dank ihren vortrefflichen Ankerplätzen und der unvergleichlichen geographischen, wie kommerziellen Lage, rasch empor; um so rascher, als es den an ihren weitaus blickenden Bestrebungen beharrlich festhaltenden Engländern gelungen ist, im Laufe der Zeiten und Dinge einen bedeutenden Teil, etwa drei Fünftel der malayischen Halbinsel, teils als Schutzstaaten, teils als unmittelbare Besitzungen, letztere unter dem Namen Straits Settlements, ihrem Machtgebiete einzuverleiben.

Die malayischen .Schutzstaaten, zu welchen auch das als souverän anerkannte Sultanat Dschohor gehört, umfassen 86.000 km2 mit 605.000 Einwohnern. Die unmittelbaren Besitzungen, nämlich die Inseln Penang und Singapur, sowie einige auf der malayischen Halbinsel gelegene Gebiete messen 3998 km2 und zählen 512.342 Einwohner. Davon entfallen auf die Insel Singapur allein 555 km2 und 184.554 Einwohner, so dass dieses im Jahre 1819 nur von wenigen Fischerfamilien besiedelte und als Zufluchtsort malayischer Piraten berüchtigte Eiland heute 333 Einwohner per Quadratkilometer aufweist — gewiss eine großartige Entwicklung!

Die Straits Settlements stehen unter einem Gouverneur, welcher, zugleich Oberbefehlshaber der Truppen und Chef des Admiralitätsgerichtes, auch die Beziehungen Englands zu den Schutzstaaten wahrzunehmen hat. Seine Residenz ist Singapur.

Für die kommerzielle Bedeutung Singapurs, dem ja der Löwenanteil des Verkehrs zufällt, sprechen folgende Ziffern: Im Jahre 1891 betrug der Wert der Einfuhr 254,182.631 fl. ö. W., jener der Ausfuhr 226,332.632 fl. ö. W. In demselben Jahre betrug die Anzahl der einlaufenden Hochseeschiffe 4184 mit 3,324.680 t und jene der Küstenfahrzeuge 7293 mit 260.672 t. In der Tat herrschte auch bei unserer Ankunft in der alten Rhede, an den Ankerplätzen für kleine wie für große Schiffe, im neuen Hafen mit seinen Docks und Anlegeplätzen, an den Quais und an den Landungsbrücken das regste Leben. Insbesondere bot der Neue Hafen, New Harbour, in dem einerseits von der Insel Singapur, andererseits von den Inseln Blakan-Mati und Ayerbrani gebildeten Kanale mit den Etablissements der Peninsular and Oriental Steam Navigation Company und den Docks, welche eine Wassertiefe bis zu 6 m besitzen, unaufhörlich Bilder eifrigster Tätigkeit. Ohne Unterlass liefen große Dampfer ein und aus; überall wurden Waren gelöscht, Kohlen gemacht, eilten die verschiedenartigsten einheimischen Fahrzeuge, große malayische Praus, chinesische Dschunken, die kleinen Kanus der Sundanesen geschäftig hin und her.

Gleich lebhaft ist das Treiben an der langen Landungsbrücke, dem Johnston Pier, sowie in den angrenzenden Straßen des europäischen Viertels, in welchem sich Geschäftshäuser, Kaufläden, öffentliche Gebäude, Hotels und Clubs der Europäer befinden. Hier wogt, die Quais entlang, nächst den Docks, rings um die Magazine, ein vielfarbiger, aus Vertretern der verschiedensten Völker und Rassen gebildeter Menschenstrom.

Noch origineller ist das Bild, welches der südlichere Teil der Stadt, die eigentliche Geschäftsstadt sowie der Wohnsitz der Eingeborenen und der Chinesen, bietet. Malabaren drawidischen Stammes, doch malayischer Zunge; Tamilen, hier Kaiinga (Klings) genannt, Hindus von der Südostküste Vorderindiens; Malayen, die Ureinwohner von Singapur; Chinesen, welche heute schon mehr als die Hälfte sämtlicher Bewohner der Insel bilden: jede dieser Gruppen ist in Singapur angesiedelt und in besonderen Vierteln sesshaft.

Den Hauptbestandteil der nicht-europäischen Bevölkerung der Stadt stellen die Chinesen dar; diese haben sich hiervon der Gründung Singapurs an festgesetzt und bewohnen im südwestlichen Teile der Stadt jenseits des Singapurflusses ein besonderes Viertel, welches durch seine himmelblau bemalten Häuser, die zahlreichen chinesischen Schriftzeichen an deren Fronten und anderes mehr sofort kenntlich ist.

