Dakna Bagh, 12. März 1893

Nachts hatte es wieder stark geregnet, so dass, obschon der Himmel am Morgen heiter lächelte, kein Tiger bestätigt worden war. Der Resident proponierte daher ein General-shooting, das unmittelbar bei dem Lager beginnen und, in einem großen Halbkreis durchgeführt, gegen Abend wieder in der Nähe des Lagers enden sollte. Geschäfte hielten den Residenten von der Teilnahme an der Jagd ab, deren Leitung er dem Arzt der Expedition übertrug. Letztere Verfügung schien die Eingeborenen zu verdrießen; auch wir zogen vor, uns lieber der bewährten Führung der Nepalesen anzuvertrauen. Kaum war die Linie formiert, so knallten derselben entlang auch schon Schüsse auf mannigfaltiges Wild; ich schoss einen starken Keiler, Clam ein Stachelschwein; auch wurden mehrere Hirsche, sowie Pfauen und Frankolinhühner, die vor uns aufstanden, erlegt.

Wir mochten ungefähr eine halbe Stunde gejagt haben, als rechts von mir ein Kugelschuss Kinskys fiel und der Ruf „Tschita, Tschita“ (Panther) erscholl. Gewaltige Aufregung erfasste die lange Linie; die Schikäris riefen ihre Kommandos, die Mahauts spornten die Elephanten durch unbarmherzige Schläge zu schnellstem Lauf an, und schon glaubte ich die ärgste Unordnung, völlige Debandade eingerissen, als ich zu meinem Erstaunen einen regelrechten Kreis gebildet und die Schikäris in dessen Mitte umherreiten sah, um den eingekreisten Panther aufzuscheuchen. Die Schnelligkeit und Sicherheit, mit welcher die Nepalesen verstehen, eine lange Elephantenlinie durch Vorschieben und Einziehen der Flügel zu einem Kreise um eine bestimmte Stelle zu gestalten, ist geradezu bewundernswert. Der Panther, dem Kinskys Schuss gegolten, hatte sich mitten im Kreis in einem kleinen Grasbusch nach Katzenart geduckt, sprang aber bald wieder vor und wurde nun von Kinsky mit zwei Kugeln erlegt. Es war ein starkes männliches Tier mit lichter, schön gefleckter Decke.

Nach diesem interessanten Intermezzo wurde die Streifung fortgesetzt, in deren Verlauf ich zunächst einige Bellende Hirsche erbeutete, die immer knapp vor dem Elephanten aufstanden und, in dem hohen Grase kaum sichtbar, flüchtig wie Hasen ausrissen. Ein sehr stark aufhabender Axishirsch und drei Stück Tiere aus einem Rudel fielen mir unmittelbar darauf zu.

Ich befasste mich eben mit der Verladung dieser vier Stücke auf Elephanten, als abermals rasch nacheinander Kugelschüsse, von dem Ruf „Tschita, Tschita“ begleitet, ertönten. Prónay und Stockinger hatten auf einen Panther im hohen Gras geschossen und ihn gefehlt. Mit meinem schnellen Elephanten kam ich eben noch zurecht, um den Panther vorsichtig in das Dschungel wegschleichen zu sehen. Ich gab Feuer, roulierte den Panther und rief den herbeikommenden Herren zu, nicht mehr zu schießen, da das Tier bereits verendet sein müsse, als der Panther plötzlich wieder hoch wurde und unter heftigem Brüllen den noch nicht ganz geschlossenen Kreis durchbrach. Auf Nimmerwiedersehen, dachte ich; doch hatte ich nicht mit den scharfen Augen und der Gewandtheit der Eingeborenen gerechnet; denn während es uns unmöglich gewesen wäre, die Richtung anzugeben, in welcher der Panther geflüchtet, hatten die Schikaris dieselbe sehr wohl bemerkt und den Flüchtling bald wieder eingekreist. Auch diesmal brach er, obwohl schwer angeschweißt, durch, ohne dass wir einen sicheren Schuss hätten anbringen können, retirierte, à vue von einer wilden Jagd gefolgt, in einen Stachelschweinbau und war kurz darauf neuerdings eingekreist. Die Mahauts sahen den Panther am Rand der Röhre niedergetan und deuteten nach der Stelle, die ich jedoch des gelben Grases halber nicht ausnehmen konnte; endlich schien dem Panther die Situation doch zu bedenklich, so dass er in voller Flucht hervorstürzte und einen Elephanten attackierte, indem er mit beiden Vorderpranten auf dessen Croupe sprang, worauf ihm Prónay schließlich den Fangschuss gab. Ohschon meine Kugel im Blatt saß, hatte der Panther doch noch die Kraft gefunden, zweimal auszubrechen und einen Angriff auf einen Elephanten zu unternehmen, — gewiss ein Beweis erstaunlicher Lebenszähigkeit.

