Nagasaki — Kumamoto, 4. Aug. 1893

Dem Programm entsprechend, welches von japanischer Seite festgestellt war, überschiffte ich mich auf den Torpedokreuzer „Jajejama“. Der Abschied von der „Elisabeth“ fiel, wenn er vorläufig auch nur für kurze Zeit erfolgte, doch schon recht schwer und war ein Vorspiel für die in Jokohama bevorstehende Trennung; es wurde mir weh ums Herz, als ich von unserem Schiff scheiden musste; Geschütz- und Wantensalut wurden geleistet und das Hurrah unserer braven Matrosen geleitete mich, noch lange in meinem Innern nachklingend.

An Bord des „Jajejama“ fand großer Empfang statt, da mich hier der Gouverneur, der japanische Admiral mit sämtlichen .Schiffskommandanten, die japanische Suite und eine große Anzahl von Würdenträgern empfingen, während die in grellrote Uniform gekleidete Marine-Musikkapelle die Volkshymne intonierte. Das Hissen der Standarte auf dem Großmast wurde von allen Schiffen, welche die volle Flaggengala angelegt hatten, mit 21 Schüssen begrüßt, so dass bald dichter Rauch den Hafen Nagasakis bedeckte, und wir hatten kaum die Anker gelichtet, so wiederholte sich Geschütz- und Raaensalut; doch klang das Hurrah der kleineren japanischen Matrosen nicht so dröhnend wie jenes, welches den kräftigen Lungen unserer Seeleute entbrauste. Hinaus ging es bei klarem Himmel durch die S-förmig gewundene Einfahrt, an dem Eiland Papenberg vorbei, nach Misumi.

Ein Torpedoboot geleitete uns; demselben schloss sich, unmittelbar nachdem wir die Bucht verlassen hatten, ein plötzlich erschienener und unter dem Donner seiner Geschütze nahender, prächtiger Kreuzer an, welcher, das Modell der „Elisabeth“ in kleinerem Maßstab darstellend, in unserem Kielwasser folgte. Außerhalb der Bucht fanden wir hohe, gekreuzte See, welche den „Jajejama“ bald so umherwarf, dass er bis zu 32° beiderseits zu rollen begann. Dieser in Japan selbst gebaute Kreuzer ist sehr lang und verhältnismäßig schmal, wodurch die starken Rollbewegungen bedingt sind; hohe, schwere See könnte dem Schiff bei dieser seiner Bauart recht unangenehm werden. Eine Folge des starken Rollens war, dass allmählich die japanische Suite, welche, ebenso wie alle Hofbediensteten, von der Seekrankheit ergriffen war, verschwand, und dass Tische, Stühle und Sofas auf dem Achterdeck in tanzende Bewegungen gerieten, um schließlich umzukippen und hin- und hergeschleudert zu werden.

Von dem Bedürfnisse nach Schlaf übermannt, begab ich mich in meine Kajüte, vor welcher zu meiner nicht geringen, mich heiter stimmenden Überraschung der mir vom Kaiser von Japan zugeteilte Leibjäger in voller Parade Wache hielt, die eine Hand am Griff seines Schwertes, als sollte dasselbe stracks zum tödlichen Streiche gezückt werden. Dieser Leibjäger entpuppte sich im Laufe der Zeit als ein ganz vortrefflicher Bursche, der während der Reise, obwohl wir kein Wort miteinander zu reden vermochten, meine volle Sympathie zu erwerben verstanden hat.

Klein, ziemlich wohlbeleibt und durch säbelförmige Beine ausgezeichnet, stak er in einer lichtgrünen, durch kanariengelbe Aufschläge gezierten Uniform, während ein hoher Sturmhut das theatralische Aussehen vervollständigte. Ein breites Bandelier aus schwarzem Lackleder, welches mein Leibjäger kühn umgeschwungen hatte, zeigte als Verzierung vorn und rückwärts in nicht geringer Dimension Pfeil und Bogen, die wohl als Symbole des Dienstes gedacht waren, uns aber umso mehr den Eindruck der Attribute Amors machten, als man ja gewöhnt ist, in Japan das Land freierer Liebe zu sehen.

