Yellowstone Lake Hotel, 24. Sept. 1893

Erfreulicherweise konnte Clam heute an der Fahrt teilnehmen, zumal das Wetter prachtvoll und ein relativ warmer Tag zu gewärtigen war. Im Fountain Geyser Hotel lieferte uns der Wirt noch einen Beweis amerikanischer Unfreundlichkeit, indem er auf unsere Frage, wann der Old Faithful wieder spielen werde, mit einem mürrischen „Ich weiß es nicht“ antwortete. Kaum im Wald verschwunden, erfuhren wir von den im zweiten Wagen folgenden Jägern, dass der Geyser nach wenigen Minuten in Aktion getreten sei.

Bis zum Upper Geyser Bassin hatten wir denselben Weg vor uns wie am Vortag und fuhren daher an den gestern besichtigten Geysern vorbei, die infolge der kühlen Morgentemperatur besonders stark rauchten. Von da an bis zum Yellowstone-See blieb unser ständiger Begleiter ein Wald, der, ziemlich wüst und öde aussehend, allerdings kein solcher in unserem Sinne war, immerhin aber vereinzelte schöne Bäume enthielt. Eine große Zahl derselben zeigte frische Spuren von Bären, welche die Stämme erklettert und in der Rinde die Abdrücke und Risse ihrer Tatzen zurückgelassen hatten. Diese Kletterübungen werden von den Bären, die ihre Nahrung ausschließlich auf dem Erdboden finden, nur zum Zeitvertreib vorgenommen, während Biber ernste Arbeit an armdicken Stämmen verrichtet hatten, die in einer Höhe von etwa 30 cm glatt durchgebissen waren.

Der erste Punkt unserer Fahrt, zu dessen Bewunderung man uns einlud, rechtfertigte eine solche durch nichts; es waren dies die Kepler-Fälle, welche von dem in einer kleinen Schlucht über ein paar Steine herabfallenden Firehole gebildet werden. Den Wald unterbrechende Felspartien und steinige Leiten waren mit einer leichten Schneedecke überzogen und regten in uns passionierten Gebirgsjägern den Gedanken an, wie geeignet diese Plätze für Bartgams wären, und wie sehr sie dann in unseren Augen gewinnen würden.

Die in vielfachen Krümmungen angelegte Straße bezeugte, dass heuer sämtliche Straßenbauten und Reparaturen unterblieben waren; die Yellowstone-Park-Gesellschaft hat in diesem Jahre, in dem sich der Fremdenbesuch auf nur 3000 Personen belief, so schlechte Geschäfte gemacht, dass sie überall sparen und beispielsweise 100 Kutscher entlassen, sowie 200 Pferde, für welche es an Beschäftigung mangelte, auf die Weide schicken musste.

Nach längerem Anstieg und wiederholter Tränkung der Pferde erreichten wir ein waldiges Hochplateau von bedeutender Ausdehnung, wo eine 2470 m über dem Meer befindliche Tafel mit der Aufschrift „Continental Divide“ belehrt, dass man sich auf der Wasserscheide zwischen dem Pazifischen und Atlantischen Ozean befinde. Aus einem weithin reichenden Wald leuchtet die blaue Fläche des südlicher gelegenen Lake Shoshone entgegen, und in weiter Ferne ragen einige schneebedeckte Spitzen empor.

In sehr scharfen Serpentinen führt der Weg wieder bergab, dartuend, dass die Parkgesellschaft hier entweder wenig um die Sicherheit der Reisenden besorgt ist oder ihren Pferden sehr vertraut; denn das schmale Geleise, das knapp für einen Wagen Raum bietet, zieht, ohne durch ein Geländer oder eine sonstige Schutzvorkehrung abgeschlossen zu sein, hart an Abgründen vorbei, wozu noch kommt, dass der Unterbau der Straße, aus weichem Materiale bestehend und mit bedenklichen Rissen durchsetzt, geringes Vertrauen erweckt.

Ganz unvermutet liegt der Yellowstone-See zu unseren Füßen, und weithin schweift der Blick bis zu den umrandenden Bergen sich an dem herrlichen Bilde weidend. Dieses Gewässer bedeckt in der Höhe von 2360 m einen Flächenraum von 302 km2 und zieht sich mit tiefen Buchten ins Land, so dass man es mit vier Fingern einer Hand vergleichen kann; uns zunächst breitet sich die West Bay oder Thumb aus, wo selbst gewöhnlich das Frühstück in einem Zelt eingenommen wird.

Ganz in der Nähe sprudeln viele heiße Quellen hervor, deren einige bemerkenswert sind, so eine Schlammquelle, ähnlich den Mammoth Paint Pots, die aber statt des weißen Breies intensiv rosa gefärbten Schlamm auswirft und hiedurch einer brodelnden Erdbeercreme gleicht, dann die Gerberquelle mit braunem Wasser u. a. m. Einzelne Quellen liegen knapp am Seeufer, teilweise auch innerhalb des Sees, so dass beim Fishing Cone nur die Ablagerungen das heiße Wasser vom kalten trennen; hier kann man, mit der Angel am Quellrand stehend, im See Forellen fangen und diese alsbald, ohne sich von der Stelle zu rühren, im heißen Wasser kochen — ein Scherz, der öfters praktiziert wird, wie die vielen umherliegenden Gräten und Fischskelette beweisen.