Da herrscht allenthalben das Gewühl, die Geschäftigkeit, der Bienenfleiß, welche den Söhnen des Reiches der Mitte eigen sind. Keinen Augenblick stehen sie müßig; unaufhörlich wird gearbeitet, gehandelt und gefeilscht. Mitten im Drange der Geschäfte suchen sie dann wieder Erholung in den zwischen den Kaufläden angebrachten Tee- und Opiumbuden oder in den nahebei aufgeschlagenen offenen Theatern. wo es den ganzen Tag über Vorstellungen gibt.

Unweit von dem Chinesen-Viertel liegen die von Indern und Malayen bewohnten Stadtteile. Rings um die Landseite der Stadt erstrecken sich chinesische und malayische Niederlassungen und am nordöstlichen Ende Singapurs ein malayisches Dorf, dessen kleine Hütten als Pfahlbauten das Ufer des Rohore River beleben. Während die chinesische Bevölkerung von Tag zu Tag an Zahl, Reichtum und Macht zunimmt und die übrigen asiatischen Elemente unwiderstehlich verdrängt, schwindet die Menge der Malayen, infolge deren Indolenz, zusehends, umsomehr, als zahlreiche Einwanderer aus Süd-China sich mit Malayinnen verbinden und deren Nachkommenschaft chinesisches Gepräge annimmt.

Das europäische Viertel, am linken Ufer des Singapurflusses erbaut, bedeckt eine beiläufig halbkreisförmige Fläche, deren mehrere Kilometer langer Durchmesser durch den Quai der Rhede gebildet wird. Dieser Quai sowie die benachbarten Straßen dienen vornehmlich der geschäftlichen Tätigkeit der Europäer. Landeinwärts ziehen sich die übrigen Teile des europäischen Viertels bis zu den drei Hügeln hin, welche sich im Westen der Stadt erheben. Auf einem dieser Hügel, dem Government Hill, ist das Palais des Gouverneurs erbaut; auf dem südlich davon, knapp oberhalb des Singapurflusses gelegenen Peel Hill steht das Fort Canning, welches seinen Namen zu Ehren des verstorbenen Vizekönigs von Indien erhielt und den die Ankunft der Schiffe meldenden Signalmast trägt.

Von zahlreichen üppigen Gärten durchsetzt, bietet dieses Viertel mit seinen netten Häusern, den zahlreichen Türmen und Steildächern der Kirchen und der öffentlichen Gebäude von der Rhede aus ein freundliches Stadtbild. Englisches Gepräge ist hier den Bauten, wie den Gartenanlagen aufgedrückt. Auf der Esplanade, einem am Ufer des Meeres gelegenen, ausgedehnten Rasenplatz, welcher mit dem Standbild Stamford Raffles, des Gründers von Singapur, geziert ist, sind zahlreiche Tennis- und Cricketgrounds angelegt. Schmucke, mit wohlgepflegten Gärten ausgestattete, meist einstöckige Häuser umgeben diese Esplanade, an welcher sich auch das elegante Gymkhana-Clubhaus erhebt. Die Kathedrale und die Regierungsgebäude verleugnen ebenfalls den Stil ihrer Erbauer nicht.

Das Raffles-Museum, welchem mein erster Besuch galt, sobald ich das Land betreten hatte, enttäuschte mich einigermaßen, da die Sammlungen weder quantitativ, noch qualitativ meinen Erwartungen entsprachen. Die zoologische Abteilung ist ziemlich lückenhaft, nur einige mir unbekannte Vertreter der Ornis von Malakka und ein auffallend großes Krokodil, das in der Nähe von Singapur erlegt worden, erregten hier meine Aufmerksamkeit. Die ethnographische Abteilung befindet sich in ziemlich verwahrlostem Zustand.

Das Government House, ungefähr 45km vom Zentrum der Stadt entfernt, liegt, von den reizendsten Gärten umgeben, auf dem bereits genannten Government Hill. Hier einen schönen Garten anzulegen, bietet wenig Schwierigkeit: das nächste beste Dschungel wird gelichtet, mit Wegen durchzogen, die üppig wuchernde Natur sich selbst überlassen und der prächtigste Garten ist fertig.

Der Gouverneur, der mir, wie gesagt, schon morgens seinen Besuch an Bord abgestattet hatte, empfing mich in dem elegant eingerichteten Palais mit der Nachricht, dass er noch am selben Tage nach Pulu Penang abreisen müsse. Diese Mitteilung schien den mich begleitenden belgischen Generalkonsul zu befremden, und auch ich war erstaunt, den Gouverneur unmittelbar nach meinem Eintreffen abreisen zu sehen. Vermutlich stand diese plötzliche Reise mit unaufschiebbaren Regierungsgeschäften anlässlich des Ausbruchs der Cholera in Zusammenhang.