Unsere Fahrt ging in südlicher Richtung, dann ostwärts sich wendend um den südlichsten Vorsprung Nomosaki der Halbinsel Hisen herum, zwischen der backbord bleibenden Halbinsel Schimbara und den steuerbord liegenden Inseln Amakusa und Kami hindurch auf Misumi, einen kleinen Hafenort, zu. Drei Stunden lang hatten wir in unsanftester Weise gerollt, bis wir zwischen die grünenden Eilande kamen, wo wir ruhigeres Fahrwasser fanden. Vor Misumi ertönte abermals Geschützsalut, denn der Kreuzer „Takatschiho“, welcher uns gefolgt war, kehrte nach Nagasaki zurück, während aus einer Seitenbucht das Kanonenboot „Tschokai“ hervorkam.

Mittels einer Barkasse, auf der sich zur Begrüßung eine größere Zahl von Personen — darunter der Adjutant des Prinzen Joschihisa aus dem der kaiserlichen Familie verwandten fürstlichen Hause Kita Schirakawa — eingefunden hatte, setzten wir ans Land, wo eine unabsehbare Menschenmenge, von der Polizei energisch in Schach gehalten, unserer Ankunft harrte. Ganz Misumi war beflaggt, von jedem Hause wehte Japans, des Landes des Sonnenaufganges, Wahrzeichen, die weiße Flagge mit dem roten Kreise, die Sonne im weißen Felde darstellend.

Ganz neu waren mir die uns zu Ehren abgebrannten „Tagfeuerwerke“, bestehend aus Steigraketen, die, aus einem Mörser emporgeschleudert, hoch in der Luft mit starker Detonation explodierten und nun eine große Zahl bunter Ballons, Wimpel, Fallschirme und langer Bänder ausstreuten. Alle diese Gegenstände, welche teils unsere schwarzgelben, teils die japanischen Farben zeigten, sanken langsam zur Erde oder wurden vom Winde hin und hergetragen oder flatterten in den Lüften, was einen ganz reizenden Eindruck hervorbrachte.
Die etwa 42 km lange Wegstrecke bis Kumamoto sollte in Hof-Dschinrickschas zurückgelegt werden, deren Läufer durchwegs gleich adjustiert waren und blaue, weite Blusen, weiße, bis oberhalb der Knie reichende Beinkleider trugen, so dass die Knie und die Waden unbedeckt
blieben, während die Füße durch kurze Strümpfe geschützt wurden: die Kopfbedeckung bildeten weiße Strohhüte. Meinem Gefährte waren drei Läufer vorgespannt, wovon einer in der Gabel ging, die beiden anderen aber vorauslaufend an dünnen Stricken zogen. Die Leistungsfähigkeit der Rickschaläufer grenzt an das Fabelhafte; denn obgleich die Hitze geradezu drückend war und der Weg bald bergauf, bald bergab führte, streckenweise auch frisch beschottert war, legten unsere Läufer, nur zweimal je eine kurze Frist rastend, den Weg bis Kumamoto im Laufschritt in der Zeit von 5 1/2 Stunden zurück. Ja einer der begleitenden Herren, welcher vor kurzem im Innern des Landes gereist war, erzählte mir, dass er an einem Tage mit einem und demselben Dschinrickschaläufer eine Strecke von ungefähr 120 km in 18 Stunden zurückgelegt habe!

Unmittelbar hinter Misumi steigt der Weg mächtig an, am Ufer des Meeres längs einer steilen Berglehne hinführend; später erweitert sich die Landschaft und der Weg durchzieht, nachdem wir ein Flüsschen überschritten haben, ein Gefilde, welches mit den lieblichsten Reizen ausgestattet ist. Das ganze Gebiet ist auf das emsigste kultiviert. kein noch so kleines Fleckchen liegt brach oder unbenützt; die Ebene ist, gut bewässerbar eingerichtet, zumeist dem Reisbau gewidmet, aber auch auf den Hügelabhängen und den Berglehnen sieht man die charakteristischen Linien der stufenförmig übereinander liegenden, der Reiskultur dienenden Terrassen. Das Auge blickt weit und breit nur auf wohltuendes Grün mannigfachster Schattierungen, vom Dunkel der ernsten Zypressenhaine bis zur lichten Färbung der heiteren Bambusstaude.

