Vancouver, 5. Sept. 1893

Nach dem schönen Abend hatte sich als Vorbote der nahen Küste dichter Nebel eingestellt und schon um 4 Uhr morgens weckten mich die mit der Dampfpfeife und der Sirene in Intervallen von fünf Minuten abgegebenen Nebelsignale unseres Schiffes. Da man von Mittschiff kaum bis zum Bug sah, wagte der Kommandant nicht, die Fahrt fortzusetzen, sondern ließ die Maschine stoppen und wartete unter beständiger Abgabe akustischer Signale den Morgen ab.

Bei Tagesanbruch wurde unser Erkennungssignal gepfiffen und dieses alsbald durch das Nebelhorn einer Signalstation an der Küste wiederholt — ein überzeugender Beweis für die Präzision, mit welcher die Navigation an Bord geführt wurde. Um 9 Uhr morgens setzten wir uns endlich wieder in Bewegung, eine Stunde später tauchten schon die schleierhaften Umrisse der Berge auf, und wir konnten nunmehr wieder die volle Fahrgeschwindigkeit aufnehmen.

Allmählich begannen die Strahlen der aufsteigenden Sonne den Nebel zu durchdringen, so dass nach und nach einzelne Konturen der Küste, Berge und bewaldete Abhänge erkennbar wurden. Als weitere Vorboten des Landes sichteten wir viel Treibholz, darunter mächtige Zedernstämme; viele weiße Schmetterlinge umflatterten das Schiff, und auch kleinere Vögel statteten von Zeit zu Zeit unserer Takelage einen Besuch ab.

Der Nebel sank, blaue Flecke zeigten sich am Firmament, und wir erblickten, obgleich noch immer ein Dunstschleier über der See lagerte, doch schon deutlich die ziemlich hohe Küste des Amerikanischen Kontinentes und konnten selbst mit freiem Auge mächtige Fichten, Zedern und Thujen wahrnehmen, deren gerade Stämme hoch emporragten; kleine weiße Ansiedlerhäuser schimmerten unter dem dunklen Grün der Bäume hervor.

Die „Empress“ steuerte in den Kanal San Juan de Fuca, welcher die britische Insel Vancouver vom Festland der Union, dem Staat Washington, trennt, so dass wir gleichzeitig Gebiete zweier Staaten vor uns sahen. Die Sonne strahlte wohltuende Wärme aus, und nach einer Reihe kühler Tage sonnten sich die Passagiere behaglich auf Deck.

Gegen 2 Uhr nachmittags verkündete uns ein Trompetensignal, dass Victoria, die Hauptstadt von Britisch-Kolumbien, in Sicht sei und bald darauf gingen wir im Hafen vor Anker. Diese Stadt liegt auf der Südostseite der Insel Vancouver am Victoria-Hafen und unterhält als wechselseitiger Umschlagplatz für Ozean- und Flussdampfer einen lebhaften Handels- und Schiffahrtsverkehr mit den Hafenorten der Strait of Georgia und des Fraser-Flusses. Die Bucht gewährt einen recht freundlichen Anblick; rings um dieselbe ist auf einem Kranz grüner Hügel und Inseln die Stadt aufgebaut, welche dem ersten Blick ihren Charakter als den einer modernen amerikanischen Stadt enthüllt: die Straßen verlaufen in gerader Richtung, die Häuser sind zumeist in geschmackloser Weise aus Holz erbaut, rötlich angestrichen und durch einen Wald von Stangen überhöht, die ein dichtes Netz von Telegraphen- und Telephondrähten sowie auch die Kabel der elektrischen Beleuchtung tragen. Im Hafen ragten die Masten und Teile des Rumpfes des gesunkenen Dampfers „San Pedro“ traurig aus der See empor.

Unser Aufenthalt vor Victoria währte bloß eine Stunde, welche durch eine ärztliche Visite seitens der Hafenbehörde und durch die Ein- und Ausschiffung von Passagieren ausgefüllt wurde. Zu diesen Zwecken legte sich der riesige Hafen-Raddampfer „Yosemite“, dessen Balanciermaschine über Deck ragte, an die „Empress“. Außer den Passagieren, die sich nach Vancouver einschifften, strömte noch eine ganze Schar Neugieriger an Bord, und schon lange bevor der Dampfer angelegt hatte, rief eine Dame von diesem aus die Frage herüber, welcher von den Reisenden der Prinz sei; doch gewährte ich ihr nicht die Freude meines Anblickes, und so musste sie wieder an Land, ohne desselben teilhaftig geworden zu sein.

