Hongkong — Kanton, 23. Juli 1893

Jeder in Hongkong befindliche Europäer trachtet, Kanton, die am Tschu-kiang oder Perlfluss gelegene Stadt, zu besuchen, welche ihren ursprünglichen, original-chinesischen Charakter noch vollständig bewahrt hat und daher eine Menge neuer und interessanter Eindrücke bietet. Die Erfüllung meines Wunsches, diese merkwürdige Stadt zu sehen, wurde durch die chinesische Seezollbehörde ermöglicht, welche so freundlich war, mir einen ihrer Dampfer, den Finanzkreuzer „Tschuen-tiao“, für die Fahrt zur Verfügung zu stellen; denn ohne diese Zuvorkommenheit hätte der Ausflug heute nicht angetreten werden können, da Sonntags die Passagierdampfer nicht verkehren. Bei strömendem Regen und dichtem Nebel schiffte ich mich mit unserem Kommandanten sowie den Herren des Stabes, Scala, Ramberg und Dr. Plumert, ein.

Der Kommandant des Finanzkreuzers, ein englischer Handelskapitän, durch welchen drei nach dem Typus des „Tschuen-tiao“ gebaute Dampfer in der unglaublich kurzen Zeit von 28 Tagen von England nach Hongkong gebracht worden waren, — eine seemännische Leistung, auf die er mit Recht stolz sein darf — hatte sein Schiff so schmuck instand gesetzt, dass es sich „wie aus dem Schachterl“ präsentierte; alles spiegelte, blitzte und glänzte, dass es eine Freude war. Die Finanzkreuzer, Fahrzeuge von 500 bis 700 t Gehalt, haben die Aufgabe, den in den chinesischen Gewässern sehr schwunghaft betriebenen Schmuggel, besonders mit Opium und Salz, hintanzuhalten, und sind daher mit vorzüglichen Maschinen versehen, sowie entsprechend armiert. Unser „Tschuen-tiao“ führte zwei 9.5 cm Armstronggeschütze und zwei Schnellfeuerkanonen. Ein recht hübscher Salon diente als Speisezimmer, während ich die Kajüte des Kapitäns, die mir dieser abgetreten hatte, als Wohnraum bezog.

Bei der Durchquerung des Hafens von Hongkong kamen wir an einem vor wenigen Tagen gesunkenen Dampfer vorbei, dessen Masten und Rauchfang traurig aus dem Wasser ragten. Dieser Dampfer, „Amigo“, war von einem eigentümlich tragischen Schicksal ereilt worden; er hatte vollbeladen Jokohama mit dem Kurs auf Hongkong verlassen, und schon nach zwei Tagen lief hier die telegraphische Nachricht ein, der „Amigo“ sei bei einem Taifun von einem anderen Schiff gerammt worden und gesunken. Doch erwies sich die Nachricht als falsch; denn nach weiteren drei Tagen erschien das Fahrzeug wohlbehalten im Hafen von Hongkong und wollte sich eben vertäuen, um Ladung zu löschen, als es von einem anderen Dampfer mitten im Hafen tatsächlich gerammt wurde und binnen weniger Minuten sank. Dieser Unglücksfall zog überdies den Verlust von Menschenleben nach sich, da mehrere Kinder ertranken.

In der Nähe der Unglücksstelle lag auch ein sehr stark havariertes, großes Segelschiff, welches in einem schweren Taifun alle vier Masten verloren hatte und als Wrack auf dem Ozean herumgetrieben war, bis ihm glücklicherweise ein Dampfer begegnete, welcher es in den Hafen schleppte.

Der Kurs führte zwischen dem Festland und Lantao, dann durch ein Gewirr von anderen Inseln hindurch, bis wir endlich die Mündung des Perlflusses erreichten, ohne jedoch von dieser oder von dem Festland viel wahrnehmen zu können, da Regen und Nebel die Aussicht fast gänzlich verwehrten.

Bei der Mündung des Flusses, der Bocca Tigris, erheben sich auf beiden Ufern dunkle, kahle, nur stellenweise mit spärlicher Moosdecke überzogene Felsberge, welche mit Befestigungen versehen sind, die mit modernen, namentlich Krupp’schen Geschützen bestückt sein sollen. Ob diese Fortifikationen gleichwohl einem energischen Versuch vorzudringen nachhaltigen Widerstand leisten können, will ich dahingestellt sein lassen, halte aber, nur nach dem Anblick aus der Entfernung urteilend, die Anlage der Batterien für veraltet und vernachlässigt; den
gleichen Eindruck machte mir auch eine Reihe von weiter stromaufwärts liegenden Befestigungen, die auf Hügeln placiert sind, welche dem Boden entsteigen.