Wir gönnten nun uns, dem Jagdgefolge und den braven Elephanten eine kurze, durch ein Frühstück gewürzte Rast, welche nach dem erfolgreichen Waidwerk, das wir vollbracht hatten, eine wohlverdiente genannt werden durfte. Der Sammlungseifer ließ uns jedoch auch während dieser Pause nicht völlig zur Ruhe kommen, so dass wir unausgesetzt nach Beute ausspähten. Hiebei war ich insoferne vom Glück begünstigt, als ich in unserer unmittelbaren Nähe im Gras die Haut einer über 5 m langen Python-Schlange fand. Nach dieser Unterbrechung wurde die Jagd wieder aufgenommen.

Das Terrain, welches wir durchstreiften, war besonders reich an Wild, namentlich an solchem seltener vorkommender Arten. Clam und ich erlegten je einen Erdhasen, ich außerdem zwei Zibethmarder; reiche Beute lieferte ein von Farnen und Lianen überwuchertes Dschungel, der Lieblingsaufenthalt von Bronzetauben und Dschungelhühnern. Als diese schönen Hühner mit dem gelb und metallisch schillernden Gefieder und den roten Kämmen vor uns herliefen, konnten wir glauben, in einen Hühnerhof geraten zu sein; fliegend hingegen streichen sie ebenso rasch wie unsere Rebhühner. In der Regel aber bekommt man sie selten zu Gesicht, da sie ungemein schnell und andauernd vorlaufen und erst, wenn sie am Rand eines Dschungels oder an einem Wasserlauf angelangt sind, aufstehen, um hoch abzustreichen. Wir waren jedoch überaus begünstigt, so dass wir im ganzen 52 Dschungelhühner erlegten.

Die Gesamtstrecke des Tages betrug 160 Stücke, worunter 16 Hirsche verschiedener Arten. Abends im Lager versicherte uns der Resident, — und die Nepalesen stimmten zu — dass eine so reiche Strecke noch niemals an einem Tag erzielt worden sei. Kein Wunder, dass die beste Laune im Kreis der Jagdgefährten herrschte und die Ergebnisse des Tages unerschöpflichen Stoff zu anregendster Unterhaltung boten.

Bei den großen Streifungen sind immer zahlreiche Terrainhindernisse zu überwinden; namentlich Flussläufe und tiefeingeschnittene, der Sohle versumpfte Gräben und Schluchten. Die Flussläufe durchziehen in mäandrischen Krümmungen die Ebene. Die Ufer liegen hoch, sind brüchig und fallen meist schroff ab. Beim Absteigen über derartige Uferböschungen stellen sich die Elephanten am Rand auf und gleiten, von einer Lawine von Sand und Erde gefolgt, mit den Vorderfüßen die oft beträchtliche Höhe hinab, während die Hinterfüße am Uferrand flach ausgestreckt liegen bleiben und erst dann nachgezogen werden, bis die Vorderfüße festen Halt gefasst haben. Beim Erklimmen einer steilen Böschung stemmen die Elephanten Kopf, Rüssel und Stoßzähne gegen den Boden, legen die Vorderfüße voraus und ziehen den schweren Körper nach.

Links

  • Ort: Dakna Bagh, Nepal
  • ANNO – am 12.03.1893 in Österreichs Presse. Die Neue Freie Presse lieferte einen Rückblick auf Franz Ferdinands Reise von Bombay bis Agra und einen Ausblick auf das nächste Ziel der Kaiserin Elisabeth. Wenn sie die Schweiz verlassen wird, steuert sie via Genua Korfu an.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater spielt “Der Erbförster“ und „Krieg im Frieden“, während das k.u.k. Hof-Operntheater Meyerbeers „Die Hugenotten“ aufführt.
Die Neue Presse 12 March 1893 - Franz Ferdinand's journey from Bombay to Agra.

Die Neue Presse 12. März 1893 – Franz Ferdinands Reise von  Bombay nach Agra.

Die Neue Freie Presse - Recap of Franz Ferdiand'S trip from Bombay to Agra, conitunued

Die Neue Freie Presse – Fortsetzung von Franz Ferdiands Reise von Bombay nach Agra.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Solve : *
20 + 3 =