Gleich bei der ersten Annäherung an Amerika hatten wir auch schon mit einer der Plagen dieses Landes Bekanntschaft zu machen — mit den Reportern, die ihrer unabweisbaren Zudringlichkeit halber allgemein berühmt sind und uns sofort interviewen wollten. Das Abgehen des „Yosemite“ setzte diesem fruchtlosen Bemühen ein Ziel, und auch wir lichteten nun den Anker, durch eine Reihe kleiner Inseln weitersteuernd, die, von den bläulichen Dünsten der Abendluft angehaucht, sich mit ihren schönen Bäumen äußerst malerisch präsentierten. In einem der Kanäle begegnete uns die manövrierende englische Pacific Squadron, — bestehend aus dem Flaggenschiff „Royal Arthur“, einem stattlichen Panzerschiffe von 7700 t, einer Korvette und zwei Kanonenbooten — welche in erster Linie zum Schutz der Fischerei im Behringsmeer berufen ist und in Esquimalt, ungefähr 48 km südwestlich von Victoria, ihre Hauptstation besitzt.

In der Georgia Strait erfreuten wir uns an einem selten schönen Untergang der Sonne, welche eine Stunde lang in fast nordischer Weise als purpurrote Kugel in der nebligen Luft erschien, bevor sie hinter den Bergen der Insel Vancouver verschwand; die violetten Konturen der Eilande hoben sich scharf vom Abendhimmel ab.

Unsere vormittägige, durch den Nebel verursachte Verspätung einzuholen, fuhren wir mit allen Kesseln und größter Geschwindigkeit, so dass wir bis zu 18 Seemeilen stündlich zurücklegten. Wie mir der zweite Kapitän lächelnd erzählte, sind der Kommandant und der erste Maschineningenieur erst seit kurzer Zeit verheiratet, weshalb sie das Möglichste täten ihr Heim in Vancouver recht bald zu erreichen. Ich fand diese eheliche Liebe sehr rührend und für die Passagiere recht angenehm, weil diesen hiedurch Aussicht geboten war, schon abends zu landen. Gar manche Seefahrt ging rascher zu Ende, wenn die Schiffskapitäne erst kürzlich gefreit hätten.

Noch ein sehr enger Kanal musste passiert werden; dann sichteten wir viele elektrische Lichter, die anzeigten, dass wir den Hafen vor uns hatten. Um 10 Uhr abends legte sich die „Empress“ an einen Molo, auf dem ich trotz der Dunkelheit unter den der Ankunft des Schiffes Harrenden sofort Imhof entdeckte, mit welchem ich hier zusammentreffen sollte. Welche Freude, nach langer Abwesenheit von der Heimat einen guten Freund zu treffen, der geradewegs aus dieser kommt! Was Wunder, wenn uns Imhof noch in die späte Nacht hinein Rede und Antwort stehen und allerlei Neuigkeiten mitteilen musste. Dass er auch die Post gebracht hatte, ließ ihn doppelt willkommen sein.

Das Hotel, welches uns aufnahm und ebenfalls der Canadian Pacific Railway Company gehört, zeigte sogleich die Unannehmlichkeiten amerikanischer Hotels, worauf wir schon vorbereitet waren: die schlechte oder, besser gesagt, gar nicht vorhandene Bedienung, das lästige Rauchverbot und den Mangel an Gesellschafts- oder Rauchzimmern, in welchen man nach dem Speisen noch einige Zeit verweilen könnte, endlich die Küche. Ich bin gewiss kein Gourmand und zähle das Essen unter die geringsten Lebensfreuden; immerhin vermag ich mich mit der englischen, auch in Amerika eingebürgerten Art zu kochen nicht zu befreunden; denn alle Braten sind auf dieselbe Weise „à Ia Roastbeef“ zubereitet und durch einen und denselben Geschmack ausgezeichnet, die Gemüse werden bloß mit Wasser abgekocht und eine andere Mehlspeise als der ewige Pudding scheint überhaupt nicht bekannt zu sein.

Links

  • Ort: Vancouver, Kanada
  • ANNO – am 05.09.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Die Regimentstochter“ aufführt.
Wiener Salonblatt No. 37 notes the safe arrival of Franz Ferdinand in Vancouver.

Das  Wiener Salonblatt No. 37 vermerkt Franz Ferdinands Ankunft in Vancouver.

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