Sydney, 26. Mai 1893

Um 2 Uhr morgens dampften wir von Moss Vale ab und Sydney zu. Trotz der empfindlichen Kälte und der schlechten Lagerstätte schlief ich wunderbar. Hatten wir doch den Vortag redlich ausgenützt, indem wir ohne Unterbrechung von 6 Uhr früh bis Mitternacht auf den Beinen waren.

An Bord fand ich bereits alle Hände emsig beschäftigt, um unser Schiff auf das glänzendste für den nachmittags stattfindenden Ball zu schmücken, wobei Offiziere und Mannschaft wetteiferten. Auf Deck waren Zelte aufgeschlagen, elektrische Beleuchtungseffekte vorbereitet: Blumen, Pflanzen, Flaggen und Teppiche lagen bereit, um allenthalben dekorative Verwendung zu finden. So weit das mit diesen Vorbereitungen verbundene lärmende Getriebe gestattete, versuchte ich, noch kurze Zeit zu schlafen, und fuhr dann gegen 10 Uhr ans Land, wo mich der liebenswürdige Unterrichtsminister erwartete, um mir die Vornahme der Schafschur mittels Maschinen demonstrieren zu lassen. Obgleich die Saison für diese Prozedur noch nicht gekommen war, hatte eine der großen Wollfirmen ihre Maschinen doch zu dem Zweck in Betrieb gesetzt, um mir Einblick in das Verfahren zu gewähren — ein Beweis mehr für das freundliche Entgegenkommen, dessen wir uns allerorten in Neu-Süd-Wales zu erfreuen hatten.
Die Schafscheren, ähnlich konstruiert wie unsere Pferdescheren, werden mittels Dampfkraft in Bewegung gesetzt und arbeiten ungemein rasch, ohne das Tier auch nur im geringsten verletzen zu können, was ja bei der Handschur so häufig vorkommt; überdies wird die Wolle sehr glatt und bis auf das letzte Atom abgeschoren. Ein Mann vermag regelmäßig in einem Tag 120 bis 150 Stück zu scheren, die höchste Leistung aber, welche ein sehr geschickter und flinker Arbeiter erzielen kann, besteht in der Schur von 200 Schafen. Ich versuchte es selbst, einen Widder zu scheren und konnte mich auf diese Weise persönlich überzeugen, dass die Maschine leicht zu handhaben ist und vortrefflich arbeitet. Mein Beispiel hatte bald bei meinen Herren sowie bei anderen Zusehern Nachahmung gefunden, und mag die elegant gekleidete, der Schafschur emsig obliegende Gesellschaft einen nicht wenig komischen Anblick geboten haben. In den großen, vielstöckigen Lagerhäusern, welche wir durcheilten, werden viele Tausende von Wollballen, ein enormes Kapital repräsentierend, vor der Einschiffung aufgestapelt.

Von hier geleitete mich der Minister nach einer großen Wiese in einem der öffentlichen Gärten, wo mir das Boomerang- und Speerewerfen der Eingeborenen produziert werden sollte. Ein Schwarzer aus Westaustralien, von wahrhaft scheußlichem Aussehen, zeigte sich daselbst in der Kunst seiner Landsleute, indem er sichelartige, aus Eisen und Holz verfertigte Boomerangs in verschiedenartigster Weise, aber stets so warf, dass sie zu ihm zurückkehrten. Bald stiegen diese Geschosse, fortwährend rotierend, kerzengerade in die Luft, beschrieben dann einen Kreis oder eine Ellipse und fielen zu Füßen des Werfers nieder; bald flogen sie sausend eine Strecke weit nur meterhoch über dem Boden dahin, um plötzlich hoch empor zu steigen u. dgl. mehr. Endlich schleuderte der australische Diskuswerfer zwei Boomerangs gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung so, dass sie, zu ihm zurückkehrend, in ihren Flugbahnen sich kreuzten. Ein richtig geschleuderter Boomerang ist ein gefährliches Projektil, weil dasselbe vermöge seiner enormen Fluggeschwindigkeit einen Menschen zu töten vermag. Das Werfen von Speeren auf weite Distanzen mit der primitiven Holzschleuder war nicht weniger interessant; selbst noch auf die Entfernung von 200 Schritten war der Schütze seines Wurfes ziemlich sicher.

The signatures of Franz Ferdinand and his gentlemen Wurmbrand, Pronay, Clam-Martinic in the visitor's book of the Art Gallery of New South Wales in Sydney, Australia. Courtesy of the museum.

Die Unterschriften Franz Ferdinands und seiner Herren Wurmbrand, Pronay, Clam-Martinic im Gästebuch der Art Gallery of New South Wales in Sydney, Australia. Courtesy of the museum.

