Tjiandjur, 16. April 1893

Auch dieser Regent wollte mir ein Jagdvergnügen verschaffen. Er lud mich daher zu einer Hirschjagd in seinem Privat-Lieblingsrevier Panumbangan (Panoembangan) ein. Tjiandjur lag noch im Schlaf, als wir das Städtchen verließen: nur hie und da wurde ein Chinese sichtbar, der sich anschickte, seinen Kaufladen zu öffnen. Doch die unermüdliche Eskorte war schon auf dem Platz und begleitete uns in flottem Galopp. welcher nun allerdings wieder manchem der Herren schlecht anschlug: denn nach den ersten paar Paals (Pfahl; 1 Paal = 1506.9 m) hatte sich die früher bedeutende Anzahl der Reiter auf ein Minimum reduziert, da sich einige von ihren Rossen getrennt hatten, andere aber ihre Gäule absolut nicht an den am Weg liegenden Häusern vorbeizusteuern vermochten.

Wir benützten diesmal nicht wie bei früheren Gelegenheiten eine große Staatskarosse, sondern einen ganz leichten, mit einem Dach versehenen Jagdwagen, der zwar rascher von der Stelle kam, dagegen aber den großen Nachteil hatte, dass er nur für die kurzen Beine der Eingeborenen berechnet war und wir daher äußerst unbequem saßen.

Zuerst ging’s in der Ebene durch ein mit vielen Ortschaften besiedeltes Tal fort, in dem zahlreiche Reisfelder sichtbar waren; dann bogen wir in nordöstlicher Richtung ab und erreichten ein gebirgiges Terrain, das neben vereinzelten Plantagen zumeist Alang-Savannen und Waldungen aufwies.

In dem gebirgigen Terrain kamen wir natürlich, obschon unsere Ponies eifrig ausschritten, weit langsamer vorwärts als zuvor in der Ebene; manche Steigung konnte nur mit Hilfe einer ganzen Heerschar von Kulis überwunden werden, die sich, während die Kutscher schrien und mit den Peitschen knallten, hinter jedem Wagen schiebend, stoßend, zerrend drängten.

Eigentümlich waren die vielen Bambusbrücken der durchfahrenen Strecke. Flüchtig besehen, machen diese filigranartigen Bauten einen keineswegs sehr vertrauenerweckenden Eindruck; denn die Unterlagsbalken bestehen nur aus etwa 30 cm starken Bambusstöcken, während
die Querbalken noch weit dünner sind. Pfeiler gibt es nicht; stets schwebt die Brücke frei über dem Tal oder über dem Fluss an Bambusstricken, die auf beiden Ufern an Bäumen befestigt sind; solide Brückenstreu fehlt ebenfalls; sie wird durch ein Geflecht aus Bambusfasern ersetzt, das einer Matte ähnelt. Fährt nun ein Wagen über eine solche Brücke, so schwingt und knarrt das ganze Machwerk sehr bedenklich, obschon dem elastischen Material große Tragkraft nachgerühmt wird. Der niederländische Resident schien allerdings anderer Meinung zu sein und den Brücken in seiner Residentschaft kein allzugroßes Vertrauen entgegenzubringen; denn er bewog uns wiederholt, den Wagen zu verlassen und Brücken zu Fuß zu passieren. Sehr naiv benahmen sich in solchen Fällen die Kulis; in der Meinung, hiedurch die Belastung der Brücke zu vermindern, trugen etwa 50 solcher Bursche den Wagen hinüber.

Nach dreistündiger Fahrt kamen wir endlich mit unseren ganz erschöpften Pferden bei dem zierlich aus Bambus gebauten Jagdhause des Regenten an. Der freundliche Hausherr bot uns zunächst einen Imbiss an, um während der Zeit, welche die Mahlzeit in Anspruch nahm, noch die letzten Vorbereitungen mit den Jägern besprechen zu können.

Auf einer Berglehne erblickten wir eine unzählbare Treiberschar, die, schön ausgerichtet, vom Tal an bis zu der Höhe des Berges empor aufgestellt war. Die Jagdgelegenheit zeigte sich diesmal als eine baumlose, mit hohem, dichtem Alanggras völlig bewachsene Hügelkette, welche gegen uns zu durchgetrieben werden sollte. Längs eines Fußweges, der sich die Lehne hinanzog, wurden uns die durchwegs aus Bambus gefügten Hochstände angewiesen, welche Ausschuss in das Grasdschungel boten. Die guten Leute hatten meinen Hochstand mit gekreuzten schwarz-gelben und rot-weißen Flaggen geschmückt. So sehr ich über diese Aufmerksamkeit gerührt war, bat ich doch, die Fahnen zu entfernen, da sie das Wild wohl verscheucht hätten.

