Von Kandy nach Kalawewa, 7. Jänner 1893

Morgens 6 Uhr traten wir die für fünf Tage anberaumte Jagdexpedition ins Innere der Insel, und zwar nach dem nördlich von Kandy gelegenen Teiche und den Dschungeln von Kalawewa an. 108 km sind es dahin.

Bis Matale führte uns von der Station Mahaiyawa ein Extrazug durch lachende Täler und an spitzen, hohen Bergen vorbei, deren Gipfel noch mit leichtem Nebelschleier umzogen waren, während in den tieferen Lagen dichter Tau auf Blättern und Blüten glitzerte. Der Tag war herrlich und kühl.

Wir hatten Matale in nicht ganz drei Viertelstunden erreicht und bestiegen daselbst hohe Wagen, um uns nach Verladung des Gepäckes, der Gewehre, der photographischen Apparate und der ganzen Hexenküche Hodeks in Bewegung zu setzen.

Die Straße führte durch die schönsten Palmen- und Bananenhaine, in denen es von Singhalesen-Ansiedelungen wimmelte, deren Bewohner mit neugierigen Augen am Rande der Straße standen. Bunte Vögel und prachtvolle Schmetterlinge, worunter mir ein karmesinroter, mit weiß-schwarzen Flügeln versehener Papilio iophon und eine intensiv schwarzgelbe Ornithoptera darsius, letztere wegen meines begreiflichen Interesses für diese Farbenzusammenstellung, besonders auffielen, huschten vorbei. Den Träger unserer Farben tauften wir sogleich in »Lepidopteron austriacum« um. Außerdem beobachteten wir noch die weiß- und orangefarbige Hebomoia glaucippe, die unseren Wagen lange folgte, ferner die weißschwarze Hestia iasonia, mehrere kleine citronengelbe Terias, dann .den herrlichen, weiß, schwarz und lichtblau gefleckten Papilio parinda und im Dschungel ganze Schwärme von Chilasa clytioides. Die ersten Papageien, die wir zu Gesicht bekamen, wurden von uns mit lautem Freudengeschrei begrüßt.

Nach ungefähr 30 km wechseln die Szenerie und die Vegetation. Hohe, große Laubbäume, gemischt mit undurchdringlichem Gebüsch und mächtigen Euphorbien, verdrängen die Palmen. Auch die Fauna ändert sich und wird reichlicher. Wir beobachten eine mit dem Namen Dschungelkrähe bezeichnete Kuckucksart, verschiedene Reiherarten, auffallend viele Bienenfresser, gestreifte Eichkätzchen und eine Manguste.

In Abständen von 19 bis 20 km befinden sich längs der ganz vorzüglichen, die parkartige Landschaft durchschneidenden Straße Rasthäuser, von der Regierung erbaute, kleine ebenerdige Gebäude, in denen Reisende Unterkunft, Essen und manchmal auch Pferde finden. Wir wechselten an diesen Stationen regelmäßig unsere Gespanne, die bald aus 17 Faust hohen Australiern, bald aus ganz kleinen, indischen Doppel-Ponies oder Soldatenpferden zusammengestellt waren. Alles ging übrigens glatt ab und wir fuhren ein außerordentlich rasches Tempo.

Gegen 11 Uhr vormittags hatten wir 45 km zurückgelegt und sollten Frühstückspause auf dem kegelförmigen Felsen Dambul halten, vorher jedoch dem auf demselben gelegenen berühmten Buddha-Tempel einen Besuch abstatten. Am Fuße des Felsens empfing uns der angesehenste Edle der Gegend, gefolgt von seiner mit Spießen bewaffneten Leibgarde. Da der Aufstieg zum Tempel ziemlich lang und steil ist, so trugen uns je acht Singhalesen in kleinen, auf Stangen befestigten Sesseln den Hang hinan, wobei die armen Teufel gewaltig schwitzten und schnoben, aber bei der tropischen Hitze musste mein Egoismus größer sein als mein Mitleid, und so schwankte ich behaglich bis zu der Pforte des Tempels empor, der seines hohen Alters und seiner eigentümlichen Bauart wegen höchst beachtenswert ist.