Schon die Eindrücke, die ich während der Fahrt nach Kumamoto gewonnen habe, sprechen für die Dichtigkeit der Besiedelung Japans; denn wir durchzogen und erblickten allenthalben Weiler, Dörfer und Städtchen. Die Häuser auf dem Land und in den Städten zeigen wenig Unterschiede; es sind ein bis zwei Stockwerke hohe, äußerst leichte und einfache, um nicht zu sagen, armselige, hauptsächlich aus Holz errichtete Bauwerke, deren Inneres sich durch große Reinlichkeit und Ordnung auszeichnet. Die Bedachung ist bald aus eigentümlich geschweiften Ziegeln, sogenannten „Taschen“, oder aus Holz, ja häufig genug aus Stroh, immer jedoch mit großer Sorgfalt hergestellt.

Bei unserer Annäherung eilten die Leute allenthalben vor die Häuser und drängten sich in den Straßen, wobei sich namentlich das weibliche Element durch Neugierde auszeichnete, was übrigens dem Vernehmen nach auch in unserer Heimat der Fall sein soll. Unter den Japanerinnen, welche uns freundlich zulächelten und heiter begrüßten, konnten wir so manche beobachten, die sich durch ein äußerst fein geschnittenes, allerliebstes Gesichtchen auszeichnete. Auch aus den Feldern liefen Männlein und Weiblein an die Straße, welche wir entlang zogen, und deuteten lebhaft gestikulierend nach mir oder, was wahrscheinlicher ist, nach dem indigenen Leibjäger, der unter seinem großen Federbusch die Huldigungen des Volkes mit stoischer Gelassenheit entgegennahm.

An der Spitze des Zuges fuhren zwei hohe Polizeibeamte, welchen ich in meinem Dschinrickscha folgte, dessen eine Seite von dem Leibjäger, die andere aber von einem Hofbediensteten — derselbe dürfte sonst die Funktion eines Türstehers bekleiden — flankiert wurde; letzterer hatte seine Physiognomie in ernste Falten gelegt und hielt mit beiden Händen ein mächtiges Schwert, das er, jeden Augenblick zum Hiebe bereit, vor sich hertrug. Während der fünfstündigen Fahrt hat der Mann, soviel ich beobachten konnte, keine Miene verzogen. Mir schloss sich zunächst die japanische Suite an, nach welcher die Herren des heimatlichen Gefolges eingereiht waren; den Schluss bildete ein Heer von Beamten, Hausoffizieren und Dienern.

Unsere Fahrt trug unverkennbaren polizeilichen Charakter an sich, da die Regierung großartige Sicherheitsmaßnahmen ergriffen hatte, als gälte es, uns vor den schlimmsten Angriffen zu sichern; die Straße war polizeilich besetzt, jede Brücke stand unter Bewachung, und wo immer sich eine Gruppe von Menschen gebildet hatte, zeigte sich ein Polizeimann — von den zahllosen Detectives nicht zu reden, welche sich in den Orten, durch die wir kamen, unter der Menschenmenge befanden. Glücklicherweise gewohnt, mich in der Heimat vollkommen frei, ohne jede Vorsorge für die persönliche Sicherheit bewegen zu können, fand ich den polizeilichen Apparat zwar sehr befremdlich und nichts weniger als angenehm, immerhin aber erklärlich durch das ruchlose Attentat, dessen Gegenstand vor nicht langer Zeit der Cesarewitsch und zwar — eine besondere Schicksalstück — seitens eines Wachmannes gewesen ist. Zum Teil dürfte übrigens die Polizeimacht in so formidabler Masse auch aufgeboten worden sein, um uns vorgeführt zu werden, so dass ich mir schon jetzt ein Urteil über die ganz nach europäischem Muster vortrefflich organisierte japanische Polizei bilden konnte, welche vielleicht nur noch weniger auffällig und ruhiger ihres Amtes zu walten hat, um dem europäischen Vorbild ganz ebenbürtig zu sein. Angesichts des Eifers der Polizei beschlich mich die Ahnung, dass ich während meines Aufenthaltes in Japan, einem Gefangenen gleich, fortwährend von hundert Augen bewacht sein und nirgends unbekannt bleiben würde!