Hinter Bocca Tigris verflacht die Gegend, Reisfelder bedecken die Ebene — kein malerisches Bild. Von einem Hügel blickt eine sieben Stockwerke hohe Pagode — die erste, die wir zu Gesicht bekamen — auf den Fluss, und wir begrüßen in ihr ein uns von allen Chinoiserien her geläufiges Symbol des himmlischen Reiches. Ab und zu erschauen wir kleine Ortschaften.
An einigen Stellen ist der Fluss durch Barrikaden von Pfählen, in welchen nur eine schmale Passage frei geblieben ist, gesperrt — eine Frucht der Erfahrungen, die China in den Konflikten mit europäischen Mächten gemacht. Seit Errichtung dieser Flusssperren hat Whampoa, in früherer Zeit der Ankerplatz aller Schiffe, später aber verödet und verfallen, wieder an Bedeutung gewonnen, da Fahrzeuge, deren Tiefgang und Tonnengehalt eine gewisse Grenze überschreiten, die Flusssperre nicht passieren können und gezwungen sind, in Whampoa vor Anker zu gehen.

Der Kapitän wählte, um Kanton zu erreichen, nicht den in der Regel benützten Whampoa-Kanal, sondern die südlichere Blenheim-Passage, und endlich lag, nachdem schon geraume Zeit vorher das häufigere Auftauchen von Ansiedlungen und der gesteigerte Verkehr auf dem Fluss die Nähe der großen Stadt deutlich genug angekündigt hatten, diese vor uns.

Kanton, Kwang-tschau (Goang-dschöu)-fu, in den Jahren 1859 bis 1861 bekanntlich in französisch-englischem Besitz, soll der Bevölkerungsziffer nach die erste Stadt des chinesischen Reiches sein, da die Zahl der Einwohner 1,5 Millionen übersteigt. An dem nördlichen Ufer des Whampoa-Kanales, einem Arm des Perlflusses gelegen, ist Kanton die Hauptstadt der Provinz Kwang-tung (Goang-tong) und der Sitz des Generalgouverneurs der beiden Kwang (Goang)-Provinzen. In der Geschichte des Handels mit Ostasien nimmt Kanton eine hervorragende Stellung ein, und durch Jahrhunderte war in dieser Stadt der nach dem Westen gerichtete Handel Chinas konzentriert, welchem die Portugiesen den Weg eröffnet, die Engländer einen hohen Aufschwung gegeben haben. Aber erst der Vertrag von Nanking vom 29. August 1842 hat den kommerziellen Verkehr mit China von den auf ihm lastenden Beschränkungen und aus der eigentümlichen Form, welche er in Kanton angenommen hatte, befreit und ihm eine neue Verfassung verliehen; denn damals wurden mehrere Häfen — in der Folge traten noch andere hinzu — dem auswärtigen Handel eröffnet, die Ansiedlung fremder Kaufleute auf hiezu bestimmten „Konzessionen“ gestattet, Konsuln zugelassen u. dgl. m. Seit dieser Zeit hat Kanton, eben nicht mehr der ausschließliche Platz für den Handel nach dem Westen, an Bedeutung verloren, und auch das immer steigende Aufblühen Hongkongs hat die kommerzielle Wichtigkeit jenes Platzes nicht wenig beeinträchtigt.

Die Stadt ist von einer 16 km langen, 12 m hohen Ringmauer umschlossen, deren breite Krone mit zahlreichen Geschützen bewehrt ist; doch können diese Fortifikation und deren Zustand einem europäischen Soldaten kaum ernste Bedenken einflößen. Auf dem zwischen der Stadtmauer und dem Fluss gelegenen flachen Terrainstreifen erheben sich, teils auf festem Boden, teils auf Piloten ruhend, zahllose Hütten, einen Teil der Wasserstadt bildend, welche ihre Fortsetzung in einem schwimmenden Teile findet, in einer unabsehbaren Flotille eng aneinander liegender Boote. Man schätzt die Anzahl der Bewohner dieser Wasserstadt auf 80.000 bis 100.000.