Die Fahrt in das Bungalow des belgischen Generalkonsuls gewährte mir einen Überblick über die Lage Singapurs und verschaffte mir Gelegenheit, einen Teil der Landsitze in Augenschein zu nehmen, welche in einem weiten Bogen westlich von Singapur die Stadt umgeben. Diese Bungalows, fast ausnahmslos auf Hügeln errichtet, deren Abhänge mit reizenden Gärten geschmückt sind, bieten ihren allabendlich aus dem Amts- und Geschäftsviertel Singapurs heimkehrenden Bewohnern erquickenden Aufenthalt. In beträchtlicher Höhe über dem Meere gelegen, gewährt ein derartiges Bungalow herrliche Aussicht über die Stadt hin nach der von Schiffen belebten See, frische, reine Luft und den Reiz tropischer Vegetation rings um das wohnliche Gebäude. Grüne, von weiß schimmernden Bungalows gekrönte Hügel reihen sich hier aneinander und meilenweit dehnt sich diese Villenstadt aus.

Auf den vortrefflichen, diese Ansiedlung durchziehenden Straßen rollen zahllose kleine, geschlossene, je mit einem Pony bespannte Wagen lustig einher; in der Stadt selbst werden vorwiegend die sogenannten Dschin-Rickschas, in der Regel kurzweg Rickschas genannt — das ist „Mann-Kraft-Wagen“ — benützt, zweiräderige, bunt bemalte Wägelchen, jenen ähnlich, welche wir in Colombo gesehen. Chinesische Kulis ziehen das Gefährte. In den Straßen Singapurs eilen unaufhörlich solche Rickschas, deren es hier 2200 gibt, auf und nieder, und es ist staunenswert, wie rasch und auf wie weite Distanzen hin die armen Kulis diese bequemen Gefährte fortzubewegen vermögen. Freilich fällt die Mehrzahl der Kulis binnen wenigen Jahren diesem beschwerlichen Transportdienst zum Opfer, weil die damit verbundene Anstrengung die Lunge der bedauernswerten menschlichen „Gespann“ in hohem Grade angreift.

Beim belgischen Generalkonsul nahmen wir mit Vergnügen die Erfrischungen an, welche der liebenswürdige Herr des Hauses uns anbot; denn die starke Hitze hatte uns nach solch willkommener Kühlung lechzen gemacht. Neugestärkt nahmen wir sodann eine reichhaltige und interessante Kollektion malayischer Kopfbedeckungen näher in Augenschein, welche uns der Generalkonsul, der bei all seinen vielfachen Arbeiten auch noch Muße findet, praktische Ethnographie zu treiben, fachkundig erläuterte. M. de Bernard, der ein Allerweltskonsul zu sein scheint — augenblicklich vertritt er nicht weniger als vier Staaten — wusste uns allerlei interessante Details über Singapur zu berichten. Unter anderem wies er auf die Feuchtigkeit des Klimas hin, — Regen gibt es hier fast tagtäglich — welchem Umstand die Insel ihre herrliche Vegetation verdankt, die Bewohner aber mancherlei Ungemach zuschreiben. Ein weiterer Übelstand ist das massenhafte Auftreten von Termiten, welche fälschlich, wenn auch allgemein, weiße Ameisen genannt werden; denselben fällt oft fast der ganze Hausrat zum Opfer. Tatsächlich wies das Mobiliar in dem Bungalow bedeutende Spuren der verderblichen Tätigkeit dieser Insekten auf, und so hat denn auch dieses paradiesische Eiland wie alles hienieden seine Schattenseiten.

Der hierauf besehene, nahe gelegene botanische Garten von Singapur ist eine sinnreich disponierte, aber noch junge Anlage. Ihre Baumreihen und Anpflanzungen versprechen, diese der Wissenschaft gewidmete Stätte binnen weniger Jahre in einen schattigen Garten zu verwandeln, der nicht nur Belehrung, sondern auch Erholung bieten wird. In systematischer Anordnung sind hier neben dem Labyrinthe der Gehwege Gruppen gebildet, welche die Vegetation der malayischen, tropisch-immergrünen Region, insbesondere fast alle Gattungen Palmen dieser Zone, in verschiedenen Exemplaren darstellen.