Nach geraumer Zeit wurden die Läufer durch Verabreichung frischen Wassers erquickt, welches in reihenweise am Saum der Straße aufgestellten Kübeln bereitgehalten war. Rasch taten die Läufer einige lange Züge, und dann ging es ohne Aufenthalt weiter, bis wir in einem reizenden Dorf an einem malerisch gelegenen Platz während einer Viertelstunde Rast machten; vor einem kleinen Schinto-Tempel, im Schatten herrlicher Bäume, reichten Diener, durch die Fürsorge des Mikados hieher entsandt, Erfrischungen, während die Rickschaläufer sich kurzer Ruhe hingaben. Leider war der Platz mit einer Art von Prellnetz und Dunkelzeug abgesperrt, so dass das Volk nicht in unsere Nähe kommen konnte und nur einige Honoratioren, welche im europäischen Kleid erschienen waren, Einlass fanden. Offenbar hatte die Abschließung des Raumes den Zweck, Attentate zu verhindern, was mich nicht wenig unterhielt.

Bald setzten wir unsere Rickschafahrt durch das liebliche Gelände und durch zahlreiche Ortschaften fort, an deren Eingang wir von Würdenträgern und nicht selten auch von den Mitgliedern der Feuerwehren begrüßt wurden, welch letztere an den blauen, mit weißen Abzeichen versehenen Blusen kenntlich sind. Die in den Feldern arbeitenden Mädchen kleiden sich in einer Art, die mich lebhaft an die leider immer mehr außer Gebrauch kommende Tracht in der Gegend von Hermagor in Kärnten erinnerte; die emsigen Arbeiterinnen trugen einen nur bis oberhalb der Knie reichenden Rock und kurze Wadenstrümpfe aus blauer Wolle, die Knie und die Füße waren unbedeckt, und ein weißes Kopftuch sollte gegen die sengenden Sonnenstrahlen schützen.

Zwischen den Reisfeldern ziehen sich zahlreiche Teiche und Tümpel hin, welche zu Bewässerungszwecken dienen, aber keineswegs so verunreinigt und verwahrlost sind, wie ähnliche Wasserbehälter in Indien, sondern gut instandgehalten und meist von den schönsten blühenden Lotospflanzen bewachsen waren. Schon hier ließ sich ein Schluss auf die Bedeutung der Reiskultur Japans, des hauptsächlichsten landwirtschaftlichen Produktionszweiges, ziehen. Das Überwiegen dieser Kultur ist ebenso charakteristisch für die Landwirtschaft Japans, wie die starke Zerstückelung des Bodens, infolge welcher überall Zwergwirtschaften und gartenmäßiger Feldbau vorherrschen. Da bei der Reiskultur die Verwendung von Zugvieh von vorneherein ausgeschlossen ist und die Bearbeitung der anderen Kulturen dienenden Felder geringeren Umfanges durch Menschenkraft allein möglich ist, erklärt sich der vorwiegend viehlose Landwirtschaftsbetrieb Japans. Tatsächlich werden hier die Pferde und Rinder zumeist als Lasttiere, erstere auch zum Reiten, seltener hingegen zur Bespannung von Pflug oder Wagen, die Kühe fast gar nicht als Melktiere benützt.

Weitere zweistündige Fahrt bedingte abermals eine kurze Rast, und zwar in einer Hütte, welche mit goldverzierten Schiebewänden ausgestattet war und einen Prunksessel unter Lotosblumen barg, auf dem ich Platz nahm und, wie Buddha sitzend, eine Eislimonade schlürfte, während die japanischen Höflinge sich unter rastlosen Verbeugungen im Halbkreis um mich gruppierten.

Gegen 6 Uhr abends näherten wir uns, zwar etwas „gerädert“, aber entzückt von der Landschaft des durchquerten Gebietes, der Stadt Kumamoto, an deren Eingange wir schon aus beträchtlicher Ferne eine gewaltige Ansammlung von Menschen und eine Husarenescadron wahrnehmen konnten, welche bei unserem Einzug unter den Klängen des japanischen Generalmarsches die Ehrenbezeigung leistete. Die Zahl der hier zu unserem Schutz aufgebotenen Polizisten hatte bedeutend zugenommen. Ich fuhr bis zu dem unscheinbaren, kleinen Palais, welches Prinz Joschihisa bewohnt, der hier die 6. Truppendivision kommandiert, und betrat dasselbe, an dessen Toren von dem Hausherrn begrüßt, unter Führung Sannomijas.