Fünf bedeutende Höhlen mit ganz kleinen Eingängen sind hier von Menschenhand in den Felsen gehauen und dienen als Tempel des Buddha. Sein Bildnis und die Episoden seines Lebenslaufes finden daselbst in unzähligen Varianten Wiedergabe. Beim Eintritt in diese Tempelhöhlen sieht man dem Eingange gegenüber unter einem baldachinartigen Vorbaue Statuen Buddhas, welche ihn teils in aufrechter Stellung als lehrenden Gott, teils sitzend, die Hände im Schoße gefaltet, als Sinnbild der Beschaulichkeit darstellen. Das Antlitz des Gottes, das nichts weniger als Intelligenz ausdrückt, und seine Extremitäten sind auf sämtlichen Bildwerken mit grellgelber Farbe bestrichen, während die Gewandung in bunten Farben spielt. In einer dritten Stellung, nämlich in liegender, kommt Buddha im Höhlentempel von Dambul fünfmal vor. Diese Bildwerke sind aus dem Felsen gehauen, je 20 m lang und 3 m hoch und gleichen weit mehr großen Walfischen, als dem Ebenbilde eines Gottes. Rings um diese Nachbildungen erhebt sich auf Sockeln eine ganze Reihe sitzender Buddhas in überlebensgroßer Dimension, teils aus Stein, teils aus gebranntem Lehm geformt.

Die Wände und die Decke der Höhlen sind mit äußerst originellen Malereien bedeckt, welche größtenteils das Leben Buddhas zum Vorwurf haben und infolge sinnreicher Anlage und Verteilung der Farben, sowie vermöge einiger eingezeichneter Falten den Eindruck eines großen, hängenden Teppichs machen. Außer den Statuen Buddhas sahen wir in den Tempeln auch noch solche des indischen Königs Räma, des sagenhaften Eroberers von Ceylon.

Mystisches Dunkel herrscht in diesen sechshundert Jahre alten Räumen, da nur von einzelnen schönen, bronzenen Leuchtern herab, deren Verzierung große Pfauen aufweist, dürftiges Licht erstrahlt, während weiße Blumen, Temple flowers, die rings um die Tempel üppig gedeihen und deren Anpflanzung einem indischen Könige zugeschrieben wird, betäubenden Geruch verbreiten.

Eine Anzahl Bonzen erzählte uns — natürlich in singhalesischer Sprache — offenbar höchst interessante Dinge, von denen wir aber nichts verstanden, worauf zum Schluss die sehr verständliche Pantomime der Bitte um Bakschisch folgte.

Der liebenswürdige, für unser leibliches Wohl so sehr besorgte Gouverneur hatte auf der Höhe des Felsens neben einem kleinen Teich aus Bambusrohr und Palmenblättern ein zierliches Haus bauen lassen, in dem sich ein Speiseraum mit Küche und für jeden von uns eine luxuriös eingerichtete Cabine zur Mittagsruhe befanden. Wir segneten in Gedanken Sir Arthur E. Havelock, da uns dies wohnliche Plätzchen außer reichlicher Erquickung und sanfter Ruhe eine geradezu feenhafte Rundsicht über einen Teil der Insel bot. Tief unter uns das weite, grüne Meer von Palmen und laubigen Bäumen, aus dem hin und wieder ein kleiner See oder eine Singhalesen-Ansiedelung hervorblicken und, Inseln gleich, spitze Berge in bläulichem Hauche emporragen. Auch der berühmte und berüchtigte Berg Sigiri, auf welchem die einstigen Könige eine bedeutende, mit Steingallerien ausgestattete Festung erbaut hatten, war durch das Fernglas wahrzunehmen.

Lange vermochten wir uns von diesem zauberhaften Panorama nicht zu trennen, da aber noch 37 km zurückzulegen waren, so hieß es endlich doch wieder zu den Wagen niedersteigen.

Die Hitze hatte nachgelassen und rasch ging es die Straße entlang. Die einzige Unterbrechung verursachten zwei singhalesische Oberpriester, welche mir mit vielen Verbeugungen ein langes Schriftstück überreichten, das von einem Herrn der Begleitung übersetzt wurde und die Bitte um einen Beitrag zur Restaurierung eines Buddha-Tempels enthielt. Vielleicht erhält dank meinem Scherflein irgendein Buddha-Kopf einen noch schöneren kanariengelben Anstrich, als bisher!

Die Sonne war eben im Untergang begriffen, als sich plötzlich der dichte Tropenwald vor uns öffnete.

Ein Ruf des Erstaunens entfuhr unseren Lippen, nachdem wir den vor uns liegenden hohen Damm erstiegen hatten, von welchem aus ein völlig neues Bild sich darbot. Auf der einen Seite das enorme Wasserbecken von Kalawewa, ein blauschimmernder Teich, in dem Hunderte abgestorbener, großer Bäume ihre kahlen Äste emporstrecken, — von dem Rothgold der scheidenden Sonnenstrahlen überhaucht, glich diese Landschaft einer der phantastischen Scenerien Dores — auf der anderen Seite des Dammes der endlose Urwald mit seinem geschlossenen Blätterdache, in der Ferne die Kette der spitzen Berge mit ihren grotesken Formen.