Im Lunchzelt, wo uns ein kaum genießbares, dem Ende der Saison entsprechendes Frühstück vorgesetzt wurde, fanden wir eine Gesellschaft Deutscher, welche sich zu einer vierwöchentlichen Jagdexpedition südlich der Parkgrenze begaben und viel von den großen VVildmengen jener Gegend zu faseln wussten; das fürsorgliche Park-Kavalleriekommando hatte den Jüngern Nimrods für die Dauer der Reise durch den Park die Gewehre versiegelt.

Auf dem kleinen, nicht der Parkgesellschaft, sondern einem privaten Unternehmen gehörigen Dampfboot „Zillah“, das uns über den See brachte, fungierte der Kapitän aus Ersparungsrücksichten auch als Steuermann, Kassier und Stewart; den Hauptschmuck des Bootes bildete ein unter dem Sternenbanner angebrachtes, kapitales Wapiti-Geweih — eine in diesen Gegenden weit verbreitete Sitte; sah ich doch einmal sogar eine Lokomotive, die auf dem Rauchfang ein Geweih trug. Idyllische, lautlose Ruhe herrscht im Gebiete des Bergsees, den in prächtiger Umrahmung mächtige Berge umfassen, so der Mount Sheridan, Mount Cathedral, Grizzly, Eagle Peak und Mount Table. Vom Ufer an ziehen sich auf den Bergen bis zur Vegetationsgrenze unermessliche Forste empor, welche auch den Hauptstandort der hier heimischen Büffel bilden; eine kürzlich diese Stelle passierende Gesellschaft soll sogar einige dieser Riesen der Tierwelt vom Schiff aus gesehen haben. Zahlreiche Enten sowie Gänse bevölkerten den See und tummelten sich in nächster Nähe unseres Fahrzeuges umher; in einiger Entfernung sahen wir Schwäne und Pelikane, und auf einer kleinen Sandbank saß ein Seeadler mit schneeweißem Kopf und Stoß.

Das Yellowstone Lake Hotel, ein ebenfalls geschmackloser Bau, steht auf einem kleinen Hügel oberhalb des Sees und ist mir infolge seiner Lage sowie seiner Aussicht das sympathischeste unter allen Hotels im Park, die ich bisher kennen gelernt habe.

Da mir der Besitzer des Dampfers den Vorschlag gemacht hatte, vor Sonnenuntergang noch auf Lachsforellen zu fischen, fuhren wir in zwei kleinen Booten bis zur Austrittstelle des Yellowstone-Flusses aus dem See, dort unser Glück zu versuchen; ich fischte mit einer Schleppangel und einer Fliege, doch war nicht viel Aussicht auf Erfolg vorhanden, weil nur die Monate Juli und August für den Fischfang günstig sind und die Fische infolge der Kälte wenig Neigung zeigten, anzubeißen. In dem prächtig klaren Wasser des Flusses, in dem man überall, selbst bei bedeutender Tiefe bis auf den Grund sehen konnte, tummelten sich zwar zahlreiche Fische, aber auch die verlockendsten Fliegen übten lange keine Anziehungskraft, bis endlich zwei Lachsforellen der Versuchung doch erlagen und Imhof zur Beute fielen, der mit mir im Boot saß. Diese Salmoniden zeichnen sich hier durch besonders schöne Färbung aus, da ihre goldgelbe und rosenrote Haut mit zahlreichen, dunklen Flecken bedeckt ist.

Ein gleichfalls dem Fischfang obliegender Deutscher, dem wir zufällig begegneten, versicherte uns, dass die Fische am Morgen noch etwas besser angebissen hätten, die jetzige Stunde jedoch ganz ungeeignet sei, so dass wir uns zum Rückzug entschlossen, während desselben durch das herrlich schöne Untergehen der Sonne, ein Alpenglühen und den gleichzeitigen Aufgang des Mondes über dem stillen Bergsee für den wenig befriedigenden Fischfang reichlich entschädigt.

Für den späten Abend wurde uns noch der Anblick eines Bären versprochen, welcher, wie man im Hotel behauptete, nach Anbruch der Dunkelheit täglich dem beim Hause befindlichen, mit den zahlreichen weggeworfenen Konservenbüchsen ausgestatteten Düngerhaufen seinen Besuch abstattet; tagszuvor hatte ihn eine Gesellschaft bei seinem Mahl überrascht, worauf er brummend einen Baum erkletterte und von den Anwesenden mit Holzstücken beworfen wurde. Trotz langen Wartens bekam ich nichts zu Gesicht, fand aber einen Pferdekadaver, der bereits von einem Bären angeschnitten war.

Eine stark decolletierte und mit Brillen versehene ältliche Hebe, die einen äußerst komischen Eindruck machte, bediente uns beim Souper. Nachtsüber mussten wir in den ofenlosen, feuchten Zimmern empfindliche Kälte ertragen.

Links

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
9 − 4 =


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.