Der Prinz ist von untersetzter Gestalt und dunkler Gesichtsfarbe; die scharf gebogene Adlernase, die tiefschwarzen und blitzenden Augen, die buschigen Augenbrauen und. der dichte Schnurrbart verleihen der Physiognomie einen energischen Ausdruck. Joschihisa spricht ziemlich gut deutsch und französisch, welche Sprachen er sich während des die Jahre von 1870 bis 1877 ausfüllenden Aufenthaltes in Europa angeeignet hat. Im Jahre 1868 musste Prinz Joschihisa während der Kämpfe um die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Mikados wider Willen eine politische Rolle spielen; denn als Prinz des kaiserlichen Hauses, einem alten Gesetz entsprechend, mit der Würde des Oberpriesters eines Tempels und zwar des Tojeisans zu Ujeno im Norden von Jedo bekleidet, fiel er in die Gewalt der Aufständischen und wurde zum Gegenmikado ausgerufen, in welcher Eigenschaft er macht- und willenlos den Rebellen preisgegeben war, um dann nach Niederschlagung des Aufstandes begnadigt und nach Europa gesandt zu werden.

Nach Vorstellung der beiderseitigen Suiten wurde Limonade kredenzt und fand der Austausch der üblichen Begrüßungen statt, worauf ich mit dem Prinzen einen hohen Phaethon bestieg, der von Joschihisa selbst bis zu unserem Absteigequartier gelenkt wurde, während drei Mann nebenherliefen und die Pferde führten; eine halbe Escadron trabte unserem Wagen voran, dem sich die ganze Karawane von Dschinrickschas anschloss; eine halbe Escadron bildete den Schluss des Zuges.

In den Straßen stand die gesamte Garnison Kumamotos Spalier; am Empfangsflügel waren die dienstfreien Offiziere aufgestellt, an die sich die Truppen des Spalieres, und zwar zunächst das 13. und 23. Infanterieregiment reihten. Die japanische Armee ist ganz nach französischem Muster adjustiert; die Infanterie, welche in Parade ausgerückt war, trägt blaue Röcke mit roten Aufschlägen und Achselklappen, auf welchen die Regimentsnummer ersichtlich gemacht ist, und rote Pantalons; die Kopfbedeckung bilden Czakos aus Glanzleder von wenig gefälliger Form; die Truppe ist mit in Japan erzeugten Hinterladern, System Murata, 11 mm Kaliber bewaffnet, das jedoch sehr bald durch ein Repetiersystem mit dem Kaliber von 8 mm ersetzt werden soll; Säbelbajonnette und Tornister, welch letztere an jene unseres alten Modells erinnern, vervollständigen die Ausrüstung. Als Commode-Uniform, die insbesondere bei den gewöhnlichen Exerzierübungen im Sommer getragen wird, sind weiße Leinenanzüge und Tellermützen preußischer Form im Gebrauch. Die Offiziere salutierten durch Senken und Seitwärtshalten des Säbels, während die Mannschaft präsentierte — ein Gewehrgriff, dessen Anblick uns bei unserer Armee aus unbegreiflichen Gründen leider nicht mehr gegönnt ist.

Die Kavallerie, deren Aussehen und Pferde mir nicht missfielen, ist zu bunt, beinahe schreiend adjustiert, da sie dunkelblaue Attilas mit gelber Verschnürung und rote Hosen mit breiten, grünen Lampassen trägt; die Bewaffnung besteht aus Karabinern des Systems Murata und aus Säbeln. Die Artillerie, an deren Uniformierung die blaue und gelbe Farbe vorherrscht, führt in Japan gegossene Hinterladegeschütze aus Bronze mit 7,5 cm Kaliber; die Bespannung ist, soviel ich wahrnehmen konnte, recht gut und gleichmäßig und besteht zumeist aus Hengsten.