Der Damm, auf dem wir fuhren, — von König Dhatu Sena im 5. Jahrhundert n. Chr. unglaublicherweise ohne jedes technische Hilfsmittel, einzig und allein durch Anwendung menschlicher Kraft erbaut — hat eine Länge von 9,6 km, eine Höhe von 20 m, eine Breite von 7 m und staut das Wasser zweier Flüsse zurück, so dass durch diese Wassersperre ein Teich entsteht, dessen Fläche selbst jetzt noch einen Umfang von 64 km besitzt. Der Zweck dieses großartigen Meliorations-Werkes ist die Bewässerung der zahlreichen Reisfelder des Umkreises, während ein großer, durch Schleusen von diesem Teiche abgezweigter Canal Anuradhapura, das 83 km weit entfernt ist, mit Wasser versorgt, und in der Zwischenstrecke über 100 Dorfteiche speist.

Im Lauf der langen Jahre hatte sich selbst die riesige Stein- und Erdmauer des Dammes gelockert, so dass ein Dammbruch entstand und das ganze umliegende Gebiet überschwemmt wurde. Allenthalben stellte sich in der von Miasmen geschwängerten Landschaft Fieber ein, welches die Bevölkerung derart verringerte, dass der Rest derselben sich zur Auswanderung entschloss. Nachdem schon der nach Anuradhapura führende Kanal einige Kilometer weit oberhalb dieses Ortes von dem Gouverneur Sir William Gregory (1871 bis 1877) ausgebessert worden war, ließ die englische Regierung in den Jahren 1884 bis 1887 den ganzen Kanal instandsetzen und den Damm erneuern, so dass auch der Teich wieder hergestellt wurde. Die Regierung trachtet jetzt, Singhalesen aus den nördlichen Provinzen dadurch zur Ansiedelung in diesem Gebiete zu bewegen, dass sie den Kolonisten unentgeltliche Überlassung von Ländereien zusichert — eine Maßregel, welche jedoch bisher nur teilweisen Erfolg gehabt hat, da die Leute des hier noch immer herrschenden Fiebers wegen zögern, dem Ruf der Regierung Folge zu leisten. Dass die Furcht vor diesem Fieber tatsächlich noch immer begründet ist, zeigten so manche der Ansässigen, an welchen wir deutliche Spuren des tückischen Übels wahrnehmen konnten.

Die durch Wiederherstellung des Dammes bedingte Stauung des Wassers hat zwar das Land wieder anbaufähig gemacht, den großen Randbäumen aber, die bisher auf festem Land gestanden, den Tod gebracht.

Wir waren am Ziele angelangt und fanden hier unser Heim, das Jagdlager, für die nächsten Tage bereit. Oben auf der Crete des Dammes, war anschließend an ein Ingenieurhäuschen eine kleine Niederlassung aus Bambus- und Palmenblättern gebaut, welche einen wohnlichen, freundlichen Eindruck machte. Zuerst kamen die einzelnen Zimmerchen für mich und die Herren meiner Begleitung, dann der große Speiseraum, die Küchen und in einer Vertiefung die Stallungen für ungefähr dreißig Pferde.

Lange saßen wir an dem schönen Abend vor unserem Bungalow und erfreuten uns an den Myriaden von Leuchtkäfern, welche die Äste der Bäume umschwärmten.

Links

  • Ort: Kalawewa, Ceylon
  • ANNO – am 07.01.1893 in Österreichs Presse. Die Schweizer Regierung stellt klar, dass die in diversen Zeitungen verbreitete Ablösung des Schweizer Gesandten in Wien, Herrn Aepli, nicht wahr ist. Im vom Panamaskandal erschütterten Paris ist unklar, ob der Exminister Charles Baïhaut verhaften worden ist, wie es Le Figaro schreibt, oder nicht.
  • Die Neue Freie Presse berichtet über Franz Ferdinands Aufenthalt in Aden und seine Sightseeing-Aktivitäten.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt Adolf von Wilbrandts  „Der Meister von Palmyra“; das k.u.k. Hof-Operntheater kombiniert Pietro Mascagnis Oper Die Rantzau mit einem Ballet „Die Vier Jahreszeiten“.

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