Bietet Kanton von der Flussseite her ein höchst originelles und interessantes Bild, dem es an bestrickendem Reiz umso weniger fehlt, als auf dem Fluss wegen des ununterbrochenen Hin und Her der denkbar verschiedensten Fahrzeuge das regste Leben herrscht, so ist andererseits der Blick auf die von der Zwingmauer umschlossene Stadt selbst wenig lohnend. Diese steigt im Norden gegen die daselbst liegenden Hügel zu an und zerfällt in zwei Teile, die durch eine dem Fluss parallel laufende, mit Wassergräben versehene Mauer getrennt sind: in die eine weitaus größere Fläche umfassende alte Tartarenstadt im Norden und in die auf kleinerem Raum sich entfaltende, dem Fluss zugewandte eigentliche Geschäftsstadt, Neu-Kanton. Die Umwallungsmauer wird von acht, die Quermauer von vier Toren durchbrochen, während zwei Wassertore für die Boote bestimmt sind, welche in dem die Stadt durchziehenden Hauptkanal ein- oder austreten; alle diese Tore sind nachts geschlossen, tagsüber geöffnet, doch militärisch besetzt.

Die Tartarenstadt enthält nur zum Teil eine Häusergruppierung von städtischem Charakter, im übrigen aber Ackerland und brach liegendes Gefilde, auf dem sich weithin zerstreut Tempel sowie große, öffentliche Gebäude erheben, unter diesen der Palast des Generalgouverneurs, jener des Tartarengenerals, die Prüfungshallen, der Tempel der Fünf Genien und im aufsteigenden Teile die Fünfstock-Pagode. In der Nähe des Nordtores wurde im Jahre 1889 auch eine Münzstätte errichtet.

Im Gegensatz zur Tartarenstadt ist Neu-Kanton von dicht aneinandergereihten, selten ein Stockwerk übersteigenden Häusern erfüllt. Nächst den Pagoden ziehen schon vom Schiff aus die Godowns die Aufmerksamkeit auf sich, Bauwerke, welche die Wohnhäuser überragen und, entsprechend ihrer Bestimmung, als Magazine zu dienen, einbruch- und feuersicher hergestellt sind. Schmale Gassen durchziehen das Gewirr von Häusern.

Westlich der Stadt, außerhalb der Ringmauern, dehnen sich die neueren Vorstädte aus; südlich hievon liegt die Schlamminsel Scha-mien, der Sitz der Fremdenkolonie, welche als Konzession bestimmt und auf gemeinschaftliche Kosten des englischen sowie des französischen Staatssäckels in den Jahren 1859 bis 1861 mit bedeutendem Aufwand zur Ansiedlung geeignet gemacht worden ist. Drei Brücken, welche unter scharfer militärischer Bewachung stehen, verbinden die Insel mit dem Festland, werden aber um 7 Uhr abends gesperrt, da nach dieser Stunde kein Europäer sich in der Stadt blicken lassen darf und auch den Chinesen, mit Ausnahme der Palankinträger, das Betreten von Scha-mien untersagt ist.

Gleich der erste Eindruck, welchen der Reisende — eben angelangt, noch an Bord — von Kanton empfängt, lässt jenem keinen Zweifel, dass er sich dem Chinesentum in seiner ganzen Originalität und Urwüchsigkeit gegenüber befindet. Um so kontrastierender, aber auch erhebender ist die Wirkung, welche der Anblick der römisch-katholischen Kathedrale hervorbringt, die mit ihren alle Bauten Kantons überhöhenden Doppeltürmen in dem südwestlichen Teil der Geschäftsstadt aufragt. Die Baukosten wurden zum Teil aus der Kriegsentschädigung, die China auf Grund des Pekinger Friedensvertrages vom 24. Oktober 1860 gezahlt hat, zum Teil aus den Mitteln der französischen Mission gedeckt. Es liegt nahe, dass dieser stolze Bau den Chinesen ein Dorn im Auge ist, und es bleibt fraglich, ob es nicht politisch klüger gewesen wäre, sich mit einem minder auffallenden Bauwerk zu begnügen. Auch die gelben Brüder können, wie Erfahrungen zeigen, in recht bedenklicher Weise verstimmt werden, wenn sie die Absicht merken; doch sollen sie sich vorläufig in der ihnen eigentümlichen Fähigkeit der Selbsttäuschung und in ihrem stark entwickelten Dünkel mit der Kathedrale dadurch abgefunden haben, dass sie in den zwei Türmen die Hörner des Widders, des Wappentieres von Kanton, erblicken und auf diese Weise in dem Gotteshaus nur eine Verherrlichung der Stadt Kanton durch die „fremden Teufel“ sehen.