Auch eine Trainabteilung, welche zu Pferd ausgerückt war, hatte im Spalier Aufstellung genommen; die blauen Aufschläge auf den Röcken der Mannschaft erinnern an die bei uns eingeführten und kontrastieren lebhaft mit den lichtgrünen Pferdedecken. Eine Abteilung Genietruppe, kenntlich an den Feldgerätschaften, welche an den Tornistern befestigt sind, und an den amarantroten Aufschlägen, schloss das Spalier ab. Im großen und ganzen machten die Truppen aller Waffengattungen auf mich einen recht guten Eindruck.

In unserem Absteigequartier stattete mir Prinz Joschihisa noch einen kurzen Besuch ab und lud mich zu einem Diner, das um 8 Uhr abends in den Festräumen des Kumamoto-Clubs stattfinden sollte.

Die Regierung hatte für unseren Aufenthalt ein reizendes Teehaus eingerichtet, bei dessen Betreten ich mich der landesüblichen Sitte, welcher zufolge die Schuhe abzulegen sind, fügen musste — ein Gebrauch, der mitunter recht lästig fällt, aber begreiflich ist im Hinblick auf die Reinlichkeit, die im Innern jedes japanischen Hauses herrscht, und die feinen Matten, welche den Fußboden aller Räume bedecken. Das Wohnhaus war ganz in original-japanischem Stil erbaut und eingerichtet, so dass wir die schon in Nagasaki von der Straße und im Teehaus, gemachten Studien hier aus nächster Nähe wiederholen und vertiefen konnten. Unseren Gebräuchen zu Ehren und als Zeichen besonderen Luxus waren in den durch die verstellbaren Schiebewände gebildeten Zimmern verschiedene Möbelstücke europäischen Charakters, sogar Betten, untergebracht, doch beschlossen wir, wie hier üblich, auf Matten zu ruhen. Um eine angenehm wirkende Abkühlung der Temperatur in den Wohnräumen zu erzielen, hatte die Regierung aus den Nordprovinzen Japans Eisblöcke bringen lassen, welche in schön geformten und die Zimmerecken schmückenden Vasen und Kübeln aus Bronze lagen. Eine Veranda führte um den ganzen Bau und bot einen hübschen Ausblick auf einen kleinen Garten sowie weiterhin auf einen Wallgraben, der mit blühenden Bäumen bewachsen war.

Die Japaner verstehen es ganz vortrefflich, ihren Behausungen durch Veranden und offene Gänge, welch letztere mitunter ein förmliches Labyrinth bilden, einen ganz eigentümlichen, uns unbekannten Reiz zu verleihen, und so machte unser Häuschen einen wahrhaft idyllischen Eindruck, der jedoch abends wesentlich durch eine der modernsten kulturellen Einrichtungen, nämlich durch elektrische Beleuchtung, beeinträchtigt wurde, die so gar nicht mit der Umrahmung und am wenigsten mit den auf der Veranda angeordneten zahlreichen altjapanischen Lampions harmonierte.

In der Besorgnis, dass die Küche, deren Erzeugnisse wir bei dem bevorstehenden Festmahl verkosten sollten, uns wenig zusagen dürfte, nahm ich vorsichtsweise ein grundlegendes kompletes Diner ein, erquickte mich an einem erfrischenden Bad von Eiswasser und fuhr sodann durch die mittels Lampions hell erleuchteten Straßen nach dem Kumamoto-Club, wo mich Prinz Joschihisa an der Spitze der Generalität sowie der Truppenkommandanten empfing und in den Garten geleitete, der im blendenden Licht unzähliger Lampions feenhaft erglänzte.

Die Japaner sind wahrhafte Meister im Illuminationswesen, da sie mit den einfachsten Mitteln wunderbare Effekte zu erzielen wissen: hier wurden nur kleine, rote Lampions verwendet, welche den Konturen der Bäume, Sträucher und Felspartien folgten, so dass feurige Linien in scheinbar ganz natürlich verlaufenden Biegungen und Wendungen gebildet waren, die gleichwohl auf einer künstlerischen Verteilung und Gruppierung der Beleuchtungskörper beruhten. Diese spiegelten sich hundertfach in den kleinen Teichen und den Bächlein, welche den dunklen, mit einem feurigen Gewebe durchzogenen Garten ungemein belebten.