Ein Gegenstand besonderen Stolzes für Sydney ist die Bildergalerie, mit deren Anlegung erst vor wenigen Jahren begonnen wurde, und ich entsprach daher gerne dem Wunsche der Stadt, dieselbe zu besuchen. Da bei der Erwerbung von Kunstwerken aus aller Herren Ländern weder Mühe noch Kosten gescheut wurden, enthält die Galerie schon jetzt eine große Anzahl mitunter sehr beachtenswerter Bilder.

Ich fand hier manches Werk, das mir schon von den Ausstellungen im Wiener Künstlerhaus her bekannt war. Besonders in die Augen springend war ein imposantes Schlachtenbild von Detaille, eine Kavallerie-Attacke französischer Husaren aus dem Jahre 1809 [richtig ist 1807] darstellend, das erst vor kurzem in den Besitz der Stadt gelangt war;

Edouard Detaille (France 05 Oct 1848 – 23 Dec 1912): Vive L'Empereur - Charge of the 4th Hussars at the battle of Friedland, 14 June 1807, 1891.

Edouard Detaille (France 05 Oct 1848 – 23 Dec 1912): Vive L’Empereur – Charge of the 4th Hussars at the battle of Friedland, 14 June 1807, 1891.

ferner ein vielgerühmtes Bild, der Besuch der Königin von Saba bei Salomo, in welchem der figurale Teil, namentlich die Königin, deren Toilette vom Künstler in sehr freier Weise aufgefasst erscheint, gut behandelt ist. Im übrigen macht das Bild nach meinem Geschmack einen allzu bunten, ja vermöge des Farbenreichtums fast schreienden Eindruck. Die modernste Verirrung, die Pleinair-Malerei, ist durch kühne Meisterwerke vertreten, während sich unter den Pastellen zwar wenige, dafür aber sehr gute Leistungen finden, worunter besonders eine Studie, der Kopf eines jungen Mädchens, genannt zu werden verdient. In der Abteilung für Aquarelle, die reichhaltig und recht gediegen ist, nehmen Landschaften den ersten Rang ein.

Edward John Poynter (England 20 Mar 1836 – 26 Jul 1919): The visit of the Queen of Sheba to King Solomon, 1890

Edward John Poynter (England 20 Mar 1836 – 26 Jul 1919): The visit of the Queen of Sheba to King Solomon, 1890

Die Besichtigung der Galerie befestigte in mir den Eindruck, dass in Sydney viel Interesse und Verständnis für Kunst herrscht, so dass die Stadt, wenn nur auf dem bisher eingeschlagenen Wege fortgefahren wird, bald im Besitz einer sehr reichhaltigen Sammlung von hohem künstlerischen Wert sein wird.

Das Frühstück wurde in dem trefflichen Australian Hotel eingenommen, dessen Geschäftsleiter, ein Sachse, uns nach dem Lunch aufforderte, den Turm des Hotels zu besteigen, von dem aus sich eine in der Tat prächtige Aussicht auf Sydney und seine Vororte darbot. Aus der Vogelperspektive betrachtet, imponierte Sydney durch seine gewaltige Ausdehnung; die Stadt lag einem großartigen Gemälde gleich vor uns, reizend umrahmt durch den Kranz von Hügeln, Gärten und Buchten, belebt durch den flutenden Strom von Menschen und Fahrzeugen. Leider konnten wir in dem Genuss dieses Rundblickes nicht lange schwelgen, da die Zeit zur Rückkehr an Bord drängte, wo die letzten Vorbereitungen für den Ball getroffen werden mussten.