Mr. Drew, der Generalsekretär der chinesischen Seezollämter, kam an Bord, um mich einzuladen, während meines Aufenthaltes in Kanton sein Gast zu sein. Ich hätte zwar ein Hotel vorgezogen, einerseits um nicht zu stören, andererseits um nicht ein Dasein zu führen, welches durch die Notwendigkeit getrübt ist, den Frack anlegen zu müssen; da aber Kanton kein europäischem Geschmack auch nur halbwegs entsprechendes Hotel aufzuweisen hat, nahm ich Mr. Drews freundliches Anerbieten mit vielem Dank an.

Bald waren wir in dem auf der Insel Scha-mien gelegenen Home unseres Gastfreundes, wo uns dessen Gattin, eine Amerikanerin, willkommen hieß und mit sehr heißem Tee bewirtete; leider konnte ich mit der Hausfrau, die eine sehr liebenswürdige Dame zu sein schien, nicht konversieren, da sie nur der englischen Sprache mächtig ist. Mr. Drew hingegen spricht nicht nur etwas französisch, sondern verfügt auch über einen kleinen Schatz deutscher Worte — eine Errungenschaft, welche dem längeren Verweilen in Wien zu danken ist, wo Mr. Drew anlässlich der Ausstellung des Jahres 1873 als Kommissär Chinas fungiert und sich so wohl gefühlt hat, dass er von jener Zeit noch immer mit Befriedigung spricht.

Die Insel Scha-mien bietet dem Auge einen lieblichen Ruhepunkt: freundliche Villen, von Gärten mit schattenspendenden Bäumen umgeben, bedecken das kleine Eiland, schöne Alleen umsäumen das Ufer, und gut gehaltene Wege durchziehen die Ansiedlung, die mitten in dem Getriebe des Flusslebens den Eindruck vornehmer Ruhe bietet, obschon sich daselbst nicht nur die Wohnhäuser, sondern auch die Etablissements der großen Kaufleute befinden, deren Geschäfte Millionen in Umlauf bringen. Doch dringt das Knistern und leise Rauschen der Wechselbriefe, das Rollen und Klingen der Münzen nicht hinaus an das Ohr des Touristen.
Die Villa Mr. Drews liegt am Ufer des Flusses; zwei Eigenschaften zeichnen das Hauswesen vorteilhaft aus, nämlich eine sehr gute Küche und ein kühles Bad. Besonderer Erwähnung sind auch die Betten wert, die angenehme Ruhe versprechen, nicht zum wenigsten, weil dichte Netze den blutsaugenden Moskitos den Überfall auf den Schläfer verwehren.

Da es erst 5 Uhr nachmittags war, wollten wir noch den auf der Insel Ho-nan befindlichen Buddha-Tempel besichtigen. Hatten wir früher einen Gesamteindruck von der Wasserstadt empfangen, so fanden wir bei der Fahrt nach jener Insel Gelegenheit, wohl eine der merkwürdigsten menschlichen Ansiedlungen aus nächster Nähe kennen zu lernen. Boote aller Arten, Gestalten und Größen liegen hier enge aneinandergereiht; Dschunken, Sampans und Pantoffelboote wimmeln von Alt und Jung, von Männern, Weibern und Kindern, die in den schwimmenden Wohnstätten ihr Alles erblicken, hier geboren werden, leben, streben, lieben, sterben.

Meine Neugierde ließ mich eine Anzahl der kleineren Fahrzeuge besehen, in welchen ich zu meiner Überraschung einer unerwarteten Reinlichkeit und Nettigkeit begegnete. Die Boote sind mit wasserdichten Matten überwölbt und bergen zwei Räume, eine Art kleinerer Kajüte und einen Vorraum, beide mit färbigem Papier und allerlei Bilderwerk schmuck ausgestattet; ein großer Stein oder eine Lehmschicht, wo das frugale Mahl, aus Reis, Bohnen und Tee bestehend, gekocht wird, vertritt die Stelle des Herdes. Die Tonne des Diogenes scheint mir durch diese Behausungen noch übertroffen; denn während jener Weise sich des Alleinbesitzes seines Heimes erfreute, sind die einzelnen Boote, wie wenig Raum sie auch bieten, meist zahlreich bevölkert, da die auf dem Wasser lebenden Familien nicht weniger Kindersegen genießen, als die auf dem Festland hausenden. Der Erwerb, welchen die Bootsinsassen zu finden vermögen, soll ein äußerst dürftiger sein und reicht für eine ganze Familie oft kaum an die Grenze des europäischen »Hungerlohnes« eines Arbeiters heran.