Das Festmahl fand in einer geräumigen, im ersten Stockwerk des Clubhauses gelegenen, offenen Halle statt, die mit weißen Matten belegt war; dem Eingange gegenüber prangten an der Wand herrlich gearbeitete Kakemonos, Hängebilder, unterhalb welcher sich die für den Prinzen und mich bestimmten Ehrensitze befanden, während die Plätze für die anderen Gäste in langer Reihe zu beiden Seiten angeordnet waren. Auf kleinen Lederpolstern, fast auf den Fersen hockend, nahmen wir Platz, worauf alsbald der Obersthofmarschall und der Adjutant des Prinzen sich vor diesem und mir niederwarfen, mit der Stirne den Boden berührten und die Frage stellten, ob das Mahl seinen Anfang nehmen dürfe. Diese Art, ein Diner anzusagen, war mir neu und machte unwillkürlich lächeln, weil die absonderliche Zeremonie durch die Beleibtheit des Obersthofmarschalls und die ihm ersichtlich verursachte, mit Gestöhne verbundene Anstrengung der drastischen Komik nicht entbehrte. Die Würdenträger erhoben sich, der Obersthofmarschall klatschte in die Hände, und alsbald erschienen in der Türöffnung paarweise liebliche Mädchen, die in kostbare Kimonos mit prächtig gestickten Obis gekleidet waren und Tabako-bons mit dem Hi-rei, einem Gefäß für glühende Kohlen, sowie mit dem Hai-fuki, dem Aschenbecher aus Bambusholz, vor sich hertrugen. Bis in die Mitte des Saales trippelnd, hockten die Mädchen nieder, berührten mit der Stirne den Boden und rutschten dann auf den Knien zu den einzelnen Gästen. um diesen das Tabako-bon anzubieten. Unsere Dienerinnen waren die jugendlichen Töchter der reichsten und angesehensten Familien Kumamotos und hatten ihre heutige Rolle übernommen, um uns ganz besondere Ehren zu bezeugen. Leider konnte ich mit den aufmerksamen und dienstbeflissenen Musumes nicht sprechen, so dass unser Verkehr auf die Zeichensprache beschränkt blieb. Jedenfalls erregte ich die lebhafte Heiterkeit der jungen Damen, da ich infolge der herrschenden drückenden Schwüle und der zahlreichen, stark gewürzten Fischgerichte, welche uns vorgesetzt wurden, genötigt war, dem eingekühlten Champagner, ein Glas nach dem andern begehrend und leerend, fleißig zuzusprechen. Hiebei wusste ich es dem liebenswürdigen Wirt sehr zu Danke, dass er mit europäischem Durste gerechnet und uns mit jenem labenden Nass reichlich bedacht hatte.

Nach dem Tabako-bon wurden uns von den Mädchen unter den gleichen Zeremonien wie früher geschlossene Holzkästchen überreicht, welche in ihrem Innern je eine große Gelatinetafel bargen, die von künstlichen, aus Zucker und Tragant gefertigten Blumen umrahmt war und Flaggen, in den österreichischen und japanischen Farben dargestellt, zeigte. Dies war eines der bei japanischen Diners üblichen Schaugerichte, welche nach beendetem Mahl vom Festgeber den Gästen in der Regel nach Hause gesendet werden.

Jetzt erst begann das eigentliche Diner, welches mit einer Schale Tee eingeleitet wurde. Die emsigen Musumes setzten uns Lacktischchen vor, welche eine Unzahl von Gerichten trugen, hauptsächlich Meerestiere, nämlich Fische, Krebse und Krabben, ferner Gemüse, Reis, Schwämme, Früchte u. dgl. m., in mannigfacher Zubereitung und auf kleinen Lack- und Porzellantellerchen appetitlich verteilt; selbstverständlich fehlten auf keinem Tischchen die Esstäbe aus Elfenbein und bunte Papierservietten.