Nach 2 Uhr prangte das Schiff in vollem Glanz; alles war bereit, und konnten wir der Ankunft unserer Gäste mit Ruhe entgegensehen, weil die Bordkünstler die kühnsten Erwartungen übertroffen hatten und das Schiff in der Tat äußerst schmuck aussah. Das Mitteldeck war durch Errichtung eines Zeltes in einen mit Flaggen, mit Palmen und anderen Pflanzen reich geschmückten Tanzsaal verwandelt, welcher, an den Innenseiten mit blauweißem Linnen verkleidet, ebenso wie die auf Deck befindlichen, mit schwarzgelber Leinwand drapierten Schiffsbestandteile, einen überaus freundlichen und heiteren Eindruck hervorbrachte. Für die Musikkapelle war auf dem Treppenschacht und der Bootsbrücke ein hoher Söller errichtet, an dem von außen unser sowie das englische und das australische Wappen erglänzten, während das Hüttendeck, zum Buffet für die Tanzenden bestimmt, von Tischchen umrahmt war. Allerlei Gegenstände hatten hier eine Umgestaltung in elegante Sitzmöbel erfahren; sogar die großen Baljen, in welchen die in Thursday Island gefischten Korallen noch in Wasser verstaut lagen.
mussten, mit Teppichen überdeckt, als Canapees dienen. In reizender Weise war das Eisendeck in einen Salon verwandelt; daselbst lagen schwere Teppiche und schloss eine dichte Wand von Palmen und Blumen den Raum ganz nach außen ab; in jeder Ecke gab es Plätzchen, welche die vom Tanzen Ermüdeten zur Ruhe einluden, und in der Mitte des Salons plätscherte aus einem Bassin von Tuffstein lustig ein Springbrunnen hervor. Wunderlich genug nahm sich in diesem heiterer Geselligkeit gewidmeten Raum das große 24 cm Geschütz aus — ein ernster Kontrast zu dem fröhlichen Treiben, das sich hier bald entwickeln sollte.

In der Batterie befand sich ein Buffet für die älteren Herren und die nicht-tanzenden Mitglieder der Gesellschaft; das große Buffet aber war im Offizierscarré vorbereitet, durfte jedoch erst nach dem Cotillon geöffnet werden, um dann auf kleinen Tischchen Hungrigen und Durstigen reichliche Labung zu bieten. Mein Salon diente als Garderobe, die Kajüte des Kommandanten als Damen-Toilette. Hier allein stand uns ein weibliches Wesen, eine Marchande de modes, hilfreich zur Seite, welcher die näheren Arrangements der Toilette und die Dienstleistung daselbst übertragen waren; alles übrige an Bord, selbst das Binden der Blumen und die zierlichsten dekorativen Verschönerungen, war von rauhen Seemannshänden vortrefflich besorgt worden. Unser Koch Bussatto hatte sämtliche Buffets zu versorgen und zeigte — diesmal in gnädigster Stimmung, was bei ihm nicht immer der Fall zu sein pflegt — sein Können, indem er seiner kulinarischen Phantasie die Zügel schießen ließ, im glänzendsten Licht. Eine Legion von Schüsseln kalter Speisen, welchen er die mannigfaltigsten Gestalten in künstlerischer Vollendung gegeben, prangte auf den Tischen: aufgetakelte Schiffe, die mit vollen Segeln dahinzufahren schienen, Paläste, Bassins mit Fischen, Kronen, alle nur erdenklichen Land- und Seeungetüme standen in bunter Reihe nebeneinander, so dass die Buffets fast einem Spielzeugladen glichen. An der Spitze einer Schar Matrosen waltete des anvertrauten Mundschenkenamtes unser Mahmud, der in seiner goldstrotzenden Parade-Uniform ein Gegenstand der Aufmerksamkeit aller Gäste war und die Neugierde derselben, namentlich jene der Damen, als Huldigung mit herablassendem Grinsen entgegennahm.

Mit ungewöhnlicher Pünktlichkeit begann Schlag 3 Uhr die Auffahrt der Gäste, teils in unseren Barkassen und Booten, die wir ans Land geschickt hatten, teils in eigenen Fahrzeugen. Die Einladungen zu machen, hatten wir dem englischen Admiral, der ja die Sydneyer
Gesellschaft genauer kannte als wir, überlassen und nur die Zahl der zu Ladenden auf etwa 300 beschränkt. Bald aber waren an 500 Gäste anwesend, da viele der Geladenen Verwandte mitgebracht hatten.

Wir fanden aber keine Ursache, dies zu bedauern, weil das Schiff die Zahl der Erschienenen leicht fassen konnte und der Kranz schöner Tänzerinnen glänzende Bereicherung erfahren hatte. Außer den vornehmsten Honoratioren der Stadt waren beinahe nur tanzlustige Damen und Herren erschienen, und ich muss gestehen, dass ich niemals auf einem Ball so viele schöne Frauen und Mädchen beisammen gesehen habe wie hier. Die Damen Sydneys vereinigen in gleichem Maße die Schönheit der Töchter des Mutterlandes mit südlicher Anmut der Bewegungen und vollendeter Eleganz der Erscheinung.