Die Ausnützung des Raumes der Boote ist die denkbar vollkommenste. Abgesehen von den Säuglingen, welche gewöhnlich ihren Platz auf dem Rücken der Mutter finden, wird die heranwachsende Generation in kleinen, mit Deckeln verschlossenen, am Boden oder am Bug des Bootes befindlichen Verschlägen untergebracht, wo sie sich im Gegensatze zu unserer schreienden Jugend meist ruhig verhält. Lüftet nun der Eindringling den Deckel einer dieser »Kinderbewahranstalten«, so blicken ihn einige kleine, nackte, bereits mit dem Zöpfchen geschmückte Chinesen erstaunt an, um ihm sofort behende wie Affen entgegenzukriechen.
Nur chinesische Anspruchslosigkeit kann Lebensverhältnisse, wie wir sie hier finden, noch als genügende, ja, es scheint mitunter, sogar als behagliche betrachten.

Zwischen den verankerten Booten verkehren rastlos Schiffe aller Art, so dass es oft sehr schwierig ist, sich mit einem Boote durch das Getriebe hindurch den Weg zu bahnen. Unter allen Fahrzeugen, welche der Perlfluss trägt, sind die merkwürdigsten wohl die großen Passagierboote, welche, den Dampfschiffen nachgebildet, achter ein Rad haben, das aber nicht mit Dampf in Bewegung gesetzt wird, sondern durch menschliche Kraft, durch jene von etwa 25 Kulis, die in einem Tretwerk im Schweiß ihres Angesichtes arbeiten. Als die ersten Dampfboote der Europäer den Fluss heraufgekommen waren, versuchten die erstaunten Chinesen, so erzählt man, diese Erfindung nachzuahmen, was ihnen jedoch nicht vollständig gelang; denn die Konstruktion der Maschine bot einige Schwierigkeiten. Die gelben Brüder wussten aber zu helfen, indem sie die Maschine durch Kulis ersetzten, deren Verwendung nicht nur einen einfachen Mechanismus gestattete, sondern auch den Vorzug der Wohlfeilheit hat, da ein Kuli, welcher durch acht Stunden täglich die ermüdende Arbeit der raschen und kräftigen Bewegung im Tretrad zu leisten hat, angeblich im Monat nicht mehr als 75 fl. ö.W. an Lohn erhält! Damit nun das Werk auch von außen der Erfindung der „Barbaren“ vollkommen entspreche. wurde dem Schiff ein hoher Rauchfang aufgesetzt, welchem dichter Qualm entstieg, da unterhalb stark rauchende Holzarten entzündet wurden. Hiemit war der Dampfer chinesischer Erfindung vollendet; später ließ man zwar den dampfenden Schlot hinweg, das Rad aber mit dem Tretwerke blieb.

Mit einiger Anstrengung wurden etliche Sampans zur Seite geschoben, um das Anlegen unseres Bootes an der Insel Ho-nan zu ermöglichen, und nach wenigen Schritten standen wir vor dem Hoitschong-dsy (Hai-tschoang-sy), einem der 125 Tempel verschiedener Kulte, welche Kanton zählt.

Diese Ziffer vermag wohl kaum Erstaunen zu erregen, da doch die Bevölkerung eine so zahlreiche ist und China drei religiöse Lehrsysteme besitzt: die Philosophie des Konfuzius, welche die Staatslehre repräsentiert und der daher der Hof, die Staatsbeamten und überhaupt die gebildeten Gesellschaftsschichten anhängen; den Buddha- oder Föh-Dienst, zu dem sich die unteren Volksklassen, die große Mehrzahl der Chinesen, bekennen; endlich das wohl nur eine verhältnismäßig geringe Anzahl von Bekennern zählende System des Lao-dsy, welches den einzelnen Menschen als Selbstzweck betrachtet, ihm die Aufgabe stellend, sich innerlich zur Vollkommenheit zu erheben, um hiedurch zu dem höchsten Wesen, Dao genannt, zurückzukehren. Da das System des Konfuzius den Charakter einer staatlichen Institution trägt, erscheint dessen Bekennung für jeden Staatsbeamten obligatorisch; doch kann derselbe nebenbei auch Buddhist oder Daoist sein.

