In See nach Port Kennedy, 1. Mai 1893

Ein Tag, an welchem wir lebhaft der Heimat gedachten. Der 1. Mai! Sonst habe ich diesen Tag, der ja bei uns als offizieller Beginn des Frühlings gilt, entweder im schönen Prater oder in den Bergen Oberösterreichs, an einem der lieblichsten Punkte dieses unvergleichlichen Landes, in Brunnwald, auf der Hahnenjagd verbracht. Auch hier in den Tropen wollte sich der 1. Mai als ein schöner, freudespendender Tag zeigen; denn als mich morgens die Musikkapelle mit einer Tagreveille und einem Ständchen weckte, bot sich mir ein entzückendes Bild dar: der Himmel war ganz klar, die See spiegelglatt und lichtblau gefärbt. Die Temperatur war nicht zu intensiv.

Wir fuhren zwischen den Ausläufern der Insel Flores mit dem ganz erloschenen Vulkan Lobetobi (2170 m) und der nur aus einem rauchenden Vulkan bestehenden Insel Komba durch; beide Inseln waren von der See bis beinahe zur Spitze der Berge mit dichtem Baumwuchs bedeckt und boten ein prächtiges Bild. Späterhin passierten wir die Inseln Andonare oder Sabrao, Lomblen oder Kwella, Pandai oder Pantar und Allor oder Ombaai, auf welchen sich zum Unterschied von den anderen Eilanden auch kahle Steinhügel, wahrscheinlich gleichfalls vulkanischen Ursprungs, zeigten.

Nachmittags fand als Maifeier an Bord eine kleine, vom Stab arrangierte Unterhaltung statt. Zuerst gab es am Eisendeck ein Revolverschießen, bei welchem auf eine von unserem „Bordkünstler“ sehr schön bemalte Scheibe, sowie auf Flaschen geschossen wurde. Einige der Herren zeigten sich als vortreffliche Schützen, während ich, im Revolverschießen ohne jede Übung, die Flaschen häufig fehlte. Dem Scheibenschießen folgte ein sehr heiteres Matrosenfest mit den verschiedenartigsten Spielen: den ersten Teil des Festprogramms bildete das bekannte Sacklaufen, bei welchem Leute in Säcke völlig eingenäht wurden und sich die komischsten Stürze und Unfälle ergaben; dann kam ein Tauziehen, in welchem zumeist die riesenhaft starken Heizer Sieger blieben; ferner ein Wettlauf zwischen paarweise an den Füßen aneinander gefesselten Matrosen.

Die Hauptnummer des Programms aber bestand aus einem Tauchen nach Geldstücken in einer meterhoch mit Wasser gefüllten Balje. In diese wurde ein Dollar versenkt; dann band man den Tauchern die Hände auf dem Rücken zusammen, worauf die Leute den Dollar mit dem Mund herausholen sollten. Natürlich gelang dies nur nach wiederholten Versuchen. So mancher versank ganz in der Balje und musste herausgehoben werden, oder kam nach einiger Zeit ohne Resultat aus dem Wasser hervor, was die Zuseher stets mit wahren Lachsalven begleiteten. Die Unteroffiziere erteilten ihren Schützlingen gute Ratschläge. Brachte einer der Taucher endlich das Geldstück ans Tageslicht, so wurde er von den Kameraden mit lautem Jubel empfangen. Die Leute amüsierten sich prächtig, und wir freuten uns der Unterhaltung, welche ihnen dieses Spiel gewährte.

Den Beschluss machte noch eine sehr schwierige Übung, nämlich das Erklettern eines ungefähr 5 m langen dicken Taues, das über und über mit Talg beschmiert und daher glatt war wie die Haut eines Aales. Viele versuchten vergebens das Kopfende des Taues zu erreichen; meist mussten sie schon auf halbem Wege wieder von ihrem Vorhaben abstehen, da sie die Kraft verlassen hatte. Man sah, wie die Kletterer sich anstrengten und selbst mit den Zähnen nachhalfen; doch alle Bemühung blieb vergeblich. Da trat ein kleiner schmächtiger Mann vor, von dem alle glaubten, er würde nicht 2 m emporkommen; allein, behende wie ein Affe, hatte er mit einigen Rucken das Tau erklettert, wofür ihm lauter Beifall und ein schöner Preis zuteil wurde. Nachdem noch zwei anderen Matrosen das schwierige Kunststück gelungen war, beschloss ein Tanz der Mannschaft das improvisierte Maifest.

Die sinkende Sonne beleuchtete den Horizont und die See auf das intensivste; zu gleicher Zeit aber wälzte sich von weitem schon ein schwerer Regen heran, der sich über uns ergoss, als wir eben zwischen 6 und 7 Uhr die von den Inseln Kambing und Wetter flankierte Wetterstraße passierten.

Links

  • Ort: nächst Wetar
  • ANNO – am 01.05.1893 in Österreichs Presse. Der deutsche Kaiser ist auf der Heimreise aus Neapel.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater gibt das Lustspiel „Der Probepfeil“, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper “Freund Fritz” aufführt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.