Während die Musikkapelle mehrere Nummern exekutierte, wurde das Schiff von den Gästen einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Dann begann bei den Klängen der „Blauen Donau“ der Reigen. Als Tänzer waren außer unseren Offizieren und Kadetten sämtliche Offiziere und Kadetten der in Sydney stationierten Escadre sowie der vor zwei Tagen eingelaufenen spanischen Korvette geladen. Da jedoch die fremden Seeleute während der ganzen Dauer des Balles von den Buffets und Rauchzimmern nur schwer zu trennen waren, machten eigentlich nur unsere Herren die Honneurs als Tänzer, ohne dass dem Tanzeifer der in so großer Zahl erschienenen Damen trotz eifriger Unterstützung der Herren aus Sydney genügt werden konnte. Es wurde mit Begeisterung getanzt; selbst unser Kommandant und Wurmbrand taten wacker das ihrige. Dank dem Liebreize der Damen, deren mehrere auch deutsch oder französisch sprachen, so dass ich mit ihnen bald in der lebhaftesten Konversation begriffen war, bildete es ein Vergnügen, sich dem Tanz zu widmen.

Wir begegneten bei den Herren und Damen Sydneys einer Zuvorkommenheit, die ihre Wirkung auf uns nicht verfehlte; mit ungezwungenem, offenem Wesen verbinden sie viel natürliche Liebenswürdigkeit — Eigenschaften, welche den Verkehr umsomehr erleichtern und beleben, als trotz des besten in der Gesellschaft herrschenden Tones eine freiere Auffassung hinsichtlich konventioneller Formen zu gelten scheint, als dies in unserer Heimat der Fall ist. So richteten hier Damen an Herren, die ihnen nicht vorgestellt waren, — was bei der Zahl der Erschienenen nur zu leicht geschehen konnte — ungescheut das Wort und grüßten beim Kommen und Gehen jedermann mit freundlichem Händedruck.

Kurz vor unserer Ankunft war eine schon seit längerer Zeit drohende, auf Überspekulation und andere Gründe zurückzuführende Krisis über mehrere Banken Sydneys hereingebrochen, welche den Markt auf allen Gebieten tief erschüttert und nicht nur den europäischen Zeitungen Stoff zur Berichterstattung geliefert hatte, sondern in den letzten auslaufenden Bewegungen auch auf dem Londoner Platz zu verspüren war. Alle Schichten der Bevölkerung waren in Mitleidenschaft gezogen und hatten empfindliche Verluste erlitten, ja noch während unseres Aufenthaltes zog die wirtschaftliche Kalamität ihre verhängnisvollen Kreise. Gleichwohl schienen unsere Gäste hiedurch in ihrer guten Laune und in ihrem Frohsinn so wenig berührt zu sein, dass man von allen Seiten sogar witzige Bemerkungen über die Lage, aber keine Klagen, keinen Jammer vernahm.

Der von Ramberg arrangierte Cotillon — ein für Sydney neues choreographisches Ereignis — gefiel unseren Gästen ungemein. Die ältesten heimatlichen Figuren, als: Tunnel, Achter, Kolonnen u. s. w. errangen den lebhaftesten Beifall, und als die Schlusstouren mit den Bouquets und den schwarzgelb-weißroten Bandschleifen an die Reihe kamen, erreichte die animierte Stimmung den Höhepunkt.

Der herrschenden kühlen Witterung Rechnung tragend und ohne hinlängliche meteorologisch-divinatorische Begabung, um ahnen zu können, dass der Abend so überaus mild sein werde, hatten wir den Ball als Nachmittagsfest angesagt und auf den Einladungskarten die nähere Zeitangabe von „3 bis 7 Uhr“ beigesetzt. In Sydney scheint sich nun die Pünktlichkeit, mit welcher die Gäste eintreffen, auch auf den Aufbruch zu erstrecken, offenbar, damit nicht durch Verweilen über die fixierte Zeit hinaus der Verdacht der Unbescheidenheit erweckt werde; denn gegen 7 Uhr begann ein allgemeiner Aufbruch. Unser dringendes Bitten und Zureden war umsonst. Die Mädchen und jungen Frauen standen zwar auf unserer Seite; Mütter, Väter und Gatten aber ließen sich nicht erweichen. Nur eine kleine Zahl besonders Getreuer harrte bei uns, noch lange dem Tanz huldigend, aus, um dann nach einer recht gemütlich am Eisendeck verbrachten Stunde der Rast die „Elisabeth“ erst zu vorgerückter Nachtzeit zu verlassen.

Auf wohl und gerne errungenen Lorbeeren durften wir ruhen, stolz auf den einstimmigen Ausspruch der Gäste, dass noch keines der Kriegsschiffe, welches Sydney angelaufen, ein Fest gegeben habe, das in jeder Beziehung so schön, so gelungen gewesen wäre, wie jenes auf unserer „Elisabeth“.

Links

  • Ort: Sydney, Australien
  • ANNO – am  26.05.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Torquato Tasso“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Freund Fritz“ darbietet.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
27 − 13 =