Der Hoi-tschong-dsy ist der größte Buddha-Tempel in Kanton und dehnt sich über eine bedeutende Fläche aus, die eine Reihe von Baulichkeiten und Höfen umfasst; Gärten und Begräbnisstätten vervollständigen die Anlage, und überdies steht mit diesem Gotteshaus ein Mönchskloster in Verbindung, wo sich angeblich 175 Priester dem Dienste Buddhas widmen. Der Eingang in den Tempel wird von vier fratzenhaften, überlebensgroßen Gestalten bewacht, deren Aufgabe es ist, dem frommen Pilger heilsamen Schrecken einzujagen, und die durch eine Anzahl von Votivzetteln, womit die Füße der Scheusale beklebt sind, offenbar milder gestimmt werden sollen. Einen mit Granitplatten gepflasterten, von schönen, alten Ficus-Bäumen beschatteten Gang durchschreitend, gelangt man in einen Pavillon, wo mystisches Halbdunkel herrscht; drei vergoldete Buddha-Figuren, aus Ton gefertigt. nehmen die Mitte des Raumes ein, während an den Wänden rechts und links etwas kleinere, aus dem gleichen Stoffe geformte Gestalten stehen, welche 18 Apostel Buddhas versinnbilden. Dieser wird hier in einer Art dargestellt, welche von der in Indien gebräuchlichen abweicht; denn der Buddha des Chinesen ist ein beleibter Gott, dessen wohlgenährtes, lächelndes Antlitz vollkommenes Wohlbehagen ausdrückt. Das bedeutende Embonpoint, mit welchem der Chinese seinen Buddha ausstattet, erklärt sich aus der Auffassung, wonach Beleibtheit auf Reichtum hinweist und daher dicke Leute in hohem Ansehen stehen. Vor den Götterbildern sind große Altäre mit Trommeln, Glocken und Opfergefäßen errichtet, welch letztere aus Silber oder aus minder edlen Metallen angefertigt, meist aber künstlerisch ausgeführt sind und die Form von hohen Leuchtern oder Urnen mit Drachenköpfen zeigen, die zur Aufnahme brennender Räucherkerzen bestimmt sind.
Der nächste Tempelraum enthält außer einem Bildnisse der Gottheit Kun-jem (Goang-in) eine sehr schöne Marmor-Pagode, vor welcher die heiligen Bücher liegen, deren sich die Bonzen bei dem Gottesdienste bedienen; die Pagode reicht bis zur Decke empor, ist an den einzelnen Absätzen durch reizende bronzene Glöckchen verziert und bringt vermöge ihrer schlanken Form und der eleganten Linienführung eine künstlerische Wirkung hervor. Als Intermezzo wurden uns hier heilige Schweine in Freiheit vorgeführt, die infolge des sorglosen
Daseins, welches ihnen beschieden, dermaßen fett sind, dass sie sich kaum zu bewegen vermögen. Einer der uns begleitenden Bonzen hieb, der Heiligkeit der Schweine ungeachtet, unter boshaftem Grinsen auf dieselben ein, ohne bei ihnen eine andere Wirkung als ein lebhaftes Grunzen hervorzurufen. Ein dritter Raum, der sich vor uns erschloss, birgt die Figur eines Gottes, über dessen seinerzeitigen Lebenswandel bei unseren Führern die widersprechendsten Ansichten herrschten. Jedenfalls hat sich die Kühnheit der chinesischen Phantasie bei der Darstellung der Gottheit keine Schranken auferlegt.

An die Tempelbauten sich anreihend und in deren Bereiche liegen die Behausungen der Priester, ein wahres Labyrinth schmutzerfüllter, kleiner Baulichkeiten, in welchen die Speiseräume und die Küche den Eindruck besonderer Verwahrlosung erwecken. Den Abschluss des Tempelgeheges bildet ein großer, in reichlichem Blumenschmuck prangender Garten, wo wir an das Grab eines heiligen Mannes sowie an jenes eines berüchtigten Tartarengenerals geführt wurden, der sich in Kanton dadurch ein trauriges Andenken gesichert hat, dass er ein Blutbad anrichten ließ, dem 60.000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Die uns begleitenden buddhistischen Priester trugen den Schädel glatt rasiert und zeigten ein verkommenes Äußere; in ihren Mienen lag ein schlauer, listiger Zug, und mit größter Zudringlichkeit, jeder Würde bar, bettelten sie um Almosen. Die religiöse Tätigkeit dieser Tempeldiener beschränkt sich auf die tägliche, dreimalige Verrichtung eines Gebetes, während der übrige Teil ihres Tagewerkes im Nichtstun, im Umherlungern, im Betteln besteht. Es ist daher nicht zu verwundern, dass die gebildeten Chinesen den buddhistischen Priester verachten und in ihm einen Heuchler erblicken, der, Lastern ergeben, nur nach mühelosem Wohlleben sinnt. Auf mich haben die im Ho-nan-Tempel schaltenden Bonzen jedenfalls eine möglichst ungünstige Impression hervorgebracht.