Ich nahm den äußersten Stand am rechten Flügel ein; an mich anschließend waren die anderen Herren der Begleitung verteilt. Auf ein Zeichen des Regenten hin begann nun der Trieb mit einem furchtbaren Lärm der Treiber, welche von allen Hügeln konzentrisch gegen unsere Stände vorzugehen hatten und hiebei auf Klappern aus Bambus lustig loshieben, was sich wie ein Pelotonfeuer in der ganzen Linie fortpflanzte. Merkwürdigerweise ging der Trieb, obwohl sehr langsam, doch in Ordnung vor sich.

Gleich zu Anfang des Triebes sah ich ein Tier und ein Kalb in großer Entfernung vorüberwechseln; nach kurzer Zeit kamen sie, etwas näher, in voller Flucht zurück, wobei es mir gelang, das Tier zu erlegen. Als die Treiber sich auf ungefähr 800 Schritte genähert hatten, zeigten sich ein starkes Tier und ein Spießer, die auf meine Schüsse nach einigen Fluchten verendend zusammenbrachen. Endlich — die Treiber waren schon knapp beim Stand — wurde aus einem kleinen Rohrdickicht ein guter Hirsch flüchtig, der gerade die Richtung auf mich zu nahm und von mir getroffen im Feuer roulierte.

Von den anderen Schützen war leider nichts erlegt worden; Wurmhrand hatte vergeblich auf weite Distanz nach einem Tier geschossen, während bei einem anderen der Herren Wild schon aus dem Trieb flüchtig wurde, als der Schütze eben bei seinem Stande anlangte. Das Sechsergeweih des von mir erlegten Hirsches war leider noch im Bast. Die Hirsche in Java sowie jene in Indien scheinen keine bestimmte Abwurfzeit zu haben; denn zu gleicher Zeit kommen Hirsche mit ganz verschlagenem Geweihe, Hirsche im Bast und solche mit abgeworfenen Stangen vor.

Über die Ursachen des geringen Ergebnisses der Jagd befragt, erklärten die eingeborenen Jäger den gegenwärtigen Zeitpunkt als einen für die Hirschjagd besonders ungünstigen, da jetzt des reichlich gefallenen Regens halber das Gras noch viel zu hoch stehe, was das Abspüren des Wildes und das Jagen wesentlich erschwere.

Übrigens ist das größere Wild in ganz Java schon stark abgeschossen; die Jagd ist frei, die vornehmen Javanen sind eifrige Jäger und allenthalben wird unbarmherzig alles beschossen, dessen man ansichtig wird. Für die Menge Wildes, welche die Insel einst besessen hat, spreche das Folgende: als vor 25 Jahren ein neuer niederländischer Resident in eine der Provinzen Mitteljavas gekommen war, gab ihm der eingeborene Regent eine Jagd, bei welcher an einem Tage 1200 Stück Hochwild zur Strecke kamen. Dieses Faktum wurde mir von einem Augenzeugen berichtet, der mir nebstbei erzählte, dass jene Gegend wochenlang ganz verpestet gewesen sei, da aus Mangel an Arbeitskräften das erlegte Wild nicht weggeschafft werden konnte, sondern an Ort und Stelle liegen gelassen werden musste.

Nach Beschluss der Jagd kam die ganze, über 2000 Mann zählende Treiberschar zu meinem Stand geströmt und brach auf ein Zeichen des Oberjägers, eines kleinen, alten Mannes, in ein betäubendes Freudengeheul aus, das schier die Luft erzittern machte. Die vier erlegten Stücke wurden neben dem Stand gestreckt, und alsbald stand ich in einem förmlichen Platzregen von Hüten, da die ganze mich dicht umdrängende Schar, um ihren Beifall neuerdings kundzugeben, ihre riesigen Stroh- und Bambushüte in die Luft warf.

Noch origineller gestaltete sich der Zug zum Jagdhaus hin. Dieser wurde von den uniformierten Unterbeamten eröffnet, die, wie einst König David vor der Bundeslade, vor dem auf Stangen getragenen Wild einen Freudentanz aufführten; dann kamen die 2000 Treiber, in deren Mitte ich sozusagen eingekeilt war, alle schreiend, heulend und mit den Bambusklappern lärmend. Ein Unbeteiligter, dem dieser Zug begegnet wäre, hätte glauben müssen, eine Legion Tollhäusler sei ihren Asylen entsprungen und genieße in tobender Weise die wiedererrungene Freiheit. Beim Jagdhaus legte sich zum Glück die Begeisterung.

Links

  • Ort: Tjiandjur, Indonesien
  • ANNO – am 16.04.1893 in Österreichs Presse. Das Wiener Salonblatt vermeldet die Abreise von Singapur in Richtung Javas am 11. April 1893.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt „Das Heiratsnest“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Margarethe (Faust)“ aufführt.

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