Obgleich die japanische Küche viel Ähnlichkeit mit der chinesischen aufweist, fand ich hier, wie schon früher in Nagasaki, die Gerichte schmackhafter und jedenfalls so zubereitet, dass man die Provenienz und die Bestandteile der einzelnen Speisen zu erkennen vermochte, wogegen die chinesischen Kochkünstler hierüber ganz im Unklaren ließen. Während ein Teil der Musumes mit dem Herbeitragen der Tischchen beschäftigt war, schenkten andere der niedlichen Dienerinnen den Gästen aus kleinen Porzellanflaschen in Schälchen Sake ein, der uns, in kleinen Mengen genossen, ganz gut mundete.

Die Piece de resistance des Diners bildeten Gerichte, und zwar Fische, Braten, Obst und Gemüse, welche in kunstvollster, phantasiereichster Art auf drei Tischchen arrangiert waren, die von je zwei Mädchen vor den Prinzen und vor mich hingestellt wurden. Da gab es, aus Kartoffel- und Bohnenpuree angefertigt, Felsen und Grotten, zwischen denen Fische ihre Köpfe hervorstreckten, ferner Kraniche und Störche aus roten und weißen Rüben und Zwiebeln gebildet und mit Lichtern aus Rosinen versehen; unter diesem Getiere dräute ein aus Pflaumen geformter Drache, neben welchem eine Schildkröte einer Melone entkroch; lebende Zwergbäumchen, die in diesen Kunstwerken zu wurzeln schienen, bogen sich unter der Last der daran befestigten Früchte.

Die üppigsten Blüten hatte die Phantasie der Köche bei der Zubereitung des Backwerkes gezeitigt, da dieses in der Gestalt der fabelhaftesten Tiere und der merkwürdigsten Wunderblumen erschien. Nachdem wir diese Orgie kulinarischer Formen — an sich eine Spielerei, aber interessant, weil äußerst schwierige und mühsame Arbeit verratend und für die Freude der Japaner an figuraler Gestaltung charakteristisch — genügend bewundert hatten, ließen sich einige der Mädchen bei den Tischchen auf die Knie nieder und begannen die Herrlichkeiten zu zerlegen sowie auf Tellerchen zu verteilen, welche uns die anderen Mädchen zutrugen, so dass jeder von uns seinen Anteil am Drachen, am Kranich, an der Schildkröte u. s. w. erhielt. Soweit das Tischchen jedes Gastes zur Aufnahme all der Teller und der Schüsseln keinen Raum mehr bot, wurden die Gerichte neben den Gast auf die Matte gestellt.

Dank der Vorübung, welche wir in Kanton und in Nagasaki durchgemacht, waren wir mit der Handhabung der Esstäbchen schon ziemlich vertraut, obwohl sich noch manche heitere Intermezzi ereigneten, welche die Lachlust anregten und Stoff zur Konversation gaben. Diese gestaltete sich dem Umstand zufolge, dass wir uns mit dem Gastgeber und einem Teil seiner Landsleute sogar in deutscher Sprache verständigen konnten, äußerst lebhaft.

Gegen Schluss des Mahles ertönte in einem anstoßenden Saal Gesang und Musik, unter deren Klängen jugendliche Mädchen, dem Kindesalter kaum entwachsen, einen Tanz der vier Jahreszeiten und der Blumen aufführten und hiebei in elegantem Faltenwurf ihrer Kimonos und in graziösem Fächerspiel Erstaunliches leisteten, so dass wir der Geschicklichkeit des Lehrers der kleinen Künstlerinnen alles Lob spendeten.

Erst spät abends kehrten wir in unsere freundliche Behausung zurück, auf deren Veranda wir, als Japaner in Kimonos gehüllt, die erfrischende Kühle genossen und uns an den Effekten einer Gartenbeleuchtung sowie eines Feuerwerkes erfreuten, das durch ein Meer von Licht und Flammen feenhaft wirkte. Man sollte glauben, dass die Pyrotechnik sich erschöpft habe und nur mehr schon Dagewesenes wiederholen könne; in Japan aber hat man Gelegenheit, sich angesichts der Überraschungen, welche die Feuerwerker hervorzaubern, vom Gegenteil zu überzeugen.

Links

  • Ort:  Kumamoto, Japan
  • ANNO – am 04.08.1893 in Österreichs Presse.
  • Das k.u.k. Hof-Burgtheater macht Sommerpause bis zum 15. September, während das k.u.k. Hof-Operntheater die Oper „Aida“ aufführt.

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