Der Abend war dem Besuch einer Spezialität Kantons, jenem der berühmten, oft beschriebenen, sogenannten „Blumenboote“ gewidmet. Der Gestalt nach Dschunken und gleich den anderen Fahrzeugen der Wasserstadt im Fluss verankert, sind diese Boote Restaurants und Etablissements, in denen Kanton sich amusiert, die Träger des Zopfes fröhlich werden. Hier geht es oft hoch her; denn Gelage werden gefeiert, Musik erklingt, Lieder erschallen und das ewig Weibliche verleiht höheren Reiz. Die Blumenboote sind in großer Zahl vertreten, doch selbstverständlich je nach der Klasse der Bevölkerung, aus welcher die
Besucher sich remitieren, sehr verschieden hinsichtlich dessen, was sie bieten, und des Reichtums der Einrichtung. Die Boote, die wir besuchten, enthielten mehrere Räumlichkeiten, hierunter einen Salon, der für Opiumraucher bestimmt ist, und Gemächer, welche geschlossene Gesellschaften zum Mahl vereinigen, also chinesische Chambres séparées. Die Ausstattung ist sehr reich, schön geschnitzte Möbel, mit gestickten Stoffen überdeckt, erfüllen die Lokale; hier steht kostbares Service für Tee, dort sind Tischchen für Opiumraucher mit Perlmutter und Steinen zierlich ausgelegt; an den Wänden ziehen sich vergoldete, in mäandrischen Mustern geschnitzte Verzierungen hin, und helles Licht, das sich in zahlreichen Spiegeln und Gläsern bricht, flutet durch die Räume.

Während in den Speisezimmern heitere Symposien gefeiert werden, frönt so mancher dem verhängnisvollen Genuss des Opiums im Salon. Wir trafen auf einen Raucher, der sich bereits im Zustande der vollständigsten Bewusstlosigkeit befand, der also den Gipfel des Genusses erreicht hatte; doch der Mann wand und krümmte sich derart, dass es schwer war, hierin den Ausdruck der durch selige Träume hervorgerufenen Verzückung zu erblicken. Um mir ein eigenes Urtheil bilden zu können, rauchte ich zwei Pfeifen Opium, die mir ein alter Chinese mit freudvollem Eifer »stopfte«, wäre aber nicht im Stande, hieran Geschmack zu finden; denn der Rauch erinnerte an jenen stark parfümierten Tabaks und mundete mir in keiner Beziehung. Dadurch, dass ich mich an Opium versucht, stieg ich offenbar in der Achtungsskala der Chinesen um ein Bedeutendes, da sich alles beeilte, mir Tee, Früchte und die erdenklichsten Erfrischungen anzubieten. Leider kann ich mich mit dem Tee, wie er hierzulande genossen wird, — sehr heiß und ohne Zucker — nicht befreunden.

Eine Schar junger Mädchen besorgte die Bedienung sowie die Unterhaltung der Gäste durch Musik und Gesang. Einige dieser Damen sind nach unseren Begriffen so übel nicht, doch verunstalten sie sich — mögen sie immerhin glauben, hiedurch das chinesische Schönheitsideal zu erreichen — vollkommen, indem sie sich ganz weiß schminken, auf die Unterlippe einen roten Fleck malen und die abrasierten Augenbrauen durch hochgeschwungene künstliche ersetzen. Diese Metamorphose verleiht den Mädchen einen ebenso unnatürlichen, als chronisch verwunderten Ausdruck, der sie Puppen aus Wachsfigurenkabinetten ähnlich erscheinen lässt. Das Haar der Schönen ist in der kunstvollsten Weise geordnet; diese Frisur bedarf großer Sorgfalt und erheischt bedeutenden Zeitaufwand, so dass die Mädchen, um sich diesem mühsamen Geschäfte nicht allzu oft unterziehen zu müssen, dem stilvollen Aufbau erhöhte Konsistenz durch Anwendung eines Klebemittels geben, welches der Frisur eine mehrtägige Haltbarkeit sichert. Die Fingernägel, denen besondere Pflege gewidmet wird, lassen die Damen zu einer unförmlichen Länge gedeihen, auf welche Weise, wie durch lange Nägel bei beiden Geschlechtern überhaupt, angedeutet werden soll, dass der Träger der Fingerzier sich einer Wohlhabenheit erfreut, die ihn der Notwendigkeit enthebt, durch der Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Die Mädchen sind in prächtige Gewänder gehüllt; selten schöne und geschmackvolle Stoffe haben bei den Toiletten der Nymphen des Blumenbootes Verwendung gefunden.