Mit dem botanischen Garten ist auch ein kleiner Tiergarten verbunden, welcher Vertreter weniger, dafür aber seltener Arten der Fauna der indo-malayischen Subregion birgt; so einen gefleckten Tapir (Tapirus indicus), ein zahmes Tier, welches, an einer Schnur lose befestigt, mitten im Wege lag und jeden Besucher freundlich beschnüffelte; dann einen gewaltigen Orang-Utan von Borneo; mehrere tigerartig gezeichnete Katzen, die mir völlig neu waren; malayische Honigbären; schöne Nashornvögel; ein in Sumatra indigenes, kleines Dschungelhuhn mit violettem Kamm; Reiher, Kasuare u. s. w.

Unweit von hier liegt der Park und der Palast des Sultans von Dschohor, welchen dieser prachtliebende Fürst, ein Freund der Baukunst, hier in jüngster Zeit — der Palast war erst zwei Monate zuvor fertiggestellt worden — hatte errichten lassen. Der Palast erhebt sich mitten im Park auf einem dominierenden Hügel, der eine schöne Rundsicht auf die zahlreichen Gärten, Parks und Bungalows, auf den ganzen Kranz der Villenstadt von Singapur bietet. Das große viereckige, in »gemischtem Stile« gehaltene Gebäude verdankt einem malayischen Architekten seine Entstehung; es ist mit fürstlicher Raumverschwendung angelegt, mit elektrischer Beleuchtung ausgestattet und durchwegs in höchst luxuriöser Weise eingerichtet.

Die zuweilen unvermittelte Vermengung der europäischen mit der orientalischen Geschmacksrichtung ist auf einen besonderen Umstand zurückzuführen. Sultan Abu Bekr, welcher bekanntlich alljährlich den Sommer in England oder auf dem Kontinent zubringt und insbesondere zu wiederholten Malen mehrere Monate hindurch in unserem weltberühmten Karlsbad verweilt hat, pflegt nämlich von seinen Reisen zahlreiche Gegenstände heimzubringen, mit welchen er seine Paläste schmückt. Diese Objekte nun, so kostbar und schön sie auch sonst sein mögen, stehen mit dem orientalischen Schmuck der Palastgemächer nicht völlig im Einklang. Originell sind hingegen die zahlreichen verzierten Elephantenzähne, die in all den Gemächern auf dem Boden liegen.

Auch in Abwesenheit des Sultans äußerte sich dessen Zuvorkommenheit, indem uns in dem Palast in prachtvollen goldenen Gefäßen Champagner und Kaffee serviert wurde, worauf wir an den Bungalows der verheirateten englischen Offiziere vorbei, deren jeder mit seiner
Familie ein eigenes, nettes, in einer parkähnlichen Anlage situiertes Heim bewohnt, nach Singapur zurückkehrten. Als wir uns der Stadt näherten, war es bereits so dunkel, dass die Fahrt durch das Chinesen-Viertel sich nun noch anziehender und interessanter gestaltete als bei Tage. Zwar pulsierte dasselbe Leben, dieselbe fieberhafte Tätigkeit in Straße und Haus, doch boten die unzähligen bunt schimmernden. hell funkelnden Lampions und Lämpchen, die taghell beleuchteten Verkaufsläden, die Buddha-Tempel, Theater und Restaurants, in welchen die Menge wogte, ein neues, ebenso fesselndes als fremdartiges Bild. Ein besonderes Merkmal ist in diesem Viertel die Nettigkeit, welche trotz der zahlreichen Werkstätten und der vielen Buden, in denen Fische und allerlei andere Produkte der See und des Landes von Garköchen und Händlern feilgeboten werden, allenthalben herrscht. Mag diese Sauberkeit vielleicht auch nur an der Oberfläche sitzen, so bildet sie doch ein angenehmes Widerspiel zu dem entsetzlichen Schmutz all der Native-Viertel in den Städten Indiens. Die Geruchsnerven des Europäers werden allerdings hier wie dort in ebenso seltsamer als wenig erfreulicher Weise afficiert.

In der Stadt besuchte ich noch zwei große Kaufläden, in welchen viele von den malayischen Inseln stammende, ethnographische Artikel feilgehalten wurden, konnte aber mit den Händlern angesichts der geforderten, übertrieben hohen Preise nicht handelseins werden, so dass ich mich unverrichteter Dinge an Bord zurückbegab.

Links

  • Ort: Singapur
  • ANNO – am 06.04.1893 in Österreichs Presse. Das für Franz Ferdnand bestimmte Schloss Belvedere soll renoviert werden.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Magnetische Kuren“, während das k.u.k. Hof-Operntheater das Ballet „Die goldene Märchenwelt“ aufführt.

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