Die Püppchen, die uns umringten, waren recht nett und drollig anzusehen, so lange sie,, ununterbrochen fächelnd, uns schweigend umtrippelten — doch „wehe, wenn sie losgelassen“, zu singen und zu musizieren begannen. Der Gesang bewegte sich in wahrhaft schwindelerregenden Höhen und konnte nur als jammerndes, ohrenzerreißendes „Quietschen“ bezeichnet werden; die Instrumentalmusik aber war jenem vollkommen ebenbürtig, indem Gongs, Zithern und Gitarren grässliche Töne entlockt wurden. Dies hindert nicht, dass derartige Musik den Chinesen als Ohrenschmaus erscheint, dem sie mit der gespanntesten Aufmerksamkeit sich hingeben, um dann ihrer Befriedigung über den Kunstgenuss lebhaften Ausdruck zu verleihen. Eine der Künstlerinnen trug mir ein als besonders schwärmerisch und hinreißend gepriesenes Liebeslied vor, das auf Chinesen immerhin einen solchen Eindruck hervorbringen mag; beglückte aber bei uns eine holde Schöne den schmachtenden Seladon in ähnlich lyrisch-melodischer Art, so würde sie unzweifelhaft eine mit ihren Gefühlen arg kontrastierende Wirkung erzielen, da der Angesungene nur in der schleunigsten Flucht sein Heil suchen könnte.

Mein Ergötzen erregte in dem erstbesuchten Blumenboot ein bemoostes, aber sehr joviales Haupt — ein 72jähriger Chinese vornehmen Standes, dessen Lebenslust ihn allabendlich das heitere Lokal aufsuchen ließ, wo er Stammgast und ein hoher Mandarin sein würdiger Kumpan war. Der ergraute flotte Bursche zeichnete sich durch die Virtuosität aus, mit der er das Krähen des Hahnes und das Gackern der Hennen nachzuahmen verstand, eine Kunstfertigkeit, welche der alte Sünder zum höchsten Entzücken der Besucher des Blumenbootes auszuüben pflegt. Offenbar hatte ich sein besonderes Wohlgefallen erregt; denn rastlos ließ er mich durch den Dolmetsch ersuchen, recht lange zu bleiben, wartete mir mit Tee auf, nahm in meiner Nähe Platz und krähte und gackerte, von dem schallenden Gelächter aller Anwesenden begleitet, frisch darauf los. »Der alte Drahrer« war in seiner Komik unbezahlbar und bat mich, als wir schließlich unter endlos.en Begrüßungen und Bücklingen von einander schieden, dringend, in den nächsten Tagen ja gewiss wiederzukehren.

Die Wanderung nach anderen Booten erforderte einige equilibristische Fertigkeit, da die Verbindung nur durch schmale Stege hergestellt war, unterhalb welcher der Fluss rauschend dahinströmt. Anfänglich waren die Besucher dieser Etablissements über unser Erscheinen einigermaßen erstaunt; doch begrüßten wir sie mit dem freundlichsten »Tsing-tsing«, — der üblichen chinesischen Formel — womit das Eis gebrochen war, so dass die Habitues sich nicht nur beruhigten, sondern uns auch aufforderten, Platz zu nehmen und Tee zu trinken. In Kürze war so allenthalben eine vollkommene Entente cordiale hergestellt.

Sehr befriedigt von den Eindrücken des Tages kehrten wir in später Stunde nach Scha-mien in unsere gemütliche Villa zurück.

Links

  • Ort: Kanton
  • ANNO – am 23.07.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater ein Ballet „Ein Tanzmärchen“ aufführt.

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